Absatzmärkte und Straßen 310 v. Chr. – „Aussaat im Erdkreis“ von Otto Zierer

Otto Zierer verfasste ein umfangreiches Werk über die Geschichte der Menschheit. Dafür schrieb er über jedes Jahrhundert ein Buch (und ab dem Mittelalter mehr als eins). Leider habe ich nur einzelne Bände davon. Hier geht es um das Buch „Aussaat im Erdkreis“, das von den Jahren 400 – 300 V. Chr. handelt.

Was bisher geschah

Athen besiegte das überlegene persische Weltreich in der Schlacht bei Salamis, es folgten wirtschaftliche und kulturelle Blüte (Stichwort Perikles) sowie ein schneller Niedergang durch Korruption und Bürgerkrieg. Das sind die Jahre 500 – 400 im Schnellgang gemäß dem Band „Der klassische Tag“.

und wie geht’s jetzt weiter

Nun geht der Blick zu Philipp von Mazedonien: Militärisches Geschick und diplomatische Klugheit qualifizieren ihn zum Führer des neu gegründeten Hellenischen Bundes. Nun hat Philipp den Oberbefehl über alle hellenischen Streitkräfte. Er macht sich auf den Weg, Persien zu erobern, das immer noch eine Großmacht ist. Bald wird Philipp ermordet, sein Sohn Alexander folgt ihm im Amte nach.

  • der Osten – von Athen aus gesehen

Alexander erobert den Osten. Eckpunkte der Geschichte, die schon häufig beschrieben wurde, sind Gordium, danach der Übergang über das Taurusgebirge bis nach Issus. Dort wird das persische Heer besiegt. Es folgt ein Feldzug ins Nildelta, wo der Feldherr eine Stadt gründet, die heute noch seinen Namen trägt, weiter über Gaugamela bis nach Babylon. Alexanders Einmarsch in Babylon ist bis ins Mystische überhöht überliefert. Man staunt über den Überfluss, genießt ihn, raubt ihn, und unbemerkt entstehen Anzeichen von Hybris.

Alexander führt Eroberungskriege bis nach Indien, ist über ein Jahr lang verschollen, und in den eroberten Gebieten Asiens scheitert die Verwaltung an Korruption und Geldentwertung.

Alexander will Korruption und Inflation eindämmen. Dazu trifft er sich mit verschiedenen Herren, mit denen er die ökonomische Lage der Welt erörtert. Zierer „zitiert“ nun ein fiktives Sitzungsprotokoll.

  • Handelsusancen

Früher haben die Tempel Geld an die Schiffseigner ausgeliehen. Nun treten immer mehr private Geldverleiher auf. Sie verleihen kein Bargeld, sondern geben Zahlungsanweisungen an ihre Geschäftsfreunde in den Hafenstädten. So ist der Verleiher sicher, dass das Schiff den Hafen anläuft. Diese Seedarlehen führen zu einer Ausweitung des Handels.

Auch die Händler spezialisieren sich, einer auf Getreide, einer auf Öl, andere auf Waffen oder Keramik. Und schließlich liefern die Bauern ihre Ernte im Getreidespeicher des Dorfes ab  (dem Thesauros – da wird also „thesauriert“)  und erhalten dafür schriftliche Anweisungen, mit denen sie ihre Steuern zahlen und einkaufen können. Schließlich behält das Getreide immer seinen Wert. Je nach Interessenlage reguliert man eben mal den Hunger in bestimmten Regionen, um die Preise in die Höhe zu treiben.

Außerdem expandiert der Welthandel, denn Alexander hat den Osten der Welt für den Handel mit griechischen Waren geöffnet.

 

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Mit am Tisch sitzt der Industrielle Zenon. Er bemerkt im Westen – sozusagen auf der anderen Seite des damals bekannten Erdkreises – eine Veränderung. Ein Epochenwandel dämmert herauf. Wird es ein beunruhigender sein, oder eher nicht?

  •           Die westhellenischen Absatzmärkte

Zenons Sohn – später als Zenon von Kition bekannt – schreibt an einen Geschäftspartner in Neapel. Er möchte mehr Informationen über dieses unbekannte Rom, das sich von Norden her auszubreiten beginnt. Simonides (besagter Geschäftspartner) antwortet ausführlich. Zunächst erläutert er die Geschichte Roms seit seiner Gründung, dann die politische Verfassung. Und er kommt auf die Bevölkerung zu sprechen. Rom hat drei Stadtbezirke (einen für Plebejer, einen für die Patrizier und einen für die Proletarii – die „Nachkommenerzeuger“). Weil es drei sind, heißen sie Tribus, ihr jeweiliger Abgesandter ist der Tribun, ihr Steueranteil der Tribut.

Zenon jr. will aber in erster Linie Geschäfte machen. Also fragt er an, ob er sein Vasenhandelsimperium in die westhellenischen Absatzgebiete – also nach Süditalien – ausdehnen kann. Die Antwort ist eindeutig: Vasen gibt es in Italien genug, es gibt Kunstwerkstätten in Poseidonia und Tarent. Und die stark nachgefragte Massenware stellen die Römer selbst her. Der Partner rät Zenon jr., in den Handel mit Waffen zu investieren. Panzer, Schwerter, Rüstungen sind Produkte, die in Rom bald stärker nachgefragt werden.

Dann begleitet der Leser Simonides auf seiner Reise von Rom zurück nach Capua. Er besucht Claudius Appius, einen reichen Römer, der gerade eine Straße von Capua nach Rom bauen läßt. Sie wird später nach ihm benannt sein – die Via Appia. Sie sprechen über Handel. Und über das, was die Römer am stärksten von den Griechen unterscheidet:

  • die Straßen

Griechen, so heißt es, verachten die Römer, weil die keine Kultur haben, keine Literatur und keine Gymnasien. Die Römer andererseits haben – Straßen. Mit einer neuartigen Technik aus mehreren Schichten gebaut, sind sie „wie die hetzende Zeit, der eilende Marsch der Legionen“. Berge steigen sie hinauf ungeachtet der Steigung, ist ein Fels im Wege, wird er durchbrochen.  Eben ganz anders als die griechischen Straßen, die oft unbefestigt sind, schmaler, und die sich an den Berg schmiegen. Straßen, die den Umweg zu Tempeln und Hainen kennen.

Zum Ende des Gesprächs und des Buches sieht man ein paar römische Soldaten nach Süden marschieren.

  • Bemerkungen

Der Autor nimmt originale Dokumente und Zitate und bindet sie in eine Handlung ein. Die Grenze zwischen dem erfundenen und dem nicht erfundenen Stoff verwischt. Fiktive Peronen erzählen über das kulturelle und ökonomische Klima der Welt. Reale Personen führen fiktive Dialoge auf der Basis überlieferter Dokumente. Aber Zierer legt Wert auf den historischen Kern der Bücher, und es ist gut lesbar erzählt.

Athen vor 2 1/2 Jahrtausenden

Das nächste Buch zieht mich nach Griechenland. „Klassischer Tag“  ist ein Band aus der Reihe „Bild der Jahrhunderte“ von Otto Zierer. Er behandelt auf 140 Seiten die Zeit von 510 (Der Errichtung der Demokratie in Athen) bis 399 (Tod des Sokrates) vor Christus

Die persische Armee unter Darius dringt immer weiter nach Westen vor und könnte in naher Zukunft Athen bedrohen. Der oberste Richter Aristides lässt sich zu dem Besuch eines Gymnasiums überreden, wo ihm der begabte Schüler Themistokles vorgestellt wird. Themistokles plädiert in einer Redeübung dafür, die Seemacht aufzurüsten. Die beiden mögen sich nicht und werden Gegenspieler bleiben.

15 Jahre später wird Aristides zum Stadtherrscher Athens gewählt. Themistokles streitet immer noch für eine kriegerische Politik, und es gelingt ihm im Folgejahr, sich durch die Volksversammlung an die Spitze des Staates wählen zu  lassen. Für den Bau der von ihm gewollten Flote benötigt er die Erträge der reichen Silberminen, die Aristides verwaltet. Außerdem will er für Athen einen Hafen bauen. Als Aristides ihm die Zusammenarbeit verweigert, gelingt es Themistokles, ihn durch ein Scherbengericht aus der Stadt vertreiben zu lassen.

Darius‘ Nachfolger Xerxes setzt dessen expansive Politik fort. Themistokles erkennt die Gefahr und möchte den Kriegsrat dazu bewegen, dass sich die – mittlerweile gebaute – Flotte zum Kampfe stellt. Er unterliegt. Mit einer List verführt er Xerxes dazu, die griechische Armee anzugreifen. Athen kann nun nicht mehr anders als sich zum Kampfe zu stellen. In der seichten Bucht von Salamis haben die leichten griechischen Schiffe Vorteile gegenüber den schwerfälligen und tiefliegenden persischen und siegen.

Weitere 30 Jahre später lebt Griechenland unter Perikles in einer Epoche des Wohlstandes, auch durch den neuen Handelshafen Piräus begründet. Herodot besucht Aischylos‘ Persische Tragödie und lernt den jungen Thukydides kennen. Sie führen eine langen Dialog über die Gefahren und die Beständigkeit der Demokratie. Als Perikles Frau Aspasaia einen Arzt benötigt, sucht Perikles auf dem Markt und findet Hippokrates. Unterdessen gibt es noch einen langen Dialog. Aspasaia plaudert mit ihrer Zofe Chloe über Schönheit und Vergänglichkeit. Perikles empfängt Besuch aus Rom, das gerade die Etruskerkriege gewonnen hat. Die Gäste und der Gastgeber philosophieren über den Sinn und Unsinn von Philosophie. (Der Satz im Titel des Beitrags wird dem römischen Gast Postumius Albus in den Mund gelegt)

Bald jedoch beginnt der Niedergang Athens. Die Kluft zwischen den Volksschichten vertieft sich. Den Politikern geht es nicht mehr um das allgemeine Wohl, sondern um den persönlichen Gewinn. Immer häufiger werden angesehene Bürger diffamiert. Im Theater wird Medea von Euripides aufgeführt. Aristophanes und der begabte Redner Protagoras streiten über das Stück, mehr jedoch darüber, inwieweit das Theater den Wandel seiner jeweiligen Zeit abbildet.

Sparta führt Krieg gegen Athen. Athen zieht gegen Spartas Verbündeten Syrakus. Eitelkeiten in der Athener Führung führen dazu, dass der Oberbefehlshaber Alkibiades zu Beginn der Schlacht abgelöst wird. Er läuft zu Sparta über, das die Athenische Flotte besiegt und später den Rest der Flotte am Hellespont. Zum Ende des Bandes wird die Verurteilung und Hinrichtung des Sokrates wegen Gotteslästerung beschrieben.

Die historischen Fakten der Ereignisgeschichte lassen sich auch an anderer Stelle nachlesen. Das besondere ist der Erzählstil. Es ist ein essayartig geschriebenes Geschichtsbuch. In teils fiktiven – doch auf guter Quellenauswertung gegründeten – Szenen wird die Stimmung in Athen lebendig wider gegeben. Themistokles besucht sein Reich, indem er auf einem Sklavenmarkt und in einer Silbermine auftaucht. Zwei Seefahrer schildern sich gegenseitig, wie unglückliche Umstände sie zur Seefahrt zwangen. Und spielerisch begegnen sich die wichtigsten Personen der Epoche wie zufällig im Theater oder auf dem Markt. Lange Dialoge geben die Stimmungen und Strömungen des Zeitgeistes wieder. Die Geschichte wird authentisch und lebensnah nahegebracht, ohne dass es gleich zu einem historischen Roman wird.

Das Buch sympathisiert mit der Demokratie, deren Kraft aus einer Kombination von idealistischer, militärischer, finanzieller und sozialer Stärke entsteht. Sobald diese Säulen bröckeln, beginnt ihr Zerfall. Deswegen ist das Buch auch heute noch lesenswert, meint Leopold.