Sven Hedin – Wildes Heiliges Tibet

Sven Hedins Berichte über seine Reisen nach Asien sind Klassiker. Meine Neugier war entsprechend groß, als mir die Kisten das Buch „Wildes heiliges Tibet“ zugelost haben. Es ist ein Reclamband mit 76 Seiten. Bisher habe ich auch aus editorischer Sicht recht gute Erfahrungen mit den Reclamheften gemacht. Also erstmal nach dem Vorwort geblättert- da ist nichts. Der Text von Sven Hedin beginnt, der Text hört auf, und mehr ist einfach nicht zwischen den Buchdeckeln. Aus editorischer Sicht enttäuschend. (Dass Reclam das besser machen kann, haben sie bei Tolstoi und Cicero gezeigt)

Dafür aber sind Zeichnungen des Verfassers abgedruckt. Charakterköpfe, dramatische Reiterszenen und beeindruckende Gebäudeskizzen wechseln sich ab.

  • Aufbruch nach Tibet (blaue Strecke)

Der Text selbst beginnt mit einem kurzen historischen Abriss bisheriger  Tibetreisen, besonders von Przewalski (der mit dem gleichnamigen Pferd). Die besprochene Exkursion beginnt dann im August 1896. Hedin muss den Text – oder zumindest den Anfang – ca. 1928 verfasst haben, denn er verweist auf das Rätsel von Lob-Nor, das erst dann gelöst wurde.

Jetzt aber: Esel, Pferde und Kamele gesattelt, und los geht es. Von Kashgar aus – dort war Hedin schon auf früheren Reisen – zieht man erstmal nach Khotan. Die Karawane besteht zunächst aus 54 Tieren, dazu kommen 17 einheimische Helfer, sowie zwei Vertraute, besonders Islam Baj. Der ist Karawanenführer, also sowas wie der Organisationsleiter des Trupps. Hedin selbst reitet am Ende, macht Zeichnungen, sammelt Gestein, und schreibt. Dann geht es von West nach Ost am Nordrand Tibets entlang.

Die Gegend ist unwirtlich. Bereits seit August sind Flüsse und Seen zugefroren, es leben wenige Menschen dort, und man begegnet Antilopen und wilden Yakherden. Zwischen dem Gebirge Arka-Tag im Süden und Wüste im Norden reiten sie durch Gegenden mit stachligem Gebüsch und Tamariskensteppen. Sandstürme bei Temperaturen von – 20 Grad und mehr machen das ganze sehr ungemütlich, abends sitzt man am Feuer und trinkt Tee und gegorene Stutenmilch. Die wenigen Menschen der Gegend sind leicht in zwei Gruppen zu teilen: Nomadenhirten und Räuberbanden. Sich gegen die Banden zu schützen oder wehren, nimmt denn auch einen größeren Raum in der Erzählung ein.

In einem Dorf irgendwo in der Steppe benötigt die Karawane neue Tiere, die Karawane ist auf 7 Tiere geschrumpft. Wie, das erfährt man nicht. Wenn man bedenkt, dass der Verlust von Tieren in solch einer Gegend dramatische Konsequenzen haben kann, denkt sich der Leser, dass da ein Textstück fehlt.

Weiter dann zum Kuku-Nor, dem schwarzen See, dem größten See Chinas, auf 3000 Metern Höhe. Hedin erzählt eine Geschichte, die er von Nomaden gehört hat. In der Mitte des Sees würden einige Mönche in völliger Abgeschiedenheit leben. Sie würden nur Vorräte bekommen, wenn Abgesandte anderer Klöster im Winter übers den gefrorenen See zu ihnen pilgerten.

  • Taschilhunpo (roter Knopf)

Ein neues Kapitel beginnt in Taschi-Lunpo. Es ist der 11. Februar. Der Leser denkt zunächst, es sei die Fortsetzung dessen, was bis dahin geschrieben ist. Taschi-Lunpo ist eine Klosterstadt. Aus allen Gegenden Tibets haben sich Menschen zum Neujahrsfest versammelt. Es wird 15 Tage dauern. Buntes Treiben herrscht, Festtagsstimmung. Zum ersten Mal nimmt ein Europäer an dem Fest teil. Während des Festes bekommt Hedin auch die Möglichkeit, den Taschi-Lama zu besuchen.

Das Gespräch dreht sich um große Politik. Der Lama möchte alles über Rußland, England und andere Mächte wissen. Es war ist die Zeit dessen, was gerne „The Great Game“ heißt. Da ging es um die Frage, wie die beiden Reiche ihre asiatischen Interessen abgrenzen.

Dann besucht Hedin einige prachtvolle Mausoleen der früheren Lamas. Gleich mehrmals vergleicht er dann die Rolle des Lama direkt mit der des Kirchenstaates, speziell in der Kombination von weltlicher und geistlicher Herrschaft bestehen Gemeinsamkeiten. Am Ende folgen noch das Kapitel „Seltsame Klöster“ und ein kurzer Abschnitt, der sich um das Begräbnis eines eingemauerten Mönches dreht.

  • Bemerkungen

Ich fand das Buch halbherzig, was keinesfalls am Autor, sondern an Reclam liegt. Der Leser denkt sich, dass zeitlich etwas nicht zusammen passt. Entweder wurden in dem Reclamband völlig unabhängige Texte zusammen gefasst, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, von Tibet zu handeln. Oder Hedin hat in den späten 20er Jahren seine „Best of Tibets“ geschrieben. Ein  Vorwort hätte dem Buch gut getan. Ich hätte mir auch noch mehr über die wissenschaftliche Arbeit gewünscht.

Trotzdem: Ich habe das Buch verschlungen, es ist spannend, dramatisch und flott geschrieben. Hedins Berichte sind und bleiben Klassiker. Es gibt sicher bibliophile oder kommentierte Ausgaben, die den Leser besser informieren.

Przewalski

.. und das Pferd dazu

Irgendwo in Russland um 1820. Puschkin. Dubrowski.

Dubrowski Cover-AusschnittDubrowski Skizze aus dem BuchinnernNun habe ich mich also zum ersten Mal an einen „großen Russen“ gewagt. „Dubrowski“ ist eine Novelle von Alexander Puschkin und mit 124 Seiten eher kurz. Ich habe die Ausgabe von 1949 mit einigen schönen Skizzen. Die Handlung spielt auf den Landgütern des feudalen Russland um 1820.  Der moderne Leser muss sich zunächst daran gewöhnen, dass die Landgüter der damaligen Zeit die Infrastruktur von Dörfern haben.

  • Das Setup

Der reiche Trojekurow lebt auf einem seiner „Dörfer-Landgüter“ in Pokrowskoje, wo er regelmäßig Gesellschaften gibt, die sich ebenso regelmäßig der Trunkenheit hingeben (heute würde man sagen: ausschweifende Parties). Er ist mit seinem Nachbarn Dubrowski befreundet, obgleich dieser ärmer ist (will heißen: sein „Dorf-Landgut“ Kistenjowka ist nicht ganz so groß). Während der gemeinsamen Jagd kommt es zu einem Wortgefecht zwischen den beiden. Die Situation eskaliert über Monate hinweg.

  • Die Geschichte

Mit juristischen Winkelzügen gelingt es Trojekurow, Dubrowski enteignen zu lassen. Die Leibeigenen von Dubrowski schreiben einen alarmierenden Brief an Dubrowskis Sohn Wladimir, 23 Jahre alt, der als Kadett in Petersburg Dienst tut. Er reist an. Nach der Beerdigung des alten Dubrowski nehmen Beamte des Trojekurow das „Dörfchen-Landgut“ Kistenjowka in Besitz. Aus Verzweiflung brennt Wladimir Dubrowski das Beamtengebäude von Kistenjowka nieder, ein Teil des Dorfes fängt ebenfalls Feuer. Der junge Dubrowski und einige Menschen aus seinem Gesinde verschwinden spurlos.

In der Zeit nach der Katastrophe entstehen Gerüchte über eine Räuberbande, die Besitztümer ausraubt, jedoch Großmut gegenüber den Armen zeigt. Dubrowksi wird als das Oberhaupt vermutet.

Trojekurow engagiert für seine Kinder Maria (auch genannt Mascha) und Sascha einen französischen Hauslehrer Monsieur Deforges. Deforges muss die im Hause übliche Mutprobe für Neulinge über sich ergehen lassen. Er wird mit einem Bären in ein Zimmer gesteckt. Doch statt sich – wie von Trojekurow erwartet – ängstlich in eine Ecke zu verkriechen, erschießt er den Bären mit seiner Pistole. Er rechtfertigt sich damit, die Pistole immer bei sich zu tragen, um sich Beleidigungen zu erwehren, für die er in seiner Stellung nicht zum Duell heraus fordern kann. Seither ist Deforges bei Herrn und Tochter Trojekurow hoch angesehen.

Es ist mal wieder Gesellschaft bei Trojekurow. Auch ein gewisser Anton Pafnutjitsch Spitzyn kommt. Es stellt sich heraus, dass er bei dem Prozess um die Enteignung Dubrowskis zugunsten seines jetzigen Gastgebers ausgesagt hat. Er ist betrübt, weil er pleite ist, verschweigt dies aber ebenso wie seine Angst vor Dubrowski. Er schläft in einem Zimmer mit Deforges und hat einen Alptraum.

  • Pause. Rückblende

In einer Rückblende wird nun von der Anreise Deforges erzählt. Deforges wartete in einer Poststation auf eine Kutsche, die ihn zu seinem neuen Arbeitgeber Trojekurow bringt. Es kam – als Offizier verkleidet – Dubrowksi und bot dem echten Deforges 10.000 Rubel an, falls er im Gegenzug seine Papiere aushändigen würde. Das entsprach mehr als dem dreifachen des ohnehin großzügigen Jahressalärs als Lehrer. Also willigt der echte Deforges ein und reist zurück. Dubrowski konnte nun in die Rolle des Hauslehreres schlüpfen.

  • Weiter in der Geschichte

Eines Tages offenbart sich der Hauslehrer gegenüber Maria, dass er in Wirklichkeit Dubrowski sei und das Gut verlassen müsse. Er leistet einen Schwur, Maria stets aus Schwierigkeiten zu helfen. Kurz darauf taucht der Polizeihauptmann auf und möchte ihn festnehmen. Dubrowski aber ist bereits über alle Berge. Im folgenden Sommer handelt Trojekurow mit einem anderen Nachbarn, dem alten Fürsten Werejiski, aus, dass dieser Maria (auch genannt Mascha) heiratet. Maria ist todunglücklich über diese Zwangsehe und wendet sich an Dubrowski. Dieser bittet Maria, den „Mut zu einer grausamen Auseinandersetzung“ zu haben. Sie zögert diese Auseinandersetzung jedoch zu lange hinaus. Als es soweit ist, beschließt der Fürst, die Hochzeit auf den kommenden Tag vorzuziehen. Sie möchte Dubrowski durch ein vereinbartes Zeichen um Hilfe bitten, das Überbringen dieses Zeichens geht jedoch schief. Als Dubrowski dann von der Hochzeit erfährt, überfällt er mit seinen Leuten den Tross mit der Hochzeitskutsche. Nochmal zu spät: Die Trauung hat bereits statt gefunden. Traurig fügt sich Dubrowski in das Schicksal.

Zum Ende der Novelle wird seine Räuberbande von einer Militäreinheit entdeckt und überfallen, die strategische Kühnheit Dubrowskis führt die Räuberbande zum Sieg. Reich geworden sollen die Räuber nun ein neues Leben anfangen. Dubrowksi selbst soll sich – Gerüchten zufolge – ins Ausland abgesetzt haben.

  • Gedanken dazu

Die Novelle entstand in den 1820er Jahren. Sie erschien erstmals 1841 – laut Vorwort „in einer von der Zensur verkürzten Fassung“. Das Motiv des edlen Räubers ist aus der Romantik gut bekannt, und auch Puschkins Dubrowksi überschlägt sich vor lauter Edelmut. Er verschont das Haus seines Feindes aus Liebe zu dessen Tochter. Der Text ist nicht immer leicht lesbar. Figuren werden oft namenlos eingeführt und zunächst ausführlich beschrieben. Später werden sie wie selbstverständlich mit ihrem Namen genannt. Deswegen musste ich ein paar Mal zurückblättern. Wenn man das mal verstanden hat, macht die Lektüre Spass. Empfehlenswert.

Ein schwerer Traum Nach der Katastrophe Der Heimkehrer begrüßt seinen todkranken Vater Das Geschacher um das Gut