Karte # 16: Die Griechenland-Anleihe von 1825. Spurensuche in „Letzte Sommer“ von Trelawny

Letzte Sommer Bildausschnitt

In diesem Beitrag setzte ich meinen Artikel über das Buch „Letzte Sommer“ von Trelawny fort, diesmal mit wirtschaftsgeschichtlichem Schwerpunkt. Im ersten Teil fuhr der Autor nach Pisa, um Shelley und Lord Byron kennen zu lernen. Hier nun fährt er mit Lord Byron sowie einem englischen Unterhändler namens Hamilton Browne von Livorno aus nach Griechenland.

  • Über die Reise

Die Passage endet am 2. August 1823, als sie in Argostoli, dem Hafen von Kephalonia, vor Anker gehen. Es folgt ein kurzer Abstecher touristischer Art auf die Insel Ithaka. Trelawny und Browne betreten schließlich den Peloponnes in der Nähe des Dorfes Pyrgos. Gleich am nächsten Morgen ziehen sie weiter. Es geht zunächst nach Tripoliza, der Hauptstadt des Peloponnes. Das Land ist unfruchtbar. Von Zeit zu Zeit begegnen sie einigen Hirten, die auf dem kargen Land ihre Ziegen und Schafe weiden und mit der Hilfe von wilden Hunden bewachen. Nach einigen Tagen reisen sie weiter nach Argos. Die Gegend ist vom Krieg gezeichnet. Sie reiten durch die Schlucht von Dervenakia. Dort liegen die Skelette von Soldaten und Tieren eines ottomanischen Heeres, das im Herbst zuvor (also 1822) hier geschlagen wurde. Nach einem kurzen Aufenthalt in Korinth stzen sie nach Salamis über. Dort treffen sie die Anführer der wichtigsten Militärparteien, die sich gerade gegenseitig Verschwendung öffentlicher Gelder vorwerfen.

blaue Strecke: gemeinsame Reise Trelawnys mit Hamilton Browne

grüne Strecke: Trelawny mit Odysseus

rote Knöpfe: Lord Byrons Aufenthalt

Warum nahmen die Herren diese Strapazen auf sich? Eine allgemeine Zeitströmung des Philhellenismus animierte viele Europäer dazu, mit dem griechischen Freiheitskampf zu sympathisieren oder sich direkt zu engagieren. In England hatte sich auch ein Komitee zur Unterstützung der Griechen gegründet. Die Reise fand vor diesem Hintergrund zu verschiedenen Zwecken statt. Unter anderem hatten die Reisenden den Auftrag, einige griechische Verhandlungspartner zu Gesprächen über eine Anleihe nach London zu schicken. Byron war dafür vorgesehen, die Kontrolle über die Verteilung der Gelder zu erhalten. Byron stattete Trelawny mit Empfehlungsbriefen an die griechische Regierung aus, in denen er seine Dienste empfielht. Immerhin hat er bereits in Italien Kontakt zu Unterhändlern der griechischen Regierung geknüpft. Die griechische Kriegspartei stellte sich als unerwartet zerstritten heraus. Es gab die Nationalversammlung, einige Militärführer und Stammesführer, die aufeinander eifersüchtig waren.

Schließlich trennt sich Browne von Trelawny und fährt mit Unterhändlern der Regierung nach England zurück, um dort über eine Anleihe zu verhandeln.

Im Januar 1824 lebt Byron in Mesolongion, die Verhandlungen über die Anleihe stehen kurz vor dem Abschluss und einige Engländer sitzen mit den griechischen Unterhändlern in Athen zusammen. Während eines Botenritts erfährt Trelawny vom Tode Byrons. Zunächst recherchiert Trelawny die Umstände, die zu Byrons Tod führten. Die mehrseitige Schilderung findet zu dem Schluss, dass die Ursache eine Kombination aus Sumpffieber und inkompetenten Behandlungen war.

  • Über die Anleihe

Als die ersten Informationen über eine mögliche Anleihe durchsickern, können es einige Militärs nicht glauben. Immerhin birgt die Anleihe – sie hat einen Zinssatz von 5 % – hohe Risiken. Gläubiger ist kein Staat, keine Regierung, sondern eine Region, die einen Freiheitskampf gegen ihre Besatzer führt. Es gibt also keine Sicherheiten. Die allgemeine graecophile Stimmung führt zu Euphorie an der englischen Börse. Die erste Tranche von 1824 über 800.000 Pfund wird überzeichnet. Trelawny beschreibt, wie ein englisches Schiff  mit der ersten Rate von 40.000 Pfund an Bord in Griechenland ankommt. Es kommt zu Straßenschlachten mit Räuberbanden, die sich das Geld unter den Nagel reißen wollten. Der Tag endet in Tumulten. Die Regierung greift hart durch. Sie will die Anführer des Aufruhrs, sowie einige andere Stammesführer verhaften oder ermorden lassen, darunter auch ein gewisser Odysseus, der gleich noch eine Rolle spielt. Die zweite Konsequenz aus den Ereignissen ist , dass Griechenland „nur“ 240.000 Pfund direkt erhält. Der Rest wird in Kriegsmaterial geliefert.

Aufgrund der Überzeichnung kann 1825 eine zweite Tranche über 2,1 Millionen Pfund aufgelegt werden. Später beschreibt Trelawny, dass von der Anleihe fast nichts mehr übrig war. Erstmal nicht schlimm, denn mit aufgenommenem Geld sollte ja ein konkretes Vorhaben finanziert werden. Trelawnys Ärger rührt aber auch daher, dass einige Abgeordnete Geld aus der Anleihe unterschlagen haben.

Was aus der Anleihe wurde? Einmal noch habe ich eine Spur gefunden, in einem Börsenbericht aus dem Jahr 1830. Sie notierte schnell im Bereich von 20 Prozent. 1830 wurde bekannt, dass Prinz Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha zum König des neuen Griechenland werden sollte. Der Anleihekurs schoss auf über 41 Prozent. Später wurde die Anleihe fast wertlos. Zinsen wurden nie gezahlt. 1878 wollte Griechenland wieder auf dem Kapitalmarkt aktiv werden. Wie in solchen Fällen nicht unüblich wurde zunächst verlangt, dass die früheren Anleihen reguliert werden. Die Gläubiger zu wurden mit 31,6 % abgefunden.

Ein neuer Chart zu der Anleihe

Eine wissenschaftliche Arbeit über besagte Anleihen

Die Griechenland-Anleihe in einem Börsenbericht von 1830

  • Über Trelawny

Und Trelawny? Er schließt sich zunächst dem Freiheitskämpfer Odysseus an. Ein eingeschleuster Schotte versucht, Trelawny zu ermorden. Trelawny überlebt zwei Musketenkugeln in seinem Körper. Odysseus wird verhaftet und später am Fuße der Akropolis tot aufgefunden. Trelawny kehrt 1832 nach England zurück, schreibt hie und da Bücher, heiratet ein paar Mal, fährt nach Amerika, wo er den Niagara durchschwimmt und kehrt nach England zurück, wo er im Jahre 1881 89-jährig stirbt. Das Buch „Letzte Sommer“ ist als engagierter und unkonventioneller Reisebericht und als Zeitdokument empfehlenswert.

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Karte # 3: Pompeji, Troja und Kreta: das Buch der Statuen

Es ist an der Zeit, auch „Götter, Gräber und Gelehrte“ mal weiter zu lesen. Im Buch der Treppen wurde die Wiederentdeckung Mexikos geschildert. Nun also das „Buch der Statuen“. Es geht um drei Forscher, die maßgeblich die Entdeckung des antiken Europa in Gang gebracht haben.

  • Winckelmann

Der erste ist Johann  Joachim  Winckelmann, der ab 1758 als Archivar in Rom arbeitete und dort Zugang zu einem „Museum“ in Herculaneum bekam. Er war der erste, der systematisch in der Umgebung grub und die verschüttete Stadt fand. Ebenso entdeckte er das verschüttete Pompeji. Beide Städte wurden ja bekanntlich bei dem Ausbruch im Jahr 79 verschüttet, jedoch auf unterschiedliche Weise an unterschiedlichen Tagen der mehrtägigen Katastrophe.

Winckelmann wurde 1768 in Triest von einem italienischen Bekannten ermordet. Die Motive sind nicht letztlich geklärt, Ceram vermutet Motive aus „Neigungen“.

  • Schliemann

Der zweite Entdecker ist Heinrich Schliemann. Durch diverse Geschäfte reich geworden, widmete er sich seinem Hobby, Troja zu finden. dafür lernt er Griechisch. Er tut dies schnell und als Autodidakt mit Methoden, die er bereits angewandt hat, um andere Fremdsprachen in jeweils sechs Wochen zu erlernen. Der Ort wurde damals an anderer Stelle vermutet. Schliemann aber las die alten Texte wörtlich und suchte ein Gelände, dessen topographische Beschaffenheit zuließ, dass sich die beschriebene Handlung genauso abgespielt hat wie beschrieben. Er wurde fündig und grub tatsächlich Mauern Trojas aus. Am vorletzten Tag seiner Grabungsreise findet er schließlich einen Schatz, schickt unter einem Vorwand seine Arbeiter nach Hause und birgt ihn.

Noch einmal widmet sich Schliemann den Texten Homers. Der aus Troja heimkehrende Agamemnon wird in Mykenä zum Festmahl eingeladen und dabei hinterrücks ermordet. Acht Jahre später erscheint Agamemnons Sohn Orest und rächt den Tod seines Vaters. Es ist von – Aischylos bis Sartre – ein berühmter Dramenstoff.

Die Burg von Mykenä war bekannt. Unklar war die Lage der Königsgräber. Schliemann vermutete Sie innerhalb der Burg. Er fand sie. In späterer Zeit stellte sich heraus, dass es nicht die Gräber Agamemnons waren, sondern sie waren 400 Jahre älter. Aber sie waren reich an Schätzen und Grabbeigaben. Und ein weiterer Schritt zur Entdeckung der Antike war getan.

Eine kleine Intrige findet die besondere Aufmerksamkeit des Autors. Der König von Brasilien besucht die Grabungsstätten. er steckt einem Polizisten ein Trinkgeld von 40 Franken zu. Ein Bürgermeister verleumdet den Polizisten mit der Behauptung, er habe 1000 Franken erhalten. Es entstehen lange Verhandlungen, bis Schliemann am Ende die Wiedereinsetzung des Polizisten erreicht.

Die spektakulären Funde Schliemanns wurden in seiner Heimat begeistert aufgenommen. Nun schildert Ceram den Zeitgeist, der damals herrschte, man nannte es „Gründerzeit“. Der „Reine Wissenschaftler“ grenzte sich vom Laien ab, und diese neue Spezies des „reinen Wissenschaftlers“ hat Schliemann als „Dilettanten“ verachtet.

Schließlich gräbt Schliemann noch ein weiteres mal und findet die Burg Tinys. Sie war noch vollständig erhalten, also keine Ruine und zeugte so von der Pracht und der Baukunst zur Zeit des antiken Griechenland. 1890 stirbt Schliemann in Neapel.

  • Evans

Der dritte Entdecker war der Engländer Evans, der sich Kreta vornahm. Dort findet er den Palast des Minos in Knossos. Der Palast erinnert mit seinen unzähligen Hallen, Gängen und Speichern an ein „Labyrinth“. Und er findet Vorratstanks für Olivenöl mit einem Fassungsvermögen von 75000 Litern. Und er findet Wandmalereien, darunter häufiger das Motives des „Stiertänzers“. Der minoische König sandte seinen Sohn zu den Spielen nach Olympia. Dort siegte er. Der athenische König ließ ihn aus Neid ermorden, Minos überzog Athen mit Krieg, siegreich. Athen mußte jährlich Tribut an Minos entrichten, in Form von Menschenopfern für das Ungeheuer des Minos. Bis der Sohn des athenischen Königs nach Kreta reist und den Stier umbringt.

Kreta, die Kultur des Minos, wurde zerstört, plötzlich und scheinbar ohne Grund. 1926 erlebt Evans auf Kreta ein Erdebeben. Dass ein gewaltiges Erdbeben Kreta zerstört hat, gilt heute als wahrscheinlich. Und dann sind da noch Schriftzeichen aus Knossos. 1935 erklärt Evans, dass die Entzifferung noch in den Anfängen steckt. Wenige Jahre danach erklären andere Forscher die Schrift für nicht entzifferbar. Bis die Methodik zur Entzifferung von Geheimschrift durch den Krieg einen ungeahnten Aufschwung erfuhr und auch auf das Kretische angewandt werden kann.

Winckelmann und Schliemann ist gemeinsam, dass sie von ihrer Umgebung und der wissenschaftlichen Welt angefeindet oder abgelehnt wurden. Über Evans nennt der Autor keine biographischen Details.

Wichtig ist in diesem Buch aber noch etwas: Ceram sagt, dass die Antike immer von dem Wissensstand aus der Gegenwart her interpretiert wird. Es ist unwahrscheinlich, dass die Statuen so weiß waren, wie sie uns heute präsentiert werden, das die abgebildeten Personen tatsächlich diejenigen sind, die angegeben werden. Es gab neben allem Prunk einen Alltag, der auch seine Spuren hinterließ, und der uns völlig unbekannt ist.

Mein Lob zum Buch der Treppen gilt auch für das Buch der Statuen. Sehr gut lesbar geschrieben. Auf der Basis der zu seiner Zeit bekannten Fakten entwickelt Ceram aus der Sicht der Entdecker und ohne viel Spekulation seine Geschichte, die er „Roman der Archäologie“ nennt. Mit sehr schwungvoller Sprache und anekdotischem Erzählstil bringt er dem Leser auch schwierigere Themen näher.

Athen von 2 1/2 Jahrtausenden – Revisited: Das Atommodell

Das nächste Buch, das mir in die Hand kam, heißt „Atom“. Es ist ein historischer Roman von Karl Schenzinger. Er wurde 1950 geschrieben und besteht aus drei Teilen. Diese sind in Struktur und Erzählstil zu verschieden, und so habe ich drei Beiträge daraus gemacht.

Zunächst also zu Teil 1, der im antiken Griechenland spielt, in einer Epoche, die ich schon einmal in diesem Beitrag behandelt habe.  Hier geht es speziell um die Zeit von 404 – ca. 390 v. Chr. Die Hauptperson der Handlung ist Demokrit von Abdera. Dieser Teil 1 trägt den Titel „Die Frage“.

Demokrit ist jung und Schüler des Leukippos. Er verehrt dessen Tochter Xenia. Athen wird von Kritias in tyrannischer Form regiert. Kritias hat vor den Truppen Spartas kapituliert und wird von Sparta als Regent geduldet.

Kritias ließ Demokrit verhaften. Nun sitzt Demokrit in einem Gefängnisturm über der Stadt, darf jedoch seinen Schreiber Pharkias empfangen. Er erzählt seinem Schreiber von einem Besuch in Babylon, wo der höchste Turm steht, den Menschen je gebaut haben. Auf ihm gehen Astronomen ihrer Arbeit nach.

Xenia besucht Demokrit und überredet ihn zur Flucht, weil sie Krieg befürchtet. Außerdem weiß sie, dass Kritias seine Gegenspieler (vor allen Dingen Theramenes – einen der 30 Oligarchen) aus dem Weg räumen lassen möchte. Als Demokrit die Flucht ablehnt, wendet sich Xenia dem Kritias zu. In einer Situation der Orientierungslosigkeit läßt sie sich auf eine Liaison mit ihm ein, obgleich sie ihn haßt.

Theramenes trifft Sokrates in einer Kneipe. Nach einem kurzen Dialog über die Unehrlichkeit der Politik gehen sie gemeinsam durch Athen. Von Kritias gedungene Mörder töten Theramenes auf den Stufen des Tempels. Xenia und Kritias führen den Trauerzug für den Ermordeten an. Leukippos, Xenias Vater ist von ihr enttäuscht und möchte sich umbringen, wird jedoch davon abgehalten.

Kritias besucht Demokrit in seinem Gefängnis und läßt ihn frei. Demokrit genießt seine wieder gewonnene Freiheit mit einem  Spaziergang durch Athen.

Nach langem Zaudern besucht Demokrit Xenia in ihrem Palast. Während dessen tobt die Schlacht von Munychia. Kritias fällt, womit auch Xenias Schicksal besiegelt ist. Pharkias bringt Xenia das Haupt des Kritias und erschlägt sie anschließend damit. (Anmerkung des Blogautors: Sehr bildhaft beschrieben – das Krachen höre ich jetzt noch)

Mittlerweile ist Sokrates verhaftet und zum Tode verurteilt worden. Demokrit besucht Sokrates am Tag seiner Hinrichtung. Auf dem Rückweg sinniert er. Materie ist in unvorstellbar kleine Teile geteilt, diese Atome sind ohne Eigenschaften, sind nie geworden und vergehen nie. Sie bewegen sich ständig in der Leere, die sie umgibt. Dabei bilden sie Gruppen. Diese Gruppen sind die verschiedenen Stoffe. Die Stoffe verändern sich, die Atome nicht.

Demokrit taucht für mehrere Monate ab, um weiter nachzudenken. Er stellt fest, dass alles, was er sieht, ihn immer wieder davon abhält „die Kostbarkeiten, die große Antwort auf die große Frage“ zu erkennen. In letzter Konsequenz blendet er sich mit einem Hohlspiegel. danach lebt er an einem entlegenen Ort, vermutlich in Abdera.

Dort ereilt ihn die Nachricht, dass in Athen seinen Ansichten schroff widersprochen wird. Also macht er sich nach Athen auf, um sich der Rede zu stellen.

Ein letztes – öffentliches Streitgespräch: „Ich kann teilen, immer wieder teilen.“ – „Aber wo ist das Ende?“ … „Du kannst es Logos nennen.. Der Logos ist das Atom, was unteilbar ist.“ – „Erfahren wir das Letzte nicht in uns? Kann reines Gefühl nicht mehr sein als edler Beweis?“.

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht stirbt Demokrit.

Der Text ist eine turbulente, bunte und manchmal grausame Sittengeschichte Athens in der Zeit von ca. 410 – 390 v. Chr. Gesichert erscheinen die Daten 404 (Ermordung des Theramenes), 403 (Tod des Kritias) und 399 (Tod des Sokrates). Mit viel Handlung werden die Intrigen der griechischen Politik anschaulich dargestellt. Der Text besteht manchmal aus langen Dialogen, da mußte ich schonmal zurück blättern, um zu verstehen, wer gerade spricht. Die Erzählpassagen sind teilweise in einem schlagwortartigen Stil geschrieben, der gewöhnungsbedürftig ist. Trotzdem: Der Ansatz des Autors ist es, das gesamte Leben des Demokrit darzustellen. Und der ist gelungen.

Demokrits Leben und Wirken (was im Kern aus Denken und Reden besteht) wird in den Kontext des damaligen Athen eingebunden. Er wird geschildert als intelligenter, doch schrulliger Einzelgänger, der mit sozialen Anforderungen überfordert scheint. Der Held lebt in einem sozialen Umfeld, an dem er wenig Freude hat. Seine auf das Denken – und gerade nicht auf das Fühlen – bezogene Weltsicht setzt der Demokrit dieses Romans auch seinem Alltag um. Nach seiner Freilassung weigert er sich tagelang, Xenia zu besuchen, nach dem Tod des Sokrates taucht er monatelang ab und kommt mit noch weltabgewandteren Ansichten wieder. Der Vorgang des Blendens – ob er historisch stattgefunden hat, ist wohl strittig – macht aus Demokrit einen umnachteten Menschen. Demokrit wird als der Denker dargestellt, dessen Ansichten zwar überdauern, der als Person aber an der Wirklichkeit scheitert.

Im Gesamtgefüge des Buches (Zur Erinnerung: das Buch heißt „Atom“) ist der Text aber eher ein überlanger Prolog. Das Atommodell wird an zwei Stellen ein wenig beschrieben. Wie Demokrit auf seine Gedanken kommt, wird nicht geschildert. Auch sonst bleibt seine wissenschaftliche Arbeit im Hintergrund und das Sittengemälde der Gesellschaft ist der eigentliche Inhalt.

Athen vor 2 1/2 Jahrtausenden

Das nächste Buch zieht mich nach Griechenland. „Klassischer Tag“  ist ein Band aus der Reihe „Bild der Jahrhunderte“ von Otto Zierer. Er behandelt auf 140 Seiten die Zeit von 510 (Der Errichtung der Demokratie in Athen) bis 399 (Tod des Sokrates) vor Christus

Die persische Armee unter Darius dringt immer weiter nach Westen vor und könnte in naher Zukunft Athen bedrohen. Der oberste Richter Aristides lässt sich zu dem Besuch eines Gymnasiums überreden, wo ihm der begabte Schüler Themistokles vorgestellt wird. Themistokles plädiert in einer Redeübung dafür, die Seemacht aufzurüsten. Die beiden mögen sich nicht und werden Gegenspieler bleiben.

15 Jahre später wird Aristides zum Stadtherrscher Athens gewählt. Themistokles streitet immer noch für eine kriegerische Politik, und es gelingt ihm im Folgejahr, sich durch die Volksversammlung an die Spitze des Staates wählen zu  lassen. Für den Bau der von ihm gewollten Flote benötigt er die Erträge der reichen Silberminen, die Aristides verwaltet. Außerdem will er für Athen einen Hafen bauen. Als Aristides ihm die Zusammenarbeit verweigert, gelingt es Themistokles, ihn durch ein Scherbengericht aus der Stadt vertreiben zu lassen.

Darius‘ Nachfolger Xerxes setzt dessen expansive Politik fort. Themistokles erkennt die Gefahr und möchte den Kriegsrat dazu bewegen, dass sich die – mittlerweile gebaute – Flotte zum Kampfe stellt. Er unterliegt. Mit einer List verführt er Xerxes dazu, die griechische Armee anzugreifen. Athen kann nun nicht mehr anders als sich zum Kampfe zu stellen. In der seichten Bucht von Salamis haben die leichten griechischen Schiffe Vorteile gegenüber den schwerfälligen und tiefliegenden persischen und siegen.

Weitere 30 Jahre später lebt Griechenland unter Perikles in einer Epoche des Wohlstandes, auch durch den neuen Handelshafen Piräus begründet. Herodot besucht Aischylos‘ Persische Tragödie und lernt den jungen Thukydides kennen. Sie führen eine langen Dialog über die Gefahren und die Beständigkeit der Demokratie. Als Perikles Frau Aspasaia einen Arzt benötigt, sucht Perikles auf dem Markt und findet Hippokrates. Unterdessen gibt es noch einen langen Dialog. Aspasaia plaudert mit ihrer Zofe Chloe über Schönheit und Vergänglichkeit. Perikles empfängt Besuch aus Rom, das gerade die Etruskerkriege gewonnen hat. Die Gäste und der Gastgeber philosophieren über den Sinn und Unsinn von Philosophie. (Der Satz im Titel des Beitrags wird dem römischen Gast Postumius Albus in den Mund gelegt)

Bald jedoch beginnt der Niedergang Athens. Die Kluft zwischen den Volksschichten vertieft sich. Den Politikern geht es nicht mehr um das allgemeine Wohl, sondern um den persönlichen Gewinn. Immer häufiger werden angesehene Bürger diffamiert. Im Theater wird Medea von Euripides aufgeführt. Aristophanes und der begabte Redner Protagoras streiten über das Stück, mehr jedoch darüber, inwieweit das Theater den Wandel seiner jeweiligen Zeit abbildet.

Sparta führt Krieg gegen Athen. Athen zieht gegen Spartas Verbündeten Syrakus. Eitelkeiten in der Athener Führung führen dazu, dass der Oberbefehlshaber Alkibiades zu Beginn der Schlacht abgelöst wird. Er läuft zu Sparta über, das die Athenische Flotte besiegt und später den Rest der Flotte am Hellespont. Zum Ende des Bandes wird die Verurteilung und Hinrichtung des Sokrates wegen Gotteslästerung beschrieben.

Die historischen Fakten der Ereignisgeschichte lassen sich auch an anderer Stelle nachlesen. Das besondere ist der Erzählstil. Es ist ein essayartig geschriebenes Geschichtsbuch. In teils fiktiven – doch auf guter Quellenauswertung gegründeten – Szenen wird die Stimmung in Athen lebendig wider gegeben. Themistokles besucht sein Reich, indem er auf einem Sklavenmarkt und in einer Silbermine auftaucht. Zwei Seefahrer schildern sich gegenseitig, wie unglückliche Umstände sie zur Seefahrt zwangen. Und spielerisch begegnen sich die wichtigsten Personen der Epoche wie zufällig im Theater oder auf dem Markt. Lange Dialoge geben die Stimmungen und Strömungen des Zeitgeistes wieder. Die Geschichte wird authentisch und lebensnah nahegebracht, ohne dass es gleich zu einem historischen Roman wird.

Das Buch sympathisiert mit der Demokratie, deren Kraft aus einer Kombination von idealistischer, militärischer, finanzieller und sozialer Stärke entsteht. Sobald diese Säulen bröckeln, beginnt ihr Zerfall. Deswegen ist das Buch auch heute noch lesenswert, meint Leopold.