Karte # 22: Großraum Paris 1890 – „Die vertane Schönheit“ von Guy de Maupassant

Das Buch „Die vertane Schönheit“ enthält 11 „Novellen“ von Guy de Maupassant. Die Geschichten wurden ursprünglich für Zeitungen geschrieben. Der Autor hat den Band 1890 selbst zusammen gestellt. Ich habe die TB-Ausgabe des dtv aus dem Jahr 2000, Nachwort und Neuübersetzung von Hermann Lindner. Auf dem Umschlag ist ein Teil des Gemäldes „Portrait of Lise“ von Renoir abgebildet. Etliche Geschichten spielen im Großraum westlich von Paris. Man bewegt sich mit allem, was es gibt: Kutsche, Eisenbahn und Boot.

  • Geschichten in der Umgebung von Paris
  • In der Kutsche: Die vertane Schönheit (L’Inutile Beauté, April 1890)

Grüne Knöpfe: Eine Kutschfahrt durch Paris. Über die Champs-Elysee, am Arc de Triumphe vorbei bis zum Bois de Boulogne. Von dort zurück zur Kirche Saint-Philippe-Du-Roule. In der Kutsche sind Comte und Comtesse  Mascaret. Sie haben 7 Kinder. In der Kirche gesteht sie ihm, dass eines nicht von ihm sei. Jahre später gesteht sie ihm dann, dass sie ihn angelogen hat. Sie wollte nicht mehr von ihrem Mann unterdrückt werden, sondern ausgehen und ob ihrer Schönheit bewundert werden. (Gute Unterhaltung mit viel Sympathie für die Comtesse)

  • Im Ruderboot: Fliege (Mouche, Souvenir d’un Canotier, Februar 1890)

Blaue Knöpfe: Die fünf Ruderer haben ihr Vereinsheim in Argenteuil. Von dort aus fahren sie die Seine hoch bis Asnières und runter bis Maisons-Lafitte. Die „Fliege“ ist die Steuerfrau des Ruderbootes und die Geliebte aller fünf Ruderer. Sie wird schwanger. Bei Le Pecq erleidet die „Fliege“ einen dramatischen Bootsunfall. Auf die Lebensfreude aller hat das keine Auswirkungen. Klamaukig und bestenfalls karnevalstauglich.

  • Im Zug: Probe aufs Exempel (L’Epreuve, Juli 1889)

Gelbe Knöpfe: Herr und Frau Bondel leben in Saint-Germain. Sie streiten oft. Meist darüber, was schlimmer sei: Betrügt er sie oder betrügt sie ihn. Aber sie sind sich sicher, dass es in ihrer Ehe nie vorkam. Sie hatte zwar mal einen brüderlichen Freund, Tancred aus Paris, den sie eines Tages rauswarf. Herr Bondel fährt zu Tancred, um mit ihm zu sprechen. Bondel nimmt den Zug von Saint-Germain über Le Pecq nach Saint-Lazare. Tancreds Reaktion zeigt: Da war nichts. Beim Wiedersehen mit Frau Bondel merkt Herr Bondel dann aber: Da war doch was. Unterhaltsam und stilsicher.

  • Im Zug: Der Invalide (L’Infirme, Oktober 1888)

Heny Bonclaire und Leutnant Rivalière sitzen im Zug nach Saint-Germain. Der Leutnant hat zwei Holzbeine. Er erzählt seine Geschichte: Er verzichtete nach seiner Verwundung auf die Ehe mit seiner Verlobten. Nun bringt er ihr und ihren Kindern Spielzeug mit. Journalistisch-dokumentierend mit Sympathie für den Leutnant.

  • Im Elysee Montmartre: Maske (Le Masque, Mai 1889) 

Roter Knopf: Im Elysee Montmartre ist Faschingsball. Ein junger, maskierter Tänzer bricht zusammen. Helfer entfernen die Maske. Darunter steckt ein Greis. Ein Arzt bringt ihn nach Hause. Die Ehefrau des alten Mannes schüttet dem Arzt ihr Herz aus. Der Alte war Starfriseur im Salon an der Oper und geht in Verkleidung auf Bälle, weil er sich mit dem Älter werden nicht abfinden kann. Witzig.

  • Zur Geographie

Die Texte bieten Hinweise auf den Alltag im Paris der Jahre 1888 – 1890. Zwei Dinge sind besonders bemerkenswert. Die Seine war eine Kloake. Besonders die Ruderer hatten darunter zu leiden, die sich „auf faulig moderndem Wasser“ befanden, „in dem der ganze Abfall von Paris zum Meer hin trieb.“

Zum anderen:  Gleich zweimal erwähnt Maupassant die Steigung auf der Eisenbahnstrecke zwischen Saint-Lazare und Le Pecq auf dem Weg nach Saint-Germain. Die Strecke ist die erste ausschließlich dampfbetriebene Eisenbahnstrecke Frankreichs. Sie wurde 1837 eröffnet und endete zunächst nach ca. 20 Kilometern in Le Pecq. Hinter Le Pecq muss die Bahn auf einer Entfernung von 2,5 Kilometern eine Steigung von 3,5 % überwinden. Die ersten Bahnen – auch die sogenannten „atmosphärischen Eisenbahnen“ – waren dafür zu schwach. Zur Zeit von Maupassant waren diese Schwierigkeiten überwunden. Dafür, dass die Lektüre dieses eisenbahnhistorische Detail in Erinnerung ruft, sei dem Autor gedankt.

  • Dann gibt es die Geschichten, die irgendwo in Paris spielen.
  • Das Portrait (Un portrait, Oktober 1888)

Der Ich-Erzähler lernt Milial kennen, von dem alle begeistert sind. Am nächsten Tag wird er in Milials Wohnung eingeladen, wo er ein Portrait von Milials Mutter studiert. Sie ist der Ursprung von Milials Ausstrahlung. Für die Rubrik „Vermischtes“.

  • Ein Scheidungsfall (Un Cas de Divorce, August 1886) 

Madame Chassel will die Scheidung beantragen. Ihr Anwalt liest aus dem Tagebuch ihres Mannes vor. Darin betrauert er, dass er bei der Eheschließung nur seiner Fleischeslust folgte. Jetzt züchtet er Blumen, die ihm mehr Schönheit und Herzlichkeit geben als seine Frau. Weil das gar nicht geht, soll sie sich scheiden lassen dürfen. Journalistisch-dokumentierend,

  • und es gibt die Geschichten, die an anderen Orten spielen
  • Die 25 Francs der Schwester Oberin (Les Vingt-cinq Francs de la Supérieure, März 1888)

Auf dem Land. Ein lustiger Erntehelfer fällt vom Erntewagen und bricht sich ein Bein. Weil er so lustig ist, schenkt ihm die Oberin des Hospitals 25 Francs. Wieder genesen, haut er die auf den Putz. Er besucht ein Freudenhaus, aus dem er rausgeworfen wird. Dabei bricht er sich das andere Bein und landet wieder bei der gleichen Schwester Oberin. Witzig und unterhaltsam.

  • Zwischen Marseille und Toulon: Der Olivenhain (Le Champ d’Oliviers, Februar 1890)

Im Olivenhain wohnt Abbé Vilbois. Er war früher Baron in Paris. Bitterst enttäuschte Liebe führte ihn in den Priesterberuf und nach Südfrankreich. Eines Tages steht ein Landstreicher vor ihm. Es ist sein Sohn aus der Zeit der Pariser Liebe. Wiedersehensfreude bei Vater und Sohn Fehlanzeige. Aber der Sohn darf seine Lebensgeschichte erzählen, die mit mehreren Morden gepflastert ist. Irgendwann kommt es zu einem Handgemenge, das den Abbé mit durchtrennter Kehle zurücklässt. Im Schlusssatz meint Maupassant, dass es Selbstmord gewesen sein, was aber keiner je erfuhr. Sehr gut erzählt: der Sohn wird immer betrunkener und dabei immer skurriler.

  • Fécamp: Der Ertrunkene (Le Noyé, August 1888) 

Patin ist Fischer an der Kanalküste in Fécamp. Er verflucht und verprügelt seine Frau 10 Jahre lang. Nach einem schweren Sturm kehrt er nicht mehr zurück. Die Frau kauft Jahre später einen Papagei. Der verflucht sie, wie es früher ihr Mann tat. Sie erdrosselt den Papagei und entsorgt ihn im Meer. Unterhaltsam.

  • Paris und Rouen: Wer weiß (Qui sait, April 1890)

Der Ich-Erzähler beobachtete eines Nachts, wie seine Möbel aus dem Haus spazierten wie in einer Parade. In Rouen findet er die Möbel in einem Antik-Laden wieder. Am nächsten Tag sind sie alle in sein Haus zurück gekehrt. Seitdem sitzt er freiwillig in einem Sanatorium. Schaurig-unterhaltsam.

  • Anmerkungen

Ich habe jeder Geschichte einen kurzen Kommentar angefügt. Erzählerisch interessant ist, dass die Fahrten nicht alleine der Fortbewegung dienen. In Kutsche, Boot und Zug wird viel gesprochen und so der weitere Verlauf der Handlung gelenkt. Der kleine Raum bietet den Personen keine Chance, sich Gesprächen zu entziehen.

Man merkt etlichen Texten den journalistischen Charakter an. Einige Erzählungen sind die eines Berichterstatters, der Gehörtes dokumentiert. Andere Geschichten sind einfach für die „Vermischtes“-Seite tauglich. Humorvolles, Oberflächliches und  Gesellschaftskritisches wechseln sich ab. Die witzigen Geschichten leiden ein wenig darunter, dass moralisierende Schlussbemerkungen ihnen die Schärfe rauben.

Die Titelgeschichte wurde von Maupassant selbst als die beste Novelle der Sammlung bezeichnet. D’Accord. Zwei Opernbesucher, die sich angesichts der Schönheit der Comtesse zu seitenlangen philosophischen Assoziationen aufschwingen, geben der Geschichte einen doppelten Boden. Alles in allem bietet das gesamte Buch gute Unterhaltung.

http://www.maupassantiana.fr/Biographie/biographie.html

http://en.wikipedia.org/wiki/%C3%89lys%C3%A9e_Montmartre

http://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4rische_Eisenbahn

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Karte # 20: Paris 1819 – „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac

„Paris ist ein Ozean. … Wie zahlreich und eifrig die Erforscher des Meeres sein mögen, immer findet sich eine jungfräuliche Stelle, ein unbekannter Winkel, Blumen, Perlen, Ungeheuer, irgendetwas Unerhörtes, Vergessenes.“

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Eines von vielen schönen Zitaten aus dem Roman „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac. Der Roman erschien im Jahre 1835. Ich habe die deutsche Ausgabe (Übersetzung Siever Meyer-Berghaus) von Agrippina Wiesbaden ohne Jahr, vermutlich Anfang der 60er, mit 192 Seiten. Vater Goriot ist eine Folge der „Fortsetzungsserie“ Comédie Humaine.

  • Das Setup

Die Geschichte spielt im Paris des Jahres 1819. Zentraler Ort der Handlung ist die Pension Vauquer. Sie befindet sich in der Rue Neuve-Saint-Genevieve. (Das ist die heutige Rue Tournefort). In dieser Pension wohnt Vater Goriot. Er ist ein ehemaliger Nudelfabrikant, der durch Getreidespekulation zu unermesslichem Reichtum kam. (Ich vermute, dass es sich hier um eine Folge der Kontinentalsperre handelte) 1814 setzte sich Goriot zur Ruhe. Er ist Witwer und hat zwei Töchter. Zur Zeit Napoleons war Vater Goriot in den Häusern seiner Schwiegersöhne gerne gesehen. Seit die Bourbonen an der Macht sind, nicht mehr. Und die beiden Töchter nehmen ihren Vater aus, wie sie nur können.

  • Die zwei Töchter

Die ältere Tochter, Anastasia von Restaud, wohnt in der Rue du Helder. Sie hat ihren Mann zum Herrn über ihr Vermögen gesetzt. Goriot besucht sie manchmal durch den Dienstboteneingang, und manchmal besucht sie ihn in der Pension.

Die jüngere Tochter, Delphine von Nuncingen, hat einen „fettwanstigen Bankier“ geheiratet. Dieser verweigert Delphine so ziemlich alles, besonders ihre Apanage. Außerdem darf Goriot seine Tochter nicht in ihrem Haus in der Rue Saint-Lazare besuchen. Goriot wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als sie häufiger zu sehen.

Da kommt ihm sein Zimmernachbar Eugene de Rastignac, ein Jurastudent, gerade recht. Eugene seinerseits will unbedingt in die feine Gesellschaft von Paris gelangen. Zunächst lässt er sich von seiner Pariser Tante, einer Gräfin, zeigen, wie man sich in den besseren Kreisen so benimmt. Auf Bällen bandelt Eugene dann mit dieser und jener Dame an, bis er sich schließlich in Delphine verliebt. Für sie gewinnt und verliert er Geld beim Roulette. Mit ihr besucht er Opernaufführungen. Goriot bittet Eugene, an Delphine dranzubleiben und ihr Geliebter zu werden. Auf diesem Wege könne er – Goriot – seine Tochter wieder treffen.

Um das Thema weiter voranzubringen, verpfändet Goriot seine Leibrente. Von dem Geld bezahlt er eine Junggesellenwohnung in der Rue d’Artois. Als Gegenleistung verlangt er von Delphine einen Überblick über ihr Vermögen, besonders über die 800.000 Francs Aussteuer, die er für sie aus der Ehe auslösen und gewinnbringend anlegen möchte. Nach der Einweihungsfete gehen Eugen und Goriot in die Pension zurück und beschließen, aus der Pension auszuziehen. Frau Vauquer ist enttäuscht, weil damit ihr Einkommen wegbricht.

grüne Knöpfe = Die Wohnsitze der Familie Goriot

blaue Knöpfe = sonstige Orte der Handlung

  • Die Nebenhandlung (der Geldwäscher)

An dieser Stelle wird es Zeit für die Nebenhandlung. In der Pension wohnen noch andere Leute. Einer von ihnen, Monsieur Vautrin ist von Beginn an unsympathisch. Denn er beobachtet Goriot auf Schritt und Tritt und erzählt brühwarm in der Pension, wo Goriot überall so war, zum Beispiel beim Pfandleiher. Oder Silbergeschirr versetzen. Später stellt sich heraus, dass Vautrin eine Art Geldwäscher für Ganoven ist. Er verwaltet deren ergaunertes Geld und arbeitet nebenbei als Hehler. Ein Agent der Polizei entlarvt ihn und kann ihn mit Hilfe zweier anderer Bewohner der Pension, Mr. Poiret und Mme. Michonneau, überwältigen. Vautrin fällt also als Mieter in Zukunft aus, die beiden anderen wurden von der Polizei bezahlt und ziehen ebenfalls aus. Mme. Vauquer steht nun ohne Einkommen da.

  • Das Ende

Eugenes Tante fädelt ein, dass ihr Neffe mit Delphine in die besseren Kreise eingeführt wird, also ohne Delphines „dickwanstigem Banker“. Delphine wiederum stellt fest, dass sie pleite ist. Mit der Aussteuer hat ihr Mann Geschäfte getätigt und das Geld verloren. Zunächst aber braucht Delphine ein neues Kleid für den Ball. Deswegen bettelt sie ihren Vater an. Goriot hat aber nichts mehr, seit er alles für Delphine in die Wohnung gesteckt hat. Nun taucht auch noch die andere Tochter Anastasia in der Pension auf. Deren Mann wiederum hat angeblich viel Geld verspielt und deswegen schon den Schmuck seiner Mutter verkauft. Sie braucht aber auch ein neues Kleid für den Ball und die Schneiderin will frecherweise Vorkasse. Also bettelt auch sie ihren Vater an. Der sagt nochmal, dass er nichts mehr hat.

Direkte Folge: Die beiden Töchter streiten sich vor den Augen ihres Vaters erstmal darum, wer die bessere ist. Nächste Folge: Vater Goriot kippt um und erholt sich davon nicht mehr.

Auf dem Sterbebett klagt er Eugene von dem Undank seiner beiden Töchter. Goriot bittet Eugene, die beiden Töchter an sein Sterbebett zu holen. Beide sind jedoch darauf eingestellt, den Ball zu besuchen und nicht gewillt, ihre Pläne zu ändern. Zu Goriots Beerdigung schließlich schicken beide Töchter je einen leeren Wagen.

Eugene wiederum sind ebenfalls die Augen über die Gesellschaft geöffnet. Zum Ende des Romans geht er zu Delphine, um ihr zu sagen, dass die Pariser Gesellschaft ihm nichts mehr bedeutet.

  • Bemerkungen

Ich muss gestehen, dass ich mich lange um die Lektüre gedrückt habe. Zu Unrecht. Es ist ein modernes Buch, Manipulation des Getreidepreises, Geldwäscher, ein reicher Mann, der arm stirbt, und alles so geschrieben, dass man bei der Lektüre immer mal lachen muss. Manches ist auch nicht ganz einfach zu lesen. Ich tue mir immer schwer damit, wenn neue Informationen mitgeteilt werden, indem die Figuren Briefe schreiben oder lesen. Ansonsten liest sich das Buch an manchen Stellen wie eine Satire auf eine Gesellschaft, deren höchstes Ideal darin besteht, bei anderen hoch angesehen zu sein.

Weil es so schön ist, zum Abschluss nochmal ein Zitat: „Wenn uns ein Unglück bevorsteht, dann gibt es immer Freunde, die bereit sind, …, uns das Herz mit einem Dolch zu durchbohren, dessen Griff wir noch bewundern sollen.“

Und das hier: „je vais vous faire une proposition que personne ne refuserait.“ wurde aus dem Mund von Marlon Brando zu einem der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten.

http://de.wikipedia.org/wiki/American_Film_Institute#100_Movie_Quotes_.E2.80.93_Die_100_besten_Filmzitate_aus_US-Filmen_aller_Zeiten

http://www.writersinparis.com/formwritersinparis.php

Karte # 13: die Strecke Paris – Limoges „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ von F. Sagan

Zum ersten Mal habe ich ein Buch begeistert begonnen und dann enttäuscht zur Seite gelegt. Also rechtfertige ich mich mal: Das Buch heißt „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ von Françoise Sagan. Klingt gut. Außerdem habe ich mit „Franzosen“ bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Das Buch hat 5 „Teile“; jeder ist entweder überschrieben mit Paris (3 mal) oder Limoges (2 mal). Ich dachte mir, dass in diesem Buch zwischen den beiden Städten gependelt wird, oder sie sonstwie eine Rolle spielen, und war begeistert. Das Buch erschien im Jahr 1969, ich habe die deutsche Ausgabe von Bertelsmann (ohne Jahr) mit 220 Seiten.

  • Geographisches

Nach Limoges kommt man von Paris aus entweder mit dem Zug über Vierzon und Chateauroux oder per Flugzeug von Orly aus. Es gibt die Inlandsfluggesellschaft Air Inter, die aber nie zu dem Zeitpunkt fliegt, wenn eine Person gerade mal schnell nach Limoges will. Also fahren alle mit der Eisenbahn.

  • Das Setup

Das Buch spielt im Jahr 1967. Die Hauptfigur ist Gilles, Auslandsredakteur eines unerwartet erfolgreichen „Linksblatts“. Er wohnt in Paris, in der Rue Monsieur-le-Prince. Er ist mit Eloise zusammen, einem wenig erfolgreichen Mannequin. Gilles geht zum Arzt, weil er Angst vor Krebs hat. Der Arzt stellt bei Gilles aber „nur“ eine Depression fest. Gilles geht darauf hin zu seiner Freundin Gilda, einer Prostituierten in Passy, und fragt, was er tun soll. Sie und ein Freund raten ihm zu einem Erholungsurlaub.

  • Die Geschichte

Gilles fährt zu seiner Schwester nach Limoges. Dort geht er in eine Bar und lernt Nathalie kennen. Sie beginnen eine Affäre. Der dritte Teil beginnt mit Gilles‘ Rückkehr nach Paris. Dann die Szene, die für den Leser alles ändert: Eloise holt ihn vom Bahnhof ab. Es heißt ausdrücklich, dass er sich wieder an sie erinnere. Dann – völlig ironiefrei: „…sie wohnt bei mir, das ist ja furchtbar.“ An dieser Stelle war mir klar, dass diese eigentlich dramatische Geschichte eher emotionslos dahin dümpeln wird.

  • Pause 

Den Rest des Buches habe ich nur noch schnell quer gelesen. Deswegen kann ich zu den restlichen Figuren nicht viel sagen. Es gibt noch eine Nebenhandlung, weil Gilles‘ Chef früh von der Affäre erfährt.

  • Schnell weiter

Nathalie scheint ziemlich gut im Bett zu sein. Sie ist auch sonst ein Knaller, denn sie hatte eine „Art, ein Adjektiv auszusprechen oder einen Nebensatz durch einen andern zu ersetzen, die dieses … Leben fast herzzerreißend machten.“ Also bittet Gilles sie, mit ihm zu kommen. Sie vertröstet ihn, denn sie ist mit Francois verheiratet und muss sich erst mal von ihm trennen. Gilles ist traurig, denn „Ich habe so schiefe Situationen nicht gern.“  Der Leser denkt: das ist ja kein schlechtes Reflektionsniveau für einen Depressiven zwischen zwei Frauen. Nathalies Bruder will Gilles die Affäre ausreden, denn Gilles wisse ja selbst nicht, was er wolle. Der Leser harrt also nun einer Klärung der Lage. Gilles fährt zurück nach Paris. Plötzlich ist Nathalie dort (also in Gilles‘ Wohnung in Paris) Sie liebt ihn sehr. Sie beginnt, in einem Reisebüro zu arbeiten. Überhaupt ist Gilles von Nathalies Selbständigkeit genervt, was er einem Freund klagt. Nathalie hört zufällig mit, ist betrübt und begeht schließlich Selbstmord. Gilles ist traurig.

  • Anmerkungen

Finis und Gääähn. Das Thema böte genug Stoff für eine Tragödie oder Komödie. Aber hier ist alles nur unlogisch und langweilig. Ein paar Argumente: Eine zu anfangs eingeführte Diagnose eines Arztes ergibt Sinn, wenn die Auseinandersetzungen mit der Diagnose in die Handlung einfließen. Ein Autor hat viele Möglichkeiten, damit umzugehen. Françoise Sagan nutzt diesen Kniff,  um die männliche Hauptfigur emotionslos schildern zu können. Nathalie wiederum ist stark genug, um sich aus einer etablierten Ehe zu lösen. In Paris angekommen baut sie sich ein eigenes Leben auf, vor diesem Hintergrund ist das Motiv ihres Selbstmordes  zu belanglos. Für die aufgewühlte und destruktive Seelenlage der Hauptfiguren ist mir persönlich der Erzählstil zu einseitig erotiklastig. Und auch aus der Air Inter hätte man erzählerisch mehr machen können. Weg damit.

http://de.wikipedia.org/wiki/Air_Inter

Karte # 8: Londoner Maulbeerbäume, Beirut und ein Strand in Madrid

Zeit für ein wenig Musik. Ich habe in den Kisten eine LP gefunden, die aus der Sicht des geographisch interessierten Hörers spannend ist: „Update“ von Peter Sarstedt ist eine Art „Best of“. Naja, falls es bei diesem Künstler so etwas Sinn ergibt, denn soweit ich mich erinnere, zählt er zu den „One-Hit-Wonders“. „Update“ erschien nie als CD, obwohl die Lieder in anderen Zusammenstellungen häufig veröffentlicht wurden. Die Vorderseite des Covers zeigt den Sänger in rotes Licht getaucht mit Gitarre vor einem Mikrophon stehend. Die Platte ist mit ca. 46 Minuten Spielzeit ihren Preis Wert. Auf dem Cover befindet sich noch ein alter Aufkleber mit selbigem, und er betrug 14,90 Mark.

  • Paris – Juan-les-Pins – St. Moritz

Die Hinterhöfe von Neapel irgendwann in der Vergangenheit. Der Ich-Erzähler und ein Mädchen namens Marie-Claire spielen auf den Straßen. Sie verlieren sich aus den Augen. Jahre später spricht er sie wieder an. Ob aus der Ferne oder aus der Nähe weiß man nicht. Beide sind also erwachsen, so zwischen „zwanzig und dreißig, ein sehr begehrenswertes Alter“. Aus dem Mädchen Marie-Claire wurde eine gesellschaftlich anerkannte Frau, die den Glamour liebt. Sie wohnt in Paris am Boulevard Saint-Michel. Im Sommer zieht es sie nach Juan-Les-Pins, um sich einen gleichmäßigen Teint anzubräunen. Wenn Schnee fällt, dann geht es nach St. Moritz, mit all den anderen aus dem Jet-Set, um Napoleon Brandy zu schlürfen. Aber sie ist dabei, ihre Seele zu verlieren. Er beobachtet die Frau aus der Ferne, ein wenig sehnsüchtig, ein wenig Neid, aber auch viel Mitleid schwingen mit. Beide werden wohl nichts mehr gemeinsam unternehmen. Der Song ist Peter Sarstedts berühmtester: „Where Do You Go To My Lovely“.

  • Madrid

Das nächste Stück spielt in Madrid. „Frozen Orange Juice“ ist ein fröhliches Lied über die reine Freude, lachend durch einen Sommertag zu tanzen und zu spazieren. Und dabei eben das Getränk aus dem Titel zu geniessen. Doch fällt auf, dass sie an den Strand gehen. In Madrid? Oder gibt es einen Stadtstrand des Ebro in Madrid? Jedenfalls ist das Lied optimistisch und schön anzuhören.

  • Londoner Maulbeerbäume und der Berkeley Square

Kein Scherz: Ein Musikstück über Londoner Maulbeerbäume: „Mulberry Dawn“. Hier werden Parties gefeiert, in der Nähe des Berkeley Square. Es muss wohl lustig gewesen sein, John Lennon war auch da. Sowas erzählt „man“ zwar nicht (das ist die unmaßgebliche Meinung des Blog-Autors), aber wenn man es mitgenommen hat, dann kann man ja ein Lied drüber machen (das war wohl die Meinung des Song-Autors). Jedenfalls kam erst die Liebe und dann der Morgen unter Maulbeerbäumen. Was den geographisch interessierten Hörer zu Webseiten führt, die Londoner Bäume lokalisieren.

http://mulberrytrees.co.uk/locations/

http://www.londontrees.co.uk/mulberry.html

„Mulberry Dawn“ ist einer der Pop-Songs, die meine Meinung bestätigen, dass britische Musik im Prinzip aus Heimatliedern besteht.

  • Der Rest der A-Seite

Der Rest der A Seite ist für diesen Blog Off-Topic. „I Am A Cathedral“ ist ein Stück über mystische Erfahrungen. „Mellowed Out“ ist rhythmischer als die anderen auf der Platte, klingt aber wie schonmal gehört. „English Girls“ ist dann wieder heimatverbunden. Englische Frauen zeigen ihre Gefühle nicht. Und kommen aus einfachen Verhältnissen und „entwickeln“ sich nach oben.

  • Pause. Platte umdrehen. 

Es gibt Creme de Menthe. Das Getränk darf auf der B-Seite für eine Metapher herhalten. Lichter grüner Ampeln glitzern auf der nassen Straße wie ausgeschüttete Creme de Menthe.

  • Nochmal Paris

Ein Song über jemanden, der sein Leben lang die Liebe suchen wird: Mit „Boulevard“ wenden wir uns noch einmal dem Boulevard Saint Michel zu. Ein Straßenmusikant von Cafe zu Cafe und singt traurige Lieder. Das Boulevard kennt mich und meine Sorgen, und irgendwann finde ich mein Leben.

  • Der Rest der B-Seite

„Eternal Days“ wurde für einen Film über Grönland geschrieben. „Take Off Your clothes“ ist ort- und zeitfrei, und es ist – Überraschung! – voller Ironie und richtig „rock’n’Rollig“. Ein Junge will mit dollen Sprüchen imponieren („Main Daddy ist der Papst, und ich will nur..“) und hat Erfolg. Die Mischung aus ironisch und direkt ist einfach das, was den typisch englischen Humor ausmacht. „Tall Tree“ ist ein allegorisches Stück, der große Baum wird wieder blühen, so wie früher und so wie das Leben auch wieder besser wird. Unoriginell. Im Covertext heißt es, dass die Melodie monoton bleibt, um ein Gefühl der Endlosigkeit zu vermitteln. So kann man es auch sagen. Mit „Southern Belle“, einem Liebeslied will man die Platte ausklingen lassen, und dann das:

  • Beirut

Auf jeden Fall ein Höhepunkt der Platte. „Beirut“ aus dem Jahr 1978 führt den Hörer in die vom Bürgerkrieg zerrissene Stadt. Ohne zu Moralisieren erzählt Sarstedt eine Geschichte, die gleichzeitig zu einer Momentaufnahme Beiruts wird. Sicher, die Geschichte, die das Lied erzählt, ist komplex. Die Form ist zu einfach gewählt. So etwas wie ein „Long Song“ wäre einfach geeigneter. Die Frau, die Verletzung, der Bürgerkrieg als Kulisse, all das sind keine üblichen Themen für 3:45 Min.

Der Ich-Erzähler bezeichnet sich als „Anti-Held“. Kein Wunder, denn er zerfließt vor Selbstmitleid. Gerade eben hat er im Casino 50 Riesen verloren. Er baut sich wieder auf, indem er eine wunderschöne Frau betrachtet, die vor dem Casino steht. Plötzlich wird geschossen, der Erzähler wird am Arm getroffen, dann in einen weißen Mercedes gestoßen, die Frau verbindet seine Schusswunde. Sie ist – Überraschung – arm geboren und irgendwie reich geworden. Unnahbar. Aber trotzdem ganz nett.

Zusammenfassung: Grundmotiv sind reich gewordene Frauen aus armen Verhältnissen. Und es ist eine nette Reise durch die Welt. Frage: Gibt es in Madrid tatsächlich einen Strand?

Karte # 1: Die Garonne bei Toulenne: Wein, Fleisch und Blut. Mauriac

Das nächste Buch ist wieder ein Roman, und er führt nach Frankreich. Nachdem schon die Auvergne und die französischen Alpen in Romanen abgehandelt wurden, geht es nun an die Atlantikküste in die Gegend um Bordeaux. Wer von hier aus 50 km die Garonne flußaufwärts fährt, der gelangt in das Städtchen Toulenne. Hier spielt die folgende Geschichte hauptsächlich. Das Buch heißt „Fleisch und Blut“ von Francois Mauriac. Ich habe die Ausgabe von 1954 mit 208 Seiten. Das Original „La Chair et le Sang“ wurde 1920 vollendet. Die Handlung spielt im 1. Halbjahr 1914. Der Autor erhielt 1952 den Nobelpreis.

  • Das Setup

Claude Faverau hat das Priesterseminar in Bordeaux abgebrochen. Er fährt mit dem Zug nach Hause, das ist eine Chartreuse in Lur nahe Toulenne, ein altes Weingut aus dem 18. Jahrhundert. Dort lebt und arbeitet sein Vater Dominique Favreau als Verwalter. Die Chartreuse hat gerade einen neuen Besitzer, Bertie Dupont-Gunther. Er ist Witwer und Protestant und gilt als arroganter, grobschlächtiger Geschäftsmann. Er hat Dominique Faverau als Verwalter übernommen.

  • Die Geschichte

Auf der Chartreuse tummelt sich eine Menge Personal: Berties Sohn Edward ist ein verzogener Schönling, der meist in weißen Anzügen und mit Zigaretten im Mundwinkel rumläuft. Edward verachtet jedes Gefühl. Berties Tochter May spielt Klavier, liebt die Einsamkeit und ist ansonsten unscheinbar. Beide freunden sich mit Claude an, sehr zum Widerwillen ihres Vaters. Dann gibt es da eine Gesellschafterin, Melanie Gonzales. Sie ist eine stämmige Frau, die alles unter Kontrolle hat und jeden dadurch nervt, dass sie permanent vor sich hin plappert. Sie hat eine Tochter, Edith. Bertie Dupont-Gunther wiederum ist eher selten anwesend. Meist kommt er nur kurz vorbei, stänkert überall rum und fährt mit seinem Auto zurück zu seinen Geschäften und Mätressen nach Bordeaux.

Edward, Claude und May gehen in der Garonne schwimmen. Sie finden eine schöne Stelle zwischen Saint-Macaire und Saint-Pierre-d’Aurillac. Anschließend liegen sie im Gras, diskutieren über Religion und Philosophie und lesen sich aus „Fleurs du Mal“ vor. May führt die Diskussionen über die nächsten Wochen fort. Es entstehen zarte Bande der Sympathie zwischen den beiden. Edward langweilt sich und beginnt zu malen.

Edith trifft ein. Frau Gonzales will sie mit Bertie Dupont-Gunther verkuppeln (also ihre Tochter mit einem Mann in ihrem eigenen Alter), um diesen besser kontrollieren zu können. Und natürlich gibt es auch eine Dame, die ihren Sohn mit May verkuppeln möchte. Diese Dame, Frau Castagnedes, ist sehr fett, ihr Sohn Marcel ebenso. Von nun an gehen alle Intrigen schief:

Edith verliebt sich in Edward. May ist von Marcels Benehmen angeekelt und läuft schreiend durchs Haus. Schließlich kommt es zu einem dramatischen Dialog zwischen Edward und Claude. Edward kündigt an, dass er das Gut verlassen wird, und dass Claude für seine – Edwards – Eskapaden Leid auf sich ziehen wird. An dieser Stelle weiß der Leser, dass die Eckpunkte eines Dramas gesetzt sind. Claude auch, denn er beschließt, dass er Edward nicht wieder sehen möchte.

  • Pause

Eine Gesellschaft, also eine große Familienfeier führt alle Personen zusammen. Außerdem kommen noch einige weitere Gäste. May nimmt als einzige nicht von Beginn an teil. Später erscheint sie, angewidert von der ganzen Gesellschaft, besonders dem fetten Marcel, trinkt einige Gläser Rotwein, spielt Klavier, singt „Isoldes Liebestod“ und verzieht sich wieder.

  • Weiter

Herr Dupont-Gunther erfährt, dass seine Dauergeliebte fremd geht und ist zornig auf sie. Frau Gonzales beobachtet May und Claude bei einem innigen Kuß. Sie stellt May zur Rede, die schließlich unter dem Redeschwall zusammen bricht. May fragt Claude um Rat, und als dieser sie abweist, flieht sie zu dem fetten Marcel. Nicht einfach, denn das setzt für die protestantische May eine Konversion voraus.  Claude wiederum betrauert seine eigene Einsamkeit, die er – von seinem tiefen Katholizismus geleitet – als Strafe für seine Schuld ansieht. Edward fährt nach Paris. In einem langen Briefwechsel mit seinem Freund Firmin betrauert er seine einsame Lage. Edith gesteht ihrer Mutter, dass sie in Edward verliebt ist, und auf keinen Fall dessen Vater heiraten wird. Es kommt zum Streit, und in der Folge wirft Bertie Dupont-Gunther Frau Gonzales aus dem Haus.

May kapituliert vor dem Druck aller und heiratet den fetten Marcel. Derweil ist Edith in Paris Edwards Geliebte geworden. Ihre Mutter drängt Edith, dass sie Edward zur Heirat drängen möge. Claude hilft derweil bei den Arbeiten im Weinberg mit. Als Mittel gegen drohenden Frost zieht man mit qualmenden Pechpfannen durch die Weinberge. May entschwindet aus der Handlung.

Edith schlägt Edward vor, dessen Maler-Atelier zu organisieren. Als sie meint, dass er nur die Wahl zwischen ihr und dem Tod habe, schreit er sie an, dass er den Tod wähle. Sie verläßt ihn. Er wird immer einsamer und sein Gemüt verfinstert sich immer mehr. Edward rafft sich nach Wochen auf, in einem Lokal zu essen. Zufällig begegnet er dabei den Gonzales‘. Angewidert begibt er sich in ein Lokal voller verführerisch tanzender Mädchen. Am nächsten Morgen will er aus Paris fliehen. Er nimmt ein Zugticket nach Chalons-sur-Marne.

In Chalons kauft er sich einen Revolver und setzt sich in ein Hotelzimmer. Er kündigt in zwei Briefen seinen Selbstmord in 5 Tagen an, einen schickt er an Edith, einen an Claude. Claude möchte zu Edward fahren, leiht sich bei einem befreundeten Abbé das Geld für die Fahrkarte, gerät in Streit mit seinem Vater, der ihn schließlich einschließt. Bei einem Sprung aus dem Fenster verletzt er sich. Er kommt in Chalons zu spät an. Edward liegt bereits im Sterben. Am Totenbett erscheint Edith, die den Brief zuerst nicht ernst nahm. Edward kehrt mit Sarg nach Hause zurück.

1914 wird ein guter Weinjahrgang, heißt es.

  • paar Gedanken

Mauriac hat eine außergewöhnlich kraftvolle Sprache. Die Personen werden in der Fantasie des Lesers lebendig. Sie werden auch psychologisch einfühlsam geschildert. Die Natur in der Gegend von Bordeaux kann man fast schmecken. Die Vielzahl der Personen macht das Buch an einige Stellen kompliziert. Einige Figuren habe ich in diesem Beitrag der Übersichtlichkeit halber unterschlagen. Die Konflikte um die Liebe, Schuld und Enttäuschung sind nachvollziehbar geschildert, aber doch aufs Äußerste dramatisch zugespitzt. Die Unselbständigkeit und Manipulierbarkeit der Personen befremdet den modernen Leser dennoch sehr. Am Schluß bleibt ein wenig Ratlosigkeit. Alles geht weiter, nur eben ohne Edward.

Lesenswert.

Ab sofort gibt es noch als neue Rubrik

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Antwerpen – Toulouse – Cadiz und dann raus aufs Meer bis Dakar: Das Totenschiff

Das Totenschiff CoverDer Roman „Das Totenschiff“ von dem geheimnisumwitterten Schriftsteller B. Traven hat 227 Seiten. Das Buch spielt im Jahr 1926 und handelt in drei Teilen von den sehr speziellen Erlebnissen des amerikanischen Matrosen Gales. Er ist der Ich-Erzähler und hat im Buch keinen Vornamen.Teil 1 spielt an Land.

Gales hat auf dem Frachter „Tuscaloosa“ angeheuert. Ein Landgang in Antwerpen, eine Hafenhure, und schwupps: Er versäumt das Auslaufen seines Schiffes. Ohne Papiere, Geld und Gepäck beginnt für ihn eine Odyssee durch Europa. Die fehlenden Papiere sorgen dafür, dass er überall als Staatenloser angesehen wird. Folglich wird er aus jedem Land in das nächste abgeschoben. Die Polizei Antwerpens zeigt ihm, wie er nach Rotterdam kommt, die niederländische Polizei setzt ihn in einen Zug nach Paris, der dortige amerikanische Konsul glaubt ihm seine Geschichte nicht. Gales muss mit dem Zug weiter über Limoges nach Toulouse. Dort wird er wegen „Eisenbahnbetruges“ (so hieß wohl Schwarzfahren früher) verhaftet. Da er mitbekommen hat, dass Amerikaner schlecht angesehen sind, gibt er sich als Deutscher aus. Er sitzt seine Strafe ab und zieht weiter. Eine Bauernfamilie gibt ihm Unterschlupf. Es entstehen amüsante Dialoge. So muss er seinen Gastgebern in Frankreich einmal von Deutschland erzählen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er sagt, er sei aus Südfalen, „da, wo die Hochöfen sind, in denen Königsberger Klopse geschmolzen werden“. Später will er weiter nach Spanien. Kurz vor der Grenze wird er einer französischen Festungsbesatzung inhaftiert und zum Tode verurteilt.

Er wird von einem französischen Offizier verhört. Seiner Schlagfertigkeit verdankt er es, dass er nach Spanien abgeschoben wird. Gales wird aufgegriffen und mit einer Menge Wein und Käse wieder aufgepäppelt. Von Barcelona aus fährt er später kurz nach Marseille, weil er dachte, dass dort amerikanische Schiffe liegen. Dem war aber nicht so. Enttäuscht geht er wieder zurück nach Spanien, wo er faulenzend zwischen Cadiz und Sevilla pendelt.

Beim Angeln („Angeln ist gelebte Philosophie“) bemerkt er ein altes Schiff, die „Yorikke“. Sie schrammt am Kai entlang. Sie wurde schon häufig umbenannt und umgeflaggt. Die Mannschaft ist schlecht ernährt. Der Kapitän „ein Esel. Die Yorikke war viel intelligenter als ihr Kapitän.“ Die Mannschaft entdeckt Gales und überredet ihn, mitzufahren. Nach Liverpool.

Ende Teil 1

Teil 2 spielt auf See an Bord der „Yorikke“.

Die Fahrt auf der „Yorikke“ beginnt konfliktreich. Gales gibt sich nun nicht mehr als Deutscher aus, sondern als Ägypter. Gales nennt sich nun Pippip, wird als Kohlenzieher eingeteilt, erfährt, dass das Schiff nicht nach Liverpool fährt, zumindest nicht jetzt, und Heuer bekommt er erstmal auch nicht. Der Kohlenzieher – er wird auch Kohlenschlepp genannt – muss dem Heizer die Kohle bringen. Mit den Kohlen hält der Heizer die neun Feuer im Schiff auf Flamme. Die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich, 12-Stunden-Schichten als Kohlenzieher, direkt anschließend 4 Stunden Wache und wieder eine lange Schicht als Kohlenzieher. Die Körper der Matrosen sind gezeichnet, die Arme voller Brandwunden, Hautfetzen hängen herab. Die Matrosen waschen sich mit Asche und Sand. Mehrere Kapitel lang beschreibt Traven, wie sein Körper immer mehr zerschunden wird. Er beobachtet seine Kollegen bei ihrer Arbeit, an der sie langsam zerbrechen. Einige sind bereits Toten gleich.

Die „Yorikke“ legt in Marokko an, sie wird mit Kisten voll Pflaumenmus beladen. Gales öffnet eine Kiste und stellt fest, dass in den Musgläsern Munition versteckt ist. Nach und nach findet er heraus, dass das Schiff zum Waffenschmuggel dient. Er freundet sich mit seinem Kohlenzieher-Kollegen an. Stanislaw Koslowski ist in Posen geboren, dann jahrzehntelang auf Schiffen gefahren. Nach dem Weltkrieg wurde Posen polnisch, jedoch hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, zu „optieren“, also aus freien Stücken die deutsche Staatsangehörigkeit zu behalten. Stanislaw war zu dieser Zeit auf See. Als er später einen Pass haben möchte, bekommt er von den deutschen Behörden keinen, da er in ihren Augen Pole ist, von den polnischen Behörden keinen, da er in deren Augen  Deutscher ist. Auf einer deutschen Behörde bekommt er schließlich einen Pass als „Staatenloser“. Damit kann er auf keinem guten Schiff anheuern, da er hierfür eine Staatsangehörigkeit benötigt. Also kam er auf die „Yorikke“. Auf ihr fahren viele Seeleute ohne Pass, die für alle Länder als Tote gelten, und deren Tod niemand bemerken oder betrauern würde. Sie können in keinem Hafen abmustern, denn dazu wären Papiere nötig, die ein Heimatland ausweisen. Das weiß auch der Skipper und enthält den Seeleuten die Heuer vor.

Das Schiff fährt weiter nach Tripolis und dann nach Dakar, wo die Mannschaft tatsächlich an Land gehen darf.

Ende Teil 2

Der kurze Teil 3 spielt an Bord der „Empress of Madagascar“

Stanislaw und Gales wollen auf der „Empress of Madagascar“ anheuern, weil sie neu aussieht. Sie erkundigen sich auf anderen Schiffen nach ihr und schnell wird klar, dass das Schiff für einen Versicherungsbetrug benutzt werden soll. Damit wird den beiden klar, dass sie doch besser  nicht auf die „Empress“ gehen. Sie werden jedoch „shanghait“ und landen als Heizer auf dem Schiff. Nach kurzer Zeit läuft die „Empress“ auf ein Riff auf. Teile der Mannschaft – besonders die Offiziere – gehen in die Rettungsboote, ein anderer Teil bleibt an Deck. Eine große Welle reißt die „Empress“ vom Riff los. Stanislaw beginnt zu halluzinieren und springt ins Meer, wo er ertrinkt. Gales gehört zu den wenigen, die gerettet werden.

Ende Teil 3

Teil 1 ist amüsant und satirisch geschrieben, Teil 2 ist dramatischer und tragischer. Er stellt die Grausamkeit des Schiffes anschaulich dar, die schrecklichen Arbeitsbedingungen, Betrug, aber auch Freundschaft. Wie schon erwähnt, spielt die Handlung im Jahre 1926, der vergangene Erste Weltkrieg ist allgegenwärtig. Die Inflation wird ebenso thematisiert wie die Bildung der Nationalstaaten, die das Phänomen der Staatenlosigkeit nach sich zog. In dem kurzen Teil 3 sinkt das Schiff in einer bildhaften und dramatischen Schilderung.

Eine interessante Fußnote des damaligen Zeitgeistes sind die Anmerkungen Gales‘ über Spanien. Er erlebt dort zum ersten Mal in seinem Leben eine riesige Demonstration. Ursache war der Wunsch der Regierung, ein neues Meldegesetz einzuführen. Der Roman ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur, reicht jedoch weit darüber hinaus. Er ist von politischen und sozialkritischen Noten durchsetzt, die stimmig in die Handlung und die Personen eingebaut wurden.