Henry Hobhouse: „Tea and the Destruction of China“

Heute geht es um ein Stück Wirtschaftsgeschichte. Das Buch „5 Pflanzen verändern die Welt“ von Hobhouse habe ich bereits vorgestellt und das Kapitel über Zucker besprochen. Heute geht es um das Kapitel „Tea and the Destruction of China“. In der deutschen Übersetzung von Franziska Jung heißt es „Tee: Der Untergang des alten China“.

Damit geht es gleichzeitig auch um die Britische Osindien-Kompagnie, einen internationalen Konzern, der den Weltmarkt zwei Jahrhunderte lang beherrschte.

Die Absatzmärkte sind schnell aufgezählt: Niederlande, ein wenig Spanien und vor allen Dingen England. Dort bildeten sich Handelsgesellschaften, die Gewürze aus dem fernen Osten herbeischafften. Irgendwann ab 1650 herum war auch Tee dabei.

Die Beschaffungsmärkte sind auch schnell genannt: China. Sonst nichts. An einem Kai in Kanton trat er in den Gesichtskreis von Europäern. Die Europäer zahlten mit Silber und Kupfer. An anderen Produkten hatte China kein Interesse.

Das Problem war, dass die beiden Märkte weit auseinander lagen. Und so wuchs dem Transport die entscheidende Bedeutung zu. Ab ca. 1685 hatte die englische Ostindienkompanie das Monopol für den Handel mit Tee. (Handel und Transport lagen also in einer Hand). Die Ostindienfahrer schipperten dann erstmal auf den Meeren umher. Ihre dickbauchigen Schiffe glichen Warenhäusern. Die Kapitäne und Offiziere hatten ein Privathandelskontingent, von dem sie an den Küsten des indischen Ozeans reichlich Gebrauch machten. Die Fahrt dauerte so etwa 150 – 270 Tage.

  • Der Absatzmarkt wächst exponentiell

Tee wurde in England immer beliebter. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden 15.000 Tonnen p.a. importiert. Tee war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Also versuchte jeder, der es konnte, in den Markt einzugreifen. Die Folgen waren fatal.

  • 1. Konsequenz: Steuern

Wie immer, wenn ein Produkt erfolgreich ist, hält der Staat die Hand auf:
England besteuerte Tee mit bis zu 100 % des Großhandelspreises. Logische Folge: Der Schmuggel nahm zu. Die Offiziere verkauften aus ihrem Privatkontingent an holländische Schmuggler (sehr gute Qualitäten übrigens). Der Staat reagierte mit einem Programm: Man wollte den Absatzmarkt bereinigen, indem man Tee in die Kolonien exportierte. Die Steuer wurde gesenkt, gleichzeitig aber auch für den nach Neu-England importierten Tee erhoben. Die Steuer brachte weniger ein als die Beitreibung kostete, aber man wollte aus Prinzip nicht auf die „Besteuerung ohne Repräsentanz“ verzichten.

Das Ergebnis ist bekannt. In Neuengland mischte man Tee mit Meerwasser (Das war die Tea Party), die Krone reagierte unentspannt (schloss die Häfen), und die Kolonien wurden unabhängig

  • 2. Konsequenz: Verschnitt

Um die Mengen zu erhöhen schraubte man an der Qualität. Der Tee wurde verschnitten und gestreckt. Vermutlich schon auf dem Weg vom chinesischen Bauern über Zwischenhändler bis nach Kanton. Dann aber auf den Schiffen, bei den Lageristen, bei den Auktionen und beim Händler in England. Der Tee wurde gestreckt mit Holz, Blättern, Orangen oder Ölen. Ein Relikt aus dieser Zeit ist der Earl Grey.

  • 3. Konsequenz: schnellerer Transport

Die Blütezeit der schnellen Chinaklipper begann. Sie waren 5 mal so lang wie breit (Im Vergleich zu 3:1 der alten Ostindienschiffe). Geschwindigkeit wurde zum Werbeargument. Den Engländern wurde eingeredet, dass frisch geernteter Tee besser ist, als länger liegender. Und sogar der Clipper wurde zum Verkaufsargument, wenn stolz angepriesen wurde, dass der Tee mit der Cutty Sark transportiert wurde.

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  • 4. Konsequenz: Der Tee-Opium-Silber-Komplex

Der Einkaufspreis für die 15000 Tonnen in Kanton betrug 2 Millionen Pfund. Woher nahm man die, wenn es die Möglichkeit, Geld zu drucken noch nicht gab? Man handelte das Silber den Chinesen selbst ab, indem man ihnen Opium verkaufte.

Eine Art Dreieckshandel entstand: In Patna und im Himalaya wurde unter der Aufsicht der Kolonialherren Opium angebaut und produziert. Das wurde nach Kanton gefahren und verkauft. Bezahlt wurde mit Silbermünzen. In Kalkutta tauschten die Händler das Silber gegen englische Wechsel. Die Kompanie fuhr das Silber nach England, wo es die Teehändler übernahmen. Damit fuhren sie nach Kanton, um mit den chinesischen Silbermünzen wieder Tee zu kaufen.

Die chinesischen Machthaber waren natürlich entsetzt über die Verwahrlosung ihrer Untertanen und verboten den Handel mit den Engländern. Die beschossen Chusan, erklärten einige Städte zu freien Häfen, und der Handel ging weiter. Das war 1840.

  • 5. Konsequenz: Porzellan

Es gab noch ein anderes Transportproblem, und zwar auf den Schiffen selbst: Tee war anfällig gegen Feuchtigkeit und musste in der Mitte des Schiffes verstaut werden. Rundherum  wurde Ballast transportiert. Die Kargadeure (Frachtmeister) der Kompanie kauften in Kanton den erforderlichen Ballast zusammen. Aus alten Frachtlisten weiß man: 25% des Teegewichtes musste ausbalanciert werden und 25% des Ballastes bestand aus – Porzellan. Hochgerechnet kamen im 18. Jahrhundert 214 Millionen Teile Porzellan nach England.

So flutete der Tee chinesisches Porzellan in die englischen Haushalte. Jedoch gab es erstens bis ca. 1720 keine Kannen. Und die Tassen hatten keine Henkel. Die brauchte man aber, um die Tassen mit dem heißen Tee drin anzufassen. Also kam in den Städten der Beruf des Henkelmachers in Mode.
1702 in Meißen wurde das Geheimnis des Porzellanmachens entdeckt. Die Fürsten schützten ihre Manufakturen mit Importzöllen und der Handel mit chinesischem Porzellan kam vollständig zum Erliegen, obwohl es besser und billiger war als das europäische.

  • Neue Beschaffungsmärkte

Folgerichtig begann die Erforschung der Pflanze und des Herstellungsprozesses, und bald gab es erste Plantagen in Indien und Java. Dann, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, entstand in Indien und Ceylon eine Teeproduktion, die im Laufe der Jahrzehnte industrielle Maßstäbe annahm.

Es folgen eine Abhandlung über die Produktion von Tee. Immerhin hat man 200 Jahre lang mit einem Produkt gehandelt, über dessen Erzeugung nichts bekannt war. Und schließlich ein Kapitel über Japan. Japan hat sich nicht am großen Handel mit Tee beteiligt und blieb daher von destruktiven Entwicklungen verschont.

  • Bemerkungen

Ich mag die Perspektive von Hobhouse: Die Geschichte und ihre Konflikte als Funktionen der Märkte zu sehen. Der Autor betrachtet die Geschichte der Pflanzen individuell: Während es im Kapitel „Zucker“ gerade der Freie Welthandel war, der zur Abschaffung der Sklaverei führte, entfaltet er (der Welthandel, nicht der Autor) beim Tee eher eine destruktive Wirkung. Und ich mag Hobhouse’s essayistische Schreibweise. Die englische Perspektive hält er konsequent und augenzwinkernd durch. Und schließlich belegt er vieles mit Statistiken und Kalkulationen.

Zum Wohl. Oder wie sagt man beim Teetrinken?

Karte # 16: Die Griechenland-Anleihe von 1825. Spurensuche in „Letzte Sommer“ von Trelawny

Letzte Sommer Bildausschnitt

In diesem Beitrag setzte ich meinen Artikel über das Buch „Letzte Sommer“ von Trelawny fort, diesmal mit wirtschaftsgeschichtlichem Schwerpunkt. Im ersten Teil fuhr der Autor nach Pisa, um Shelley und Lord Byron kennen zu lernen. Hier nun fährt er mit Lord Byron sowie einem englischen Unterhändler namens Hamilton Browne von Livorno aus nach Griechenland.

  • Über die Reise

Die Passage endet am 2. August 1823, als sie in Argostoli, dem Hafen von Kephalonia, vor Anker gehen. Es folgt ein kurzer Abstecher touristischer Art auf die Insel Ithaka. Trelawny und Browne betreten schließlich den Peloponnes in der Nähe des Dorfes Pyrgos. Gleich am nächsten Morgen ziehen sie weiter. Es geht zunächst nach Tripoliza, der Hauptstadt des Peloponnes. Das Land ist unfruchtbar. Von Zeit zu Zeit begegnen sie einigen Hirten, die auf dem kargen Land ihre Ziegen und Schafe weiden und mit der Hilfe von wilden Hunden bewachen. Nach einigen Tagen reisen sie weiter nach Argos. Die Gegend ist vom Krieg gezeichnet. Sie reiten durch die Schlucht von Dervenakia. Dort liegen die Skelette von Soldaten und Tieren eines ottomanischen Heeres, das im Herbst zuvor (also 1822) hier geschlagen wurde. Nach einem kurzen Aufenthalt in Korinth stzen sie nach Salamis über. Dort treffen sie die Anführer der wichtigsten Militärparteien, die sich gerade gegenseitig Verschwendung öffentlicher Gelder vorwerfen.

blaue Strecke: gemeinsame Reise Trelawnys mit Hamilton Browne

grüne Strecke: Trelawny mit Odysseus

rote Knöpfe: Lord Byrons Aufenthalt

Warum nahmen die Herren diese Strapazen auf sich? Eine allgemeine Zeitströmung des Philhellenismus animierte viele Europäer dazu, mit dem griechischen Freiheitskampf zu sympathisieren oder sich direkt zu engagieren. In England hatte sich auch ein Komitee zur Unterstützung der Griechen gegründet. Die Reise fand vor diesem Hintergrund zu verschiedenen Zwecken statt. Unter anderem hatten die Reisenden den Auftrag, einige griechische Verhandlungspartner zu Gesprächen über eine Anleihe nach London zu schicken. Byron war dafür vorgesehen, die Kontrolle über die Verteilung der Gelder zu erhalten. Byron stattete Trelawny mit Empfehlungsbriefen an die griechische Regierung aus, in denen er seine Dienste empfielht. Immerhin hat er bereits in Italien Kontakt zu Unterhändlern der griechischen Regierung geknüpft. Die griechische Kriegspartei stellte sich als unerwartet zerstritten heraus. Es gab die Nationalversammlung, einige Militärführer und Stammesführer, die aufeinander eifersüchtig waren.

Schließlich trennt sich Browne von Trelawny und fährt mit Unterhändlern der Regierung nach England zurück, um dort über eine Anleihe zu verhandeln.

Im Januar 1824 lebt Byron in Mesolongion, die Verhandlungen über die Anleihe stehen kurz vor dem Abschluss und einige Engländer sitzen mit den griechischen Unterhändlern in Athen zusammen. Während eines Botenritts erfährt Trelawny vom Tode Byrons. Zunächst recherchiert Trelawny die Umstände, die zu Byrons Tod führten. Die mehrseitige Schilderung findet zu dem Schluss, dass die Ursache eine Kombination aus Sumpffieber und inkompetenten Behandlungen war.

  • Über die Anleihe

Als die ersten Informationen über eine mögliche Anleihe durchsickern, können es einige Militärs nicht glauben. Immerhin birgt die Anleihe – sie hat einen Zinssatz von 5 % – hohe Risiken. Gläubiger ist kein Staat, keine Regierung, sondern eine Region, die einen Freiheitskampf gegen ihre Besatzer führt. Es gibt also keine Sicherheiten. Die allgemeine graecophile Stimmung führt zu Euphorie an der englischen Börse. Die erste Tranche von 1824 über 800.000 Pfund wird überzeichnet. Trelawny beschreibt, wie ein englisches Schiff  mit der ersten Rate von 40.000 Pfund an Bord in Griechenland ankommt. Es kommt zu Straßenschlachten mit Räuberbanden, die sich das Geld unter den Nagel reißen wollten. Der Tag endet in Tumulten. Die Regierung greift hart durch. Sie will die Anführer des Aufruhrs, sowie einige andere Stammesführer verhaften oder ermorden lassen, darunter auch ein gewisser Odysseus, der gleich noch eine Rolle spielt. Die zweite Konsequenz aus den Ereignissen ist , dass Griechenland „nur“ 240.000 Pfund direkt erhält. Der Rest wird in Kriegsmaterial geliefert.

Aufgrund der Überzeichnung kann 1825 eine zweite Tranche über 2,1 Millionen Pfund aufgelegt werden. Später beschreibt Trelawny, dass von der Anleihe fast nichts mehr übrig war. Erstmal nicht schlimm, denn mit aufgenommenem Geld sollte ja ein konkretes Vorhaben finanziert werden. Trelawnys Ärger rührt aber auch daher, dass einige Abgeordnete Geld aus der Anleihe unterschlagen haben.

Was aus der Anleihe wurde? Einmal noch habe ich eine Spur gefunden, in einem Börsenbericht aus dem Jahr 1830. Sie notierte schnell im Bereich von 20 Prozent. 1830 wurde bekannt, dass Prinz Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha zum König des neuen Griechenland werden sollte. Der Anleihekurs schoss auf über 41 Prozent. Später wurde die Anleihe fast wertlos. Zinsen wurden nie gezahlt. 1878 wollte Griechenland wieder auf dem Kapitalmarkt aktiv werden. Wie in solchen Fällen nicht unüblich wurde zunächst verlangt, dass die früheren Anleihen reguliert werden. Die Gläubiger zu wurden mit 31,6 % abgefunden.

Ein neuer Chart zu der Anleihe

Eine wissenschaftliche Arbeit über besagte Anleihen

Die Griechenland-Anleihe in einem Börsenbericht von 1830

  • Über Trelawny

Und Trelawny? Er schließt sich zunächst dem Freiheitskämpfer Odysseus an. Ein eingeschleuster Schotte versucht, Trelawny zu ermorden. Trelawny überlebt zwei Musketenkugeln in seinem Körper. Odysseus wird verhaftet und später am Fuße der Akropolis tot aufgefunden. Trelawny kehrt 1832 nach England zurück, schreibt hie und da Bücher, heiratet ein paar Mal, fährt nach Amerika, wo er den Niagara durchschwimmt und kehrt nach England zurück, wo er im Jahre 1881 89-jährig stirbt. Das Buch „Letzte Sommer“ ist als engagierter und unkonventioneller Reisebericht und als Zeitdokument empfehlenswert.

Karte # 15: Mit Marnie kreuz und quer durch England

Bücher, die eine Flucht zum Thema haben, sind immer auch Bücher mit starkem geographischem Bezug. Fluchten sind ja zunächst einmal unfreiwillig oder gezwungenermaßen durchgeführte Reisen. Gegenden werden nicht besucht, sondern durchzogen. Die Orte haben keine eigene Ausstrahlung, sondern sind Wegpunkte. Der durchquerte Raum alleine ist wichtig. Veränderungen definieren sich über zurück gelegte Entfernungen. Dieses Buch handelt von Fluchten, die kreuz und quer durch England führen. Es geht um „Marnie“ von Winston Graham aus dem Jahr 1960. Ich habe die Ausgabe von 1961 (Übersetzung: M. Tilgner) mit 284 Seiten. Die Geschichte ist durch den Film von Hitchcock so richtig berühmt geworden. Hitchcock verlegt die Handlung, die er an einigen wichtigen Stellen verändert, in die USA.

  • Das Setup

Marnie

Die Hauptperson ist Margaret Elmer, genannt Marnie. Sie ist die Ich-Erzählerin des Romans. Ihre Flucht findet auf zwei Ebenen statt. Sie flieht davor, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, als ihr viel Gewalt angetan wurde. Unter dem Vorwand, ihre Mutter zu unterstützen (in Wahrheit jedoch, um sich selbst zufrieden zu stellen) stiehlt sie Geld von ihren Arbeitgebern. Anschließend verschwindet sie und taucht unter neuem Namen in einer anderen Stadt auf.

  • Die Geographie

Das Buch beginnt in dem Städtchen Cirencester. Die „Alte Krone“ in Cirencester ist sozusagen Marnies Rückzugsort. Hierher kehrt sie nach ihren „Fischzügen“ immer wieder zurück. In einem Gestüt in der Nähe hält sie sich ein Pferd. Zu Beginn des Buches hat sie bereits unter verschiedenen Namen immer wieder Stellen als Buchhalterin angetreten. Nach kurzer Zeit unterschlug sie Geld und verschwand spurlos, so in Brimingham, Newcastle und Manchester. Nun tritt sie ein Stelle bei der Firma Rutland in Barnet bei London an. In der Folge werden im Roman drei große Strecken zurück gelegt.

Strecke 1: London – Paddington – Wolverhampton – Walsall – Nottingham – Swindon – Cirencester (grüne Knöpfe)

Strecke 2: Cirencester – Fairford – Oxford – Aylesbury – Berkhamsted (rote Knöpfe)

Strecke 3: Torquay – Newton Abbot – Exeter – Andover – Honiton – Ilminster – Ilchester – Wincanton – Newbury -High Wycombe (gelbe Knöpfe)

Blaue Knöpfe stellen sonstige Orte der Handlung dar.

  • Die Geschichte

Rutland ist eine Spezialdruckerei für besonders hochwertige Druckerzeugnisse. Marnie ist dort als Lohnbuchhalterin angestellt. Eines Tages beginnt sie, Geld zu unterschlagen. Sie geht sehr planvoll vor. Der Leser erfährt einiges über englische Lohnabrechnungen, das Sozialsystem und auch Marnies Kontenstruktur. Als Marnie genug Geld unterschlagen hat, verschwindet sie. Nun folgt „Strecke 1“. Sie deponiert das Geld bei verschiedenden Banken und kehrt zurück nach Cirencester. In Cirencester spürt der Inhaber Mark Rutland sie auf. Auf der langen Fahrt zurück nach Berkhamsted stellt er sie zur Rede. Das ist Strecke 2. In einem – auf 20 Seiten geschilderten – rhetorischen Machtkampf überzeugt er Marnie, ins Büro zurück zu kehren. Ein paar Tage danach fordert er sie auf, ihn zu heiraten. Gegen ihren Willen stimmt sie zu.

Die Hochzeitsreise geht nach Mallorca, nach Las Catalas, 4 Meilen außerhalb von Palma. Marnie verweigert sich ihrem Mann, wofür sie immer neue Gründe findet. Schließlich vergewaltigt er sie. Mark Rutland stellt für Marnie einen Kontakt zu dem Psychiater Dr. Roman her. Und Marnie besucht die Pokerabende ihres Arbeitskollegen Terry. Sie ist nicht in der Lage, die möglichen Bluffs zu durchschauen oder – wenn sie durchschaut – entsprechend zu setzen. Bei einem Dinnerempfang wird sie von ihrem früheren Chef aus Birmingham erkannt. Also trifft sich Rutland mit einem pensionierten Chief Constabler. Aus diesem Gespräch zieht Rutland die Konsequenz, dass er sich bei den Betrogenen offenbart und die Beträge zurück zahlt. Marnie beschließt, sich den zu erwartenden Schwierigkeiten nicht zu stellen und bei nächster Gelegenheit Mark zu verlassen.

  • Pause

Als Snack gibt es englisches „Starkbier“ zu einem Stück Schinken aus dem Pub in Torquay. In dem Buch wird viel gegessen, es gibt Dinnerempfänge und gemeinsame Mahlzeiten mit Rutland. Aber es werden nur die Getränke beschrieben. Auch eine Art Flucht. Erst gegen Ende,  im Pub, sticht Marnie eine Gabel in ein Stück Schinken. Es ist das erste Mal, dass Essen konkret beschrieben wird.

  • Weiter

Einige Tage später reiten die Rutlands gemeinsam mit vielen anderen zur Fuchsjagd aus. Marnies Pferd geht durch und stürzt beim Sprung über eine Hecke. Es muss eingeschläfert werden. Auch Mark Rutland verletzt sich schwer. Während er gesund gepflegt wird, beschließt Marnie, abzureisen. Sie dringt nachts in die Firma ein, nimmt Geld aus dem Tresor, bekommt Skrupel und legt es zurück. Danach fährt sie nach Torquay und erfährt, dass ihre Mutter am Tag zuvor starb. Von der Freundin ihrer Mutter (Lucy Nye, die Marnie auch großgezogen hat) erfährt sie schreckliche Details aus ihrer Vergangenheit. Marnies Mutter arbeitete als Hafenprostituierte, aus der Geschichte ging ein Kind hervor, Marnies Bruder, der kurz nach der Geburt ermordet wurde.

Mit diesem Wissen fühlt sich Marnie zum ersten Mal frei, ihr Zwang fällt von ihr ab. Nach der Beerdigung ihrer Mutter kehrt Marnie in einem Pub ein (die Sache mit Starkbier und Schinken). Als sie später nach Hause kommt, sitzt Terry dort. Er überredet sie, mit zurück nach London zu fahren. Sie fahren Strecke 3. Unterwegs halten sie an einem Haus, in dem ihre ehemaligen Chefs aus Birmingham auf sie warten. Sie geht zu ihnen, um die Dinge zu klären. Sie weiß nun, dass ihr Leben alleine in ihren eigenen Händen liegt.

  • Anmerkungen

Es ist ein besonderes Buch. Zunächst fällt auf, dass das Wetter keine Rolle spielt. Der Autor verzichtet darauf, das Klischee des englischen Regens zu bemühen. Marnies Leben kann nur bei völliger Kontrolle funktionieren. Mark Rutland zwingt sie in Situationen, in denen sie keine Kontrolle mehr hat. Sie windet sich, flieht, lügt, will sich zweimal umbringen. Bei der Fuchsjagd erkennt sie ihre Lage so deutlich wie nie zuvor. Sie versucht Rollenwechsel, plant Reisen, die sie niemals ausführen wird, bis sie schließlich aufgibt und frei wird. Dieser innere Kampf wird eindrucksvoll dargestellt und durch die Fluchten auch geographisch abgebildet.

Dazu kommt eine gehörige Portion Selbstironie der Ich-Erzählerin, und so ist es bei aller Dramatik kein humorloses Buch. Es hat sicherlich auch Schwächen. So ist die Rolle von Terry, besonders am Ende, nicht schlüssig. Andererseits ist das Gespräch auf „Strecke 2“ ein Meisterwerk in der Kategorie Dialogführung. Absolut lesenswert.

Karte # 8: Londoner Maulbeerbäume, Beirut und ein Strand in Madrid

Zeit für ein wenig Musik. Ich habe in den Kisten eine LP gefunden, die aus der Sicht des geographisch interessierten Hörers spannend ist: „Update“ von Peter Sarstedt ist eine Art „Best of“. Naja, falls es bei diesem Künstler so etwas Sinn ergibt, denn soweit ich mich erinnere, zählt er zu den „One-Hit-Wonders“. „Update“ erschien nie als CD, obwohl die Lieder in anderen Zusammenstellungen häufig veröffentlicht wurden. Die Vorderseite des Covers zeigt den Sänger in rotes Licht getaucht mit Gitarre vor einem Mikrophon stehend. Die Platte ist mit ca. 46 Minuten Spielzeit ihren Preis Wert. Auf dem Cover befindet sich noch ein alter Aufkleber mit selbigem, und er betrug 14,90 Mark.

  • Paris – Juan-les-Pins – St. Moritz

Die Hinterhöfe von Neapel irgendwann in der Vergangenheit. Der Ich-Erzähler und ein Mädchen namens Marie-Claire spielen auf den Straßen. Sie verlieren sich aus den Augen. Jahre später spricht er sie wieder an. Ob aus der Ferne oder aus der Nähe weiß man nicht. Beide sind also erwachsen, so zwischen „zwanzig und dreißig, ein sehr begehrenswertes Alter“. Aus dem Mädchen Marie-Claire wurde eine gesellschaftlich anerkannte Frau, die den Glamour liebt. Sie wohnt in Paris am Boulevard Saint-Michel. Im Sommer zieht es sie nach Juan-Les-Pins, um sich einen gleichmäßigen Teint anzubräunen. Wenn Schnee fällt, dann geht es nach St. Moritz, mit all den anderen aus dem Jet-Set, um Napoleon Brandy zu schlürfen. Aber sie ist dabei, ihre Seele zu verlieren. Er beobachtet die Frau aus der Ferne, ein wenig sehnsüchtig, ein wenig Neid, aber auch viel Mitleid schwingen mit. Beide werden wohl nichts mehr gemeinsam unternehmen. Der Song ist Peter Sarstedts berühmtester: „Where Do You Go To My Lovely“.

  • Madrid

Das nächste Stück spielt in Madrid. „Frozen Orange Juice“ ist ein fröhliches Lied über die reine Freude, lachend durch einen Sommertag zu tanzen und zu spazieren. Und dabei eben das Getränk aus dem Titel zu geniessen. Doch fällt auf, dass sie an den Strand gehen. In Madrid? Oder gibt es einen Stadtstrand des Ebro in Madrid? Jedenfalls ist das Lied optimistisch und schön anzuhören.

  • Londoner Maulbeerbäume und der Berkeley Square

Kein Scherz: Ein Musikstück über Londoner Maulbeerbäume: „Mulberry Dawn“. Hier werden Parties gefeiert, in der Nähe des Berkeley Square. Es muss wohl lustig gewesen sein, John Lennon war auch da. Sowas erzählt „man“ zwar nicht (das ist die unmaßgebliche Meinung des Blog-Autors), aber wenn man es mitgenommen hat, dann kann man ja ein Lied drüber machen (das war wohl die Meinung des Song-Autors). Jedenfalls kam erst die Liebe und dann der Morgen unter Maulbeerbäumen. Was den geographisch interessierten Hörer zu Webseiten führt, die Londoner Bäume lokalisieren.

http://mulberrytrees.co.uk/locations/

http://www.londontrees.co.uk/mulberry.html

„Mulberry Dawn“ ist einer der Pop-Songs, die meine Meinung bestätigen, dass britische Musik im Prinzip aus Heimatliedern besteht.

  • Der Rest der A-Seite

Der Rest der A Seite ist für diesen Blog Off-Topic. „I Am A Cathedral“ ist ein Stück über mystische Erfahrungen. „Mellowed Out“ ist rhythmischer als die anderen auf der Platte, klingt aber wie schonmal gehört. „English Girls“ ist dann wieder heimatverbunden. Englische Frauen zeigen ihre Gefühle nicht. Und kommen aus einfachen Verhältnissen und „entwickeln“ sich nach oben.

  • Pause. Platte umdrehen. 

Es gibt Creme de Menthe. Das Getränk darf auf der B-Seite für eine Metapher herhalten. Lichter grüner Ampeln glitzern auf der nassen Straße wie ausgeschüttete Creme de Menthe.

  • Nochmal Paris

Ein Song über jemanden, der sein Leben lang die Liebe suchen wird: Mit „Boulevard“ wenden wir uns noch einmal dem Boulevard Saint Michel zu. Ein Straßenmusikant von Cafe zu Cafe und singt traurige Lieder. Das Boulevard kennt mich und meine Sorgen, und irgendwann finde ich mein Leben.

  • Der Rest der B-Seite

„Eternal Days“ wurde für einen Film über Grönland geschrieben. „Take Off Your clothes“ ist ort- und zeitfrei, und es ist – Überraschung! – voller Ironie und richtig „rock’n’Rollig“. Ein Junge will mit dollen Sprüchen imponieren („Main Daddy ist der Papst, und ich will nur..“) und hat Erfolg. Die Mischung aus ironisch und direkt ist einfach das, was den typisch englischen Humor ausmacht. „Tall Tree“ ist ein allegorisches Stück, der große Baum wird wieder blühen, so wie früher und so wie das Leben auch wieder besser wird. Unoriginell. Im Covertext heißt es, dass die Melodie monoton bleibt, um ein Gefühl der Endlosigkeit zu vermitteln. So kann man es auch sagen. Mit „Southern Belle“, einem Liebeslied will man die Platte ausklingen lassen, und dann das:

  • Beirut

Auf jeden Fall ein Höhepunkt der Platte. „Beirut“ aus dem Jahr 1978 führt den Hörer in die vom Bürgerkrieg zerrissene Stadt. Ohne zu Moralisieren erzählt Sarstedt eine Geschichte, die gleichzeitig zu einer Momentaufnahme Beiruts wird. Sicher, die Geschichte, die das Lied erzählt, ist komplex. Die Form ist zu einfach gewählt. So etwas wie ein „Long Song“ wäre einfach geeigneter. Die Frau, die Verletzung, der Bürgerkrieg als Kulisse, all das sind keine üblichen Themen für 3:45 Min.

Der Ich-Erzähler bezeichnet sich als „Anti-Held“. Kein Wunder, denn er zerfließt vor Selbstmitleid. Gerade eben hat er im Casino 50 Riesen verloren. Er baut sich wieder auf, indem er eine wunderschöne Frau betrachtet, die vor dem Casino steht. Plötzlich wird geschossen, der Erzähler wird am Arm getroffen, dann in einen weißen Mercedes gestoßen, die Frau verbindet seine Schusswunde. Sie ist – Überraschung – arm geboren und irgendwie reich geworden. Unnahbar. Aber trotzdem ganz nett.

Zusammenfassung: Grundmotiv sind reich gewordene Frauen aus armen Verhältnissen. Und es ist eine nette Reise durch die Welt. Frage: Gibt es in Madrid tatsächlich einen Strand?