Lissabon 1506 – „Der Kabbalist von Lissabon“ von Richard Zimler

Das heutige Buch ist ein Historischer Roman. Das Buch „Der Kabbalist von Lissabon“ des amerikanisch-portugiesischen Autors Richard Zimler erschien 1996 auf Portugiesisch und Englisch (in beiden Sprachen vom Autor verfasst), 1999 auf Deutsch. Das rororo-TB hat 429 Seiten und ein Glossar. Die Handlung beruht auf einem tatsächlich in Konstantinopel gefundenen zeitgenössischen Manuskript. Sie basiert also im Kern auf Tatsachen.

Die Geschichte führt uns ins Lissabon des Jahres 1506. Zehn Jahre zuvor hatte König Manuel auf Druck Spaniens die portugiesischen Juden zur Konversion gezwungen. Sie sind nun „Neuchristen“. Einige von ihnen praktizieren ihren Glauben in geheimen kabbalistischen Zirkeln weiter.

  • Lissabon 1506 und seine Stadttore

Wie nähert man sich dem mittelalterlichen Lissabon, das zudem nach dem Erdbeben 1755 komplett umgestaltet wurde? Eine Möglichkeit: Kirchen. Eine andere, ungewöhnliche: Stadttore. Der Protagonist geht ständig aus der Stadt raus und wieder rein. Dabei muss er sich mit den Besatzungen der Stadttore auseinander setzen. So kommt bei der Lektüre eine Liste der Tore des alten Lissabon zustande. Das sind im Uhrzeigersinn von Westen nach Osten:

  1. Porta Santa Catarina (Richtung Belem)
  2. Porta Sant’Ana
  3. Maurentor
  4. Porta Do Sao Lorenzo
  5. Porta de Sao Vincente
  6. Porta das Monges nach Osten
  7. Porta Santa Cruz ebenfalls Osten Richtung Santa Iria
  8. und Porta do Chafariz dos Cavalos vom Fluss her kommend.

Die Schilderung der vielen Stadttore zeigt, dass der Held des Buches ganz ordentlich unterwegs ist, übrigens ausschließlich zu Fuß, von einer Bootsfahrt abgesehen.

  • Worum geht es?

Der Held ist Zarco Berekia, lebt mittlerweile (1522) in Konstantinopel und erzählt im Rückblick seine Geschichte und die seines Onkels Abraham. Die beiden gehören zu den besagten Neuchristen.

Berekia ist Obsthändler, sein Laden liegt in der Alfama an der Rua Sao Pedro, Ecke Rua da Sinagoga. Abraham stellt in seinem Keller wertvolle – und verbotene – Bücher her.

Seit 11 Monaten hat es nicht mehr geregnet. Die Pest fordert viele Todesopfer. Friedhöfe reichen nicht mehr aus, Wölfe ernähren sich von den Leichen. Die allgemeine Stimmung in der Stadt ist gereizt.

Ein Bekannter, der Drucker Diego, rettet sich verwundet zu Berekia. Schnell wird er ins neue Krankenhaus in der Nähe des Rossio gebracht. Wenige Tage später findet Berekia seinen Onkel im Keller seines Hauses ermordet, neben ihm die Leiche einer unbekannten jungen Frau. Die Truhen des Onkels sind durchwühlt. Ein wertvolles Buch fehlt. Schnell ist klar: Die Identität des Mädchens und der Verbleib des Buches sind die Schlüssel zur Aufklärung des Doppelmordes. Außerdem findet Berekia Hinweise dafür, dass der Mörder ein Bekannter seines Onkels sein müsste, möglicherweise einer aus dem kabbalistischen Zirkel.

Berekia erstellt eine Liste der möglichen Verdächtigen. Dabei hilft ihm Farid, Moslem und Freund aus Kindheitstagen. Farid ist von Geburt an stumm und selbst auf der Suche nach seinem verschollenen Vater. Farid versorgt Berekia mit unverdächtiger Kleidung,

  • Von der Alfama bis zum Rossio

Auf dem Weg zu dem ersten Verdächtigen, dem Schneider Salomon, begegnen Berekia ein paar hundert Bauern mit geschulterten Sensen. Sie laufen die Rua da Sinagoga hinunter zum Fluss. Berekia biegt in die Rua de Sao Pedro und sieht Rauch am westlichen Himmel über dem Zentrum der Stadt. Vor der Kathedrale kommen ihm schreiende Frauen entgegen. Er biegt in die Rua dos Duradores ein, von dort in die Rua Nova del Rei (das ist die heutige Rua de Comercio). Ein Nachbar sagt, Dominikaner haben Salomon abgeholt. Dann sieht Berekia, wie immer mehr Rauch über dem Rossio aufsteigt.

Der Rauch kommt von den Scheiterhaufen. Ein lynchender Mob tobt in den Straßen der Stadt, zerrt alle Neuchristen, deren er habhaft werden kann, auf die Scheiterhaufen. Die Scheiterhaufen brennen drei Tage lang. Tagsüber versteckt sich Berekia außerhalb der Stadttore, einmal in Santa Iria, einmal am Mandelhof, zwei Meilen östlich der Stadt, wo auch der jüdische Friedhof liegt.

  • Belem und Benfica

Berekia findet die Identität des Mädchens heraus, sie ist aus Belem, die Spur führt aber ins Leere. Dann trifft er einen gewissen Dom Miguel, der seine Reitställe in Benfica hat. Er besucht ihn dort, jenseits der Kalksteinbrüche von Campolide mit ihren vielen Sklavenarbeitern.

Zwischenergebnis der Ermittlungen: Der ermordete Onkel schmuggelte wertvolle Bücher nach Spanien. Sein bisheriger Schmuggelkurier hat ihn betrogen. Der könnte der Mörder sein. Aber wer war dieser letzte Kurier?

Im Estaus-Palast – der Adelsabsteige der Stadt – residiert ein gewisser Graf von Almeira, der anscheinend alte Handschriften kauft wie auch verkauft. Berekia und Farid suchen ihn auf. Von dort gibt es eine weitere Spur, eine Frau, die alle Esther nennen. Berekia und Farid finden sie. Sie offenbart, die Bücherschmugglerin zu sein und erzählt: Diego hat sie erpresst, die Bücher herauszurücken, um als Gegenleistung ihre jüdische Herkunft zu verschweigen. Sie versuchte, Diego zu ermorden (siehe den Romananfang oben). Aber den Onkel Abraham, den hat sie nicht ermordet.

Diego schließlich gesteht den Mord an Onkel Abraham und der jungen Frau. Motiv: Diego hatte in Spanien Neuchristen an die Inquisition verraten und dafür Geld kassiert. Die Neuchristen kauften sich dann von der Inquisition wieder frei. Onkel Abraham wußte davon. Als sie sich in Lissabon wieder begegneten, ermordete Diego Onkel Abraham, um seine Verbrechen in Spanien zu vertuschen. Diego wiederum fällt nach dem Geständnis einem von Berekia und Esther eingefädelten Attentat zum Opfer.

  • Bemerkungen

Der Autor neigt zu drastischen Schilderungen der Grausamkeiten. Andererseits erzählt er die Beziehung zwischen Berekia und Farid sehr sensibel: Die beiden unterhalten sich stets in Gebärdensprache. Ihre Dialoge werden spannend und bildhaft erzählt.

Das Tempo der Handlung beeindruckt. Der Roman ist geprägt von Bewegung. Berekia lebt „eine Woche ohne Schlaf und Nahrung“, sammelt immer neue Details, setzt die Informationen immer neu zusammen, sucht weitere Leute auf, verbirgt sich aus Angst vor dem Mob, findet Misstrauen allerorten, flieht über Nacht, kommt am nächsten Morgen zurück. Jeder Weg aus der Stadt führt im nächsten Schritt wieder in die Stadt, in der sich die Lage von Stunde zu Stunde verändert.

Die Handlung ist auf die Stadt Lissabon und auf den Zeitraum von einer Woche begrenzt und damit unglaublich kompakt erzählt. Das Buch ist durchgehend spannend und schlüssig, was bei über 400 Seiten nicht der Normalfall ist. Lesenswert.

Karte # 7: Köln um 1300. Mit und ohne Bier

Ecce Colonia.

 

  • Das Setup

Im vorigen Beitrag hat Niklas das Brauerhandwerk gelernt und zog über mehrere Stationen nach Bitburg. Dort erlangte er Bürgerrechte. Mit all diesen Erfahrungen erfüllt er sich nun seinen Traum, sich in Köln als Brauer nieder zu lassen. Von den Erlebnissen in Köln und danach handelt dieser Beitrag, quasi als Fortsetzung des Beitrags von letzter Woche.

  • Die Geschichte

Niklas findet schnell ein Haus für seine Braustube. In Köln werden meist Kräuterbiere gebraut. Auch besondere Spezialitäten wie Honigbiere. Hopfenbiere sind unbekannt. Also läßt sich Niklas den Hopfen aus der Gegend von Bitburg (siehe Teil 1) kommen. Als nächstes will er Albertus Magnus besuchen, der ist aber schon zwei Jahre zuvor gestorben. Mit Bierspenden erkauft sich Niklas die Erlaubnis, den Kräutergarten von Albertus Magnus pflegen zu dürfen. Dort experimentiert er mit Hopfenpfanzen. Die Ergebnisse kann er dann in Holsthum umsetzen.

Er freundet sich mit dem Buchhändler Rosenzweig an, dessen Söhne in seiner Brauerei aushelfen. Bei einer Feuersbrunst im Judenviertel sterben Herr und Frau Rosenzweig. Niklas nimmt sich der beiden Söhne an.

Auf seiten der Kölner Bürger nimmt Niklas – gemeinsam mit den anderen Brauern der Stadt – an der Schlacht von Worringen teil, am 5. Juni 1288.

Bereits im Jahr zuvor starb ein Papst – Honorius IV. Das folgende Konklave war eines der längsten der Geschichte. Nach fast einem Jahr wurde ein Franziskanermönch gewählt, Nikolaus IV. Der neue Papst weiß ein gutes Bier zu schätzen. Der Kölner Erzbischof (Siegfried von Westerburg) hat von dieser Vorliebe erfahren. Um sich mit dem Papst zukünftig gut zu stellen, möchte Siegfried ihm das beste Bier Kölns schicken. Er entscheidet sich für Niklas‘ Bier. Der Papst ist so begeistert, dass er Niklas einlädt, im Vatikan zu brauen. Niklas lehnt ab, sendet jedoch regelmäßig Bier nach Rom. Im Sommer 1291 bekommt der Papst Durchfall. Niklas wird beschuldigt, schlechtes Bier geliefert zu haben. In einem Prozess vor einem Schöffengericht der Stadt wird er von diesem Vorwurf freigesprochen. Man entscheidet, dass das Bier auf der sechswöchigen Reise im Sommer unterwegs verdorben ist.

Im April 1292 stirbt Papst Nikolaus IV. Bier hat damit nichts zu tun.

Der erste Weihwasserautomat wird erfunden. Nach dessen Vorbild lässt sich Niklas einen Bierautomaten anfertigen. Schnell entsteht der Vorwurf, dass der Automat Trunkenheit fördere und auch den Verkauf von Alkohol an  Kinder zulassen würde. Also wird der Automat wieder abgeschafft.

Niklas hat sich nun unter den Kölner Brauern etabliert und versorgt die Dombaustelle mit Bier. Die Freundschaft mit dem Dombaumeister nutzt er für Werbezwecke. Er vereinbart, dass er auf dem Altargemälde als Apostel Thomas erscheint. Seinen Konkurrenten Bodo läßt er als Teufel malen. Ein Jahr später – es ist 1307 – geht das Altargemälde in Flammen auf. Bei Bodo gibt es tagelang Freibier.

Niklas‘ Tochter Agnes Maria erkrankt an Blattern. Sie überlebt zwar, ist jedoch teils gelähmt und verbringt den Rest ihres Lebens im Kloster Ebstorf. Niklas besucht sie mehrmals, und eines Tages reist er weiter nach Lübeck.

  • Pause

Zur Pause gibt es heute einen malzig schmeckenden irischen Whiskey aus Niklas‘ nun folgender Reise.

  • Weiter

In Lübeck, der Hauptstadt der Hanse, lernt Niklas, wie Malz aus verschiedenen Getreidesorten verschnitten wird. In Lübeck gibt es wiederum nur Kräuterbiere. Die Konkurrenz aus England ist groß, denn dort wurde ein Hopfenbier – das Ale – erfunden und wird exportiert. Niklas erhält die Erlaubnis, seine haltbaren Hopfenbiere im Namen der Hanse zu verkaufen und macht Geschäfte mit Händlern in Brügge und Antwerpen.

Nun betreibt Niklas für einige Jahre gute Geschäfte, die ihn zu einem reichen Mann machen. Im Frühjahr 1310 bricht er nach London auf, um sich mit dem dortigen Bier zu befassen und neue Geschäftsmöglichkeiten zu erkunden. Er lernt dort auch den wichtigsten Konkurrenten des Bieres kennen. Engländer destillieren aus so ziemlich allem Schnäpse. Auch aus Malz. Deswegen ist das uishe beatha, für Niklas besonders interessant.

Im Herbst 1310 fährt er zurück nach Köln. Ihm kommen beunruhigende Nachrichten entgegen, die zur traurigen Gewissheit werden: Während seiner Abwesenheit zogen Kölner Bürger brandschatzend durch das Judenviertel. Auch Niklas‘ Brauerei wurde zerstört. Der Mob ermordete die jüdischen Brauerjungen. Die Stadt Köln geht unangenehm schnell zur Tagesordnung über.

Niklas ist ein gebrochener Mann. Er zieht ins Kloster Urbrach, wo er sein Leben auf Papier – auch so eine neue Erfindung – niederschreibt und 1326 stirbt.

Dem Buch angehängt ist ein langer Epilog. Der Autor beschreibt dort den historischen Rahmen des Romans, und er wird so zu einem Nachschlagewerk.

  • Gedanken

Es ist weniger ein historischer Roman als ein Wissenschaftsroman. Die Handlung dreht sich um technischen Fortschritt. Die Produktionsmethoden von Bier werden immer weiter rationalisiert, das Bier geschmacklich verfeinert und haltbarer. Der Autor versteht es, seinen Helden an allen wichtigen Entwicklungen der Zeit teilhaben zu lassen. Der Leser nimmt an mehreren Revolutionen teil: Der Erfindung de Hopfenbieres, der Haltbarmachung des Hopfens, der Erfindung des Kühlschiffchens. Und auch wichtige gesellschaftliche und politische Ereignisse werden in die Handlung eingebunden, von der Entstehung eines Festes zu Beginn der Fastenzeit bis hin zu Kaiserkrönungen, wenn ein Tross mal kurz auf ein paar Fässer Bier vorbeischaut.

Das alles geschieht unspektakulär und wie zufällig. Daraus zieht der Roman seine Spannung. Der Aufbau des Buches, erst die Technik des Bierbrauens, danach die gesellschaftlichen Entwicklungen der Epoche einzubinden, sind für den Leser plausibel. Das Erscheinen des bösen Inquisitors erscheint jedoch aufgesetzt, und auch die Familiengeschichte ist für die Handlung nicht wichtig. Aber gerade das macht den Roman erfrischend anders.

Hier nochmal die Umgebungskarte.

Die Schlacht von Worringen

Siegfried von Westerburg

und nochwas zur Industriellen revolution des Mittelalters