Henry Hobhouse: „Tea and the Destruction of China“

Heute geht es um ein Stück Wirtschaftsgeschichte. Das Buch „5 Pflanzen verändern die Welt“ von Hobhouse habe ich bereits vorgestellt und das Kapitel über Zucker besprochen. Heute geht es um das Kapitel „Tea and the Destruction of China“. In der deutschen Übersetzung von Franziska Jung heißt es „Tee: Der Untergang des alten China“.

Damit geht es gleichzeitig auch um die Britische Osindien-Kompagnie, einen internationalen Konzern, der den Weltmarkt zwei Jahrhunderte lang beherrschte.

Die Absatzmärkte sind schnell aufgezählt: Niederlande, ein wenig Spanien und vor allen Dingen England. Dort bildeten sich Handelsgesellschaften, die Gewürze aus dem fernen Osten herbeischafften. Irgendwann ab 1650 herum war auch Tee dabei.

Die Beschaffungsmärkte sind auch schnell genannt: China. Sonst nichts. An einem Kai in Kanton trat er in den Gesichtskreis von Europäern. Die Europäer zahlten mit Silber und Kupfer. An anderen Produkten hatte China kein Interesse.

Das Problem war, dass die beiden Märkte weit auseinander lagen. Und so wuchs dem Transport die entscheidende Bedeutung zu. Ab ca. 1685 hatte die englische Ostindienkompanie das Monopol für den Handel mit Tee. (Handel und Transport lagen also in einer Hand). Die Ostindienfahrer schipperten dann erstmal auf den Meeren umher. Ihre dickbauchigen Schiffe glichen Warenhäusern. Die Kapitäne und Offiziere hatten ein Privathandelskontingent, von dem sie an den Küsten des indischen Ozeans reichlich Gebrauch machten. Die Fahrt dauerte so etwa 150 – 270 Tage.

  • Der Absatzmarkt wächst exponentiell

Tee wurde in England immer beliebter. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden 15.000 Tonnen p.a. importiert. Tee war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Also versuchte jeder, der es konnte, in den Markt einzugreifen. Die Folgen waren fatal.

  • 1. Konsequenz: Steuern

Wie immer, wenn ein Produkt erfolgreich ist, hält der Staat die Hand auf:
England besteuerte Tee mit bis zu 100 % des Großhandelspreises. Logische Folge: Der Schmuggel nahm zu. Die Offiziere verkauften aus ihrem Privatkontingent an holländische Schmuggler (sehr gute Qualitäten übrigens). Der Staat reagierte mit einem Programm: Man wollte den Absatzmarkt bereinigen, indem man Tee in die Kolonien exportierte. Die Steuer wurde gesenkt, gleichzeitig aber auch für den nach Neu-England importierten Tee erhoben. Die Steuer brachte weniger ein als die Beitreibung kostete, aber man wollte aus Prinzip nicht auf die „Besteuerung ohne Repräsentanz“ verzichten.

Das Ergebnis ist bekannt. In Neuengland mischte man Tee mit Meerwasser (Das war die Tea Party), die Krone reagierte unentspannt (schloss die Häfen), und die Kolonien wurden unabhängig

  • 2. Konsequenz: Verschnitt

Um die Mengen zu erhöhen schraubte man an der Qualität. Der Tee wurde verschnitten und gestreckt. Vermutlich schon auf dem Weg vom chinesischen Bauern über Zwischenhändler bis nach Kanton. Dann aber auf den Schiffen, bei den Lageristen, bei den Auktionen und beim Händler in England. Der Tee wurde gestreckt mit Holz, Blättern, Orangen oder Ölen. Ein Relikt aus dieser Zeit ist der Earl Grey.

  • 3. Konsequenz: schnellerer Transport

Die Blütezeit der schnellen Chinaklipper begann. Sie waren 5 mal so lang wie breit (Im Vergleich zu 3:1 der alten Ostindienschiffe). Geschwindigkeit wurde zum Werbeargument. Den Engländern wurde eingeredet, dass frisch geernteter Tee besser ist, als länger liegender. Und sogar der Clipper wurde zum Verkaufsargument, wenn stolz angepriesen wurde, dass der Tee mit der Cutty Sark transportiert wurde.

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  • 4. Konsequenz: Der Tee-Opium-Silber-Komplex

Der Einkaufspreis für die 15000 Tonnen in Kanton betrug 2 Millionen Pfund. Woher nahm man die, wenn es die Möglichkeit, Geld zu drucken noch nicht gab? Man handelte das Silber den Chinesen selbst ab, indem man ihnen Opium verkaufte.

Eine Art Dreieckshandel entstand: In Patna und im Himalaya wurde unter der Aufsicht der Kolonialherren Opium angebaut und produziert. Das wurde nach Kanton gefahren und verkauft. Bezahlt wurde mit Silbermünzen. In Kalkutta tauschten die Händler das Silber gegen englische Wechsel. Die Kompanie fuhr das Silber nach England, wo es die Teehändler übernahmen. Damit fuhren sie nach Kanton, um mit den chinesischen Silbermünzen wieder Tee zu kaufen.

Die chinesischen Machthaber waren natürlich entsetzt über die Verwahrlosung ihrer Untertanen und verboten den Handel mit den Engländern. Die beschossen Chusan, erklärten einige Städte zu freien Häfen, und der Handel ging weiter. Das war 1840.

  • 5. Konsequenz: Porzellan

Es gab noch ein anderes Transportproblem, und zwar auf den Schiffen selbst: Tee war anfällig gegen Feuchtigkeit und musste in der Mitte des Schiffes verstaut werden. Rundherum  wurde Ballast transportiert. Die Kargadeure (Frachtmeister) der Kompanie kauften in Kanton den erforderlichen Ballast zusammen. Aus alten Frachtlisten weiß man: 25% des Teegewichtes musste ausbalanciert werden und 25% des Ballastes bestand aus – Porzellan. Hochgerechnet kamen im 18. Jahrhundert 214 Millionen Teile Porzellan nach England.

So flutete der Tee chinesisches Porzellan in die englischen Haushalte. Jedoch gab es erstens bis ca. 1720 keine Kannen. Und die Tassen hatten keine Henkel. Die brauchte man aber, um die Tassen mit dem heißen Tee drin anzufassen. Also kam in den Städten der Beruf des Henkelmachers in Mode.
1702 in Meißen wurde das Geheimnis des Porzellanmachens entdeckt. Die Fürsten schützten ihre Manufakturen mit Importzöllen und der Handel mit chinesischem Porzellan kam vollständig zum Erliegen, obwohl es besser und billiger war als das europäische.

  • Neue Beschaffungsmärkte

Folgerichtig begann die Erforschung der Pflanze und des Herstellungsprozesses, und bald gab es erste Plantagen in Indien und Java. Dann, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, entstand in Indien und Ceylon eine Teeproduktion, die im Laufe der Jahrzehnte industrielle Maßstäbe annahm.

Es folgen eine Abhandlung über die Produktion von Tee. Immerhin hat man 200 Jahre lang mit einem Produkt gehandelt, über dessen Erzeugung nichts bekannt war. Und schließlich ein Kapitel über Japan. Japan hat sich nicht am großen Handel mit Tee beteiligt und blieb daher von destruktiven Entwicklungen verschont.

  • Bemerkungen

Ich mag die Perspektive von Hobhouse: Die Geschichte und ihre Konflikte als Funktionen der Märkte zu sehen. Der Autor betrachtet die Geschichte der Pflanzen individuell: Während es im Kapitel „Zucker“ gerade der Freie Welthandel war, der zur Abschaffung der Sklaverei führte, entfaltet er (der Welthandel, nicht der Autor) beim Tee eher eine destruktive Wirkung. Und ich mag Hobhouse’s essayistische Schreibweise. Die englische Perspektive hält er konsequent und augenzwinkernd durch. Und schließlich belegt er vieles mit Statistiken und Kalkulationen.

Zum Wohl. Oder wie sagt man beim Teetrinken?

Karte # 33: Die Zuckerinseln der Karibik: „Zucker“ von Henri Hobhouse

Vor kurzem habe ich das Buch „Unter falscher Flagge“ aus der Drinkwater- Serie vorgestellt. Ein Thema dabei war der Zuckerschmuggel. Da trifft es sich, dass ich ein Bändchen fand, das sich mit der ökonomischen Geschichte des Zuckers befasst (nicht der Kulturgeschichte wohlgemerkt).

Vor mir liegt das Buch „Fünf Pflanzen verändern die Welt“ von Henri Hobhouse. Es ist eines der typisch englischen Sachbücher, die mit ihrer humorvollen Erzählweise gerne originelle Gedanken in die Welt setzen. Speziell geht es hier um das Kapitel „Zucker“, das sind die Seiten 68 – 126.

  • Das Produkt

Es geht um die Jahre von 1432 (da haben Portugiesen in Funchal auf Madeira erstmals Zuckerrohr zu Pulpe verarbeitet) bis zur Veröffentlichung des Buches 1985. Und es geht im Kern um drei karibische Inseln, die in jeweils einem Jahrhundert die Produktion und den Handel von Zucker prägten.

  • Das Problem

Mitte des 17. Jahrhunderts hat England ein Problem: Die Karibikinseln haben zwar eine strategische Bedeutung als Stützpunkte gegen die Spanier. Aber sie sind unrentabel. Also stellt sich die Frage: Wie bringt man die Entwicklung von Ländern voran, die einen Ozean weit von den Märkten in Europa entfernt lagen. Wie bringt man die Kosten der Besiedelung wieder rein?

Es gibt Plantagen mit verschiedenen Produkten. Maschinen müssen importiert werden. Schwieriger ist es mit den Arbeitern. In Europa ist es üblich, dass ein Eroberer die einheimische Bevölkerung untertan macht und für sich arbeiten läßt. In der Karibik aber ist diese einheimische Bevölkerung  entweder geflohen  oder tot. Also müssen die Arbeiter importiert werden. Man nimmt zunächst Schuldner, Kleinkriminelle und ähnliche Leute mit.

  • Die Lösung

Irgendwann fällt die strategische Entscheidung, die Kolonien durch den Anbau von Zuckerrohr rentabel zu machen. Dafür benötigt man: Gute Wachstumsbedingungen, Brennmaterial, viele Arbeitskräfte und einen wachsenden Absatzmarkt. Den wachsenden Absatzmarkt gibt es in Europa, wo Kaffee, Tee und Kakao die Nachfrage nach Zucker ankurbeln. Hobhouse stellt dar, dass diese Nachfrage künstlich erzeugt wurde und die Bevölkerung systematisch süchtig nach Zucker gemacht wurde, um die Kolonien rentabel zu machen. Fruchtbaren Boden und Brennmaterial hat man auch.

Aber dann die Sache mit den Arbeitskräften. Man stellt schnell fest, dass die mitgereisten Engländer nicht ausreichen. Zweimal im Jahr, einmal zur Pflanzung und einmal zur Ernte, ist körperliche Schwerstarbeit zu verrichten. England beginnt, Sklaven aus Afrika in die Karibik zu verschiffen.

Karte 33 "Zucker" von Henry Hobhouse

StepMap Karte 33 "Zucker" von Henry Hobhouse

 

  • Barbados (17. Jahrhundert)

1660 ist Barbados der größte Zuckerproduzent weltweit. Das Brennmaterial wächst auf der Insel. Als alles abgeholzt ist, importiert man Kohle aus Newcastle.

Es gibt 16.000 Grundbesitzer, dazu 30.000 Zwangsverpflichtete und Sklaven. Zucker wird in Monokultur angebaut, die Betriebsgröße beträgt 200 Morgen. Doch nicht jeder tut sich freiwillig dieses arbeitsintensive Geschäft an. Und so sinkt die Zahl der Grundbesitzer und die Zahl der Sklaven – schwarzer wie weißer – steigt. Der Dreieckshandel wird etabliert. Barbados ist der am dichtesten besiedelte Flecken der Erde. Die harten Bedingungen führen zu einer Brutalisierung der Lage. Dennoch bleibt die Insel bis 1808 von Aufständen verschont.

  • Jamaika (18. Jahrhundert)

Im 18. Jahrhundert wird Barbados von Jamaica (britisch seit 1655) als Hauptproduktionsort abgelöst. Schnell werden Kingston und Port Royal zum Hauptumschlagplatz des gesamten Karibikhandels. Die Betriebsgröße beträgt 700 Morgen, auf jeder Plantage leben vier mal so viele Sklaven wie in Barbados, diese sind jedoch nur halb so produktiv. England kontrolliert 1783 über 60 % des weltweiten Zuckerhandels.

  • Vom Niedergang des Zuckerhandels zur Abschaffung der Sklaverei

Ende des 18 Jahrhunderts geht es mit der karibischen Zuckerindustrie bergab. Die Ursachen:

Bis 1783 führt der Merkantilismus das Regiment: Exporte sind wichtiger als Importe. Mit dem Erlös der Exporte kauft man Gold und Silber. Das Anhäufen von Reichtümern ist wichtiger als der Verbrauch. Der Handel bereichert also den einheimischen Industriellen. Eigenbedarf deckt man folglich durch Eigenproduktion. Der Staat unterstützt den Export, das Anhäufen von Gold und den Transport von Waren mit eigenen Schiffen. Und greift immer wieder mal ein.

Ab 1783 wird die Basis für den freien Welthandel gelegt. Die Verantwortlichkeit des Einzelnen für das Gemeinwohl wird wichtig. Der Reichtum der Nationen entsteht aus der Summe dessen, was die Individuen erwirtschaften. Die Exporterlöse stehen denen zu, die die exportierten Güter herstellen, transportieren und handeln. Importe ermöglichen ein komfortableres Leben. Sinkende Preise kommen den Konsumenten zugute.

Die konkreten Auswirkungen: Der Dreieckshandel ist in das Endstadium eines Massengeschäftes getreten und nicht mehr rentabel. Der Krieg gibt der englischen Regierung 1807 die Möglichkeit, Schiffsladeraum zu beschlagnahmen. Der Zuckeranbau lastet schwer auf den Bankbilanzen. Die Bankiers wenden sich neuen Investitionsmöglichkeiten zu. Die industrielle Revolution steht vor der Tür.

Der Sklavenhandel wird verboten, die verblieben Sklaven steigen im Wert. Zunächst sind damit die Bankdarlehen wieder besser gesichert. 1834 wird die Sklaverei gänzlich verboten. Von den Entschädigungszahlungen können Zuckerproduzenten ihre Kredite zurück führen. Oft reicht das Geld aber nicht aus und viele Betriebe werden insolvent.

Ein weiterer Grund spielt sich mitten in Europa ab. Der deutsche Botaniker Marggraf hatte bereits Mitte des 19 Jahrhunderts Rübenzucker isoliert. Durch Kreuzungen wurden noch stärker zuckerhaltige Rüben geschaffen. Napoleon wird auf diese Forschungen aufmerksam. Mit der Zuckerrübe kann sich nun jedes Land selbst mit Zucker versorgen. 1851 schafft England alle Zölle auf Rübenzucker ab. Die Karibik ist pleite. Die Sklaverei ist erledigt.

  • Kuba (19. Jahrhundert)

Dann ist da noch die Sache mit Kuba. Nach der Abschaffung der Sklaverei in den USA 1865 zieht es die Zuckerproduzenten aus dem Südosten der USA nach Kuba. Dort erzielen sie Fortschritte in der Produktivität. Sie führen eine zentrale Zuckermühle ein (anstelle einer Mühle pro Plantage) und bauen 1845 die erste Eisenbahnlinie Mittelamerikas, von Havanna nach Guines. Immer neue Unruhen führen dazu, dass die USA 1898 Kuba von den Spaniern erobern. Nach 1945 bricht der amerikanische Absatzmarkt ein und erholt sich auch in den 50er Jahren nicht mehr. Fidel Castro, Sohn eines Besitzers von 10.000 Morgen Zuckerplantage, übernimmt die Macht. Kuba versorgt jetzt die UdSSR. So hat das Land zweimal mit viel Tamtam seinen Großabnehmer gegen einen anderen ausgetauscht.

  • Bemerkungen

Das Buch ist mit viel Zahlenwerk (Statistiken und Anmerkungen) unterfüttert. Außerdem schreibt der Autor in mehreren Handlungssträngen, die er am Ende zusammen führt. Nicht einfach zu lesen also. Aber andererseits ist es unterhaltsam in der Diktion. Auch vertritt der Autor einige skurrile Thesen, die augenzwinkernd gedacht sind. Und so vermittelt er einen erfrischend ungewöhnlichen Blick auf Geschichte. Und der macht Spass.

Geschichte kann man eben auch als Organisation von Absatzmärkten und Rohstoffmärkten interpretieren. Zucker – sagt das Buch – ist ein schönes Beispiel dafür, wie freier Welthandel zu mehr Freiheit führt und mit der Ausbreitung von Menschenrechten einher geht. In Verbindung mit Pflanzenforschung führte er zur Abschaffung der Sklaverei.