Christopher Fielden „Ein Gläschen Port in Ehren“

Es gibt zwei Autoren mit Namen Christopher Fielden. Einer schreibt Kurzgeschichten, der andere ist als Weinautor bekannt. Von letzterem gibt es das Buch „Is this the Wine I’ve ordered?“, das sehr unironisch mit dem Titel „Der Weinbetrug“ ins Deutsche übersetzt wurde. In 13 Kapiteln erzählt Fielden Geschichten davon, dass Etikette und Inhalt nicht immer übereinstimmen. Hier schildere ich das Kapitel, das dem Portwein gewidmet ist. Laut Fielding könne man den Portwein nicht trinken, ohne seine Geschichte zu verstehen

Portwein
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Vorauszuschicken ist, dass es schon seit Jahrhunderten englische Handelsvereinigungen in Porto, Viana und Lissabon gab. Und dass England stets dann Frieden mit Portugal hatte, wenn mit Frankreich gerade Krieg war. Letzteres ist für die Geschichte des Portweins wichtig. Diese Geschichte beginnt im Jahr 1678. Der Import französischer Weine ist gerade mal wieder verboten. (Es war die Regierungszeit von Charles II und Louis XIV. Obgleich es der Regentschaft dieser beiden Herren nicht gerade an Episoden ermangelte, habe ich die konkrete Geschichte hierzu nicht recherchieren können).

Wie in diesen Situationen üblich, weichen englische Verbraucher auf portugiesische Weine aus. Zwei junge englische Weinhändler besuchen das Kloster Lamego. Es liegt im Tal des Duoro, 90 Kilometer flussaufwärts . Sie kosten dort einen besonders delikaten, süßlichen Wein. Der Abt erklärt, dass er vor der Gärung Branntwein zusetzt. Außerdem übersteht dieser Wein die Reise nach England besser als die säurehaltigen Weine. England ist also auf den Geschmack gekommen.

  • Das 18. Jahrhundert

1703 schließlich unterzeichnen die Briten und die Portugiesen den Methuen-Vertrag, nach dem britischen Botschafter in Lissabon benannt. Es ist ein Freihandelsabkommen, mit dem der portugiesische Markt für englisches Tuch und der britische Markt für portugiesischen Wein geöffnet wird.

1730 kam man darauf (auch hier gibt’s von Fielden keine Details), den Branntwein während der Gärung beizugeben, so dass der Wein noch süßer wurde. Somit hatte man den Wein gefunden, den der englische Markt nachfragte – süß und mit hohem Alkoholgehalt. (Danke an Low aus Hinterindien für die naturwissenschaftliche Beratung)

1754 ist die Nachfrage eingebrochen, weil die Qualität der Weine immer schlechter wurde. Die Händler beschweren sich bei der Kontrollbehörde in Regua. Die Winzer geben wiederum den Händlern die Schuld. Der Streit bleibt ohne Ergebnis, bis…

…1756. Dann erlässt der Marquis des Pombal – der zugegeben nach dem Erdbeben andere Sorgen hat – einige Verordnungen, die dem Weinhandel neuen Auftrieb geben. Zunächst werden die Anbauflächen begrenzt. Dann vergibt er der Oporto-Weinhandelsgesellschaft das alleinige Recht, Weine aus dem Duoro-Tal zu exportieren. Und sie darf als einzige Gesellschaft Branntwein destillieren. Schließlich muss der Branntwein auch aus einheimischen Trauben destilliert sein. Es muss Buch geführt werden über die Erntemengen. Tierdung als Düngemittel wird verboten. Und es müssen alle Holunderbäume gefällt werden. Holunder? Damit wird der Wein üblicherweise gefärbt.

Die Maßnahmen sind erfolgreich. Ende des 18. Jahrhunderts ist Portwein der „In-Drink“ in England. Wieder treten etliche Billighändler auf dem Markt.

  • Das 19. Jahrhundert

1829 erscheint ein Buch, das die üblichen Zutaten aufzählt: Rotwein, Branntwein und Farbstoffe. Und so kippt der Text nun in eine kleine Geschichte der Weinfärberei. Neben Holundersaft beliebt ist Berry-Drye, ein Saft aus deutschen Blaubeeren.

In der Zwischenzeit experimentiert seit 1812 ein gewisser George Sandeman in Vila Nova mit Branntweinen und findet eine lang haltbare und wohlschmeckende Mixtur aus Wein und Branntwein. Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht dann ein reger Tauschhandel zwischen beiden Ländern. Portugal importiert Branntwein aus England und exportiert die doppelte Menge Port.

Danach jedoch geht der Verkauf zurück. Grund ist vor allem eine schlechte Presse. Und die Färbereien, mit Schlehendorn, mit schwarzen Kirschen, und besonders mit Blauholz (Logwood). Letzteres wird auch heute noch als Farbstoff verwendet. Allerdings hat man die Portwein-Episode aus der Geschichte des Logwood gestrichen.

Der Hin- und Her-Export von Branntwein schließlich führte 1904 zur kuriosen C14-Affäre. Der auf verschlungenen Wegen durch halb Europa transportierte portugiesische Branntwein kehrte mysteriöserweise als Industriealkohol zurück und der damit gemischte Port war einer der grandiosesten Jahrgänge. So kann es auch gehen.

Auf jeden Fall „Zum Wohl“.

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Karte # 21: Amsterdam 1659: „The Coffee Trader“ von Daniel Liss

Das heutige Buch ist wieder ein historischer Roman. „The Coffee Trader“ von Daniel Liss erschien im Jahr 2003. Meine Ausgabe (Übersetzt von A. Carstens) ist das btb-TB von 2007 mit dem Titel „Der Kaffeehändler“ und 478 Seiten. Die Geschichte spielt in Amsterdam und beginnt am 13. Mai 1659.

  • Das Setup

Auf der Flucht vor der Inquisition wanderten etliche portugiesische Juden nach Amsterdam aus, wo sie in einem eigenen Stadtviertel, Vlooyenburg, wohnten. Aus den Erfahrungen mit der Inquisition haben sie einen eigenen Gemeinderat gegründet. Dessen mächtigstes Mitglied ist der Händler und Strippenzieher Parido. Auch die Hauptfigur Miguel Lienzo kam aus Lissabon nach Amsterdam, ebenso sein Bruder Daniel mit seiner Frau Hannah.

Das Buch ist aus einer doppelten Perspektive erzählt. Die Geschichte von Miguel Lienzo wird unterbrochen von Auszügen aus den Memoiren des Alonzo Alferonda. Miguel ist Händler und Börsenmakler. Er war mal mit Paridos Schwester verlobt, ließ sich aber mit ihrem Hausmädchen erwischen, was ihm die Feindschaft Paridos einbrachte. Auch Alonzo Alferonda war Händler, bis Parido dafür sorgte, dass er aus der Gemeinde ausgeschlossen wird. Seither schlägt er sich als Wucherer durch, verleiht Geld und wartet auf eine Gelegenheit, sich an Parido zu rächen. In diesem Dreieck Parido – Miguel – Alonzo spielt die Geschichte.

  • Die Börse

Miguel handelt mit Warenterminkontrakten, die zum 20. jeden Monats zu einem aktuellen Preis abgerechnet werden. Früher war Miguel auf den Zuckerhandel spezialisiert. Der Zuckerpreis fiel eines Tages ins Bodenlose, Miguel verarmte und muss nun bei seinem Bruder Daniel wohnen, bei dem er auch sonst in der Kreide steht. So wie es aussieht, wird Miguel mit Terminkontrakten auf Weinbrand wieder viel Geld verlieren. Parido weiß um Miguels Verlustposition und vermittelt Kontakt zu einem Franzosen, der bereit ist, die Kontrakte abzukaufen. Die Börse wird als sehr modern geschildert. Es gibt Intradayhandel, Terminhandel und Settlementfragen (also dass das Geschäft auch bezahlt und beliefert wird).

  • Die Geographie

Der Ort, um den sich alles dreht, ist die Börse. Sie war ein von Tribünen umgrenzter, nicht überdachter Platz am Dam. Die Glocken der Nieuwe Kerk sind zu hören. Von hier aus geht es über die Warmoesstraat nach Börsenschluss in die Kneipen. Die eingewanderten Juden wohnen in Vlooyenburg, ihr privater Aufenthaltsbereich reichte bis an den Nieuwe Markt, an dessen Südgrenze eine Waage stand. Der Voorburgwal, den Hanna einmal durchquert, ist also „verbotenes“ Terrain. Über die Heerengracht, Keizersgracht und Prinsengracht hinweg kommt man zu dem Viertel Jordaan. Es wird neu gebaut, überall ist der Lärm von Handwerkern zu hören. Das Gefängnis ist am Heiligeweg. Insgesamt wird Amsterdam als aufstrebende Stadt beschrieben. Reger Handel, auch aus heutiger Sicht modern wirkende Usancen und wirtschaftliche Dynamik bestimmen das Bild.

  • Der  Kaffeedeal

Eine holländische Freundin, Gertruid Damhuis, bietet Miguel einige Tassen Kaffee an. Zu dieser Zeit ein exotisches Getränk, das in kleinen Mengen gehandelt wird. Gertruid entwirft ihm den Plan, den Kaffeehandel in Amsterdam auszubauen und zu kontrollieren.

Um an das nötige Kleingeld zu kommen (Erinnerung: Miguel ist pleite wegen der Zuckergeschäfte) handelt Miguel auf einen Tipp Alonzos hin Walfischtrankontrakte.  Er kauft zur Eröffnung und verkauft am gleichen Tag mit großem Gewinn wieder. Der Erfolg macht Miguel mutiger, das Kaffeegeschäft zu planen. Er nimmt Kontakt zu Isaiah Nunez auf, der wiederum gute Verbindungen zur Ostindien-Compagnie hat. Die beiden wollen unter größtmöglicher Geheimhaltung 90 Tonnen Kaffee nach Amsterdam bringen. Nach Ankunft des Schiffes würde der Preis fallen und Miguel einen Gewinn bescheren. Gleichzeitig würden Gertruids Mittelsmänner den Kaffee zu den nun gefallenen Preisen aufkaufen. Der Preis würde soweit steigen, dass der weitere Kauf von Kaffee unrentabel wird. Damit hätten Miguel und Gertruid ein Monopol – genauer: einen Corner – errichtet.

Nunez will natürlich für die Schiffsladung Kaffee Geld sehen. Kein Problem, denn Miguel hat ja gerade bei Walfischtran gewonnen. Doch ein Problem: Das Geld aus dem Gewinn ist noch nicht da. Stück für Stück stellt sich heraus, dass der einflussreiche Parido überall seine Finger drin hat. Alonzo schließlich klärt den Leser auf, dass es Daniel ist, der seinem Bruder das Geld aus dem Walfischtrangeschäft schuldet.

  • Die Suche nach Verbündeten

Auf der Suche nach weiteren Verbündeten kauft Miguel den stadtbekannten Bettler Johann Wagenaar aus dem Zuchthaus, dem Rasphuis, frei.

Trotz aller Widerstände geht das Kaffeegeschäft voran, weil Gertruid sich stark engagiert. Aber sie wird immer mysteriöser. Sie schießt Geld in den Handel, dessen Herkunft unklar ist. Sie treibt sich in zwielichtigen Kneipen herum, wo sie Gerüchte über ankommende oder untergegangene Schiffe verbreitet.

Miguel hat nicht genug Geld, deswegen fälscht er eine Bürgschaft seines Bruders. Dann entsteht das Gerücht, dass das Kaffeeschiff umgeleitet wurde. Die Lieferung würde sich um ein Jahr verspäten. Miguels Verkaufsoptionen würden wertlos. Der Bettler Johann Wagenaar taucht plötzlich gut gekleidet bei Miguel auf und fragt ihn über seine Geschäfte aus. Er wurde von Parido gekauft. Dann jedoch beginnt er, für eigene Rechnung zu arbeiten und verbündet sich wieder mit Miguel. Er erzählt, dass der Kaffee zwar auf jeden Fall pünktlich kommt. Allerdings auf einem Schiff, das Parido gehört. Daniel feuert seine Haushaltshilfe Annetje, die – wie sich herausstellt – Daniel und Miguel für Alonzo ausspioniert hat. Alonzo bezahlt Annetje, damit sie Miguel erzählt, sie stehe in Diensten Gertruids.

  • Die Schlacht

Schließlich ist wieder Abrechnungstag. Der Kaffeepreis ist hoch. Miguel ist Long, hält Puts und will billig wieder Long gehen. Parido, sein mächtiger Gegenspieler hält Calls und hat die Ware unter Kontrolle. Die Glocke läutet. Die Schlacht beginnt. Der Preis schließt nach heftigen Kursbewegungen auf Tagestief. In den Tagen danach kehrt jeder seine Scherben zusammen. Miguel hat viel Geld gewonnen, Gertruid ausgebootet und seinem Bruder die Frau ausgespannt. Parido hat viel Geld verloren. Zwei lange Gespräche, eines mit Gertruid und eines mit Alonzo bringen Miguel die ganze Wahrheit aller Intrigen ans Licht. Es war ganz anders, als er vermutete. Der Gewinn hat Miguel gesellschaftlich rehabilitiert, aber einsam gemacht.

  • Bemerkungen über das Buch

Das Buch lässt sich nicht so recht in ein Genre stecken. Krimi? Dazu fehlen die typischen Spannung schaffenden Elemente. Bis auf ein paar Kneipenschlägerein gibt es auch keine Gewalt, erst recht keine Leiche. Historischer Roman? Die Atmosphäre der Zeit wird nicht dicht genug geschildert. Am ehesten geht das Buch als psychologischer Roman durch.

Die Beziehungen zwischen den Personen verändern sich ständig. Wer steht in wessen Diensten? Wer schlägt Finten? Es gilt, immer wieder zu sortieren und überlegen. Wer ist vertrauenswürdig und wer nicht. Koalitionen ändern sich, Verdachtsmomente ändern sich. Geschäftliche Interessen gehen vor persönlichen Interessen, und manchmal ist es umgekehrt. Wieweit darf man einem Gerücht glauben, wer profitiert von ihm und wer hat schon profitiert? Diese ständige Veränderung im Beziehungsgeflecht ist es, was das Buch spannend macht.

Und der Autor bringt die Angst und die Gier auf den Punkt, die sich angesichts von Kursentwicklungen einstellen. Wie weit darf man einem steigenden Kurs zuschauen, bis man aussteigt? Wie schnell muss man bei einem fallenden Kurs abstoßen, welche Kursentwicklungen sind kurzfristig, welche sind von Dauer? Das Fieber, das in wenigen Stunden über Reichtum und Armut entscheidet, kommt rüber, und zwar besser als im Film „Wall Street“.

Letztendlich bietet das Buch dem ökonomisch interessierten Leser einige Themen, die es in die schlüssig erzählte Geschichte einbindet.

Lesenswert.

Die Amsterdamer Börse

Der Dam in Amsterdam

Den Markt über einen Corner kontrollieren

Kaffeegeschichte