Karte # 23: Marrakesch 1954 – „Die Stimmen von Marrakesch“ von Elias Canetti

Elias Canetti begleitet im Jahre 1954 ein englisches Filmteam nach Marokko. In dieser Zeit entstand der literarische Reisebericht „Die Stimmen von Marrakesch“, der aber erst 1968 veröffentlicht wurde. Es sind 14 skizzenhafte Berichte über Orte und Menschen, denen Canetti in den Wochen seines Aufenthaltes begegnete. Ich habe die Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2004 mit 110 Seiten und ohne Vor- oder Nachwort.

Über die Dauer des Aufenthaltes oder den Film oder Canettis Rolle im Team erfährt man wenig. Es sind 15 Personen, darunter der englische „Hersteller“ des Films und ein Amerikaner, der eine Rolle spielt. Der Zeitpunkt der Reise lässt sich ein wenig eingrenzen. Während des Aufenthalts Canettis findet in einer Moschee in Marrakesch ein Attentat auf den Sultan statt. Dies war am 5.3.1954. Marokko war französisches Protektorat. Der Sultan war durch die französische Besatzungsmacht eingesetzt. Die politischen Verhältnisse sind jedoch nicht Gegenstand des Buches, sondern Orte und Menschen. Ich habe die Geschichten nach den Schauplätzen sortiert.

  • Djema El-Fna (5 Geschichten)

Der Djema El-Fna ist der zentrale und größte Platz von Marrakesch. Der Autor wohnt in einem Hotel in der Nähe. Tagsüber führen Akrobaten, Tänzer, Schlangenbeschwörer, Feueresser ihre Kunststücke auf. Erzähler unterhalten stundenlang ihre Zuhörer mit Geschichten. Schreiber sitzen an einem stilleren Teil des Platzes und verfassen Texte für Menschen, die sie alleine deswegen aufsuchen („Erzähler und Schreiber“). „Der Unsichtbare“, die letzte Geschichte der Sammlung, ist vielleicht die mystischste.

Man ist arabische Musik gewöhnt. Drei weitere Geschichten spielen nach Einbruch der Dunkelheit, wenn der Platz stiller wird. Die Bettler in Lumpen legen sich am Straßenrand zum Schlaf nieder. Acethylenlampen brennen, es riecht danach. Eines Abends erregt ein Mann mit einem ausgehungerten tanzenden Esel Aufsehen („Die Lust des Esels“). Ansonsten findet das Leben in den umliegenden Bars statt. Diese sind teuer, es wird europäische Musik gespielt („Scheherazade“). Schließlich gibt es eine Stelle an einem Ende des Platzes, an der abends Frauen Brote verkaufen. Ein Mann kauft einen Laib und verschwindet. Canetti beobachtet sie alle sehr genau und neugierig („Die Brotwahl“).

  • Mellah (2 Geschichten)

Die Mellah ist das jüdische Viertel. Am dritten Tag seines Aufenthaltes geht Canetti alleine dorthin. Er geht an kleinen Läden vorbei, in denen Stoffe verkauft werden. Dahinter befinden sich Läden mit allen möglichen anderen Dingen, von Gemüse bis Kohle. Dann – weiter im Innern des Viertels – gibt es einen Platz, auf dem es ärmer zugeht. Garküchen, ein einzelner Bettler, ein Händler, der lebende Hühner verkauft. Später findet Canetti eine Schule mit ca. 200 Kindern. Ein junger Mann bietet sich als Führer über den israelitischen Friedhof an. Am Ende des Rundgangs ein Bethaus, am Ausgang werden die beiden dann von unzähligen Bettlern bedrängt. Schließlich gibt Canetti dem Führer etwas Geld und der Rundgang ist zu Ende.

Die zweite Geschichte („Die Familie Dahan“) beginnt am nächsten Morgen. Canetti geht nochmals in die Mellah und möchte ein Haus von Innen besichtigen. Der Zufall führt ihn in das Haus der Familie Dahan, in dem am Tag zuvor eine Hochzeit gefeiert wurde. Die Menschen sind arm, dennoch laden sie Canetti ein. Ein junger Mann aus der Familie, Elie Dahan, besucht Canetti Tage später im Hotel. Er bittet darum, Briefe an den amerikanischen Kommandanten zu schreiben und um Arbeit für sich und seinen Bruder zu bitten. Schließlich stellt Elie seinen Vater vor, einen Uhrmacher mit einem kleinen Laden am Bab Agnaou. Canetti ist von dem alten Mann derart begeistert, dass er Elie Dahan keinen Wunsch mehr abschlägt.

  • Kutubiya (1 Geschichte)

Es ist ein Restaurant. Das ganze Filmteam isst dort regelmäßig. Das hat sich herum gesprochen. Also kommen immer wieder Bettelkinder. Der Wirt ist von ihnen genervt. Also erzählt er eines Tages, dass einige von ihnen für 50 Francs dafür einstehen, dass man „alles von ihnen haben konnte“. Es bleibt offen, ob die Geschichte stimmte, doch sie vor allen und im Beisein der Kinder zu erzählen, ließ den Wirt tiefer sinken, als es die Kinder jemals werden. („Die Verleumdung“)

  • Bab El-Khemis (1 Geschichte)

Hier beginnt das Buch. An diesem Tor in der Stadtmauer ist Kamelmarkt. Dreimal besucht Canetti den Kamelmarkt – immer zufällig beim Vorbeifahren. Einmal steht nur ein Kamel da, anstatt der erwarteten vielen. Einmal sind es 107 Kamele. Der Autor wird aus den Gedanken der Wüstenromantik gerissen und erfährt, dass sie auf dem Weg zum Schlachthof sind. Beim dritten Mal ist wieder ein einzelnes krankes Kamel da.

  • Ohne konkreten Ort (5 Geschichten)

In „Stille im Haus und Leere der Dächer“ steht der Autor auf einem Dach und lässt seinen den Blick in die Ferne schweifen. Dann aber muss er feststellen, dass auf dem Dach ganz spezielle Verhaltensregeln gelten, die unfreier machen als man auf der Straße ist. „Die Rufe der Blinden“ handelt von einer Gruppe Blinder. Jeder einzelne betet mit seiner eigenen Stimme, alle zusammen in einer eigenartigen Art von Gesang. „Der Speichel des Marabu“ führt die Geschichte weiter. Auch der Marabu ist ein Blinder, aber ein heiliger Mann. Er erhält eine Münze, kaut sie und spuckt sie wieder aus. Erst später erfährt Canetti, dass er das macht, um den Wert der Münze festzustellen.

„Die Frau am Gitter“ beschreibt eine Frau, die unverschleiert an einem vergitterten Fenster steht und spricht. Der Überraschung des Autors folgt die Ernüchterung, als er erfährt, dass sie „malade“ ist. , „Die Souks“ sind eine kleine Führung durch das Angebot und die Düfte der Märkte. Dem Leser wird auch die Technik des Feilschens näher gebracht.

  • Bemerkungen

Das Buch hat Spaß gemacht. Der Autor beobachtet genau. Er begnügt sich nicht damit, Gebäude oder die üblichen Attraktionen zu sehen. Er ist interessiert, zu verstehen, was hinter dem Gesehenen steckt. Er fragt und forscht immer weiter, auch auf eigene Faust, was ihn öfter in Konflikt mit den Sitten und Gebräuchen bringt. Auch wenn das Buch „Stimmen … “ heißt und viele Geschichten diese Stimmen zum Thema haben: Das andere Thema Canettis sind die Blicke der Menschen.

Die Blicke der verschleierten Brotverkäuferinnen, die Blicke der Händler in der Mellah, die Blicke der Bettler finden besondere Beachtung des Reisenden. Die Gründe sind vielfältig. Manchmal ist es Unsicherheit, manchmal ist es Verlegenheit, manchmal ist es die Faszination des Unbekannten. Es ist auch ein Ersatz für das Sprechen, wenn man einander ohnehin nicht verstehen würde.

  • Wie es weiter ging

Der Sultan dankt 1955 ab. Sein Nachfolger erklärt 1956 die Unabhängigkeit von Frankreich. Im gleichen Jahr dreht Alfred Hitchcock auf dem Djema el-Fna die Außenaufnahmen zu „The Man who Knew too Much“.  Elias Canetti erhält 1981 den Nobelpreis für Literatur.

http://www.marrakech.travel/de/html/homepage

http://en.wikipedia.org/wiki/Jemaa_el-Fnaa

http://en.wikipedia.org/wiki/Bab_Agnaou

http://en.wikipedia.org/wiki/Mellah

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Paris – Montreal – Manchester – Cambridge – Berlin: Geburtsjahre der Kernphysik

Nachdem Teil 1 des Romans „Atom“ von Karl Schenzinger eine Sittengschichte des antiken Grichenland darstellte, springt das Buch für den Teil 2 in die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, genauer gesagt beginnt die Handlung 4 Jahre nach der Erfindung der Christbaumkugel. Die zentrale Figur der Handlung ist Ernest Rutherford. Schauplätze sind die wichtigsten Universitäten der damaligen Welt. Paris, Cambridge, Montreal, Berlin-Dahlem.  Die 10 Kapitel schildern episodenhaft die vielen Fortschritte, die in diesen Jahren in der Atomphysik gemacht wurden. Das Buch ist quasi eine Nummernrevue der Entdeckungen und Erfindungen. Oder ein Schaulaufen der Assistenten von Rutherford. In diesem Sinne:

Verehrtes Publikum

Hereinspaziert

 

Hier wackelt die Welt

  • Nummer 1

Paris: Am 18. Juni 1896 sitzt der Physiker Henri Becquerel im Dunkeln. Zufällig bemerkt er, dass ein Kristall aus Uransalz leuchtet und nicht mehr damit aufhört, und das, obwohl er (der Kristall) nicht bestrahlt wurde. Eine unbekannte Strahlung ist entdeckt. Sie wird weder geringer noch schwächer. Sie entsteht ohne plausiblen Grund. Als Quelle der Strahlung kommt nur Uranerz und Pechblende aus Sankt Joachimsthal in Frage.

Marie Curie sucht Becquerel auf, weil sie über diese Uranstrahlen promovieren möchte. Becquerel stimmt zu, nachdem er seine erste Skepsis überwunden hat. Maries Mann Pierre Curie liebt Feinmechanik und erfindet öfter mal neue und extrem feine Meßgeräte. Marie entdeckt, dass manche Elemente aktive Strahlung abgeben. Sie laugt Uranerz aus. Die Rückstände enthalten die Strahlen. Sie nennt diese Strahlung Radioaktivität. Außerdem entdeckt sie das Element Radium.

  • Nummer 2

Rutherford, gerade aus Christchurch, Neuseeland, nach Cambridge umgezogen, forscht mit den Strahlen weiter. Er entdeckt dreierlei Arten Strahlung, die er Alpha-, Beta- und Gammastrahlung nennt. Derweil bestellt Marie Curie in Sankt Joachimsthal 1 Tonne Uranerz. Überhaupt wird die Ärmste für den Rest ihres Lebens tagsüber Erz schaufeln.

Rutherford fährt nach Montreal an die McGill-Universität. Sein Assistent Owens entdeckt was Neues: die Thorium-Emanation. Sie ist ein Gas und nach 11 Stunden „verschwunden“.

  • Nummer 3

In Berlin entdeckt Max Planck das „Elementare Wirkungsquantum„. Es ist Herbst 1900. Strahlung ist nun nicht mehr kontinuierlich, sondern setzt sich aus vielen Quanten zusammen, denen jeweils eine Energiemenge innewohnt.

  •  Nummer 4

Rutherford und sein Assistent Soddy finden heraus, dass jede Emanation ein um die Zahl 4 kleineres Atomgewicht hat als das Element, von dem sie sich abgespalten hat. Weitere Experimente ergeben: Die Abspaltung ist Helium

Schließlich entdeckt Rutherford, dass die Strahlung sich in einem bestimmten Zeitraum halbiert, und zwar unabhängig vom Zustand und der Umgebung des Elements, und sich danach im gleichen Zeitraum wieder halbiert und so weiter.

  • Nummer 5

Man vermutet, dass Radiumstrahlung Krebs heilen kann. Folgerichtig entsteht eine Industrie um das Radium herum. Marie Curie steht vor einem Konflikt: Sie könnte sich die Methode zur Gewinnung von Uransalz patentieren lassen und reich werden, oder diese Methode als Wissenschaftlerin publizieren. Sie entscheidet sich für Letzteres.

Derweil erhält Rutherford – nun in Manchester – einen Assistenten namens Hans Geiger. Der erfindet ein Zählrohr für Alphateilchen. Nun kann man also die Menge der Alphateilchen messen. Außerdem erhält Rutherford noch einen Assistenten, Otto Hahn. Er forscht an der Anfangsgeschwindigkeit der Alphateilchen. Das wird später wichtig werden.

1908: Rutherford erhält den Nobelpreis.

  • Nummer 6

Rutherford schießt Alphateilchen (die sind positiv geladen) gegen Goldblättchen. Das Experiment ist berühmt. Das unerwartete Ergebnis: Einige Teilchen wurden von den Goldblättchen zurück geschleudert statt sie zu durchdringen. Die Elektronen im Atom sind negativ geladen. Also dürften sie die Alpha-Teilchen nicht abstoßen. Wenn sie sich aber abstoßen, dann gibt es im Atom auch positiv geladene Teilchen. Wenn es aber positiv geladene Teilchen gibt, dann müssen Abstände zwischen den beiden Teilchen liegen, sonst würden sie auseinanderfallen.

Weitere Experimente ergeben: Das Atom enthält nicht nur positive Protonen und negativ geladene Elektronen, sondern es müßte auch noch Neutronen enthalten, Teilchen, die Masse, aber keine elektrische Ladung enthalten. Die positiv geladenen Teilchen – Protonen – bedingen die Kernladung des Elements, aber nicht sein Gewicht. Elemente mit gleicher Ladung, aber verschiedenen Atomgewichten, heißen von nun an Isotope (isos=gleich, topos=Platz)

Rutherford erhält mal wieder einen neuen Assistenten: Niels Bohr. Er entdeckt, dass ein Atom durch Energiezufuhr in Unruhe gesetzt wird. Dann tragen die Elektronen ein höheres Mass an Energie.

  • Nummer 7

Rutherford, mittlerweile in Cambridge, experimentiert weiter. Ein Alphateilchen mit 2 Ladungen trifft auf Sauerstoff mit 7 Ladungen, schlägt ein Proton heraus, es bleibt ein Element mit 8 Ladungen übrig, das ist Stickstoff. „Der fundamentale den Satz von der Unwandelbarkeit der Elemente ist widerlegt.“

  • Nummer 8

Marie Curie muss immer noch und immer wieder Pechblende auslaugen, um daraus Radium zu gewinnen. Eine amerikanische Zeitungsbesitzerin beginnt eine Spendenaktion und schließlich überreicht US-Präsident Harding ihr das Gramm Radium. Und die Tocher Irene Curie lernt Dr. Joliot kennen. In der Sache forscht Chadwick (ein Assistent Rutherfords) daran, die bislang nur theoretisch bekannten Neutronen in Experimenten zu beweisen. Sie wären wegen ihrer neutralen Ladung ideale Objekte, um Atomkerne zu beschießen.

  • Nummer 9

Geiger und Chadwick weisen das Neutron im Experiment nach. Chadwick sucht weiter, wie er Teilchen mit weniger Ladung, aber mehr Masse und größerer Geschwindigkeit auf Atomkerne schießen kann. In der Abfolge vieler Experimente erfinden Urey und Lawrence das Zyklotron. Das ist ein Teilchenbeschleuniger, für dessen Erfindung es auch den Nobelpreis gab.

Rutherford stirbt und wird neben Newton beigesetzt.

  • Nummer 10

Otto Hahn beschießt einen Urankern mit Neutronen. Es entstehen Barium, Krypton sowie 10 neue Neutronen. Joliot beweist Hahns Entdeckung im Experiment.

Für mich – als bis dato von Kernphysik Ahnungsloser – war es schwer zu lesen. Das hat natürlich damit zu tun, dass mir der Kern der Materie (war’n Witz) völlig fremd war. Aber gerade deswegen wollte ich um jeden Preis durch. Und natürlich mußte ich meinen eigenen Zugang dazu finden.

Die Personen und deren Entwicklung sind in Teil 2 Nebensache. War in Teil 1 noch Demokrit und sein Atommodell erzählerisch in den Trubel des lebendig geschilderten Athen eingebunden, liegt im Teil 2 der Schwerpunkt darauf, die wissenschaftlichen Fakten darzustellen. Dieser Teil erscheint wie ein in essayistischem Stil verfasstes Sachbuch. Schlag auf Schlag wird entdeckt, erfunden, expermientiert, entwickelt, geforscht, publiziert, vorgetragen. Entweder wird etwas Neues entdeckt, oder es werden Apparate erfunden, mit deren Hilfe weitere Entdeckungen möglich sind. In jedem Kapitel wird die Erforschung des Innenleben der Atome um mindestens einen Schritt voran gebracht. Jede Entdeckung ist in eine Geschichte verpackt, in der die Wissenschaftler ihr Handeln im Dialog erläutern. Das immerhin erscheint mir nach dreimaligem Lesen verstehbarer als zuvor.
..if your standards are not too high…