Von Uppsala nach Roslagen: „Der zweite Tod“ von Daniel Scholten

In Stockholm wird ein Mann ermordet. Es ist Carl Petersson und der hat irgendwas mit Altertümern zu tun. Die Täterin heißt Mari (das weiß der Leser von Anfang an) und verschwindet.

Perspektivenwechsel: Ein Kommissar beordert telefonisch sein Team zum Tatort. Morgens um drei. Der Leser beobachtet die Polizisten beim Ankleiden. Wer sowas noch nie gelesen hat, hat nun im Roman „Der zweite Tod“ endlich ausführlich Gelegenheit dazu. Ich blättere erstmal weiter. Insgesamt liegen 350 Seiten des Goldmann-TB von 2009 vor mir. Die Geschichte spielt im Dezember 2004.

  • Das Ermittlerteam:

Kjell Cedarström, hat alte Literatur studiert, kam über ein Quereinsteigerprogramm zur Polizei. Er ist Witwer, hat eine Tochter, Linda, 17.

Sofi Johansson, 25, autodidaktische IT-Spezialistin

Babro Setterlind, 34, alleinerziehende Mutter

Henning Larsson, 49, der Lippenlesen kann (das wird später wichtig)

Zu Beginn werden deren private Probleme erläutert.

Danach wird der Leser mit ersten Ermittlungsergebnissen belohnt:

Petersson war Professor für Orientalistik in Uppsala. Seit 1992 hat er Einreiseverbot nach Ägypten, weil er Antiquitäten außer Landes schmuggeln wollte. Später hat er Inschriften auf alten Tonscherben gefälscht und als echt verkauft, worauf er seine Professur verlor. Sein Dienstmädchen erzählt der Polizei von Mari, seiner Assistentin.

Der zweite Tod

StepMap Der zweite Tod
  • von Uppsala nach Nörrtalje

Weil Kjell keine weiteren Informationen hat, soll die Kollegin Sofi das frühere Professorenleben des Opfers erforschen. Die Fahrt geht von Stockholm aus ca. 1 Stunde nördlich nach Uppsala zum Gespräch mit einem Ägyptologen. Sie erfährt den Namen der letzten Assistentin Peterssons, Kajsa, und besucht sie. Dazu fährt sie 80 Kilometer zur Küste nach Nörrtalje, dem Hauptort der Roslagen. Von Nörrtalje geht es nochmal 15 Kilometer an der Küste entlang auf eine Landzunge bis nach Södersvik. Die Fahrt ist beschwerlich, weil die Straße von Schneewehen überzogen ist. Von Kajsa erfährt Sofi, dass Petersson mit jeder seiner Assistentinnen eine Affäre hatte.

Wieder zurück schreibt Sofi einen Algoritmus, der ihr aus dem Melderegister Stockholms alle Marias raussucht. Weil das zuviele sind, filtert sie weiter, bis zwei übrig bleiben. Eine davon ist dann tatsächlich die Gesuchte. Die ist aber längst unterwegs nach Spanien (Das weiß der Leser schon, weil Scholten kurze Szenen der Flucht einblendet)

Nun könnte das Tempo anziehen. Aber dem Autor war wieder nach Privatem: Im gleichen Haus, in dem der Mord geschah, wohnen noch ein paar andere illustre Leute: Der Maler John Osborne, und Ida Floris. Das ist die seit 10 Jahren verflossene Affäre des Kommissars. Er bandelt mit ihr wieder an, derweil oben drüber Tochter Linda kontextfern mit Osborne schläft.

Das alles ist bis dahin ziemlich unoriginell und voller absurder Zufälle.

Weiter im Fall: Inzwischen hat Sofi das Passwort von Peterssons Computer rekonstruiert. In den Dateien ist von einem geheimnisvollen Termin die Rede, bei dem in Kairo irgend etwas übergeben werden soll. Sofi soll nach Kairo fahren, und dabei Linda gleich mitnehmen, damit sie auf andere Gedanken kommt.

In Spanien wird Mari verhaftet. Sie wird ausgeliefert und in Stockholm vom gesamten Team verhört. Sie gesteht den Mord. Petersson habe ihr sehr viel Geld geliehen und verlangte die Rückzahlung. Da stach Maria zu.

Aber:

Mit dem Geständnis stimmt was nicht, die Details passen nicht zur Spurenlage.

Inzwischen in Kairo: Sofi fährt zu der Adresse, wo die geheimnisvolle Übergabe statt finden soll. Es endet im Desaster: Eine Frau übergibt Sofi einen Rucksack mit Geld. Sofi fährt damit in die schwedische Botschaft. Später wird Sofi überfallen und wieder freigelassen. Sie reist sofort aus Kairo zurück. Der Leser erfährt nun in einer Rückblende, dass sie im Auftrag der Botschaft das Geld zurück bringen musste, dann mit Kajsa verwechselt wurde, die Leute vom Überfall aber ihren Irrtum bemerkt haben.

  • Die Roslagen

Zurück in Stockholm: Mari erwähnt in den Verhören einen Kontaktmann, der in der Nähe von Nörrtalje wohnte. Also fährt Kjell mit Maria Richtung Norrtälje, um das Haus dieses Kontaktmannes zu suchen. Sie suchen zuerst in Södersvik bei Kajsa. Aber da war Mari noch nie, also zurück nach Nörrtalje Kaffe trinken. Dann sieht Maria das Schild Arholmen und erinnert sich jetzt genauer an ein Haus, „noch auf dem Festland, aber in der Nähe ging eine Fähre“. Sie fahren die Landstraße entlang bis nach Nysättra, dort finden sie das Haus, das jedoch unbewohnt scheint.

Drei Tage später ist das Haus in Nysättra niedergebrannt, darin liegt Kajsa (tot). Außerdem finden Kjell und sein Team heraus, dass der ermordete Petersson mit einer Import-Export-Firma zu tun hatte, die mit Bestechungen ausländische Investitionen sicherte. Und das Geld in Kairo stammte aus dem Bestand der Schwedischen Zentralbank.

Man findet Kajsas Fingerabdrücke vor Peterssons Appartement. Sofi macht über die Mobilfunkanbieter Kajsas Handy ausfindig (die Ermittler sind erleichtert, dass sie kein Prepaid nahm). Über die Anrufliste findet Sofi einen Mann namens Sundland. Er wohnt genau gegenüber des Hauses, in dem der Mord geschah. Seine Wohnung soll jetzt durchsucht werden. Kjell und Kollegen bekommen die Tür nicht auf. Ein Nachbar in Badeschlappen hilft ihnen beim Aufbrechen (einfach so – absurder geht es nicht).

In der Wohnung finden sie Videokameras, die auf das Haus gegenüber gerichtet sind. Auf den Bändern sieht man: Mari stach Petersson nieder, verlies die Wohnung, anschließend kam Kajsa in die Wohnung. Kajsa war die treibende Kraft beim Antikenschmuggel; sie nutzte Petersson als Gutachter und Vermittler von Gutachten aus. Ihr Haus in den Roslagen war die „Kompetenzzentrale“ für Schmuggelangelegenheiten. Petersson wollte sein Vermögen aber Mari vermachen. Deswegen erstach Kajsa ihn. Das war die große Stunde von Lippenleser Henning.

Bei einer kurzen Verfolgungsjagd wird Sundland erschossen. Zum Glück erzählt er im Sterben noch schnell von den fehlenden Puzzleteilen: Kajsa betrog bei einem Schmuggelgeschäft ihre ägyptischen Lieferanten, die daraufhin Kajsas Haus anzündeten.

  • Bemerkungen

Man hätte sich dem Thema als Wirtschaftskrimi, Geheimdienstkrimi, Antiquitätenkrimi oder über die Landschaft nähern können. Stattdessen erfährt man eine Menge über illusionslose Bettgeschichten. Dazu werden dienstliche und private Belange der Protagonisten ständig vermischt. So wird das Buch ungewollt zu einem fragmentarischen Sittengemälde des zeitgenössischen Stockholm.

Und was Scholten an Zufällen und Absurditäten produziert, geht auf keine Elchhaut. Außerdem mag ich die Erzählweise nicht, bei der der Leser alle Fakten vor den Ermittlern kennt. Bestenfalls freut man sich, wenn bei den Kommissaren die Groschen fallen. Bei einem Literaturwissenschaftler als Chefermittler hätte ich mir auch von dieser Seite her mehr Profil gewünscht.

Aber die Provinz Roslagen soll im Sommer sehr schön sein.

 

Älvåkra im Norden Schwedens – der etwas andere Schwedenkrimi

Sucht man in Google nach Älvakra, so erhält man 65 Suchergebnisse. Sofern man es mit a schreibt, denn die deutsche Tastatur kennt das å nicht. Das ist nur unbedeutend mehr als dieser Blog hat. Hat man jedoch herausgefunden, wie man ein å schreibt, nämlich „“Alt“ & 134″ und googelt nach Älvåkra, so erhält man ca. 6500 Suchergebnisse.  Die Suchergebnisse zu Älvåkra betreffen nicht einmal eine Ortschaft, sondern ein Eishockeystadion in der Stadt Älvsbyn. Und doch spielt eine Novelle einer Nobelpreisträgerin in einer Stadt namens Älvåkra. (Vielleicht ist Älvåkra auch ein fiktiver Ort, ich bin da offen für andere Ansichten und freue mich auf Kommentare).

Es geht um „das Mädchen vom Moorhof“, so heißt das Buch auf deutsch, von Selma Lagerlöf, aus dem Jahr 1908.

  • Das Setup

„Das Mädchen vom Moorhof“ ist Helga. Die Geschichte beginnt damit, dass sie einen Mann (Per Martensen) auf Unterhalt verklagt hat. Sie stehen vor dem Richter. Helga zieht unerwartet ihre Klage zurück. Auf diese Weise verleugnet sie gleichzeitig die Affäre mit dem Mann und kann somit darauf hoffen, dass ihr guter Leumund erhalten bleibt. Aus besagter Affäre resultiert auch noch ein Kind.

Gundmund Erlandsson, der auf dem kleinen Landgut Närlunda wohnt, bemerkt, dass in Helga ein guter Kern steckt. Er rät seiner Mutter, Helga als Dienstmädchen einzustellen. Außerdem biedert sich Hildur dem Gudmund an. Sie ist die Tochter eines reichen Gutsbesitzers in Älvåkra.

  • Die Geschichte

Frühsommer. Eines Tages fordert Hildur als Bedingung für die Heirat, dass Helga den Haushalt von Gudmund verläßt. Er beauftragt seine Mutter widerwillig und nur um des Friedens willen damit, Helga zu entlassen. Seine Mutter versorgt Helga mit jeder Menge Handarbeiten für zuhause, so dass sie weiterhin ein Auskommen hat.

Junggesellenabschied. Gudmund ist betrunken, seine Kumpanen auch. Auf dem Marktplatz von Älvåkra findet eine Schlägerei statt. Am Ende liegt da ein Toter mit einer Messerklinge im Kopf (durch die Hirnschale in die Hirnmasse eingedrungen). Gudmund, wieder nüchtern, entdeckt  in seiner Jacke ein Messer ohne Klinge. Er hält sich für den Täter und wirft das Messer in den Morast. Gudmunds Vater findet es und bringt es an sich.

Nun also auf zur Hochzeit. Auf der Fahrt zum Brauthaus überzeugt Gudmunds Vater seinen Sohn, dem Brautvater die Tat zu gestehen. Der sagt die Hochzeit ab. Gudmund ist zwiegespalten. Er findet es zwar nicht so sehr schön, fühlt sich aber gut, denn er weiß, dass er Hildur nicht liebt.

Auf dem Heimweg geht er ein Stück zu Fuß. Er steht auf einem Hügel und übersieht das Land, das er mit der Heirat bekommen hätte. Der Text referenziert auf Matth. 4, 8+9. Gudmund weiß, dass er mit der Absage der Hochzeit frei ist. Er geht weiter und begegnet Helga. Sie verlieben sich spontan, sie stößt ihn weg und stellt Fragen. Nach einiger Zeit hält sie inne, als von einer Klinge die Rede ist. Sie erinnert sich, dass sie sich Gudmunds Messer ausgeliehen hat, ihr selbst die Klinge brach, und sie es ihm ohne Klinge zurück gab. Aber er ließ sie nicht zu Wort kommen. Nur Helga ist klar, dass Gudmund nicht der Mörder sein kann.

Als Gudmund weg ist, fährt Helga zu Hildur und überredet sie in einem langen Gespräch eindringlich, zu Gudmund zu fahren. Hildur zögert, fährt dann doch hin. Nun gesteht Gudmund Hildur die Liebe zu Helga. Hildur fährt zurück und setzt Gudmund am Moorhof bei Helga ab. Die beiden dürfen sich nun endlich verlieben.

Über den Mord selbst erfährt der Leser, dass der wahre Täter geschnappt wurde. Sonst nichts.

Damit kommen wir zur

  • Kurzfassung

Ein Mann hat einen Vollrausch mit Filmriß, er glaubt, er habe einen Mord begangen, und in der Zeit bis zur Aufklärung verhandeln zwei Frauen über seine Zukunft.

  • Meine Gedanken

Ein Mord, der unaufgeklärt bleibt, als Rahmen für eine Liebesgeschichte. Und ein falscher Mordverdacht als Auslöser, um eine unglückliche Liebe loszuwerden. In unserer modernen Welt mit ihren krimigefluteten Bestsellerlisten undenkbar. Geschrieben 1908, es wird viel Kutsche gefahren. Ein Auto gibt es in dieser Ecke Schwedens nicht. Auf Kutschfahrten kann man lange plaudern, was dem Text Struktur gibt.

Bis zur Leiche wedelt der Text immer vor und zurück. Es wird ein Ereignis geschildert und anschließend beschrieben, wie es dazu kam. Durch diese Erzählweise ist der Text unterhaltsam gestaltet. Danach wird er spannend vorangetrieben. Ein wenig Enttäuschung, dass es sich „nur“ um eine Liebegeschichte handelt, blieb dennoch.

Und vielleicht bekommt ja auch Älvåkra ein paar Klicks mehr.