Karte 44: Wieder mal Paris – „La Chamade“ von Francoise Sagan

Vor einigen Monaten habe ich ein Buch von Francoise Sagan vorgestellt, von dem ich enttäuscht war. Als ich „Chamade“ zur Hand nahm, habe ich nicht viel erwartet, und ich wurde angenehm überrascht. Der Roman erschien im Jahr 1965, die Übersetzung von Elisabeth Schneider ein Jahr später hat 159 Seiten. Der Roman besteht aus drei Teilen, „Frühling“, „Sommer“ und „Herbst“.

  • Der Frühling (blaue Punkte)

Die Geschichte spielt im Paris der 1960er Jahre. Ein großartiger Romananfang lädt zum Weiterlesen ein: Der Leser begleitet über drei Seiten hinweg einen Windstoß, der durch ein Apartment weht, auf der linken Flußseite, mit Fenstern  hin zur Seine. Im Apartment wachen an diesem Frühjahrsmorgen Lucile und Charles auf. Sie ist charmant, aber keine Schönheit und etwa 30. Charles Blassans-Lignieres ist in den 50ern.

Schnell erfährt der Leser: Die beiden lernten sich im Salon von Claire Santré in der Avenue Montaigne kennen. Überhaupt – Claire: Sie gibt Empfänge zu dem Zweck attraktive Frauen und reiche Männer miteinander zu verkuppeln.

Hier wurden auch Antoine und Diane verkuppelt. Antoine ist Journalist und Autor, erfolglos zwar, aber Diane hat erkannt, dass es in diesem Jahr „in“ ist, einen Autor als Geliebten zu haben. Sie gehört zu den „Naturen, die nur das Gegenwärtige pflegen und den Rest verbrennen“. Diane hat aus einer Affäre mit einem reichen Autor einen Rolls-Royce und ein paar Kontakte abgesahnt.

Nun hat Claire zur Gesellschaft geladen, und die zwei Paare (Charles & Lucile sowie Antoine & Diane) neben einander gesetzt. Antoine und Lucile lachen miteinander, Diane wird erkennbar eifersüchtig. Man verabschiedet sich, wobei es gelingt, dass Antoine und Lucile alleine zu Fuß gehen (blaue Strecke)

  • Paris

Paris ist schwarz, leuchtend, verführerisch, und die beiden gehen ans andere Seineufer, und über die Rue de Rivoli und den Place de la Concorde zurück. Antoine erzählt ihr seine Geschichte. Er ist Witwer.

Der Konflikt ist gesetzt: Claire wird in Zukunft Spass daran haben, die vier zusammen einzuladen. Diane ist aufgrund ihrer Eifersuchtsszene in der Gesellschaft verloren, und sie weiß es. Claire lädt alle vier zur Theaterpremiere ins Theatre l’Atelier am Place Dancourt. Anschließend geht man zusammen essen. Lucile und Antoine beginnen unter den Augen aller eine leidenschaftliche Affäre. Gleichzeitig wahren sie die Form und gehen gemeinsam auf Gesellschaften, zum Beispiel ins „Pre-Catalan“ am Bois de Boulogne.

Wenige Tage später – Charles ist geschäftlich in New York – fordert Antoine Lucile ultimativ auf, Charles zu verlassen. Er will mit Lucile leben. Damit entgleitet die Sache der strippenziehenden Claire. Die nächsten Tage sind zäh, denn Lucile wagt es nicht, mit Charles zu sprechen. Charles denkt, sie sei einfach erholungsbedürftig, und schickt sie an die Cote d’Azur.

Antoine ist zielstrebiger. Er hat Diane seine Liebe zu Lucile gestanden. Das bedeutet für ihn, den armen Autor, dass er von der reichen Gesellschaft ausgeschlossen ist. Dann reist Antoine zu Lucile nach Saint-Tropez. Er drängt sie, sofort zu Charles nach Paris zu fahren. Dort angekommen, wirft Charles Lucile aus der gemeinsamen Wohnung.

  • Der Sommer

Das kurze Kapitel „Sommer“ zeigt Lucile, wie sie in Antoines Wohnung Tomatensaft trinkt, liest, raucht und schläft. Sie vermißt die von Charles spendierten Urlaube, sie geht in Paris hin und her. Bald ist September.

  • Der Herbst (grüne Punkte)

Der „Herbst“ beginnt. Sie wartet am Place de l’Alma auf den Bus. Sie verkauft ihren Schmuck am Place Vendome. Weil das Geld weniger wird, besorgt Antoine ihr eine Stelle im Verlag, in dem auch er arbeitet. Sie bekommt 100.000 Francs im Monat. Da ein Kleid von Dior 300.000 kostet, ist sie unzufrieden.

Die Lektüre von „Wilde Palmen“ von William Faulkner veranlasst sie, ihren Job zu kündigen (nach gerade mal zwei Wochen). Wochenlang verheimlicht sie es Antoine (allerdings ist mir nicht klar, weshalb sich das nicht bis zu ihm durchspricht). Sie trifft sich im „Espandon“ mit anderen Literatur interessierten Männern. Als Antoine davon erfährt, ist er enttäuscht.

Zu allem Überfluss erwartet Lucile ein Kind von Antoine. Sie will es nicht. Deswegen bettelt sie ihren Ex Charles um Geld an. In der Folge kommt es zum Zerwürfnis zwischen Antoine und Lucile. Beide erkennen, dass sie sich selbst – und einander – mit ihrer Liebe belogen haben.

Am Ende trifft sich Lucile öfters mit Charles, den sie schließlich heiratet.

  • Bemerkungen

Der Leser begleitet die Protagonisten auf ihren Wegen vom physischen Begehren zur richtigen Liebesgeschichte, von den Schritten, sich dem eigenen Leben, den Wünschen und Erwartungen zu stellen, und sich zu fragen, ob die Selbstgefälligkeit die Einsamkeit wert ist. Das alles in einer sensiblen und schönen Sprache.

Deswegen möchte ich – weil es so selten geschieht – die Übersetzung besonders loben. Elisabeth Schneider lässt den guten alten Konjunktiv II am Leben ( „Charles hatte sie zwei Stunden lang befürchten lassen, sie käme zu spät“). Und sie widersteht der Versuchung, das Wort Chamade zu übersetzen. In der Mitte des Buches flüstert Lucile nach dem Liebesspiel ihrem Antoine ins Ohr, sie höre den Chamade (im Kontext ist es der Schlag des Herzens). Am Ende des Buches wird aufgeklärt, dass damit ein Trommelwirbel gemeint ist, der eine Niederlage ankündigt.

  • Und ein Wort zum französischen Francs 1960

Am Rande hat mich noch ein ökonomisches Detail beschäftigt. Lucile bekommt als Angestellte 100.000 Francs im Monat. Der Wachmann in Süskinds „Taube“ bekommt 25 Jahre später nur 3000 Francs im Monat. Wie kann das sein? Tatsächlich – dazwischen lag eine Währungsreform.
Wikipedia schreibt dazu: „Da durch die Inflation die Preise ‚unhandlich viele Nullen‘ bekommen hatten, wurde 1958 die Einführung des Nouveau Franc (NF) zum 1. Januar 1960 verfügt. Ein NF, seit 1963 offiziell nur noch Franc (F) genannt, entsprach 100 alten Francs (anciens francs). Die alten Franc-Münzen konnten als Centimes weiter verwendet werden. In der Alltagssprache blieb die Angabe in alten Francs noch über Jahrzehnte gebräuchlich.“
Die Geschichte muss also nicht zwingend vor 1960 spielen.

Fazit: Das Buch ist eine lesenswerte unterhaltsame Lektüre

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Karte # 13: die Strecke Paris – Limoges „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ von F. Sagan

Zum ersten Mal habe ich ein Buch begeistert begonnen und dann enttäuscht zur Seite gelegt. Also rechtfertige ich mich mal: Das Buch heißt „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ von Françoise Sagan. Klingt gut. Außerdem habe ich mit „Franzosen“ bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Das Buch hat 5 „Teile“; jeder ist entweder überschrieben mit Paris (3 mal) oder Limoges (2 mal). Ich dachte mir, dass in diesem Buch zwischen den beiden Städten gependelt wird, oder sie sonstwie eine Rolle spielen, und war begeistert. Das Buch erschien im Jahr 1969, ich habe die deutsche Ausgabe von Bertelsmann (ohne Jahr) mit 220 Seiten.

  • Geographisches

Nach Limoges kommt man von Paris aus entweder mit dem Zug über Vierzon und Chateauroux oder per Flugzeug von Orly aus. Es gibt die Inlandsfluggesellschaft Air Inter, die aber nie zu dem Zeitpunkt fliegt, wenn eine Person gerade mal schnell nach Limoges will. Also fahren alle mit der Eisenbahn.

  • Das Setup

Das Buch spielt im Jahr 1967. Die Hauptfigur ist Gilles, Auslandsredakteur eines unerwartet erfolgreichen „Linksblatts“. Er wohnt in Paris, in der Rue Monsieur-le-Prince. Er ist mit Eloise zusammen, einem wenig erfolgreichen Mannequin. Gilles geht zum Arzt, weil er Angst vor Krebs hat. Der Arzt stellt bei Gilles aber „nur“ eine Depression fest. Gilles geht darauf hin zu seiner Freundin Gilda, einer Prostituierten in Passy, und fragt, was er tun soll. Sie und ein Freund raten ihm zu einem Erholungsurlaub.

  • Die Geschichte

Gilles fährt zu seiner Schwester nach Limoges. Dort geht er in eine Bar und lernt Nathalie kennen. Sie beginnen eine Affäre. Der dritte Teil beginnt mit Gilles‘ Rückkehr nach Paris. Dann die Szene, die für den Leser alles ändert: Eloise holt ihn vom Bahnhof ab. Es heißt ausdrücklich, dass er sich wieder an sie erinnere. Dann – völlig ironiefrei: „…sie wohnt bei mir, das ist ja furchtbar.“ An dieser Stelle war mir klar, dass diese eigentlich dramatische Geschichte eher emotionslos dahin dümpeln wird.

  • Pause 

Den Rest des Buches habe ich nur noch schnell quer gelesen. Deswegen kann ich zu den restlichen Figuren nicht viel sagen. Es gibt noch eine Nebenhandlung, weil Gilles‘ Chef früh von der Affäre erfährt.

  • Schnell weiter

Nathalie scheint ziemlich gut im Bett zu sein. Sie ist auch sonst ein Knaller, denn sie hatte eine „Art, ein Adjektiv auszusprechen oder einen Nebensatz durch einen andern zu ersetzen, die dieses … Leben fast herzzerreißend machten.“ Also bittet Gilles sie, mit ihm zu kommen. Sie vertröstet ihn, denn sie ist mit Francois verheiratet und muss sich erst mal von ihm trennen. Gilles ist traurig, denn „Ich habe so schiefe Situationen nicht gern.“  Der Leser denkt: das ist ja kein schlechtes Reflektionsniveau für einen Depressiven zwischen zwei Frauen. Nathalies Bruder will Gilles die Affäre ausreden, denn Gilles wisse ja selbst nicht, was er wolle. Der Leser harrt also nun einer Klärung der Lage. Gilles fährt zurück nach Paris. Plötzlich ist Nathalie dort (also in Gilles‘ Wohnung in Paris) Sie liebt ihn sehr. Sie beginnt, in einem Reisebüro zu arbeiten. Überhaupt ist Gilles von Nathalies Selbständigkeit genervt, was er einem Freund klagt. Nathalie hört zufällig mit, ist betrübt und begeht schließlich Selbstmord. Gilles ist traurig.

  • Anmerkungen

Finis und Gääähn. Das Thema böte genug Stoff für eine Tragödie oder Komödie. Aber hier ist alles nur unlogisch und langweilig. Ein paar Argumente: Eine zu anfangs eingeführte Diagnose eines Arztes ergibt Sinn, wenn die Auseinandersetzungen mit der Diagnose in die Handlung einfließen. Ein Autor hat viele Möglichkeiten, damit umzugehen. Françoise Sagan nutzt diesen Kniff,  um die männliche Hauptfigur emotionslos schildern zu können. Nathalie wiederum ist stark genug, um sich aus einer etablierten Ehe zu lösen. In Paris angekommen baut sie sich ein eigenes Leben auf, vor diesem Hintergrund ist das Motiv ihres Selbstmordes  zu belanglos. Für die aufgewühlte und destruktive Seelenlage der Hauptfiguren ist mir persönlich der Erzählstil zu einseitig erotiklastig. Und auch aus der Air Inter hätte man erzählerisch mehr machen können. Weg damit.

http://de.wikipedia.org/wiki/Air_Inter