„Das Totenschiff“ von B. Traven

Das Totenschiff Cover

Den Beitrag über „Das Totenschiff“ habe ich vor knapp einem Jahr veröffentlicht. Nun gibt es zu diesem sehr lesenswerten Buch auch die Karte.








Das Totenschiff
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StepMap Das Totenschiff



Der Roman „Das Totenschiff“ des geheimnisumwitterten Schriftstellers B. Traven hat 227 Seiten. Das Buch spielt im Jahr 1926 und handelt in drei Teilen von den sehr speziellen Erlebnissen des amerikanischen Matrosen Gales. Er ist der Ich-Erzähler und hat im Buch keinen Vornamen.

  • Teil 1 spielt an Land.

Gales hat auf dem Frachter „Tuscaloosa“ angeheuert. Ein Landgang in Antwerpen, eine Hafenhure, und schwupps: Er versäumt das Auslaufen seines Schiffes. Ohne Papiere, Geld und Gepäck beginnt für ihn eine Odyssee durch Europa. Die fehlenden Papiere sorgen dafür, dass er überall als Staatenloser angesehen wird. Folglich wird er aus jedem Land in das nächste abgeschoben. Die Polizei Antwerpens zeigt ihm, wie er nach Rotterdam kommt, die niederländische Polizei setzt ihn in einen Zug nach Paris, der dortige amerikanische Konsul glaubt ihm seine Geschichte nicht. Gales muss mit dem Zug weiter über Limoges nach Toulouse. Dort wird er wegen „Eisenbahnbetruges“ (so hieß wohl Schwarzfahren früher) verhaftet. Da er mitbekommen hat, dass Amerikaner schlecht angesehen sind, gibt er sich als Deutscher aus. Er sitzt seine Strafe ab und zieht weiter. Eine Bauernfamilie gibt ihm Unterschlupf. Es entstehen amüsante Dialoge. So muss er seinen Gastgebern in Frankreich einmal von Deutschland erzählen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er sagt, er sei aus Südfalen, „da, wo die Hochöfen sind, in denen Königsberger Klopse geschmolzen werden“. Später will er weiter nach Spanien. Kurz vor der Grenze wird er einer französischen Festungsbesatzung inhaftiert und zum Tode verurteilt.

Er wird von einem französischen Offizier verhört. Seiner Schlagfertigkeit verdankt er es, dass er nach Spanien abgeschoben wird. Gales wird aufgegriffen und mit einer Menge Wein und Käse wieder aufgepäppelt. Von Barcelona aus fährt er später kurz nach Marseille, weil er dachte, dass dort amerikanische Schiffe liegen. Dem war aber nicht so. Enttäuscht geht er wieder zurück nach Spanien, wo er faulenzend zwischen Cadiz und Sevilla pendelt.

Während er nun im Hafen von Cadiz beim Angeln sitzt („Angeln ist gelebte Philosophie“), bemerkt er ein altes Schiff, die „Yorikke“. Sie schrammt am Kai entlang. Sie wurde schon häufig umbenannt und umgeflaggt. Die Mannschaft ist schlecht ernährt. Der Kapitän „ein Esel. Die Yorikke war viel intelligenter als ihr Kapitän.“ Die Mannschaft entdeckt Gales und überredet ihn, mitzufahren. Nach Liverpool.

Ende Teil 1

  • Teil 2 spielt auf See an Bord der „Yorikke“

Die Fahrt auf der „Yorikke“ beginnt konfliktreich. Gales gibt sich nun nicht mehr als Deutscher aus, sondern als Ägypter. Gales nennt sich nun Pippip, wird als Kohlenzieher eingeteilt, erfährt, dass das Schiff nicht nach Liverpool fährt, zumindest nicht jetzt, und Heuer bekommt er erstmal auch nicht. Der Kohlenzieher – er wird auch Kohlenschlepp genannt – muss dem Heizer die Kohle bringen. Mit den Kohlen hält der Heizer die neun Feuer im Schiff auf Flamme. Die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich, 12-Stunden-Schichten als Kohlenzieher, direkt anschließend 4 Stunden Wache und wieder eine lange Schicht als Kohlenzieher. Die Körper der Matrosen sind gezeichnet, die Arme voller Brandwunden, Hautfetzen hängen herab. Die Matrosen waschen sich mit Asche und Sand. Mehrere Kapitel lang beschreibt Traven, wie sein Körper immer mehr zerschunden wird. Er beobachtet seine Kollegen bei ihrer Arbeit, an der sie langsam zerbrechen. Einige sind bereits Toten gleich.

Die „Yorikke“ legt in Marokko an, sie wird mit Kisten voll Pflaumenmus beladen. Gales öffnet eine Kiste und stellt fest, dass in den Musgläsern Munition versteckt ist. Nach und nach findet er heraus, dass das Schiff zum Waffenschmuggel dient. Er freundet sich mit seinem Kohlenzieher-Kollegen an. Stanislaw Koslowski ist in Posen geboren, dann jahrzehntelang auf Schiffen gefahren. Nach dem Weltkrieg wurde Posen polnisch, jedoch hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, zu „optieren“, also aus freien Stücken die deutsche Staatsangehörigkeit zu behalten. Stanislaw war zu dieser Zeit auf See. Als er später einen Pass haben möchte, bekommt er von den deutschen Behörden keinen, da er in ihren Augen Pole ist, von den polnischen Behörden keinen, da er in deren Augen  Deutscher ist. Auf einer deutschen Behörde bekommt er schließlich einen Pass als „Staatenloser“. Damit kann er auf keinem guten Schiff anheuern, da er hierfür eine Staatsangehörigkeit benötigt. Also kam er auf die „Yorikke“. Auf ihr fahren viele Seeleute ohne Pass, die für alle Länder als Tote gelten, und deren Tod niemand bemerken oder betrauern würde. Sie können in keinem Hafen abmustern, denn dazu wären Papiere nötig, die ein Heimatland ausweisen. Das weiß auch der Skipper und enthält den Seeleuten die Heuer vor.

Das Schiff fährt weiter nach Tripolis und dann nach Dakar, wo die Mannschaft tatsächlich an Land gehen darf.

Ende Teil 2

  • Der kurze Teil 3 spielt an Bord der „Empress of Madagascar“

Stanislaw und Gales wollen auf der „Empress of Madagascar“ anheuern, weil sie neu aussieht. Sie erkundigen sich auf anderen Schiffen nach ihr und schnell wird klar, dass das Schiff für einen Versicherungsbetrug benutzt werden soll. Damit wird den beiden klar, dass sie doch besser  nicht auf die „Empress“ gehen. Sie werden jedoch „shanghait“ und landen als Heizer auf dem Schiff. Nach kurzer Zeit läuft die „Empress“ auf ein Riff auf. Teile der Mannschaft – besonders die Offiziere – gehen in die Rettungsboote, ein anderer Teil bleibt an Deck. Eine große Welle reißt die „Empress“ vom Riff los. Stanislaw beginnt zu halluzinieren und springt ins Meer, wo er ertrinkt. Gales gehört zu den wenigen, die gerettet werden.

  • Bemerkungen

Teil 1 ist amüsant und satirisch geschrieben, Teil 2 ist dramatischer und tragischer. Er stellt die Grausamkeit des Schiffes anschaulich dar, die schrecklichen Arbeitsbedingungen, Betrug, aber auch Freundschaft. Wie schon erwähnt, spielt die Handlung im Jahre 1926, der vergangene Erste Weltkrieg ist allgegenwärtig. Die Inflation wird ebenso thematisiert wie die Bildung der Nationalstaaten, die das Phänomen der Staatenlosigkeit nach sich zog. In dem kurzen Teil 3 sinkt das Schiff in einer bildhaften und dramatischen Schilderung.

Eine interessante Fußnote des damaligen Zeitgeistes sind die Anmerkungen Gales‘ über Spanien. Er erlebt dort zum ersten Mal in seinem Leben eine riesige Demonstration. Ursache war der Wunsch der Regierung, ein neues Meldegesetz einzuführen. Der Roman ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur, reicht jedoch weit darüber hinaus. Er ist von politischen und sozialkritischen Noten durchsetzt, die stimmig in die Handlung und die Personen eingebaut wurden.

Karte # 30 a und b: Paris 1984 – „Die Taube“ von Patrick Süskind

Die Erzählung „Die Taube“ von Patrick Süskind erschien 1987. Ich habe die Erstauflage von Diogenes mit 100 Seiten.

Jonathan Noel ist Wachmann einer Bank in Paris, in der Rue de Sèvres. Er ist über 50, macht den Job seit 30 Jahren, bekommt 3.200 Francs im Monat. Er hasst nichts mehr, als Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Leben verläuft ereignislos, sein Alltag bewegt sich immer in den gleichen Bahnen.

  • Der tägliche Weg

Er wohnt in einem Zimmer in der Rue du Planche. Er legt den Weg zwischen Zimmer und Arbeitsplatz zu Fuß zurück. Er geht immer den gleichen Weg nach Hause. Von der Bank an der Rue de Sèvres aus nach rechts in die Rue Du Bac und von dort in die Rue du Planche.

Eine Ausnahme gab es, und zwar in einem Herbst in den 60er Jahren. Das kam so: Einmal im Monat geht er zum Postamt in die Rue Dupois. Er zahlt dort seine Stromrechnung. Damals musste Jonathan auf dem Weg zur Post mit ansehen, wie ein Clochard auf der Straße sein Geschäft verrichtete. Angeekelt kann er nicht an ihm vorbei gehen und nimmt daher einen Umweg nach Hause, über die Rue du Cherche Midi und den Boulevard Raspail. Die Karte zeigt, dass sich Jonathans Leben in einem Umkreis von 300 Metern abspielte.

Taube
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  • Der Vormittag

Den immer gleichen Weg nimmt Noel auch am Tag der Geschichte, einem Freitag im August 1984. Dieser Tag verläuft dann jedoch völlig anders als alle anderen Tage zuvor. Wegen der Taube. Die sass nämlich im Treppenhaus und hatte die Fliesen verunreinigt. Er steigert sich gedanklich in Fantasien hinein, in denen die Taube völlige Anarchie in dem Haus ausbrechen ließe. In der Hitze dieser Fantasien packt er seinen Hausstand zusammen und geht mit Koffer und Winterklamotten zur Arbeit.

Den ganzen Vormittag über ist Jonathan unruhig. Seine Bewegungsabläufe verändern sich (sitzen – aufstehen – 7 Schritte nach links – 7 Schritte nach rechts – das passiert in einer anderen Reihenfolge). Dann muss der Fahrer des Direktors hupen, damit Jonathan ihn bemerkt und das Rolltor öffnet. Das ist peinlich und noch nie passiert.

  • Erledigungen in der Mittagspause

Was ein Glück ist irgendwann Mittagspause. Jonathan nutzt die Zeit, um sich in der Rue Saint-Placide in einem Hotel ein Zimmer zu mieten (50 Francs die Nacht). Im Kaufhaus Bon Marché kauft er sich dann eine Rosinenschnecke und eine Tüte Milch, setzt sich auf eine Parkbank im Square Boucicaut und vespert. Auf dem Rückweg zur Bank fällt ihm ein, dass er den Milchbeutel nicht in einen Papierkorb geworfen hat. Er geht zurück und holt das nach. Dabei reißt ihm die Hosennaht. Also geht er zur Schneiderin in Kaufhaus. Die hat aber so viele Aufträge, dass die erst in 3 Wochen Zeit für Jonathans Hose hat. Jonathan kauft sich eine Rolle Tesafilm und sitzt sehr unbequem den Rest des Nachmittags auf seinem Platz.

  • Der Nachmittag

Nun kann er sich nicht mehr bewegen, was er zunächst als unangenehm empfindet. Völlig durchgeschwitzt gibt er sich wieder Untergangsphantasien hin. Er will die frechen Kellner im Café gegenüber verprügeln. Er will auf die schmutzigen und lauten Autos in der Rue de Sèvres schießen (als Wachmann trägt er eine Waffe). Er bekommt einen solchen Hass auf alles und jeden, dass er wild m sich schießen will. Die Vorstellung, diese Macht zu haben, versteinert ihn. Dann wird ihm klar, dass er dazu gar nicht fähig wäre. Er ist ein Dulder, kein Täter.

Solchen Gedanken nachhängend verbringt er den Nachmittag. Irgendwann kommt wieder das Auto des Direktors. Er bemerkt es rechtzeitig und – als löste das Hören des Motors alle weiteren Bewegungen in ihm aus – öffnet er das Rolltor. Er hält sich nun für eine „Marionettenmaschine“.

  • Ein großer Spaziergang am Abend


Wieder hat er Glück: Es ist Feierabend. Doch Jonathan geht nicht nach Hause. Er durchwandert Paris: Rue de Sevres – Rue de Abbé Grégoire – Rue de Vaugirard. Von dort in den Jardin du Luxembourg, den er dreimal umrundet (außen, wo die Jogger laufen). Weiter über den Boulevard de Montparnasse zum Friedhof von Montparnasse. Dann geht er – die Straßen werden nun nicht mehr genannt – ins 15. Arrondissement, die Seine entlang ins 7. und ins 6. Von dort aus wieder Richtung Jardin du Luxembourg. Es ist 9 Uhr abends, die Rue de Vaugirard ist wenig befahren, er bekommt Hunger. Beim Tunesier in der Rue d’Assas kauft er Ölsardinen, Brot und eine Birne und kehrt ins Hotel zurück. Es sind über 17 Kilometer.

Nachts dann noch ein Gewitter, der nächste Morgen – eine Katze huscht am Kaufhaus vorüber – er geht durch die Pfützen, die der Gewitterregen zurück liess in die Rue du Planche. Die Taube ist weg. Ein Putzlumpen liegt zum Trockenen auf den Kacheln.

So ist das.

  • Bemerkungen

Der Reiz der Geschichte liegt in ihrer Absurdität. Ins Absurde gesteigerte Banalitäten haben etwas Sympathisches, und sie gewinnen ihre eigene Größe. Aber sie ist gar nicht so absurd. Ein ungewöhnliches, doch wenig spektakuläres Ereignis löste eine ganze Kette absurder Gedanken und Reaktionen aus. Die Ereignisse, die ihm widerfahren sind unspektakulär, werden vor dem Hintergrund des noch unspektakuläreren Alltags aber zu etwas Besonderem. Vor meinem geistigen Auge sah ich bei der Lektüre Mr. Bean rumlaufen. Das permanente Spiel, Belangloses und Besonderes immer wieder neu zu interpretieren, machen das Buch aus.

http://de.wikipedia.org/wiki/Schnecke_(Geb%C3%A4ck)
http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lsardine

Karte # 22: Großraum Paris 1890 – „Die vertane Schönheit“ von Guy de Maupassant

Das Buch „Die vertane Schönheit“ enthält 11 „Novellen“ von Guy de Maupassant. Die Geschichten wurden ursprünglich für Zeitungen geschrieben. Der Autor hat den Band 1890 selbst zusammen gestellt. Ich habe die TB-Ausgabe des dtv aus dem Jahr 2000, Nachwort und Neuübersetzung von Hermann Lindner. Auf dem Umschlag ist ein Teil des Gemäldes „Portrait of Lise“ von Renoir abgebildet. Etliche Geschichten spielen im Großraum westlich von Paris. Man bewegt sich mit allem, was es gibt: Kutsche, Eisenbahn und Boot.

  • Geschichten in der Umgebung von Paris
  • In der Kutsche: Die vertane Schönheit (L’Inutile Beauté, April 1890)

Grüne Knöpfe: Eine Kutschfahrt durch Paris. Über die Champs-Elysee, am Arc de Triumphe vorbei bis zum Bois de Boulogne. Von dort zurück zur Kirche Saint-Philippe-Du-Roule. In der Kutsche sind Comte und Comtesse  Mascaret. Sie haben 7 Kinder. In der Kirche gesteht sie ihm, dass eines nicht von ihm sei. Jahre später gesteht sie ihm dann, dass sie ihn angelogen hat. Sie wollte nicht mehr von ihrem Mann unterdrückt werden, sondern ausgehen und ob ihrer Schönheit bewundert werden. (Gute Unterhaltung mit viel Sympathie für die Comtesse)

  • Im Ruderboot: Fliege (Mouche, Souvenir d’un Canotier, Februar 1890)

Blaue Knöpfe: Die fünf Ruderer haben ihr Vereinsheim in Argenteuil. Von dort aus fahren sie die Seine hoch bis Asnières und runter bis Maisons-Lafitte. Die „Fliege“ ist die Steuerfrau des Ruderbootes und die Geliebte aller fünf Ruderer. Sie wird schwanger. Bei Le Pecq erleidet die „Fliege“ einen dramatischen Bootsunfall. Auf die Lebensfreude aller hat das keine Auswirkungen. Klamaukig und bestenfalls karnevalstauglich.

  • Im Zug: Probe aufs Exempel (L’Epreuve, Juli 1889)

Gelbe Knöpfe: Herr und Frau Bondel leben in Saint-Germain. Sie streiten oft. Meist darüber, was schlimmer sei: Betrügt er sie oder betrügt sie ihn. Aber sie sind sich sicher, dass es in ihrer Ehe nie vorkam. Sie hatte zwar mal einen brüderlichen Freund, Tancred aus Paris, den sie eines Tages rauswarf. Herr Bondel fährt zu Tancred, um mit ihm zu sprechen. Bondel nimmt den Zug von Saint-Germain über Le Pecq nach Saint-Lazare. Tancreds Reaktion zeigt: Da war nichts. Beim Wiedersehen mit Frau Bondel merkt Herr Bondel dann aber: Da war doch was. Unterhaltsam und stilsicher.

  • Im Zug: Der Invalide (L’Infirme, Oktober 1888)

Heny Bonclaire und Leutnant Rivalière sitzen im Zug nach Saint-Germain. Der Leutnant hat zwei Holzbeine. Er erzählt seine Geschichte: Er verzichtete nach seiner Verwundung auf die Ehe mit seiner Verlobten. Nun bringt er ihr und ihren Kindern Spielzeug mit. Journalistisch-dokumentierend mit Sympathie für den Leutnant.

  • Im Elysee Montmartre: Maske (Le Masque, Mai 1889) 

Roter Knopf: Im Elysee Montmartre ist Faschingsball. Ein junger, maskierter Tänzer bricht zusammen. Helfer entfernen die Maske. Darunter steckt ein Greis. Ein Arzt bringt ihn nach Hause. Die Ehefrau des alten Mannes schüttet dem Arzt ihr Herz aus. Der Alte war Starfriseur im Salon an der Oper und geht in Verkleidung auf Bälle, weil er sich mit dem Älter werden nicht abfinden kann. Witzig.

  • Zur Geographie

Die Texte bieten Hinweise auf den Alltag im Paris der Jahre 1888 – 1890. Zwei Dinge sind besonders bemerkenswert. Die Seine war eine Kloake. Besonders die Ruderer hatten darunter zu leiden, die sich „auf faulig moderndem Wasser“ befanden, „in dem der ganze Abfall von Paris zum Meer hin trieb.“

Zum anderen:  Gleich zweimal erwähnt Maupassant die Steigung auf der Eisenbahnstrecke zwischen Saint-Lazare und Le Pecq auf dem Weg nach Saint-Germain. Die Strecke ist die erste ausschließlich dampfbetriebene Eisenbahnstrecke Frankreichs. Sie wurde 1837 eröffnet und endete zunächst nach ca. 20 Kilometern in Le Pecq. Hinter Le Pecq muss die Bahn auf einer Entfernung von 2,5 Kilometern eine Steigung von 3,5 % überwinden. Die ersten Bahnen – auch die sogenannten „atmosphärischen Eisenbahnen“ – waren dafür zu schwach. Zur Zeit von Maupassant waren diese Schwierigkeiten überwunden. Dafür, dass die Lektüre dieses eisenbahnhistorische Detail in Erinnerung ruft, sei dem Autor gedankt.

  • Dann gibt es die Geschichten, die irgendwo in Paris spielen.
  • Das Portrait (Un portrait, Oktober 1888)

Der Ich-Erzähler lernt Milial kennen, von dem alle begeistert sind. Am nächsten Tag wird er in Milials Wohnung eingeladen, wo er ein Portrait von Milials Mutter studiert. Sie ist der Ursprung von Milials Ausstrahlung. Für die Rubrik „Vermischtes“.

  • Ein Scheidungsfall (Un Cas de Divorce, August 1886) 

Madame Chassel will die Scheidung beantragen. Ihr Anwalt liest aus dem Tagebuch ihres Mannes vor. Darin betrauert er, dass er bei der Eheschließung nur seiner Fleischeslust folgte. Jetzt züchtet er Blumen, die ihm mehr Schönheit und Herzlichkeit geben als seine Frau. Weil das gar nicht geht, soll sie sich scheiden lassen dürfen. Journalistisch-dokumentierend,

  • und es gibt die Geschichten, die an anderen Orten spielen
  • Die 25 Francs der Schwester Oberin (Les Vingt-cinq Francs de la Supérieure, März 1888)

Auf dem Land. Ein lustiger Erntehelfer fällt vom Erntewagen und bricht sich ein Bein. Weil er so lustig ist, schenkt ihm die Oberin des Hospitals 25 Francs. Wieder genesen, haut er die auf den Putz. Er besucht ein Freudenhaus, aus dem er rausgeworfen wird. Dabei bricht er sich das andere Bein und landet wieder bei der gleichen Schwester Oberin. Witzig und unterhaltsam.

  • Zwischen Marseille und Toulon: Der Olivenhain (Le Champ d’Oliviers, Februar 1890)

Im Olivenhain wohnt Abbé Vilbois. Er war früher Baron in Paris. Bitterst enttäuschte Liebe führte ihn in den Priesterberuf und nach Südfrankreich. Eines Tages steht ein Landstreicher vor ihm. Es ist sein Sohn aus der Zeit der Pariser Liebe. Wiedersehensfreude bei Vater und Sohn Fehlanzeige. Aber der Sohn darf seine Lebensgeschichte erzählen, die mit mehreren Morden gepflastert ist. Irgendwann kommt es zu einem Handgemenge, das den Abbé mit durchtrennter Kehle zurücklässt. Im Schlusssatz meint Maupassant, dass es Selbstmord gewesen sein, was aber keiner je erfuhr. Sehr gut erzählt: der Sohn wird immer betrunkener und dabei immer skurriler.

  • Fécamp: Der Ertrunkene (Le Noyé, August 1888) 

Patin ist Fischer an der Kanalküste in Fécamp. Er verflucht und verprügelt seine Frau 10 Jahre lang. Nach einem schweren Sturm kehrt er nicht mehr zurück. Die Frau kauft Jahre später einen Papagei. Der verflucht sie, wie es früher ihr Mann tat. Sie erdrosselt den Papagei und entsorgt ihn im Meer. Unterhaltsam.

  • Paris und Rouen: Wer weiß (Qui sait, April 1890)

Der Ich-Erzähler beobachtete eines Nachts, wie seine Möbel aus dem Haus spazierten wie in einer Parade. In Rouen findet er die Möbel in einem Antik-Laden wieder. Am nächsten Tag sind sie alle in sein Haus zurück gekehrt. Seitdem sitzt er freiwillig in einem Sanatorium. Schaurig-unterhaltsam.

  • Anmerkungen

Ich habe jeder Geschichte einen kurzen Kommentar angefügt. Erzählerisch interessant ist, dass die Fahrten nicht alleine der Fortbewegung dienen. In Kutsche, Boot und Zug wird viel gesprochen und so der weitere Verlauf der Handlung gelenkt. Der kleine Raum bietet den Personen keine Chance, sich Gesprächen zu entziehen.

Man merkt etlichen Texten den journalistischen Charakter an. Einige Erzählungen sind die eines Berichterstatters, der Gehörtes dokumentiert. Andere Geschichten sind einfach für die „Vermischtes“-Seite tauglich. Humorvolles, Oberflächliches und  Gesellschaftskritisches wechseln sich ab. Die witzigen Geschichten leiden ein wenig darunter, dass moralisierende Schlussbemerkungen ihnen die Schärfe rauben.

Die Titelgeschichte wurde von Maupassant selbst als die beste Novelle der Sammlung bezeichnet. D’Accord. Zwei Opernbesucher, die sich angesichts der Schönheit der Comtesse zu seitenlangen philosophischen Assoziationen aufschwingen, geben der Geschichte einen doppelten Boden. Alles in allem bietet das gesamte Buch gute Unterhaltung.

http://www.maupassantiana.fr/Biographie/biographie.html

http://en.wikipedia.org/wiki/%C3%89lys%C3%A9e_Montmartre

http://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4rische_Eisenbahn

Karte # 20: Paris 1819 – „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac

„Paris ist ein Ozean. … Wie zahlreich und eifrig die Erforscher des Meeres sein mögen, immer findet sich eine jungfräuliche Stelle, ein unbekannter Winkel, Blumen, Perlen, Ungeheuer, irgendetwas Unerhörtes, Vergessenes.“

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Eines von vielen schönen Zitaten aus dem Roman „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac. Der Roman erschien im Jahre 1835. Ich habe die deutsche Ausgabe (Übersetzung Siever Meyer-Berghaus) von Agrippina Wiesbaden ohne Jahr, vermutlich Anfang der 60er, mit 192 Seiten. Vater Goriot ist eine Folge der „Fortsetzungsserie“ Comédie Humaine.

  • Das Setup

Die Geschichte spielt im Paris des Jahres 1819. Zentraler Ort der Handlung ist die Pension Vauquer. Sie befindet sich in der Rue Neuve-Saint-Genevieve. (Das ist die heutige Rue Tournefort). In dieser Pension wohnt Vater Goriot. Er ist ein ehemaliger Nudelfabrikant, der durch Getreidespekulation zu unermesslichem Reichtum kam. (Ich vermute, dass es sich hier um eine Folge der Kontinentalsperre handelte) 1814 setzte sich Goriot zur Ruhe. Er ist Witwer und hat zwei Töchter. Zur Zeit Napoleons war Vater Goriot in den Häusern seiner Schwiegersöhne gerne gesehen. Seit die Bourbonen an der Macht sind, nicht mehr. Und die beiden Töchter nehmen ihren Vater aus, wie sie nur können.

  • Die zwei Töchter

Die ältere Tochter, Anastasia von Restaud, wohnt in der Rue du Helder. Sie hat ihren Mann zum Herrn über ihr Vermögen gesetzt. Goriot besucht sie manchmal durch den Dienstboteneingang, und manchmal besucht sie ihn in der Pension.

Die jüngere Tochter, Delphine von Nuncingen, hat einen „fettwanstigen Bankier“ geheiratet. Dieser verweigert Delphine so ziemlich alles, besonders ihre Apanage. Außerdem darf Goriot seine Tochter nicht in ihrem Haus in der Rue Saint-Lazare besuchen. Goriot wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als sie häufiger zu sehen.

Da kommt ihm sein Zimmernachbar Eugene de Rastignac, ein Jurastudent, gerade recht. Eugene seinerseits will unbedingt in die feine Gesellschaft von Paris gelangen. Zunächst lässt er sich von seiner Pariser Tante, einer Gräfin, zeigen, wie man sich in den besseren Kreisen so benimmt. Auf Bällen bandelt Eugene dann mit dieser und jener Dame an, bis er sich schließlich in Delphine verliebt. Für sie gewinnt und verliert er Geld beim Roulette. Mit ihr besucht er Opernaufführungen. Goriot bittet Eugene, an Delphine dranzubleiben und ihr Geliebter zu werden. Auf diesem Wege könne er – Goriot – seine Tochter wieder treffen.

Um das Thema weiter voranzubringen, verpfändet Goriot seine Leibrente. Von dem Geld bezahlt er eine Junggesellenwohnung in der Rue d’Artois. Als Gegenleistung verlangt er von Delphine einen Überblick über ihr Vermögen, besonders über die 800.000 Francs Aussteuer, die er für sie aus der Ehe auslösen und gewinnbringend anlegen möchte. Nach der Einweihungsfete gehen Eugen und Goriot in die Pension zurück und beschließen, aus der Pension auszuziehen. Frau Vauquer ist enttäuscht, weil damit ihr Einkommen wegbricht.

grüne Knöpfe = Die Wohnsitze der Familie Goriot

blaue Knöpfe = sonstige Orte der Handlung

  • Die Nebenhandlung (der Geldwäscher)

An dieser Stelle wird es Zeit für die Nebenhandlung. In der Pension wohnen noch andere Leute. Einer von ihnen, Monsieur Vautrin ist von Beginn an unsympathisch. Denn er beobachtet Goriot auf Schritt und Tritt und erzählt brühwarm in der Pension, wo Goriot überall so war, zum Beispiel beim Pfandleiher. Oder Silbergeschirr versetzen. Später stellt sich heraus, dass Vautrin eine Art Geldwäscher für Ganoven ist. Er verwaltet deren ergaunertes Geld und arbeitet nebenbei als Hehler. Ein Agent der Polizei entlarvt ihn und kann ihn mit Hilfe zweier anderer Bewohner der Pension, Mr. Poiret und Mme. Michonneau, überwältigen. Vautrin fällt also als Mieter in Zukunft aus, die beiden anderen wurden von der Polizei bezahlt und ziehen ebenfalls aus. Mme. Vauquer steht nun ohne Einkommen da.

  • Das Ende

Eugenes Tante fädelt ein, dass ihr Neffe mit Delphine in die besseren Kreise eingeführt wird, also ohne Delphines „dickwanstigem Banker“. Delphine wiederum stellt fest, dass sie pleite ist. Mit der Aussteuer hat ihr Mann Geschäfte getätigt und das Geld verloren. Zunächst aber braucht Delphine ein neues Kleid für den Ball. Deswegen bettelt sie ihren Vater an. Goriot hat aber nichts mehr, seit er alles für Delphine in die Wohnung gesteckt hat. Nun taucht auch noch die andere Tochter Anastasia in der Pension auf. Deren Mann wiederum hat angeblich viel Geld verspielt und deswegen schon den Schmuck seiner Mutter verkauft. Sie braucht aber auch ein neues Kleid für den Ball und die Schneiderin will frecherweise Vorkasse. Also bettelt auch sie ihren Vater an. Der sagt nochmal, dass er nichts mehr hat.

Direkte Folge: Die beiden Töchter streiten sich vor den Augen ihres Vaters erstmal darum, wer die bessere ist. Nächste Folge: Vater Goriot kippt um und erholt sich davon nicht mehr.

Auf dem Sterbebett klagt er Eugene von dem Undank seiner beiden Töchter. Goriot bittet Eugene, die beiden Töchter an sein Sterbebett zu holen. Beide sind jedoch darauf eingestellt, den Ball zu besuchen und nicht gewillt, ihre Pläne zu ändern. Zu Goriots Beerdigung schließlich schicken beide Töchter je einen leeren Wagen.

Eugene wiederum sind ebenfalls die Augen über die Gesellschaft geöffnet. Zum Ende des Romans geht er zu Delphine, um ihr zu sagen, dass die Pariser Gesellschaft ihm nichts mehr bedeutet.

  • Bemerkungen

Ich muss gestehen, dass ich mich lange um die Lektüre gedrückt habe. Zu Unrecht. Es ist ein modernes Buch, Manipulation des Getreidepreises, Geldwäscher, ein reicher Mann, der arm stirbt, und alles so geschrieben, dass man bei der Lektüre immer mal lachen muss. Manches ist auch nicht ganz einfach zu lesen. Ich tue mir immer schwer damit, wenn neue Informationen mitgeteilt werden, indem die Figuren Briefe schreiben oder lesen. Ansonsten liest sich das Buch an manchen Stellen wie eine Satire auf eine Gesellschaft, deren höchstes Ideal darin besteht, bei anderen hoch angesehen zu sein.

Weil es so schön ist, zum Abschluss nochmal ein Zitat: „Wenn uns ein Unglück bevorsteht, dann gibt es immer Freunde, die bereit sind, …, uns das Herz mit einem Dolch zu durchbohren, dessen Griff wir noch bewundern sollen.“

Und das hier: „je vais vous faire une proposition que personne ne refuserait.“ wurde aus dem Mund von Marlon Brando zu einem der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten.

http://de.wikipedia.org/wiki/American_Film_Institute#100_Movie_Quotes_.E2.80.93_Die_100_besten_Filmzitate_aus_US-Filmen_aller_Zeiten

http://www.writersinparis.com/formwritersinparis.php

Karte # 13: die Strecke Paris – Limoges „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ von F. Sagan

Zum ersten Mal habe ich ein Buch begeistert begonnen und dann enttäuscht zur Seite gelegt. Also rechtfertige ich mich mal: Das Buch heißt „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ von Françoise Sagan. Klingt gut. Außerdem habe ich mit „Franzosen“ bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Das Buch hat 5 „Teile“; jeder ist entweder überschrieben mit Paris (3 mal) oder Limoges (2 mal). Ich dachte mir, dass in diesem Buch zwischen den beiden Städten gependelt wird, oder sie sonstwie eine Rolle spielen, und war begeistert. Das Buch erschien im Jahr 1969, ich habe die deutsche Ausgabe von Bertelsmann (ohne Jahr) mit 220 Seiten.

  • Geographisches

Nach Limoges kommt man von Paris aus entweder mit dem Zug über Vierzon und Chateauroux oder per Flugzeug von Orly aus. Es gibt die Inlandsfluggesellschaft Air Inter, die aber nie zu dem Zeitpunkt fliegt, wenn eine Person gerade mal schnell nach Limoges will. Also fahren alle mit der Eisenbahn.

  • Das Setup

Das Buch spielt im Jahr 1967. Die Hauptfigur ist Gilles, Auslandsredakteur eines unerwartet erfolgreichen „Linksblatts“. Er wohnt in Paris, in der Rue Monsieur-le-Prince. Er ist mit Eloise zusammen, einem wenig erfolgreichen Mannequin. Gilles geht zum Arzt, weil er Angst vor Krebs hat. Der Arzt stellt bei Gilles aber „nur“ eine Depression fest. Gilles geht darauf hin zu seiner Freundin Gilda, einer Prostituierten in Passy, und fragt, was er tun soll. Sie und ein Freund raten ihm zu einem Erholungsurlaub.

  • Die Geschichte

Gilles fährt zu seiner Schwester nach Limoges. Dort geht er in eine Bar und lernt Nathalie kennen. Sie beginnen eine Affäre. Der dritte Teil beginnt mit Gilles‘ Rückkehr nach Paris. Dann die Szene, die für den Leser alles ändert: Eloise holt ihn vom Bahnhof ab. Es heißt ausdrücklich, dass er sich wieder an sie erinnere. Dann – völlig ironiefrei: „…sie wohnt bei mir, das ist ja furchtbar.“ An dieser Stelle war mir klar, dass diese eigentlich dramatische Geschichte eher emotionslos dahin dümpeln wird.

  • Pause 

Den Rest des Buches habe ich nur noch schnell quer gelesen. Deswegen kann ich zu den restlichen Figuren nicht viel sagen. Es gibt noch eine Nebenhandlung, weil Gilles‘ Chef früh von der Affäre erfährt.

  • Schnell weiter

Nathalie scheint ziemlich gut im Bett zu sein. Sie ist auch sonst ein Knaller, denn sie hatte eine „Art, ein Adjektiv auszusprechen oder einen Nebensatz durch einen andern zu ersetzen, die dieses … Leben fast herzzerreißend machten.“ Also bittet Gilles sie, mit ihm zu kommen. Sie vertröstet ihn, denn sie ist mit Francois verheiratet und muss sich erst mal von ihm trennen. Gilles ist traurig, denn „Ich habe so schiefe Situationen nicht gern.“  Der Leser denkt: das ist ja kein schlechtes Reflektionsniveau für einen Depressiven zwischen zwei Frauen. Nathalies Bruder will Gilles die Affäre ausreden, denn Gilles wisse ja selbst nicht, was er wolle. Der Leser harrt also nun einer Klärung der Lage. Gilles fährt zurück nach Paris. Plötzlich ist Nathalie dort (also in Gilles‘ Wohnung in Paris) Sie liebt ihn sehr. Sie beginnt, in einem Reisebüro zu arbeiten. Überhaupt ist Gilles von Nathalies Selbständigkeit genervt, was er einem Freund klagt. Nathalie hört zufällig mit, ist betrübt und begeht schließlich Selbstmord. Gilles ist traurig.

  • Anmerkungen

Finis und Gääähn. Das Thema böte genug Stoff für eine Tragödie oder Komödie. Aber hier ist alles nur unlogisch und langweilig. Ein paar Argumente: Eine zu anfangs eingeführte Diagnose eines Arztes ergibt Sinn, wenn die Auseinandersetzungen mit der Diagnose in die Handlung einfließen. Ein Autor hat viele Möglichkeiten, damit umzugehen. Françoise Sagan nutzt diesen Kniff,  um die männliche Hauptfigur emotionslos schildern zu können. Nathalie wiederum ist stark genug, um sich aus einer etablierten Ehe zu lösen. In Paris angekommen baut sie sich ein eigenes Leben auf, vor diesem Hintergrund ist das Motiv ihres Selbstmordes  zu belanglos. Für die aufgewühlte und destruktive Seelenlage der Hauptfiguren ist mir persönlich der Erzählstil zu einseitig erotiklastig. Und auch aus der Air Inter hätte man erzählerisch mehr machen können. Weg damit.

http://de.wikipedia.org/wiki/Air_Inter