„Schäumende Träume“ aus Fielden’s „Is this the Vine You Ordered, Sir?“

  • Das Buch

Zum Jahreswechsel geht es wieder mal um das Buch „Is This The Vine You Ordered, Sir?“ von Christopher Fielden. Erstveröffentlichung 1989. Deutsch von Daniela Brechbühl „Der Weinbetrug – Etiketten und Inhalt“, Rüschlikon, Hardcover, 254 kurzweilige Seiten. Das Buch beschäftigt sich auf den Seiten 90 – 104 unter der Kapitelüberschrift „Schäumende Träume“ mit der Geschichte des Schaumweines.

  • London

Diese Geschichte beginnt in London. Die dortigen Weinhändler wollten die guten importierten Weine „vor den sonst üblichen Mißbräuchen dieser Stadt … schützen“ (S. 91). Was benötigte man, um Schaumwein herzustellen? Da war zunächst der Wein. Es wurden Weine aus Sillery oder Ay importiert, ihnen wurden Gewürze und Melasse beigegeben, und sie wurden in Flaschen gefüllt. So gelagert, begannen die Weine erneut zu gären und entwickelten Kohlensäure. Als nächstes traten zwei Londoner Erfindungen in die Welt der Weinherstellung ein: 1662 wurden in England gute Glasflaschen patentiert, hinzu kamen Drahtkörbchen zur Sicherung der Korken.

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  • der französische Markt

Das neue Produkt begeisterte auch die Menschen im Herkunftsland der Weine, vor allem weil es am Hofe Ludwigs XIV. – unter der gesellschaftlichen Führung von Mme de Mailly – schnell beliebt wurde. Also versuchten sich französische Winzer daran, schäumende Weine herzustellen. Doch den Wein in Flaschen abzufüllen war eine Sache, eine andere war es, ihn in den Flaschen zum Gären zu bringen. Überliefert sind eine Reihe von Versuchen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Einige Händler verloren über die Hälfte ihrer eingelagerten Flaschen, weil sie unter dem hohen Druck explodierten (die Flaschen, nicht die Händler). Insgesamt war also das Leben in den Weinkellern recht kurzweilig. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es stabile und kontrollierte Produktionsmethoden.

  • Nachahmer und Etikettenschwindel

Im Laufe der Zeit traten zwei Probleme auf, die bei jedem hochpreisigen Produkt irgendwann mal auftreten: Das Problem der Nachahmung und das Problem des Etikettenschwindels.

Da gab es so etwas wie Briefkastenfirmen. Winzer aus anderen Regionen als der Champagne stellten Schaumweine her und verkauften sie von einer Lieferadresse innerhalb der Champagne. Ohne diese Adresse wäre der Champagner auf dem englischen Markt nicht verkaufbar gewesen. Schließlich gingen auch die großen Champagnerhersteller dazu über, billige Weine aus Saumur, dem Midi und Nordafrika zu  „importieren“ und darauf Champagner herzustellen. Konsequenz: die einheimischen Winzer konnten ihren Wein nicht mehr an die Champagnerhäuser verkaufen. Das führte im Jahr 1911 zu den Champagner-Unruhen.

  • die Champagner-Unruhen 1911

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Am 17. Januar 1911 schüttete ein aufgebrachter Mob eine Ladung Wein aus dem Midi in die Marne und plünderte Weinkeller in Damery. Am nächsten Tag verschob sich der Aufstand nach Hautevilles. Die Armee wurde zu Hilfe gerufen, und am 10. Februar 1911 erließ die Regierung ein Gesetz, das besagte, dass Champagner ausschließlich von Trauben und Wein aus der Region hergestellt werden durfte. Die Region umfasste jedoch nun bedauerlicherweise zwar einige Gemeinden in Aisne, aber keine in Aube. Winzer aus Aube attackierten also Kellereien in Damery, Dizy und Ay. Die Armee wurde zu Hilfe gerufen. Am 12. April 1911 schließlich fand die „Schlacht bei Ay“ statt.  Es gab auf keiner Seite (Reiterschwadron und Weinbauern) Tote, jedoch etliche zerstörte Weinkeller. Schließlich einigte man sich auf den Kompromiss, dass Schaumweine aus Aube ebenfalls Champagner heißen durften, jedoch mit dem Zusatz „Deuxieme Zone“.

Als kleiner Nebeneffekt wurde den Weinbauern zugestanden, Roséwein aus einem Verschnitt weißer und roter Trauben zu erzeugen. Eine Regelung, die für kein anderes Weinbaugebiet gilt. Immerhin untergrub diese Vorschrift die Geschäftsgrundlage des Dorfes Fismes. Fismes war berühmt für seine Holunderbüsche. Deren Früchte wurden zur Färbung des Champagners verwendet.

  • Und heute?

Heute wenden die großen Marken mehr als 10% ihres Umsatzes für Marketing auf. Im Umfeld der großen Marken betreiben die regionalen Kooperativen ihr Tagesgeschäft. Das besteht darin, „Vin sur Latte“ zu verkaufen, unetikettierten Flaschenwein zur Nachreife. So kann es durchaus sein, dass zwei konkurrierende Marken das gleiche Getränk in ihren Flaschen haben, ein Umstand, der aus nahe liegenden Gründen selten thematisiert wird, außer in diesem Buch, S. 99.

Schließlich hat Fielden für die Leser noch einen besonderen Tipp parat. In vielen Ländern gibt es die Angewohnheit, jeden Schaumwein Champan, Champagna, Champagne oder so ähnlich zu nennen. Als Faustregel kann man festhalten: Wer Champagne bestellt, der schaut, ob das Produkt aus Frankreich stammt. Wenn ja, dann handelt es sich um echten Champagner, wenn nein, dann kann es sich „um irgendetwas handeln – vom Himbeergeist bis zum großartigen Wein“ (S. 104).

  • Bemerkungen

Einen Kritikpunkt habe ich: Im bereits besprochenen Kapitel über Portwein ist die Rede davon, dass ab 1678 der Export von Wein nach England verboten war (weshalb sich die Briten den portugiesischen Beschaffungsmarkt sicherten). Mit dem  vermuteten Zusammenhang zu dem Produkt Champagner wird der Leser alleine gelassen.

Ansonsten aber: Auf jeden Fall nett zu lesen, essayistisch und unterhaltsam. A votre santé.

Ein Langstreckenflug nach Ostafrika 1959: „Death in Zanzibar“ von M.M.Kaye

M.M. Kaye (1908 – 2004) war eine britische Autorin.

1959 veröffentlichte sie den Roman „The House of Shade“, dessen Titel 1983 „Death in Zanzibar“ verändert wurde. Deutsch von Rosemarie Hundertmarck 1988, als TB 304 Seiten.

Die Handlung war 1959 zeitgenössisch, was sich aus der Erwähnung von Nasser in einer politischen Diskussion herleiten läßt. Außerdem brüstet sich eine Figur auf S. 284 damit, seine Arbeit „funktionierte wie ein Sputnik.“ Die Formulierung ergibt erst nach Oktober 1957 einen Sinn.

  • Setup und Personal

Dany Ashton, gerade volljährig geworden, darf zum ersten Mal in ihrem Leben reisen. Es geht nach Zanzibar. Ihre Mutter Lorraine lebt dort mit ihrem derzeitigen Gatten Tyson Frost, einem erfolgreichen Schriftsteller.

Auf dem Weg zum Flughafen in London soll sie noch schnell bei Mr. Honeywood, dem Rechtsanwalt ihres Stiefvaters, ein Schreiben für Mr. Frost abholen. Dann wartet sie in einem Hotel auf den Flug am nächsten Morgen.

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Im Hotel warten noch andere, die nach Zanzibar wollen. Lashton Holden Junior, kurz Lash ist Frosts amerikanischer Verleger und macht seine Hochzeitsreise. Amalfi Gordon („sie wirkt wie eine Tiara mitten in billigem Glasschmuck“ – S. 126) hätte eigentlich seine Frau werden sollen, aber hat sich kurzfristig für einen Marchese entschieden, den „grinsenden, pomadisierten Sohn einer Schlange (s. 68)“. Der macht irgendwas mit Wettrennen. Beide fliegen ebenfalls nach Zanzibar. Außerdem Larry, ein Journalist, der eine Homestory über Frost schreiben soll. Und Jemba. Der ist zanzibarianischer Rebellenführer, der eine „demokratische Republik“ mit sich als Diktator und sowjetischer Hilfe einführen will. Und Tysons Schwester sowie deren Gesellschafterin, Millicent – genannt Mimi – Bates.

  • Dann kann’s losgehen

In der Frühe liegt eine Tageszeitung vor Danys Tür. Schlagzeile: Honeywood wurde ermordet. Tatzeit war exakt die halbe Stunde, nachdem Dany bei ihm war. Dumm für Dany: Sie hat bei Honeywood ein Taschentuch mit ihren Initialen verloren.

Sie macht Bekanntschaft mit Lash. Lashs Sekretärin Ada Kushter hätte mitreisen sollen, bekam aber kurzfristig Mumps. Nun tröstet er sich mit Whiskeyfahne und einem weißen Kater namens Asbestos.

Dany erzählt Lash ihre Geschichte. Spannend wird es, als sie in der Schublade ihres Hotelzimmers die Mordwaffe findet, sich daran erinnert, Jemba vor Honeywoods Haus gesehen zu haben, und außerdem ihr Pass fehlt.

Lash stylt Dany schnell auf das Aussehen seiner Sekretärin um. Nun reist Dany als Ada weiter, mit deren Pass.

Dann startet die Maschine in London und fliegt mit Zwischenstopps in Neapel und Khartum nach Nairobi. Dort heißt es umsteigen in eine kleine Maschine. Aber vorher ist eine Nacht im Hotel angesagt. Lash hat die Hochzeitssuite gebucht und ist dort mit Dany alleine. In der Nacht bemerkt Dany einen Einbrecher und verjagt ihn. Lash glaubt ihr nicht, bis er eine fremde Taschenlampe im Zimmer findet. Offensichtlich sollte Dany ermordet werden.

Dany zeigt Lash den verschlossenen Umschlag, den sie von Honeywood bekam. Klar ist nun: ein Mörder sass im Flugzeug.

Am nächsten Morgen geht es in einer kleinen Maschine weiter nach Mombasa. Dort gehen alle aus dem Flugzeug raus in die Wartehalle. Der Weiterflug verzögert sich. Grund: Jemba ist an Zyankali gestorben.

Weiterflug nach Pemba, einer Insel voller Gewürznelken und dunklen Sagen über Dämonen. Dann – in der Mitte des Buches schließlich die Ankunft in Zanzibar. Alle werden von Nigel Pointing, Tyson Frosts Sekretär, abgeholt.

  • Zanzibar

Blumen „ergossen sich in traumhaftem Farbenrausch“ am Straßenrand. Weißgekalkte Häuser bilden enge Gassen. Es duftet nach Gewürzen und heißem Staub. Auf der anderen Seite gibt es „garstige Slums“: Eine Hüttenstadt aus Wellblech und faulem Stroh, ein stickiger Bach, dann wieder Mangohaine und Gewürznelkenbaumplantagen. (S. 131) Von letzteren lebt die Insel übrigens hauptsächlich.
Man schlendert über einen Markt, auf dem bunte exotische Fische angeboten werden (S. 220). Es ist laut. Nachts wird auf den Dächern gefeiert, unter Trommelklang und den melodischen Rufen der Kokosnussverkäufer (S. 234).

Alle kommen im „Haus der Schatten“ an. Das ist das Domizil von Tyson Frost. 75 Jahre zuvor lieh der Sultan das Haus für 150 Jahre an Tysons Großvater, einen skrupellosen Geschäftemacher. Der wiederum schrieb ein Buch, Titel „Haus der Schatten“. Dessen Originalmanuskript soll Millionen wert sein.

Dann beginnt ein gesittetes gegenseitige Verdächtigen aller Anwesenden. Nicht nur Lash könnte der Mörder sein, er hatte stets Zugang zu Danys Garderobe. Andere kommen ebenfalls in Frage. Und so sitzt man abends im Salon und erzählt sich gegenseitig, dass man wenig von den anderen weiß.

Dany geht zu Bett. Draußen schreit ein Ziegenmelker (das ist ein Vogel). Immer wieder. Dazwischen hört Dany ein unregelmäßiges Kratzen und Wischen, dann wieder den Ziegenmelker (es gibt wohl keine anderen Vögel auf Zanzibar). Nur einer der vielen Schreie, die Dany hört, stammt von einem Menschen. Mimi liegt tot auf der Treppe. Außerdem ist der versiegelte Umschlag leer.

Dann geht alles recht schnell. Nigel, Tysons Sekretär, stellt sich Dany in den Weg und will sie aus dem Fenster stoßen. Er wird jedoch mit Hilfe einer Flasche Gin außer Gefecht gesetzt. Zuvor jedoch gestand er den Mord an Honeywood. Motiv: Nigel war mit Jembas Rebellenarmee verbandelt. Im Umschlag war ein Plan, der zu einem Versteck führen sollte. Dort hat der Sultan – sagt man – einen Schatz versteckt. Mit dem Geld hätten sie die Rebellenarmee ausgebaut.

Nur der Mord an Jemba bleibt unaufgeklärt.

Bemerkungen

Positiv

Das Setup: ein Mord, und alle Verdächtigen sitzen im gleichen Langstreckenflug. Das ergibt eine schaurige Mischung aus Verdächtigungen und Zweifeln. Das Buch lebt auch von wunderbar witzigen Formulierungen (Was ist eigentlich ein „Zehn-Dollar-Schnurrbart“? – S.22). Es ist spannend: Erst Danys Angst, in ihrer Rolle als Sekretärin entdeckt zu werden. Dann ihre nächtliche Angst vor Mordanschlägen, die dem Buch eine Thriller-Note verleiht.

Negativ

Die Lösung des Falles fand ich einfallslos. Der Diener war’s. Und es war doch kein Mörder im Flugzeug. Und einer der Morde bleibt ausdrücklich unaufgeklärt. Und in einer angstvollen Atmosphäre sich gesittet gegenseitig des Mordes zu verdächtigen, ist schon sehr gekünstelt. Und das Schlimmste: der Kater Asbestos ist irgendwann nicht mehr mit von der Partie – ohne Erklärung.

Karte # 28a: Nordengland und 28b: Das Empire 1760: „Longitude“ von Dava Sobel

Heute geht es um ein Buch, das 1995 ein Überraschungs-Bestseller wurde und heute schon ein Klassiker der geographiebezogenen Literatur ist.  Das Buch „Longitude“ von Dava Sobel habe ich als btb-TB mit 230 Seiten (deutscher Titel: „Längengrad“).

  • Das Setup

1707: 5 englische Kriegsschiffe fahren nach Hause. Ein Navigationsfehler lässt sie an den Scilly-Inseln zerschellen. Das lenkt das Augenmerk der Briten auf ein Problem, das es seit Beginn der Seefahrt gibt. Man konnte nicht feststellen, auf welchem Längengrad man sich befand. Händler, Reeder und Kapitäne fordern die Ausschreibung einer Prämie für denjenigen, der eine praktikable, einfache und möglichst genaue Methode findet, den Längengrad auf See zu berechnen. Ein Gesetz wird dafür beschlossen, der „Longitude Act“. Ein Kommission wird gebildet. Der Sieger soll 20000 Pfund erhalten. Es ist das Jahr 1714.

  • Die zwei Methoden

Bis dahin versuchten sich alle führenden Astronomen an der Methode der „Monddistanzen„. Der Mond durchwandert am Himmel die Sternbilder. Mit Hilfe der Abstände zu den Fixsternen konnte näherungsweise – und mit Hilfe eines sehr aufwendigen Verfahrens – die Länge festgestellt werden. Außer tagsüber oder wenn’s bewölkt war. Also nicht immer. Zur Entwicklung der Methode wurde ab 1675 am höchsten Punkt des Greenwich Park die Sternwarte gebaut. Problem: Die Berechnung ist kompliziert, und man braucht für alle wichtigen Orte Sterntabellen, die über Jahre im Voraus berechnet werden müssen.

Dann gab es noch Handwerker und Uhrmacher, die davon träumten, dass man durch den schlichten Vergleich der Uhrzeit auf dem Schiff mit der Uhrzeit des Heimathafens zum Ziel käme. Problem: Uhren gingen nicht genau (15 Minuten Abweichung pro Tag waren normal). An Land. Bei Salzluft auf schwankenden Schiffen noch viel mehr.

Keine der beiden Methoden erzielte einen entscheidenden Durchbruch.

  • Die Geschichte

1693 in Nostell Priory, West Yorkshire:  John Harrison wird geboren. Die Familie zieht bald nach Barrow am Fluss Humber. Auf der anderen Seite des Flusses liegt das Städtchen Hull. Harrison lernt Schreiner, wie sein Vater. Nebenbei baut er hin und wieder ein paar Uhren. Diese sind getischlert, also ganz ohne Metall. Den erste Höhepunkt erlebt Harrison auf dem Gut Brocklesby Park. Er baut eine Turmuhr. Harrison schreinerte die Uhr aus einem bestimmten Tropenholz, das kontinuierlich Fett abgibt. Auf diese Weise spart man es sich, die Teile regelmäßig zu ölen.

Irgendwann hat Harrison von dem Longitude Act erfahren. 1730 reist er nach London, um seine Konstruktionszeichnungen vorzustellen. Er sucht zunächst Halley auf (der mit dem Kometen). Der bringt ihn zu Graham, einem berühmten Uhrmacher. Harrison fährt mit einem zinsfreien Kredit heim.

5 Jahre später kehrt er zu Halley zurück. Im Gepäck eine Uhr, die er „H-1“ genannt hat. Halley stellt fest, dass die Uhr sehr genau geht, und dann geht’s zur Royal Society. Die Gesellschaft schickt Harrison und seine Uhr auf Seefahrt. Es geht nach Lissabon und zurück. Der Test verläuft außerordentlich erfolgreich.

Nun endlich ist es Zeit, die Uhr der Kommission vorzustellen, die über die 20000 Pfund entscheidet. Harrison macht einen entscheidenden Fehler: Er ist ein schlechter Verkäufer seiner Uhr. Ganz der Erfinder, der immer neuen Verbesserungen nachjagt, spricht er mehr über die Schwächen seiner Uhr als über die Stärken.

Harrison erhält also nicht den Preis, aber immerhin 250 Pfund Entwicklungszuschuss, damit er weiter arbeiten kann. Er zieht nach London um, baut die H-2 (Entwicklungszeit 5 Jahre) und später die H-3 (Entwicklungszeit weitere 19 Jahre). Von Zeit zu Zeit holt er sich von der Kommission 500 Pfund ab.

Das größte Problem ist, dass das Metall in den Uhren auf Temperaturen empfindlich reagiert (1 Grad Unterschied macht 15 Minuten Ungenauigkeit aus). Harrison erfindet eine Methode, wie sich die Reaktionen kompensieren. Das von ihm erfundene Objekt ist ein Streifen aus Messingblech und Stahl. Der ist unter dem Namen Bimetallstreifen bis heute im Einsatz. Außerdem entwickelte er einen neuartigen Mechanismus zur Reibungsverminderung. Auch der ist bis heute im Einsatz und heißt Kugellager.

In London lernt Harrison den Uhrmacher John Jeffreys kennen. Er baut auf Harrisons Anweisungen eine Taschenuhr. Diese wird die Grundlage für die kleinere H-4, die im Jahre 1759 fertig gestellt wird. Sie ist Harrisons Meisterwerk.

Jetzt aber betritt der Schurke der Geschichte die Bühne: Reverend Maskelyne ist Astronom und Anhänger der Methode der Monddistanzen, die er auch entwickelt. Er wird von den Astronomen in der Kommission unterstützt, die diese Methode als die überlegene sehen wollen.

Maskelyne fährt 1761 nach St. Helena, um den Venusdurchgang zu beobachten und viele Messungen durchzuführen. Derweil soll die H-4 auf ihre Seetauglichkeit getestet werden. Die Uhr fährt von Portsmouth über Madeira nach Jamaika und zurück. Der Test gelingt. Die Uhr geht über zwei Monate hinweg nur 10 Sekunden falsch. Die Längengrade werden korrekt berechnet. Die Kapitäne sind begeistert. Die H-4 hat alle Anforderungen des Longitude Act erfüllt.

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Das Preisgeld bekommt er trotzdem nicht. Maskelyne bringt auf anderen Gebieten gute Meßergebnisse aus Sankt Helena mit. Die Kommission entscheidet, das die H-4 nochmal auf Testreise gehen soll, diesmal nach Barbados. Dort wartet Maskelyne mit dem Auftrag, die Uhr zu prüfen. Doch er wird nervös und macht Rechenfehler. Die aber lastet er der Uhr an. Und schließlich verfügte Maskelyne selbst – mittlerweile Mitglied der Kommission – die Herausgabe aller Uhren an die Kommission. Immerhin bekommt Harrison jetzt das halbe Preisgeld zugewiesen.

Harrison soll als nächstes – ohne die Uhren und ohne Zeichnungen – zwei weitere Uhren bauen. Er baut die H-5. Der befreundete Uhrmacher Kendell baut im Taschenuhrformat eine weitere Uhr, er nennt sie K-1, ein exakter Zwilling der H-4.  James Cook nimmt die K-1 auf seine zweite und später auf seine dritte Reise mit. Cook ist voll des Lobes. Harrison, dem der volle Preis wieder mal vorenthalten wurde, wendet sich direkt an den König George III. Nach einigen Vorführungen der Uhr interveniert der König und Harrison bekommt den Rest des Preisgeldes zugesprochen.

1776 stirbt Harrison 83-jährig in London.

  • Wie es weiterging

In England entsteht ein neuer Industriezweig, der Bau von Schiffschronometern.  1815 gab es in England etwa 5000 dieser Uhren. Maskelyne entscheidet, dass der Bezugsmeridian zur Längengradberechnung durch Greenwich läuft. 1884 bestimmt eine Meridiankonferenz in Washington den Meridian von Greenwich zum Internationalen Nullmeridian. Harrisons Uhren – die im Brocklesby Park und die H-1 – laufen heute noch.

  • Bemerkungen

Es ist eine Geschichte so ganz nach meinem Geschmack. Ein Tischler aus der Provinz löst durch ständiges Forschen das größte Problem des Empires und gewinnt gegen alle Widerstände der honoren Gesellschaft. Die Autorin schafft es, den komplizierten Sachverhalt rund um Mathematik, Ingenieurskunst und Geographie spannend zu erzählen und dabei das Innenleben der Personen nicht außer acht zu lassen. Dieses essayistische Annähern an Sachthemen ist seltene Form der Erzählkunst. Das Buch fällt in die Rubrik: Viel gelernt und Spass gehabt.

http://en.wikipedia.org/wiki/Scilly_naval_disaster_of_1707

http://de.wikipedia.org/wiki/John_Harrison_(Uhrmacher)

Karte # 25 Nordsee und # 26 Helgoland bis Hamburg: „Under False Colours“ von Richard Woodman

Heute geht es um einen unterhaltsamen und schnell zu lesenden Historischen Roman. „Under False Colours“ von Richard Woodman ist der 10. Band einer Reihe von Romanen rund um Captain Drinkwater. Er erschien 1991. Ich habe die Übersetzung von U. Minge aus 1998 mit 238 Seiten., Titel „Unter falscher Flagge“.

  • Das Setup

1806 errichtet Frankreich die Kontinentalsperre. Auf diese Weise soll zunächst Handel mit England unterbunden werden. Spätere Verschärfungen verbieten jeden Handel mit Waren, die irgend einen Bezug zu England haben. 1807 verbünden sich Frankreich und Russland im Frieden von Tilsit. Russland tritt der Kontinentalsperre bei. Helgoland wird von England besetzt. Es dient als Umschlagplatz für Waren, die trotzdem aufs Festland geschmuggelt werden sollen und als Stützpunkt für jede Menge Geheimoperationen.

Der Roman spielt im Winter 1809 / 1810 und beginnt in London. Die Hauptfigur ist Captain Drinkwater. Er wird von Lord Dungarth protegiert, von dem er auch vertrauliche Aufträge erhält. In diesem Roman kommen dazu:

  • auf englischer Seite: Captain Littlewood auf der „Gallywasp“, Lt. Quilbury auf dem Kanonenboot „Tracker“, Captain Grisham auf der „Ocean“.
  • auf französischer Seite: Mr. Thiebaut und der „Eiserne Marshall“ Davout.
  • auf ökonomischer Seite: Mr. Solomon in London und Herr Liepmann in Hamburg. Sie handeln mit den Waren, die auf den Schiffen transportiert werden.
  • auf mysteriöser Seite: Madame Hortense Santhonax. Sie wurde von Lord Dungarth bei Carteret gerettet und nach Criel gebracht. Danach hat sie sich in den französischen Offizier Santhonax verliebt und die Seiten gewechselt. Drinkwater hat diesen Franzosen im Gefecht erschossen, wovon sie aber nichts weiß.
  • Die Geschichte

Drinkwater bekommt den Auftrag, eine Ladung Stiefel und Mäntel auf den Frachter „Gallywasp“ zu verladen. Das Schiff soll dann nach Riga fahren und die Ladung dort löschen. Gleichzeitig wird auf verschiedenen Kanälen die Information gestreut, dass Russland mit England Handel treibt und so die Kontinentalsperre unterläuft. Sinn des Ganzen: Frankreichs Vertrauen in Russland als Bündnispartner soll untergraben werden.

Die „Gallywasp“ fährt von London ab, muss vor Gravesend einem Ostindienfahrer ausweichen und beobachtet bei Tilbury einen Milan. Dann geht es nach Norden bis Orfordness. Dort vereinigen sie sich mit der „Tracker“. Ab Whitby sollen sie nach Nordosten Richtung Skagen, der nördlichsten Stadt Dänemarks, fahren. Ungünstige Winde und ein heftiger Sturm treiben die „Gallywasp“ nach Helgoland ab, die „Tracker“ geht verloren.

Auf Helgoland wird die Mannschaft zwangsweise einquartiert. Nach einigen Monaten bekommt Drinkwater einen geänderten Auftrag. Die Ostsee ist nun zugefroren. Deswegen soll die „Galliwasp“ bis Hamburg fahren und die Ladung dort verkaufen, das ganze in Begleitung des Frachters „Ocean“ unter Captain Gilham. Wegen der Kontinentalsperre werden die Schiffe mit der amerikanischen Flagge beflaggt.

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  • Das Abenteuer Hamburg

Die Schiffe fahren über Neuwerk, an Cuxhaven, Altenbruch und Otterndorf vorbei bis Brunsbüttel. Ein französischer Offizier, Thiebaut, übernimmt die Kontrolle und befiehlt die Fahrt nach Hamburg. Dort werden Drinkwater und Gilham von Thiebault als Geisel genommen. Thiebaut weiß um den Handel mit England und will weitere Schiffe abwarten, denen er Waffen und Zucker abkaufen kann.

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Im Januar 1810 ändern sich die Verhältnisse in Hamburg. Davout, der „Eiserne Marshall“ übernimmt das Regiment. Er läßt Drinkwater zum Verhör kommen, was zunächst harmlos verläuft. Dann wird Hortense vorgeführt. Sie ist nun die Geliebte Talleyrands, Drinkwater hat Angst, dass sie ihn verraten wird. Die beiden wechseln kein Wort miteinander. Als nächstes müssen Drinkwater und Gilham der Erschießung eines Zuckerschmugglers beiwohnen. Dann geht es weiter in ein Lazarett nach Altona, in dem ein spanischer Arzt arbeitet. Dort treffen sie auf Überlebende der „Tracker“ und beschließen die gemeinsame Flucht.

Der Spanier informiert Liepmann, der die Flucht unterstützt und zwei Fluchtboote stellt. In der fraglichen Nacht fliehen die Jungs der „Tracker“ aus dem Hospital. Drinkwater geht zu Liepmann und in seinem Haus trifft er – Hortense. Drinkwater ist entsetzt, denn er befürchtet immer noch, dass Hortense ihn verraten könnte. Sie aber hat andere Pläne und übereicht Drinkwater Papiere für Lord Dungarth. Drinkwater flieht am nächsten Tag unter Liepmanns Schutz. Am Ufer trifft er auf den spanischen Arzt und Lt. Quilhampton. Der Arzt musste Quilhampton kurz zuvor wundbrandbedingt einen Armstumpf weiter verkürzen. Sie nehmen sich eines von Liepmanns Booten und rudern die Elbe abwärts.

Eisschollen erschweren das ganze ebenso wie der Beschuss durch französische Soldaten. Beste Szene: Die Einschusslöcher des Fluchtbootes kann Drinkwater mit einer Hartwurst verschließen. Sie schaffen es bis Scharhörn. Dort werden sie von einen englischen Schiff entdeckt.

  • Was weiter geschah

Hortense stirbt bei dem – historisch verbürgten – Brand der habsburgischen Botschaft in Paris am 1. Juli 1810. Russland scheidet Ende 1810 aus der Kontinentalsperre aus. Frankreich antwortet mit Krieg. Manipulationen des Getreidepreises machen „Vater Goriot“ reich. Die Romanserie um Captain Drinkwater geht weiter und umfasst am Ende 14 Bände.

  • Bemerkungen

Es handelt sich um einen gradlinig geschriebenen Abenteuerroman. Dennoch ist er schwer zu lesen. Das liegt daran, dass sehr viel seemännisches Fachvokabular verwendet wird. Da streicht eine Landratte wie ich schnell mal die Segel.

Bitte schreibt mir eure Meinung zu dem neuen Kartenformat. Stepmap bietet große Vorteile bei überregionalen Karten, weil man die Karten individuell beschriften kann. In 9 von 10 Fällen ist das gut, aber es gibt Ausnahmen, wo ich auf Google-Maps zurückgreifen mag. Außerdem ist die stepmap-Karte fixiert. Bei Google kann man auf „view larger map“ klicken und so mit der Karte spielen. Bei Stadtplankarten von Stepmap kann man leider den einmal gewählten Bildausschnitt nicht mehr ändern. Deswegen entscheide ich von Fall zu fall, wo ich die Karte erstelle.

Karte # 17: Greenwich Underground, „Dead of Summer“ von Camilla Way

Den Roman „Schwarzer Sommer“ entdeckte ich aufgrund des Verlagstextes auf der Rückseite. „Streifzüge entlang der Themse durch verrottende Industriegebiete…“ heißt es da. Das Buch wurde 2007 mit dem Titel „Dead of Summer“ veröffentlicht, meine deutsche Ausgabe ist ein Rohwolt TB aus dem Jahr 2008. Auf 204 Seiten entfaltet die Autorin einen eigenwilligen Psychothriller um eine Gruppe 13-jähriger Jugendlicher. Die Handlung spielt im quälend heißen Sommer des Jahres 1986.

  • Das Setup

Hauptfiguren sind die Halbwaise Anita Naidoo, der Nachbarsjunge Kyle Kite, mit dem sie eine ambivalente Freundschaft verbindet. Diese wird manchmal durch Kyles Anwandlungen von Eiseskälte auf die Probe gestellt. Und schließlich Denis, ein stiller, schüchterner und mutloser Junge, der zulässt, dass Kyle mit ihm anstellt, was er möchte. Zum Zeitpunkt der Erzählung ist Anita 20, lebt in Bristol und ist seit wenigen Wochen mit einem jungen Mann zusammen. Sie hat Angst vor Berührungen, und hat deswegen einen Psychiater aufgesucht. Ihm erzählt sie die Geschichte, die sich 7 Jahre zuvor – also 1986 – in London abgespielt hat. Die Londoner Schauplätze der Handlung haben mich von Beginn an fasziniert.

  • Die Höhlen

Die Geschichte entführt in eine wenig bekannte Welt Greenwichs. Greenwich ist von einem System von aufgelassenen Kalk- und Sandminen durchzogen. Es sind die Höhlen und still gelegten Minen unter dem Greenwich Park und unter Blackheath. Ihr Ursprung ist unbekannt. Wahrscheinlich stammen sie vom Kalkabbau im 16. Jahrhundert, der teilweise auch illegal betrieben wurde. Während des Weltkrieges hat man kurzzeitig versucht, einige als Luftschutzkeller zu reaktivieren. Heute sind die meisten Höhlen vergessen, Spuren sind nicht mehr sichtbar, und zugänglich ist keine einzige. Die bekannteste ist die Jack Cade’s Cavern im Bereich von Greenwich Park und Blackheath.

Der Antagonist des Romans, der 13-jährige Junge Kyle Kite, beschäftigt sich viel mit den Höhlen. Er hat alte Bücher darüber ausgeliehen und nie zurück gegeben. Er kreuzte vermutete Höhlen auf einer selbst gestalteten Karte an. Und er ist oft, manchmal auch nachts unterwegs, um neue Höhlen zu finden. Um Höhlen zu erkunden, klettern die Jugendlichen auch mal gerne über Zäune auf verlassene Schrottplätze.

  • Die Themse

Die Freunde Anita, Kyle und Denis treffen sich oft „am Fluss“. Meist gehen sie ans Ufer in der Nähe des Greenwich Park. Dort liegt das Museumsschiff „Cutty Sark“. Von hier aus sehen sie auf die Themse. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt die Isle of Dogs. Zur rechten kann man die Naval College Gardens sehen. Wendet man sich nach links, dann stößt man auf die Mündung des Flüsschens Quaggy. Hier sitzen die Kids oft und rauchen, trinken und erzählen. Die Gegend ist geprägt von verlassenen Firmengeländen. Zwischen stllgelegten Lagerhäusern verdorrt das Gras in der Sonne. Eine verlassene Werft, auf deren Stahlträgern man in der Sonne sitzen kann. Scheppernde Geräusche kommen aus den Schrottlagern, die noch in Betrieb sind. An der Themse entlang führt ein Gehweg bis rüber nach Greenwich, ein Eisengeländer gibt Halt. Wenn Ebbe ist, kann man aber auch auf dem schmalen Schlickstreifen weiter laufen, der sich dann bildet.

Einmal werden sie von einem Jungen, Mike, verfolgt und retten sich gerade noch in den Greenwich Foot Tunnel. Der Tunnel stellt an dieser Stelle die einzige Verbindung zur anderen Seite der Themse dar. Dort drinnen ist es zwanzig Grad kühler als oben, Wasser tropft von der Decke, jeder Laut hallt von den Kacheln wider.

  • Greenwich

Die belebteren Teile Greenwichs verdienen das Attribut kaum. Kleine Siedlungen schwarzer Backsteinhäuser, kleine Eckkneipen mit einsamen alten Männern drin. Leer stehende Geschäfte, mit Eisengittern verschlossen, alte Schwarzweißfotos in einem längst geschlossenen Frisiersalon. Orangefarbene Straßenlampen glühen die Straßen aus. Nichts ist gewöhnlich hier, außer dem Verlassenen und dem Zerrissenen.

  • Vanbrugh Castle und das Ende der Geschichte

Anita fand zufällig, und von Kyle unbemerkt, eine lange vermutete Sandhöhle in der Nähe des Flusses. Sie geht 40 oder mehr Stufen ins Erdreich, die Wände der Höhle sind mit Fratzen bemalt. Hier wird es am Ende der Geschichte zum „Showdown “ kommen. Dieses Ende der Geschichte beginnt in einem Schwimmbad in Greenwich. Anita möchte anschließend zu dem Schloß Vanbrugh Castle gehen. Es liegt an der Ostseite des Greenwich Park. Kyle lehnt ab. Auf dem Heimweg durch die Gassen der heruntergekommenen Straßenzüge wird sie von Mike fast vergewaltigt. Kyle kommt dazu und rettet Anita, indem er Mike mit dem Messer verletzt. Kyle geht dann nachts um drei mit Anita zum Vanbrugh Castle, wo er auch eine kleine Höhle kennt. Dort setzte er sich auf den Boden und weint in Erinnerung an seine Schwester, die vor Jahren verschwand. Anita lässt ihn alleine und setzt sich auf den Point Hill. Von dort aus beobachtet sie das nächtliche London.

Anita trifft sich mit Mike, um sich an ihm zu rächen. Sie gehen in die erwähnte kleine Sandgrube am Fluss. Dort eskaliert die Situation. Am Ende gibt es drei Leichen (Mike, Denis und Kyle – das weiß der Leser schon zu Beginn), eine Täterin (Anita), aber 3 sehr unterschiedliche Motive (Rache, Zeugenbeseitigung und Enttäuschung)

  • Bemerkungen

Was die Schauplätze und ihre Einbindung in die Handlung betrifft, gehört es zum Besten, was ich hier besprochen habe. Der Roman bietet einen interessanten Einblick in die unterirdische Welt von Greenwich. Es ist durch die Seelenlage der Hauptpersonen und die Schilderungen offener Grausamkeit ein schweres Buch. Außerdem kommen viele subtile Grausamkeiten zur Sprache. Zum Beispiel, als die Kinder ihre Verachtung gegenüber einem Penner zum Ausdruck bringen, oder auch wie sie untereinander die Machtverhältnisse klären. Besonders bei Kyle werden diese Dinge intensiv beschrieben. Das Buch ist auf jeden Fall sehr spannend bis zum turbulenten und überraschenden Schluss.

http://www.thegreenwichphantom.co.uk/2007/05/underground-greenwich-3-jack-cades-cavern/

http://de.wikipedia.org/wiki/Cutty_Sark

http://de.wikipedia.org/wiki/Greenwich-Fußgängertunnel

http://en.wikipedia.org/wiki/Vanbrugh_Castle

Karte # 8: Londoner Maulbeerbäume, Beirut und ein Strand in Madrid

Zeit für ein wenig Musik. Ich habe in den Kisten eine LP gefunden, die aus der Sicht des geographisch interessierten Hörers spannend ist: „Update“ von Peter Sarstedt ist eine Art „Best of“. Naja, falls es bei diesem Künstler so etwas Sinn ergibt, denn soweit ich mich erinnere, zählt er zu den „One-Hit-Wonders“. „Update“ erschien nie als CD, obwohl die Lieder in anderen Zusammenstellungen häufig veröffentlicht wurden. Die Vorderseite des Covers zeigt den Sänger in rotes Licht getaucht mit Gitarre vor einem Mikrophon stehend. Die Platte ist mit ca. 46 Minuten Spielzeit ihren Preis Wert. Auf dem Cover befindet sich noch ein alter Aufkleber mit selbigem, und er betrug 14,90 Mark.

  • Paris – Juan-les-Pins – St. Moritz

Die Hinterhöfe von Neapel irgendwann in der Vergangenheit. Der Ich-Erzähler und ein Mädchen namens Marie-Claire spielen auf den Straßen. Sie verlieren sich aus den Augen. Jahre später spricht er sie wieder an. Ob aus der Ferne oder aus der Nähe weiß man nicht. Beide sind also erwachsen, so zwischen „zwanzig und dreißig, ein sehr begehrenswertes Alter“. Aus dem Mädchen Marie-Claire wurde eine gesellschaftlich anerkannte Frau, die den Glamour liebt. Sie wohnt in Paris am Boulevard Saint-Michel. Im Sommer zieht es sie nach Juan-Les-Pins, um sich einen gleichmäßigen Teint anzubräunen. Wenn Schnee fällt, dann geht es nach St. Moritz, mit all den anderen aus dem Jet-Set, um Napoleon Brandy zu schlürfen. Aber sie ist dabei, ihre Seele zu verlieren. Er beobachtet die Frau aus der Ferne, ein wenig sehnsüchtig, ein wenig Neid, aber auch viel Mitleid schwingen mit. Beide werden wohl nichts mehr gemeinsam unternehmen. Der Song ist Peter Sarstedts berühmtester: „Where Do You Go To My Lovely“.

  • Madrid

Das nächste Stück spielt in Madrid. „Frozen Orange Juice“ ist ein fröhliches Lied über die reine Freude, lachend durch einen Sommertag zu tanzen und zu spazieren. Und dabei eben das Getränk aus dem Titel zu geniessen. Doch fällt auf, dass sie an den Strand gehen. In Madrid? Oder gibt es einen Stadtstrand des Ebro in Madrid? Jedenfalls ist das Lied optimistisch und schön anzuhören.

  • Londoner Maulbeerbäume und der Berkeley Square

Kein Scherz: Ein Musikstück über Londoner Maulbeerbäume: „Mulberry Dawn“. Hier werden Parties gefeiert, in der Nähe des Berkeley Square. Es muss wohl lustig gewesen sein, John Lennon war auch da. Sowas erzählt „man“ zwar nicht (das ist die unmaßgebliche Meinung des Blog-Autors), aber wenn man es mitgenommen hat, dann kann man ja ein Lied drüber machen (das war wohl die Meinung des Song-Autors). Jedenfalls kam erst die Liebe und dann der Morgen unter Maulbeerbäumen. Was den geographisch interessierten Hörer zu Webseiten führt, die Londoner Bäume lokalisieren.

http://mulberrytrees.co.uk/locations/

http://www.londontrees.co.uk/mulberry.html

„Mulberry Dawn“ ist einer der Pop-Songs, die meine Meinung bestätigen, dass britische Musik im Prinzip aus Heimatliedern besteht.

  • Der Rest der A-Seite

Der Rest der A Seite ist für diesen Blog Off-Topic. „I Am A Cathedral“ ist ein Stück über mystische Erfahrungen. „Mellowed Out“ ist rhythmischer als die anderen auf der Platte, klingt aber wie schonmal gehört. „English Girls“ ist dann wieder heimatverbunden. Englische Frauen zeigen ihre Gefühle nicht. Und kommen aus einfachen Verhältnissen und „entwickeln“ sich nach oben.

  • Pause. Platte umdrehen. 

Es gibt Creme de Menthe. Das Getränk darf auf der B-Seite für eine Metapher herhalten. Lichter grüner Ampeln glitzern auf der nassen Straße wie ausgeschüttete Creme de Menthe.

  • Nochmal Paris

Ein Song über jemanden, der sein Leben lang die Liebe suchen wird: Mit „Boulevard“ wenden wir uns noch einmal dem Boulevard Saint Michel zu. Ein Straßenmusikant von Cafe zu Cafe und singt traurige Lieder. Das Boulevard kennt mich und meine Sorgen, und irgendwann finde ich mein Leben.

  • Der Rest der B-Seite

„Eternal Days“ wurde für einen Film über Grönland geschrieben. „Take Off Your clothes“ ist ort- und zeitfrei, und es ist – Überraschung! – voller Ironie und richtig „rock’n’Rollig“. Ein Junge will mit dollen Sprüchen imponieren („Main Daddy ist der Papst, und ich will nur..“) und hat Erfolg. Die Mischung aus ironisch und direkt ist einfach das, was den typisch englischen Humor ausmacht. „Tall Tree“ ist ein allegorisches Stück, der große Baum wird wieder blühen, so wie früher und so wie das Leben auch wieder besser wird. Unoriginell. Im Covertext heißt es, dass die Melodie monoton bleibt, um ein Gefühl der Endlosigkeit zu vermitteln. So kann man es auch sagen. Mit „Southern Belle“, einem Liebeslied will man die Platte ausklingen lassen, und dann das:

  • Beirut

Auf jeden Fall ein Höhepunkt der Platte. „Beirut“ aus dem Jahr 1978 führt den Hörer in die vom Bürgerkrieg zerrissene Stadt. Ohne zu Moralisieren erzählt Sarstedt eine Geschichte, die gleichzeitig zu einer Momentaufnahme Beiruts wird. Sicher, die Geschichte, die das Lied erzählt, ist komplex. Die Form ist zu einfach gewählt. So etwas wie ein „Long Song“ wäre einfach geeigneter. Die Frau, die Verletzung, der Bürgerkrieg als Kulisse, all das sind keine üblichen Themen für 3:45 Min.

Der Ich-Erzähler bezeichnet sich als „Anti-Held“. Kein Wunder, denn er zerfließt vor Selbstmitleid. Gerade eben hat er im Casino 50 Riesen verloren. Er baut sich wieder auf, indem er eine wunderschöne Frau betrachtet, die vor dem Casino steht. Plötzlich wird geschossen, der Erzähler wird am Arm getroffen, dann in einen weißen Mercedes gestoßen, die Frau verbindet seine Schusswunde. Sie ist – Überraschung – arm geboren und irgendwie reich geworden. Unnahbar. Aber trotzdem ganz nett.

Zusammenfassung: Grundmotiv sind reich gewordene Frauen aus armen Verhältnissen. Und es ist eine nette Reise durch die Welt. Frage: Gibt es in Madrid tatsächlich einen Strand?

Karte # 7: Köln um 1300. Mit und ohne Bier

Ecce Colonia.

 

  • Das Setup

Im vorigen Beitrag hat Niklas das Brauerhandwerk gelernt und zog über mehrere Stationen nach Bitburg. Dort erlangte er Bürgerrechte. Mit all diesen Erfahrungen erfüllt er sich nun seinen Traum, sich in Köln als Brauer nieder zu lassen. Von den Erlebnissen in Köln und danach handelt dieser Beitrag, quasi als Fortsetzung des Beitrags von letzter Woche.

  • Die Geschichte

Niklas findet schnell ein Haus für seine Braustube. In Köln werden meist Kräuterbiere gebraut. Auch besondere Spezialitäten wie Honigbiere. Hopfenbiere sind unbekannt. Also läßt sich Niklas den Hopfen aus der Gegend von Bitburg (siehe Teil 1) kommen. Als nächstes will er Albertus Magnus besuchen, der ist aber schon zwei Jahre zuvor gestorben. Mit Bierspenden erkauft sich Niklas die Erlaubnis, den Kräutergarten von Albertus Magnus pflegen zu dürfen. Dort experimentiert er mit Hopfenpfanzen. Die Ergebnisse kann er dann in Holsthum umsetzen.

Er freundet sich mit dem Buchhändler Rosenzweig an, dessen Söhne in seiner Brauerei aushelfen. Bei einer Feuersbrunst im Judenviertel sterben Herr und Frau Rosenzweig. Niklas nimmt sich der beiden Söhne an.

Auf seiten der Kölner Bürger nimmt Niklas – gemeinsam mit den anderen Brauern der Stadt – an der Schlacht von Worringen teil, am 5. Juni 1288.

Bereits im Jahr zuvor starb ein Papst – Honorius IV. Das folgende Konklave war eines der längsten der Geschichte. Nach fast einem Jahr wurde ein Franziskanermönch gewählt, Nikolaus IV. Der neue Papst weiß ein gutes Bier zu schätzen. Der Kölner Erzbischof (Siegfried von Westerburg) hat von dieser Vorliebe erfahren. Um sich mit dem Papst zukünftig gut zu stellen, möchte Siegfried ihm das beste Bier Kölns schicken. Er entscheidet sich für Niklas‘ Bier. Der Papst ist so begeistert, dass er Niklas einlädt, im Vatikan zu brauen. Niklas lehnt ab, sendet jedoch regelmäßig Bier nach Rom. Im Sommer 1291 bekommt der Papst Durchfall. Niklas wird beschuldigt, schlechtes Bier geliefert zu haben. In einem Prozess vor einem Schöffengericht der Stadt wird er von diesem Vorwurf freigesprochen. Man entscheidet, dass das Bier auf der sechswöchigen Reise im Sommer unterwegs verdorben ist.

Im April 1292 stirbt Papst Nikolaus IV. Bier hat damit nichts zu tun.

Der erste Weihwasserautomat wird erfunden. Nach dessen Vorbild lässt sich Niklas einen Bierautomaten anfertigen. Schnell entsteht der Vorwurf, dass der Automat Trunkenheit fördere und auch den Verkauf von Alkohol an  Kinder zulassen würde. Also wird der Automat wieder abgeschafft.

Niklas hat sich nun unter den Kölner Brauern etabliert und versorgt die Dombaustelle mit Bier. Die Freundschaft mit dem Dombaumeister nutzt er für Werbezwecke. Er vereinbart, dass er auf dem Altargemälde als Apostel Thomas erscheint. Seinen Konkurrenten Bodo läßt er als Teufel malen. Ein Jahr später – es ist 1307 – geht das Altargemälde in Flammen auf. Bei Bodo gibt es tagelang Freibier.

Niklas‘ Tochter Agnes Maria erkrankt an Blattern. Sie überlebt zwar, ist jedoch teils gelähmt und verbringt den Rest ihres Lebens im Kloster Ebstorf. Niklas besucht sie mehrmals, und eines Tages reist er weiter nach Lübeck.

  • Pause

Zur Pause gibt es heute einen malzig schmeckenden irischen Whiskey aus Niklas‘ nun folgender Reise.

  • Weiter

In Lübeck, der Hauptstadt der Hanse, lernt Niklas, wie Malz aus verschiedenen Getreidesorten verschnitten wird. In Lübeck gibt es wiederum nur Kräuterbiere. Die Konkurrenz aus England ist groß, denn dort wurde ein Hopfenbier – das Ale – erfunden und wird exportiert. Niklas erhält die Erlaubnis, seine haltbaren Hopfenbiere im Namen der Hanse zu verkaufen und macht Geschäfte mit Händlern in Brügge und Antwerpen.

Nun betreibt Niklas für einige Jahre gute Geschäfte, die ihn zu einem reichen Mann machen. Im Frühjahr 1310 bricht er nach London auf, um sich mit dem dortigen Bier zu befassen und neue Geschäftsmöglichkeiten zu erkunden. Er lernt dort auch den wichtigsten Konkurrenten des Bieres kennen. Engländer destillieren aus so ziemlich allem Schnäpse. Auch aus Malz. Deswegen ist das uishe beatha, für Niklas besonders interessant.

Im Herbst 1310 fährt er zurück nach Köln. Ihm kommen beunruhigende Nachrichten entgegen, die zur traurigen Gewissheit werden: Während seiner Abwesenheit zogen Kölner Bürger brandschatzend durch das Judenviertel. Auch Niklas‘ Brauerei wurde zerstört. Der Mob ermordete die jüdischen Brauerjungen. Die Stadt Köln geht unangenehm schnell zur Tagesordnung über.

Niklas ist ein gebrochener Mann. Er zieht ins Kloster Urbrach, wo er sein Leben auf Papier – auch so eine neue Erfindung – niederschreibt und 1326 stirbt.

Dem Buch angehängt ist ein langer Epilog. Der Autor beschreibt dort den historischen Rahmen des Romans, und er wird so zu einem Nachschlagewerk.

  • Gedanken

Es ist weniger ein historischer Roman als ein Wissenschaftsroman. Die Handlung dreht sich um technischen Fortschritt. Die Produktionsmethoden von Bier werden immer weiter rationalisiert, das Bier geschmacklich verfeinert und haltbarer. Der Autor versteht es, seinen Helden an allen wichtigen Entwicklungen der Zeit teilhaben zu lassen. Der Leser nimmt an mehreren Revolutionen teil: Der Erfindung de Hopfenbieres, der Haltbarmachung des Hopfens, der Erfindung des Kühlschiffchens. Und auch wichtige gesellschaftliche und politische Ereignisse werden in die Handlung eingebunden, von der Entstehung eines Festes zu Beginn der Fastenzeit bis hin zu Kaiserkrönungen, wenn ein Tross mal kurz auf ein paar Fässer Bier vorbeischaut.

Das alles geschieht unspektakulär und wie zufällig. Daraus zieht der Roman seine Spannung. Der Aufbau des Buches, erst die Technik des Bierbrauens, danach die gesellschaftlichen Entwicklungen der Epoche einzubinden, sind für den Leser plausibel. Das Erscheinen des bösen Inquisitors erscheint jedoch aufgesetzt, und auch die Familiengeschichte ist für die Handlung nicht wichtig. Aber gerade das macht den Roman erfrischend anders.

Hier nochmal die Umgebungskarte.

Die Schlacht von Worringen

Siegfried von Westerburg

und nochwas zur Industriellen revolution des Mittelalters