Karte 44: Wieder mal Paris – „La Chamade“ von Francoise Sagan

Vor einigen Monaten habe ich ein Buch von Francoise Sagan vorgestellt, von dem ich enttäuscht war. Als ich „Chamade“ zur Hand nahm, habe ich nicht viel erwartet, und ich wurde angenehm überrascht. Der Roman erschien im Jahr 1965, die Übersetzung von Elisabeth Schneider ein Jahr später hat 159 Seiten. Der Roman besteht aus drei Teilen, „Frühling“, „Sommer“ und „Herbst“.

  • Der Frühling (blaue Punkte)

Die Geschichte spielt im Paris der 1960er Jahre. Ein großartiger Romananfang lädt zum Weiterlesen ein: Der Leser begleitet über drei Seiten hinweg einen Windstoß, der durch ein Apartment weht, auf der linken Flußseite, mit Fenstern  hin zur Seine. Im Apartment wachen an diesem Frühjahrsmorgen Lucile und Charles auf. Sie ist charmant, aber keine Schönheit und etwa 30. Charles Blassans-Lignieres ist in den 50ern.

Schnell erfährt der Leser: Die beiden lernten sich im Salon von Claire Santré in der Avenue Montaigne kennen. Überhaupt – Claire: Sie gibt Empfänge zu dem Zweck attraktive Frauen und reiche Männer miteinander zu verkuppeln.

Hier wurden auch Antoine und Diane verkuppelt. Antoine ist Journalist und Autor, erfolglos zwar, aber Diane hat erkannt, dass es in diesem Jahr „in“ ist, einen Autor als Geliebten zu haben. Sie gehört zu den „Naturen, die nur das Gegenwärtige pflegen und den Rest verbrennen“. Diane hat aus einer Affäre mit einem reichen Autor einen Rolls-Royce und ein paar Kontakte abgesahnt.

Nun hat Claire zur Gesellschaft geladen, und die zwei Paare (Charles & Lucile sowie Antoine & Diane) neben einander gesetzt. Antoine und Lucile lachen miteinander, Diane wird erkennbar eifersüchtig. Man verabschiedet sich, wobei es gelingt, dass Antoine und Lucile alleine zu Fuß gehen (blaue Strecke)

  • Paris

Paris ist schwarz, leuchtend, verführerisch, und die beiden gehen ans andere Seineufer, und über die Rue de Rivoli und den Place de la Concorde zurück. Antoine erzählt ihr seine Geschichte. Er ist Witwer.

Der Konflikt ist gesetzt: Claire wird in Zukunft Spass daran haben, die vier zusammen einzuladen. Diane ist aufgrund ihrer Eifersuchtsszene in der Gesellschaft verloren, und sie weiß es. Claire lädt alle vier zur Theaterpremiere ins Theatre l’Atelier am Place Dancourt. Anschließend geht man zusammen essen. Lucile und Antoine beginnen unter den Augen aller eine leidenschaftliche Affäre. Gleichzeitig wahren sie die Form und gehen gemeinsam auf Gesellschaften, zum Beispiel ins „Pre-Catalan“ am Bois de Boulogne.

Wenige Tage später – Charles ist geschäftlich in New York – fordert Antoine Lucile ultimativ auf, Charles zu verlassen. Er will mit Lucile leben. Damit entgleitet die Sache der strippenziehenden Claire. Die nächsten Tage sind zäh, denn Lucile wagt es nicht, mit Charles zu sprechen. Charles denkt, sie sei einfach erholungsbedürftig, und schickt sie an die Cote d’Azur.

Antoine ist zielstrebiger. Er hat Diane seine Liebe zu Lucile gestanden. Das bedeutet für ihn, den armen Autor, dass er von der reichen Gesellschaft ausgeschlossen ist. Dann reist Antoine zu Lucile nach Saint-Tropez. Er drängt sie, sofort zu Charles nach Paris zu fahren. Dort angekommen, wirft Charles Lucile aus der gemeinsamen Wohnung.

  • Der Sommer

Das kurze Kapitel „Sommer“ zeigt Lucile, wie sie in Antoines Wohnung Tomatensaft trinkt, liest, raucht und schläft. Sie vermißt die von Charles spendierten Urlaube, sie geht in Paris hin und her. Bald ist September.

  • Der Herbst (grüne Punkte)

Der „Herbst“ beginnt. Sie wartet am Place de l’Alma auf den Bus. Sie verkauft ihren Schmuck am Place Vendome. Weil das Geld weniger wird, besorgt Antoine ihr eine Stelle im Verlag, in dem auch er arbeitet. Sie bekommt 100.000 Francs im Monat. Da ein Kleid von Dior 300.000 kostet, ist sie unzufrieden.

Die Lektüre von „Wilde Palmen“ von William Faulkner veranlasst sie, ihren Job zu kündigen (nach gerade mal zwei Wochen). Wochenlang verheimlicht sie es Antoine (allerdings ist mir nicht klar, weshalb sich das nicht bis zu ihm durchspricht). Sie trifft sich im „Espandon“ mit anderen Literatur interessierten Männern. Als Antoine davon erfährt, ist er enttäuscht.

Zu allem Überfluss erwartet Lucile ein Kind von Antoine. Sie will es nicht. Deswegen bettelt sie ihren Ex Charles um Geld an. In der Folge kommt es zum Zerwürfnis zwischen Antoine und Lucile. Beide erkennen, dass sie sich selbst – und einander – mit ihrer Liebe belogen haben.

Am Ende trifft sich Lucile öfters mit Charles, den sie schließlich heiratet.

  • Bemerkungen

Der Leser begleitet die Protagonisten auf ihren Wegen vom physischen Begehren zur richtigen Liebesgeschichte, von den Schritten, sich dem eigenen Leben, den Wünschen und Erwartungen zu stellen, und sich zu fragen, ob die Selbstgefälligkeit die Einsamkeit wert ist. Das alles in einer sensiblen und schönen Sprache.

Deswegen möchte ich – weil es so selten geschieht – die Übersetzung besonders loben. Elisabeth Schneider lässt den guten alten Konjunktiv II am Leben ( „Charles hatte sie zwei Stunden lang befürchten lassen, sie käme zu spät“). Und sie widersteht der Versuchung, das Wort Chamade zu übersetzen. In der Mitte des Buches flüstert Lucile nach dem Liebesspiel ihrem Antoine ins Ohr, sie höre den Chamade (im Kontext ist es der Schlag des Herzens). Am Ende des Buches wird aufgeklärt, dass damit ein Trommelwirbel gemeint ist, der eine Niederlage ankündigt.

  • Und ein Wort zum französischen Francs 1960

Am Rande hat mich noch ein ökonomisches Detail beschäftigt. Lucile bekommt als Angestellte 100.000 Francs im Monat. Der Wachmann in Süskinds „Taube“ bekommt 25 Jahre später nur 3000 Francs im Monat. Wie kann das sein? Tatsächlich – dazwischen lag eine Währungsreform.
Wikipedia schreibt dazu: „Da durch die Inflation die Preise ‚unhandlich viele Nullen‘ bekommen hatten, wurde 1958 die Einführung des Nouveau Franc (NF) zum 1. Januar 1960 verfügt. Ein NF, seit 1963 offiziell nur noch Franc (F) genannt, entsprach 100 alten Francs (anciens francs). Die alten Franc-Münzen konnten als Centimes weiter verwendet werden. In der Alltagssprache blieb die Angabe in alten Francs noch über Jahrzehnte gebräuchlich.“
Die Geschichte muss also nicht zwingend vor 1960 spielen.

Fazit: Das Buch ist eine lesenswerte unterhaltsame Lektüre

„Das Totenschiff“ von B. Traven

Das Totenschiff Cover

Den Beitrag über „Das Totenschiff“ habe ich vor knapp einem Jahr veröffentlicht. Nun gibt es zu diesem sehr lesenswerten Buch auch die Karte.








Das Totenschiff
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StepMap Das Totenschiff



Der Roman „Das Totenschiff“ des geheimnisumwitterten Schriftstellers B. Traven hat 227 Seiten. Das Buch spielt im Jahr 1926 und handelt in drei Teilen von den sehr speziellen Erlebnissen des amerikanischen Matrosen Gales. Er ist der Ich-Erzähler und hat im Buch keinen Vornamen.

  • Teil 1 spielt an Land.

Gales hat auf dem Frachter „Tuscaloosa“ angeheuert. Ein Landgang in Antwerpen, eine Hafenhure, und schwupps: Er versäumt das Auslaufen seines Schiffes. Ohne Papiere, Geld und Gepäck beginnt für ihn eine Odyssee durch Europa. Die fehlenden Papiere sorgen dafür, dass er überall als Staatenloser angesehen wird. Folglich wird er aus jedem Land in das nächste abgeschoben. Die Polizei Antwerpens zeigt ihm, wie er nach Rotterdam kommt, die niederländische Polizei setzt ihn in einen Zug nach Paris, der dortige amerikanische Konsul glaubt ihm seine Geschichte nicht. Gales muss mit dem Zug weiter über Limoges nach Toulouse. Dort wird er wegen „Eisenbahnbetruges“ (so hieß wohl Schwarzfahren früher) verhaftet. Da er mitbekommen hat, dass Amerikaner schlecht angesehen sind, gibt er sich als Deutscher aus. Er sitzt seine Strafe ab und zieht weiter. Eine Bauernfamilie gibt ihm Unterschlupf. Es entstehen amüsante Dialoge. So muss er seinen Gastgebern in Frankreich einmal von Deutschland erzählen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er sagt, er sei aus Südfalen, „da, wo die Hochöfen sind, in denen Königsberger Klopse geschmolzen werden“. Später will er weiter nach Spanien. Kurz vor der Grenze wird er einer französischen Festungsbesatzung inhaftiert und zum Tode verurteilt.

Er wird von einem französischen Offizier verhört. Seiner Schlagfertigkeit verdankt er es, dass er nach Spanien abgeschoben wird. Gales wird aufgegriffen und mit einer Menge Wein und Käse wieder aufgepäppelt. Von Barcelona aus fährt er später kurz nach Marseille, weil er dachte, dass dort amerikanische Schiffe liegen. Dem war aber nicht so. Enttäuscht geht er wieder zurück nach Spanien, wo er faulenzend zwischen Cadiz und Sevilla pendelt.

Während er nun im Hafen von Cadiz beim Angeln sitzt („Angeln ist gelebte Philosophie“), bemerkt er ein altes Schiff, die „Yorikke“. Sie schrammt am Kai entlang. Sie wurde schon häufig umbenannt und umgeflaggt. Die Mannschaft ist schlecht ernährt. Der Kapitän „ein Esel. Die Yorikke war viel intelligenter als ihr Kapitän.“ Die Mannschaft entdeckt Gales und überredet ihn, mitzufahren. Nach Liverpool.

Ende Teil 1

  • Teil 2 spielt auf See an Bord der „Yorikke“

Die Fahrt auf der „Yorikke“ beginnt konfliktreich. Gales gibt sich nun nicht mehr als Deutscher aus, sondern als Ägypter. Gales nennt sich nun Pippip, wird als Kohlenzieher eingeteilt, erfährt, dass das Schiff nicht nach Liverpool fährt, zumindest nicht jetzt, und Heuer bekommt er erstmal auch nicht. Der Kohlenzieher – er wird auch Kohlenschlepp genannt – muss dem Heizer die Kohle bringen. Mit den Kohlen hält der Heizer die neun Feuer im Schiff auf Flamme. Die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich, 12-Stunden-Schichten als Kohlenzieher, direkt anschließend 4 Stunden Wache und wieder eine lange Schicht als Kohlenzieher. Die Körper der Matrosen sind gezeichnet, die Arme voller Brandwunden, Hautfetzen hängen herab. Die Matrosen waschen sich mit Asche und Sand. Mehrere Kapitel lang beschreibt Traven, wie sein Körper immer mehr zerschunden wird. Er beobachtet seine Kollegen bei ihrer Arbeit, an der sie langsam zerbrechen. Einige sind bereits Toten gleich.

Die „Yorikke“ legt in Marokko an, sie wird mit Kisten voll Pflaumenmus beladen. Gales öffnet eine Kiste und stellt fest, dass in den Musgläsern Munition versteckt ist. Nach und nach findet er heraus, dass das Schiff zum Waffenschmuggel dient. Er freundet sich mit seinem Kohlenzieher-Kollegen an. Stanislaw Koslowski ist in Posen geboren, dann jahrzehntelang auf Schiffen gefahren. Nach dem Weltkrieg wurde Posen polnisch, jedoch hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, zu „optieren“, also aus freien Stücken die deutsche Staatsangehörigkeit zu behalten. Stanislaw war zu dieser Zeit auf See. Als er später einen Pass haben möchte, bekommt er von den deutschen Behörden keinen, da er in ihren Augen Pole ist, von den polnischen Behörden keinen, da er in deren Augen  Deutscher ist. Auf einer deutschen Behörde bekommt er schließlich einen Pass als „Staatenloser“. Damit kann er auf keinem guten Schiff anheuern, da er hierfür eine Staatsangehörigkeit benötigt. Also kam er auf die „Yorikke“. Auf ihr fahren viele Seeleute ohne Pass, die für alle Länder als Tote gelten, und deren Tod niemand bemerken oder betrauern würde. Sie können in keinem Hafen abmustern, denn dazu wären Papiere nötig, die ein Heimatland ausweisen. Das weiß auch der Skipper und enthält den Seeleuten die Heuer vor.

Das Schiff fährt weiter nach Tripolis und dann nach Dakar, wo die Mannschaft tatsächlich an Land gehen darf.

Ende Teil 2

  • Der kurze Teil 3 spielt an Bord der „Empress of Madagascar“

Stanislaw und Gales wollen auf der „Empress of Madagascar“ anheuern, weil sie neu aussieht. Sie erkundigen sich auf anderen Schiffen nach ihr und schnell wird klar, dass das Schiff für einen Versicherungsbetrug benutzt werden soll. Damit wird den beiden klar, dass sie doch besser  nicht auf die „Empress“ gehen. Sie werden jedoch „shanghait“ und landen als Heizer auf dem Schiff. Nach kurzer Zeit läuft die „Empress“ auf ein Riff auf. Teile der Mannschaft – besonders die Offiziere – gehen in die Rettungsboote, ein anderer Teil bleibt an Deck. Eine große Welle reißt die „Empress“ vom Riff los. Stanislaw beginnt zu halluzinieren und springt ins Meer, wo er ertrinkt. Gales gehört zu den wenigen, die gerettet werden.

  • Bemerkungen

Teil 1 ist amüsant und satirisch geschrieben, Teil 2 ist dramatischer und tragischer. Er stellt die Grausamkeit des Schiffes anschaulich dar, die schrecklichen Arbeitsbedingungen, Betrug, aber auch Freundschaft. Wie schon erwähnt, spielt die Handlung im Jahre 1926, der vergangene Erste Weltkrieg ist allgegenwärtig. Die Inflation wird ebenso thematisiert wie die Bildung der Nationalstaaten, die das Phänomen der Staatenlosigkeit nach sich zog. In dem kurzen Teil 3 sinkt das Schiff in einer bildhaften und dramatischen Schilderung.

Eine interessante Fußnote des damaligen Zeitgeistes sind die Anmerkungen Gales‘ über Spanien. Er erlebt dort zum ersten Mal in seinem Leben eine riesige Demonstration. Ursache war der Wunsch der Regierung, ein neues Meldegesetz einzuführen. Der Roman ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur, reicht jedoch weit darüber hinaus. Er ist von politischen und sozialkritischen Noten durchsetzt, die stimmig in die Handlung und die Personen eingebaut wurden.

Karte # 32: Burgund – „Burgundy Stars“ von William Echikson

Heute stelle ich einen biographischen Roman aus dem Jahr 1995 vor. Es geht um „Burgundy Stars“ von William Echikson. In der deutschen Übersetzung von Petra Hrabak und Rita Seuß aus dem Jahr 1998 heißt es „Die Sterne Burgunds“. Das Knaur-TB hat 368 Seiten. William Echikson erzählt die Lebensgeschichte des Kochs Bernard Loiseau.

  • Das Setup

Loiseau wurde 1951 in Clermont-Ferrand geboren. Er geht in Roanne in die Lehre als Koch. Einige Stationen später wird er Küchenchef eines Lokals in Paris, das dem Unternehmer Vergers gehört. Er gerät in die Szene der Stars, Unternehmer und Politiker. 1975 kauft Vergers in Saulieu das „Cote d’Or“. Es hat zwei Michelin-Sterne. Saulieu liegt in Burgund, in der Umgebung haben bereits mehrere Lokale zwei oder drei Sterne Fünf Jahre später kauft Loiseau das Lokal seinem Gönner ab. Er investiert, baut das Lokal aus und will den dritten Stern bekommen. Nein, er will nicht, er ist besessen davon, ihn haben zu müssen.

  • Das Personal

Zunächst kann der Leser Bernard dabei zusehen, wie er das Lokal umorganisiert. Jeder Angestellte wird zuständig für einen bestimmten Aufgabenbereich. Militärisch gekleidete Kellner bringen den Gästen Speisen an den Tisch, es gibt einen Käsetester, einen Patisseur, einen Abteilungskoch für Fleisch und die Praktikanten zur Perfektionierung der ständig wiederkehrenden Tätigkeiten (Schälen und Rupfen). Im Laufe des Buches wird man immer wieder Zeuge verschiedener Konflikte. Die Angestellten haben die Befehle des Kochs entgegen zu nehmen. Ein amerikanischer Praktikant sagt, dass die Franzosen deswegen auch so dumme Fragen stellen.

  • Das Konzept

Er kreiert neue Varianten alter Rezepte. Mehl- und Sahnesaucen werden abgeschafft. Schnecken und Froschschenkel werden leichter. Der Eigengeschmack der Speisen wird herausgearbeitet. Bernard erfindet Neues, wie Hecht und Schnapper auf Seeigel. Er komponiert Themenmenus aus Kartoffeln oder Spargeln.

  • Die Kosten

Auf der Jagd nach dem Stern schaut sich Bernard andere Lokale an, die den dritten Stern haben. Alle haben mit viel Aufwand umgebaut, aus ihren Restaurants wurden Chateaus oder Wohlfühlpaläste mit Hotelbetrieb. Also stürzt sich Loiseau in die Verhandlungen mit Banken.  Es ist Wirtschaftskrise, die Autobahn wurde um Saulieu gebaut und hält Gäste davon ab, in den Ort zu kommen, die Branche gilt als „schlecht“. Am Ende hat Loiseau 15 Mio Francs aufgenommen, die er in Monatsraten von 225.000 Francs zurück zahlen muss. Ohne zu wissen, ob wegen des Umbaus ein einziger Gast mehr kommt.

Am Silvestertag 1990 ist das umgebaute Lokal erstmals voll (120 Gäste á 1000 Francs Umsatz).

Karte 32 - Burgund
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StepMap Karte 32 - Burgund


  • Die Region

Als nächstes sucht er sich die besten Zutaten und Lieferanten für Produkte aus der Region. Diese Kapitel (eines pro Produkt) sind eine wunderbare Reise durch die Dörfer Burgunds. Er sucht Pfifferlinge und Steinpilze in den unzugänglichen Wäldern von Morvan. Er schießt Tauben (fleischige, nicht die städtischen). Weine findet Bernard in und um Savigny-sur-Beaune und Nuits-Saint-Georges. Käse in Epoisse (die Käsesuche ist mein Lieblingskapitel). Schnecken in Blancey. Rindfleisch in Charolles. Nur der Bäcker in Brazey lehnt ab, weil er keine Lust hat, seine Produktion auszuweiten.

Dann beginnt die Pressearbeit. Bernard fährt mit Fernsehteams und Journalisten zu jedem seiner Lieferanten. Fototermine, Auftritte in TV-Shows folgen. Die Preise der Gerichte steigen. Nur der Gewinn stagniert bei 60 Angestellten. Dann endlich erhält er den dritten Stern.

Das Lokal ist jeden Tag voll besetzt. Schließlich kommt sogar Mitterand. Er bringt übrigens selbst gesammelte Pilze mit.

  • Neue Wege

Die Nouvelle Cuisine ist mittlerweile zu einer Spielwiese von Experimentalköchen geworden (es gibt so merkwürdige Sachen wie Ente in Schokolade) oder für schöne Gemälde auf dem Teller, die mit Kiwis verziert sind, aber nicht schmecken. Die guten Köche, darunter neben Loiseau auch Bocuse schauen sich nach neuen Geschäftsideen um.

Bocuse ist es schließlich, der die Parole ausgibt: Wir müssen von McDonalds lernen. Zwei Dinge können die besser. Sie beziehen die Kinder in den Betrieb mit ein, und sie machen ein Menu für Familien mit Kindern preislich attraktiv. Und dann gibt es weitere potentielle Kunden. Das sind alle die, die sich von der förmlichen Atmosphäre eines 3-Sterne-Lokals abgeschreckt fühlen.

Die Lösungen sind Tiefkühlgerichte – pardon: Tiefkühl-Gourmet-Gerichte. Außerdem entstehen Bistro-Ketten, und schließlich stellen die Sternköche ihre Namen auch für einfachere Lokale zur Verfügung. Es kommen Kochbücher auf den Markt, und es kommen Anfragen aus anderen Ländern, Restaurants zu eröffnen. Bernards erstes ausländisches Restaurant steht in Kobe in Japan. Dann folgen Gespräche mit den Produktmanagern von Unilever und eine Suppenedition entsteht.

Aber der Markt ist gesättigt. Die Bistros sind das erste Anzeichen für die Sehnsucht nach mehr authentischem Leben. Rindfleisch wird durch mehrere Skandale diskreditiert. Die Kreditzinsen sind hoch; Bernard muss 13 Angestellte entlassen. Seinen Konkurrenten geht es nicht besser. Da helfen auch ein paar verliehene Orden nicht weiter. Irgendwann kommt aber auch der nächste Aufschwung, neue Preise. Die Geschichte endet 1994.

  • Bemerkungen

Es kein Gourmet-Buch, kein erzähltes Kochbuch. Das Buch handelt von den organisatorischen Problemen eines Mannes, der ein Unternehmen führt, seinem Wettlauf um die beste Qualität, und natürlich seinen finanziellen Herausforderungen. So erfährt man, dass die wichtigste Neuerung der Nouvelle Cousine eine ökonomische war. Der Koch ist von nun an gleichzeitig der Besitzer des Lokals, nicht mehr Angestellter. Und der Maitre d’hotel ist an Weisungen des Kochs gebunden. An dieser kleinen Bemerkung erahnt man die Spannungen, die es zuvor zwischen den beiden gegeben haben muss. 
Es ist spannend erzählt und bietet einen tiefen Einblick in die Geschichte, Kultur und Ökonomie Burgunds. Das weitere Leben Loiseaus verläuft tragisch. Er erschoss sich 2008. Seine Witwe führt das „Cote d’Or“ bis heute weiter.

Karte # 22: Großraum Paris 1890 – „Die vertane Schönheit“ von Guy de Maupassant

Das Buch „Die vertane Schönheit“ enthält 11 „Novellen“ von Guy de Maupassant. Die Geschichten wurden ursprünglich für Zeitungen geschrieben. Der Autor hat den Band 1890 selbst zusammen gestellt. Ich habe die TB-Ausgabe des dtv aus dem Jahr 2000, Nachwort und Neuübersetzung von Hermann Lindner. Auf dem Umschlag ist ein Teil des Gemäldes „Portrait of Lise“ von Renoir abgebildet. Etliche Geschichten spielen im Großraum westlich von Paris. Man bewegt sich mit allem, was es gibt: Kutsche, Eisenbahn und Boot.

  • Geschichten in der Umgebung von Paris
  • In der Kutsche: Die vertane Schönheit (L’Inutile Beauté, April 1890)

Grüne Knöpfe: Eine Kutschfahrt durch Paris. Über die Champs-Elysee, am Arc de Triumphe vorbei bis zum Bois de Boulogne. Von dort zurück zur Kirche Saint-Philippe-Du-Roule. In der Kutsche sind Comte und Comtesse  Mascaret. Sie haben 7 Kinder. In der Kirche gesteht sie ihm, dass eines nicht von ihm sei. Jahre später gesteht sie ihm dann, dass sie ihn angelogen hat. Sie wollte nicht mehr von ihrem Mann unterdrückt werden, sondern ausgehen und ob ihrer Schönheit bewundert werden. (Gute Unterhaltung mit viel Sympathie für die Comtesse)

  • Im Ruderboot: Fliege (Mouche, Souvenir d’un Canotier, Februar 1890)

Blaue Knöpfe: Die fünf Ruderer haben ihr Vereinsheim in Argenteuil. Von dort aus fahren sie die Seine hoch bis Asnières und runter bis Maisons-Lafitte. Die „Fliege“ ist die Steuerfrau des Ruderbootes und die Geliebte aller fünf Ruderer. Sie wird schwanger. Bei Le Pecq erleidet die „Fliege“ einen dramatischen Bootsunfall. Auf die Lebensfreude aller hat das keine Auswirkungen. Klamaukig und bestenfalls karnevalstauglich.

  • Im Zug: Probe aufs Exempel (L’Epreuve, Juli 1889)

Gelbe Knöpfe: Herr und Frau Bondel leben in Saint-Germain. Sie streiten oft. Meist darüber, was schlimmer sei: Betrügt er sie oder betrügt sie ihn. Aber sie sind sich sicher, dass es in ihrer Ehe nie vorkam. Sie hatte zwar mal einen brüderlichen Freund, Tancred aus Paris, den sie eines Tages rauswarf. Herr Bondel fährt zu Tancred, um mit ihm zu sprechen. Bondel nimmt den Zug von Saint-Germain über Le Pecq nach Saint-Lazare. Tancreds Reaktion zeigt: Da war nichts. Beim Wiedersehen mit Frau Bondel merkt Herr Bondel dann aber: Da war doch was. Unterhaltsam und stilsicher.

  • Im Zug: Der Invalide (L’Infirme, Oktober 1888)

Heny Bonclaire und Leutnant Rivalière sitzen im Zug nach Saint-Germain. Der Leutnant hat zwei Holzbeine. Er erzählt seine Geschichte: Er verzichtete nach seiner Verwundung auf die Ehe mit seiner Verlobten. Nun bringt er ihr und ihren Kindern Spielzeug mit. Journalistisch-dokumentierend mit Sympathie für den Leutnant.

  • Im Elysee Montmartre: Maske (Le Masque, Mai 1889) 

Roter Knopf: Im Elysee Montmartre ist Faschingsball. Ein junger, maskierter Tänzer bricht zusammen. Helfer entfernen die Maske. Darunter steckt ein Greis. Ein Arzt bringt ihn nach Hause. Die Ehefrau des alten Mannes schüttet dem Arzt ihr Herz aus. Der Alte war Starfriseur im Salon an der Oper und geht in Verkleidung auf Bälle, weil er sich mit dem Älter werden nicht abfinden kann. Witzig.

  • Zur Geographie

Die Texte bieten Hinweise auf den Alltag im Paris der Jahre 1888 – 1890. Zwei Dinge sind besonders bemerkenswert. Die Seine war eine Kloake. Besonders die Ruderer hatten darunter zu leiden, die sich „auf faulig moderndem Wasser“ befanden, „in dem der ganze Abfall von Paris zum Meer hin trieb.“

Zum anderen:  Gleich zweimal erwähnt Maupassant die Steigung auf der Eisenbahnstrecke zwischen Saint-Lazare und Le Pecq auf dem Weg nach Saint-Germain. Die Strecke ist die erste ausschließlich dampfbetriebene Eisenbahnstrecke Frankreichs. Sie wurde 1837 eröffnet und endete zunächst nach ca. 20 Kilometern in Le Pecq. Hinter Le Pecq muss die Bahn auf einer Entfernung von 2,5 Kilometern eine Steigung von 3,5 % überwinden. Die ersten Bahnen – auch die sogenannten „atmosphärischen Eisenbahnen“ – waren dafür zu schwach. Zur Zeit von Maupassant waren diese Schwierigkeiten überwunden. Dafür, dass die Lektüre dieses eisenbahnhistorische Detail in Erinnerung ruft, sei dem Autor gedankt.

  • Dann gibt es die Geschichten, die irgendwo in Paris spielen.
  • Das Portrait (Un portrait, Oktober 1888)

Der Ich-Erzähler lernt Milial kennen, von dem alle begeistert sind. Am nächsten Tag wird er in Milials Wohnung eingeladen, wo er ein Portrait von Milials Mutter studiert. Sie ist der Ursprung von Milials Ausstrahlung. Für die Rubrik „Vermischtes“.

  • Ein Scheidungsfall (Un Cas de Divorce, August 1886) 

Madame Chassel will die Scheidung beantragen. Ihr Anwalt liest aus dem Tagebuch ihres Mannes vor. Darin betrauert er, dass er bei der Eheschließung nur seiner Fleischeslust folgte. Jetzt züchtet er Blumen, die ihm mehr Schönheit und Herzlichkeit geben als seine Frau. Weil das gar nicht geht, soll sie sich scheiden lassen dürfen. Journalistisch-dokumentierend,

  • und es gibt die Geschichten, die an anderen Orten spielen
  • Die 25 Francs der Schwester Oberin (Les Vingt-cinq Francs de la Supérieure, März 1888)

Auf dem Land. Ein lustiger Erntehelfer fällt vom Erntewagen und bricht sich ein Bein. Weil er so lustig ist, schenkt ihm die Oberin des Hospitals 25 Francs. Wieder genesen, haut er die auf den Putz. Er besucht ein Freudenhaus, aus dem er rausgeworfen wird. Dabei bricht er sich das andere Bein und landet wieder bei der gleichen Schwester Oberin. Witzig und unterhaltsam.

  • Zwischen Marseille und Toulon: Der Olivenhain (Le Champ d’Oliviers, Februar 1890)

Im Olivenhain wohnt Abbé Vilbois. Er war früher Baron in Paris. Bitterst enttäuschte Liebe führte ihn in den Priesterberuf und nach Südfrankreich. Eines Tages steht ein Landstreicher vor ihm. Es ist sein Sohn aus der Zeit der Pariser Liebe. Wiedersehensfreude bei Vater und Sohn Fehlanzeige. Aber der Sohn darf seine Lebensgeschichte erzählen, die mit mehreren Morden gepflastert ist. Irgendwann kommt es zu einem Handgemenge, das den Abbé mit durchtrennter Kehle zurücklässt. Im Schlusssatz meint Maupassant, dass es Selbstmord gewesen sein, was aber keiner je erfuhr. Sehr gut erzählt: der Sohn wird immer betrunkener und dabei immer skurriler.

  • Fécamp: Der Ertrunkene (Le Noyé, August 1888) 

Patin ist Fischer an der Kanalküste in Fécamp. Er verflucht und verprügelt seine Frau 10 Jahre lang. Nach einem schweren Sturm kehrt er nicht mehr zurück. Die Frau kauft Jahre später einen Papagei. Der verflucht sie, wie es früher ihr Mann tat. Sie erdrosselt den Papagei und entsorgt ihn im Meer. Unterhaltsam.

  • Paris und Rouen: Wer weiß (Qui sait, April 1890)

Der Ich-Erzähler beobachtete eines Nachts, wie seine Möbel aus dem Haus spazierten wie in einer Parade. In Rouen findet er die Möbel in einem Antik-Laden wieder. Am nächsten Tag sind sie alle in sein Haus zurück gekehrt. Seitdem sitzt er freiwillig in einem Sanatorium. Schaurig-unterhaltsam.

  • Anmerkungen

Ich habe jeder Geschichte einen kurzen Kommentar angefügt. Erzählerisch interessant ist, dass die Fahrten nicht alleine der Fortbewegung dienen. In Kutsche, Boot und Zug wird viel gesprochen und so der weitere Verlauf der Handlung gelenkt. Der kleine Raum bietet den Personen keine Chance, sich Gesprächen zu entziehen.

Man merkt etlichen Texten den journalistischen Charakter an. Einige Erzählungen sind die eines Berichterstatters, der Gehörtes dokumentiert. Andere Geschichten sind einfach für die „Vermischtes“-Seite tauglich. Humorvolles, Oberflächliches und  Gesellschaftskritisches wechseln sich ab. Die witzigen Geschichten leiden ein wenig darunter, dass moralisierende Schlussbemerkungen ihnen die Schärfe rauben.

Die Titelgeschichte wurde von Maupassant selbst als die beste Novelle der Sammlung bezeichnet. D’Accord. Zwei Opernbesucher, die sich angesichts der Schönheit der Comtesse zu seitenlangen philosophischen Assoziationen aufschwingen, geben der Geschichte einen doppelten Boden. Alles in allem bietet das gesamte Buch gute Unterhaltung.

http://www.maupassantiana.fr/Biographie/biographie.html

http://en.wikipedia.org/wiki/%C3%89lys%C3%A9e_Montmartre

http://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4rische_Eisenbahn

Karte # 20: Paris 1819 – „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac

„Paris ist ein Ozean. … Wie zahlreich und eifrig die Erforscher des Meeres sein mögen, immer findet sich eine jungfräuliche Stelle, ein unbekannter Winkel, Blumen, Perlen, Ungeheuer, irgendetwas Unerhörtes, Vergessenes.“

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Eines von vielen schönen Zitaten aus dem Roman „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac. Der Roman erschien im Jahre 1835. Ich habe die deutsche Ausgabe (Übersetzung Siever Meyer-Berghaus) von Agrippina Wiesbaden ohne Jahr, vermutlich Anfang der 60er, mit 192 Seiten. Vater Goriot ist eine Folge der „Fortsetzungsserie“ Comédie Humaine.

  • Das Setup

Die Geschichte spielt im Paris des Jahres 1819. Zentraler Ort der Handlung ist die Pension Vauquer. Sie befindet sich in der Rue Neuve-Saint-Genevieve. (Das ist die heutige Rue Tournefort). In dieser Pension wohnt Vater Goriot. Er ist ein ehemaliger Nudelfabrikant, der durch Getreidespekulation zu unermesslichem Reichtum kam. (Ich vermute, dass es sich hier um eine Folge der Kontinentalsperre handelte) 1814 setzte sich Goriot zur Ruhe. Er ist Witwer und hat zwei Töchter. Zur Zeit Napoleons war Vater Goriot in den Häusern seiner Schwiegersöhne gerne gesehen. Seit die Bourbonen an der Macht sind, nicht mehr. Und die beiden Töchter nehmen ihren Vater aus, wie sie nur können.

  • Die zwei Töchter

Die ältere Tochter, Anastasia von Restaud, wohnt in der Rue du Helder. Sie hat ihren Mann zum Herrn über ihr Vermögen gesetzt. Goriot besucht sie manchmal durch den Dienstboteneingang, und manchmal besucht sie ihn in der Pension.

Die jüngere Tochter, Delphine von Nuncingen, hat einen „fettwanstigen Bankier“ geheiratet. Dieser verweigert Delphine so ziemlich alles, besonders ihre Apanage. Außerdem darf Goriot seine Tochter nicht in ihrem Haus in der Rue Saint-Lazare besuchen. Goriot wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als sie häufiger zu sehen.

Da kommt ihm sein Zimmernachbar Eugene de Rastignac, ein Jurastudent, gerade recht. Eugene seinerseits will unbedingt in die feine Gesellschaft von Paris gelangen. Zunächst lässt er sich von seiner Pariser Tante, einer Gräfin, zeigen, wie man sich in den besseren Kreisen so benimmt. Auf Bällen bandelt Eugene dann mit dieser und jener Dame an, bis er sich schließlich in Delphine verliebt. Für sie gewinnt und verliert er Geld beim Roulette. Mit ihr besucht er Opernaufführungen. Goriot bittet Eugene, an Delphine dranzubleiben und ihr Geliebter zu werden. Auf diesem Wege könne er – Goriot – seine Tochter wieder treffen.

Um das Thema weiter voranzubringen, verpfändet Goriot seine Leibrente. Von dem Geld bezahlt er eine Junggesellenwohnung in der Rue d’Artois. Als Gegenleistung verlangt er von Delphine einen Überblick über ihr Vermögen, besonders über die 800.000 Francs Aussteuer, die er für sie aus der Ehe auslösen und gewinnbringend anlegen möchte. Nach der Einweihungsfete gehen Eugen und Goriot in die Pension zurück und beschließen, aus der Pension auszuziehen. Frau Vauquer ist enttäuscht, weil damit ihr Einkommen wegbricht.

grüne Knöpfe = Die Wohnsitze der Familie Goriot

blaue Knöpfe = sonstige Orte der Handlung

  • Die Nebenhandlung (der Geldwäscher)

An dieser Stelle wird es Zeit für die Nebenhandlung. In der Pension wohnen noch andere Leute. Einer von ihnen, Monsieur Vautrin ist von Beginn an unsympathisch. Denn er beobachtet Goriot auf Schritt und Tritt und erzählt brühwarm in der Pension, wo Goriot überall so war, zum Beispiel beim Pfandleiher. Oder Silbergeschirr versetzen. Später stellt sich heraus, dass Vautrin eine Art Geldwäscher für Ganoven ist. Er verwaltet deren ergaunertes Geld und arbeitet nebenbei als Hehler. Ein Agent der Polizei entlarvt ihn und kann ihn mit Hilfe zweier anderer Bewohner der Pension, Mr. Poiret und Mme. Michonneau, überwältigen. Vautrin fällt also als Mieter in Zukunft aus, die beiden anderen wurden von der Polizei bezahlt und ziehen ebenfalls aus. Mme. Vauquer steht nun ohne Einkommen da.

  • Das Ende

Eugenes Tante fädelt ein, dass ihr Neffe mit Delphine in die besseren Kreise eingeführt wird, also ohne Delphines „dickwanstigem Banker“. Delphine wiederum stellt fest, dass sie pleite ist. Mit der Aussteuer hat ihr Mann Geschäfte getätigt und das Geld verloren. Zunächst aber braucht Delphine ein neues Kleid für den Ball. Deswegen bettelt sie ihren Vater an. Goriot hat aber nichts mehr, seit er alles für Delphine in die Wohnung gesteckt hat. Nun taucht auch noch die andere Tochter Anastasia in der Pension auf. Deren Mann wiederum hat angeblich viel Geld verspielt und deswegen schon den Schmuck seiner Mutter verkauft. Sie braucht aber auch ein neues Kleid für den Ball und die Schneiderin will frecherweise Vorkasse. Also bettelt auch sie ihren Vater an. Der sagt nochmal, dass er nichts mehr hat.

Direkte Folge: Die beiden Töchter streiten sich vor den Augen ihres Vaters erstmal darum, wer die bessere ist. Nächste Folge: Vater Goriot kippt um und erholt sich davon nicht mehr.

Auf dem Sterbebett klagt er Eugene von dem Undank seiner beiden Töchter. Goriot bittet Eugene, die beiden Töchter an sein Sterbebett zu holen. Beide sind jedoch darauf eingestellt, den Ball zu besuchen und nicht gewillt, ihre Pläne zu ändern. Zu Goriots Beerdigung schließlich schicken beide Töchter je einen leeren Wagen.

Eugene wiederum sind ebenfalls die Augen über die Gesellschaft geöffnet. Zum Ende des Romans geht er zu Delphine, um ihr zu sagen, dass die Pariser Gesellschaft ihm nichts mehr bedeutet.

  • Bemerkungen

Ich muss gestehen, dass ich mich lange um die Lektüre gedrückt habe. Zu Unrecht. Es ist ein modernes Buch, Manipulation des Getreidepreises, Geldwäscher, ein reicher Mann, der arm stirbt, und alles so geschrieben, dass man bei der Lektüre immer mal lachen muss. Manches ist auch nicht ganz einfach zu lesen. Ich tue mir immer schwer damit, wenn neue Informationen mitgeteilt werden, indem die Figuren Briefe schreiben oder lesen. Ansonsten liest sich das Buch an manchen Stellen wie eine Satire auf eine Gesellschaft, deren höchstes Ideal darin besteht, bei anderen hoch angesehen zu sein.

Weil es so schön ist, zum Abschluss nochmal ein Zitat: „Wenn uns ein Unglück bevorsteht, dann gibt es immer Freunde, die bereit sind, …, uns das Herz mit einem Dolch zu durchbohren, dessen Griff wir noch bewundern sollen.“

Und das hier: „je vais vous faire une proposition que personne ne refuserait.“ wurde aus dem Mund von Marlon Brando zu einem der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten.

http://de.wikipedia.org/wiki/American_Film_Institute#100_Movie_Quotes_.E2.80.93_Die_100_besten_Filmzitate_aus_US-Filmen_aller_Zeiten

http://www.writersinparis.com/formwritersinparis.php