Sewastopol im Dezember 1854. Tolstoi.

Der Text ist eine Miniatur, die Reklamausgabe von 1992 packt ihn gerade mal in 20 Seiten. Tolstoi schrieb „Sewastopol im Dezember“ als Teil der Sewastopoler Erzählungen. Grundlage waren seine Erlebnisse im Dezember 1854, als Sewastopol während des Krimkrieges von französischen und englischen Truppen belagert wurde. Die Ereignisgeschichte ist allenthalben nachzulesen. Die Erzählung ist ein sehr spezieller eintägiger Stadtrundgang. Beginnend um 8 Uhr morgens zieht der Autor von Ort zu Ort innerhalb der belagerten Stadt und nimmt den Leser auf eine sehr beeindruckende Weise mit.

Die Stadt bietet in diesen Kriegsmonaten eine „seltsame Vermischung städtischen Treibens mit dem Lagerleben“. Am Hafen geht es laut zu. Es mengen sich Matrosen mit Hafenarbeitern und Menschen, die Leichen abtransportieren. Tolstoi legt zu einer kurzen Bootsfahrt ab, die ihn an vertäuten Schiffen vorbei zur Grafskaja führt. Dort geht er an dem Gewimmel von Menschen vorüber zur alten „Adelsversammlung“. Sie ist zu einem Lazarett umfunktioniert. Er besucht die Krankenstation, wo er mit Verwundeten spricht, die auf ihre Heilung hoffen. Gleich nebenan ist der Operationssaal, in dem Ärzte dem „wohltätigen Werk des Amputierens“ nachgehen. Etliche Soldaten reden mit Stolz von der „vierten Bastion“.

Also entscheidet sich Tolstoi dafür, diese Bastion zu besuchen. Auf dem Weg dorthin – bei leichtem Nieselregen – geht er zunächst an der Kirche und der Barrikade vorbei in den belebtesten Teil der Stadt. Händler, elegante Offiziere und Frauen mit Hüten erwecken den Eindruck von Normalität. Er kehrt in ein Wirtshaus ein, hört den Soldaten zu. Er setzt seinen Rundgang fort, passiert verlassene Häuser, danach zerstörte Häuser, danach Trümmerhaufen aus Stein und Brettern und schließlich wassergefüllte Trichter. Schließlich steht er in der „Janowschen Redoute“, einer Art Vorposten, von dort geht es weiter durch Laufgräben, bis er in der Bastion ankommt. Er beobachtet Soldaten bei allen ihren Arbeiten, die meist Warten oder Bereithalten sind. Aus der Bastion kann er nicht in die Ferne schauen, „ob der der vielen umherschwirrenden Kanonenkugeln“. Dann beschreibt Kugeln von Kanonen und Mörsern, die um ihn herum fliegen und in der Bastion einschlagen.

Am Nachmittag geht er in die Stadt zurück. Er gesteht, von der Technik der Verteidigung nichts verstanden zu haben, doch aus den Augen der Matrosen gewann er die Überzeugung, dass Sewastopol nicht fallen wird. Der Abend senkt sich. Auf dem Boulevard spielt eine Militärkapelle einen Walzer.

Tolstoi nimmt den Leser mit auf einen eindringlich geschilderten Stadtrundgang durch eine vom Krieg geschundene Stadt. Es ist aber auch ein Dokument über Menschen, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Das Wort „Seelenstärke“ taucht ein paar Mal auf, eine Eigenschaft, vor der sich Tolstoi sich nur verneigen kann. Die realisitische Schilderung des Lazaretts ist eine besondere Leistung. Der Höhepunkt des Textes ist für mich die von allen Sinnen geschärfte Beschreibung umherfliegender Kugeln.

Die Erzählung gilt als Beginn der Kriegsberichterstattung. Die handlungstreibenden Dialoge, die scharfsinnigen und detailversessenen Beobachtungen machen den Text jedoch auch zu einer besonderen erzählerischen Leistung.

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Von Wien mit dem Zug nach Gmünd und im Auto bis Ratten (Steiermark)

Cover Flucht aus der AngstIn dem Roman „Flucht aus der Angst“ von A.J. Cronin wird auf 219 Seiten in Österreich umanand gefahren.

Die Geschichte spielt im Dezember 1950. Austria est omnis divisa in partes quattuor, eben die vier Besatzungszonen. Bryant Harker ist in Wien der Geschäftsleiter eines amerikanischen Ingenieurunternehmens. Er hat gerade die Ausschreibung für den Bau einer Brücke vergeigt und benötigt für einen anderen Auftrag eine Menge Bauholz. In Wien gibt’s keins, also muss er in die sowjetische Besatzungszone nach Gmünd. Zuvor trifft er noch einen alten Bekannten, Arnold Thulemahler. Thulemahler erzählt von seiner Jugendliebe Magdalena Durych, die ebenfalls in Gmünd gestrandet sein soll. Er gibt Harker ein Foto von ihr mit. Auf der Zugfahrt nach Gmünd wird Harker von zwei sowjetischen Agenten befragt, wobei ihm in einem Augenblick der Unachtsamkeit das Foto von Magdalena aus der Tasche fällt. In Gmünd erfährt er von dem Nachtklub „Atlantis“, in dem Durych auftreten soll. Sie nennt sich Madeleine, singt und assistiert dem Hellseher Gustav. Nach einem Auftritt bittet Harker sie an seinen Tisch. Kurz danach steht sie ängstlich auf, nachdem sie den blinden Geheimdienstchef Kyrov und zwei seiner Agenten – die Harker aus dem Zugabteil kennt – gesehen hat.

Madeleine versäumt einen Auftritt. Voller Sorge geht Harker zusammen mit Gustav zu ihrer Wohnung. Sie liegt dort gefesselt, sie und Gustav gestehen Harker, amerikanische Spione zu sein. Harker beschließt, ihnen zur Flucht zu verhelfen, besorgt einen alten Opel – es gibt in der sowjetischen Besatzungszone keine Autovermietungen – und plant die Route: Von Gmünd durch den „Gmeiner Wald“, bei Melk über die Donau, weiter nach Aspang und von dort über die Grenze in den britischen Sektor. Kurz vor Beginn der Flucht entdecken sie Gustav ermordet in seiner Garderobe. Sie brausen los. In Aspang übernachten sie und werden am nächsten Morgen von den beiden schon bekannten Agenten überrascht. Nach einem Handgemenge gelingt Harker und Madeleine die Flucht mit dem Dienstwagen der Agenten. Der Grenzübertritt scheitert, und sie fliehen auf Bergstrecken weiter. Sie schütteln ihre Verfolger ab, verlassen das Auto und fliehen zu Fuß über die Fischbacher Alpen nach Mahlstorf, wo sie übernachten. Während dieser Flucht ist Madeleine schwer gestürzt. Sie suchen einen Arzt in Mahlstorf auf. Harker zwingt ihn mit vorgehaltener Pistole (die hat er aus dem Agentendienstwagen) ins Krankenhaus nach Ratten im britischen Sektor zu fahren. Doch auch der Grenzübertritt mit dem Krankenwagen mißlingt. Schließlich landen sie in Hofheim, wo ein Fest zu Ehren der Heiligen Borna statt findet. Eine Prozession aus einem Dorf aus dem britischen Sektor erklärt sich bereit, Madeleine als Prozessionspuppe zu verkleiden. Auf diese Weise gelingt die Flucht.

Aus geographischer Sicht ist das Buch unschön: Hofheim und Mahlstorf existieren in Wirklichkeit ebenso wenig  (habe zumindest in keinem Atlas was gefunden) wie die Heilige Bora. Hatte das Dörfchen Ratten tatsächlich ein großes Krankenhaus? Die Fischbacher Alpen liegen im damals britischen Sektor. Außerdem spielt die Handlung im Winter. Das sollte erzählerisch zu weit größeren Komplikationen führen. Die Kälte spielt nur einmal bei der Flucht zu Fuß über die Berge eine Rolle, als sich Harker und Madeleine mal kurz die Erfrierungen aus den Zehen rubbeln. Und die Straßen sind 1950 absolut winterfest. Außerdem sind die Motive des Ingenieurs unklar. Er ist zwar in einer beruflichen Krise und bekennt zu Beginn auch seine Naivität gegenüber der Besatzung, aber sich in einem fremden Land so unverhofft in ein Abenteuer zu stürzen, wirkt unmotiviert. Und dann das Happy-End: Harker macht Madeleine einen Heiratsantrag, aber was ist mit der Holzlieferung? Kommt sie an? Wird er gefeuert, versetzt oder befördert?

Leider sind die Figuren und das Buch zu eindimensional erzählt, und ich habe nicht den Eindruck, dass der Autor sich mit Österreich beschäftigt hat.