Spanien und Italien 1620 bis 1660. „I, Juan de Pareja“ von Elizabeth Borton

Elizabeth Borton de Trevino schrieb den historischen Roman „I, Juan de Pareja“ 1965. Das Buch erhielt 1966 die Newbery Medal, einen amerikanischen Literaturpreis für Jugendliteratur. Die deutsche Übersetzung von Klaus Weinmann aus dem Jahr 2001 trägt den Titel „Der Freund des Malers“. Hardcover 224 Seiten, Beltz Verlag.

  • In einem Satz

Juan arbeitet so lange als Atelierassistent bis er sich als Maler selbständig macht.

  • Die Hauptfigur

Der Ich-Erzähler ist der Sklave Juan de Pareja. Er ist historisch verbürgt und lebte 1606 – 1670. Juan arbeitete als Atelierassistent des Malers Diego Rodríguez de Silva y Velázquez. Velazquez lebte von 1599 bis 1660. Wir befinden uns also Mitte des 17. Jahrhunderts.

  • Wie kam Juan zu Velazquez?

Er ist Sklave in einem Haushalt in Sevilla. Nach dem Tod des Hausherrn und später dessen Witwe erbt der Maler Velazquez das Haus. Zum Erbe gehören auch die Sklaven, und so wird Velazquez der neue Herr des Juan. Bald wird Velazquez vom spanischen König Philipp IV. engagiert und der gesamte Haushalt zieht nach Madrid um.

Juan arbeitet im Atelier von Velazquez. Er reinigt die Pinsel, er mischt Farben, er sorgt für die Belichtung im Raum. Er würde auch gerne malen lernen. Eine Verordnung untersagt jedoch Sklaven jede Form der künstlerischen Tätigkeit.

Die Epoche war auch die erste große Blütezeit der Niederlande. Dort galt Peter Paul Rubens als der bedeutendste Maler. 1628 besucht Rubens den spanischen Hof. Er bleibt 8 Monate. Velazquez und Rubens lernen viel voneinander. Sie besuchen das Atelier des Bildhauers Meister Medina. Der ist berühmt für seine Figuren des Gekreuzigten und die beiden lernen das Geheimnis der eindinglichen schmerzverzerrten Gesichter der Skulpturen kennen: Meister Medina hat zur Folter Verurteilte bei ihren Qualen beobachtet.

Italienreisen von Velazquez

StepMap Italienreisen von Velazquez
  • Die erste Italienreise

1629 erhält Velazquez vom König den Auftrag, Italien zu bereisen. Juan begleitet ihn.

Anlass: Velazquez soll in Neapel die Infantin Maria porträtieren. Das ist die Schwester des Königs, die demnächst mit Ferdinand III von Ungarn verheiratet werden soll.

Zunächst fährt Velazquez mit Familie und einem Teil des Personals in zwei Kutschen nach Sevilla. Die Familie fährt zurück, Juan und Velazquez besteigen ein kleines Schiff, das sie über den schmutzig dahin fließenden Gualdalquivir ins offene Meer bringt, und weiter über ein paar kleinere Häfen und Malaga nach Barcelona.  Dort steigen Juan und Velazquez um in die prächtige Galeone des Marquis de Spinola. Das ist bequemer. Trotzdem wird Velazquez seekrank. Es geht nach Genua. Sie besuchen die großen Galerien in Genua und Florenz, die ihnen die Sprache verschlagen. Die beiden fertigen Kopien der großen Bilder an. Italien ist „ein Land, das für die Kunst lebte und dem man jeden seiner Fehler verzeihen konnte. “ (S. 110)

Velazquez fordert Juan auf, seine Eindrücke zu schildern: Das Licht ist anders als in Spanien. In Spanien ist das Licht klar, hart und blendend, die Schatten sind tiefer und dramatischer. In Italien ist das Licht wie eine Flüssigkeit und hat einen weichen Schimmer, die Schatten sind sanfter und die Umrisse der Gegenstände weicher. (S. 110)

Es geht weiter nach Rom, dann nach Neapel. Dort befindet sich der eigentliche Grund der Italienreise, nämlich die Infantin. Dann geht es noch nach Venedig, wo sie vom Winter überrascht werden, bis sie sich in Genua für die Rückreise einschiffen.

  • Die zweite Italienreise

Anlass: Velazquez soll Gemälde für den spanischen Hof kaufen.

In Sevilla tobt die Pest, Barcelona ist von den Franzosen besetzt. Juan und Velazquez schiffen in Malaga ein, von wo aus sie nach Genua fahren. Der Künstler kauft mehrere Gemälde und läßt sie auf einer spanischen Galeone an den Hof schicken.

Das Land ist besser zu bereisen als Spanien, denn die „italienischen Städte lagen oft nur einen Tagesmarsch beieinander“. (S 164) Die beiden haben fast kein Geld dabei, denn die Bankleute des Königs haben verfügt, dass in jeder Stadt die Geldwechsler bestimmte Summen bereit hielten.

Ein Schneesturm zwingt die Reisenden, in Cremona zu bleiben. Die Stadt war damals bereits berühmt für seine Geigenbauer-Dynastien. Und natürlich besuchen Velazquez und Juan eine Familie berühmter Geigenbauer (der Beschreibung und der Epoche nach dürften es die Amatis sein) und erfahren etwas über geheimnisvolle Lacke. Auf der Weiterreise friert Velazquez die Hand ein und ist gelähmt. Für ihn ist es eine Katastrophe. Juan pflegt und wickelt die Hand immer wieder, und schließlich ist der Maler geheilt.

Weiter geht es nach Venedig. Das Licht dort ist anders als im übrigen Italien. „In den meisten Regionen des Landes ist das Licht ein sanftes Gold, aber in Venedig hat es einen hellblauen Schimmer. Es ist ein strahlendes, reines Licht, ziemlich kühl, wie ein Widerschein des Meeres.“ (S. 169)

Von Venedig aus fahren sie in der Kutsche nach Rom. Papst Innozenz X empfängt Velazquez, während Juan draussen wartet. Als Velaquez von der Audienz zurück kehrt, hat er den Auftrag in der Tasche, den Papst zu malen.

Zur Überraschung von Juan ist es das Porträt eins zähen und starken Menschen und zeigt kein barmherziges Gesicht. „Kein schönes Gesicht, nicht einmal ein barmherziges…. Ich denke eher, dass er Manns genug ist, sich darüber zu freuen, dass ich ihn als zäh und stark gesehen habe.“ (S. 184)

Das Porträt wird ein durchschlagender Erfolg. Velazquez erhält eine Reihe Folgeaufträge aus dem italienischen Adel.

  • Schluss

Zurück in Madrid ruft Velazquez seinen Sklaven Juan zu sich. Juan erhält die Urkunde über seine Freilassung. Er bleibt aber bei Velazquez. immerhin darf er nun malen, was Sklaven verboten war. Am 6. August 1660 stirbt Velazquez. Juan kehrt nach Sevilla zurück, wo er sich ein eigenes Atelier einrichtet und ein erfolgreicher Maler wird.

  • Bemerkungen

Eine schön und leicht zu lesende Biographie über einen großen Künstler und sein Werk. Velazquez erklärt Juan immer wieder Details seiner Kunst seiner Maltechnik. So wird der Leser gemeinsam mit Juan an das Werk von Velazquez herangeführt. Im Nachwort klärt die Autorin auf, welche Fakten historisch sind und wo sie eigene Dinge erfunden hat, und wo sie erfundene und überlieferte Fakten miteinander verband. Mein Kritikpunkt ist, dass der Leser über das Spanien dieser Zeit wenig erfährt. Als Entschädigung gibt es aber über die Italienreisen umso mehr zu erfahren.

  • Was sonst geschah

Juan wurde in Sevilla ein geachteter Maler. Das Papstportrait gilt bis auf den heutigen Tag als das beste Portrait, das je von einem Papst gemalt wurde. Velazquez wurde in Madrid begraben. 1809 wurde die Kirche von Joseph Bonaparte eingeebnet, Velazquez‘ Grab ist verschollen.

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Lissabon – Marseille – Genua: „Die Geschichte eines Nashorns“ von Reinhold Schneider

Reinhold Schneider (1903 bis 1958) war ein badischer Autor, der stark mit der Stadt Freiburg verbunden war. In seinen ersten Werken hat er sich intensiv mit der Geschichte Portugals und Spaniens beschäftigt. Auch die Erzählung „Die Geschichte eines Nashorns“ – entstanden 1929 – spielt in der Umgebung des portugiesischen Königshofes. Der Text ist 20 Seiten lang.

  • Der Kontext

Die kurze Erzählung beginnt am Hofe König Emanuels des Glücklichen in Lissabon. Er regierte 1495 bis 1521. 20 Jahre vor dem geschilderten Ereignissen kehrte Vasco da Gama aus Calicut in Indien zurück. Nun, 1519, regiert der portugiesische König Brasilien, schickt Gesandte nach China und konkurriert auf dem internationalen Parkett mit den folgenden Herrschaften:

  • Franz I. Er regiert in Frankreich seit 1515. Frankreich galt als der militärisch stärkste Staat Europas. Franz war in ständigem Konflikt mit den Habsburgern um die Macht in Europa.
  • Karl V von Spanien. Er wurde am 28. Juni 1519 zum König gewählt. Zur Zeit der Erzählung ist dies bereits geschehen. Emanuel und der jeweilige spanische König sind in ständigem Konflikt um die Macht über Indien, Westindien und den Rest der Welt.
  • Der Papst zu dieser Zeit war Giovanni de‘ Medici. Ein prunksüchtiger Herrscher, der in unseren Breiten durch das Stichwort Ablasshandel und den Konflikt mit Luther berüchtigt ist. Emanuel schenkte dem Medici-Papst einmal einen Elefanten für dessen Menagerie.

 

Lissabon - Genua
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StepMap Lissabon - Genua

 

  • Die Geschichte

Ein indischer Fürst schenkte Emanuel ein Ungetüm mit einem nach hinten gebogenen Horn auf dem Rüssel. Emanuel ist der erste europäische Herrscher, der ein derartiges Ungeheuer besitzt. Das Tier gilt als wild und nicht zu bändigen. Dom Francisco, eine Art Minister am Hofe, schlägt dem König vor, dieses Tier und einen Elefanten in einem Triumphzug durch Lissabon laufen zu lassen. In einer Stierkampfarena sollen die beiden dann zur Ehre des Königs furchteinflößende Kurzweil veranstalten. Am nächsten Tage führt das geschmückte Nashorn einen Festzug an. Am Ende des Zuges reiten zwei Diener auf dem Elefanten, der in der Arena auf das Nashorn treffen soll.

Stolz betrachtet Emanuel des Festzug, zu dem er auch die Gesandten der anderen Herrscher eingeladen hat. Plötzlich bleibt das Nashorn stehen und starrt vor sich hin. Nichts mehr mit Ungetüm. Die ersten Zuschauer beginnen zu Lachen. Es trottet weiter bis in die Arena. Dort starrt es den Elefanten an. Der Elefant dreht durch, rennt aus der Arena und zerstört in der Stadt viele Marktstände. Gelächter bricht aus. Der König ist blamiert.

Emanuel beschließt, dass das Nashorn ein vortreffliches Diplomatengeschenkt wäre. Es ist „prächtig und schädlich zugleich“. Es soll an den Papst nach Rom geschickt werden. Auf der Vorbeifahrt darf es in Marseille Station machen. Dort soll es Franz I. bewundern dürfen. Der darf sich darüber ärgern, dass er sowas noch nicht besitzt.

Bald geht es los. Francisco fährt mit Diener und Nashorn via Ceuta, an Ibiza und Mallorca vorbei bis Marseille. Franz ist neidisch, und um Emanuel zu ärgern bietet er für das Nashorn einen hohen Preis. Francisco lehnt ab. Auf der Weiterfahrt gerät das Schiff in einen Sturm, das Nashorn reißt sich los und fegt über das Deck. Vor Genua versinken Schiff und Nashorn im Ligurischen Meer.

Das Nashorn wird gefunden, ausgestopft und nach Rom gebracht, wo es schließlich verstaubt.

  • Bemerkungen

Die Erzählung beginnt richtig turbulent und unterhaltsam. Der König, der von der Natur in seinen Absichten gestört wird, der sich dann überlegt, wen er mit einem Geschenk ärgern kann. Das Tier, das am meisten Unruhe stiftet, wenn es nur rumsteht. Das ist Material für eine unterhaltsame Geschichte. Leider säuft mit dem Schiff auch die Story ab. Zwar lehnt sich die Handlung an eine tatsächliche Begebenheit an. Aber als Erzählung endet es zu abrupt und unmotiviert. Fontane hat ja vorgemacht, wie man aus einem historischen Rahmen erzählerisch etwas entwickeln kann. Was hätte ein herumstehendes Tier bei Hofe noch so alles anrichten können. Schade.

Die Erzählung ist im übrigen schwer zu finden. Ich habe sie einer Anthologie entnommen: Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts von Bertelsmann Lesering, so etwa aus den frühen 60ern.

Karte # 12: 12 Mal „Am Mittelmeer“. Rafael Chirbes

Rafael Chirbes, ein spanischer Autor, in Valencia lebend, veröffentlichte „Mediterraneos“ im Jahr 1997 als Buch. Es sind Miniaturen, kurze Beschreibungen mediterraner Städte, die ursprünglich (1990 – 1996) für eine Zeitschrift verfasst wurden. Chirbes reist dem Buch „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Zeit Philipps II“ von Fernando Braudel nach. Die Texte wurden ins Deutsche übersetzt und erschienen in dem Band „Am Mittelmeer“. Die Städte werden auf 124 Seiten in der Kürze dargestellt, die ein Reisender  zwischen Ankommen und Weiterziehen erfassen kann. Jede Stadt oder Gegend lebt einen ganz speziellen Gegensatz aus. Die Überschriften der einzelnen Beiträge habe ich in die Landkarte eingefügt.

  • Los geht’s

Das Buch beginnt auf Kreta, dem „bis zur Decke lichtgefliesten Badezimmer Europas“. Es ist der Gegensatz zwischen der Antike, die ihren Reiz an die Besucher der vergangenen Jahrhunderte verschwendet hat, und dem modernen Suchenden, der keinen Eindruck festhalten kann. T-Shirts bedruckt mit 1000-jährigen Motiven sind ebenso zu sehen wie Ruinen, die sich schon zu sehr vergeudet haben.  Chirbes fährt von Chania aus zum Palast von Knossos, dann blumengesäumten Strassen weiter an den Strand. Der Autor gibt auch das Thema der Reportagen vor: Übersättigt vom vielen Umherreisen gilt es, den Augenblick zu wählen, den der Reisende von einem Ort in Erinnerung behalten wird. Das ist nicht einfach an einem Ort, dessen Ruinen nichts mehr hergeben, weil sie den Besuchern in über tausend Jahren schon alles gegeben haben.

Es geht weiter zu dem turbulenten Treiben auf dem Mercado Central in Valencia. Chirbes zitiert viel aus dem Werk von Blasco Ibanez „Arroz y Tartana“. Es herrscht „deftige Üppigkeit“, die man sich im Schatten von Reliquienschreinen nicht vorzustellen vermag.

Istanbul wird mit vielen historischen Einschüben beschrieben. Die Stadt war über Jahrtausende mal Weltmetropole und mal bedeutungslos. Heute sieht man die Paläste, Moscheen und Märkte aus allen Zeiten. Europa ist allgegenwärtig, den Asiatischen Teil sieht man mit einer Vertrautheit, die „man aus der Distanz der Bücher und Enzyklopädien geknüpft hat“.

Lyon liegt bekanntlich nicht am Mittelmeer. Aber es ist die erste Stadt des europäischen Nordens, wenn man von Süden her anreist, und die erste Stadt Südeuropas, wenn man von Norden kommt. Ein „expressionistisches Portrait des gemarterten Herzens“. Mit lautstarker Melancholie und starren Ritualen verkleidet sich die Stadt nach dem Geschmack desjenigen, der mit ihr zusammen trifft.

Es folgt ein Spaziergang durch die Museen Genuas. Deren äußere Prachtentfaltung korrespondiert mit deren Schätzen im Innern.

Venedig erlebt der Autor an einem Regentag. Die Stadt, in der alles zerfließt, wurde auf magische Weise eins mit dem Wasser. Ein fragiles Gleichgewicht zwischen Wasser und festem Weg entsteht, von dem übrigens schon Byron und Shelley fasziniert waren.

  • Pause

Zum Blick auf die Karte gibt es „nicht zu harten , nicht zu weichen Reis der Paella“ aus Denia, dazu „Wodka, mit einem Schuss Zitrone verfeinert“ aus einem russischen Lokal in Istanbul.

  • Weiter

Alexandria ist die Stadt mit zwei Häfen, dem des Mittelmeeres und dem ins Landesinnere führenden Nilhafen im Mareotis-See. (Wirklich? der See scheint nicht gerade schiffbar zu sein? – Anmerkung des Bloggers). Man sieht Reiterstandbilder, Basare, Märkte und Geschäfte. Die Stadt ist schon mehrmals gestorben.

Es folgt ein Beitrag, nicht über eine Stadt, sondern über einen ganzen Landstrich. Chirbes fährt die Ostküste Tunesiens runter von Monastir bis zur Insel Djerba. Er fährt durch trostlose Weite, in der Erde und Meer ineinander übergehen.

Denia, ein kleines Städtchen an der spanischen Mittelmeerküste, zwischen Valencia und Benidorm, ist die Heimat des Autors und so ist der Bericht voller persönlicher Reminiszenzen. Die Gegend ist „janusköpfig“ zwischen karger Ödnis und kirschbaumbewachsenen Bergterrassen. Außerdem durfte Denia ab und zu als Filmkulisse herhalten.

Der Artikel über Kairo heißt „Das Erbe der Welt“. Mir blieb unklar, weshalb. Die ganze Stadt ist ein Markt, eine riesige Auslage. Über eine Seite lang wird die Bestückung der Märkte beschrieben, mitsamt der Herkunftsregionen der Produkte. Der Reisende jedenfalls ist benommen von Keuchen der Lasttiere, die beladen sind mit allem, was die Ufer des Nils hergeben. Ansonsten ist alles in dieser Stadt grenzenlos, sie ist ein vielschichtiges Palimpsest. Der Artikel wurde 1994 geschrieben.

Schließlich geht es um Benidorm. Der Beitrag heißt „Vom Wohlfahrtsstaat“. Der Leser merkt auf. Die Überschrift lässt zur Abwechslung einen gesellschaftlichen Schwerpunkt vermuten. Tatsächlich ist Benidorm was Besonderes. Die einzige Stadt der Region, die zum Winter hin zum Leben erwacht, wenn Heerscharen von Rentnern und Rekonvaleszenten zum Überwintern vor Anker gehen. Die Kultur des Ortes ist von ihnen geprägt.

Zu guter Letzt führt der Weg nach Rom. Von der Antike über die Renaissance her kommend, lebt die Stadt bis heute von ihrer ruhenden und maßlosen Präsenz. Sie lebt also gerade nicht von dem, was sich verändert. Oder doch? Dem Autor fallen die großen Regisseure ein, und plötzlich beschreibt er eine moderne Stadt aus Fleisch und Blut, nicht aus Stein, in der die Erdtöne fröhlicheren Farben weichen.

  • Anmerkungen

Die einzelnen Berichte folgen einem Muster. Schnell entsteht der Eindruck, dass der Autor in jedem Text eine vertraute Struktur wiederholt. Das ganze Mittelmeer besteht aus Bauwerken, ganz vielen Märkten und etlichen Gegensätzen. Gegensätze zwischen alt und neu, turbulent und ruhend, riechend und lauschend. Chirbes schreibt über Alexandria: „Doch lehrt es, dass an den Ufern des Mittelmeeres die Trümmer Teil allen Überdauerns sind“. Diese Erkenntnis vermittelt das Buch für die gesamte Region. Der Autor beobachtet gut und beschreibt detailliert.

Leider verfasst Chirbes gerne endlos lange Sätze, die schwer zu lesen sind. Es ist kein Buch, um es auf die Schnelle durchzulesen. Dennoch ein gutes Begleitwerk zu aktuellen Reiseführern. Müsste ich eine Reise planen, und müsste ich mich alleine aufgrund dieses Buches entscheiden, dann wären Valencia und Lyon erste Wahl.

Karten # 9 & # 10: 1822 – Pisa ohne schiefen Turm

Das nächste Buch ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein Leckerbissen. Die Handlung wurde durch den Besuch einer Buchhandlung ausgelöst. Es ist autobiographisch. Der Autor Edward John Trelawny steht nicht mal im deutschen Wikipedia. Er schrieb „Recollections of the Last Days of Shelley and Byron“, das 1858 erstmals in England erschien. Meine Taschenbuchausgabe trägt den Titel „Letzte Sommer“ und ist von 1998.

  • Das Setup

Edward John Trelawny ist lebenslustiger Engländer und mit einem Privateinkommen ausgestattet, das ihm Reisen auf den Kontinent ermöglicht. Es ist das Frühjahr 1821. In Lausanne besucht er regelmäßig eine Buchhandlung. Der Buchhändler schwärmt von einem jungen englischen Dichter namens Percy Bysshe Shelley. Wochen später in Genf begegnet Trelawny einem Vetter Shelleys. Durch einen weiteren Bekannten, Williams, kommt schließlich der Kontakt mit Shelley zustande. Eine weite Reise durch Europa führt Trelawny schließlich 1822 nach Pisa. (Anmerkung – es ist die gleiche Zeit, zu der in Russland Puschkins „Dubrowski“ zum Räuber wird)

  • Die Geschichte

Gleich am Tag seiner Ankunft in Pisa begibt sich Trelawny in die Tre Palazzi. Dort wohnen Shelley und Williams, der Freund aus Genfer Tagen, mit ihren Frauen. Als er den knabenhaft wirkenden Shelley zum ersten Mal trifft, kann er nicht glauben, dass dieser Jüngling Schriften verfasste, wegen deren „antichristlichem Inhalt“ er gemieden wird wie die „pestilenzische Krankheit“. Shelley ist ein Energiebündel und kennt nur drei Aktivitäten, er liest, schreibt oder schläft. Alles drei macht er auch gerne am Wasser. Dann ist er unauffindbar, woran sich aber alle schnell gewöhnt haben.

Am nächsten Tag gehen Shelley und Trelawny zu Lord Byron, der mit großer Equipage ebenfalls in Pisa lebt. Zu dritt reiten sie aus, vespern Wein und Kuchen, ballern mit Pistolen auf Münzen und Rohre und reiten wieder zurück. Überhaupt sind sie oft zu Pferde unterwegs. Schwimmen geht nicht, zum Leidwesen Trelawnys. Der war nämlich bei der Marine und ist ein leidenschaftlicher Schwimmer. Byrons Beine neigen zu Krämpfen und Zuckungen. Shelley kann gar nicht schwimmen. Byron hat außerdem Angst davor, dick zu werden und hungert viel. Byron ist misstrauisch gegenüber jedem und in Gesellschaft unausstehlich. Andererseits gilt er als unbedacht, sorglos und durch einen  frischen Geist leicht zu beeinflussen.

Shelley und Trelawny reiten nach Livorno, um Geschäfte zu erledigen. Sie unterhalten sich über Philosophie und Literatur. Trelawny vertritt den Standpunkt, dass die Vernunft und mit ihr die Wissenschaft die Erkenntnis zu neuen Höhen führen wird. Shelley hingegen hält die Vernunft für „von den Priestern verschüttet.“ Nur die kultivierte List und die Leidenschaften gewinnen die Oberhand.

Aus reiner Neugier gehen die beiden in Livorno zuerst an Bord eines griechischen Schiffes und anschließend an Bord eine amerikanischen Schiffes. Sie vergleichen die Schiffe und mit ihnen die Charaktere der beiden Völker in einem höchst unterhaltsamen Dialog.

Auf dem Rückritt (sagt man so?) beschließen die beiden, eine kleine Kolonie in der Bucht von La Spezia zu gründen. Es gelingt, die Herren Williams und Byron dafür zu begeistern. Williams kommt gleich mit, Byron bleibt jedoch in Pisa und will später nachkommen. Diese Zögerlichkeit wird ihm das Leben retten.

  • Pause

Zum Blick auf die Karte gibt es Cafe au Lait. Trelawny schätzt ihn bei seinen regelmäßigen Frühstücksgesprächen am Genfer See.

  • Weiter

In La Spezia beziehen sie einen kleinen verlassenen Palast, die Villa Magna. Sie geben den Bau zweier Boote in Auftrag. Die „Don Juan“ ist früher fertig und gehört Williams, die „Bolivar“ gehört Byron. Beide Schiffe werden mit Personal bestückt, die Herren Engländer schippern also nicht selbst.

Eines Tages wird Besuch aus Genua erwartet. Shelley möchte mit dem Schiff auslaufen, um Fische für das Gastmahl zu fangen. Er kehrt zurück, nackt und durchnässt und durchquert die Räume, wo der Besuch mit empörter Miene hinguckt. Die Episode veranschaulicht, wie unkonventionell sich Shelley stets verhielt.

Am 8. Juli 1822 fahren alle Mann mit beiden Schiffen nach Livorno. Schlechtes Wetter zieht auf. Die „Bolivar“ mit Trelawny an Bord wird von der Hafenpolizei angehalten und wegen fehlender Papiere am Auslaufen gehindert. Als das Gewitter verzogen ist, fehlt die „Don Juan“. Drei Tage später werden die Leichen von Shelley und Williams am Strand gefunden. Sie werden notdürftig im Sand vergraben, damit sie nicht weiter verwesen. Im August wurde werden sie dann im Beisein von diversen italienischen Beamten verbrannt. Der erforderliche Papierkram wie auch der Vorgang des Ausgrabens und Verbrennens wird sehr genau beobachtet und mit vielen physischen – und auf den Leser morbide wirkenden – Details geschildert.

Die späteren Untersuchungen des Schiffswracks ergeben, dass das Schiff von einer Feluke gerammt worden sein muss. Ein noch späterer Briefwechsel kommt zu dem Schluss, dass dies absichtlich geschah.

  • Anmerkungen

Dramatisch in der Handlung, tiefsinnig in der Dialogführung. Das Buch ist alles andere als ein Reisebericht, obgleich es Trelawnys Hobby war, durch Europa zu reisen. Sein Interesse galt einzig den beiden Dichtern. Deswegen tauchen die allgemeinen Sehenswürdigkeiten Pisas nicht auf. Das Buch ist ein eher Psychogramm und gibt einen kurzen Überblick über den Zeitgeist, der von der romantischen Dichtung geprägt war. Auch in England. Die Fortsetzung des Buches führt Byron und Trelawny nach Griechenland, wo sie am Freiheitskampf teilnehmen. Shelleys Witwe übrigens machte später noch auf sich aufmerksam. Sie ist die Autorin des Romans „Frankenstein“.

http://en.wikipedia.org/wiki/Edward_John_Trelawney

http://www.rc.umd.edu/reference/misc/shelleysites/italy/gulfofspezia/gulfofspezia.html

http://www.rc.umd.edu/reference/misc/shelleysites/italy/pisa/pisa.html

Mit dem Schiff nach Malaysia und dann weiter nach Hongkong

Heute geht es nach Malaysia. „Roter Lampion“ von C.C. Bergius läuft auf 408 Seiten um den halben Erdball. Es ist ein Spionageroman, der meistens auf dem Schiff und später im Fernen Osten spielt. Aber weil es ja auch um Geographie geht, kommt hier erstmal die Reiseroute: London – Rotterdam – Golf von Biscaya – Genua – Port Said – Suezkanal – Suez – Dschibouti – Penang. Hier endet die Seereise, der Rest der Geschichte spielt in Ipoh, Kuala Lumpur, Hongkong und Macao. Zwischen Kuala Lumpur und Hongkong wird per Flugzeug gependelt, zwsichen Hongkong und Macao per Schnellboot und in Malaysia wird Auto gefahren.

Die Geschichte beginnt 1967 in London. Vor dem Ritz explodiert der Bentley von Ivo Soronkin. Der ist Waffenhändler aus Hongkong. Der MI5 erfährt, dass Soronkin mit dem Dampfer „Bayern“ nach Hongkong fahren will und beauftragt Gordon Cooper, mit Soronkin Kontakt aufzunehmen. Soronkin leitet die „British Chinese Ex- and Import Company“, hinter deren Fassade ein Spionagering vermutet wird.

Cooper, und damit beginnt die Reise, geht in Rotterdam an Bord der „Bayern“. Die Fahrt führt dann erstmal bis nach Genua. Während eines Landganges erhält Cooper dort weitere Informationen. An Bord befindet sich auch die attraktive Patrice MacDonald. Sie verriet 1951 ihren Geliebten an den Secret Service, und sie hat schon mit Soronkin angebandelt. Nicht mehr an Bord ist der französische Agent Lefebre. Als er die „Bayern“ verläßt, verneigt er sich vor dem chinesischen Passagier Lim Swee Long. Das stimmt  Cooper bedenklich.

Die Fahrt geht weiter bis nach Port Said. Den Passagieren sind Landgänge untersagt. Soronkin darf mit einer Sondergenehmigung das Schiff verlassen. Er fährt nach Kairo, um danach in Suez wieder an Bord zu gehen. Tätigt er etwa Waffengeschäfte?

Während Soronkin an Land ist, explodiert in seiner Kabine eine Bombe. Cooper vermutet spontan Lim als Attentäter.

Die Fahrt geht weiter durch das Rote Meer nach Dschibuti. Unterwegs engagiert Soronkin Cooper als seinen Privatsekretär. Die „Bayern“ durchfährt die Straße von Malakka. Dort verunglückt Soronkin (er guckt aus Neugier in die Ladeluke und wird von einem Flaschenzug am Rücken getroffen), wird in ein Hospital in Penang und später im Gipsbett in die Uniklinik nach Kuala Lumpur transportiert. Cooper verliebt sich in die Ethnologin Margot Holstein, die bereits auf dem Schiff kennlernte. Sie weist ihn zurück.

Der Sechs-Tage-Krieg bricht aus. Soronkin vermutet, dass die Sowjetunion nun Waffen an Ägypten verkaufen wird. Auf diese Wiese aus dem Markt gedrängt, möchte er daher in anderen arabischen Ländern neue Märkte erschließen. Dazu benötigt er Kredite. Er beauftragt Cooper, nach Hongkong zu fliegen. Dort soll er sich mit Ah Boon treffen, der Soronkins Partner bei der Bank of China ist. Cooper darf auch in Soronkins Privathaus wohnen, das von Lo Sung verwaltet wird. Der ist der Neffe von Ah Boon. Cooper entdeckt im Haus Abhörmikrophone.

Cooper erfährt, dass der Agent Bill Hawker nach Hongkong kommt. Am folgenden Morgen wird Hawker unter dem Vorwand, er habe Geld unterschlagen, verhaftet und Soronkins Haus durchsucht.

Soronkin befiehlt nun Cooper nach Kuala Lumpur und erteilt ihm den Auftrag, für 500.000 Dollar ein Privatflugzeug zu kaufen, mit dem er Soronkin nach Hong Kong fliegen kann, obwohl er im Rollstuhl sitzt. Cooper kauft unter Vermittlung des Japaners Lee Akira eine Maschine von einer Bank, die diese Maschine gerade verwertet.

Überhaupt Lee Akira: Er besitzt 55 % der Albion Tin Works in Ipoh und ist außerdem der Adoptivsohn des Geliebten von Patrice, den sie mal verriet. Die anderen 45 % kamen von einem Engländer namens George Hamilton, der sie an den indischen Gouverneur Mac Donald verkaufte. Nach dessen Tod erbte Patrice MacDonald diesen Anteil. Um Patrice aus dem Geschäft zu drängen, befiehlt Lee Akira seinen Arbeitern, unauffällig immer weniger zu produzieren. Patrice MacDonald ist beunruhigt, weil ihre Aktien immer weiter fallen. Soronkin erfährt davon. Als die Bank Patrice unter Druck setzt, kauft Soronkin ihr die Anteile ab. Patrice verunglückt kurz darauf tödlich. Dies ist für Cooper ein Vorwand, wieder nach Hongkong fliegen zu dürfen. Dort trifft er Lo Sung wieder und auch die junge Frau Su-Su, in die er sich verliebt. Sie fahren nach Macao, begegnen in einem Casino zufällig Lim Swee Long und fahren wieder zurück, als Su-Su belästigt wird.

In Hongkong sieht Cooper, wie ein roter Lampion aufsteigt. Er hält dies für ein verabredetes Zeichen. Er fliegt am nächsten Morgen nach Kuala Lumpur und nimmt Soronkins Boy Tim aus dem Hong Konger Privathaus von Soronkin mit. Vor Soronkin gesteht Tim, dass er die Abhöranlage im Auftrag von Lo Sung installierte.  Außerdem hat Lo Sung einen florierenden Handel mit Ginseng-Wurzeln (1 Gramm Wurzel kostet 1 Gramm Gold). Der Handel läuft über Macao. Lo Sung beauftragte Lim Swee Long mit dem Mord an Soronkin. Ihn zu überführen soll er von Macao nach HongKong gelockt werden.

Lee Akira fährt nach Macao, trifft Lim und beauftragt ihn, einen gefälschten Pass zu besorgen. Für die Übergabe benutzt er die Adresse der „British Chinese Ex- and Import Company“, die damit als Spionageorganisation entlarvt ist.

Lim fliegt fährt zur Übergabe nach Hongkong, wo er verhaftet wird.

Nun gut.

Eine weite Schiffreise, an deren Ende viel zwischen Hongkong und Malaysia hin und her gejettet wird. Ansonsten hat das Buch für den heutigen Leser etwas Niedliches. der Agent Cooper hat ständig Angst, Fehler zu machen. Als er den Auftrag von Soronkin erhält, sein Sekretär zu werden, sagt er zu und weiß, dass er seine Kompetenzen überschreitet. Er empfindet einen Loyalitätskonflikt zwischen Soronkin und dem MI5. Und er verliebt sich gleich zweimal, in Margit Holstein und Su-Su. Eine böse Ginseng-Wurzel-Handelsorganisation wird einem Waffenhändler gefährlich. Nett, das alles. Und natürlich ist Margit Holstein dabei, Soronkin zu überzeugen, statt Waffen zu schmuggeln das Rote Kreuz zu unterstützen.

Es wird auch die große Politik gestreift. Der Sechs-Tage-Krieg läuft kurz nach der Durchfahrt des Golf von Suez. China steckt in einer Art Bürgerkrieg zwischen verfeindeten Fraktionen der Roten Garden fest. Trotzdem hat es seine erste Wasserstoffbombe gezündet. Soronkin hat hierfür die Bauteile für ein 20-Mio-Volt Zyklotron geliefert. Und auf dem Weg von Singapur nach Hongkong überfliegt Cooper Vietnam und sinniert darüber, was Menschen anderen Menschen so antun. Die Freundschaft zu einem Waffenhändler bringt ihn nicht auf derartige Gedanken. Das Überfliegen des Kriegsgebiets war wohl zu dieser Zeit auch kein Problem.

Die handelnden Personen bleiben einförmig. Der von wiederholten Zweifeln geplagte Agent Cooper, sein Gegenspieler Soronkin, der im Krankenhaus liegend die Welt an sich vorbei ziehen läßt, Lim Swee Long wird von Anfang an verdächtigt und ist dann wirklich der Täter. Nicht mal Holstein, Lee Akira oder Ah Boon treiben ein falsches Spiel.
Aus geographischer Sicht fragwürdig: Das Schiff fährt aus dem Roten Meer nach Malaysia und fährt weder Indien (Bombay) noch Ceylon an. Das scheint unrealisitisch

Positiv: Es gibt viel Handlung an unterschiedlichsten Orten. Am schönsten ist die Szene, in der Soronkin nach dem Unfall sein Leben wieder selbst in die Hände nimmt, indem er Cooper beauftragt, ein Flugzeug zu kaufen.

Und der Ginsengkurs ist seither drastisch gefallen. Im Roman heißt es für das Jahr 1967: 1 Gramm Wurzel = 1 Gramm Gold. Bei einem Goldpreis von 35,18 USD pro Unze (also 1,13 USD pro Gramm Gold und einem Dollarkurs von 4 DM) kostete die Wurzel ca. 4,51 DM oder 2,31 EUR in heutiger Währung.

Heute kostet 1 Gramm Wurzel ca. 1 EUR, also 1,96 DM. Das sind nur noch 43 % – in heutiger Währung. In Gold gerechnet ist der Preisverfall noch dramatischer: Bei einem Goldpreis von 1700 USD pro Unze (also 54,83 USD pro Gramm und einem EUR/USD-Kurs von 1,4) sind das 39 EUR pro Gramm. Ein Euro kostet also 0,025 Gramm Gold. Die Wurzel Ginseng kostet also in Gold gerechnet nur noch 2,5 % dessen, was sie 1967 gekostet hat.

So ändern sich die Zeiten.