Lissabon 1506 – „Der Kabbalist von Lissabon“ von Richard Zimler

Das heutige Buch ist ein Historischer Roman. Das Buch „Der Kabbalist von Lissabon“ des amerikanisch-portugiesischen Autors Richard Zimler erschien 1996 auf Portugiesisch und Englisch (in beiden Sprachen vom Autor verfasst), 1999 auf Deutsch. Das rororo-TB hat 429 Seiten und ein Glossar. Die Handlung beruht auf einem tatsächlich in Konstantinopel gefundenen zeitgenössischen Manuskript. Sie basiert also im Kern auf Tatsachen.

Die Geschichte führt uns ins Lissabon des Jahres 1506. Zehn Jahre zuvor hatte König Manuel auf Druck Spaniens die portugiesischen Juden zur Konversion gezwungen. Sie sind nun „Neuchristen“. Einige von ihnen praktizieren ihren Glauben in geheimen kabbalistischen Zirkeln weiter.

  • Lissabon 1506 und seine Stadttore

Wie nähert man sich dem mittelalterlichen Lissabon, das zudem nach dem Erdbeben 1755 komplett umgestaltet wurde? Eine Möglichkeit: Kirchen. Eine andere, ungewöhnliche: Stadttore. Der Protagonist geht ständig aus der Stadt raus und wieder rein. Dabei muss er sich mit den Besatzungen der Stadttore auseinander setzen. So kommt bei der Lektüre eine Liste der Tore des alten Lissabon zustande. Das sind im Uhrzeigersinn von Westen nach Osten:

  1. Porta Santa Catarina (Richtung Belem)
  2. Porta Sant’Ana
  3. Maurentor
  4. Porta Do Sao Lorenzo
  5. Porta de Sao Vincente
  6. Porta das Monges nach Osten
  7. Porta Santa Cruz ebenfalls Osten Richtung Santa Iria
  8. und Porta do Chafariz dos Cavalos vom Fluss her kommend.

Die Schilderung der vielen Stadttore zeigt, dass der Held des Buches ganz ordentlich unterwegs ist, übrigens ausschließlich zu Fuß, von einer Bootsfahrt abgesehen.

  • Worum geht es?

Der Held ist Zarco Berekia, lebt mittlerweile (1522) in Konstantinopel und erzählt im Rückblick seine Geschichte und die seines Onkels Abraham. Die beiden gehören zu den besagten Neuchristen.

Berekia ist Obsthändler, sein Laden liegt in der Alfama an der Rua Sao Pedro, Ecke Rua da Sinagoga. Abraham stellt in seinem Keller wertvolle – und verbotene – Bücher her.

Seit 11 Monaten hat es nicht mehr geregnet. Die Pest fordert viele Todesopfer. Friedhöfe reichen nicht mehr aus, Wölfe ernähren sich von den Leichen. Die allgemeine Stimmung in der Stadt ist gereizt.

Ein Bekannter, der Drucker Diego, rettet sich verwundet zu Berekia. Schnell wird er ins neue Krankenhaus in der Nähe des Rossio gebracht. Wenige Tage später findet Berekia seinen Onkel im Keller seines Hauses ermordet, neben ihm die Leiche einer unbekannten jungen Frau. Die Truhen des Onkels sind durchwühlt. Ein wertvolles Buch fehlt. Schnell ist klar: Die Identität des Mädchens und der Verbleib des Buches sind die Schlüssel zur Aufklärung des Doppelmordes. Außerdem findet Berekia Hinweise dafür, dass der Mörder ein Bekannter seines Onkels sein müsste, möglicherweise einer aus dem kabbalistischen Zirkel.

Berekia erstellt eine Liste der möglichen Verdächtigen. Dabei hilft ihm Farid, Moslem und Freund aus Kindheitstagen. Farid ist von Geburt an stumm und selbst auf der Suche nach seinem verschollenen Vater. Farid versorgt Berekia mit unverdächtiger Kleidung,

  • Von der Alfama bis zum Rossio

Auf dem Weg zu dem ersten Verdächtigen, dem Schneider Salomon, begegnen Berekia ein paar hundert Bauern mit geschulterten Sensen. Sie laufen die Rua da Sinagoga hinunter zum Fluss. Berekia biegt in die Rua de Sao Pedro und sieht Rauch am westlichen Himmel über dem Zentrum der Stadt. Vor der Kathedrale kommen ihm schreiende Frauen entgegen. Er biegt in die Rua dos Duradores ein, von dort in die Rua Nova del Rei (das ist die heutige Rua de Comercio). Ein Nachbar sagt, Dominikaner haben Salomon abgeholt. Dann sieht Berekia, wie immer mehr Rauch über dem Rossio aufsteigt.

Der Rauch kommt von den Scheiterhaufen. Ein lynchender Mob tobt in den Straßen der Stadt, zerrt alle Neuchristen, deren er habhaft werden kann, auf die Scheiterhaufen. Die Scheiterhaufen brennen drei Tage lang. Tagsüber versteckt sich Berekia außerhalb der Stadttore, einmal in Santa Iria, einmal am Mandelhof, zwei Meilen östlich der Stadt, wo auch der jüdische Friedhof liegt.

  • Belem und Benfica

Berekia findet die Identität des Mädchens heraus, sie ist aus Belem, die Spur führt aber ins Leere. Dann trifft er einen gewissen Dom Miguel, der seine Reitställe in Benfica hat. Er besucht ihn dort, jenseits der Kalksteinbrüche von Campolide mit ihren vielen Sklavenarbeitern.

Zwischenergebnis der Ermittlungen: Der ermordete Onkel schmuggelte wertvolle Bücher nach Spanien. Sein bisheriger Schmuggelkurier hat ihn betrogen. Der könnte der Mörder sein. Aber wer war dieser letzte Kurier?

Im Estaus-Palast – der Adelsabsteige der Stadt – residiert ein gewisser Graf von Almeira, der anscheinend alte Handschriften kauft wie auch verkauft. Berekia und Farid suchen ihn auf. Von dort gibt es eine weitere Spur, eine Frau, die alle Esther nennen. Berekia und Farid finden sie. Sie offenbart, die Bücherschmugglerin zu sein und erzählt: Diego hat sie erpresst, die Bücher herauszurücken, um als Gegenleistung ihre jüdische Herkunft zu verschweigen. Sie versuchte, Diego zu ermorden (siehe den Romananfang oben). Aber den Onkel Abraham, den hat sie nicht ermordet.

Diego schließlich gesteht den Mord an Onkel Abraham und der jungen Frau. Motiv: Diego hatte in Spanien Neuchristen an die Inquisition verraten und dafür Geld kassiert. Die Neuchristen kauften sich dann von der Inquisition wieder frei. Onkel Abraham wußte davon. Als sie sich in Lissabon wieder begegneten, ermordete Diego Onkel Abraham, um seine Verbrechen in Spanien zu vertuschen. Diego wiederum fällt nach dem Geständnis einem von Berekia und Esther eingefädelten Attentat zum Opfer.

  • Bemerkungen

Der Autor neigt zu drastischen Schilderungen der Grausamkeiten. Andererseits erzählt er die Beziehung zwischen Berekia und Farid sehr sensibel: Die beiden unterhalten sich stets in Gebärdensprache. Ihre Dialoge werden spannend und bildhaft erzählt.

Das Tempo der Handlung beeindruckt. Der Roman ist geprägt von Bewegung. Berekia lebt „eine Woche ohne Schlaf und Nahrung“, sammelt immer neue Details, setzt die Informationen immer neu zusammen, sucht weitere Leute auf, verbirgt sich aus Angst vor dem Mob, findet Misstrauen allerorten, flieht über Nacht, kommt am nächsten Morgen zurück. Jeder Weg aus der Stadt führt im nächsten Schritt wieder in die Stadt, in der sich die Lage von Stunde zu Stunde verändert.

Die Handlung ist auf die Stadt Lissabon und auf den Zeitraum von einer Woche begrenzt und damit unglaublich kompakt erzählt. Das Buch ist durchgehend spannend und schlüssig, was bei über 400 Seiten nicht der Normalfall ist. Lesenswert.

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Christopher Fielden „Ein Gläschen Port in Ehren“

Es gibt zwei Autoren mit Namen Christopher Fielden. Einer schreibt Kurzgeschichten, der andere ist als Weinautor bekannt. Von letzterem gibt es das Buch „Is this the Wine I’ve ordered?“, das sehr unironisch mit dem Titel „Der Weinbetrug“ ins Deutsche übersetzt wurde. In 13 Kapiteln erzählt Fielden Geschichten davon, dass Etikette und Inhalt nicht immer übereinstimmen. Hier schildere ich das Kapitel, das dem Portwein gewidmet ist. Laut Fielding könne man den Portwein nicht trinken, ohne seine Geschichte zu verstehen

Portwein
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StepMap Portwein


Vorauszuschicken ist, dass es schon seit Jahrhunderten englische Handelsvereinigungen in Porto, Viana und Lissabon gab. Und dass England stets dann Frieden mit Portugal hatte, wenn mit Frankreich gerade Krieg war. Letzteres ist für die Geschichte des Portweins wichtig. Diese Geschichte beginnt im Jahr 1678. Der Import französischer Weine ist gerade mal wieder verboten. (Es war die Regierungszeit von Charles II und Louis XIV. Obgleich es der Regentschaft dieser beiden Herren nicht gerade an Episoden ermangelte, habe ich die konkrete Geschichte hierzu nicht recherchieren können).

Wie in diesen Situationen üblich, weichen englische Verbraucher auf portugiesische Weine aus. Zwei junge englische Weinhändler besuchen das Kloster Lamego. Es liegt im Tal des Duoro, 90 Kilometer flussaufwärts . Sie kosten dort einen besonders delikaten, süßlichen Wein. Der Abt erklärt, dass er vor der Gärung Branntwein zusetzt. Außerdem übersteht dieser Wein die Reise nach England besser als die säurehaltigen Weine. England ist also auf den Geschmack gekommen.

  • Das 18. Jahrhundert

1703 schließlich unterzeichnen die Briten und die Portugiesen den Methuen-Vertrag, nach dem britischen Botschafter in Lissabon benannt. Es ist ein Freihandelsabkommen, mit dem der portugiesische Markt für englisches Tuch und der britische Markt für portugiesischen Wein geöffnet wird.

1730 kam man darauf (auch hier gibt’s von Fielden keine Details), den Branntwein während der Gärung beizugeben, so dass der Wein noch süßer wurde. Somit hatte man den Wein gefunden, den der englische Markt nachfragte – süß und mit hohem Alkoholgehalt. (Danke an Low aus Hinterindien für die naturwissenschaftliche Beratung)

1754 ist die Nachfrage eingebrochen, weil die Qualität der Weine immer schlechter wurde. Die Händler beschweren sich bei der Kontrollbehörde in Regua. Die Winzer geben wiederum den Händlern die Schuld. Der Streit bleibt ohne Ergebnis, bis…

…1756. Dann erlässt der Marquis des Pombal – der zugegeben nach dem Erdbeben andere Sorgen hat – einige Verordnungen, die dem Weinhandel neuen Auftrieb geben. Zunächst werden die Anbauflächen begrenzt. Dann vergibt er der Oporto-Weinhandelsgesellschaft das alleinige Recht, Weine aus dem Duoro-Tal zu exportieren. Und sie darf als einzige Gesellschaft Branntwein destillieren. Schließlich muss der Branntwein auch aus einheimischen Trauben destilliert sein. Es muss Buch geführt werden über die Erntemengen. Tierdung als Düngemittel wird verboten. Und es müssen alle Holunderbäume gefällt werden. Holunder? Damit wird der Wein üblicherweise gefärbt.

Die Maßnahmen sind erfolgreich. Ende des 18. Jahrhunderts ist Portwein der „In-Drink“ in England. Wieder treten etliche Billighändler auf dem Markt.

  • Das 19. Jahrhundert

1829 erscheint ein Buch, das die üblichen Zutaten aufzählt: Rotwein, Branntwein und Farbstoffe. Und so kippt der Text nun in eine kleine Geschichte der Weinfärberei. Neben Holundersaft beliebt ist Berry-Drye, ein Saft aus deutschen Blaubeeren.

In der Zwischenzeit experimentiert seit 1812 ein gewisser George Sandeman in Vila Nova mit Branntweinen und findet eine lang haltbare und wohlschmeckende Mixtur aus Wein und Branntwein. Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht dann ein reger Tauschhandel zwischen beiden Ländern. Portugal importiert Branntwein aus England und exportiert die doppelte Menge Port.

Danach jedoch geht der Verkauf zurück. Grund ist vor allem eine schlechte Presse. Und die Färbereien, mit Schlehendorn, mit schwarzen Kirschen, und besonders mit Blauholz (Logwood). Letzteres wird auch heute noch als Farbstoff verwendet. Allerdings hat man die Portwein-Episode aus der Geschichte des Logwood gestrichen.

Der Hin- und Her-Export von Branntwein schließlich führte 1904 zur kuriosen C14-Affäre. Der auf verschlungenen Wegen durch halb Europa transportierte portugiesische Branntwein kehrte mysteriöserweise als Industriealkohol zurück und der damit gemischte Port war einer der grandiosesten Jahrgänge. So kann es auch gehen.

Auf jeden Fall „Zum Wohl“.

Lissabon – Marseille – Genua: „Die Geschichte eines Nashorns“ von Reinhold Schneider

Reinhold Schneider (1903 bis 1958) war ein badischer Autor, der stark mit der Stadt Freiburg verbunden war. In seinen ersten Werken hat er sich intensiv mit der Geschichte Portugals und Spaniens beschäftigt. Auch die Erzählung „Die Geschichte eines Nashorns“ – entstanden 1929 – spielt in der Umgebung des portugiesischen Königshofes. Der Text ist 20 Seiten lang.

  • Der Kontext

Die kurze Erzählung beginnt am Hofe König Emanuels des Glücklichen in Lissabon. Er regierte 1495 bis 1521. 20 Jahre vor dem geschilderten Ereignissen kehrte Vasco da Gama aus Calicut in Indien zurück. Nun, 1519, regiert der portugiesische König Brasilien, schickt Gesandte nach China und konkurriert auf dem internationalen Parkett mit den folgenden Herrschaften:

  • Franz I. Er regiert in Frankreich seit 1515. Frankreich galt als der militärisch stärkste Staat Europas. Franz war in ständigem Konflikt mit den Habsburgern um die Macht in Europa.
  • Karl V von Spanien. Er wurde am 28. Juni 1519 zum König gewählt. Zur Zeit der Erzählung ist dies bereits geschehen. Emanuel und der jeweilige spanische König sind in ständigem Konflikt um die Macht über Indien, Westindien und den Rest der Welt.
  • Der Papst zu dieser Zeit war Giovanni de‘ Medici. Ein prunksüchtiger Herrscher, der in unseren Breiten durch das Stichwort Ablasshandel und den Konflikt mit Luther berüchtigt ist. Emanuel schenkte dem Medici-Papst einmal einen Elefanten für dessen Menagerie.

 

Lissabon - Genua
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StepMap Lissabon - Genua

 

  • Die Geschichte

Ein indischer Fürst schenkte Emanuel ein Ungetüm mit einem nach hinten gebogenen Horn auf dem Rüssel. Emanuel ist der erste europäische Herrscher, der ein derartiges Ungeheuer besitzt. Das Tier gilt als wild und nicht zu bändigen. Dom Francisco, eine Art Minister am Hofe, schlägt dem König vor, dieses Tier und einen Elefanten in einem Triumphzug durch Lissabon laufen zu lassen. In einer Stierkampfarena sollen die beiden dann zur Ehre des Königs furchteinflößende Kurzweil veranstalten. Am nächsten Tage führt das geschmückte Nashorn einen Festzug an. Am Ende des Zuges reiten zwei Diener auf dem Elefanten, der in der Arena auf das Nashorn treffen soll.

Stolz betrachtet Emanuel des Festzug, zu dem er auch die Gesandten der anderen Herrscher eingeladen hat. Plötzlich bleibt das Nashorn stehen und starrt vor sich hin. Nichts mehr mit Ungetüm. Die ersten Zuschauer beginnen zu Lachen. Es trottet weiter bis in die Arena. Dort starrt es den Elefanten an. Der Elefant dreht durch, rennt aus der Arena und zerstört in der Stadt viele Marktstände. Gelächter bricht aus. Der König ist blamiert.

Emanuel beschließt, dass das Nashorn ein vortreffliches Diplomatengeschenkt wäre. Es ist „prächtig und schädlich zugleich“. Es soll an den Papst nach Rom geschickt werden. Auf der Vorbeifahrt darf es in Marseille Station machen. Dort soll es Franz I. bewundern dürfen. Der darf sich darüber ärgern, dass er sowas noch nicht besitzt.

Bald geht es los. Francisco fährt mit Diener und Nashorn via Ceuta, an Ibiza und Mallorca vorbei bis Marseille. Franz ist neidisch, und um Emanuel zu ärgern bietet er für das Nashorn einen hohen Preis. Francisco lehnt ab. Auf der Weiterfahrt gerät das Schiff in einen Sturm, das Nashorn reißt sich los und fegt über das Deck. Vor Genua versinken Schiff und Nashorn im Ligurischen Meer.

Das Nashorn wird gefunden, ausgestopft und nach Rom gebracht, wo es schließlich verstaubt.

  • Bemerkungen

Die Erzählung beginnt richtig turbulent und unterhaltsam. Der König, der von der Natur in seinen Absichten gestört wird, der sich dann überlegt, wen er mit einem Geschenk ärgern kann. Das Tier, das am meisten Unruhe stiftet, wenn es nur rumsteht. Das ist Material für eine unterhaltsame Geschichte. Leider säuft mit dem Schiff auch die Story ab. Zwar lehnt sich die Handlung an eine tatsächliche Begebenheit an. Aber als Erzählung endet es zu abrupt und unmotiviert. Fontane hat ja vorgemacht, wie man aus einem historischen Rahmen erzählerisch etwas entwickeln kann. Was hätte ein herumstehendes Tier bei Hofe noch so alles anrichten können. Schade.

Die Erzählung ist im übrigen schwer zu finden. Ich habe sie einer Anthologie entnommen: Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts von Bertelsmann Lesering, so etwa aus den frühen 60ern.

Karte # 28a: Nordengland und 28b: Das Empire 1760: „Longitude“ von Dava Sobel

Heute geht es um ein Buch, das 1995 ein Überraschungs-Bestseller wurde und heute schon ein Klassiker der geographiebezogenen Literatur ist.  Das Buch „Longitude“ von Dava Sobel habe ich als btb-TB mit 230 Seiten (deutscher Titel: „Längengrad“).

  • Das Setup

1707: 5 englische Kriegsschiffe fahren nach Hause. Ein Navigationsfehler lässt sie an den Scilly-Inseln zerschellen. Das lenkt das Augenmerk der Briten auf ein Problem, das es seit Beginn der Seefahrt gibt. Man konnte nicht feststellen, auf welchem Längengrad man sich befand. Händler, Reeder und Kapitäne fordern die Ausschreibung einer Prämie für denjenigen, der eine praktikable, einfache und möglichst genaue Methode findet, den Längengrad auf See zu berechnen. Ein Gesetz wird dafür beschlossen, der „Longitude Act“. Ein Kommission wird gebildet. Der Sieger soll 20000 Pfund erhalten. Es ist das Jahr 1714.

  • Die zwei Methoden

Bis dahin versuchten sich alle führenden Astronomen an der Methode der „Monddistanzen„. Der Mond durchwandert am Himmel die Sternbilder. Mit Hilfe der Abstände zu den Fixsternen konnte näherungsweise – und mit Hilfe eines sehr aufwendigen Verfahrens – die Länge festgestellt werden. Außer tagsüber oder wenn’s bewölkt war. Also nicht immer. Zur Entwicklung der Methode wurde ab 1675 am höchsten Punkt des Greenwich Park die Sternwarte gebaut. Problem: Die Berechnung ist kompliziert, und man braucht für alle wichtigen Orte Sterntabellen, die über Jahre im Voraus berechnet werden müssen.

Dann gab es noch Handwerker und Uhrmacher, die davon träumten, dass man durch den schlichten Vergleich der Uhrzeit auf dem Schiff mit der Uhrzeit des Heimathafens zum Ziel käme. Problem: Uhren gingen nicht genau (15 Minuten Abweichung pro Tag waren normal). An Land. Bei Salzluft auf schwankenden Schiffen noch viel mehr.

Keine der beiden Methoden erzielte einen entscheidenden Durchbruch.

  • Die Geschichte

1693 in Nostell Priory, West Yorkshire:  John Harrison wird geboren. Die Familie zieht bald nach Barrow am Fluss Humber. Auf der anderen Seite des Flusses liegt das Städtchen Hull. Harrison lernt Schreiner, wie sein Vater. Nebenbei baut er hin und wieder ein paar Uhren. Diese sind getischlert, also ganz ohne Metall. Den erste Höhepunkt erlebt Harrison auf dem Gut Brocklesby Park. Er baut eine Turmuhr. Harrison schreinerte die Uhr aus einem bestimmten Tropenholz, das kontinuierlich Fett abgibt. Auf diese Weise spart man es sich, die Teile regelmäßig zu ölen.

Irgendwann hat Harrison von dem Longitude Act erfahren. 1730 reist er nach London, um seine Konstruktionszeichnungen vorzustellen. Er sucht zunächst Halley auf (der mit dem Kometen). Der bringt ihn zu Graham, einem berühmten Uhrmacher. Harrison fährt mit einem zinsfreien Kredit heim.

5 Jahre später kehrt er zu Halley zurück. Im Gepäck eine Uhr, die er „H-1“ genannt hat. Halley stellt fest, dass die Uhr sehr genau geht, und dann geht’s zur Royal Society. Die Gesellschaft schickt Harrison und seine Uhr auf Seefahrt. Es geht nach Lissabon und zurück. Der Test verläuft außerordentlich erfolgreich.

Nun endlich ist es Zeit, die Uhr der Kommission vorzustellen, die über die 20000 Pfund entscheidet. Harrison macht einen entscheidenden Fehler: Er ist ein schlechter Verkäufer seiner Uhr. Ganz der Erfinder, der immer neuen Verbesserungen nachjagt, spricht er mehr über die Schwächen seiner Uhr als über die Stärken.

Harrison erhält also nicht den Preis, aber immerhin 250 Pfund Entwicklungszuschuss, damit er weiter arbeiten kann. Er zieht nach London um, baut die H-2 (Entwicklungszeit 5 Jahre) und später die H-3 (Entwicklungszeit weitere 19 Jahre). Von Zeit zu Zeit holt er sich von der Kommission 500 Pfund ab.

Das größte Problem ist, dass das Metall in den Uhren auf Temperaturen empfindlich reagiert (1 Grad Unterschied macht 15 Minuten Ungenauigkeit aus). Harrison erfindet eine Methode, wie sich die Reaktionen kompensieren. Das von ihm erfundene Objekt ist ein Streifen aus Messingblech und Stahl. Der ist unter dem Namen Bimetallstreifen bis heute im Einsatz. Außerdem entwickelte er einen neuartigen Mechanismus zur Reibungsverminderung. Auch der ist bis heute im Einsatz und heißt Kugellager.

In London lernt Harrison den Uhrmacher John Jeffreys kennen. Er baut auf Harrisons Anweisungen eine Taschenuhr. Diese wird die Grundlage für die kleinere H-4, die im Jahre 1759 fertig gestellt wird. Sie ist Harrisons Meisterwerk.

Jetzt aber betritt der Schurke der Geschichte die Bühne: Reverend Maskelyne ist Astronom und Anhänger der Methode der Monddistanzen, die er auch entwickelt. Er wird von den Astronomen in der Kommission unterstützt, die diese Methode als die überlegene sehen wollen.

Maskelyne fährt 1761 nach St. Helena, um den Venusdurchgang zu beobachten und viele Messungen durchzuführen. Derweil soll die H-4 auf ihre Seetauglichkeit getestet werden. Die Uhr fährt von Portsmouth über Madeira nach Jamaika und zurück. Der Test gelingt. Die Uhr geht über zwei Monate hinweg nur 10 Sekunden falsch. Die Längengrade werden korrekt berechnet. Die Kapitäne sind begeistert. Die H-4 hat alle Anforderungen des Longitude Act erfüllt.

Longitude
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Das Preisgeld bekommt er trotzdem nicht. Maskelyne bringt auf anderen Gebieten gute Meßergebnisse aus Sankt Helena mit. Die Kommission entscheidet, das die H-4 nochmal auf Testreise gehen soll, diesmal nach Barbados. Dort wartet Maskelyne mit dem Auftrag, die Uhr zu prüfen. Doch er wird nervös und macht Rechenfehler. Die aber lastet er der Uhr an. Und schließlich verfügte Maskelyne selbst – mittlerweile Mitglied der Kommission – die Herausgabe aller Uhren an die Kommission. Immerhin bekommt Harrison jetzt das halbe Preisgeld zugewiesen.

Harrison soll als nächstes – ohne die Uhren und ohne Zeichnungen – zwei weitere Uhren bauen. Er baut die H-5. Der befreundete Uhrmacher Kendell baut im Taschenuhrformat eine weitere Uhr, er nennt sie K-1, ein exakter Zwilling der H-4.  James Cook nimmt die K-1 auf seine zweite und später auf seine dritte Reise mit. Cook ist voll des Lobes. Harrison, dem der volle Preis wieder mal vorenthalten wurde, wendet sich direkt an den König George III. Nach einigen Vorführungen der Uhr interveniert der König und Harrison bekommt den Rest des Preisgeldes zugesprochen.

1776 stirbt Harrison 83-jährig in London.

  • Wie es weiterging

In England entsteht ein neuer Industriezweig, der Bau von Schiffschronometern.  1815 gab es in England etwa 5000 dieser Uhren. Maskelyne entscheidet, dass der Bezugsmeridian zur Längengradberechnung durch Greenwich läuft. 1884 bestimmt eine Meridiankonferenz in Washington den Meridian von Greenwich zum Internationalen Nullmeridian. Harrisons Uhren – die im Brocklesby Park und die H-1 – laufen heute noch.

  • Bemerkungen

Es ist eine Geschichte so ganz nach meinem Geschmack. Ein Tischler aus der Provinz löst durch ständiges Forschen das größte Problem des Empires und gewinnt gegen alle Widerstände der honoren Gesellschaft. Die Autorin schafft es, den komplizierten Sachverhalt rund um Mathematik, Ingenieurskunst und Geographie spannend zu erzählen und dabei das Innenleben der Personen nicht außer acht zu lassen. Dieses essayistische Annähern an Sachthemen ist seltene Form der Erzählkunst. Das Buch fällt in die Rubrik: Viel gelernt und Spass gehabt.

http://en.wikipedia.org/wiki/Scilly_naval_disaster_of_1707

http://de.wikipedia.org/wiki/John_Harrison_(Uhrmacher)