1814: Eine Gruppenreise in Südfrankreich zu Schiff und zu Fuß

Heute geht es um eine illustre Reisegruppe, die sich auf den Weg von Port-Ferrajo nach Lyon begibt. Der Reiseleiter ist in der Organisation solcher Events nicht ganz unerfahren. Dennoch bleibt in den Gesichtern der Reiseteilnehmer eine gewisse Skepsis, auch weil der Reiseleiter weiß, dass es für diese Reise „kein historisches Beispiel“ (S. 85) gibt.

  • Teil 1 der Reise: Auf See

Der erste Teil der Reise geht übers Mittelmeer und beginnt in Port-Ferrajo. Ungefähr 1000 Personen besteigen eine Brigg sowie sechs kleinere Schiffe. Außerdem sind noch 3 oder 4 Pferde an Bord. Es ist eine klare Nacht mit Mondlicht und Windstille. Wir haben den 26.02.1814. Nach Mitternacht kommt Wind auf, das Schiff bekommt Fahrt. Am Morgen wird Capraia sichtbar, eine kleine Insel nördlich von Elba. Sie liegt gewissermaßen an der Rennstrecke aller Schiffe die den italienischen Hafen Livorno anlaufen.

Ein französisches Schiff kreuzt, man hält ein Schwätzchen von Reling zu Reling und fährt weiter Richtung Genua. Dort wird ein wenig geballert. Engländer zeigen dem König von Sardinien neuartige Artilleriegeschosse.  Die Vorführung wird anlässlich der Vorbeifahrt der Reisegesellschaft kurz unterbrochen, um niemanden zu verletzen. In der darauf folgenden Nacht sind alle guter Stimmung, „lustig gehen Lichtsignale von Schiff zu Schiff“ (S. 93), und am nächsten Morgen kommt Kap Antibes in Sicht. Eine kleine Gruppe von zwanzig Teilnehmern erforscht die Gegend. Sie gehen Richtung Cannes, wo sie beim Küstenschutz Bescheid sagen wollen, dass sie eingetroffen seien. Zwar kommen sie unangemeldet und wollen keinen Ärger, werden aber trotzdem erstmal gefangen genommen.

Der Reiseleiter sitz derweil am Strand und spricht mit einigen armen Bauern aus dem Weiler Valauris. Die kamen einfach mal schauen, wer sich am Strand so rumtreibt. In der Umgebung wird noch ein Fährmann aufgetrieben und zum Reiseleiter gebracht. Der Reiseleiter fragt den Fährmann nach der Stimmung in Frankreich. Sinngemäß antwortet er, ja, man kenne den Reiseleiter, möge ihn irgendwie auch. Aber alles in allem sei man von dessen früheren Veranstaltungen noch etwas ermüdet. Und diese Ermüdung könne noch ein wenig anhalten. Folglich überkommt auch den Reiseleiter eine „tiefe Müdigkeit, die er nur schwer abschütteln kann.“ (S. 103)

  • Das Buch

Der Leser hat es mit Sicherheit schon bemerkt. Es geht um die „Herrschaft der Hundert Tage“, hier dargestellt anhand eines Buches von Friedrich Sieburg. Das Buch ist nach dem Reiseleiter betitelt und heißt „Napoleon“. In der Buchklub-Ausgabe (Jahr unbekannt) breitet Sieburg die Geschichte auf 433 Seiten aus. Die Reise von Elba nach Lyon macht etwa ein Drittel des Buches aus, von S. 71 – 208.

  • Teil 2 der Reise: zu Fuß durch Provence und Dauphiné

In Cannes herrscht nächtliches Treiben. Man kauft für viel Geld Lasttiere und Nahrungsmittel und reist weiter nach Grasse. Der dortige Bürgermeister meint, man habe an der Reisegruppe keinen Bedarf. Also zieht man weiter, nur einige Bewohner aus Grasse bringen den Reisenden „Früchte, Wein und vor allem Veilchen“ (S. 104).

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In der Zwischenzeit wird auch eine Nachricht an den Militärpräfekt von Marseille abgesetzt. Sie wird über mehrere Stationen befördert und in jeder Station ein wenig abgeschwächt, bis sie in Marseille noch einmal heruntergespielt wird. Von „Truppen aus Elba gelandet“ bis „ein paar Leute, denen es auf Elba zu langweilig wurde.“

Indes wird der Marsch schwierig. „In Grasse hört die Fahrstraße auf, ein steiler holpriger Pfad führt bis nach Digne“ (S.110). Der Inhalt des Packwagens wird auf Maultiere umgeladen, wer reitet, muss absteigen. Die Gruppe ist endlos auseinander gezogen. Es schneit in dicken Flocken.

Über das Bergdörfchen Seranon und Castellane erreichen sie Digne, dann weiter nach Sisteron. In den nächsten Ortschaften zeigen die Bewohner freundlichere Gesichter, man ist in der Dauphiné. In Gap wird man mit Laternen und Trommelwirbel begrüßt. Am folgenden Morgen werden ein paar Leute nach La Mure geschickt, um die Lage zu erkunden. Im nahen Grenoble steht ein Regiment, das die Reisenden feindselig empfangen möchte. Die Bevölkerung von Grenoble ist jedoch auch feindselig gegenüber dem Regiment. Der Reiseleiter lässt Flyer – „Flugblätter und Aufrufe“ (S. 114) verteilen. Dann läßt er sich „einen Eimer Wein kommen“ (S.115), eine bei Reisegruppen seit jeher beliebte Darreichungsform von Getränken.

  • Teil 3 der Reise: Erste Souvenirs

Kurz vor Laffraye verengt sich die Straße, die Lage wird brisant. Und die Nachrichten über diese Brisanz sind nun auch in Paris angekommen. Der Präfekt in Marseille sieht ein, dass er mit seiner optimistischen Beurteilung der Reisegruppe „vergriffen hat“. In Paris werden eifrige Aktivitäten gestartet, im Parlament, seinen Ausschüssen und in der Gesellschaft. Derweil gewinnt Napoleon die Schlacht um Grenoble alleine mit seiner Rhetorik und ohne einen Schuss abzufeuern.

Die Stellmacher (also die Kutschenbauer) und Zimmerleute Grenobles stehen der Gruppe bei. Sie bringen das Stadttor mit einem Rammbock zum Einsturz. Anschließend überreichen sie Teile des Stadttores.

Auf dem weiteren Weg nach Lyon und dortselbst wird dann schon viel verhandelt, verwaltet, organisiert und Dekrete verfasst. Davon, und von den folgenden Ereignissen handelt der Rest des Buches.

  • Bemerkungen

Was das Buch selbst betrifft, bin ich etwas ratlos. Bis zum Einmarsch in Paris ist es interessant aufgebaut.

Der Reisebericht wird immer wieder unterbrochen. Sieburg lässt Napoleon sich erinnern, an bestimmte Ereignisse in der Vergangenheit und an bestimmte Personen. Ganz besonders arbeitet man sich an Michel Ney ab. In diesen rückblendenden Schilderungen wird so die Geschichte entfaltet, die zum Aufenthalt auf Elba führte. Auf diese Weise wird auch ein Teil des Weltbildes Napoleons enthüllt, nicht immer zum Vorteil des Beschriebenen. Es bleibt jedoch unklar, welche Ansichten belegt / belegbar sind.

Es liest sich teils wie ein historischer Roman, teils ist es eine essayistische Zusammenfassung der Ereignisse. Nach Lyon springt der Autor ziemlich unmotiviert nach Wien und Paris und wieder zurück. Die Ereignisse danach bis Waterloo sind wieder recht geradlinig erzählt.

Beachtenswert ist besonders das 23-seitige Nachwort, das den Versuch darstellt, die Napoleon-Literatur zusammen zu fassen.

  • Nachklang

Der Weg, den Napoleon nahm, ist heute  als „Route Napoleon“ touristisch erschlossen, mit eigener Website.

 

 

 

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Grenoble. Ummauerte Welt

„Ummauerte Welt“ ist ein Roman von Pierre Magnan. Es gibt immer wieder Bücher, bei denen man sich fragt, weshalb sie nicht bekannter sind. Dieses gehört unzweifelhaft dazu.

Die Geschichte spielt in dem Dorf Chalvine unweit von Grenoble und beginnt ca. 1948. Die Handlung dehnt sich über zwei Jahre. Sie wird nur an wenigen Stellen und nur kurz verlagert, einmal nach Paris, einmal an den Col de Thule und schließlich nach Cannes und nach Annecy.

Zwei Männer begegnen sich in einer Kleinbahn auf dem Weg von Grenoble in das Dorf  Chalvine in den französischen Alpen. Robert Chatelier wird den Direktorenposten der nahe gelegenen Aluminiumhütte übernehmen. Marcel Verseau, ein in den Weltschmerz verliebter 25-jähriger Physikstudent, fährt in das Hotel seines Vaters, um dort Ferien zu machen. Sie reden fast nichts, und sie begegnen sich im Verlaufe der Geschichte immer wieder.

Chatelier fährt einige Tage später nach Paris. Er trifft Devallons, den Vorstand des Konzerns, zu dem die Hütte gehört. Chatelier stellt ihm eine neue Geschäftsidee vor. Wenig später ist eine Konferenz mit Devallons, Chatelier und vier Finanzchefs von anderen Konzernen. Sie sollen zur Ausbeutung der Geschäftsidee und zur Stärkung Frankreichs ein Gemeinschaftsunternehmen gründen. Lavillat, einer der Teilnehmer des Treffens, erpresst Chatelier, das Geschäft mit ihm alleine zu machen. In die Enge getrieben ermordet Chatelier Lavillat, indem er einen Bootsunfall vortäuscht. Eine kurze leidenschaftliche Affäre mit Devallons vergnügungssüchtiger Tochter Claude hilft ihm über die Gewissensbisse hinweg.  Claude durchschaut jedoch schnell, dass Chateliers Version des Bootsunfalls falsch ist.

In der Zwischenzeit weist Marcel Verseau gegen den Wunsch seiner Eltern die Avancen seiner Jugendliebe Josette von sich und zieht sich zu Studien in eine Almhütte zurück.

Chatelier versucht, für sein Vorhaben einige Studienfreunde wieder zu finden, die er für besonders zuverlässig hält. Er findet zwei von ihnen, Gambois und Corbieres. Kriegswirren hatten Corbieres nach Wladikawkas verschlagen. Nun schlägt er sich mit zwei Begleitern über Italien nach Frankreich durch. An der Berggrenze zwischen Italien und Frankreich, beim Col de Thule, verunglücken seine Begleiter tödlich. Nun wird auch Corbieres von Gewissensbissen geplagt.

Er und Gambois treffen sich bei Chatelier. Der Konzernchef Devallons weiht alle drei in das Projekt ein: Im Tal bei Chalvine wurde Yttrium gefunden. Chatelier hat ein Verfahren entwickelt, um mittels Yttrium Energie zu gewinnen.

Chatelier, Gambois und Corbieres vertiefen sich in das Projekt, indem sie sich in die Fabrik in Chalvine zurück ziehen. Bald darauf dringt der Journalist Massot in die Fabrik ein und belauscht die drei bei einer Unterhaltung mit Devallons. Sie stellen Massot zur Rede und fordern von ihm Diskretion über das Gehörte. Massot weigert sich, und ist auch nicht gegen gute Bezahlung bereit, das Projekt geheim zu halten. Ohne Wissen der anderen manipuliert nun Gambois Massots Auto, worauf dieser tödlich verunglückt.

Gambois geht zur Beichte in die Kirche, wo er unerwarteter weise Corbieres trifft. Dieser offenbart Gambois, dass er für den Geheimdienst der U.S.S.R. arbeitet und die neue Technologie ausspähen soll. Trotzdem wäre er bereit, aus Freundschaft zu Frankreich und Chatelier, für diesen zu sterben.

Die drei fahren mit ihrer Entwicklung, einer Apparatur zur Erzeugung von Energie auf der Basis von Yttrium, für einen Test ins nahe gelegene Gebirge. Das Ergebnis ist dem Anschein nach enttäuschend, denn es schmilzt ein wenig Schnee, sonst nichts.

Chatelier und Marcel begegnen sich erneut. Nun weiht Chatelier auch Marcel in sein geheimes Projekt ein. Dieser ist bereit, mitzuarbeiten. Die beiden arbeiten immer enger zusammen, was den Argwohn der beiden anderen Freunde erregt. Am Silvesterabend besucht Josette Marcel in seiner Hütte. Sie wird schwanger. Marcel versucht erfolglos, sie zu einer Abtreibung zu überreden.

Derweilen urlaubt Claude in Cannes und läßt das Leben der dortigen Schickeria an sich vorüberziehen. Nach dreimonatiger Ehe mit einem Schönling entschließt sie sich dazu, zu Chatelier zurück zu kehren. Sie trifft in Chalvine ein, herbergt im Hotel der Verseaus, und versucht Chatelier näher zu kommen. Der ist jedoch nach wie vor in sein Projekt vertieft, und so wird sie immer eifersüchtiger auf sein Projekt. Eines Abends fährt sie zur Fabrik. Sie sieht, wie ein Wagen – mit Marcel am Steuer – die Fabrik verläßt. Ihm folgt ein weiterer Wagen – mit Chatelier, Corbieres und Gambois. Sie fährt den beiden Wagen hinterher. Marcel hat sich inzwischen völlig mit dem Projekt identifiziert. Er hat eine neue Apparatur bei sich und möchte sie in einer Felsspalte zur Explosion bringen.

Man erfährt, dass bereits das erste Experiment erfolgreich war, denn es wurde ein Hase dematerialisiert, und im felsigen Untergrund entstand ein schmaler Riss. Auch das neue Experiment gelingt, Marcel jedoch stirbt dabei. Noch am Ort des Experiments stellt Claude Chatelier zur Rede, während des Wortgefechts zieht sie einen Revolver und erschießt Chatelier. Corbieres möchte den Tod seines Freundes ehrenvoller darstellen und beschwört Claude, der Polizei zu berichten, dass er – Corbieres – Chatelier erschossen habe und sich anschließend selbst richtete. Darauf erschießt er sich. Claude sagt der Polizei die Wahrheit und bekommt drei Jahre Gefängnis. Das Kind von Marcel und Josette kommt zur Welt.

Eine dramatische Geschichte um Schuld und Sühne. Drei Männer ziehen ein Projekt durch.  Jeder der drei hat den Tod eines  anderen Menschen zu verantworten, um das Projekt voran zu bringen. Auch der zunächst unbeteiligte Marcel geht unter Preisgabe seiner Liebe in der Arbeit auf. Der Titel resultiert daraus, dass die Handelnden bei ihren Experimenten an die Mauern stossen, die die materielle Welt umgrenzen.

Sie empfinden ihre Schuld ganz unterschiedlich. Für Chatelier spielt sie während der Geschichte keine Rolle mehr, im Todeskampf flüstert er den Namen des Opfers. Über Corbieres schwebt permanent der Tod. Er weiß, dass ihn im Falle seiner Enttarnung die Todesstrafe erwartet. Er richtet sich selbst zur Ehrenrettung Chateliers. Gambois überlebt als einziger unbeschadet.

Alles ist mit ironischem Tonfall und einer gut lesbaren Leichtigkeit erzählt. Charmante Charakterisierungen der Personen und Verständnis für deren sehr unterschiedliches Handeln, machen die Lektüre zu einem spannenden Vergnügen.