Karte 42: „Das Buch der Pyramiden“ von C.W. Ceram

„Götter, Gräber und Gelehrte“, den berühmten „Roman der Archäologie“ habe ich vor langer Zeit hier scheibchenweise begonnen, vorzustellen. Nach dem Buch der Treppen (Mexiko) und dem Buch der Statuen (Griechenland) fehlt noch das Buch der Pyramiden, in welchem Ceram die Wiederentdeckung des alten Ägypten schildert.

  • Die Ausgangslage

Dominique Vivant Denon ist ein Salonlöwe in Paris, dilettierender Autor und reist im diplomatischen Dienst von Louis XV durch Europa. 1777 schreibt und publiziert er  „Le Point de Lendemain“, eine erotische Erzählung, die sogar von Balzac gelobt wird. Außerdem arbeitet er als Edelsteinkonservator und Maler (hervorzuheben sind seine pornographischen Zeichnungen „Oeuvre Priapique“ von 1793). Über eine gemeinsame Bekannte, Josephine, wird Napoleon auf Denon aufmerksam. Er ist mit an Bord, als am 19. Mai 1798 Napoleons Flotte von Toulon aus nach Ägypten aufbricht.

Das Buch der Pyramiden von C.W. Ceram
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StepMap Das Buch der Pyramiden von C.W. Ceram



Weil Ägypten als Nahtstelle zwischen dem Mittelmeer und Indien strategisch wichtig ist, darf sich der Feldherr mit den Mamelucken und Lord Nelson herumschlagen. Derweil reitet Denon in der Etappe umher und zeichnet was das Zeug hält, in Sakkara, in Dendera und Theben, in Assuan und Elephantine. Teilweise sind seine Skizzen die einzigen Dokumente von später zerstörten Bauten. Und er zeichnet Hieroglyphen, ohne sie zu verstehen.

In der Zwischenzeit vernichtet Nelson Napoleons Flotte bei Abukir. Napoleon fährt ein Jahr später, im Juli 1799, ohne seine Armee zurück nach Frankreich (Monsieur übt also schonmal für den Russlandfeldzug, wo er dies tapfere Tun vervollkommnet). 1801 kapituliert die Restarmee in Alexandria vor General Abercombie. Die gesammelten archäologischen Schätze gehen an das England von George III. Darunter der Dreisprachenstein, der im Nildelta bei der Stadt Rosette gefunden wurde.

  • Das Entziffern

1790 wird in Grenoble Jean-Francois Champollion geboren, der Sohn eines Buchhändlers. 1809 (mit 19 Jahren) wird er Professor in Grenoble. Er erfährt vom Stein aus Rosette und ist davon besessen, die Hieroglyphen zu entziffern.

Jeder, der sich bis hierhin zu den Schriftzeichen geäußert hat, unterstellte, dass es sich um eine Bilderschrift handele. Champollion löst sich von diesem Gedanken und vermutet eine Art Buchstabenschrift. Schließlich gelingt ihm 1822, beginnend mit den Königsnamen, der Durchbruch. Er reist 1824 erstmals nach Ägypten, und da er nun auch die Inschriften an den Monumenten lesen kann, deckt er die Bedeutung einiger Bauten in Tell-el-Amarna und Sakkara auf.

  • Das Sammeln

Die Schrift war gefunden und entziffert. Die Arbeit des Sammelns beginnt. Und auch diese Arbeit beginnt mit einem sonderbaren Herrn. Auf einer Londoner Tingeltangel-Bühne macht Giovanni Belzoni – nach Streitereien in Italien den dortigen Gefängnissen entflohen – den „starken Mann“. Auf verschlungenen Wegen ergaunert er sich von dem britischen Generalkonsul in Ägypten Salt die Erlaubnis, archäologische Schätze zu sammeln. Die meisten liegen ohnehin an der Oberfläche der Wüste rum. Belzoni öffnet ein paar Gräber und 1818 schließlich auch die Chephren-Pyramide. Was nicht Niet- und nagelfest ist, schafft er nach London, wo er eine Ausstellung in der „Egyptian Hall“ am Piccadilly-Circus organisiert.

  • Das Ordnen

Gesammelt ist also auch, jetzt kommt die Zeit des Ordnens. Es ist mit dem Namen Richard Lepsius verbunden. Der Berliner Wissenschaftler veröffentlicht 1848 und 1849 zwei Bände zur chronologischen Geschichte Ägyptens und seiner Könige. Die moderne Ägyptologie ist geboren.

Zugleich erhält in Paris Auguste Mariette, Assistent am Louvre, den Auftrag, in Kairo Papyri zu kaufen. Er sieht, dass in Kairo überall Altertümer verkauft werden und beschließt, statt zu kaufen, zu bewahren. Er bleibt in Ägypten. Er entdeckt die Allee der Sphinx, den Friedhof der Apis-Stiere, das Grabmal des Ti und vieles mehr. 1859 gründet Mariette für seine Sammlungen das ägyptische Museum in Bulaq.

  • Das Schaben

„Schaben“ nennt einer seine Tätigkeit, der 1853 geboren wurde und in den 1880ern nach Ägypten kam. William Flinders Petrie stellte in den Bibliotheken Londons fest, dass es an grundlegenden Arbeiten auf dem Gebiet der Ägyptologie fehlte. Er schuf sie kurzerhand selbst. Dabei entdeckte er auch Naukratis, findet in der Erde von Al-Qantara jede Menge wertvoller Statuen und schließlich das Grab des Amenophet und den Eingang der Pyramide zu Hawara. Außerdem viele geplünderte Gräber. Er vermutet als erster, dass Grabräuber nicht zufällig im Laufe der Zeit auf die Schätze stießen, sondern dass es ein gut organisierter Wirtschaftszweig war.

  • Was weiter passiert

Es folgen natürlich ein Kapitel über die Grabräuber im Allgemeinen, eines über Mumien. Schließlich wird zwei Kapitel lang die Geschichte von Howard Carter und Lord Carnarvon (eigentlich George Edward Stanhope Molyneux Herbert, 5. Earl of Carnarvon) erzählt, die das Grab des Tut-Ench-Amun finden, sichern und bergen.

  • Bemerkungen

Wie schon die beiden anderen „Bücher“ innerhalb dieses Klassikers bietet Ceram dem Leser spannend erzählte Geschichte. Die unterhaltsame Schreibe macht auch kompliziertere Zusammenhänge verständlich. Wie immer wird der Wissensstand alleine auf der Basis der Erkenntnisse von Forschern und Entdeckern geschildert und ohne Spekulationen. Das fällt besonders auf, als Ceram sich dezidiert dagegen wendet, in den Pyramiden Zahlensymbolik und -mystik zu vermuten.

Lesenswert.
Die ägyptische Expedition
Tingeltangel

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Karte # 12: 12 Mal „Am Mittelmeer“. Rafael Chirbes

Rafael Chirbes, ein spanischer Autor, in Valencia lebend, veröffentlichte „Mediterraneos“ im Jahr 1997 als Buch. Es sind Miniaturen, kurze Beschreibungen mediterraner Städte, die ursprünglich (1990 – 1996) für eine Zeitschrift verfasst wurden. Chirbes reist dem Buch „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Zeit Philipps II“ von Fernando Braudel nach. Die Texte wurden ins Deutsche übersetzt und erschienen in dem Band „Am Mittelmeer“. Die Städte werden auf 124 Seiten in der Kürze dargestellt, die ein Reisender  zwischen Ankommen und Weiterziehen erfassen kann. Jede Stadt oder Gegend lebt einen ganz speziellen Gegensatz aus. Die Überschriften der einzelnen Beiträge habe ich in die Landkarte eingefügt.

  • Los geht’s

Das Buch beginnt auf Kreta, dem „bis zur Decke lichtgefliesten Badezimmer Europas“. Es ist der Gegensatz zwischen der Antike, die ihren Reiz an die Besucher der vergangenen Jahrhunderte verschwendet hat, und dem modernen Suchenden, der keinen Eindruck festhalten kann. T-Shirts bedruckt mit 1000-jährigen Motiven sind ebenso zu sehen wie Ruinen, die sich schon zu sehr vergeudet haben.  Chirbes fährt von Chania aus zum Palast von Knossos, dann blumengesäumten Strassen weiter an den Strand. Der Autor gibt auch das Thema der Reportagen vor: Übersättigt vom vielen Umherreisen gilt es, den Augenblick zu wählen, den der Reisende von einem Ort in Erinnerung behalten wird. Das ist nicht einfach an einem Ort, dessen Ruinen nichts mehr hergeben, weil sie den Besuchern in über tausend Jahren schon alles gegeben haben.

Es geht weiter zu dem turbulenten Treiben auf dem Mercado Central in Valencia. Chirbes zitiert viel aus dem Werk von Blasco Ibanez „Arroz y Tartana“. Es herrscht „deftige Üppigkeit“, die man sich im Schatten von Reliquienschreinen nicht vorzustellen vermag.

Istanbul wird mit vielen historischen Einschüben beschrieben. Die Stadt war über Jahrtausende mal Weltmetropole und mal bedeutungslos. Heute sieht man die Paläste, Moscheen und Märkte aus allen Zeiten. Europa ist allgegenwärtig, den Asiatischen Teil sieht man mit einer Vertrautheit, die „man aus der Distanz der Bücher und Enzyklopädien geknüpft hat“.

Lyon liegt bekanntlich nicht am Mittelmeer. Aber es ist die erste Stadt des europäischen Nordens, wenn man von Süden her anreist, und die erste Stadt Südeuropas, wenn man von Norden kommt. Ein „expressionistisches Portrait des gemarterten Herzens“. Mit lautstarker Melancholie und starren Ritualen verkleidet sich die Stadt nach dem Geschmack desjenigen, der mit ihr zusammen trifft.

Es folgt ein Spaziergang durch die Museen Genuas. Deren äußere Prachtentfaltung korrespondiert mit deren Schätzen im Innern.

Venedig erlebt der Autor an einem Regentag. Die Stadt, in der alles zerfließt, wurde auf magische Weise eins mit dem Wasser. Ein fragiles Gleichgewicht zwischen Wasser und festem Weg entsteht, von dem übrigens schon Byron und Shelley fasziniert waren.

  • Pause

Zum Blick auf die Karte gibt es „nicht zu harten , nicht zu weichen Reis der Paella“ aus Denia, dazu „Wodka, mit einem Schuss Zitrone verfeinert“ aus einem russischen Lokal in Istanbul.

  • Weiter

Alexandria ist die Stadt mit zwei Häfen, dem des Mittelmeeres und dem ins Landesinnere führenden Nilhafen im Mareotis-See. (Wirklich? der See scheint nicht gerade schiffbar zu sein? – Anmerkung des Bloggers). Man sieht Reiterstandbilder, Basare, Märkte und Geschäfte. Die Stadt ist schon mehrmals gestorben.

Es folgt ein Beitrag, nicht über eine Stadt, sondern über einen ganzen Landstrich. Chirbes fährt die Ostküste Tunesiens runter von Monastir bis zur Insel Djerba. Er fährt durch trostlose Weite, in der Erde und Meer ineinander übergehen.

Denia, ein kleines Städtchen an der spanischen Mittelmeerküste, zwischen Valencia und Benidorm, ist die Heimat des Autors und so ist der Bericht voller persönlicher Reminiszenzen. Die Gegend ist „janusköpfig“ zwischen karger Ödnis und kirschbaumbewachsenen Bergterrassen. Außerdem durfte Denia ab und zu als Filmkulisse herhalten.

Der Artikel über Kairo heißt „Das Erbe der Welt“. Mir blieb unklar, weshalb. Die ganze Stadt ist ein Markt, eine riesige Auslage. Über eine Seite lang wird die Bestückung der Märkte beschrieben, mitsamt der Herkunftsregionen der Produkte. Der Reisende jedenfalls ist benommen von Keuchen der Lasttiere, die beladen sind mit allem, was die Ufer des Nils hergeben. Ansonsten ist alles in dieser Stadt grenzenlos, sie ist ein vielschichtiges Palimpsest. Der Artikel wurde 1994 geschrieben.

Schließlich geht es um Benidorm. Der Beitrag heißt „Vom Wohlfahrtsstaat“. Der Leser merkt auf. Die Überschrift lässt zur Abwechslung einen gesellschaftlichen Schwerpunkt vermuten. Tatsächlich ist Benidorm was Besonderes. Die einzige Stadt der Region, die zum Winter hin zum Leben erwacht, wenn Heerscharen von Rentnern und Rekonvaleszenten zum Überwintern vor Anker gehen. Die Kultur des Ortes ist von ihnen geprägt.

Zu guter Letzt führt der Weg nach Rom. Von der Antike über die Renaissance her kommend, lebt die Stadt bis heute von ihrer ruhenden und maßlosen Präsenz. Sie lebt also gerade nicht von dem, was sich verändert. Oder doch? Dem Autor fallen die großen Regisseure ein, und plötzlich beschreibt er eine moderne Stadt aus Fleisch und Blut, nicht aus Stein, in der die Erdtöne fröhlicheren Farben weichen.

  • Anmerkungen

Die einzelnen Berichte folgen einem Muster. Schnell entsteht der Eindruck, dass der Autor in jedem Text eine vertraute Struktur wiederholt. Das ganze Mittelmeer besteht aus Bauwerken, ganz vielen Märkten und etlichen Gegensätzen. Gegensätze zwischen alt und neu, turbulent und ruhend, riechend und lauschend. Chirbes schreibt über Alexandria: „Doch lehrt es, dass an den Ufern des Mittelmeeres die Trümmer Teil allen Überdauerns sind“. Diese Erkenntnis vermittelt das Buch für die gesamte Region. Der Autor beobachtet gut und beschreibt detailliert.

Leider verfasst Chirbes gerne endlos lange Sätze, die schwer zu lesen sind. Es ist kein Buch, um es auf die Schnelle durchzulesen. Dennoch ein gutes Begleitwerk zu aktuellen Reiseführern. Müsste ich eine Reise planen, und müsste ich mich alleine aufgrund dieses Buches entscheiden, dann wären Valencia und Lyon erste Wahl.

Beirut oder: Leben im Bürgerkrieg

Dieser Beitrag ist sozusagen „Off-Topic“. Ich las entgegen meinen Gepflogenheiten ein Sachbuch, noch dazu ein aktuelles. „Abschied von 1001 Nacht“ von Ulrich Kienzle hat 350 Seiten, Zeittafeln, ein Literaturverzeichnis und Landkarten. Jedem der 16 Kapitel ist eine passende Fotografie vorangestellt. Insofern schonmal äußerlich sehr schön gemacht.

Das Buch ist Kienzles Biographie seiner Zeit als Leiter des Arabienbüros der ARD. Zum einen führte er das Büro, das zunächst in Beirut und später in Kairo angesiedelt war. Von da aus hatte er die Berichterstattung aus 23 arabischen Ländern zu organisieren und zu betreuen. Er war mit seinem Team fast ständig in diesen Ländern unterwegs und traf dort einige der geflissentlich bekannten Diktatoren. Zum anderen erfuhr er in Beirut den Bürgerkrieg am eigenen Leibe. Er muss nicht nur die tägliche Arbeit, sondern auch seinen Alltag in einer völlig unüberschaubaren Umgebung organisieren. Folglich erzählt auch das Buch in zwei Handlungssträngen, die sich immer wieder treffen, um sich neu zu entspinnen.

  • Das Setup

Ulrich Kienzle ist beim SDR angestellt. Er berichtet über regionale Ereignisse. Dabei eckt er immer wieder an (Besetzung des Rektorats der Uni HD 1968, Fischsterben im Neckar 1969). Der Chefredakteur Emil Obermann muss einmal eine Entschuldigungserklärung verlesen, die ihm vom Intendanten des SDR diktiert wurde. In einer späteren Situation kommentiert er das Verhältnis innerhalb des SDR so: „Wenn politischer Druck ausgeübt wurde, stand man als Journalist allein…. Eine schlimme Lektion im Journalismus.“

1973 wird Kienzle nach Kairo geschickt, da die ARD sonst keinen Bericht über den Jom-Kippur-Krieg bekommen hätte. Im März 1974 übernimmt er das Büro in Beirut.

  • Der Handlungsstrang Beirut

Zunächst erlebt Kienzle seinen Vorgänger Konzelmann bei seinen gestellten Reportagen. Dann arbeitet er sich in das sehr spezielle Geflecht der alltäglichen kleinen Bestechungen ein. Schließlich lernt er das politische System des Libanon kennen, soweit dies für einen Nicht-Einheimischen überhaupt möglich ist. Es herrschen drei maronitsche Familienclans, 2 drusische und einige sunnitische Clans, dazu palästinensische Flüchtlinge, deren Lager exterritoriales Gebiet waren. Jede Gruppe hatte ihre eigenen aufgerüsteten Milizen. Außerdem sind immer mal wieder Gruppen mit rein kriminellem Interesse unterwegs. Und normale Polizisten auf polierten Harleys. Die Lage spricht jedem politischen System Hohn und macht das Überleben nicht gerade einfach. Im Laufe der Zeit begegnet er allen Stammesfürsten und etlichen Milizionären, zum Teil  in lebensgefährlichen Situationen. Schließlich gibt es noch die Nachbarstaaten Syrien und Israel, die ihre eigenen Interessen im Libanon verfolgen. Besonders der Erstere. Die französische Kolonialmacht hat den Libanon nach dem Ersten Weltkrieg vom Staat Syrien abgetrennt. Syriens langfristige Strategie ist es, sich den Libanon wieder einzuverleiben.

Irgendwann im Laufe des Jahres 1975 fallen öfter mal Schüsse auf offener Straße. Das Leben wird gefährlicher. Schnell entsteht ein Bürgerkrieg. Jeder im Team muss sich fragen lassen, ob er unter den immer gefährlicheren Umständen bleiben möchte. Kienzle heuert zwei Kameramänner an, die gefährlichen Situationen gewachsen sind. Die Massaker von Katalina und Damur machen aus dem Libanon endgültig ein Kriegsgebiet. Kienzle bringt die Bilder dieses Krieges in die Wohnzimmer.

Im Sommer 1976 maschieren syrische Soldaten im Libanon ein. Syrien ist ab sofort die Ordnungsmacht im Libanon.

Ein reguläres Arbeiten ist bald unmöglich geworden und zudem immer gefährlicher. Ein Fahrer Kienzles verschwindet spurlos. Das Büro zieht nach Kairo um.

Dreimal kehrt der Autor später nach Beirut zurück, um aus dem Land zu berichten. 1982 will er einen Film über den Neuanfang des Landes drehen. Statt dessen bekommt er das Massaker von Sabra und Schatila hautnah mit. 1985 herrscht die Hisbollah. Die Infrastruktur ist zusammen gebrochen. Die Lebensfreude ist der der Stadt völlig abhanden gekommen. Und schließlich trifft er 2010 auf eine modern sanierte, boomende Stadt. Die Weine aus der Bekaa-Ebene sollen übrigens sehr gut sein.

  • Der Handlungsstrang zu anderen Ländern

In alternierenden Kapiteln stellt der Autor seine journalistischen Leistungen als Korrespondent dar. So ist Kienzle gleich mehrfach derjenige, der ein Thema exclusiv für sich gewinnen konnte.

Er ist der erste westliche Journalist, der Gaddafi zu einem persönlichen Interview trifft, nur wenige Monate, nachdem dieser sich in Libyen an die Macht geputscht hat.

Er trifft Saddam Hussein. Während eines Fernsehinterviews entlockt er dem Diktator eine verbindliche Aussage zu seinen Plänen über Kuwait, was anderen Fernsehteams zuvor nicht gelang.

Er deckt – wieder auf einen privaten Hinweis hin – die Zusammenarbeit einer maronitischen Miliz mit Israel auf.

In Kairo filmt Kienzle eine Gesprächsveranstaltung mit Sadat an der Universität in Kairo. Sie sollte eine Propagandaschau werden. Zum Erstaunen aller Teilnehmer ensteht Wortgefecht. Es ist der erste öffentliche Zusammenprall Sadats mit einem fundamentalistischen Muslimbruder. Die Szene war damals nur „unerhört“, erst später wurde sie vollends verstanden. Sadat unterschätzte die Muslimbrüder stets, was ihn auch das Leben kostete.

In Libanon filmt er als einziger den Einmarsch der Syrer. Kienzle bekam einen Tipp aus seinem Netzwerk und hat somit die Bilder des Einmarsches exklusiv.

Es folgt am Schluss ein kurzer Abstecher in die Golfregion. Der Autor schildert die Lage im rückständigen Saudi-Arabien, im modernen Dubai und im politisch eigenständig handelnden Katar. Und er gesteht, dass er vom „Arabischen Frühling“ überrascht wurde. Alte Denkmuster haben ihn gehindert, die ersten Demonstrationen richtig einzuordnen. Seine Prognose ist verhalten optimistisch: Der Nahe Osten wird vielfältiger, die Eigenheiten jeden Landes werden stärker zu Tage treten. Daher der Buchtitel.

  • ein paar Gedanken zum Buch

Die Geschichten rund um den gefährlichen Alltag in Beirut mit bizarren Augenblicken, machen das Buch unterhaltsam und spannend zugleich. Köstlich ist die Geschichte, als er seinen perforierten Wagen verkaufen möchte. Skurril auch die Geschichte der Gattin eines berufsmäßigen Diplomatenkillers. Amüsant die Auseinandersetzungen über die korrekte Verbuchung eines gemieteten Esels. Turbulent die Bilder einer rasanten Autofahrt im Mini Cooper. Dramatisch die Schilderung zweier zufälliger Begegnungen mit RAF-Terroristen. Verwirrend die Aufklärung, wie ihm der Beweis über Echtheit oder Fälschung von Antikenstatuen vor die Füße fiel. Und nochmal: Die Sache mit dem Gebrauchtwagen ist wirklich zum Schreien komisch.

Die Treffen mit den Diktatoren folgen Schemata, die immer wieder beschrieben werden. Was die tägliche Arbeit betrifft, ist das Buch ein Zeugnis, dass ein gutes Netzwerk und Beharrlichkeit zum Ziel führen. In Bezug auf den Alltag im Krieg ist es ein Zeugnis dafür, dass eine gesunde Vorsicht, Glaubwürdigkeit und ein gutes Netzwerk das Überleben sichern.

Lesenswert.