Karte # 16: Die Griechenland-Anleihe von 1825. Spurensuche in „Letzte Sommer“ von Trelawny

Letzte Sommer Bildausschnitt

In diesem Beitrag setzte ich meinen Artikel über das Buch „Letzte Sommer“ von Trelawny fort, diesmal mit wirtschaftsgeschichtlichem Schwerpunkt. Im ersten Teil fuhr der Autor nach Pisa, um Shelley und Lord Byron kennen zu lernen. Hier nun fährt er mit Lord Byron sowie einem englischen Unterhändler namens Hamilton Browne von Livorno aus nach Griechenland.

  • Über die Reise

Die Passage endet am 2. August 1823, als sie in Argostoli, dem Hafen von Kephalonia, vor Anker gehen. Es folgt ein kurzer Abstecher touristischer Art auf die Insel Ithaka. Trelawny und Browne betreten schließlich den Peloponnes in der Nähe des Dorfes Pyrgos. Gleich am nächsten Morgen ziehen sie weiter. Es geht zunächst nach Tripoliza, der Hauptstadt des Peloponnes. Das Land ist unfruchtbar. Von Zeit zu Zeit begegnen sie einigen Hirten, die auf dem kargen Land ihre Ziegen und Schafe weiden und mit der Hilfe von wilden Hunden bewachen. Nach einigen Tagen reisen sie weiter nach Argos. Die Gegend ist vom Krieg gezeichnet. Sie reiten durch die Schlucht von Dervenakia. Dort liegen die Skelette von Soldaten und Tieren eines ottomanischen Heeres, das im Herbst zuvor (also 1822) hier geschlagen wurde. Nach einem kurzen Aufenthalt in Korinth stzen sie nach Salamis über. Dort treffen sie die Anführer der wichtigsten Militärparteien, die sich gerade gegenseitig Verschwendung öffentlicher Gelder vorwerfen.

blaue Strecke: gemeinsame Reise Trelawnys mit Hamilton Browne

grüne Strecke: Trelawny mit Odysseus

rote Knöpfe: Lord Byrons Aufenthalt

Warum nahmen die Herren diese Strapazen auf sich? Eine allgemeine Zeitströmung des Philhellenismus animierte viele Europäer dazu, mit dem griechischen Freiheitskampf zu sympathisieren oder sich direkt zu engagieren. In England hatte sich auch ein Komitee zur Unterstützung der Griechen gegründet. Die Reise fand vor diesem Hintergrund zu verschiedenen Zwecken statt. Unter anderem hatten die Reisenden den Auftrag, einige griechische Verhandlungspartner zu Gesprächen über eine Anleihe nach London zu schicken. Byron war dafür vorgesehen, die Kontrolle über die Verteilung der Gelder zu erhalten. Byron stattete Trelawny mit Empfehlungsbriefen an die griechische Regierung aus, in denen er seine Dienste empfielht. Immerhin hat er bereits in Italien Kontakt zu Unterhändlern der griechischen Regierung geknüpft. Die griechische Kriegspartei stellte sich als unerwartet zerstritten heraus. Es gab die Nationalversammlung, einige Militärführer und Stammesführer, die aufeinander eifersüchtig waren.

Schließlich trennt sich Browne von Trelawny und fährt mit Unterhändlern der Regierung nach England zurück, um dort über eine Anleihe zu verhandeln.

Im Januar 1824 lebt Byron in Mesolongion, die Verhandlungen über die Anleihe stehen kurz vor dem Abschluss und einige Engländer sitzen mit den griechischen Unterhändlern in Athen zusammen. Während eines Botenritts erfährt Trelawny vom Tode Byrons. Zunächst recherchiert Trelawny die Umstände, die zu Byrons Tod führten. Die mehrseitige Schilderung findet zu dem Schluss, dass die Ursache eine Kombination aus Sumpffieber und inkompetenten Behandlungen war.

  • Über die Anleihe

Als die ersten Informationen über eine mögliche Anleihe durchsickern, können es einige Militärs nicht glauben. Immerhin birgt die Anleihe – sie hat einen Zinssatz von 5 % – hohe Risiken. Gläubiger ist kein Staat, keine Regierung, sondern eine Region, die einen Freiheitskampf gegen ihre Besatzer führt. Es gibt also keine Sicherheiten. Die allgemeine graecophile Stimmung führt zu Euphorie an der englischen Börse. Die erste Tranche von 1824 über 800.000 Pfund wird überzeichnet. Trelawny beschreibt, wie ein englisches Schiff  mit der ersten Rate von 40.000 Pfund an Bord in Griechenland ankommt. Es kommt zu Straßenschlachten mit Räuberbanden, die sich das Geld unter den Nagel reißen wollten. Der Tag endet in Tumulten. Die Regierung greift hart durch. Sie will die Anführer des Aufruhrs, sowie einige andere Stammesführer verhaften oder ermorden lassen, darunter auch ein gewisser Odysseus, der gleich noch eine Rolle spielt. Die zweite Konsequenz aus den Ereignissen ist , dass Griechenland „nur“ 240.000 Pfund direkt erhält. Der Rest wird in Kriegsmaterial geliefert.

Aufgrund der Überzeichnung kann 1825 eine zweite Tranche über 2,1 Millionen Pfund aufgelegt werden. Später beschreibt Trelawny, dass von der Anleihe fast nichts mehr übrig war. Erstmal nicht schlimm, denn mit aufgenommenem Geld sollte ja ein konkretes Vorhaben finanziert werden. Trelawnys Ärger rührt aber auch daher, dass einige Abgeordnete Geld aus der Anleihe unterschlagen haben.

Was aus der Anleihe wurde? Einmal noch habe ich eine Spur gefunden, in einem Börsenbericht aus dem Jahr 1830. Sie notierte schnell im Bereich von 20 Prozent. 1830 wurde bekannt, dass Prinz Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha zum König des neuen Griechenland werden sollte. Der Anleihekurs schoss auf über 41 Prozent. Später wurde die Anleihe fast wertlos. Zinsen wurden nie gezahlt. 1878 wollte Griechenland wieder auf dem Kapitalmarkt aktiv werden. Wie in solchen Fällen nicht unüblich wurde zunächst verlangt, dass die früheren Anleihen reguliert werden. Die Gläubiger zu wurden mit 31,6 % abgefunden.

Ein neuer Chart zu der Anleihe

Eine wissenschaftliche Arbeit über besagte Anleihen

Die Griechenland-Anleihe in einem Börsenbericht von 1830

  • Über Trelawny

Und Trelawny? Er schließt sich zunächst dem Freiheitskämpfer Odysseus an. Ein eingeschleuster Schotte versucht, Trelawny zu ermorden. Trelawny überlebt zwei Musketenkugeln in seinem Körper. Odysseus wird verhaftet und später am Fuße der Akropolis tot aufgefunden. Trelawny kehrt 1832 nach England zurück, schreibt hie und da Bücher, heiratet ein paar Mal, fährt nach Amerika, wo er den Niagara durchschwimmt und kehrt nach England zurück, wo er im Jahre 1881 89-jährig stirbt. Das Buch „Letzte Sommer“ ist als engagierter und unkonventioneller Reisebericht und als Zeitdokument empfehlenswert.

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Athen vor 2 1/2 Jahrtausenden

Das nächste Buch zieht mich nach Griechenland. „Klassischer Tag“  ist ein Band aus der Reihe „Bild der Jahrhunderte“ von Otto Zierer. Er behandelt auf 140 Seiten die Zeit von 510 (Der Errichtung der Demokratie in Athen) bis 399 (Tod des Sokrates) vor Christus

Die persische Armee unter Darius dringt immer weiter nach Westen vor und könnte in naher Zukunft Athen bedrohen. Der oberste Richter Aristides lässt sich zu dem Besuch eines Gymnasiums überreden, wo ihm der begabte Schüler Themistokles vorgestellt wird. Themistokles plädiert in einer Redeübung dafür, die Seemacht aufzurüsten. Die beiden mögen sich nicht und werden Gegenspieler bleiben.

15 Jahre später wird Aristides zum Stadtherrscher Athens gewählt. Themistokles streitet immer noch für eine kriegerische Politik, und es gelingt ihm im Folgejahr, sich durch die Volksversammlung an die Spitze des Staates wählen zu  lassen. Für den Bau der von ihm gewollten Flote benötigt er die Erträge der reichen Silberminen, die Aristides verwaltet. Außerdem will er für Athen einen Hafen bauen. Als Aristides ihm die Zusammenarbeit verweigert, gelingt es Themistokles, ihn durch ein Scherbengericht aus der Stadt vertreiben zu lassen.

Darius‘ Nachfolger Xerxes setzt dessen expansive Politik fort. Themistokles erkennt die Gefahr und möchte den Kriegsrat dazu bewegen, dass sich die – mittlerweile gebaute – Flotte zum Kampfe stellt. Er unterliegt. Mit einer List verführt er Xerxes dazu, die griechische Armee anzugreifen. Athen kann nun nicht mehr anders als sich zum Kampfe zu stellen. In der seichten Bucht von Salamis haben die leichten griechischen Schiffe Vorteile gegenüber den schwerfälligen und tiefliegenden persischen und siegen.

Weitere 30 Jahre später lebt Griechenland unter Perikles in einer Epoche des Wohlstandes, auch durch den neuen Handelshafen Piräus begründet. Herodot besucht Aischylos‘ Persische Tragödie und lernt den jungen Thukydides kennen. Sie führen eine langen Dialog über die Gefahren und die Beständigkeit der Demokratie. Als Perikles Frau Aspasaia einen Arzt benötigt, sucht Perikles auf dem Markt und findet Hippokrates. Unterdessen gibt es noch einen langen Dialog. Aspasaia plaudert mit ihrer Zofe Chloe über Schönheit und Vergänglichkeit. Perikles empfängt Besuch aus Rom, das gerade die Etruskerkriege gewonnen hat. Die Gäste und der Gastgeber philosophieren über den Sinn und Unsinn von Philosophie. (Der Satz im Titel des Beitrags wird dem römischen Gast Postumius Albus in den Mund gelegt)

Bald jedoch beginnt der Niedergang Athens. Die Kluft zwischen den Volksschichten vertieft sich. Den Politikern geht es nicht mehr um das allgemeine Wohl, sondern um den persönlichen Gewinn. Immer häufiger werden angesehene Bürger diffamiert. Im Theater wird Medea von Euripides aufgeführt. Aristophanes und der begabte Redner Protagoras streiten über das Stück, mehr jedoch darüber, inwieweit das Theater den Wandel seiner jeweiligen Zeit abbildet.

Sparta führt Krieg gegen Athen. Athen zieht gegen Spartas Verbündeten Syrakus. Eitelkeiten in der Athener Führung führen dazu, dass der Oberbefehlshaber Alkibiades zu Beginn der Schlacht abgelöst wird. Er läuft zu Sparta über, das die Athenische Flotte besiegt und später den Rest der Flotte am Hellespont. Zum Ende des Bandes wird die Verurteilung und Hinrichtung des Sokrates wegen Gotteslästerung beschrieben.

Die historischen Fakten der Ereignisgeschichte lassen sich auch an anderer Stelle nachlesen. Das besondere ist der Erzählstil. Es ist ein essayartig geschriebenes Geschichtsbuch. In teils fiktiven – doch auf guter Quellenauswertung gegründeten – Szenen wird die Stimmung in Athen lebendig wider gegeben. Themistokles besucht sein Reich, indem er auf einem Sklavenmarkt und in einer Silbermine auftaucht. Zwei Seefahrer schildern sich gegenseitig, wie unglückliche Umstände sie zur Seefahrt zwangen. Und spielerisch begegnen sich die wichtigsten Personen der Epoche wie zufällig im Theater oder auf dem Markt. Lange Dialoge geben die Stimmungen und Strömungen des Zeitgeistes wieder. Die Geschichte wird authentisch und lebensnah nahegebracht, ohne dass es gleich zu einem historischen Roman wird.

Das Buch sympathisiert mit der Demokratie, deren Kraft aus einer Kombination von idealistischer, militärischer, finanzieller und sozialer Stärke entsteht. Sobald diese Säulen bröckeln, beginnt ihr Zerfall. Deswegen ist das Buch auch heute noch lesenswert, meint Leopold.