Sommerurlaub in Schweden: Benjamin Lebert „Kannst Du“

Benjamin Lebert, geb. 1982, wurde 1999 mit dem Roman „Crazy“ erfolgreich. „Kannst Du“ ist sein dritter Roman aus dem Jahr 2006. Das KiWi-TB hat 269 Seiten.

Das Buch ist zeitgenössisch. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive von Tim Gräter. Tim ist ein junger, erfolgreicher Schriftsteller und lebt in Berlin. Er blättert in seinem Fotoalbum und entdeckt ein Foto von Tanja, einer früheren Freundin. Es folgt die Geschichte des eigenartigen Sommerurlaubs der beiden.

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Sie nehmen die Fähre von Warnemünde an die schwedische Südspitze, nach Trelleborg. Die beiden übernachten in der Jugendherberge. Tanja flüstert beim Einschlafen: „Es ist so schwierig, das alles auszuhalten.“ (S. 19). Auf der Reise wird Tim herausfinden, was sie mit „das alles“ meinte.

  • Malmö und Helsingborg

Am nächsten Morgen fahren sie mit dem Bus nach Malmö. Es sind sieben Stationen, zur Linken sind Dünen zu sehen, hinter denen das Meer aufblitzt. Zur Rechten grüne Felder und Wald, aus denen ab und zu ein Vogel empor fliegt.

Die Innenstadt von Malmö: saubere, altmodische Häuser, die Straßen mit kleinen Pflastersteinen besetzt. Tanja hängt sich bei Tim ein. „Das passte mir nicht. Sie klebte an mir.“ Noch am gleichen Tag fahren sie mit dem Zug nach Helsingborg. Tim erinnert sich an seinen Bruder, der eine schwere Behinderung hatte und vor einigen Monaten starb. Tanja singt „500 Miles“.

Um halb acht Uhr abends kommen sie in Helsingborg an, nehmen ein Taxi zur Jugendherberge, die in einem dunkelgrünen Wald liegt. Dort ist es überfüllt, also gehen sie weiter in den Wald hinein und bauen ihr Zelt auf. Sie spielen „Welche Stadt fasziniert dich am meisten.“ Sie schweigen. Tanja weint. Tim tröstet Tanja. Sie flüstert „Amsterdam“.

Am nächsten Morgen, die Rasenfläche ist von Sonnenlicht überflutet, fahren sie mit dem Bus zurück nach Helsingborg. Es geht mit dem Zug weiter nach Göteborg. Sie hat Geburtstag, er singt für sie „Birthday“ aus dem Weißen Album.

  • Göteborg und Trollhättan

In Göteborg hat Tim endlich wieder das „Gefühl, in einer richtigen Stadt zu sein.“ (S. 64) Es gibt ein wenig vom üblichen Touristenprogramm. Bummeln, essen gehen. Tim möchte den den Schriftsteller Lars Carstensson treffen und macht einen Termin für den nächsten Tag aus.

Aber erstmal folgt eine Nacht im Hotel. Tanja bittet Tim, ihr sein Kissen fest ins Gesicht zu drücken. (Das ist der Satz im Buch, der mit „Kannst Du“ anfängt) Tim nimmt sie in den Arm. Draußen kreischen die Möwen.

Am nächsten Tag trifft Tim den Autor Carstensson. Die beiden verbringen den ganzen Tag miteinander, gehen essen, ins Schifffahrtsmuseum und zu ihm nach Hause – ohne Tanja. Die wartet in der Innenstadt vor einer Buchhandlung. Abends treffen sie sich dort wieder. Tanja hat sich in der Zwischenzeit am Oberkörper ein paar Schnitte zugefügt. Sobald sie Tim sieht, schreit sie Passanten an, zieht sich aus und wirft sich nackt auf den Boden.

Tim will mit ihr zum Arzt gehen. Statt dessen gehen sie ins Hotel zurück.

Der nächste Tag: Mit dem Zug nach Trollhättan. Von dort mit dem Taxi auf einen Campingplatz direkt an einem großen See. Tanja zieht gegenüber Tim einen ziemlichen Befehlston auf. Das stört ihn. Am nächsten Morgen entschuldigt sie sich dafür, und es geht mit dem Zug nach Oslo.

  • Oslo

„Der Zug rappelte. Das Land Schweden zog vorbei und wurde zu Norwegen.“ (S. 109) Sie übernachten im Gästehaus von Tims norwegischem Verlag. Dort übernachtet auch der schweizerische Autor Grenviller samt Frau und seiner Sammlung wertvoller Samuraischwerter.

Oslo: Tim trifft sich mit Frau Grenviller. Er kommt zurück, Tanja erzählt, sie habe sich mit Herrn Grenviller getroffen. Sie trägt sogar das Negligee von Grenvillers Frau. Tanja beleidigt Tim in seiner Männlichkeit und hält Grenviller für den besseren Schriftsteller von den beiden. Tim geht zum Zimmer von Grenviller und verprügelt ihn. Zurück in Tanjas und seinem Zimmer klopft es, Grenvillers steht mit in der Tür und hält ein Samuraischwert in der Hand. Er verletzt Tim, der ihn aber verjagen kann.

Am nächsten Morgen sitzen Tim und Tanja im Taxi, das auf der Fahrt zum Hafen noch eine Stadtrundfahrt macht. In der Fähre nach Oslo hält Tanja liebevoll Tims verletzte Hände. Von Kiel aus fegen sie mit dem Zug über Hamburg und Münster (warum eigentlich?) nach Amsterdam. Sie übernachten im Hilton, das sie zwei Tage lang nicht verlassen (wie John and Yoko). Dann fliegen sie zurück nach Berlin.

Tim bringt Tanja zu ihren Eltern. Sie reden ein wenig, er klärt Tanjas Eltern über – naja – gewisse Merkwürdigkeiten – auf. Dann – mit den Gefühl, Tanja verraten zu haben – verschwindet er.

Tim schlägt das Fotoalbum zu. Eines Tages wird es keine Fotoalben mehr geben, weil alle nur noch mit dem Handy fotografieren. Schade eigentlich.

  • Bemerkungen

Positiv: Natürlich die Reiseroute. Ein wunderbarer Trip durch das hochsommerliche Schweden. Dann die Spannung. Zwei Leute, die auf engem Raum auskommen müssen und nur durch die Umstände unzertrennlich sind, das ist eine viel versprechende Konstellation. Auch, dass die Stimmung zwischen beiden immer bedrückender, bedrohlicher und schließlich gefährlich wird, ist spannend zu lesen. Und die Referenzen an die Musik. Nicht nur Beatles, es wird überhaupt viel gesungen im Buch, vom „Alabama Song“ der Doors bis zu „Bicycle“ von Queen und vieles mehr.

Negativ: Der Autor hält die Spannung nicht durch. Immer wieder blendet er kleine Geschichten ein, die aus seinem Leben vor und nach Tanja stattfanden. Frauengeschichten hauptsächlich. Es hätte ein Thriller werden können, wurde dann aber nur eine Sex-and-Blood-Story. Und ein Autor, der das Leben eines Autors zum Thema macht, erweckt den Eindruck, ihm fiele nichts mehr ein.

 

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Von Uppsala nach Roslagen: „Der zweite Tod“ von Daniel Scholten

In Stockholm wird ein Mann ermordet. Es ist Carl Petersson und der hat irgendwas mit Altertümern zu tun. Die Täterin heißt Mari (das weiß der Leser von Anfang an) und verschwindet.

Perspektivenwechsel: Ein Kommissar beordert telefonisch sein Team zum Tatort. Morgens um drei. Der Leser beobachtet die Polizisten beim Ankleiden. Wer sowas noch nie gelesen hat, hat nun im Roman „Der zweite Tod“ endlich ausführlich Gelegenheit dazu. Ich blättere erstmal weiter. Insgesamt liegen 350 Seiten des Goldmann-TB von 2009 vor mir. Die Geschichte spielt im Dezember 2004.

  • Das Ermittlerteam:

Kjell Cedarström, hat alte Literatur studiert, kam über ein Quereinsteigerprogramm zur Polizei. Er ist Witwer, hat eine Tochter, Linda, 17.

Sofi Johansson, 25, autodidaktische IT-Spezialistin

Babro Setterlind, 34, alleinerziehende Mutter

Henning Larsson, 49, der Lippenlesen kann (das wird später wichtig)

Zu Beginn werden deren private Probleme erläutert.

Danach wird der Leser mit ersten Ermittlungsergebnissen belohnt:

Petersson war Professor für Orientalistik in Uppsala. Seit 1992 hat er Einreiseverbot nach Ägypten, weil er Antiquitäten außer Landes schmuggeln wollte. Später hat er Inschriften auf alten Tonscherben gefälscht und als echt verkauft, worauf er seine Professur verlor. Sein Dienstmädchen erzählt der Polizei von Mari, seiner Assistentin.

Der zweite Tod

StepMap Der zweite Tod
  • von Uppsala nach Nörrtalje

Weil Kjell keine weiteren Informationen hat, soll die Kollegin Sofi das frühere Professorenleben des Opfers erforschen. Die Fahrt geht von Stockholm aus ca. 1 Stunde nördlich nach Uppsala zum Gespräch mit einem Ägyptologen. Sie erfährt den Namen der letzten Assistentin Peterssons, Kajsa, und besucht sie. Dazu fährt sie 80 Kilometer zur Küste nach Nörrtalje, dem Hauptort der Roslagen. Von Nörrtalje geht es nochmal 15 Kilometer an der Küste entlang auf eine Landzunge bis nach Södersvik. Die Fahrt ist beschwerlich, weil die Straße von Schneewehen überzogen ist. Von Kajsa erfährt Sofi, dass Petersson mit jeder seiner Assistentinnen eine Affäre hatte.

Wieder zurück schreibt Sofi einen Algoritmus, der ihr aus dem Melderegister Stockholms alle Marias raussucht. Weil das zuviele sind, filtert sie weiter, bis zwei übrig bleiben. Eine davon ist dann tatsächlich die Gesuchte. Die ist aber längst unterwegs nach Spanien (Das weiß der Leser schon, weil Scholten kurze Szenen der Flucht einblendet)

Nun könnte das Tempo anziehen. Aber dem Autor war wieder nach Privatem: Im gleichen Haus, in dem der Mord geschah, wohnen noch ein paar andere illustre Leute: Der Maler John Osborne, und Ida Floris. Das ist die seit 10 Jahren verflossene Affäre des Kommissars. Er bandelt mit ihr wieder an, derweil oben drüber Tochter Linda kontextfern mit Osborne schläft.

Das alles ist bis dahin ziemlich unoriginell und voller absurder Zufälle.

Weiter im Fall: Inzwischen hat Sofi das Passwort von Peterssons Computer rekonstruiert. In den Dateien ist von einem geheimnisvollen Termin die Rede, bei dem in Kairo irgend etwas übergeben werden soll. Sofi soll nach Kairo fahren, und dabei Linda gleich mitnehmen, damit sie auf andere Gedanken kommt.

In Spanien wird Mari verhaftet. Sie wird ausgeliefert und in Stockholm vom gesamten Team verhört. Sie gesteht den Mord. Petersson habe ihr sehr viel Geld geliehen und verlangte die Rückzahlung. Da stach Maria zu.

Aber:

Mit dem Geständnis stimmt was nicht, die Details passen nicht zur Spurenlage.

Inzwischen in Kairo: Sofi fährt zu der Adresse, wo die geheimnisvolle Übergabe statt finden soll. Es endet im Desaster: Eine Frau übergibt Sofi einen Rucksack mit Geld. Sofi fährt damit in die schwedische Botschaft. Später wird Sofi überfallen und wieder freigelassen. Sie reist sofort aus Kairo zurück. Der Leser erfährt nun in einer Rückblende, dass sie im Auftrag der Botschaft das Geld zurück bringen musste, dann mit Kajsa verwechselt wurde, die Leute vom Überfall aber ihren Irrtum bemerkt haben.

  • Die Roslagen

Zurück in Stockholm: Mari erwähnt in den Verhören einen Kontaktmann, der in der Nähe von Nörrtalje wohnte. Also fährt Kjell mit Maria Richtung Norrtälje, um das Haus dieses Kontaktmannes zu suchen. Sie suchen zuerst in Södersvik bei Kajsa. Aber da war Mari noch nie, also zurück nach Nörrtalje Kaffe trinken. Dann sieht Maria das Schild Arholmen und erinnert sich jetzt genauer an ein Haus, „noch auf dem Festland, aber in der Nähe ging eine Fähre“. Sie fahren die Landstraße entlang bis nach Nysättra, dort finden sie das Haus, das jedoch unbewohnt scheint.

Drei Tage später ist das Haus in Nysättra niedergebrannt, darin liegt Kajsa (tot). Außerdem finden Kjell und sein Team heraus, dass der ermordete Petersson mit einer Import-Export-Firma zu tun hatte, die mit Bestechungen ausländische Investitionen sicherte. Und das Geld in Kairo stammte aus dem Bestand der Schwedischen Zentralbank.

Man findet Kajsas Fingerabdrücke vor Peterssons Appartement. Sofi macht über die Mobilfunkanbieter Kajsas Handy ausfindig (die Ermittler sind erleichtert, dass sie kein Prepaid nahm). Über die Anrufliste findet Sofi einen Mann namens Sundland. Er wohnt genau gegenüber des Hauses, in dem der Mord geschah. Seine Wohnung soll jetzt durchsucht werden. Kjell und Kollegen bekommen die Tür nicht auf. Ein Nachbar in Badeschlappen hilft ihnen beim Aufbrechen (einfach so – absurder geht es nicht).

In der Wohnung finden sie Videokameras, die auf das Haus gegenüber gerichtet sind. Auf den Bändern sieht man: Mari stach Petersson nieder, verlies die Wohnung, anschließend kam Kajsa in die Wohnung. Kajsa war die treibende Kraft beim Antikenschmuggel; sie nutzte Petersson als Gutachter und Vermittler von Gutachten aus. Ihr Haus in den Roslagen war die „Kompetenzzentrale“ für Schmuggelangelegenheiten. Petersson wollte sein Vermögen aber Mari vermachen. Deswegen erstach Kajsa ihn. Das war die große Stunde von Lippenleser Henning.

Bei einer kurzen Verfolgungsjagd wird Sundland erschossen. Zum Glück erzählt er im Sterben noch schnell von den fehlenden Puzzleteilen: Kajsa betrog bei einem Schmuggelgeschäft ihre ägyptischen Lieferanten, die daraufhin Kajsas Haus anzündeten.

  • Bemerkungen

Man hätte sich dem Thema als Wirtschaftskrimi, Geheimdienstkrimi, Antiquitätenkrimi oder über die Landschaft nähern können. Stattdessen erfährt man eine Menge über illusionslose Bettgeschichten. Dazu werden dienstliche und private Belange der Protagonisten ständig vermischt. So wird das Buch ungewollt zu einem fragmentarischen Sittengemälde des zeitgenössischen Stockholm.

Und was Scholten an Zufällen und Absurditäten produziert, geht auf keine Elchhaut. Außerdem mag ich die Erzählweise nicht, bei der der Leser alle Fakten vor den Ermittlern kennt. Bestenfalls freut man sich, wenn bei den Kommissaren die Groschen fallen. Bei einem Literaturwissenschaftler als Chefermittler hätte ich mir auch von dieser Seite her mehr Profil gewünscht.

Aber die Provinz Roslagen soll im Sommer sehr schön sein.

 

Älvåkra im Norden Schwedens – der etwas andere Schwedenkrimi

Sucht man in Google nach Älvakra, so erhält man 65 Suchergebnisse. Sofern man es mit a schreibt, denn die deutsche Tastatur kennt das å nicht. Das ist nur unbedeutend mehr als dieser Blog hat. Hat man jedoch herausgefunden, wie man ein å schreibt, nämlich „“Alt“ & 134″ und googelt nach Älvåkra, so erhält man ca. 6500 Suchergebnisse.  Die Suchergebnisse zu Älvåkra betreffen nicht einmal eine Ortschaft, sondern ein Eishockeystadion in der Stadt Älvsbyn. Und doch spielt eine Novelle einer Nobelpreisträgerin in einer Stadt namens Älvåkra. (Vielleicht ist Älvåkra auch ein fiktiver Ort, ich bin da offen für andere Ansichten und freue mich auf Kommentare).

Es geht um „das Mädchen vom Moorhof“, so heißt das Buch auf deutsch, von Selma Lagerlöf, aus dem Jahr 1908.

  • Das Setup

„Das Mädchen vom Moorhof“ ist Helga. Die Geschichte beginnt damit, dass sie einen Mann (Per Martensen) auf Unterhalt verklagt hat. Sie stehen vor dem Richter. Helga zieht unerwartet ihre Klage zurück. Auf diese Weise verleugnet sie gleichzeitig die Affäre mit dem Mann und kann somit darauf hoffen, dass ihr guter Leumund erhalten bleibt. Aus besagter Affäre resultiert auch noch ein Kind.

Gundmund Erlandsson, der auf dem kleinen Landgut Närlunda wohnt, bemerkt, dass in Helga ein guter Kern steckt. Er rät seiner Mutter, Helga als Dienstmädchen einzustellen. Außerdem biedert sich Hildur dem Gudmund an. Sie ist die Tochter eines reichen Gutsbesitzers in Älvåkra.

  • Die Geschichte

Frühsommer. Eines Tages fordert Hildur als Bedingung für die Heirat, dass Helga den Haushalt von Gudmund verläßt. Er beauftragt seine Mutter widerwillig und nur um des Friedens willen damit, Helga zu entlassen. Seine Mutter versorgt Helga mit jeder Menge Handarbeiten für zuhause, so dass sie weiterhin ein Auskommen hat.

Junggesellenabschied. Gudmund ist betrunken, seine Kumpanen auch. Auf dem Marktplatz von Älvåkra findet eine Schlägerei statt. Am Ende liegt da ein Toter mit einer Messerklinge im Kopf (durch die Hirnschale in die Hirnmasse eingedrungen). Gudmund, wieder nüchtern, entdeckt  in seiner Jacke ein Messer ohne Klinge. Er hält sich für den Täter und wirft das Messer in den Morast. Gudmunds Vater findet es und bringt es an sich.

Nun also auf zur Hochzeit. Auf der Fahrt zum Brauthaus überzeugt Gudmunds Vater seinen Sohn, dem Brautvater die Tat zu gestehen. Der sagt die Hochzeit ab. Gudmund ist zwiegespalten. Er findet es zwar nicht so sehr schön, fühlt sich aber gut, denn er weiß, dass er Hildur nicht liebt.

Auf dem Heimweg geht er ein Stück zu Fuß. Er steht auf einem Hügel und übersieht das Land, das er mit der Heirat bekommen hätte. Der Text referenziert auf Matth. 4, 8+9. Gudmund weiß, dass er mit der Absage der Hochzeit frei ist. Er geht weiter und begegnet Helga. Sie verlieben sich spontan, sie stößt ihn weg und stellt Fragen. Nach einiger Zeit hält sie inne, als von einer Klinge die Rede ist. Sie erinnert sich, dass sie sich Gudmunds Messer ausgeliehen hat, ihr selbst die Klinge brach, und sie es ihm ohne Klinge zurück gab. Aber er ließ sie nicht zu Wort kommen. Nur Helga ist klar, dass Gudmund nicht der Mörder sein kann.

Als Gudmund weg ist, fährt Helga zu Hildur und überredet sie in einem langen Gespräch eindringlich, zu Gudmund zu fahren. Hildur zögert, fährt dann doch hin. Nun gesteht Gudmund Hildur die Liebe zu Helga. Hildur fährt zurück und setzt Gudmund am Moorhof bei Helga ab. Die beiden dürfen sich nun endlich verlieben.

Über den Mord selbst erfährt der Leser, dass der wahre Täter geschnappt wurde. Sonst nichts.

Damit kommen wir zur

  • Kurzfassung

Ein Mann hat einen Vollrausch mit Filmriß, er glaubt, er habe einen Mord begangen, und in der Zeit bis zur Aufklärung verhandeln zwei Frauen über seine Zukunft.

  • Meine Gedanken

Ein Mord, der unaufgeklärt bleibt, als Rahmen für eine Liebesgeschichte. Und ein falscher Mordverdacht als Auslöser, um eine unglückliche Liebe loszuwerden. In unserer modernen Welt mit ihren krimigefluteten Bestsellerlisten undenkbar. Geschrieben 1908, es wird viel Kutsche gefahren. Ein Auto gibt es in dieser Ecke Schwedens nicht. Auf Kutschfahrten kann man lange plaudern, was dem Text Struktur gibt.

Bis zur Leiche wedelt der Text immer vor und zurück. Es wird ein Ereignis geschildert und anschließend beschrieben, wie es dazu kam. Durch diese Erzählweise ist der Text unterhaltsam gestaltet. Danach wird er spannend vorangetrieben. Ein wenig Enttäuschung, dass es sich „nur“ um eine Liebegeschichte handelt, blieb dennoch.

Und vielleicht bekommt ja auch Älvåkra ein paar Klicks mehr.

Stockholm: Stadtrundfahrten im Regen

Als nächstes geht es nach Schweden. „Böses Blut“ ist ein Herbstbuch. Noch dazu ein Krimi, ein Schwedenkrimi von Arne Dahl aus dem Jahr 1998. Herbst heißt, dass es ständig regnet. Das muss es auch, denn so bieten sich dem Autor viele Ansätze, mit metaphysischen Metaphern um sich zu werfen. Es agiert ein Team um den Ermittler Paul Hjelm, das von dessen Chef Hultin bei Besprechungen immer neu verteilte Aufgaben zugewiesen bekommt. Die Aufgabenteilung wird konsequent durchgehalten und gibt dem Buch Struktur. Anlass, dem Leser diese Organisiertheit zu präsentieren, ist ein komplizierter Mordfall. Dessen etliche Verdächtige stehen zwar der Übersichtlichkeit entgegen, machen das ganze aber gegen Ende richtig spannend.

Außer daß es regnet und ein Team gebildet wird, gibt es also auch Handlung, und zwar nicht zu knapp. Hassel, ein Literaturwissenschaftler, wird auf dem Flughafen Newark in New York ermordet. Der Mörder ist mit dem Flugzeug auf dem Weg nach Schweden. Er passiert unerkannt die Flughafenkontrollen. Der erste Verdacht gegen Hassels Sohn zerstreut sich schnell. In der Zwischenzeit wird eine weitere Leiche gefunden, diesmal im Stockholmer Freihafen. Gleichzeitig wird ein Einbruch in ein Lager der Firma Link Coop gemeldet und ebenfalls gleichzeitig beobachtet eine Gruppe betrunkener Juristen einen maskierten Mann, der ein Paket in ein Auto lädt.

Das Ermittlerteam verhört das Sicherheitspersonal von Link Coop zunächst ohne Ergebnis. Da trifft es sich gut, dass im Freihafen der spurenfreie Wagen des Kleinkriminellen Gallano gefunden wird. Wenig später wird auch Gallano selbst gefunden, ermordet in seiner Hütte in Riala . Und ein Rentner findet die Leiche von Lindberger, eines Angestellten des Außenministeriums.

Die Morde an Hassel und Lindberger tragen die Handschrift eines amerikanischen Serienmörders, der 15 Jahre zuvor sein Unwesen trieb, bevor er bei einem Autounfall verbrannte. Also fliegen Paul Hjelm und eine Kollegin in die USA, wo Captain Larner sie über den Serienmörder informiert.

Sie finden heraus, dass der Serienmörder damals seinen Unfall vor vorgetäuscht hat und nach Schweden auswanderte. Außerdem hat sein Sohn, ihn imitierend, einige Morde in USA begangen und ist nun auch in Schweden, um seinen Vater umzubringen. Sohn Serienmörder hat Vater Serienmörder in Riala beobachtet und wurde erschossen. Vater Serienmörder wird identifiziert als Sicherheitschef von Link Coop und verhaftet. Er gesteht neben anderen Morden auch den an Lindberger als ein Mißverständnis. Eigentlich hätte Frau Lindberger ermordet werden sollen. Sie schmuggelt Waffen an islamistische Fundamentalisten in den Irak. Später wird sie von einem Geheimdienstkommando doch noch umgebracht. Vater Serienmörder entkommt. Der Kommissar Hjelm watet durch den Regen.

Zur Geographie: Es macht Spass, sich zur Lektüre einen Stadtplan von Stockholm zurecht zu legen. Das Buch besteht teilweise aus wunderbaren Stadtrundfahrten, meistens auf der Insel Kungsholmen. Einmal geht einer der Ermittler zu Fuß von Kungsholmsgata, Schneelegata, Pipersgata, Kungsklippan. Dann zurück die Hantverkargata, Kungsholms Torg, von dort mit dem Bus nach Marieberg. Hjelm parkt beim Opernhaus, fährt dann Richtung Strömmen, Blasieholmen, Nybrokajen, die Sibyllegatan hinauf, beim Armeemuseum in die Riddargata. Dann wird in einem Mister-Minit-Laden in der Rindögata ermittelt. Das geht so: Kungsgatan, Stureplan, Sturegatan, Valhallavägan, Erik Dahlsbergsgatan, Rindögatan. Eine andere Fahrt geht St.Eriksgata hinauf, dann Fleminggata, Polhemsgata. Das Bankschließfach ist in Slussen, Peter Myndes Backe hinauf, in die Götgata hinein, die Leiche Lindbergers wird in Lidingö gefunden.

Ansonsten hat man die E 4 unter sich, sei es weil das Team im Hubschrauber unterwegs ist oder sei es, weil sie aus Stockholm raus oder nach Stockholm rein fahren. Einmal geht es nach Riala, das liegt ungefähr eine Autostunde nördlich von Stockholm.

Zum Weltbild: Gesellschaftskritik ist in Schwedenkrimis vorhersehbar. Der Regen wird gleich mehrmals als Anspielung auf die Sintflut beschrieben. Die wird kommen, weil mit Schweden etwas geschehen ist. Was? Hjelm wandert durch eine verregente Nacht und sinniert Gesellschaftskritisches. Vieles ist nur vor dem Hintergrund der speziellen schwedischen Situation in den 90er Jahren zu verstehen. Und doch ist es aus der Klamottenkiste der Weltschmerzromantik bekannt: Das „kleine Bauernland am Polarkreis“ versus „das Kapital“. Die „schwedische Volksseele“ wurde „mit finanziellen Überlegungen angefüllt“, und die Bevölkerung wurde „gezwungen, an Finanzprobleme zu denken“. Der Leser fragt sich, was von Menschen zu halten ist, die sich zum Denken zwingen lassen. Die Antwort kommt auf Umwegen daher: „Man hat nicht die freie Wahl, wenn man sich auf Importe vom Herrscher des Weltalls einläßt.“ Zwar weiß Hjelm, dass es auch „privates Alltagsheldentum, unendlichen Erfindungsreichtum und einen kontinuierlichen Kampf allen Widrigkeiten zu Trotz“ gibt. Aber die Gesellschaftskritik und die tatsächliche Erfahrung klaffen bei Hjelm sehr weit auseinander.

Und der Regen – gibt es wirklich nur zwei Substantive für nasses Wetter: Regen und Sintflut?

Spannend. Die Organisiertheit sowohl des Teams als auch des Buches hat mir gefallen. Hultin teilt sein Team immer neu ein, und der Autor führt die Figuren so durch die komplexe Handlung. Sollte auf jeden Fall lesen, wer Stockholm kennen lernen möchte.