Karte # 58: – „Ein Winter auf Majorca“ von George Sand

Wenn’s denn nötig ist, darüber zu sprechen: Ich habe zweijähriges Blogjubiläum. Meine Güte verging die Zeit schnell. Seither hat sich der Blog anders entwickelt als ich erwartet habe. Und Spass machte es bisher obendrein. Deswegen ein kurzer Dank an alle, die geguckt, geklickt, gelesen und kommentiert haben.

Zum Jubiläum habe ich den allerersten Beitrag, den ich für den Blog schrieb, überarbeitet und runderneuert.

Los ging es damals mit einem Klassiker der Reiseliteratur:

George Sand (deren bürgerlicher Name nicht ganz poesieavers  Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil lautet) war eine französische Schriftstellerin. Sie überwinterte 1838 / 1839 auf Mallorca. Mit dabei waren ihre beiden Kinder Maurice und Solange und ihr Freund. Letzterer war Frederik Chopin, der im Buch nie namentlich erwähnt wird, sondern stets als „unser Kranker“.

  • Das Buch

Einen Reisebericht hatte George Sand zunächst gar nicht geplant. Jahre später besuchte und beschrieb der Maler  J.B. Laurens die Insel Mallorca auf einer Kunstreise. „Un hiver a Majorque“ ist als Kommentar und als eine Art Antwortbuch zu Laurens‘ Reisebeschreibung gedacht. 1845 wurde „Un Hiver a Majorque“ erstmals veröffentlicht. Zuvor versuchten 40 mallorquinische Advokaten, die Veröffentlichung zu verhindern. Dazu später mehr.

Ich habe eine deutsche Übersetzung eines Dr. Elsner aus dem Jahr 1846 in einer Ausgabe  aus Palma, ca. 1974. Vermutlich die „Touristenauflage“, die man kaufte, um nicht nur Nippes nach Hause zu bringen.

Das Buch dreht sich in drei Teilen und 198 Seiten rund um die Insel. In Teil 1 lernt der Leser die geographischen, ökonomischen und kulturellen Besonderheiten kennen. Teil 2 beschreibt einige Stadtrundgänge durch Palma. Im dritten Teil wird das Leben in Valldemosa beschrieben. Auch hier geht es um Kultur und Geschichte, es kehrt jedoch eine wohltuende Leichtigkeit in den Text ein.

  • Ankunft in Palma

Im ersten Teil beschreibt Sand die Ankunft auf der Insel im Herbst 1838 und die ersten Schritte, sich mit Land und Leuten vertraut zu machen. Nach der Ankunft in Palma stellt sie fest, dass es nur wenige – und heruntergewirtschaftete – Unterkünfte gibt. Nach kurzem Intermezzo direkt in Palma mieten die Reisenden eine Villa in Establiments, einem nördlich gelegenen Vorort.

 

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  • Obst und Schweine

Die geographischen Artikel erzählen von der schlechten Infrastruktur und davon, dass die Mallorquiner den fruchtbaren Boden mit einfachen Mitteln bebauen müssen, damit aber ganz gut klarkommen. Das Getreide ist fein und wird nach Barcelona exportiert. Olivenbäume tragen reichlich, die Früchte werden in Spanien jedoch zu schlechten Preisen verkauft, weil das Angebot zu groß ist. Außerdem gibt es Feigen, Orangen (bei dem Dorf Soller), Mandeln und Zitronen „groß wie Kindsköpfe“ (bei La Granja).

Anschließend erzählt Sand von Mallorcas neuem Reichtum. Die Regierung in Madrid erlaubte es der sonst restriktiv beherrschten Insel, Schweine zu züchten und auf das Festland zu exportieren. Also wurde die komplette Infrastruktur auf die Zucht und den Transport von Schweinen eingerichtet. Dies führte zu etlichen amüsanten Situationen, so als auf einem Passagierschiff die Passagiere den Schweinen weichen mussten. Diese ausführliche Schilderung der mallorquinischen Schweinezucht ist das Kapitel, welches das Buch zum Skandal machte und die Advokaten auf den Plan rief.

Es folgen noch zwei poetische Kapitel, in denen Sand die wildromantische Natur und den Reichtum an unterschiedlichsten Geräuschen schildert.

  • Noch einmal Palma

Der zweite Teil des Buches beschreibt die Sehenswürdigkeiten Palmas. „Der Charakter eines Volkes offenbart sich in Costümen und Ameublement“, und deswegen wird nochmals das Innenleben der Villen beschrieben. Die Börse, die Kathedrale werden besichtigt, wie auch der Palacio Real und die große Bibliothek. Sie schlendert durch die Ruinen des Dominikanerklosters. Sand steht dabei unter dem Eindruck der Zerstörungen, die 1836 – zwei Jahre zuvor – im Rahmen einer Säkularisationswelle Mallorca heimsuchten. Das Kapitel ist entsprechend schwermütig. Sand zitiert einen Erlass aus dem Jahr 1836. Mit diesem Erlass wurden alle Klöster mit weniger als 12 Mönchen säkularisiert, etliche auch zerstört. Die Autorin geht intensiv darauf ein.

Die Geister zweier Mönche wandern durch das Inquisitionskloster und unterhalten sich über Kunst und Religion. Schließlich berichtet Sand über die grausamen Verbrechen der majorquinischen Inquisition. Es folgt nochmal ein kleiner Bericht über die Geschichte des Dominikanerklosters. Sie begibt sich dabei auf Spurensuche nach Vorfahren Napoleons großmütterlicherseits, deren Wappen auf der Insel anzutreffen ist.

  • Valldemossa

Der Zustand „unseres Kranken“ veranlasst sie dazu, Establiments zu verlassen und eine neue Unterkunft im Kartäuserkloster von Valldemossa zu finden. Der dritte und letzte Teil des Buches handelt von der Zeit dort. Es gibt unterhaltsame Begegnungen mit den Bauern am Ort, einige arme Bewohner treiben sich regelmäßig im Kloster herum. Einmal feiern alle Einwohner des Ortes – reiche und arme – den Aschermittwoch mit lauter Musik, Geschrei und Vogelmasken. Es folgen ein paar Spaziergänge an die Küste.

Den Rundgang durch das Kloster schmückt die Autorin mit zwei erfundenen Figuren, einem Mönch aus dem Mittelalter und einem zeitgenössischen Mönch. Eine kurzer Abriss der Geschichte christlicher Mission in  Mallorca folgt. Da darf natürlich auch Catalina Tomas nicht fehlen, die einzige Heilige Mallorcas. Sie lebte ebenfalls in Valldemosa, starb dort 1572, wurde 1792 selig und später heilig gesprochen. Anschließend geht es ums Essen, das aus 2000 Schweinefleischgerichten und ca. 200 Sorten Würsten bestand. Das meiste schmeckte so übel, dass die Reisenden sich später hauptsächlich von Trauben ernährten.

Nach der Heimreise wurde Chopin rasch wieder gesund.

Das Buch steckt voller Überraschungen. Sachliche Rundgänge, historische Abhandlungen, poetische Artikel, Witziges und Schwerfälliges wechseln sich ab. Unterhaltsam.

Was sonst geschah

1847 trennten sich Sand und Chopin, zwei Jahre vor dem Tod des Komponisten.

George Sand starb 1876 auf ihrem Familiensitz in Nohant. Nohant ist heute ein Kulturzentrum, das der französischen Denkmalbehörde gehört.

La Granja ist heute ein Freilichtmusuem.

Das Originalmanuskript des Buches befindet sich im Kloster Valldemosa

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Lissabon – Marseille – Genua: „Die Geschichte eines Nashorns“ von Reinhold Schneider

Reinhold Schneider (1903 bis 1958) war ein badischer Autor, der stark mit der Stadt Freiburg verbunden war. In seinen ersten Werken hat er sich intensiv mit der Geschichte Portugals und Spaniens beschäftigt. Auch die Erzählung „Die Geschichte eines Nashorns“ – entstanden 1929 – spielt in der Umgebung des portugiesischen Königshofes. Der Text ist 20 Seiten lang.

  • Der Kontext

Die kurze Erzählung beginnt am Hofe König Emanuels des Glücklichen in Lissabon. Er regierte 1495 bis 1521. 20 Jahre vor dem geschilderten Ereignissen kehrte Vasco da Gama aus Calicut in Indien zurück. Nun, 1519, regiert der portugiesische König Brasilien, schickt Gesandte nach China und konkurriert auf dem internationalen Parkett mit den folgenden Herrschaften:

  • Franz I. Er regiert in Frankreich seit 1515. Frankreich galt als der militärisch stärkste Staat Europas. Franz war in ständigem Konflikt mit den Habsburgern um die Macht in Europa.
  • Karl V von Spanien. Er wurde am 28. Juni 1519 zum König gewählt. Zur Zeit der Erzählung ist dies bereits geschehen. Emanuel und der jeweilige spanische König sind in ständigem Konflikt um die Macht über Indien, Westindien und den Rest der Welt.
  • Der Papst zu dieser Zeit war Giovanni de‘ Medici. Ein prunksüchtiger Herrscher, der in unseren Breiten durch das Stichwort Ablasshandel und den Konflikt mit Luther berüchtigt ist. Emanuel schenkte dem Medici-Papst einmal einen Elefanten für dessen Menagerie.

 

Lissabon - Genua
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StepMap Lissabon - Genua

 

  • Die Geschichte

Ein indischer Fürst schenkte Emanuel ein Ungetüm mit einem nach hinten gebogenen Horn auf dem Rüssel. Emanuel ist der erste europäische Herrscher, der ein derartiges Ungeheuer besitzt. Das Tier gilt als wild und nicht zu bändigen. Dom Francisco, eine Art Minister am Hofe, schlägt dem König vor, dieses Tier und einen Elefanten in einem Triumphzug durch Lissabon laufen zu lassen. In einer Stierkampfarena sollen die beiden dann zur Ehre des Königs furchteinflößende Kurzweil veranstalten. Am nächsten Tage führt das geschmückte Nashorn einen Festzug an. Am Ende des Zuges reiten zwei Diener auf dem Elefanten, der in der Arena auf das Nashorn treffen soll.

Stolz betrachtet Emanuel des Festzug, zu dem er auch die Gesandten der anderen Herrscher eingeladen hat. Plötzlich bleibt das Nashorn stehen und starrt vor sich hin. Nichts mehr mit Ungetüm. Die ersten Zuschauer beginnen zu Lachen. Es trottet weiter bis in die Arena. Dort starrt es den Elefanten an. Der Elefant dreht durch, rennt aus der Arena und zerstört in der Stadt viele Marktstände. Gelächter bricht aus. Der König ist blamiert.

Emanuel beschließt, dass das Nashorn ein vortreffliches Diplomatengeschenkt wäre. Es ist „prächtig und schädlich zugleich“. Es soll an den Papst nach Rom geschickt werden. Auf der Vorbeifahrt darf es in Marseille Station machen. Dort soll es Franz I. bewundern dürfen. Der darf sich darüber ärgern, dass er sowas noch nicht besitzt.

Bald geht es los. Francisco fährt mit Diener und Nashorn via Ceuta, an Ibiza und Mallorca vorbei bis Marseille. Franz ist neidisch, und um Emanuel zu ärgern bietet er für das Nashorn einen hohen Preis. Francisco lehnt ab. Auf der Weiterfahrt gerät das Schiff in einen Sturm, das Nashorn reißt sich los und fegt über das Deck. Vor Genua versinken Schiff und Nashorn im Ligurischen Meer.

Das Nashorn wird gefunden, ausgestopft und nach Rom gebracht, wo es schließlich verstaubt.

  • Bemerkungen

Die Erzählung beginnt richtig turbulent und unterhaltsam. Der König, der von der Natur in seinen Absichten gestört wird, der sich dann überlegt, wen er mit einem Geschenk ärgern kann. Das Tier, das am meisten Unruhe stiftet, wenn es nur rumsteht. Das ist Material für eine unterhaltsame Geschichte. Leider säuft mit dem Schiff auch die Story ab. Zwar lehnt sich die Handlung an eine tatsächliche Begebenheit an. Aber als Erzählung endet es zu abrupt und unmotiviert. Fontane hat ja vorgemacht, wie man aus einem historischen Rahmen erzählerisch etwas entwickeln kann. Was hätte ein herumstehendes Tier bei Hofe noch so alles anrichten können. Schade.

Die Erzählung ist im übrigen schwer zu finden. Ich habe sie einer Anthologie entnommen: Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts von Bertelsmann Lesering, so etwa aus den frühen 60ern.

Karte # 15: Mit Marnie kreuz und quer durch England

Bücher, die eine Flucht zum Thema haben, sind immer auch Bücher mit starkem geographischem Bezug. Fluchten sind ja zunächst einmal unfreiwillig oder gezwungenermaßen durchgeführte Reisen. Gegenden werden nicht besucht, sondern durchzogen. Die Orte haben keine eigene Ausstrahlung, sondern sind Wegpunkte. Der durchquerte Raum alleine ist wichtig. Veränderungen definieren sich über zurück gelegte Entfernungen. Dieses Buch handelt von Fluchten, die kreuz und quer durch England führen. Es geht um „Marnie“ von Winston Graham aus dem Jahr 1960. Ich habe die Ausgabe von 1961 (Übersetzung: M. Tilgner) mit 284 Seiten. Die Geschichte ist durch den Film von Hitchcock so richtig berühmt geworden. Hitchcock verlegt die Handlung, die er an einigen wichtigen Stellen verändert, in die USA.

  • Das Setup

Marnie

Die Hauptperson ist Margaret Elmer, genannt Marnie. Sie ist die Ich-Erzählerin des Romans. Ihre Flucht findet auf zwei Ebenen statt. Sie flieht davor, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, als ihr viel Gewalt angetan wurde. Unter dem Vorwand, ihre Mutter zu unterstützen (in Wahrheit jedoch, um sich selbst zufrieden zu stellen) stiehlt sie Geld von ihren Arbeitgebern. Anschließend verschwindet sie und taucht unter neuem Namen in einer anderen Stadt auf.

  • Die Geographie

Das Buch beginnt in dem Städtchen Cirencester. Die „Alte Krone“ in Cirencester ist sozusagen Marnies Rückzugsort. Hierher kehrt sie nach ihren „Fischzügen“ immer wieder zurück. In einem Gestüt in der Nähe hält sie sich ein Pferd. Zu Beginn des Buches hat sie bereits unter verschiedenen Namen immer wieder Stellen als Buchhalterin angetreten. Nach kurzer Zeit unterschlug sie Geld und verschwand spurlos, so in Brimingham, Newcastle und Manchester. Nun tritt sie ein Stelle bei der Firma Rutland in Barnet bei London an. In der Folge werden im Roman drei große Strecken zurück gelegt.

Strecke 1: London – Paddington – Wolverhampton – Walsall – Nottingham – Swindon – Cirencester (grüne Knöpfe)

Strecke 2: Cirencester – Fairford – Oxford – Aylesbury – Berkhamsted (rote Knöpfe)

Strecke 3: Torquay – Newton Abbot – Exeter – Andover – Honiton – Ilminster – Ilchester – Wincanton – Newbury -High Wycombe (gelbe Knöpfe)

Blaue Knöpfe stellen sonstige Orte der Handlung dar.

  • Die Geschichte

Rutland ist eine Spezialdruckerei für besonders hochwertige Druckerzeugnisse. Marnie ist dort als Lohnbuchhalterin angestellt. Eines Tages beginnt sie, Geld zu unterschlagen. Sie geht sehr planvoll vor. Der Leser erfährt einiges über englische Lohnabrechnungen, das Sozialsystem und auch Marnies Kontenstruktur. Als Marnie genug Geld unterschlagen hat, verschwindet sie. Nun folgt „Strecke 1“. Sie deponiert das Geld bei verschiedenden Banken und kehrt zurück nach Cirencester. In Cirencester spürt der Inhaber Mark Rutland sie auf. Auf der langen Fahrt zurück nach Berkhamsted stellt er sie zur Rede. Das ist Strecke 2. In einem – auf 20 Seiten geschilderten – rhetorischen Machtkampf überzeugt er Marnie, ins Büro zurück zu kehren. Ein paar Tage danach fordert er sie auf, ihn zu heiraten. Gegen ihren Willen stimmt sie zu.

Die Hochzeitsreise geht nach Mallorca, nach Las Catalas, 4 Meilen außerhalb von Palma. Marnie verweigert sich ihrem Mann, wofür sie immer neue Gründe findet. Schließlich vergewaltigt er sie. Mark Rutland stellt für Marnie einen Kontakt zu dem Psychiater Dr. Roman her. Und Marnie besucht die Pokerabende ihres Arbeitskollegen Terry. Sie ist nicht in der Lage, die möglichen Bluffs zu durchschauen oder – wenn sie durchschaut – entsprechend zu setzen. Bei einem Dinnerempfang wird sie von ihrem früheren Chef aus Birmingham erkannt. Also trifft sich Rutland mit einem pensionierten Chief Constabler. Aus diesem Gespräch zieht Rutland die Konsequenz, dass er sich bei den Betrogenen offenbart und die Beträge zurück zahlt. Marnie beschließt, sich den zu erwartenden Schwierigkeiten nicht zu stellen und bei nächster Gelegenheit Mark zu verlassen.

  • Pause

Als Snack gibt es englisches „Starkbier“ zu einem Stück Schinken aus dem Pub in Torquay. In dem Buch wird viel gegessen, es gibt Dinnerempfänge und gemeinsame Mahlzeiten mit Rutland. Aber es werden nur die Getränke beschrieben. Auch eine Art Flucht. Erst gegen Ende,  im Pub, sticht Marnie eine Gabel in ein Stück Schinken. Es ist das erste Mal, dass Essen konkret beschrieben wird.

  • Weiter

Einige Tage später reiten die Rutlands gemeinsam mit vielen anderen zur Fuchsjagd aus. Marnies Pferd geht durch und stürzt beim Sprung über eine Hecke. Es muss eingeschläfert werden. Auch Mark Rutland verletzt sich schwer. Während er gesund gepflegt wird, beschließt Marnie, abzureisen. Sie dringt nachts in die Firma ein, nimmt Geld aus dem Tresor, bekommt Skrupel und legt es zurück. Danach fährt sie nach Torquay und erfährt, dass ihre Mutter am Tag zuvor starb. Von der Freundin ihrer Mutter (Lucy Nye, die Marnie auch großgezogen hat) erfährt sie schreckliche Details aus ihrer Vergangenheit. Marnies Mutter arbeitete als Hafenprostituierte, aus der Geschichte ging ein Kind hervor, Marnies Bruder, der kurz nach der Geburt ermordet wurde.

Mit diesem Wissen fühlt sich Marnie zum ersten Mal frei, ihr Zwang fällt von ihr ab. Nach der Beerdigung ihrer Mutter kehrt Marnie in einem Pub ein (die Sache mit Starkbier und Schinken). Als sie später nach Hause kommt, sitzt Terry dort. Er überredet sie, mit zurück nach London zu fahren. Sie fahren Strecke 3. Unterwegs halten sie an einem Haus, in dem ihre ehemaligen Chefs aus Birmingham auf sie warten. Sie geht zu ihnen, um die Dinge zu klären. Sie weiß nun, dass ihr Leben alleine in ihren eigenen Händen liegt.

  • Anmerkungen

Es ist ein besonderes Buch. Zunächst fällt auf, dass das Wetter keine Rolle spielt. Der Autor verzichtet darauf, das Klischee des englischen Regens zu bemühen. Marnies Leben kann nur bei völliger Kontrolle funktionieren. Mark Rutland zwingt sie in Situationen, in denen sie keine Kontrolle mehr hat. Sie windet sich, flieht, lügt, will sich zweimal umbringen. Bei der Fuchsjagd erkennt sie ihre Lage so deutlich wie nie zuvor. Sie versucht Rollenwechsel, plant Reisen, die sie niemals ausführen wird, bis sie schließlich aufgibt und frei wird. Dieser innere Kampf wird eindrucksvoll dargestellt und durch die Fluchten auch geographisch abgebildet.

Dazu kommt eine gehörige Portion Selbstironie der Ich-Erzählerin, und so ist es bei aller Dramatik kein humorloses Buch. Es hat sicherlich auch Schwächen. So ist die Rolle von Terry, besonders am Ende, nicht schlüssig. Andererseits ist das Gespräch auf „Strecke 2“ ein Meisterwerk in der Kategorie Dialogführung. Absolut lesenswert.

Palma de Mallorca und Valldemossa im Winter

Español: Facsímil de la obra Un hiver à Majorq...

Español: Facsímil de la obra Un hiver à Majorque (Un invierno den Mallorca) de la escritora francesa George Sand. Tomado de Un invierno en Mallorca (Inagrama Editorial, Mallorca, España (1997). ISBN 84-85932-18-8, que reproduce el original conservado en Celda Museo nº 2, Valldemosa. (Photo credit: Wikipedia)

Ein Winter auf Majorca Cover

Nun, da sich für viele der majorquinische Sommer dem Ende zuneigt, besinnt sich Leopolds Bücherkiste, ein Büchlein über Mallorca herauszurücken. George Sand verfasste „Ein Winter auf Majorca“ als  Reisebeschreibung über die Zeit, während der sie mit ihrem Freund Chopin und ihren beiden Kindern 1838 / 1839 auf der Insel überwinterte. Das Buch wurde 1855 erstmals veröffentlicht. Chopin selbst taucht nur wenige Male auf, jeweils am Rande erwähnt. Das Buch dreht sich in drei Teilen und auf 198 Seiten um die Insel. In Teil 1 lernt der Leser die geographischen, ökonomischen und kulturellen Besonderheiten kennen. Teil 2 beschreibt neben den Sehenswürdigkeiten die unrühmliche Geschichte der Kirche und steht unter dem Eindruck der gerade statt gefundenen Zerstörungen. Im dritten Teil wird das Leben in Valldemosa beschrieben. Auch hier geht es um Geschichte, es kehrt jedoch eine wohltuende Leichtigkeit in den Text ein.

Warum reist die Autorin überhaupt? Die Antwort folgt im 4. Kapitel. Dort reflektiert Sand die verschiedenen Gründe, aus denen sich Menschen entschließen, zu reisen. Ihr eigener wichtigster ist die Sehnsucht nach Ruhe. Warum dann gerade Majorca? Es steht nicht im Buch, oder ich habe es überlesen. Kapitel 1 nennt die Motive dafür, das Buch zu schreiben. Es entstand drei Jahre nach der Reise als eine Art Antwortbuch. Der Maler  J.B. Laurens hat auf einer Kunstreise Mallorca besucht und beschrieben. „Un hiver a Majorque“ ist als Kommentar zu seiner Reisebeschreibung gedacht.

Im ersten Teil beschreibt Sand die Ankunft auf der Insel im Herbst 1838 und die ersten Schritte, sich mit der Insel vertraut zu machen. Der geographische Artikel, das ist Kapitel 2, handelt von der schlechten Infrastruktur und davon, dass die Mallorquiner den fruchtbaren Boden mit einfachen Mitteln bebauen. Trotzdem ist das Getreide fein und wird nach Barcelona exportiert. Die Olivenbäume tragen reichlich, werden aufgrund des großen Angebots in Spanien jedoch zu schlechten Preisen verkauft. Außerdem gibt es Feigen, Orangen und Mandeln. Anschließend wird davon erzählt, dass eine Erlaubnis, Schweine zu züchten, Mallorca zu Reichtum führt. Tatsächlich durfte Mallorca auf das spanische Festland seit einigen Jahren Schweine exportieren. Also wurde die komplette Infrastruktur auf die Zucht und den Transport von Schweinen eingerichtet. Dies führte zu etlichen amüsanten Situationen, so als auf einem Schiff die Passagiere den Schweinen weichen mussten. Eine Erfahrung, die Sand auf der Rückreise im Frühjahr 1839 besonders eindrucksvoll erlebte. Übrigens machte gerade die Beschreibung der Schweinezucht das Buch zum Skandal, als sich 40 mallorquinische Advokaten zu einer Schmähschrift gegen das Buch veranlasst sahen.

In Kapitel 5 wird die Ankunft in Palma beschrieben. Es gibt nur wenige Herbergen, und diese sind teuer und schlecht betreut. Sie besichtigt in Kapitel sechs einige idyllische Villen, die von faulen Domestiken bewohnt werden. In den nächsten Kapitel hört sie genau hin, denn sie findet zauberhafte Worte für die Geräusche der Insel. Die Krankheit ihres Begleiters veranlasst sie dazu, Palma zu verlassen und eine neue Unterkunft im Kartäuserkloster von Valldemosa zu finden.

Der zweite Teil des Buches beschreibt die Sehenswürdigkeiten Mallorcas. „Der Charakter eines Volkes offenbart sich in Costümen und Ameublement“, und deswegen wird nochmals das Innenleben der Villen beschrieben. Die Börse, die Kathedrale werden erwähnt, wie auch der Palacio Real und die große Bibliothek. Im 3. Kapitel schlendert sie durch die Ruinen des Dominikanerklosters. Hier wird ein Erlass aus dem Jahr 1836, also 2 Jahre vor Sands Reise, erwähnt. Mit diesem Erlass wurden alle Klöster mit weniger als 12 Mönchen säkularisiert. Das führte sogar zur Zerstörung einiger Klöster. Im 4. Kapitel geht sie intensiv darauf ein. Die Geister zweier Mönche wandern durch das Inquisitionskloster. Sie unterhalten sich über Kunst und Religion. Schließlich berichtet sie im 5. Kapitel über die grausamen Verbrechen der majorquinischen Inquisition. Anschließend nochmal ein kleiner Bericht über die Geschichte des Dominikanerklosters. Sie begibt sich dabei auf Spurensuche nach Vorfahren Napoleons großmütterlicherseits, deren Wappen auf der Insel anzutreffen ist.

Der dritte und letzte Teil handelt von der Zeit in dem Karthäuserkloster in Valldemosa. Es wird von seltsamen Gestalten bevölkert. Diebe und Trunkenbolde treiben hier ihr Unwesen und auch Musikanten anlässlich des Aschermittwochsfestes, dessen Beschreibung an ein heutiges Halloween erinnert. Kapitel 2 beschreibt einen Rundgang durch das Kloster und eine kleine Geschichte der christlichen Mission in  Mallorca. Das 3. Kapitel erzählt von Catalina Tomas, der einzigen Heiligen Mallorcas, die ebenfalls in Valldemosa lebte, dort 1572 starb und 1792 selig und später heiliggesprochen wurde. Anschließend wird das Essen beschrieben, das aus 2000 Schweinefleischgerichten und ca. 200 Sorten Würsten bestand. Das meiste schmeckte so übel, dass die Reisenden sich später hauptsächlich von Trauben ernährten. Nach der Heimreise wurde Chopin rasch wieder gesund.

Eine Reisebeschreibung voller Ironie, die der Autorin half, die vielen unbequemen Überraschungen zu bestehen.

Netter Auftakt für die Herbstlektüren.