Karte 54: „Liselotte von der Pfalz“ von Gertrude Aretz

Heute wird es antiquarisch. Die Biographie „Liselotte von der Pfalz“ interessierte mich nicht nur, weil eine beliebte Figur aus meiner Heimat, der Kurpfalz, besprochen wird. Sondern auch wegen ihres Alters. Das Buch ist aus dem Jahr 1921. Autorin ist die Historikerin Gertrude Aretz, die sich in ihren Schriften der Biographien verschiedener Frauen – meist mit Frankreichbezug – angenommen hat. Wir reden über 262 Seiten und 24 Abbildungen auf Hochglanzpapier, dazu einem sehr gut gemachten Personenverzeichnis am Ende.

Liselotte

Das Buch ist chronologisch aufgebaut. Primäre Quelle sind Liselottes Briefe an ihre vertrauten Freunde in ihrer Heimat Heidelberg. Diese Briefsammlung umfasst heute noch ungefähr 7000 Briefe und ist ein wichtiges Zeitdokument.

  • Heidelberg

Heidelberg war zu dieser Zeit Residenzstadt der Kurpfalz. Der Regent war der Kurfürst (der hieß so, weil er einer der sieben Jungs war, die den deutschen Kaiser „kürten“). Die Kurpfalz war damals ein Flickenteppich von Ländereien, der sich vom Unterlauf des Neckar bis in die Westpfalz zog.

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Liselotte wurde 1652 in Heidelberg geboren. Ständige Streitereien zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter führten dazu, dass sie zur Erziehung zu Verwandten geschickt wurde. So kam sie nach Kassel, nach Hannover und für kurze Zeit nach Den Haag.

Ab 1668 – dem Friede von Aachen – fürchtete man in Deutschland den „ländergierigen“ Ludwig XIV. Die deutschen Staaten schlossen Schutzbündnisse, der Kurfürst setzte jedoch keine Hoffnung darauf und wollte sich Frankreich nähern. Die Gelegenheit kommt 1671: Der Bruder des Königs (Philipp II von Orleans) hat seine erste Frau, Henriette von England, verloren. Eine Dame aus der weit verzweigten Verwandtschaft vermittelt, und so wird Liselotte die Gemahlin Philipps. Die Heirat macht Liselotte zumindest auf dem Papier zu einer sehr mächtigen Frau, weil sie ja jetzt Schwägerin des Königs ist.

Über Strasbourg fährt Liselotte nach Reims, wo sie der Form halber zum Katholizismus konvertieren muss. Danach verbringen die Neuvermählten einige Tage in Villers-Cateret, bevor sie nach Saint-Cloud ziehen. Regelmäßig verbringen sie auch Zeit in Philipps Stadtschloß, dem Palais Royale in Paris.

  • Paris

Liselotte ist in dem verschnöselten Paris wegen ihrer einfachen Art sehr beliebt. Sie verabscheut die „Debaucherien“ (Ausschweifungen), sie verabscheut Schminke und Sonnenmasken (trugen die Damen damals, um ihren Teint zu schützen). Sie mag das Essen nicht, mit all den „Pastetchen, Konfitürchen, Entrements und Ragouts“, und schnell vermisst sie Sauerkraut, Pfälzer Würste und Specksalat. Außerdem verabscheut die den französischen Adel im Allgemeinen, da die Herzöge vom König gemacht wurden und nicht wie in Deutschland, eine lange Tradition vorweisen.

Insgesamt gibt sie sich unangepasst, spricht direkt und undiplomatisch. Besonders der König schätzt sie deswegen. So verbringt sie manchmal mehr Zeit mit ihm als mit ihrem Gatten. Diese Vertrautheit mit dem König schützt Liselotte davor, von Philipp verstoßen zu werden. Sie lernt reiten, geht mit dem König auf die Jagd (ihr eigener Gatte reitet nicht, aus Sorge um seine Kostüme)

Dann jedoch bekommt sie die Intrigen des Hofes zu spüren. Besonders Madame de Montespan schleimt sich beim König und danach bei Philipp ein. Sie ist „offizielle“ Maitresse des Königs, eloquent und hübsch, aber mit einem fiesen Charakter. Mme de Montespan freundet sich mit „Giftmischerinnen“ an, und dann wird noch eine „Messe Noire“ dieser Dame explizit geschildert. Liselottes Gemahl besiegt während dessen in der Schlacht von Mont-Cassel die Niederländer. König Louis XIV. neidet ihm diesen Erfolg. Konsequenz: Es war der letzte Oberbefehl von Philipp.

1679 heiratet Liselottes Stieftochter Marie Louise den spanischen König. Die Verwandten aus Deutschland kommen nach Paris. Die Feierlichkeiten sind gewaltig, der unmoderne Schmuck der deutschen Gäste wird schnell noch nach der aktuellen Mode gefasst. Die Sitzordnungen richten sich übrigens danach, wessen Schmuck von welchem Kronleuchter am besten beleuchtet wird. Das unbefangene Jahr 1679 wird in der Rückschau das glücklichste in Liselottes Leben sein.

  • Die Metzer Reunionskammern

Während dessen in Heidelberg: Der Friede von Nimwegen führte zu neuen Begehrlichkeiten Frankreichs. Es wurden die „Metzer Reunionskammern“ eingerichtet. Deren Agenten sollen prüfen, welche Gebiete des früheren Bistums Metz wieder Frankreich einverleibt werden sollen. Zwei Agenten richten sich im Heidelberger Schloss ein, wo sie den Kurfürsten – Liselottes Vater – faktisch entmündigen. 1680 stirbt er. Sein Nachfolger, sein Onkel, stirbt 1685 kinderlos.

Und nun wird Liselotte selbst zum Auslöser machtpolitischer Ereignisse.

Ludwig XIV erhebt Anspruch auf die Kurpfalz. Er überzieht die Umgebung Heidelbergs – und kurz darauf die Stadt selbst – mit Krieg, Zerstörung und Plünderungen. Schloss und Stadt werden niedergebrannt.

  • Immer noch Paris (statt Maubuisson oder Montargis)

Liselotte ist zu Tode betrübt. Doch damit nicht genug. Der König legitimiert die Kinder, die er mit seinen Maitressen hat. Er befiehlt, dass eine seiner Töchter den Sohn Liselottes heiraten soll. Liselotte fügt sich widerwillig. Hofintrigen unterstellen ihr ein Verhältnis mit einem jungen Grafen. Ihr Mann überwirft sich mit ihr, sie will ins Kloster nach Maubuisson gehen. Der König redet es ihr aus.

1701 stirbt Liselottes Mann an einem Schlaganfall. Sie könnte in ihr Privatschloss Montargis ziehen, bleibt jedoch lieber beim König, auch um nicht der Einsamkeit zu verfallen. 1715 stirbt Ludwig XIV. Der Thronfolger Ludwig XV ist noch zu jung. So wird Liselottes Sohn Philipp Regent – also Interimskönig – über Frankreich und Liselotte auf ihre alten Tage nochmals zu einer mächtigen Frau.

Logische Folge: Liselotte ist umringt von allem, was in Paris kriechen kann. Sie jedoch weigert sich, in politischen Fragen Einfluss auf ihren Sohn zu nehmen. Bald zieht sie sich zurück. In ihrer Einsamkeit widmet sie sich immer mehr dem Schreiben von Briefen an ihre Freunde und Verwandten in Heidelberg. Nur einmal tritt sie in einer politischen Angelegenheit öffentlich auf. Nach dem Zusammenbruch der Lawschen Bank 1720 gab es Unruhen vor dem Palais Royal. Sie fuhr in der Kutsche vor und mahnte zur Besonnenheit. Ihr Auftritt besänftigte die Menge.

Am 8. Dezember 1722 stirbt Liselotte.

  • Nachwirkungen

Das Schloss in Heidelberg ist bis heute ein Ruine. Das Palais Royale in Paris beherbergt 1819 in Balzacs „Vater Goriot“ einen Spielclub.

  • Bemerkungen

Die Geschichte eines gesellschaftlichen Rollenwechsels, der mit einem Ortswechsel verbunden ist und so zu einem gewaltigen Kulturschock führt, ist flüssig und auch für heutige Leser gut lesbar geschrieben. Dazu kommt viel Sympathie für die Frau, die sich mit allen Veränderungen gut arrangiert.

Aber: Biographien über First und Second Ladies sind stets weniger von der Herrschaftsgeschichte geprägt als von Details aus dem Leben am „Hofe“. Das kann interessant sein, muss es aber nicht. Man erfährt manches aus dem Alltag einer Epoche, manchmal wird der Voyeur im Leser bedient. Und oft steht das Buch in der Gefahr, Banalitäten zu verbreiten.

Die Randbemerkung über den Zusammenbruch der Lawschen Bank – gerade zwei Sätze lang – zeigt, was dem Buch fehlt. Ludwig XIV hinterließ ein bankrottes und korruptes Land. Der Regent übernahm es wenig fachkundig und geriet an eben jenen Mr. Law, einen Hallotri mit ökonomischem Sachverstand. Auf spannenden Wegen gelang es beiden (Louis und Law), die Staatsschulden zu Lasten der Einwohner von Paris drastisch zu reduzieren. Davon erfährt der Leser nichts, und auch über die anderen politischen Entscheidungen, die für das Land wichtig waren (Louisiana, spanischer Erbfolgekrieg, Geldentwertung). Das Buch bleibt leider streng in der privaten Perspektive der Liselotte.

Karte 34: Pokrowskoje – „Familienglück“ von Leo Tolstoi

Aus dem Reclamheft mit Tolstois Erzählungen habe ich schon den „Dezember in Sewastopol“ hier behandelt. Die Erzählung „Familienglück“ ist aus dem Jahr 1859, also ebenfalls ein Frühwerk des Autors. Es liegt hier in der Übersetzung von Barbara Heitkam vor und hat 112 Seiten. Die junge Frau Marja, zu Beginn der Erzählung 16 Jahre alt, ist die Ich-Erzählerin der Geschichte. Das ist auch das, was sofort auffällt. Ein Mann erzählt aus der Ich-Perspektive einer jungen Frau. Ich glaube, dass dies eine seltene Konstellation ist.

  • Das Setup

Sonja und Marja leben in dem Dorfgut Pokrowskoje und trauern um ihre Mutter, Sie sind nun Vollwaisen. Sergej, Nachbar und Freund des ebenfalls verstorbenen Vaters, kümmert sich um sie. Die Geschichte wälzt sich schwerfällig durch die Prokowskojeschen Jahreszeiten. Es wird Winter (mit Schneewehen bis über die Fenster), Frühjahr (mit Nachtigallen in überwucherten Beeten und Hecken), Sommer (mit Erntezeit und Garben beladenen knarrenden Fuhrwerken) und Herbst (mit umherschwebenden faserigen Spinngeweben) und zieht sich. Der Leser schweift also ab. Pokrowskoje? Da war doch was? Spurensuche.

  • Pokrowskoje bei Tolstoi und Puschkin

Die Novelle Dubrowski von Puschkin, die ich vor längerer Zeit hier besprochen habe, spielt auch in einem Dorf namens Pokrowskoje. Sind die beiden Dörfer identisch? Eher unwahrscheinlich. Puschkins Pokrowskoje gehörte dem alten Herrn und hatte eher den Charakter eines Landgutes mit Verwaltungseinheiten. Bei Tolstoi sind schon die Eigentumsverhältnisse anders, das heißt, sie werden gar nicht erwähnt. Und das Dorf ist größer. Auch ist nicht die Rede von einem Herrn oder von Verwaltern. Zwei verschiedene Orte gleichen Namens also.

Pokrowskoje ist ein Ortsname, der in Russland häufig auftaucht. Alleine das englische Wikipedia kennt 39 Orte dieses Namens. Der Ortsname ist vom slawischen Wort für „Schutz“ abgeleitet. In der Literatur könnte es also auch ein fiktiver Ort mit diesem metasprachlichen Kontext sein. Aber mal angenommen, es handele sich um ein echtes Pokrowskoje,  was für ein Pokroswkoje könnte es sein?

  • Pokrowskoje in der Geschichte

Es finden sich zunächst zwei Orte dieses Namens mit posttolstoianischer Relevanz. Pokrowskoje im Ural, am Ufer des Flusses Tura. Es ist berühmt, weil dort ein gewisser Rasputin geboren wurde, der als Scharlatan den russischen Hof durcheinander brachte. Außerdem gibt es ein Pokrowskoje im Süden zwischen Don und Dnjepr. Es ist die Gegend, in der die großen Panzerschlachten des letzten Weltkrieges tobten. In Pokrowskoje befindet sich ein deutscher Soldatenfriedhof.

Wer sich das Abenteuer einer Reise durch Moldawien antut, der kann 160 km nördlich von Chisniau noch ein Pokrowskoje besichtigen, das für seine ultraorthodoxen Mönche bekannt ist. Keiner der drei Orte kann bei Tolstoi gemeint sein, weil sie zu weit von Moskau und Petersburg entfernt sind.

  • Pokrowskoje in der Kunst

In der Oblast Kalinin (die früher Twer hieß) liegt Pokrowskoje, wo der Maler Soloka 1869 starb. Er war talentiert, und so wollte er nach Petersburg ziehen, um sich weiter zu bilden, Sein Gutsherr verbot ihm, weg zu gehen. Der Maler fügte sich, wurde dann Ikonenmaler und später bedeutungslos (ist aus Wikipedia). Dass Tolstoi ihn kannte, ist unwahrscheinlich. Zeitlich und geographisch kommt die Suche jetzt in die Region, in der es interessant wird.

Vor den Toren Moskaus wird es spannend. Hier liegt Pokrowskoje, hervorgegangen aus einem Landgut des Zaren, das Alexei Michailowitsch Romanow (1629—1676) erbaute. Entlang der Straße von Moskau nach Pokrowskoje lebten die Basmanniki, die Hofbäcker, die das staatliche Brot «Basman» buken, und Handwerker, die auf Metall und Leder Muster aufbrachten.

Dieses Prokowskoje spielte eine kleine Nebenrolle in den historischen Ereignissen rund um den Krieg gegen Napoleon. Es ist nur konsequent, dass es Tolstoi in „Krieg und Frieden“ erwähnt. Es taucht auch in „Anna Karenina“ auf. Ist es gemeint? Höchst wahrscheinlich, denn das gleiche Dorf spielt in der Biographie Tolstois eine Rolle. Sofja Behrs, die der Autor 1862 heiratete, wurde hier geboren. Und in „Familienglück“ geht man von Pokrowskoje nach Moskau, um einzukaufen.

Es wird erwähnt, dass mehrmals täglich Briefe zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje hin und her geschickt wurden. Nikolskoje ist der Heimatort von Sergej. Nikolskoje übrigens ist auch Handlungsort des etwa zeitgleich erschienen „Väter und Söhne“ von Turgenjew.

Welches Pokrowskoje gemeint ist, (und welches bei Puschkin) ist nicht mit Sicherheit identifizierbar. Ich würde mich für das bei Moskau entscheiden.

  • Die Geschichte (grüne Punkte)

In der Zwischenzeit ist in Pokrowskoje ein wenig Handlung geschehen. Es entstehen zarte Liebesbande zwischen Marja und Sergej. Sie heiraten und ziehen von Pokrowskoje nach Nikolskoje. Um ein wenig Gesellschaft zu bekommen, gehen sie für den Winter nach Petersburg. Und nun, endlich, nimmt die Geschichte Fahrt auf.

Marja geht gerne in Gesellschaften. Ihr Mann wird Stück für Stück immer eifersüchtiger, der Ton zwischen beiden zynischer. Wenn einer von beiden irgend etwas macht oder nicht macht, ist schnell das Wort „Opfer bringen“ im Spiel, die beiden begleiten ihr Leben wechselseitig mit boshaften Kommentaren. Sie kehren weniger glücklich nach Nikolskoje zurück. Drei Jahre verbringen sie nebeneinander her lebend. Dann verbringen sie einen Sommer in Baden-Baden.

Sergej geht bald aus geschäftlichen Gründen nach Heidelberg. Marja unterdessen vergnügt sich in Baden-Baden. Sie besichtigt die Ruine des Alten Schlosses und genießt den Ausblick von dort. Irgendwann kreuzt ein französischer Graf ihren Weg, ihre Hand und ihre Haut und stürzt sie in ein Wechselbad der Gefühle. Überstürzt reist Marja nach Heidelberg ab. Dort trifft sie Sergej wieder. Der Gefühlswirrwarr hält an. Was weiß er? Was ahnt er? Was vermutet er fälschlicherweise?

Bald nach ihrer Heimkehr wird das Gut in Nikolskoje umgebaut. Also geht es wieder nach Pokrowskoje. Die beiden haben zwei Kinder. Marja ist unglücklich.  Sergej ist glücklich. Die beiden streiten lange, bis Marja sich in ihr Schicksal fügt, in Zukunft als glückliche Mutter zu leben.

  • Bemerkungen

„Familienglück“ liest sich zäh. Wer durchhält, der wird auf den letzten 30 Seiten voll entschädigt. Da öffnet sich die Erzählung und mit ihr der Stil hin zu den neu entdeckten Gefühlswelten. Das Thema der jungen Frau, die bewundert werden möchte anstatt in einer konventionellen Ehe zu versauern, beschäftigte die Menschen Mitte des 19. Jahrhunderts offensichtlich. 25 Jahre nach „Familienglück“ behandelte Maupassant das Thema deutlich kompakter und reflektierter in seiner Novelle „Die vertane Schönheit“.

Und zum Schluss wieder mal ein Stück Eisenbahngeschichte: Marja nimmt die Bahn von Baden-Baden nach Heidelberg. Es handelt sich um die Badische Bahn. Diese Strecke war ab Mai 1844 befahrbar.
http://moscow.ru/de/guide/entertainment/attractions/square/index.php?id4=452

http://de.wikipedia.org/wiki/Rheintalbahn

http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Hohenbaden