Afrikanische Flüchtlinge in Deutschland – 2 Krimis aus 2 Jahrhunderten

Die Flucht von Menschen aus dem afrikanischen Kontinent nach Europa ist kein neues Thema. Ich stelle im folgenden zwei lesenswerte Kriminalromane vor, die das Thema zu unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten,

„Tod im Saukopftunnel“ von Manfred H. Krämer

Das Buch ist aus dem Jahr 2003. Als Heyne-TB 213 Seiten. Die Handlung spielt im Jahr 1990, wobei eine Sache aus dem Jahr 1974 ans Tageslicht kommt.

Der Saukopf ist ein Berg an der Bergstraße, durch den 1990 ein 2700 Meter langer Straßentunnel gebohrt wurde. Die Haupthandlung spielt während der Bauarbeiten. Erstmal prasselt es Leichen von der Tunneldecke (ein Bagger stieß einen Hohlraum auf, aus dem 15 Leichen rausfielen). Die alarmierten Archäologen stellen schnell fest, dass es eher ein Fall für die Kripo ist. Kurz danach wird im nahe gelegenen Ort Weinheim ein Speditionsunternehmer in seinem Haus erschossen. Seine Tochter Bertha Solomon, genannt Solo, und ihr Freund, der Hobby-Marathonläufer Lothar Zahn, machen sich auf die Suche nach möglichen Motiven für die Tat.

Aus dem Haus des Spediteurs fehlt ein Foto. Darauf sind der Ermordete und vier Freunde zu sehen, von denen drei noch leben. Aber nicht mehr lange, denn kurz darauf sind die drei auch tot: einer gefesselt mit Kopf im Backofen, einer wird den Lüftungsschacht der Tunnelbaustelle hinuntergestoßen, und der dritte verwest seit Tagen in einem Metallcontainer.

An einem der Tatorte findet Zahn den Abdruck eines Spezialschuhs für Marathonläufer. Die 15 Tunnelopfer werden als Afrikaner aus Marokko identifiziert. Und Zahn stößt auf ein Foto eines Marathonläufers aus Marokko namens Said, der genau den Schuh trägt.

Es folgen einige Ermittlungen gegen Said. Schließlich soll er festgenommen werden, kann sich der Festnahme entziehen, indem er sich zu Solo ins Auto setzt und sie mit einem Messer bedroht. Sie gibt Gas und provoziert einen Unfall. Said ist gelähmt. Dann stellt sich eine junge Frau namens Merija der Polizei. Mit der Lähmung ihres Freundes wurde ihr Leben sinnlos. Sie erzählt der Polizei die ganze Geschichte.

Sie und der Langstreckler waren befreundete Kinder in Oujda in Marokko. Die ganze Familie des Mädchens erkaufte sich die Flucht nach Deutschland. Das war 1974. Die damals seit Jahren agierende Schleuserbande nutzte die eingeschmuggelten Familien als billige Arbeitskräfte. Sie wurden in Marokko in einen Speditionscontainer mit doppelten Wänden gesperrt. In La Jonquera wird der Hänger an eine andere Zugmaschine umgekoppelt, und der Wagen fährt wieder nach Marokko. Die offizielle Ladung waren in Marokko produzierte Textilien für Nobelmarken.

Was die Geschichte von Merija betrifft, so wurde der LKW bei Tarragona gestohlen, die Familie verdurstete im Container. Merija war die einzige Überlebende. Die Leichen werden im Saukopf versteckt, wo sie durch den Tunnelbau zum Vorschein kamen.  Merija rächte den Tod ihrer Familie, indem sie die gesamte Schleuserbande umbrachte.

Bemerkungen

Actionreich, leichenreich, schwungvoll und nicht ohne Humor geschrieben. Etliche kontextferne wie-Vergleiche, die durchaus amüsieren. Die Morde werden nur deswegen völlig aufgeklärt, weil sich die Mörderin selbst stellt. Die Handlung selbst spielt ausschließlich im Odenwald. Dabei gibt es auch ein paar regionalkrimitypische touristische Rundfahrten durch die Gegend. Alles andere sind Rückblenden und Erzählungen der Akteure.

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Schnitt.

Andere Zeit. Veränderte Bedingungen der Flucht aus Afrika – im Hinblick auf Ökonomie und Infrastruktur. Alles ist internationaler geworden, die Schleuserbanden, die Ermittlungen und auch die Fluchtwege. Das bedeutet auch, dass viel mehr Leute an den Flüchtlingen verdienen.

„Afrikanischer Mond“ von Rita Maria Geitner

Das Buch erschien 2014 bei Tredition und beschreibt eine Fluchtgeschichte aus dem Jahr 2011.

Die Handlung beginnt zeitgleich in Rosenheim in Bayern und einem Dorf in Eritrea. In Rosenheim liegt eine männliche Leiche im Gebüsch, entdeckt von Hauptfigur Iphigenie Bernstein – genannt Iffi, Journalistin – und ihrem Hund Lea. Die Polizei kommt, das Personal der Handlung tritt auf: Brigitte, befreundete Kriminalkommissarin, Michael, Iffis Freund, Martin, Iffis Chef

Tage später steht der Bruder des Toten vor der Tür. Er heißt Mischa und sucht seinen Bruder Mirko. Schnell stellt sich heraus, dass der ermordete Mirko in der Nähe als Hausmeister gearbeitet hat. Kurz darauf ist auch der Bruder verschwunden, wie sich herausstellt in seine Heimat Slowenien.

Iffis Jagdinstikt als Journalistin ist geweckt, und sie fährt an die letzte bekannte Adresse von Mischa in Maribor. Der taucht immer wieder auf, ab und auf. Bald kommt heraus, dass er in der Bande mitmacht, um die Mörder seines Bruders zu finden. Iffi und Mischas Freundin Marja werden Freundinnen.

Während dessen in Eritrea: Mbutha ist Witwe, ihr Mann wurde wegen politischer Aktivitäten hingerichtet. Sie beschließt, mit ihrer Tochter Muna und ihrer Schwester Mala Eritrea zu verlassen. Mbutha hat die Gabe, durch einen Händedruck den Charakter des Menschen zu identifizieren. Diese Gabe hilft ihr bei dem was nun bevorsteht. Sie ziehen in Etappen über Port Sudan, durch Ägypten bis nach Marsah Susa, der nördlichsten Stadt Libyens. Von dort aus kaufen sie sich die Überfahrt nach Kreta. Sie müssen jede Etappe neu planen, bezahlen und sich entscheiden, wem sie vertrauen und wem besser nicht. 

Das Schiff wird von der griechischen Armee aufgebracht, sie kommen in ein Auffanglager bei Athen. Sie dürfen es nicht verlassen, erkaufen sich jedoch mit anderen zusammen die Flucht an die albanische Grenze und die anschließende Überfahrt mit dem Boot weiter bis nach Slowenien.

In Slowenien wird die Gruppe um Mbutha und Mala einheimischen Schleusern übergeben, darunter Mischa. Der gibt ihr aus gutem Willen heraus Iffis Telefonnummer. Damit bringt er Iffi in größte Gefahr. Gleichzeitig gelingt es ihm, in das Zentrum der Schleuserbande einzudringen. Es kommt zum Showdown.

(Da das Buch gerade vor kurzem erschienen ist, verschweige ich hier mal das Ende)

Bemerkungen

Spannend, das Buch lebt von der Frage, wie nahe die Schleusermafia auch schon in Iffis Bekanntenkreis vorgedrungen ist. Und die Konstruktion, Krimihandlung und die Fluchtgeschichte zeitgleich beginnen zu lassen und parallel zu erzählen, bis sich die Personen begegnen, überzeugt. Die Autorin hatte jedoch kein glückliches Händchen, als sie ihren Figuren Namen gab. Die Hälfte des Personals trägt Namen, die mit M beginnen, was nicht immer die Lesbarkeit fördert.

 

Karte # 12: 12 Mal „Am Mittelmeer“. Rafael Chirbes

Rafael Chirbes, ein spanischer Autor, in Valencia lebend, veröffentlichte „Mediterraneos“ im Jahr 1997 als Buch. Es sind Miniaturen, kurze Beschreibungen mediterraner Städte, die ursprünglich (1990 – 1996) für eine Zeitschrift verfasst wurden. Chirbes reist dem Buch „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Zeit Philipps II“ von Fernando Braudel nach. Die Texte wurden ins Deutsche übersetzt und erschienen in dem Band „Am Mittelmeer“. Die Städte werden auf 124 Seiten in der Kürze dargestellt, die ein Reisender  zwischen Ankommen und Weiterziehen erfassen kann. Jede Stadt oder Gegend lebt einen ganz speziellen Gegensatz aus. Die Überschriften der einzelnen Beiträge habe ich in die Landkarte eingefügt.

  • Los geht’s

Das Buch beginnt auf Kreta, dem „bis zur Decke lichtgefliesten Badezimmer Europas“. Es ist der Gegensatz zwischen der Antike, die ihren Reiz an die Besucher der vergangenen Jahrhunderte verschwendet hat, und dem modernen Suchenden, der keinen Eindruck festhalten kann. T-Shirts bedruckt mit 1000-jährigen Motiven sind ebenso zu sehen wie Ruinen, die sich schon zu sehr vergeudet haben.  Chirbes fährt von Chania aus zum Palast von Knossos, dann blumengesäumten Strassen weiter an den Strand. Der Autor gibt auch das Thema der Reportagen vor: Übersättigt vom vielen Umherreisen gilt es, den Augenblick zu wählen, den der Reisende von einem Ort in Erinnerung behalten wird. Das ist nicht einfach an einem Ort, dessen Ruinen nichts mehr hergeben, weil sie den Besuchern in über tausend Jahren schon alles gegeben haben.

Es geht weiter zu dem turbulenten Treiben auf dem Mercado Central in Valencia. Chirbes zitiert viel aus dem Werk von Blasco Ibanez „Arroz y Tartana“. Es herrscht „deftige Üppigkeit“, die man sich im Schatten von Reliquienschreinen nicht vorzustellen vermag.

Istanbul wird mit vielen historischen Einschüben beschrieben. Die Stadt war über Jahrtausende mal Weltmetropole und mal bedeutungslos. Heute sieht man die Paläste, Moscheen und Märkte aus allen Zeiten. Europa ist allgegenwärtig, den Asiatischen Teil sieht man mit einer Vertrautheit, die „man aus der Distanz der Bücher und Enzyklopädien geknüpft hat“.

Lyon liegt bekanntlich nicht am Mittelmeer. Aber es ist die erste Stadt des europäischen Nordens, wenn man von Süden her anreist, und die erste Stadt Südeuropas, wenn man von Norden kommt. Ein „expressionistisches Portrait des gemarterten Herzens“. Mit lautstarker Melancholie und starren Ritualen verkleidet sich die Stadt nach dem Geschmack desjenigen, der mit ihr zusammen trifft.

Es folgt ein Spaziergang durch die Museen Genuas. Deren äußere Prachtentfaltung korrespondiert mit deren Schätzen im Innern.

Venedig erlebt der Autor an einem Regentag. Die Stadt, in der alles zerfließt, wurde auf magische Weise eins mit dem Wasser. Ein fragiles Gleichgewicht zwischen Wasser und festem Weg entsteht, von dem übrigens schon Byron und Shelley fasziniert waren.

  • Pause

Zum Blick auf die Karte gibt es „nicht zu harten , nicht zu weichen Reis der Paella“ aus Denia, dazu „Wodka, mit einem Schuss Zitrone verfeinert“ aus einem russischen Lokal in Istanbul.

  • Weiter

Alexandria ist die Stadt mit zwei Häfen, dem des Mittelmeeres und dem ins Landesinnere führenden Nilhafen im Mareotis-See. (Wirklich? der See scheint nicht gerade schiffbar zu sein? – Anmerkung des Bloggers). Man sieht Reiterstandbilder, Basare, Märkte und Geschäfte. Die Stadt ist schon mehrmals gestorben.

Es folgt ein Beitrag, nicht über eine Stadt, sondern über einen ganzen Landstrich. Chirbes fährt die Ostküste Tunesiens runter von Monastir bis zur Insel Djerba. Er fährt durch trostlose Weite, in der Erde und Meer ineinander übergehen.

Denia, ein kleines Städtchen an der spanischen Mittelmeerküste, zwischen Valencia und Benidorm, ist die Heimat des Autors und so ist der Bericht voller persönlicher Reminiszenzen. Die Gegend ist „janusköpfig“ zwischen karger Ödnis und kirschbaumbewachsenen Bergterrassen. Außerdem durfte Denia ab und zu als Filmkulisse herhalten.

Der Artikel über Kairo heißt „Das Erbe der Welt“. Mir blieb unklar, weshalb. Die ganze Stadt ist ein Markt, eine riesige Auslage. Über eine Seite lang wird die Bestückung der Märkte beschrieben, mitsamt der Herkunftsregionen der Produkte. Der Reisende jedenfalls ist benommen von Keuchen der Lasttiere, die beladen sind mit allem, was die Ufer des Nils hergeben. Ansonsten ist alles in dieser Stadt grenzenlos, sie ist ein vielschichtiges Palimpsest. Der Artikel wurde 1994 geschrieben.

Schließlich geht es um Benidorm. Der Beitrag heißt „Vom Wohlfahrtsstaat“. Der Leser merkt auf. Die Überschrift lässt zur Abwechslung einen gesellschaftlichen Schwerpunkt vermuten. Tatsächlich ist Benidorm was Besonderes. Die einzige Stadt der Region, die zum Winter hin zum Leben erwacht, wenn Heerscharen von Rentnern und Rekonvaleszenten zum Überwintern vor Anker gehen. Die Kultur des Ortes ist von ihnen geprägt.

Zu guter Letzt führt der Weg nach Rom. Von der Antike über die Renaissance her kommend, lebt die Stadt bis heute von ihrer ruhenden und maßlosen Präsenz. Sie lebt also gerade nicht von dem, was sich verändert. Oder doch? Dem Autor fallen die großen Regisseure ein, und plötzlich beschreibt er eine moderne Stadt aus Fleisch und Blut, nicht aus Stein, in der die Erdtöne fröhlicheren Farben weichen.

  • Anmerkungen

Die einzelnen Berichte folgen einem Muster. Schnell entsteht der Eindruck, dass der Autor in jedem Text eine vertraute Struktur wiederholt. Das ganze Mittelmeer besteht aus Bauwerken, ganz vielen Märkten und etlichen Gegensätzen. Gegensätze zwischen alt und neu, turbulent und ruhend, riechend und lauschend. Chirbes schreibt über Alexandria: „Doch lehrt es, dass an den Ufern des Mittelmeeres die Trümmer Teil allen Überdauerns sind“. Diese Erkenntnis vermittelt das Buch für die gesamte Region. Der Autor beobachtet gut und beschreibt detailliert.

Leider verfasst Chirbes gerne endlos lange Sätze, die schwer zu lesen sind. Es ist kein Buch, um es auf die Schnelle durchzulesen. Dennoch ein gutes Begleitwerk zu aktuellen Reiseführern. Müsste ich eine Reise planen, und müsste ich mich alleine aufgrund dieses Buches entscheiden, dann wären Valencia und Lyon erste Wahl.

Karte # 3: Pompeji, Troja und Kreta: das Buch der Statuen

Es ist an der Zeit, auch „Götter, Gräber und Gelehrte“ mal weiter zu lesen. Im Buch der Treppen wurde die Wiederentdeckung Mexikos geschildert. Nun also das „Buch der Statuen“. Es geht um drei Forscher, die maßgeblich die Entdeckung des antiken Europa in Gang gebracht haben.

  • Winckelmann

Der erste ist Johann  Joachim  Winckelmann, der ab 1758 als Archivar in Rom arbeitete und dort Zugang zu einem „Museum“ in Herculaneum bekam. Er war der erste, der systematisch in der Umgebung grub und die verschüttete Stadt fand. Ebenso entdeckte er das verschüttete Pompeji. Beide Städte wurden ja bekanntlich bei dem Ausbruch im Jahr 79 verschüttet, jedoch auf unterschiedliche Weise an unterschiedlichen Tagen der mehrtägigen Katastrophe.

Winckelmann wurde 1768 in Triest von einem italienischen Bekannten ermordet. Die Motive sind nicht letztlich geklärt, Ceram vermutet Motive aus „Neigungen“.

  • Schliemann

Der zweite Entdecker ist Heinrich Schliemann. Durch diverse Geschäfte reich geworden, widmete er sich seinem Hobby, Troja zu finden. dafür lernt er Griechisch. Er tut dies schnell und als Autodidakt mit Methoden, die er bereits angewandt hat, um andere Fremdsprachen in jeweils sechs Wochen zu erlernen. Der Ort wurde damals an anderer Stelle vermutet. Schliemann aber las die alten Texte wörtlich und suchte ein Gelände, dessen topographische Beschaffenheit zuließ, dass sich die beschriebene Handlung genauso abgespielt hat wie beschrieben. Er wurde fündig und grub tatsächlich Mauern Trojas aus. Am vorletzten Tag seiner Grabungsreise findet er schließlich einen Schatz, schickt unter einem Vorwand seine Arbeiter nach Hause und birgt ihn.

Noch einmal widmet sich Schliemann den Texten Homers. Der aus Troja heimkehrende Agamemnon wird in Mykenä zum Festmahl eingeladen und dabei hinterrücks ermordet. Acht Jahre später erscheint Agamemnons Sohn Orest und rächt den Tod seines Vaters. Es ist von – Aischylos bis Sartre – ein berühmter Dramenstoff.

Die Burg von Mykenä war bekannt. Unklar war die Lage der Königsgräber. Schliemann vermutete Sie innerhalb der Burg. Er fand sie. In späterer Zeit stellte sich heraus, dass es nicht die Gräber Agamemnons waren, sondern sie waren 400 Jahre älter. Aber sie waren reich an Schätzen und Grabbeigaben. Und ein weiterer Schritt zur Entdeckung der Antike war getan.

Eine kleine Intrige findet die besondere Aufmerksamkeit des Autors. Der König von Brasilien besucht die Grabungsstätten. er steckt einem Polizisten ein Trinkgeld von 40 Franken zu. Ein Bürgermeister verleumdet den Polizisten mit der Behauptung, er habe 1000 Franken erhalten. Es entstehen lange Verhandlungen, bis Schliemann am Ende die Wiedereinsetzung des Polizisten erreicht.

Die spektakulären Funde Schliemanns wurden in seiner Heimat begeistert aufgenommen. Nun schildert Ceram den Zeitgeist, der damals herrschte, man nannte es „Gründerzeit“. Der „Reine Wissenschaftler“ grenzte sich vom Laien ab, und diese neue Spezies des „reinen Wissenschaftlers“ hat Schliemann als „Dilettanten“ verachtet.

Schließlich gräbt Schliemann noch ein weiteres mal und findet die Burg Tinys. Sie war noch vollständig erhalten, also keine Ruine und zeugte so von der Pracht und der Baukunst zur Zeit des antiken Griechenland. 1890 stirbt Schliemann in Neapel.

  • Evans

Der dritte Entdecker war der Engländer Evans, der sich Kreta vornahm. Dort findet er den Palast des Minos in Knossos. Der Palast erinnert mit seinen unzähligen Hallen, Gängen und Speichern an ein „Labyrinth“. Und er findet Vorratstanks für Olivenöl mit einem Fassungsvermögen von 75000 Litern. Und er findet Wandmalereien, darunter häufiger das Motives des „Stiertänzers“. Der minoische König sandte seinen Sohn zu den Spielen nach Olympia. Dort siegte er. Der athenische König ließ ihn aus Neid ermorden, Minos überzog Athen mit Krieg, siegreich. Athen mußte jährlich Tribut an Minos entrichten, in Form von Menschenopfern für das Ungeheuer des Minos. Bis der Sohn des athenischen Königs nach Kreta reist und den Stier umbringt.

Kreta, die Kultur des Minos, wurde zerstört, plötzlich und scheinbar ohne Grund. 1926 erlebt Evans auf Kreta ein Erdebeben. Dass ein gewaltiges Erdbeben Kreta zerstört hat, gilt heute als wahrscheinlich. Und dann sind da noch Schriftzeichen aus Knossos. 1935 erklärt Evans, dass die Entzifferung noch in den Anfängen steckt. Wenige Jahre danach erklären andere Forscher die Schrift für nicht entzifferbar. Bis die Methodik zur Entzifferung von Geheimschrift durch den Krieg einen ungeahnten Aufschwung erfuhr und auch auf das Kretische angewandt werden kann.

Winckelmann und Schliemann ist gemeinsam, dass sie von ihrer Umgebung und der wissenschaftlichen Welt angefeindet oder abgelehnt wurden. Über Evans nennt der Autor keine biographischen Details.

Wichtig ist in diesem Buch aber noch etwas: Ceram sagt, dass die Antike immer von dem Wissensstand aus der Gegenwart her interpretiert wird. Es ist unwahrscheinlich, dass die Statuen so weiß waren, wie sie uns heute präsentiert werden, das die abgebildeten Personen tatsächlich diejenigen sind, die angegeben werden. Es gab neben allem Prunk einen Alltag, der auch seine Spuren hinterließ, und der uns völlig unbekannt ist.

Mein Lob zum Buch der Treppen gilt auch für das Buch der Statuen. Sehr gut lesbar geschrieben. Auf der Basis der zu seiner Zeit bekannten Fakten entwickelt Ceram aus der Sicht der Entdecker und ohne viel Spekulation seine Geschichte, die er „Roman der Archäologie“ nennt. Mit sehr schwungvoller Sprache und anekdotischem Erzählstil bringt er dem Leser auch schwierigere Themen näher.