Die Katalanischen Pyrenäen: „Wie ein Stein im Geröll“ von Maria Barbal

Heute geht es in die Berglandschaft der Pyrenäen in Katalanien.

  • Das Buch

Der Roman „Pedra de Tartera“  erschien im Jahr 1985. Es ist das Erstlingswerk der Autorin Maria Barbal und gilt heute als Klassiker der katalanischen Literatur. Schon 1986 übersetzte Heike Nottebaum das Buch aus dem Katalanischen. Deutscher Titel „Wie ein Stein im Geröll“. Verlag Transit, Hardcover. Der Roman ist mit 107 Seiten sehr kurz. Dazu kommt ein Nachwort des Literaturwissenschaftlers Pere Joan Tous aus dem Jahr 2006, der die Bedeutung der Autorin in der katalanischen Literaturszene einordnet. Und ein Glossar. So hat das Buch insgesamt 127 Seiten.

Die Autorin gehört zu den bedeutendsten katalanischen Autoren. Sie wurde in Tremp in den Pyrenäen geboren. Und ganz in der Nähe ihres Geburtsortes hat sie diesen Roman angesiedelt. Zeitlich spannt er sich über beinahe das ganze 20. Jahrhundert.

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  •  Die Hauptfigur

Die Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist  Concepcion, die von allen Conxa genannt wird, weil ihr echter Name zu kompliziert ist. Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Jeder Teil behandelt einen Abschied Conxas.

Im ersten Teil ist Conxa 13 Jahre alt. Sie soll den elterlichen Hof in dem Dorf Ermita verlassen und zu Onkel und Tante ziehen. Die beiden sind kinderlos und brauchen eine helfende Hand. Also verlässt Conxa Ermita und wandert zu Fuß in das etwas größere Dorf Pallares.

  • Das Dorf

Stichwort Dorf: Manche bestehen gerade mal aus 4 Häusern. Das Leben ist karg, man hat ein paar Stück Vieh, meistens Kühe, dazu Hühner und Kaninchen, und ein paar Wiesen. Geld braucht man nicht, außer für den Viehhandel. Es gibt zwei Sorten Pilze, Röhrlinge und Mairitterlinge. Die Frauen sammeln sie und trocknen sie anschließend für den Winter. Nur Wasser gibt es im Überfluss. Die vielen Bäche und Flüsse, die die Gegend durchziehen, liefern Forellen. Man fängt sie mit der bloßen Hand (kleiner Trick: vorher mit einem Bündel Wolfskraut auf das Wasser schlagen, das betäubt sie).

Conxas Leben verläuft über Jahre hinweg eintönig. Sie hilft auf den Wiesen das Gras mähen, und beim Vieh. Ab und zu kommen Vettern aus Barcelona zu Besuch. Dann hat man mehr Ausgaben, weil die Vettern so viel essen, aber sie bringen auch Kaffee und andere Dinge aus der Stadt mit.

  • Die große Liebe

Conxa heiratet Jaume, den Nachbarsjungen. Jaume ist Handwerker. Er reist in den Bergen umher und arbeitet dort, wo gerade ein Haus gebaut wird. Jaume und Conxa bekommen Kinder. Sie sind glücklich, gehen auf die umliegenden Dorffeste zum Tanz. Dann aber bricht eines Tages – zuerst unmerklich – die große Politik über die Familie herein. König Alfons XIII hat abgedankt, die Republik wurde ausgerufen – wir sind also im Jahr 1931. Jaume engagiert sich als Friedensrichter.

Fünf Jahre später putschen sich die Franco-Faschisten an die Macht. Kurz danach besetzen deren Truppen die Gegend. Jaume wird verhaftet, Conxa mit einigen anderen Frauen auf einem Lastwagen in ein Lager gebracht. Maria Barbal lässt Conxa den Titel des Romans erklären. Conxa fühlt sich wie ein Stein im Geröll. Wird sie angestoßen, dann rollt sie mit allen anderen weiter, wenn nicht, dann bleibt sie einfach liegen.

Später wird Conxa in der Provinzhauptstadt Noguerea ihren Mann identifizieren, der ermordet wurde. Er wird anonym beigesetzt. Conxa fährt wieder zurück in ihr Dorf. Fremde tauchen auf und wollen ihrer Tante den Hof, ein Stück Weide oder Vieh abkaufen. Sie widerstehen den Angeboten, die stets von Anfeindungen begleitet werden. Conxas Sohn heiratet eine Frau aus Torrent, die beiden bekommen ein Kind. Mutter und Kind sind schwach, und sie ziehen der besseren Ärzte wegen nach Barcelona. Conxa geht mit ihnen. Weil sie bei ihrem Enkel sein kann, aber auch weil sie zu alt für die Berge ist, und im Hof nichts mehr helfen kann.

  • Die Stadt

Barcelona schließlich ist eine fremde und moderne Welt, mit Hochhäusern und Apparaten, die sprechen und einen anschauen. Manchmal lachen die anderen, wenn Conxa etwas sagt. So weiß sie, dass sie wichtig ist, und fühlt sich doch gleichzeitig nutzlos. Dann hört das Buch auf. Und der hat Leser hat den Eindruck, dass sich das Buch einfach aus Conxas Geschichte „ausblendet“.

  • Bemerkungen

Der Roman behandelt das gesamte Leben von Conxa, wobei der Schwerpunkt in den 20er und 30er Jahren ihres Lebens (und des Jahrhunderts) liegt.

Da ist der Gegensatz zwischen dem beschaulichen Leben und dem, in das die große Politik hineinregiert, der Gegensatz zwischen dem ländlichen und dem städtischen, der Gegensatz zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen der Familie. Geradlinig, beschaulich und beinahe meditativ lässt Maria Barbal Conxa ihre eigene Geschichte erzählen.  Das ist sehr schön. Der zentrale Teil ist die Liebe zu Jaume, sein Verschwinden und die Trauer um ihn, der große Einsamkeit folgt.

Ich persönlich hätte mir noch ein wenig mehr über das Leben in Barcelona, ein wenig mehr Stadt gewünscht. Zumindest suggeriert der Klappentext, das da noch was käme. Aber das hätte auch die erzählerische Kompaktheit dieses kleinen Romans zerstört. Lesenswert.

 

Die Michelin Straßenkarte Nr. 60 bei Daphne du Maurier – „The Scapegoat“

Auch das gibt es: Einen Roman, der mit einer Landkarte beginnt und endet. Es ist die Michelin Straßenkarte Nr. 60, die die Gegend von Le Mans zeigt.

  • Das Buch

Daphne du Maurier hat es gleich mehrfach erreicht, von Hitchcock verfilmt zu werden (Rebecca, Jamaica Inn, Die Vögel). Nicht so mit dem Roman „The Scapegoat“ von 1957. Der unermüdliche N.O. Scarpi übersetzte das Buch mit dem Titel „Der Sündenbock“. Die Bertelsmann-Ausgabe von 1959 hat 446 Seiten.

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StepMap Le Mans

 

  • Die Landkarte

Die Handlung spielt im Jahre 1956. Auf dem Beifahrersitz eines Ford Consul liegt besagte Landkarte. Auf dem Fahrersitz: der englische Historiker John. Er urlaubt in Frankreich, sammelt Material für seine nächsten Vorträge, und spricht die Sprache seines Gastlandes „mit Gewandtheit“ (S. 10). Er ist auf dem Weg von Tours in die Grande Trappe, die er auf der Karte blau eingekreist hat. Das ist ein Zisterzienserkloster bei Mortagne, wo er seine Liebe zu Gott auffrischen und seine Niedergeschlagenheit vertreiben will. Bei Le Mans entschließt er sich kurzfristig, zu übernachten.

Ein Fremder spricht John an, nennt ihn Jean und gibt sich als sein Zwilling aus. Die beiden landen in einem billigen Hotel. Am nächsten Nachmittag ist der Fremde mitsamt Johns Koffer weg. Dafür steht der Koffer des Fremden im Raum und daneben steht der Chauffeur Gaston.

  • Das Spiel beginnt

John will zur Polizei gehen, läßt sich dann aber von der Situation treiben. Der Chauffeur fährt ihn in ein Schloß 20 km außerhalb von Le Mans, in das fiktive Städtchen Saint Gilles.

John lernt „sein“ – also Jean’s – Haus kennen. Samt Familie. Die Leute stellen ihm Fragen, deren Antwort er zunächst umgehen kann, indem er sagt, er sei betrunken gewesen und leide an Gedächtnisschwund. Er lernt Jean’s – also jetzt seine – Mutter, die eigene Ehefrau Françoise, „seinen“ Bruder Paul mit Frau Renee, „seine“ Schwester Blanche und „seine“ Tochter kennen. Alle halten ihn für den Grafen Jean de Gue. Mithin geht es distanziert zu. So distanziert, dass niemand die Verwechslung bemerkt.

Also beginnt John zu beobachten. Die Mutter ist morphiumsüchtig, die Tochter hat Selbstmordphantasien, der Bruder leitet die Fabrik widerwillig. Dessen Frau Renee immer auf der Suche nach Affären, und die „eigene“ Frau Françoise ist krank und schwanger und will niemanden sehen, schon gar nicht ihren Mann. Kurz: Man misstraut sich.

So kommt beiläufig die Fabrik ins Spiel. Und das mit der Fabrik interessiert John dann näher. Es ist eine Glasfabrik, die Flakons herstellt, Massenware, die andere billiger anbieten können. Die Fabrik steht also kurz vor der Schließung. Soeben hat Jean einen langfristigen Kontrakt mit einem Großkunden in Paris verloren. John versucht, ihn zu retten. Er ruft in Paris an und macht einen neuen Termin. Außerdem möchte er sich einen Überblick über die Finanzsituation verschaffen.

Dazu fährt er in das – ebenfalls fiktive – Nachbarstädtchen Villars, wo sich die Hausbank der Familie befindet. Er sieht sich die Unterlagen an, die dort im Safe liegen. Dabei fällt ihm der Ehevertrag in die Hände. „Sein“ Schwiegervater hat ihm und seiner Frau Françoise viel Geld vermacht. Darüber dürfen die beiden aber nur verfügen, falls ein Sohn geboren wird. Oder Jean darf verfügen, falls Françoise stirbt. John wundert sich ein wenig über die Laune einer solchen Entscheidung.

In Villars chauffiert Gaston Jean noch zu Bela. Das ist die Geliebte, die bald zur Vertrauten wird.

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  • Zwei fiktive Städtchen

Die zwei Hauptorte,  – St. Gilles und Villars -, in denen die Handlung spielt, sind fiktiv. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. In St. Gilles sind Fabrik und Familie, „Das ist es was not tut, in der Fabrik wie im Schloß: Leben, nicht Tod“. (414)  In Villars befinden sich Geliebte und Bank. Natürlich – wen wundert’s – fühlt sich John in Villars wohler. Der Ort ist „hell, in sich gefestigt (S. 434)“.  Doch die beiden Orte sind durch „Straßen verbunden, die eine Drohung bargen. Sie waren Nervenstränge, die nach St. Gilles zurück führten.“ (S.434)

  • Die Glasfabrik

Als nächstes gelingt ihm, den Vertrag mit dem Pariser Kunden fortzuführen, jedoch zu ungünstigeren Konditionen. John befasst sich erst jetzt mit der Kalkulation. Das Ergebnis ist schockierend: Die Schließung der Fabrik wäre günstiger gewesen als der neue Kontrakt. Die Fabrik verbrennt jetzt erst recht Geld. Zukunft unklar.

Ansonsten stellt sich heraus, dass Jean sich gar nicht um die Fabrik gekümmert hat. Und der letzte Fabrikleiter wurde – 15 Jahre ist es her – während der deutschen Besatzung von Resistance-Leuten bestialisch ermordet.

Am nächsten Tag stirbt Françoise. Ihr Tod bringt der Familie laut Ehevertrag viel Geld ein. In Verbindung mit dem ungünstigen Vertrag der Fabrik stellt sich die Frage, ob es Mord, Selbstmord oder ein Unfall war. Doch die Alibis sind wasserdicht, und die Anzeichen für einen Unfall eindeutig.

Nach weiteren Wortgefechten kündigt Bruder Paul seine Stellung als Fabrikleiter. John antwortet, indem er ihm mehr Kompetenzen einräumt. Und schließlich klärt sich eine andere Sache auf, beim Durchblättern des Familienalbums. Der Mord an Maurice, damals vor 15 Jahren – war keine patriotische Tat. Maurice hatte ein Verhältnis mit Blanche, Jean ließ Maurice aus Eifersucht ermorden, zu feige, es selber zu tun. Nach einem weiteren Gespräch wird Blanche zukünftig die Fabrik leiten.

Dann, als alle mit den Veränderungen beschäftigt sind, erhält John einen Anruf. Der echte Jean de Gue kündigt seine Rückkehr an. Über Deauville kommend, wird er am nächsten Abend in der Fabrik sein. Sie tauschen aus, was war. Jean hat in London die Rolle des John gespielt. Er hat als John seine Stelle und die Wohnung gekündigt, das Geld abgehoben, vieles ausgegeben. Sie tauschen ihre Kleider zurück. John verschwindet wieder.

Er geht zu Bela, der Geliebten. Sie war die einzige, die den Rollenwechsel bemerkt hat.  Der rückgewechselte John setzt sich in seinen Ford Consul, wo die Michelin Straßenkarte Nr. 60 immer noch auf dem Beifahrersitz liegt. Er fährt die Strecke, die er genau eine Woche zuvor fahren wollte: Belleme – Mortagne – Foret du Perche – Foret de la Trappe.

  •  Bemerkungen

Das Buch hat gewaltige Längen. Nach spannendem Beginn folgen über 200 Seiten Familiensaga. Der Leser weiß um den Rollentausch, aber keine der handelnden Figuren ahnt etwas. Schnell wird vermeintlich klar, dass die Verwechslung nicht auffliegen kann, solange John keinen Fehler macht. Er macht Fehler, und selbst dann bleibt die Verwechslung unentdeckt. Lediglich der Ehevertrag und der fast vergessene Mord an Maurice sorgen für latente Spannung, die aber bald wieder verfliegt. So langweilt sich der Leser bald vor sich hin, weil er vermutet, dass da nichts spannendes mehr kommt.

Anders als bei Hitchcock-Filmen behält er recht damit – leider.

Der Übersetzer hat eine nette Note hinterlassen: Auf dem Schloss gibt es eine Magd, das ist „die Frau, die die Kühe wartet“ (S.356)

 

 

 

New York – Südschwarzwald und zurück. New Yorker Legende

Louis Bromfield, „New Yorker Legende“. Der Roman wurde 1939 in dem Band „It Takes All Kinds“ zusammen mit anderen Texten veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe ohne Jahresangabe, vermutlich ca. 1980, hat 126 recht groß bedruckte Seiten. Ein Umschlagfoto zeigt eine junge Frau mit langen Haaren, sie scheint in Bewegung zu sein, vielleicht zu tanzen. Die äußere Aufmachung erweckt den Eindruck eines oberflächlichen Unterhaltungsromans. Mir war gerade danach, also ran. Doch es kam anders. Der Reihe nach.

  • Das Setup

New York. Die 1890er Jahre. Das ist die Zeit als von dort aus Woolworth Christbaumkugeln bestellt hat. Und es ist die Zeit, in der in Europa die Kernphysik begann. Der Ich-Erzähler William berichtet von seinem Großvater, einem Anwalt, der vor Jahrzehnten von dem Finanzjongleur Michael Denning ruiniert wurde. Williams Tante Sarah heiratete Denning später und bekam einen Sohn, Ogden. Ogden ist also der Vetter des Erzählers, beide wuchsen eng miteinander auf.

Das Haus in New York, in dem Ogden lebte, steht nicht mehr. Eine der vielen Sanierungen fegte über es hinweg. Damit beginnt die rückblickende Erzählung dessen, was darin geschah.

  • Die Geschichte

Nach Michael Dennings Tod fahren seine Witwe Sarah und sein Sohn Ogden nach Europa. Etwa zur gleichen Zeit, doch unabhängig davon auch der Erzähler. Er geht für 10 Tage nach Freiburg, von wo aus er in den Schwarzwald wandert. Er erreicht Bad Münster. Dort begegnet er mehrmals kurz einer Frau, die mit ihrem Freund urlaubt, wie sich herausstellt incognito. Ihre Ausstrahlung fasziniert William derart, dass er sie nie wieder vergessen wird. Bei seiner Rückkehr nach Amerika erfährt William, dass Tante Sarah tödlich verunglückte. Ogden treibt sich noch drei Jahre lang in Nizza und Umgebung herum, bevor er in sein Elternhaus nach New York zurück kehrt. Er lädt William ein, um ihm seine Frau Elena vorzustellen.

Elena ist die Frau von damals im Schwarzwald. Ogden hat sie in Nizza aufgegabelt, als sie gerade von ihrem Geliebten verlassen wurde. Der nämlich war der Erbe des fiktiven Fürstentums Hohenstein und durfte nur eine adlige Frau heiraten.

Ogden bietet Elena gesellschaftliche Anerkennung und baut das Haus im Stile des österreichischen Barock um. Das tut er jedoch nicht seiner Frau zuliebe, sondern um die Erinnerung an seinen verhaßten Vater zu zerstören. William ist nur selten mit Elena allein. Bei diesen Begegnungen baut sich Stück für Stück eine Verliebtheit auf, schließlich beginnen sie eine Affäre. Elena zerstreut Williams Skrupel. Ihre zwielichtige und lebensfreudige Freundin Kate dient dabei als Alibi.

Bald darauf entzieht sich Elena William wieder und wird unnahbar. Sie verschwindet mitunter für einige Tage, und nicht einmal Kate weiß, wo sie sich aufhält. Bei dem großen Brand des Hotels Windsor im Jahr 1899 wird William hinzu gerufen, um seinen Onkel zu identifizieren. Auch Elena ist unter den Todesopfern. Mit ihr wird der Leichnam eines unbekannten Mannes entdeckt. Nur William weiß, dass er ihr Freund ist, dem er im Schwarzwald begegnet ist. In Hohenheim wird er als verschollen gelten.

  • Meine Gedanken dazu

Das Buch steckt voller Überraschungen. Die Geschichte ist erzählt aus der Perspektive des Siegers, der mit liebevoller Gelassenheit den Verlierer beschreibt. Aber auch aus der Perspektive des Lebenserfahreneren. Ogden wird dargestellt als jemand, der lediglich gelernt hat, seinen Reichtum zu genießen und auszugeben, dabei jedoch kaum Rückgrat besitzt.

William weiß aber auch, dass ihm sein Sieg nichts gebracht hat. Er vergleicht Elenas Leben mit einer griechischen Tragödie, in der die Frau die Menschen um sie herum in den Abgrund reißt. Das alles ist nachvollziehbar und wird konsequent durchgehalten. Elenas Aussehen wird nie direkt beschrieben, sondern ihre Kleidung, ihr Schmuck und vor allen Dingen immer wieder ihre Körpersprache. Das Zusammentreffen der Personen (Wiedersehen mit Elena, der Aufenthalt im Windsor) besteht aus unglaubwürdigen Zufällen. Sie ermöglichen dem Autor aber, Elenas Abwenden von William erzählerisch souverän zu handhaben. Spannend ist auch der Gegensatz zwischen dem wild-natürlichen Schwarzwald und dem wild-turbulenten New York, der anhand der Menschen beschrieben wird. Empfehlenswert.

Älvåkra im Norden Schwedens – der etwas andere Schwedenkrimi

Sucht man in Google nach Älvakra, so erhält man 65 Suchergebnisse. Sofern man es mit a schreibt, denn die deutsche Tastatur kennt das å nicht. Das ist nur unbedeutend mehr als dieser Blog hat. Hat man jedoch herausgefunden, wie man ein å schreibt, nämlich „“Alt“ & 134″ und googelt nach Älvåkra, so erhält man ca. 6500 Suchergebnisse.  Die Suchergebnisse zu Älvåkra betreffen nicht einmal eine Ortschaft, sondern ein Eishockeystadion in der Stadt Älvsbyn. Und doch spielt eine Novelle einer Nobelpreisträgerin in einer Stadt namens Älvåkra. (Vielleicht ist Älvåkra auch ein fiktiver Ort, ich bin da offen für andere Ansichten und freue mich auf Kommentare).

Es geht um „das Mädchen vom Moorhof“, so heißt das Buch auf deutsch, von Selma Lagerlöf, aus dem Jahr 1908.

  • Das Setup

„Das Mädchen vom Moorhof“ ist Helga. Die Geschichte beginnt damit, dass sie einen Mann (Per Martensen) auf Unterhalt verklagt hat. Sie stehen vor dem Richter. Helga zieht unerwartet ihre Klage zurück. Auf diese Weise verleugnet sie gleichzeitig die Affäre mit dem Mann und kann somit darauf hoffen, dass ihr guter Leumund erhalten bleibt. Aus besagter Affäre resultiert auch noch ein Kind.

Gundmund Erlandsson, der auf dem kleinen Landgut Närlunda wohnt, bemerkt, dass in Helga ein guter Kern steckt. Er rät seiner Mutter, Helga als Dienstmädchen einzustellen. Außerdem biedert sich Hildur dem Gudmund an. Sie ist die Tochter eines reichen Gutsbesitzers in Älvåkra.

  • Die Geschichte

Frühsommer. Eines Tages fordert Hildur als Bedingung für die Heirat, dass Helga den Haushalt von Gudmund verläßt. Er beauftragt seine Mutter widerwillig und nur um des Friedens willen damit, Helga zu entlassen. Seine Mutter versorgt Helga mit jeder Menge Handarbeiten für zuhause, so dass sie weiterhin ein Auskommen hat.

Junggesellenabschied. Gudmund ist betrunken, seine Kumpanen auch. Auf dem Marktplatz von Älvåkra findet eine Schlägerei statt. Am Ende liegt da ein Toter mit einer Messerklinge im Kopf (durch die Hirnschale in die Hirnmasse eingedrungen). Gudmund, wieder nüchtern, entdeckt  in seiner Jacke ein Messer ohne Klinge. Er hält sich für den Täter und wirft das Messer in den Morast. Gudmunds Vater findet es und bringt es an sich.

Nun also auf zur Hochzeit. Auf der Fahrt zum Brauthaus überzeugt Gudmunds Vater seinen Sohn, dem Brautvater die Tat zu gestehen. Der sagt die Hochzeit ab. Gudmund ist zwiegespalten. Er findet es zwar nicht so sehr schön, fühlt sich aber gut, denn er weiß, dass er Hildur nicht liebt.

Auf dem Heimweg geht er ein Stück zu Fuß. Er steht auf einem Hügel und übersieht das Land, das er mit der Heirat bekommen hätte. Der Text referenziert auf Matth. 4, 8+9. Gudmund weiß, dass er mit der Absage der Hochzeit frei ist. Er geht weiter und begegnet Helga. Sie verlieben sich spontan, sie stößt ihn weg und stellt Fragen. Nach einiger Zeit hält sie inne, als von einer Klinge die Rede ist. Sie erinnert sich, dass sie sich Gudmunds Messer ausgeliehen hat, ihr selbst die Klinge brach, und sie es ihm ohne Klinge zurück gab. Aber er ließ sie nicht zu Wort kommen. Nur Helga ist klar, dass Gudmund nicht der Mörder sein kann.

Als Gudmund weg ist, fährt Helga zu Hildur und überredet sie in einem langen Gespräch eindringlich, zu Gudmund zu fahren. Hildur zögert, fährt dann doch hin. Nun gesteht Gudmund Hildur die Liebe zu Helga. Hildur fährt zurück und setzt Gudmund am Moorhof bei Helga ab. Die beiden dürfen sich nun endlich verlieben.

Über den Mord selbst erfährt der Leser, dass der wahre Täter geschnappt wurde. Sonst nichts.

Damit kommen wir zur

  • Kurzfassung

Ein Mann hat einen Vollrausch mit Filmriß, er glaubt, er habe einen Mord begangen, und in der Zeit bis zur Aufklärung verhandeln zwei Frauen über seine Zukunft.

  • Meine Gedanken

Ein Mord, der unaufgeklärt bleibt, als Rahmen für eine Liebesgeschichte. Und ein falscher Mordverdacht als Auslöser, um eine unglückliche Liebe loszuwerden. In unserer modernen Welt mit ihren krimigefluteten Bestsellerlisten undenkbar. Geschrieben 1908, es wird viel Kutsche gefahren. Ein Auto gibt es in dieser Ecke Schwedens nicht. Auf Kutschfahrten kann man lange plaudern, was dem Text Struktur gibt.

Bis zur Leiche wedelt der Text immer vor und zurück. Es wird ein Ereignis geschildert und anschließend beschrieben, wie es dazu kam. Durch diese Erzählweise ist der Text unterhaltsam gestaltet. Danach wird er spannend vorangetrieben. Ein wenig Enttäuschung, dass es sich „nur“ um eine Liebegeschichte handelt, blieb dennoch.

Und vielleicht bekommt ja auch Älvåkra ein paar Klicks mehr.

Lauscha in Thüringen: Christbaumkugeln und Glasbläser

Dieser Beitrag ist gewissermaßen das „Weihnachtsspecial“ dieses Blogs. „Die Glasbläserin“ von Petra Durst-Benning hat 496 Seiten. Ich fand die Taschenbuchausgabe von 2002. Das Cover zeigt das Gesicht einer konzentriert dreinschauenden Frau, ist ansonsten aber kontextfrei. Die Handlung konzentriert sich auf zwei Orte in Thüringen: Lauscha und Sonneberg.

Lauscha im Herbst 1890. Der ganze Ort lebt von der Glasbläserei. Der Glasermeister Joost Steinmann, ein Witwer, fertigt mit seinen drei Töchtern Johanna, Marie und Ruth Reagenzgläser. Johanna geht regelmäßig in die nächst größere Stadt, nach Sonneberg, um dort die Glasarbeiten ihres Vaters zu verkaufen. Joost stirbt. Seine Glasbläserei kann von seinen drei Töchtern nicht weiter geführt werden. Der Verleger Friedhelm Strobel aus Sonneberg bietet Johanna Arbeit an. (Anmerkung: Verleger waren Zwischenhändler für alle möglichen Waren. Den Kunden wurden Musterbücher vorgelegt, anhand derer sie die Bestellungen aufgaben). Johanna lehnt ab, da sie dann nicht mehr bei ihren Schwestern wohnen könne. Der Inhaber der größten Glasbläserei Lauschas, Werner Heimer, bietet schließlich allen dreien Arbeit an. Er fertigt Flakons. Der Lohn ist karg, die drei Frauen kommen kaum über die Runden.

In der Werkstatt gehen die drei Töchter verschiedene Wege: Ruth bemalt Flakons und verguckt sich in Heimers Sohn Thomas. Johanna lernt, Flakons zu versilbern. Und sie freundet sich mit ihrem Nachbarn an, dem Glasbläser Peter. Er bläst (also fertigt) Glasaugen. Schließlich noch Marie. Sie bemalt die Flakons mit leichter Hand und zarterem Federstrich als die erfahreneren Frauen. Heimer gefällt Maries Arbeit, doch entstehen Neidereien zwischen den Arbeiterinnen.

Johanna schlägt ihrem Chef immer wieder einmal Verbesserungen im Arbeitsablauf vor. Schließlich wird sie von Heimer gefeuert. Peter schenkt ihr zu Weihnachten einige bunte Tierfiguren aus Glas, mit denen er sich ein zweites Standbein – zusätzlich zu den Glasaugen – aufbauen möchte. Peter bittet Johanna, bei ihm zu wohnen und zu arbeiten. Da ihr die Beziehung zu eng wird, lehnt sie ab. Sie fragt nun bei Strobel nach, ob dessen Angebot noch gilt. Das tut es, und er stellt sie als seine Assistentin ein. Sie macht Inventur, wohnt während der Woche in einem Dienstbotenzimmer und verdient etwa das dreifache wie bei Heimer. Peter ist eifersüchtig.

Zum Maienfest (es ist nun 1891) wollen Ruth und Heimers Sohn Thomas ihre Verlobung bekannt geben. Am Ende der Feier sind alle betrunken und das Fest endet in einer Dorfschlägerei. Ruth ist enttäuscht. Am gleichen Tag kommt der amerikanische Kaufmann Woolworth zu Strobel und gibt eine Bestellung nie gekannten Umfanges auf. Strobel gewinnt außerdem Gefallen an Johannas „Widerborstigkeit“.

Im Sommer heiraten Tomas Heimer und Ruth Steinmann. Strobel fährt für mehrere Wochen „nach B.“ und Johanna führt in dieser Zeit Strobels Laden. Es gibt Verwirrung um die Bestellung von Woolworth. Er bestellte verspiegelte Glaskugeln mit 5 cm Durchmesser. Für die Glasbläser in Lauscha ist das ein unbekanntes Produkt. Ein Glasbläser mit Namen „Karl der Schweizer Flein“ traut sich daran. Derweil wird Marie bei Heimer immer weniger glücklich. Sie schlägt regelmäßig neue Produkte vor, die ihr Chef ebenso regelmäßig ablehnt. Von Johannas Schilderung der bestellten Glaskugeln elektrisiert, reaktiviert sie die väterliche Glasbläserei und versucht, sich autodidaktisch das Glasblasen beizubringen. Es klappt. Sie stellt ebenfalls verzierte Kugeln her. Außerdem ist Ruth von Thomas schwanger und Strobel schenkt Johanna ein Buch des Marquis de Sade.

Zu Beginn des Jahres 1892 gebiert Ruth eine Tochter. Woolworth gibt per Post eine neue umfangreiche Bestellung auf. Und Johanna lernt, dass Strobel seine konkurrenzfähigen Preise durch Druck auf die Hersteller erzielt. Ihre Meinung über ihn wird zwiespältiger.

Damit endet Teil 1. Er ist insgesamt bieder und hat viele Längen.

Teil 2 beginnt turbulent. Thomas Heimer begann kurz nach der Geburt der Tochter, Ruth regelmäßig zu verprügeln. Strobel vergewaltigt Johanna. Peter verprügelt wiederum Strobel. Beide Schwestern ziehen wieder bei Marie ein, die nun als einzige Arbeit hat. Marie bläst weiter Weihnachtskugeln. Johanna sucht in Sonneberg vergeblich nach Käufern für diese. Strobel hat überall erzählt, dass Johanna ihn bestohlen habe.

Ruth erfährt, dass Mr. Woolworth wieder nach Sonneberg kommt. Mit Musterkugeln bewaffnet, gelingt es ihr, sich in sein Hotelzimmer zu stehlen. Er ist von Ruths Courage und der Qualität der Arbeit begeistert. Sie kommt mit einem Riesenauftrag und einem kurzen Liefertermin nach Hause. Mit vereinten Kräften sowie Hilfe von einigen Freunden gelingt es den dreien, alle Kugeln pünktlich fertig zu stellen und an den Bahnhof von Sonneberg zu liefern. Ruth trifft dabei auf Steven Miles, den Einkäufer von Woolworth. Sie verlieben sich. Steven erteilt den Auftrag, Valentinsherzen aus Glas zu produzieren. Marie entwirft immer neue Formen, zusammen mit ihrem Nachbarn Peter gründet sie eine Gemeinschaftsglasbläserei. In vielen Briefen überzeugt Steven schließlich Ruth, dass sie Lauscha verläßt und mit ihm nach New York fährt.

Teil 2 ist actionreich und entschädigt dafür, dass man sich durch den 1. Teil gequält hat. Immerhin lösen die drei Frauen ihre Probleme durchaus fantasievoll und tatkräftig. Es entsteht eine Rollenverteilung, Marie ist die Künstlerin und Glasbläserin, Johanna ist diejenige, die organisiert und Ruth ist schließlich die Verkäuferin. In allen Rezensionen wird Marie herausgestellt, weil sie die erste Frau in dem Männerberuf des Glasbläsers ist. Ich sehe das nicht so, denn alle drei brechen Konventionen. Johanna die ihrer Herkunft, als sie die Anstellung bei Strobel annimmt und weltgewandter wird. Marie, indem sie den Glasbläserin wird  (ihre eigentliche Leistung ist es jedoch, zwei Jahre lang mit vier Stunden Schlaf täglich auszukommen) und Ruth, indem sie sehr nachhaltig verkauft. Am Ende ist mir noch aufgefallen, dass es im Buch niemals Ärger mit einer Zunft gab. Gab es etwa keine Zunft der Glasbläser in Lauscha?
Auf jeden Fall das passende Buch zum Christbaumschmuck.