Karte # 15: Mit Marnie kreuz und quer durch England

Bücher, die eine Flucht zum Thema haben, sind immer auch Bücher mit starkem geographischem Bezug. Fluchten sind ja zunächst einmal unfreiwillig oder gezwungenermaßen durchgeführte Reisen. Gegenden werden nicht besucht, sondern durchzogen. Die Orte haben keine eigene Ausstrahlung, sondern sind Wegpunkte. Der durchquerte Raum alleine ist wichtig. Veränderungen definieren sich über zurück gelegte Entfernungen. Dieses Buch handelt von Fluchten, die kreuz und quer durch England führen. Es geht um „Marnie“ von Winston Graham aus dem Jahr 1960. Ich habe die Ausgabe von 1961 (Übersetzung: M. Tilgner) mit 284 Seiten. Die Geschichte ist durch den Film von Hitchcock so richtig berühmt geworden. Hitchcock verlegt die Handlung, die er an einigen wichtigen Stellen verändert, in die USA.

  • Das Setup

Marnie

Die Hauptperson ist Margaret Elmer, genannt Marnie. Sie ist die Ich-Erzählerin des Romans. Ihre Flucht findet auf zwei Ebenen statt. Sie flieht davor, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, als ihr viel Gewalt angetan wurde. Unter dem Vorwand, ihre Mutter zu unterstützen (in Wahrheit jedoch, um sich selbst zufrieden zu stellen) stiehlt sie Geld von ihren Arbeitgebern. Anschließend verschwindet sie und taucht unter neuem Namen in einer anderen Stadt auf.

  • Die Geographie

Das Buch beginnt in dem Städtchen Cirencester. Die „Alte Krone“ in Cirencester ist sozusagen Marnies Rückzugsort. Hierher kehrt sie nach ihren „Fischzügen“ immer wieder zurück. In einem Gestüt in der Nähe hält sie sich ein Pferd. Zu Beginn des Buches hat sie bereits unter verschiedenen Namen immer wieder Stellen als Buchhalterin angetreten. Nach kurzer Zeit unterschlug sie Geld und verschwand spurlos, so in Brimingham, Newcastle und Manchester. Nun tritt sie ein Stelle bei der Firma Rutland in Barnet bei London an. In der Folge werden im Roman drei große Strecken zurück gelegt.

Strecke 1: London – Paddington – Wolverhampton – Walsall – Nottingham – Swindon – Cirencester (grüne Knöpfe)

Strecke 2: Cirencester – Fairford – Oxford – Aylesbury – Berkhamsted (rote Knöpfe)

Strecke 3: Torquay – Newton Abbot – Exeter – Andover – Honiton – Ilminster – Ilchester – Wincanton – Newbury -High Wycombe (gelbe Knöpfe)

Blaue Knöpfe stellen sonstige Orte der Handlung dar.

  • Die Geschichte

Rutland ist eine Spezialdruckerei für besonders hochwertige Druckerzeugnisse. Marnie ist dort als Lohnbuchhalterin angestellt. Eines Tages beginnt sie, Geld zu unterschlagen. Sie geht sehr planvoll vor. Der Leser erfährt einiges über englische Lohnabrechnungen, das Sozialsystem und auch Marnies Kontenstruktur. Als Marnie genug Geld unterschlagen hat, verschwindet sie. Nun folgt „Strecke 1“. Sie deponiert das Geld bei verschiedenden Banken und kehrt zurück nach Cirencester. In Cirencester spürt der Inhaber Mark Rutland sie auf. Auf der langen Fahrt zurück nach Berkhamsted stellt er sie zur Rede. Das ist Strecke 2. In einem – auf 20 Seiten geschilderten – rhetorischen Machtkampf überzeugt er Marnie, ins Büro zurück zu kehren. Ein paar Tage danach fordert er sie auf, ihn zu heiraten. Gegen ihren Willen stimmt sie zu.

Die Hochzeitsreise geht nach Mallorca, nach Las Catalas, 4 Meilen außerhalb von Palma. Marnie verweigert sich ihrem Mann, wofür sie immer neue Gründe findet. Schließlich vergewaltigt er sie. Mark Rutland stellt für Marnie einen Kontakt zu dem Psychiater Dr. Roman her. Und Marnie besucht die Pokerabende ihres Arbeitskollegen Terry. Sie ist nicht in der Lage, die möglichen Bluffs zu durchschauen oder – wenn sie durchschaut – entsprechend zu setzen. Bei einem Dinnerempfang wird sie von ihrem früheren Chef aus Birmingham erkannt. Also trifft sich Rutland mit einem pensionierten Chief Constabler. Aus diesem Gespräch zieht Rutland die Konsequenz, dass er sich bei den Betrogenen offenbart und die Beträge zurück zahlt. Marnie beschließt, sich den zu erwartenden Schwierigkeiten nicht zu stellen und bei nächster Gelegenheit Mark zu verlassen.

  • Pause

Als Snack gibt es englisches „Starkbier“ zu einem Stück Schinken aus dem Pub in Torquay. In dem Buch wird viel gegessen, es gibt Dinnerempfänge und gemeinsame Mahlzeiten mit Rutland. Aber es werden nur die Getränke beschrieben. Auch eine Art Flucht. Erst gegen Ende,  im Pub, sticht Marnie eine Gabel in ein Stück Schinken. Es ist das erste Mal, dass Essen konkret beschrieben wird.

  • Weiter

Einige Tage später reiten die Rutlands gemeinsam mit vielen anderen zur Fuchsjagd aus. Marnies Pferd geht durch und stürzt beim Sprung über eine Hecke. Es muss eingeschläfert werden. Auch Mark Rutland verletzt sich schwer. Während er gesund gepflegt wird, beschließt Marnie, abzureisen. Sie dringt nachts in die Firma ein, nimmt Geld aus dem Tresor, bekommt Skrupel und legt es zurück. Danach fährt sie nach Torquay und erfährt, dass ihre Mutter am Tag zuvor starb. Von der Freundin ihrer Mutter (Lucy Nye, die Marnie auch großgezogen hat) erfährt sie schreckliche Details aus ihrer Vergangenheit. Marnies Mutter arbeitete als Hafenprostituierte, aus der Geschichte ging ein Kind hervor, Marnies Bruder, der kurz nach der Geburt ermordet wurde.

Mit diesem Wissen fühlt sich Marnie zum ersten Mal frei, ihr Zwang fällt von ihr ab. Nach der Beerdigung ihrer Mutter kehrt Marnie in einem Pub ein (die Sache mit Starkbier und Schinken). Als sie später nach Hause kommt, sitzt Terry dort. Er überredet sie, mit zurück nach London zu fahren. Sie fahren Strecke 3. Unterwegs halten sie an einem Haus, in dem ihre ehemaligen Chefs aus Birmingham auf sie warten. Sie geht zu ihnen, um die Dinge zu klären. Sie weiß nun, dass ihr Leben alleine in ihren eigenen Händen liegt.

  • Anmerkungen

Es ist ein besonderes Buch. Zunächst fällt auf, dass das Wetter keine Rolle spielt. Der Autor verzichtet darauf, das Klischee des englischen Regens zu bemühen. Marnies Leben kann nur bei völliger Kontrolle funktionieren. Mark Rutland zwingt sie in Situationen, in denen sie keine Kontrolle mehr hat. Sie windet sich, flieht, lügt, will sich zweimal umbringen. Bei der Fuchsjagd erkennt sie ihre Lage so deutlich wie nie zuvor. Sie versucht Rollenwechsel, plant Reisen, die sie niemals ausführen wird, bis sie schließlich aufgibt und frei wird. Dieser innere Kampf wird eindrucksvoll dargestellt und durch die Fluchten auch geographisch abgebildet.

Dazu kommt eine gehörige Portion Selbstironie der Ich-Erzählerin, und so ist es bei aller Dramatik kein humorloses Buch. Es hat sicherlich auch Schwächen. So ist die Rolle von Terry, besonders am Ende, nicht schlüssig. Andererseits ist das Gespräch auf „Strecke 2“ ein Meisterwerk in der Kategorie Dialogführung. Absolut lesenswert.

Eislaufen in Vermont: Die Dame mit den Nelken

Ich hatte ja schon einmal ein flaches Buch von A.J. Cronin vorgestellt. Nun also seine zweite Chance: „Die Dame mit den Nelken“ aus dem Jahr 1939.  Ich habe die Lizenzausgabe aus dem Jahr 1954 mit 234 Seiten. Die Geschichte ist zeitgenössisch, Orte der Handlung sind London, Manchester, New York und Vermont.

  • Das Setup

1532 malte Holbein das Bild „Die Dame mit den Nelken“. Zusätzlich stellte er für die Modell sitzende Mademoiselle eine Miniatur fertig. Die Londoner Kunsthändlerin Katherine Lorimer ersteigert genau diese Miniatur. Sie bezahlt auf Kredit und will das Bild an einen bekannten amerikanischen Sammler weiter verkaufen. Dabei ist sie eigentlich pleite. Die Zeit drängt also, die Gläubiger noch nicht. Damit beginnt ..

  • Die Geschichte

Katherines Nichte Nancy Sherwood ist Schauspielerin und verlobt mit Chris Madden, dessen Reichtum sich auf das Erbe eines Klebstoff-Patents gründet. Katherines Mutter gibt in ihrem Haus in Wimbledon eine Gesellschaft für einige im Kulturleben wichtige Personen. Nancy und Chris sind eingeladen, Nancy sagt ab, weil sie kränkelt und kurz vor einer Theaterpremiere steht. So lernt Katherine also Chris Madden kennen. Abends hören sie in Mrs. Lorimers Haus ein Hörspiel mit Nancy, die – zu aller Überraschung – für eine noch kränkere Kollegin einsprang. Am nächsten Morgen fahren Nancy und Chris nach Manchester, wo die Theaterpremiere statt findet. Chris fährt jedoch vorzeitig aus geschäftlichen Gründen nach London zurück. Er trifft Katherine zum Essen, anschließend gehen sie durch London, besuchen die Operette Gilbert und Sullivan und erhalten abends ein Telegramm von Nancy. Die Premiere war ein Flop. Katherine schlägt dem befreundeten Bühnenautor Sam Braden vor, für Nancy ein Stück zu finden, damit sie wieder erfolgreich wird. Sam Braden willigt ein.

Nun geht es mit dem Schiff nach New York. Katherine mit der Miniatur, die sie verkaufen will. Nancy, weil ihr ein wenig Abwechslung gut tut. Und Chris wegen Nancy. Außerdem muss er sowieso mal wieder heim in seinen Heimatort Graysville in Vermont. Nancy und Katherine sollen seine Mutter kennen lernen, da demnächst auch Nancys Heirat mit Chris ins Haus steht. In New York wird Katherine von einigen Fotografen empfangen. Aus unklaren Gründen ist sie dort berühmt, und der Ruf des Holbein eilte ihr voraus. Sie trifft Herrn Breuget, der ihre Interessen in New York vertritt. Der hat bereits Kontakt mit einem potentiellen Käufer des Bildes geknüpft. Bis zu seinem Eintreffen geht es nach Vermont, zu Chris Maddens Landhaus.

Dort, in Vermont fühlt sich Nancy zunehmend unwohl, während Katherine in Chris‘ Gegenwart aufblüht. Sie gehen Eislaufen, und Katherine und Chris kommen sich immer näher. Schließlich gestehen sie sich ihre Liebe. Inzwischen ist der potentielle Käufer der Holbein-Miniautur tödlich verunglückt. Katherine steht nun einer drohenden Pleite gegenüber. Zum Glück kann Breuget kurzfristig einen anderen Käufer auftreiben, so dass die finanziellen Schwierigkeiten abgewendet sind.

Katherine trifft nun Chris wieder. Sie diskutieren lange darüber, ob sie ihre Liebe öffentlich machen sollen, oder doch besser ihre Freundschaft beenden sollen. Sie wissen nicht, ob und wie Nancy die Information verkraften wird. Nancy jedoch hört zufällig ein paar Gesprächsfetzen mit. Am nächsten Tag ist in New York Premiere ihres neuen Stückes. (Das ging aber schnell, denke ich mir. Aber ich habe nicht ganz verstanden, wie lange der Amerika-Aufenthalt dauert). Das Stück ist ein überwältigender Erfolg. Mit diesem Erfolg im Rücken bittet sie Chris, die Verlobung zu lösen. Sie möchte sich lieber ihrer Laufbahn als Schauspielerin widmen. Chris und Katherine fahren mit dem nächsten Schiff nach Europa zurück. Chris gesteht Katherine seinen Reichtum, Er war es auch, der die Holbein-Miniatur gekauft hat, die er ihr nun wieder zurückschenkt.

Nancy, die inzwischen von einem Film-Magnaten langfristig verpflichtet wurde, wünscht beiden viel Glück.

  • ein paar Gedanken

Schön und kitschig. Die Geschichte laviert zwischen spannender Wirtschaftsstory (es war in den angelsächsischen Ländern immerhin die Zeit der Weltwirtschaftskrise) und kitschiger Dreiecks-Love Story. Ich habe nach den ersten Seiten erwartet, dass es um alte Kunst ginge und den Handel damit. Die Kunst ist aber nur der Gimmick für die Love-story, die schnell Oberhand gewinnt. Wenn der Autor den Leser derart in die Irre führt, dann kann sowas gut gehen. Hier tut es das nicht. Allerdings ist das Buch bis zum totalen Happy-End schnell gelesen. Der zeitliche Rahmen ist stramm (Hochzeitsvorbereitungen, Premiere und Bild verkaufen innerhalb einer Woche, die Leute sind unrealisitisch perfekt organisiert). Und der Übersetzer hat manchmal gehunzt. Als es heißt dass „Chris‘ Auge auf Katherine fiel“, dann sieht man in Gedanken einen Tischtennisball. Zwei Seiten später spielen sie wirklich Tischtennis, das ist unfreiwillig komisch.

Ansonsten wird die Kälte in Vermont schön beschrieben. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.