Flussmündungen bei Honore de Balzac: „La Femme de Trente Ans“

Wo Flüsse ineinander fließen, siedelt man, Handlungsstränge verflechten sich, Menschen begegnen sich. Honore de Balzac treibt damit ein literarisches Spiel in seinem Roman „La femme de trente ans“ übersetzt von Siever Johann Meyer-Berghaus: „Die Frau von 30 Jahren“, Agrippina-Bücherei Wiesbaden, ca. 1955, 190 Seiten.

  • An der Mündung der Cise in die Loire

Wir sind im Frankreich Napoleons. Ein Reisewagen fährt von Amboise nach Tours. Die Zügel reißen. Der Wagen muss halten, er tut es an der Stelle, wo die Cise in die Loire mündet. Dort steht eine Brücke, unweit davon – zwischen Schluchten und Fesen – das Städtchen Vouvray. In der Loire liegen kleine grüne Inseln, in der Ferne sieht man die Hügelkette von Cher. Eine Felsenreihe erstreckt sich bis nach Tours. Die Bevölkerung betreibt den Weinbau auf fast senkrecht stehenden Feldern.

Im Reisewagen sitzen Neuvermählte: Julie von Aiglemont und ihr Gatte Viktor aus Paris. Die Zügel werden repariert und danach geht die Fahrt weiter nach Tours. Viktor von Aiglemont bringt seine Frau dorthin zu seiner Tante, weil ihr sonst „Gefahren drohen“.

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Da plötzlich – o Schreck – kommt ein Engländer angeritten, „einer der Burschen, denen man nachsagt, dass sie Frankreich auffressen wollen“ (S. 21). Es ist Lord Grenville. Was aber macht ein Engländer mitten im napoleonischen Frankreich?

  • Exkurs: Der Vertrag von Amiens

Er vertreibt sich seine Zeit als Gefangener. 1802 beendeten England und Frankreich den Zweiten Koalitionskrieg mit dem Vertrag von Amiens. In der Folge war Frankreich ein beliebtes Ziel englischer Touristen. So auch Lord Grenville, der in Montpellier zu Kur war.

Doch weder Frankreich noch England unternahmen viel, um den Frieden aufrecht zu erhalten. England beschlagnahmte im Mai 1803 französische Schiffe, und Napoleon nahm alle Engländer gefangen, die sich gerade in Frankreich aufhielten.

Sie konnten ihren Aufenthaltsort wählen, mussten sich aber vom Kaiser in andere Gegenden versetzen lassen, wenn es die Interessen der Kolonialpolitik erforderten. Und so ritt also Lord Grenville in der Touraine herum. Zum Glück für die Handlung immer genau da, wo gerade Julie von Aiglemont war.

Viktors Tante klärt inzwischen Julie über Viktors schwärmerischen Charakter auf. Und schon wieder reitet dieser Engländer unter Julies Fenster umher.

Schnitt. 1814. Das Kaiserreich ist zusammengebrochen. Viktor kann nicht nach Tours kommen und bittet Julie, über Orleans nach Paris zu reisen. Sie reist los. Und hinter ihr: richtig – Lord Grenville. In Orleans wird Julie von Preussen gefangen gehalten. Die Intervention Grenvilles bewirkt, dass sie weiter nach Paris reisen darf. Dort erfährt sie vom Tod von Viktors Tante und ist traurig.

Außerdem bekommt sie eine Tochter – Helene – und entdeckt, dass ihr Mann seit Jahren eine Affäre hat.

Jahre später, 1820, wird Lord Grenville auch in Paris gesichtet. Und eines Tages – Viktor geht für 8 Tage auf eine Jagd – kündigt er sich bei Julie an. Er gesteht seine Liebe zu ihr, will sie samt Kind mitnehmen. Als es zwischen beiden richtig ab geht, kehrt Viktor unerwartet zurück – die Jagd fiel aus. Grenville rettet Julies Ehre, indem er sich auf dem Fenstersims versteckt. Dort holt er sich eine Erkältung und stirbt.

  • An der Mündung der Loing in die Seine

Wir wechseln in die Gegend des Waldes von Fontainebleau. Das ist zwischen Orleans und Paris. Die Seine fließt hier durch und nimmt die Wasser des Flüsschens Loing auf. Zwischen den Ortschaften Moret, Nemours und Montereau liegt das Schlösschen Saint-Lange. Ringsherum Getreidesteppe, „eine Wüste aus Kreide, Mergel und Sand“ (S. 70).
Dort kommt Julie 1820 an. Sie ist einsam und „heftet ihre Blicke auf die flache Gegend, die ein Symbol ihrer Zukunft war.“ (S. 70) Sie spricht lange Zeit mit dem Dorfpfarrer. Dessen Leben ist noch viel trauriger, denn er verlor seine drei Söhne im Krieg.

Mit neuem Mut zieht sie nach Paris, wo sie 1822 – im Alter von 30 Jahren – die Liebe des deutlich jüngeren Charles von Vandenesse gewinnt. Daher auch der Titel des Buches. Die beiden knüpfen immer enger Bande, und auch Charles und Helene verstehen sich auch gut. Dann aber, als es zwischen beiden richtig ab geht, tritt Gatte Viktor ins Zimmer. Er bietet Charles eine Stelle als Botschafter an.

  • An der Mündung der Bièvre in die Seine

Paris. Die Bièvre mündet in der Nähe des Botanischen Gartens in die Seine. Wir sind also im 13 Arrondissement, dem Arrondissement des Gobelins. Helene hat ein kleines Brüderchen, Charles. Beim Spiel stößt sie es mit Absicht in das schlammige Wasser der Bièvre und rächt so ihren Vater.

Dann, eines Abends, klopft es an der Tür. Ein offensichtlich fliehender Mann erscheint aus dem Nichts und bittet um Einlass. Viktor versteckt ihn auf dem Dachboden. Es klopft erneut: Ein Gendarm weist auf einen Mord hin, der in der Nähe geschah. Julie bringt ihre Tochter mit dem Mörder zusammen. Eine Seelenverwandtschaft entsteht. Der Mörder wird des Hauses verwiesen. Helene geht mit ihm. Viktor ist entsetzt. Julie, die Helenes Gründe kennt, ist einverstanden.

Dem dramatischen Verlust der Tochter folgen Viktors Pleite, noch eine zweite Pleite und dann verlässt er das Land Richtung Karibik.

  • Sechs Jahre später

Ein paar französische Kaufleute haben ein Schiff gemietet, das sie von Havanna nach Bordeaux brachte, An Bord: Viktor von Aiglemont, der in der Karibik neuen Reichtum erwarb. Sein Schiff wird vom Schiff eines kolumbischen Korsaren geentert. Der Korsar ist der Mörder von vor sechs Jahren und Viktors Schwiegervater. Helene ist auch auf dem Schiff. Vater und Tochter sprechen sich aus. 1833 hat dann Viktor seine Angelegenheiten geregelt und stirbt.

Bald darauf stirbt auch Helene, die mittlerweile ihre Familie beim Schiffbruch verloren hat, in den Armen ihrer Mutter. Julie bleibt noch eine Tochter, Moine.

Die wird an einen Herzog verheiratet. Der ist dann 6 Monate unterwegs. Moine beginnt eine Affäre mit dem Grafen von Vandenesse jr. (Sohn des Herrn, der die Affäre der Mutter war). Mutter und Tochter verdächtigen sich dann gegenseitig Affären mit Vater und Sohn und Julie stirbt. 1842 war das.

  • Bemerkungen

Der Roman umfasst einen langen Zeitraum von 40 Jahren und überspringt immer mal ein paar Jahre. Das gibt ihm einen episodenhaften Charakter. Er gilt nicht als eines der stärksten Bücher Balzacs. Aber mir erschien er sehr modern, geradezu wie  für einen zapping-affinen Leser geschrieben. Denn gerade der Wechsel zwischen Familiensaga, Krimi und Piratengeschichte, dazu die originelle Variante des Schuld-und Sühne-Themas machen das Buch abwechslungsreich und kurzweilig.

  • P.S.

Die Bievre fließt heute unterirdisch und entwässert in die Pariser Kanalisation. Außerdem erwähnt Balzac den Gobelinfluss, der 3 Kilometer lang war und in der Nähe der Bievre-Mündung floss. Dieser Fluss ist völlig in Vergessenheit geraten und Balzacs Roman eines der ganz wenigen Dokumente, die an ihn erinnern.

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Die Michelin Straßenkarte Nr. 60 bei Daphne du Maurier – „The Scapegoat“

Auch das gibt es: Einen Roman, der mit einer Landkarte beginnt und endet. Es ist die Michelin Straßenkarte Nr. 60, die die Gegend von Le Mans zeigt.

  • Das Buch

Daphne du Maurier hat es gleich mehrfach erreicht, von Hitchcock verfilmt zu werden (Rebecca, Jamaica Inn, Die Vögel). Nicht so mit dem Roman „The Scapegoat“ von 1957. Der unermüdliche N.O. Scarpi übersetzte das Buch mit dem Titel „Der Sündenbock“. Die Bertelsmann-Ausgabe von 1959 hat 446 Seiten.

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  • Die Landkarte

Die Handlung spielt im Jahre 1956. Auf dem Beifahrersitz eines Ford Consul liegt besagte Landkarte. Auf dem Fahrersitz: der englische Historiker John. Er urlaubt in Frankreich, sammelt Material für seine nächsten Vorträge, und spricht die Sprache seines Gastlandes „mit Gewandtheit“ (S. 10). Er ist auf dem Weg von Tours in die Grande Trappe, die er auf der Karte blau eingekreist hat. Das ist ein Zisterzienserkloster bei Mortagne, wo er seine Liebe zu Gott auffrischen und seine Niedergeschlagenheit vertreiben will. Bei Le Mans entschließt er sich kurzfristig, zu übernachten.

Ein Fremder spricht John an, nennt ihn Jean und gibt sich als sein Zwilling aus. Die beiden landen in einem billigen Hotel. Am nächsten Nachmittag ist der Fremde mitsamt Johns Koffer weg. Dafür steht der Koffer des Fremden im Raum und daneben steht der Chauffeur Gaston.

  • Das Spiel beginnt

John will zur Polizei gehen, läßt sich dann aber von der Situation treiben. Der Chauffeur fährt ihn in ein Schloß 20 km außerhalb von Le Mans, in das fiktive Städtchen Saint Gilles.

John lernt „sein“ – also Jean’s – Haus kennen. Samt Familie. Die Leute stellen ihm Fragen, deren Antwort er zunächst umgehen kann, indem er sagt, er sei betrunken gewesen und leide an Gedächtnisschwund. Er lernt Jean’s – also jetzt seine – Mutter, die eigene Ehefrau Françoise, „seinen“ Bruder Paul mit Frau Renee, „seine“ Schwester Blanche und „seine“ Tochter kennen. Alle halten ihn für den Grafen Jean de Gue. Mithin geht es distanziert zu. So distanziert, dass niemand die Verwechslung bemerkt.

Also beginnt John zu beobachten. Die Mutter ist morphiumsüchtig, die Tochter hat Selbstmordphantasien, der Bruder leitet die Fabrik widerwillig. Dessen Frau Renee immer auf der Suche nach Affären, und die „eigene“ Frau Françoise ist krank und schwanger und will niemanden sehen, schon gar nicht ihren Mann. Kurz: Man misstraut sich.

So kommt beiläufig die Fabrik ins Spiel. Und das mit der Fabrik interessiert John dann näher. Es ist eine Glasfabrik, die Flakons herstellt, Massenware, die andere billiger anbieten können. Die Fabrik steht also kurz vor der Schließung. Soeben hat Jean einen langfristigen Kontrakt mit einem Großkunden in Paris verloren. John versucht, ihn zu retten. Er ruft in Paris an und macht einen neuen Termin. Außerdem möchte er sich einen Überblick über die Finanzsituation verschaffen.

Dazu fährt er in das – ebenfalls fiktive – Nachbarstädtchen Villars, wo sich die Hausbank der Familie befindet. Er sieht sich die Unterlagen an, die dort im Safe liegen. Dabei fällt ihm der Ehevertrag in die Hände. „Sein“ Schwiegervater hat ihm und seiner Frau Françoise viel Geld vermacht. Darüber dürfen die beiden aber nur verfügen, falls ein Sohn geboren wird. Oder Jean darf verfügen, falls Françoise stirbt. John wundert sich ein wenig über die Laune einer solchen Entscheidung.

In Villars chauffiert Gaston Jean noch zu Bela. Das ist die Geliebte, die bald zur Vertrauten wird.

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  • Zwei fiktive Städtchen

Die zwei Hauptorte,  – St. Gilles und Villars -, in denen die Handlung spielt, sind fiktiv. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. In St. Gilles sind Fabrik und Familie, „Das ist es was not tut, in der Fabrik wie im Schloß: Leben, nicht Tod“. (414)  In Villars befinden sich Geliebte und Bank. Natürlich – wen wundert’s – fühlt sich John in Villars wohler. Der Ort ist „hell, in sich gefestigt (S. 434)“.  Doch die beiden Orte sind durch „Straßen verbunden, die eine Drohung bargen. Sie waren Nervenstränge, die nach St. Gilles zurück führten.“ (S.434)

  • Die Glasfabrik

Als nächstes gelingt ihm, den Vertrag mit dem Pariser Kunden fortzuführen, jedoch zu ungünstigeren Konditionen. John befasst sich erst jetzt mit der Kalkulation. Das Ergebnis ist schockierend: Die Schließung der Fabrik wäre günstiger gewesen als der neue Kontrakt. Die Fabrik verbrennt jetzt erst recht Geld. Zukunft unklar.

Ansonsten stellt sich heraus, dass Jean sich gar nicht um die Fabrik gekümmert hat. Und der letzte Fabrikleiter wurde – 15 Jahre ist es her – während der deutschen Besatzung von Resistance-Leuten bestialisch ermordet.

Am nächsten Tag stirbt Françoise. Ihr Tod bringt der Familie laut Ehevertrag viel Geld ein. In Verbindung mit dem ungünstigen Vertrag der Fabrik stellt sich die Frage, ob es Mord, Selbstmord oder ein Unfall war. Doch die Alibis sind wasserdicht, und die Anzeichen für einen Unfall eindeutig.

Nach weiteren Wortgefechten kündigt Bruder Paul seine Stellung als Fabrikleiter. John antwortet, indem er ihm mehr Kompetenzen einräumt. Und schließlich klärt sich eine andere Sache auf, beim Durchblättern des Familienalbums. Der Mord an Maurice, damals vor 15 Jahren – war keine patriotische Tat. Maurice hatte ein Verhältnis mit Blanche, Jean ließ Maurice aus Eifersucht ermorden, zu feige, es selber zu tun. Nach einem weiteren Gespräch wird Blanche zukünftig die Fabrik leiten.

Dann, als alle mit den Veränderungen beschäftigt sind, erhält John einen Anruf. Der echte Jean de Gue kündigt seine Rückkehr an. Über Deauville kommend, wird er am nächsten Abend in der Fabrik sein. Sie tauschen aus, was war. Jean hat in London die Rolle des John gespielt. Er hat als John seine Stelle und die Wohnung gekündigt, das Geld abgehoben, vieles ausgegeben. Sie tauschen ihre Kleider zurück. John verschwindet wieder.

Er geht zu Bela, der Geliebten. Sie war die einzige, die den Rollenwechsel bemerkt hat.  Der rückgewechselte John setzt sich in seinen Ford Consul, wo die Michelin Straßenkarte Nr. 60 immer noch auf dem Beifahrersitz liegt. Er fährt die Strecke, die er genau eine Woche zuvor fahren wollte: Belleme – Mortagne – Foret du Perche – Foret de la Trappe.

  •  Bemerkungen

Das Buch hat gewaltige Längen. Nach spannendem Beginn folgen über 200 Seiten Familiensaga. Der Leser weiß um den Rollentausch, aber keine der handelnden Figuren ahnt etwas. Schnell wird vermeintlich klar, dass die Verwechslung nicht auffliegen kann, solange John keinen Fehler macht. Er macht Fehler, und selbst dann bleibt die Verwechslung unentdeckt. Lediglich der Ehevertrag und der fast vergessene Mord an Maurice sorgen für latente Spannung, die aber bald wieder verfliegt. So langweilt sich der Leser bald vor sich hin, weil er vermutet, dass da nichts spannendes mehr kommt.

Anders als bei Hitchcock-Filmen behält er recht damit – leider.

Der Übersetzer hat eine nette Note hinterlassen: Auf dem Schloss gibt es eine Magd, das ist „die Frau, die die Kühe wartet“ (S.356)

 

 

 

Karte 54: „Liselotte von der Pfalz“ von Gertrude Aretz

Heute wird es antiquarisch. Die Biographie „Liselotte von der Pfalz“ interessierte mich nicht nur, weil eine beliebte Figur aus meiner Heimat, der Kurpfalz, besprochen wird. Sondern auch wegen ihres Alters. Das Buch ist aus dem Jahr 1921. Autorin ist die Historikerin Gertrude Aretz, die sich in ihren Schriften der Biographien verschiedener Frauen – meist mit Frankreichbezug – angenommen hat. Wir reden über 262 Seiten und 24 Abbildungen auf Hochglanzpapier, dazu einem sehr gut gemachten Personenverzeichnis am Ende.

Liselotte

Das Buch ist chronologisch aufgebaut. Primäre Quelle sind Liselottes Briefe an ihre vertrauten Freunde in ihrer Heimat Heidelberg. Diese Briefsammlung umfasst heute noch ungefähr 7000 Briefe und ist ein wichtiges Zeitdokument.

  • Heidelberg

Heidelberg war zu dieser Zeit Residenzstadt der Kurpfalz. Der Regent war der Kurfürst (der hieß so, weil er einer der sieben Jungs war, die den deutschen Kaiser „kürten“). Die Kurpfalz war damals ein Flickenteppich von Ländereien, der sich vom Unterlauf des Neckar bis in die Westpfalz zog.

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Liselotte wurde 1652 in Heidelberg geboren. Ständige Streitereien zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter führten dazu, dass sie zur Erziehung zu Verwandten geschickt wurde. So kam sie nach Kassel, nach Hannover und für kurze Zeit nach Den Haag.

Ab 1668 – dem Friede von Aachen – fürchtete man in Deutschland den „ländergierigen“ Ludwig XIV. Die deutschen Staaten schlossen Schutzbündnisse, der Kurfürst setzte jedoch keine Hoffnung darauf und wollte sich Frankreich nähern. Die Gelegenheit kommt 1671: Der Bruder des Königs (Philipp II von Orleans) hat seine erste Frau, Henriette von England, verloren. Eine Dame aus der weit verzweigten Verwandtschaft vermittelt, und so wird Liselotte die Gemahlin Philipps. Die Heirat macht Liselotte zumindest auf dem Papier zu einer sehr mächtigen Frau, weil sie ja jetzt Schwägerin des Königs ist.

Über Strasbourg fährt Liselotte nach Reims, wo sie der Form halber zum Katholizismus konvertieren muss. Danach verbringen die Neuvermählten einige Tage in Villers-Cateret, bevor sie nach Saint-Cloud ziehen. Regelmäßig verbringen sie auch Zeit in Philipps Stadtschloß, dem Palais Royale in Paris.

  • Paris

Liselotte ist in dem verschnöselten Paris wegen ihrer einfachen Art sehr beliebt. Sie verabscheut die „Debaucherien“ (Ausschweifungen), sie verabscheut Schminke und Sonnenmasken (trugen die Damen damals, um ihren Teint zu schützen). Sie mag das Essen nicht, mit all den „Pastetchen, Konfitürchen, Entrements und Ragouts“, und schnell vermisst sie Sauerkraut, Pfälzer Würste und Specksalat. Außerdem verabscheut die den französischen Adel im Allgemeinen, da die Herzöge vom König gemacht wurden und nicht wie in Deutschland, eine lange Tradition vorweisen.

Insgesamt gibt sie sich unangepasst, spricht direkt und undiplomatisch. Besonders der König schätzt sie deswegen. So verbringt sie manchmal mehr Zeit mit ihm als mit ihrem Gatten. Diese Vertrautheit mit dem König schützt Liselotte davor, von Philipp verstoßen zu werden. Sie lernt reiten, geht mit dem König auf die Jagd (ihr eigener Gatte reitet nicht, aus Sorge um seine Kostüme)

Dann jedoch bekommt sie die Intrigen des Hofes zu spüren. Besonders Madame de Montespan schleimt sich beim König und danach bei Philipp ein. Sie ist „offizielle“ Maitresse des Königs, eloquent und hübsch, aber mit einem fiesen Charakter. Mme de Montespan freundet sich mit „Giftmischerinnen“ an, und dann wird noch eine „Messe Noire“ dieser Dame explizit geschildert. Liselottes Gemahl besiegt während dessen in der Schlacht von Mont-Cassel die Niederländer. König Louis XIV. neidet ihm diesen Erfolg. Konsequenz: Es war der letzte Oberbefehl von Philipp.

1679 heiratet Liselottes Stieftochter Marie Louise den spanischen König. Die Verwandten aus Deutschland kommen nach Paris. Die Feierlichkeiten sind gewaltig, der unmoderne Schmuck der deutschen Gäste wird schnell noch nach der aktuellen Mode gefasst. Die Sitzordnungen richten sich übrigens danach, wessen Schmuck von welchem Kronleuchter am besten beleuchtet wird. Das unbefangene Jahr 1679 wird in der Rückschau das glücklichste in Liselottes Leben sein.

  • Die Metzer Reunionskammern

Während dessen in Heidelberg: Der Friede von Nimwegen führte zu neuen Begehrlichkeiten Frankreichs. Es wurden die „Metzer Reunionskammern“ eingerichtet. Deren Agenten sollen prüfen, welche Gebiete des früheren Bistums Metz wieder Frankreich einverleibt werden sollen. Zwei Agenten richten sich im Heidelberger Schloss ein, wo sie den Kurfürsten – Liselottes Vater – faktisch entmündigen. 1680 stirbt er. Sein Nachfolger, sein Onkel, stirbt 1685 kinderlos.

Und nun wird Liselotte selbst zum Auslöser machtpolitischer Ereignisse.

Ludwig XIV erhebt Anspruch auf die Kurpfalz. Er überzieht die Umgebung Heidelbergs – und kurz darauf die Stadt selbst – mit Krieg, Zerstörung und Plünderungen. Schloss und Stadt werden niedergebrannt.

  • Immer noch Paris (statt Maubuisson oder Montargis)

Liselotte ist zu Tode betrübt. Doch damit nicht genug. Der König legitimiert die Kinder, die er mit seinen Maitressen hat. Er befiehlt, dass eine seiner Töchter den Sohn Liselottes heiraten soll. Liselotte fügt sich widerwillig. Hofintrigen unterstellen ihr ein Verhältnis mit einem jungen Grafen. Ihr Mann überwirft sich mit ihr, sie will ins Kloster nach Maubuisson gehen. Der König redet es ihr aus.

1701 stirbt Liselottes Mann an einem Schlaganfall. Sie könnte in ihr Privatschloss Montargis ziehen, bleibt jedoch lieber beim König, auch um nicht der Einsamkeit zu verfallen. 1715 stirbt Ludwig XIV. Der Thronfolger Ludwig XV ist noch zu jung. So wird Liselottes Sohn Philipp Regent – also Interimskönig – über Frankreich und Liselotte auf ihre alten Tage nochmals zu einer mächtigen Frau.

Logische Folge: Liselotte ist umringt von allem, was in Paris kriechen kann. Sie jedoch weigert sich, in politischen Fragen Einfluss auf ihren Sohn zu nehmen. Bald zieht sie sich zurück. In ihrer Einsamkeit widmet sie sich immer mehr dem Schreiben von Briefen an ihre Freunde und Verwandten in Heidelberg. Nur einmal tritt sie in einer politischen Angelegenheit öffentlich auf. Nach dem Zusammenbruch der Lawschen Bank 1720 gab es Unruhen vor dem Palais Royal. Sie fuhr in der Kutsche vor und mahnte zur Besonnenheit. Ihr Auftritt besänftigte die Menge.

Am 8. Dezember 1722 stirbt Liselotte.

  • Nachwirkungen

Das Schloss in Heidelberg ist bis heute ein Ruine. Das Palais Royale in Paris beherbergt 1819 in Balzacs „Vater Goriot“ einen Spielclub.

  • Bemerkungen

Die Geschichte eines gesellschaftlichen Rollenwechsels, der mit einem Ortswechsel verbunden ist und so zu einem gewaltigen Kulturschock führt, ist flüssig und auch für heutige Leser gut lesbar geschrieben. Dazu kommt viel Sympathie für die Frau, die sich mit allen Veränderungen gut arrangiert.

Aber: Biographien über First und Second Ladies sind stets weniger von der Herrschaftsgeschichte geprägt als von Details aus dem Leben am „Hofe“. Das kann interessant sein, muss es aber nicht. Man erfährt manches aus dem Alltag einer Epoche, manchmal wird der Voyeur im Leser bedient. Und oft steht das Buch in der Gefahr, Banalitäten zu verbreiten.

Die Randbemerkung über den Zusammenbruch der Lawschen Bank – gerade zwei Sätze lang – zeigt, was dem Buch fehlt. Ludwig XIV hinterließ ein bankrottes und korruptes Land. Der Regent übernahm es wenig fachkundig und geriet an eben jenen Mr. Law, einen Hallotri mit ökonomischem Sachverstand. Auf spannenden Wegen gelang es beiden (Louis und Law), die Staatsschulden zu Lasten der Einwohner von Paris drastisch zu reduzieren. Davon erfährt der Leser nichts, und auch über die anderen politischen Entscheidungen, die für das Land wichtig waren (Louisiana, spanischer Erbfolgekrieg, Geldentwertung). Das Buch bleibt leider streng in der privaten Perspektive der Liselotte.

Paris 1995 – „Debout les Morts“ von Fred Vargas

1995 erschien der Roman „Debout Les Morts“ von Fred Vargas, einer französischen Archäologin und Romanautorin. Die deutsche Übersetzung von Tobias Scheffel trägt den Titel „Die schöne Diva von Saint-Jacques“ und hat 287 Seiten.

  • Wie geht’s los

Grüne Strecke: Marc, Mediävist, Mitte 30 und stets schwarz gekleidet, hat Glück: Er findet einen kleinen Stein, der sich dazu eignet, dass man ihn durch die Rue Saint-Jacques kicken kann. Das ist schwer in Paris. Ansonsten hat Marc kein Glück, keinen Job, keine Frau, kein Geld. Er muss aus seiner kleinen Wohnung raus, hat aber schon eine runtergekommene Baracke in der Rue Chasle in Aussicht.

Der Stein verschwindet in der Regenrinne an der Rue Soufflot. Später, bei Val de Gris, betritt Marc eine Telefonzelle. Er ruft seinen Bekannten Mathias an. Mathias ist Prähistoriker und verdient ein wenig Geld als Graphiker. Deswegen soll er mit in die Baracke einziehen.

Aber das Geld reicht immer noch nicht für die Miete. Also rufen die beiden Lucien an. Lucien ist ebenfalls Historiker, sein Thema ist der 1. Weltkrieg. Jeder der drei haßt das Fachgebiet der beiden anderen. Aber privat kommen sie leidlich miteinander aus. Und so ziehen sie endlich gemeinsam in die Baracke in der Rue Chasle (roter Knopf). Die Rue Chasle ist eine fiktive Straße in der Nähe der Rue Faubourg des Saint-Jacques im 14. Arrondissement. (Ich habe sie erst mit der Rue Chasles in der Nähe des Gare du Lion verwechselt)

  • in der Rue Chasle

Jeder der drei richtet sich ein Stockwerk ganz im Sinne seines Fachgebietes ein. Bei Mathias trifft man sich an der Feuerstelle, bei Lucien, um die Truppen zu sammeln, und im Erdgeschoss haben sie sich ein „Refektorium“ eingerichtet. Sie sind noch beim Renovieren, als Lucien herumschreit: „Generalalarm“, das heißt, die Nachbarin ist im Anmarsch.

Sophia stellt sich als sehr sympathische Frau von über 60 Jahren heraus. Sie war bis vor einigen Jahren eine bekannte Operndiva. Mathias kennt sie von der Bühne. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann Pierre hier. Pierre ist an ihr und dem Rest der Welt desinteressiert. Er hat eine Geliebte in der Nähe des Place d’Italie, die mit Pierres Geld einen weiteren Geliebten aushält.

Außerdem zieht noch Marcs Onkel Vandoosler ein (ein verkappter Moby-Dick-Fan). Der war mal Kommissar, wurde aber wegen eines Dienstvergehens entlassen. Zwei Straßen weiter liegt das Lokal „Le Tonneau“. Die Wirtin Juliette gibt Mathias eine Halbtagsstelle als Kellner.

Die drei bemerken irgendwann, dass Sophia verschwunden ist. Zunächst nehmen sie es nicht ernst, später finden sie für sich selbst eine Erklärung dafür. Sophia ist durchaus reich, griechischer Abstammung, und man dachte, dass sie vielleicht zu ihrem griechischen Exmann zurückgegangen sein könnte. Oder in ihre französische Heimatstadt Dourdan. Soweit. Sogut. Eine stimmungsvolle französische Verliereridylle. Bis eines Tages….

…Alexandra mit Kind zu Besuch kommt. Alexandra ist Sophias Nichte. Ihr Besuch war seit zwei Monaten geplant. Alexandra akzeptiert nicht, dass Sophia ohne Nachricht verschwunden ist. Damit beginnen die Verwicklungen. Und in einer verlassenen Gasse in Maisons-Alfort brennen drei Autos. In einem wird eine Leiche gefunden, die Leiche trägt Sophias Schmuck.

Die drei beschließen, zu ermitteln, und sie versichern sich der Hilfe des Onkels und seines Kontaktes bei der Polizei, Inspektor Leguennec. Vandoosler durchbohrt ein 5-Francs-Stück und nagelt es an einen Holzbalken. Es wird die Belohnung für denjenigen sein, der den Mörder von Sophia „harpuniert“.

Der Onkel Vandoosler „verhört“ erstmal Alexandra, die kein Alibi hat. Er kommentiert ihre Antworten, um sie auf das eigentliche Verhör durch Leguennec vorzubereiten. In der Nachbarwohnung klingelt ein Mann an der Tür. Er wird von Mathias abgefangen und erzählt, das er im Hotel Danube in der Rue de Prevoyance abgestiegen ist.

Lucien verschwindet zu einem WK II-Diner für WK-I-Veteranen. Er kommt morgens betrunken zurück, verspeist zum Frühstück Kaffee und geklaute Langusten. Im Radio dudeln die Morgennachrichten. Im Hotel Danube wurde eine Leiche gefunden. Es ist der Mann, der gestern zu Besuch war.

Alle vier fahren vom Gare d’Austerlitz nach Dourdan, einem Städtchen südöstlich von Paris. Dort lebt Sophias Vater mit seiner zweiten Frau. Sie finden einen Karton mit alten Kritiken aus dem Jahr 1978, zwei Kritiken zerreißen Sophias Vorstellung einer „Elektra“. Diese beiden Kritiker wurden 1979 durch Kopfschüsse getötet. Der Mord blieb unaufgeklärt.

Ein Zeitungsartikel von damals zeigt ein Szenenfoto. Darauf ist auch der Bruder von Juliette – also der Frau, die jetzt in der Nachbarschaft eine Kneipe hat. Ein paar weitere Details drängen den Schluss auf, dass Juliettes Bruder alle vier Opfer ermordet hat. Doch als Leguennec ihn verhaften will, ist er geflohen.

Dann stellt sich heraus, dass der Tote im Hotel Danube im Sterben noch das Wort „Sofia“ in den Staub schreiben konnte (mit „f“ statt mit „ph“). Sophia als Mörderin? Sie lebt also. Aber wer ist die verbrannte Tote mit Sophias Schmuckstück? Eine Pennerin aus dem Gare du Lyon ist seither spurlos verschwunden.

  • zu Fuß durch Paris

Marcs Welt gerät aus den Fugen. Er rennt durch die Straßen, durch die Avenue d’Italie bis zur Metrostation Maisons Blanche. Zurück in die Rue Chasle. Dann in die andere Richtung bis zur Fontaine Saint-Michel. Dort setzt er sich zum ersten Mal an diesem Abend hin. Er läuft weiter bis zum Lion de Belfort. Und wieder zurück. Dann aber sind Mathias und Juliette weg. Auf dem Weg zu Sophia in Dourdan. Marc mit Lucien hinterher. Dort treffen sie auf Juliette. Die hat gerade Mathias in einen Brunnen gestoßen. Marc und Lucien können ihn gerade noch retten.

Juliette war die Zweitbesetzung als „Elektra“ hinter Sophia. Damals, 1978. Sophia wurde in ihrer Garderobe überfallen, und so sang Juliette ihre Rolle. Nach den schlechten Kritiken hat Sophia ihre Zweitbesetzung Juliette gefeuert. Von langer Hand rächt sich Juliette. Damals an den beiden Kritikern. Und nun an Sophia. Deren Leichnam wird unter einer neu gepflanzten Buche im Garten der Baracke gefunden.

Vandoosler nimmt das 5-Francs-Stück von dem Balken und kickt es durch die Straße. Es lässt sich nicht durch zwölf teilen.

  • Bemerkungen

Der Titel verwirrt: „Die schöne Diva von Saint-Jacques“ hat mit der Rue Saint-Jacques nichts zu tun (dass sie in der Nähe wohnt, muss der Leser rekonstruieren; erwähnt wird es nicht). Der Originaltitel „Debout Les Morts“ verweist auf einen Spruch aus dem 1. WK. Die englische Übersetzung ist übrigens „The Three Evangelists“ nach den drei Protagonisten benannt. Später entstand eine ganze Reihe von Krimis um die drei.

Das Buch hat mich prächtig unterhalten. Der Kriminalfall entsteht beiläufig und bleibt lange Zeit eine Nebensache. Das wichtigere Thema ist die Beziehung der drei zueinander. Die drei Historiker nehmen jede Wendung der Handlung zum Anlass, um fachlich gegeneinander zu sticheln. Auch die Handlung bietet ein paar Überraschungen. Lesenswert.

Karte 44: Wieder mal Paris – „La Chamade“ von Francoise Sagan

Vor einigen Monaten habe ich ein Buch von Francoise Sagan vorgestellt, von dem ich enttäuscht war. Als ich „Chamade“ zur Hand nahm, habe ich nicht viel erwartet, und ich wurde angenehm überrascht. Der Roman erschien im Jahr 1965, die Übersetzung von Elisabeth Schneider ein Jahr später hat 159 Seiten. Der Roman besteht aus drei Teilen, „Frühling“, „Sommer“ und „Herbst“.

  • Der Frühling (blaue Punkte)

Die Geschichte spielt im Paris der 1960er Jahre. Ein großartiger Romananfang lädt zum Weiterlesen ein: Der Leser begleitet über drei Seiten hinweg einen Windstoß, der durch ein Apartment weht, auf der linken Flußseite, mit Fenstern  hin zur Seine. Im Apartment wachen an diesem Frühjahrsmorgen Lucile und Charles auf. Sie ist charmant, aber keine Schönheit und etwa 30. Charles Blassans-Lignieres ist in den 50ern.

Schnell erfährt der Leser: Die beiden lernten sich im Salon von Claire Santré in der Avenue Montaigne kennen. Überhaupt – Claire: Sie gibt Empfänge zu dem Zweck attraktive Frauen und reiche Männer miteinander zu verkuppeln.

Hier wurden auch Antoine und Diane verkuppelt. Antoine ist Journalist und Autor, erfolglos zwar, aber Diane hat erkannt, dass es in diesem Jahr „in“ ist, einen Autor als Geliebten zu haben. Sie gehört zu den „Naturen, die nur das Gegenwärtige pflegen und den Rest verbrennen“. Diane hat aus einer Affäre mit einem reichen Autor einen Rolls-Royce und ein paar Kontakte abgesahnt.

Nun hat Claire zur Gesellschaft geladen, und die zwei Paare (Charles & Lucile sowie Antoine & Diane) neben einander gesetzt. Antoine und Lucile lachen miteinander, Diane wird erkennbar eifersüchtig. Man verabschiedet sich, wobei es gelingt, dass Antoine und Lucile alleine zu Fuß gehen (blaue Strecke)

  • Paris

Paris ist schwarz, leuchtend, verführerisch, und die beiden gehen ans andere Seineufer, und über die Rue de Rivoli und den Place de la Concorde zurück. Antoine erzählt ihr seine Geschichte. Er ist Witwer.

Der Konflikt ist gesetzt: Claire wird in Zukunft Spass daran haben, die vier zusammen einzuladen. Diane ist aufgrund ihrer Eifersuchtsszene in der Gesellschaft verloren, und sie weiß es. Claire lädt alle vier zur Theaterpremiere ins Theatre l’Atelier am Place Dancourt. Anschließend geht man zusammen essen. Lucile und Antoine beginnen unter den Augen aller eine leidenschaftliche Affäre. Gleichzeitig wahren sie die Form und gehen gemeinsam auf Gesellschaften, zum Beispiel ins „Pre-Catalan“ am Bois de Boulogne.

Wenige Tage später – Charles ist geschäftlich in New York – fordert Antoine Lucile ultimativ auf, Charles zu verlassen. Er will mit Lucile leben. Damit entgleitet die Sache der strippenziehenden Claire. Die nächsten Tage sind zäh, denn Lucile wagt es nicht, mit Charles zu sprechen. Charles denkt, sie sei einfach erholungsbedürftig, und schickt sie an die Cote d’Azur.

Antoine ist zielstrebiger. Er hat Diane seine Liebe zu Lucile gestanden. Das bedeutet für ihn, den armen Autor, dass er von der reichen Gesellschaft ausgeschlossen ist. Dann reist Antoine zu Lucile nach Saint-Tropez. Er drängt sie, sofort zu Charles nach Paris zu fahren. Dort angekommen, wirft Charles Lucile aus der gemeinsamen Wohnung.

  • Der Sommer

Das kurze Kapitel „Sommer“ zeigt Lucile, wie sie in Antoines Wohnung Tomatensaft trinkt, liest, raucht und schläft. Sie vermißt die von Charles spendierten Urlaube, sie geht in Paris hin und her. Bald ist September.

  • Der Herbst (grüne Punkte)

Der „Herbst“ beginnt. Sie wartet am Place de l’Alma auf den Bus. Sie verkauft ihren Schmuck am Place Vendome. Weil das Geld weniger wird, besorgt Antoine ihr eine Stelle im Verlag, in dem auch er arbeitet. Sie bekommt 100.000 Francs im Monat. Da ein Kleid von Dior 300.000 kostet, ist sie unzufrieden.

Die Lektüre von „Wilde Palmen“ von William Faulkner veranlasst sie, ihren Job zu kündigen (nach gerade mal zwei Wochen). Wochenlang verheimlicht sie es Antoine (allerdings ist mir nicht klar, weshalb sich das nicht bis zu ihm durchspricht). Sie trifft sich im „Espandon“ mit anderen Literatur interessierten Männern. Als Antoine davon erfährt, ist er enttäuscht.

Zu allem Überfluss erwartet Lucile ein Kind von Antoine. Sie will es nicht. Deswegen bettelt sie ihren Ex Charles um Geld an. In der Folge kommt es zum Zerwürfnis zwischen Antoine und Lucile. Beide erkennen, dass sie sich selbst – und einander – mit ihrer Liebe belogen haben.

Am Ende trifft sich Lucile öfters mit Charles, den sie schließlich heiratet.

  • Bemerkungen

Der Leser begleitet die Protagonisten auf ihren Wegen vom physischen Begehren zur richtigen Liebesgeschichte, von den Schritten, sich dem eigenen Leben, den Wünschen und Erwartungen zu stellen, und sich zu fragen, ob die Selbstgefälligkeit die Einsamkeit wert ist. Das alles in einer sensiblen und schönen Sprache.

Deswegen möchte ich – weil es so selten geschieht – die Übersetzung besonders loben. Elisabeth Schneider lässt den guten alten Konjunktiv II am Leben ( „Charles hatte sie zwei Stunden lang befürchten lassen, sie käme zu spät“). Und sie widersteht der Versuchung, das Wort Chamade zu übersetzen. In der Mitte des Buches flüstert Lucile nach dem Liebesspiel ihrem Antoine ins Ohr, sie höre den Chamade (im Kontext ist es der Schlag des Herzens). Am Ende des Buches wird aufgeklärt, dass damit ein Trommelwirbel gemeint ist, der eine Niederlage ankündigt.

  • Und ein Wort zum französischen Francs 1960

Am Rande hat mich noch ein ökonomisches Detail beschäftigt. Lucile bekommt als Angestellte 100.000 Francs im Monat. Der Wachmann in Süskinds „Taube“ bekommt 25 Jahre später nur 3000 Francs im Monat. Wie kann das sein? Tatsächlich – dazwischen lag eine Währungsreform.
Wikipedia schreibt dazu: „Da durch die Inflation die Preise ‚unhandlich viele Nullen‘ bekommen hatten, wurde 1958 die Einführung des Nouveau Franc (NF) zum 1. Januar 1960 verfügt. Ein NF, seit 1963 offiziell nur noch Franc (F) genannt, entsprach 100 alten Francs (anciens francs). Die alten Franc-Münzen konnten als Centimes weiter verwendet werden. In der Alltagssprache blieb die Angabe in alten Francs noch über Jahrzehnte gebräuchlich.“
Die Geschichte muss also nicht zwingend vor 1960 spielen.

Fazit: Das Buch ist eine lesenswerte unterhaltsame Lektüre

„Das Totenschiff“ von B. Traven

Das Totenschiff Cover

Den Beitrag über „Das Totenschiff“ habe ich vor knapp einem Jahr veröffentlicht. Nun gibt es zu diesem sehr lesenswerten Buch auch die Karte.








Das Totenschiff
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StepMap Das Totenschiff



Der Roman „Das Totenschiff“ des geheimnisumwitterten Schriftstellers B. Traven hat 227 Seiten. Das Buch spielt im Jahr 1926 und handelt in drei Teilen von den sehr speziellen Erlebnissen des amerikanischen Matrosen Gales. Er ist der Ich-Erzähler und hat im Buch keinen Vornamen.

  • Teil 1 spielt an Land.

Gales hat auf dem Frachter „Tuscaloosa“ angeheuert. Ein Landgang in Antwerpen, eine Hafenhure, und schwupps: Er versäumt das Auslaufen seines Schiffes. Ohne Papiere, Geld und Gepäck beginnt für ihn eine Odyssee durch Europa. Die fehlenden Papiere sorgen dafür, dass er überall als Staatenloser angesehen wird. Folglich wird er aus jedem Land in das nächste abgeschoben. Die Polizei Antwerpens zeigt ihm, wie er nach Rotterdam kommt, die niederländische Polizei setzt ihn in einen Zug nach Paris, der dortige amerikanische Konsul glaubt ihm seine Geschichte nicht. Gales muss mit dem Zug weiter über Limoges nach Toulouse. Dort wird er wegen „Eisenbahnbetruges“ (so hieß wohl Schwarzfahren früher) verhaftet. Da er mitbekommen hat, dass Amerikaner schlecht angesehen sind, gibt er sich als Deutscher aus. Er sitzt seine Strafe ab und zieht weiter. Eine Bauernfamilie gibt ihm Unterschlupf. Es entstehen amüsante Dialoge. So muss er seinen Gastgebern in Frankreich einmal von Deutschland erzählen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er sagt, er sei aus Südfalen, „da, wo die Hochöfen sind, in denen Königsberger Klopse geschmolzen werden“. Später will er weiter nach Spanien. Kurz vor der Grenze wird er einer französischen Festungsbesatzung inhaftiert und zum Tode verurteilt.

Er wird von einem französischen Offizier verhört. Seiner Schlagfertigkeit verdankt er es, dass er nach Spanien abgeschoben wird. Gales wird aufgegriffen und mit einer Menge Wein und Käse wieder aufgepäppelt. Von Barcelona aus fährt er später kurz nach Marseille, weil er dachte, dass dort amerikanische Schiffe liegen. Dem war aber nicht so. Enttäuscht geht er wieder zurück nach Spanien, wo er faulenzend zwischen Cadiz und Sevilla pendelt.

Während er nun im Hafen von Cadiz beim Angeln sitzt („Angeln ist gelebte Philosophie“), bemerkt er ein altes Schiff, die „Yorikke“. Sie schrammt am Kai entlang. Sie wurde schon häufig umbenannt und umgeflaggt. Die Mannschaft ist schlecht ernährt. Der Kapitän „ein Esel. Die Yorikke war viel intelligenter als ihr Kapitän.“ Die Mannschaft entdeckt Gales und überredet ihn, mitzufahren. Nach Liverpool.

Ende Teil 1

  • Teil 2 spielt auf See an Bord der „Yorikke“

Die Fahrt auf der „Yorikke“ beginnt konfliktreich. Gales gibt sich nun nicht mehr als Deutscher aus, sondern als Ägypter. Gales nennt sich nun Pippip, wird als Kohlenzieher eingeteilt, erfährt, dass das Schiff nicht nach Liverpool fährt, zumindest nicht jetzt, und Heuer bekommt er erstmal auch nicht. Der Kohlenzieher – er wird auch Kohlenschlepp genannt – muss dem Heizer die Kohle bringen. Mit den Kohlen hält der Heizer die neun Feuer im Schiff auf Flamme. Die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich, 12-Stunden-Schichten als Kohlenzieher, direkt anschließend 4 Stunden Wache und wieder eine lange Schicht als Kohlenzieher. Die Körper der Matrosen sind gezeichnet, die Arme voller Brandwunden, Hautfetzen hängen herab. Die Matrosen waschen sich mit Asche und Sand. Mehrere Kapitel lang beschreibt Traven, wie sein Körper immer mehr zerschunden wird. Er beobachtet seine Kollegen bei ihrer Arbeit, an der sie langsam zerbrechen. Einige sind bereits Toten gleich.

Die „Yorikke“ legt in Marokko an, sie wird mit Kisten voll Pflaumenmus beladen. Gales öffnet eine Kiste und stellt fest, dass in den Musgläsern Munition versteckt ist. Nach und nach findet er heraus, dass das Schiff zum Waffenschmuggel dient. Er freundet sich mit seinem Kohlenzieher-Kollegen an. Stanislaw Koslowski ist in Posen geboren, dann jahrzehntelang auf Schiffen gefahren. Nach dem Weltkrieg wurde Posen polnisch, jedoch hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, zu „optieren“, also aus freien Stücken die deutsche Staatsangehörigkeit zu behalten. Stanislaw war zu dieser Zeit auf See. Als er später einen Pass haben möchte, bekommt er von den deutschen Behörden keinen, da er in ihren Augen Pole ist, von den polnischen Behörden keinen, da er in deren Augen  Deutscher ist. Auf einer deutschen Behörde bekommt er schließlich einen Pass als „Staatenloser“. Damit kann er auf keinem guten Schiff anheuern, da er hierfür eine Staatsangehörigkeit benötigt. Also kam er auf die „Yorikke“. Auf ihr fahren viele Seeleute ohne Pass, die für alle Länder als Tote gelten, und deren Tod niemand bemerken oder betrauern würde. Sie können in keinem Hafen abmustern, denn dazu wären Papiere nötig, die ein Heimatland ausweisen. Das weiß auch der Skipper und enthält den Seeleuten die Heuer vor.

Das Schiff fährt weiter nach Tripolis und dann nach Dakar, wo die Mannschaft tatsächlich an Land gehen darf.

Ende Teil 2

  • Der kurze Teil 3 spielt an Bord der „Empress of Madagascar“

Stanislaw und Gales wollen auf der „Empress of Madagascar“ anheuern, weil sie neu aussieht. Sie erkundigen sich auf anderen Schiffen nach ihr und schnell wird klar, dass das Schiff für einen Versicherungsbetrug benutzt werden soll. Damit wird den beiden klar, dass sie doch besser  nicht auf die „Empress“ gehen. Sie werden jedoch „shanghait“ und landen als Heizer auf dem Schiff. Nach kurzer Zeit läuft die „Empress“ auf ein Riff auf. Teile der Mannschaft – besonders die Offiziere – gehen in die Rettungsboote, ein anderer Teil bleibt an Deck. Eine große Welle reißt die „Empress“ vom Riff los. Stanislaw beginnt zu halluzinieren und springt ins Meer, wo er ertrinkt. Gales gehört zu den wenigen, die gerettet werden.

  • Bemerkungen

Teil 1 ist amüsant und satirisch geschrieben, Teil 2 ist dramatischer und tragischer. Er stellt die Grausamkeit des Schiffes anschaulich dar, die schrecklichen Arbeitsbedingungen, Betrug, aber auch Freundschaft. Wie schon erwähnt, spielt die Handlung im Jahre 1926, der vergangene Erste Weltkrieg ist allgegenwärtig. Die Inflation wird ebenso thematisiert wie die Bildung der Nationalstaaten, die das Phänomen der Staatenlosigkeit nach sich zog. In dem kurzen Teil 3 sinkt das Schiff in einer bildhaften und dramatischen Schilderung.

Eine interessante Fußnote des damaligen Zeitgeistes sind die Anmerkungen Gales‘ über Spanien. Er erlebt dort zum ersten Mal in seinem Leben eine riesige Demonstration. Ursache war der Wunsch der Regierung, ein neues Meldegesetz einzuführen. Der Roman ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur, reicht jedoch weit darüber hinaus. Er ist von politischen und sozialkritischen Noten durchsetzt, die stimmig in die Handlung und die Personen eingebaut wurden.

Karte # 30 a und b: Paris 1984 – „Die Taube“ von Patrick Süskind

Die Erzählung „Die Taube“ von Patrick Süskind erschien 1987. Ich habe die Erstauflage von Diogenes mit 100 Seiten.

Jonathan Noel ist Wachmann einer Bank in Paris, in der Rue de Sèvres. Er ist über 50, macht den Job seit 30 Jahren, bekommt 3.200 Francs im Monat. Er hasst nichts mehr, als Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Leben verläuft ereignislos, sein Alltag bewegt sich immer in den gleichen Bahnen.

  • Der tägliche Weg

Er wohnt in einem Zimmer in der Rue du Planche. Er legt den Weg zwischen Zimmer und Arbeitsplatz zu Fuß zurück. Er geht immer den gleichen Weg nach Hause. Von der Bank an der Rue de Sèvres aus nach rechts in die Rue Du Bac und von dort in die Rue du Planche.

Eine Ausnahme gab es, und zwar in einem Herbst in den 60er Jahren. Das kam so: Einmal im Monat geht er zum Postamt in die Rue Dupois. Er zahlt dort seine Stromrechnung. Damals musste Jonathan auf dem Weg zur Post mit ansehen, wie ein Clochard auf der Straße sein Geschäft verrichtete. Angeekelt kann er nicht an ihm vorbei gehen und nimmt daher einen Umweg nach Hause, über die Rue du Cherche Midi und den Boulevard Raspail. Die Karte zeigt, dass sich Jonathans Leben in einem Umkreis von 300 Metern abspielte.

Taube
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StepMap Taube


  • Der Vormittag

Den immer gleichen Weg nimmt Noel auch am Tag der Geschichte, einem Freitag im August 1984. Dieser Tag verläuft dann jedoch völlig anders als alle anderen Tage zuvor. Wegen der Taube. Die sass nämlich im Treppenhaus und hatte die Fliesen verunreinigt. Er steigert sich gedanklich in Fantasien hinein, in denen die Taube völlige Anarchie in dem Haus ausbrechen ließe. In der Hitze dieser Fantasien packt er seinen Hausstand zusammen und geht mit Koffer und Winterklamotten zur Arbeit.

Den ganzen Vormittag über ist Jonathan unruhig. Seine Bewegungsabläufe verändern sich (sitzen – aufstehen – 7 Schritte nach links – 7 Schritte nach rechts – das passiert in einer anderen Reihenfolge). Dann muss der Fahrer des Direktors hupen, damit Jonathan ihn bemerkt und das Rolltor öffnet. Das ist peinlich und noch nie passiert.

  • Erledigungen in der Mittagspause

Was ein Glück ist irgendwann Mittagspause. Jonathan nutzt die Zeit, um sich in der Rue Saint-Placide in einem Hotel ein Zimmer zu mieten (50 Francs die Nacht). Im Kaufhaus Bon Marché kauft er sich dann eine Rosinenschnecke und eine Tüte Milch, setzt sich auf eine Parkbank im Square Boucicaut und vespert. Auf dem Rückweg zur Bank fällt ihm ein, dass er den Milchbeutel nicht in einen Papierkorb geworfen hat. Er geht zurück und holt das nach. Dabei reißt ihm die Hosennaht. Also geht er zur Schneiderin in Kaufhaus. Die hat aber so viele Aufträge, dass die erst in 3 Wochen Zeit für Jonathans Hose hat. Jonathan kauft sich eine Rolle Tesafilm und sitzt sehr unbequem den Rest des Nachmittags auf seinem Platz.

  • Der Nachmittag

Nun kann er sich nicht mehr bewegen, was er zunächst als unangenehm empfindet. Völlig durchgeschwitzt gibt er sich wieder Untergangsphantasien hin. Er will die frechen Kellner im Café gegenüber verprügeln. Er will auf die schmutzigen und lauten Autos in der Rue de Sèvres schießen (als Wachmann trägt er eine Waffe). Er bekommt einen solchen Hass auf alles und jeden, dass er wild m sich schießen will. Die Vorstellung, diese Macht zu haben, versteinert ihn. Dann wird ihm klar, dass er dazu gar nicht fähig wäre. Er ist ein Dulder, kein Täter.

Solchen Gedanken nachhängend verbringt er den Nachmittag. Irgendwann kommt wieder das Auto des Direktors. Er bemerkt es rechtzeitig und – als löste das Hören des Motors alle weiteren Bewegungen in ihm aus – öffnet er das Rolltor. Er hält sich nun für eine „Marionettenmaschine“.

  • Ein großer Spaziergang am Abend


Wieder hat er Glück: Es ist Feierabend. Doch Jonathan geht nicht nach Hause. Er durchwandert Paris: Rue de Sevres – Rue de Abbé Grégoire – Rue de Vaugirard. Von dort in den Jardin du Luxembourg, den er dreimal umrundet (außen, wo die Jogger laufen). Weiter über den Boulevard de Montparnasse zum Friedhof von Montparnasse. Dann geht er – die Straßen werden nun nicht mehr genannt – ins 15. Arrondissement, die Seine entlang ins 7. und ins 6. Von dort aus wieder Richtung Jardin du Luxembourg. Es ist 9 Uhr abends, die Rue de Vaugirard ist wenig befahren, er bekommt Hunger. Beim Tunesier in der Rue d’Assas kauft er Ölsardinen, Brot und eine Birne und kehrt ins Hotel zurück. Es sind über 17 Kilometer.

Nachts dann noch ein Gewitter, der nächste Morgen – eine Katze huscht am Kaufhaus vorüber – er geht durch die Pfützen, die der Gewitterregen zurück liess in die Rue du Planche. Die Taube ist weg. Ein Putzlumpen liegt zum Trockenen auf den Kacheln.

So ist das.

  • Bemerkungen

Der Reiz der Geschichte liegt in ihrer Absurdität. Ins Absurde gesteigerte Banalitäten haben etwas Sympathisches, und sie gewinnen ihre eigene Größe. Aber sie ist gar nicht so absurd. Ein ungewöhnliches, doch wenig spektakuläres Ereignis löste eine ganze Kette absurder Gedanken und Reaktionen aus. Die Ereignisse, die ihm widerfahren sind unspektakulär, werden vor dem Hintergrund des noch unspektakuläreren Alltags aber zu etwas Besonderem. Vor meinem geistigen Auge sah ich bei der Lektüre Mr. Bean rumlaufen. Das permanente Spiel, Belangloses und Besonderes immer wieder neu zu interpretieren, machen das Buch aus.

http://de.wikipedia.org/wiki/Schnecke_(Geb%C3%A4ck)
http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lsardine