Karte 67: Mit Pionieren im Abitibi-Land: „Harricana“ von Bernard Clavel

Bernard Clavel (1923 – 2010) war ein französischer Autor von Abenteuerromanen. Ein Buch aus seiner Reihe „Les Royaumes du Nord“ heißt „Harricana“. Der Harricana ist ein Fluss, der durch Quebec und Ontario nach Norden fließt und in die Hudson Bay mündet. Mit dem Originaltitel ist auch schnell der geographische Bezug gesetzt.

Die deutsche Übersetzung von Barbara und Silke Evers aus dem Jahr 1988 trägt den Titel „Wo der Ahorn Früchte trägt“. Etwas unglücklich, denn um Ahorn geht es nicht.

Ziemlich genau auf halber Strecke zwischen den großen Seen an der Grenze zwischen USA und Kanada und der Hudson Bay liegt der Tamiskamingsee. An seinen Ufern wurde 1879 Weizen entdeckt und seither auf den fruchtbaren Hangterrassen des Sees angebaut. Die Helden des Buches hätten die Gelegenheit gehabt, dort zu siedeln. Sie tun es nicht, sondern ziehen weiter.

Die Helden des Buches sind die Robillards, eine Großfamilie, zwei Ehepaare und ihre Kinder. Dreimal schon zogen sie um, um innerhalb Kanadas ihr Glück zu machen. Sie haben gehört, dass eine Eisenbahn von Westen nach Osten gebaut wird. Auf ihrer Strecke muss sie auch den Harricana überqueren. Die Robillards verknüpfen mit diesen Informationen die Hoffnung, dass an der Brücke eine neue Stadt entsteht, wo sie „ihren Traum von einer sicheren Existenz verwirklichen“ wollen (S. 151). Sie planen in der noch entstehenden Stadt einen „Gemischtwarenladen“. Autor und Leser begleiten die Robillards genau ein Jahr lang. Die Geschichte spielt in einem ungenannten Jahr zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Reise:

Sie beginnen ihre Reise im September in der Nähe des Tamiskamingsees. Von dort geht es zunächst zu Fuß auf einem kleinen Weg entlang des Riviere des Quinze. Der heißt so, weil er fünfzehn Stromschnellen hat. Nach ein paar Meilen warten einige Indianer mit ihren Lastenkanus. Die Robillards verladen ihre Habe und fahren los: Zunächst flussaufwärts in den Lac des Quinzes. Dann in den nördlichen Teil des Lac Expanse, wo der Ottawa-Fluß in den See mündet. Sie fahren den Ottawa weiter flussaufwärts. Am Zusammenfluss des Ottawa mit dem Kinojevis streckt sich der Ottawa nach Westen. Die Robillards wollen nach Norden und fahren den Kinojevis hinauf.

Nach 10 Meilen verlassen sie den Fluß, gehen über einen Hügel zu einem kleinen See, dann weiter zum Lac Vaudray. Dann kommen die ersten Flüsse, die nach Norden in die Abitibi-Ebene fließen. (Abitibi bedeutet in der Sprache der Algonkin-Indianer „Grenzwasser“). Unsere Reisenden erreichen den Kakake-Fluss, ziehen weiter zum Kewagama-See und am Seal’s Home See vorbei. Irgendwann liegt der Harricana vor ihnen, der mit seinen tonhaltigen Fluten in einem großen Bogen durch Ontario hindurch der Hudson Bay zustrebt.

Die Geschichte der Siedlung an der Brücke

Zwei Brückenbauingenieure empfangen die Robillards. Es entsteht schnell eine enge Freundschaft, vor allen Dingen, weil alle der Familie Robillards sehr geschickte Handwerker sind. Catherine Robillard wäscht den Bauarbeitern ihre Hemden, bessert sie aus, und bald entsteht auch ein Handel mit Kleidern. Die Ware kommt meist per Ochsenkarren aus Cochrane.

Der strenge Winter nimmt den Robillards ihren Sohn.  Die Tragödie festigt die Freundschaften im Dorf noch mehr.

Der Nachfrage folgend werden die Robillards dann noch Schuhmacher und Korbflechter. Stück für Stück entsteht ein Ort um die Brücke herum. Häuser werden gebaut, ein Bahnhof, eine Kirche. Und der Gemischtwarenladen der Robillards floriert. Der folgende Sommer hat es in sich. Die Eisenbahnlinie wird fertig. Von Osten wie von Westen (von Quebec und von Cochrane kommend) nähern sich Bautrupps der Brücke. Und schließlich vereinen sie die beiden Streckenteile an der Brücke. Ein gewaltiges Fest wird gefeiert, täglich fahren zwei Züge über die Brücke und durch den Ort. Die Bautrupps wie auch die Feierlichkeiten sind gut für’s Geschäft der Robillards, die langsam zu bescheidenem Reichtum kommen. Die Ware kommt jetzt per Güterwaggon aus Cochrane.

Eines Tages wird der Ort und auch die Brücke durch ein Feuer zerstört. Einige Bewohner werden Opfer der Flammen, darunter auch Alban Robillard, das Familienoberhaupt. Viele der Arbeiter ziehen weiter zu der nächsten Baustelle. Die Robillards beschließen, am Ort zu bleiben.

Noch einmal zur Geographie

Das Buch reist einmal durch die Jahreszeiten. Die Reise beginnt im September mit seinen Stürmen, für die sich glitzernde Nächte mit bleischwarzen abwechselten. „Goldfarben stieg das Licht zum violetten Horizont auf“ (S. 80)

Dann die Zeit, wo „Wasser und Land zu einem gewaltigen Panzer zusammen gewachsen waren, den der Winter geschmiedet hatte“ (166). Nirgends ist der Winter so hart wie hier, es herrschten bis zu  minus 60 Grad Celsius. Zuweilen hörte man das Bersten und Krachen von Bäumen.

Aber kein Winter dauert ewig, Eines Tages im Februar hörte man, wie das Eis auf den Flüssen mit ohrenbetäubendem Lärm zerbarst. Packeis mit „jadegrünen Bruchstellen“ bedeckte den Fluss. Das Frühjahr zieht herauf, in dem Schwärme von Mücken die Arbeiter, Elche und Karibus bei ihren Verrichtungen behindern. Und schließlich der Sommer, in dem ein glühende Hitze tagelang windlos über dem Wald liegt.

Bemerkungen

Negativ:

Die Robillards kommen quasi aus dem Nichts. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn da nicht die saloppe Bemerkung des Autors wäre, dass sie zum vierten Mal umsiedeln. Der Leser erfährt nicht mehr darüber. Schade, denn die Gründe für die vielen Umzüge können auch einiges über den Charakter der Leute aussagen. Außerdem schreibt Clavel manchmal zu sehr im „Schlaumeiermodus“. Beim Anblick der Natur reflektiert der Autor (nicht etwa eine Romanfigur) öfter mal deren Jahrmillionen alte Geschichte.

Positiv:
Clavel gelingen immer wieder atemberaubende Naturbeschreibungen. Egal, ob Sommer oder Winter, ob am Fluß oder im Wald. Er beobachtet sehr genau den Himmel, und man erfährt vieles über die Windverhältnisse in Kanada, über Wolken und Vögel. Dramatisch ist die Szene, in der eine Elchherde an der Lagerstelle vorüberzieht. Das Buch ist immer dann stark, wenn die Handlung aus der kleinen Welt der Robillards und ihren Sehnsüchten heraus weiter geführt wird.

China und Japan 1896 – 1899: „Franz Urbig – aus dem Leben eines deutschen Bankiers“

Heute geht es um eine Biographie, die gleichzeitig ein Stück Wirtschaftsgeschichte darstellt und nach China und Japan Ende des vorletzten Jahrhunderts führt.

  • Das Buch

Franz Urbig lebte von 1864 bis 1944. Er war ab 1889 bei der Disconto-Gesellschaft beschäftigt, damals einer der größten deutschen Banken. Über die Zeit von Beginn seiner Tätigkeit bis 1902 verfasste Urbig eigene Erinnerungen. Neben der Aufzählung seiner Karrierestationen behandelt er darin seine Tätigkeit in Asien. Anlässlich seines 150. Geburtstages wurden diese Erinnerungen mit einem weiter führenden Essay des Historikers Martin L. Müller versehen, mit vielen Originalfotos angereichert und unter dem Titel „Franz Urbig – aus dem Leben eines deutschen Bankiers“ veröffentlicht. Für Hörbuch-Fans liegt noch eine CD bei, besprochen vom Frankfurter Schauspieler Peter Schröder. Erschienen im Selbstverlag der Historischen Gesellschaft der Deutschen Bank.

  • Worum geht’s

China hatte einen gewaltigen Kreditbedarf vor allen Dingen wegen Reparationszahlungen an Japan und wegen des Eisenbahnbaus. China konnte eine erste Anleihe über 16 Millionen britische Pfund in Frankreich platzieren – mit einer russischen Staatsgarantie. Nun wollten Berlin und London vermeiden, dass China noch weiter in russischen Einfluss gleitet, und suchten nach Möglichkeiten, mit China in Geschäft zu kommen. Urbig wurde nach China geschickt, um die Verhandlungen zu führen – und zwar einerseits mit den chinesischen Regierungsstellen und andererseits mit der Hongkong and Shanghai Bank. Diese vertrat die englischen Geldinteressen in China, und sie bildete gleichzeitig den Zugang Chinas zum europäischen Geldmarkt. (Der amerikanische Geldmarkt war zu dieser Zeit noch ohne Bedeutung).

Die Gespräche waren erfolgreich. 1896 wurde eine Anleihe über weitere 16 Mio Pfund begeben. Während der Verhandlungen versuchte der Bevollmächtigte der englischen Seite, Urbig mit kurzfristig eingefügten Vertragsänderungen zu hintergehen. Dass er das rechtzeitig bemerkt hat, erfüllt Urbig mit mehrseitig geäußertem Stolz. Nach diesem Geschäftserfolg macht Urbig erstmal Urlaub. Er besucht 6 Wochen lang Japan. Die Erinnerungen an diese Reise bezeichnet er als die „reizvollsten meines Lebens“.

Franz Urbig - Aus dem Leben eines deutschen Bankiers
www.stepmap.de Landkarten-Editor

StepMap Franz Urbig - Aus dem Leben eines deutschen Bankiers


  • Nagasaki – Yumoto – Kioto (1896)

Der Weg begann in Nagasaki, „das einen der schönsten Häfen hat“, dann durch die japanische Inlandsee über Kobe und Yokohama und Tokio nach Nikko. Die Tempelstadt liegt in über 1000 Metern Höhe an einem bewaldeten und fischreichen See. Oberhalb Nikkos liegt Yumoto, ein viel besuchtes Schwefelbad. Der Rückweg führte über Nagoya, damals eine Garnisonstadt in der Provinz mit gerade mal einem Hotel, noch dazu einem minderwertigen. Weiter ging es nach Kyoto. An beiden Ufern eines Flusses gelegen, macht es einen wohlhabenden Eindruck. Die Teehäuser sind voll, und die Dienerinnen bewegen sich mit übervollen Tabletts durch die Menge. Gereicht werden Getränke und unendlich viele Kürbisschnitten. Kioto hinterließ bei Urbig den stärksten Eindruck, auch wegen seines Eindrucks „großstädtischer Wohlhabenheit“. Anschließend kehrt Urbig nach Shanghai zurück und reist über Calcutta zurück nach Europa.

  • chinesische Eisenbahnprojekte

Für die Verhandlungen über eine weitere Anleihe ging Urbig 1898 wieder nach Shanghai. Diesmal geht es um die Finanzierung des Eisenbahnbaus in China. Nun überstürzen sich die Ereignisse: Eine gemeinsame deutsch-englische Gesellschaft plant einen Eisenbahnbau von Shanghai nach Nanking, den Yangtze entlang (Bahn 1). Doch die Engländer schnappen sich das Geschäft alleine. Deutschland sucht nach Alternativen. Der Plan (2), eine Bahn von Tientsin nach Nanking zu bauen, scheitert an den Chinesen, die von der Bahn nicht überzeugt sind. Schließlich wird ein deutsches Projekt von Tsingtau nach Jinan begonnen (3). Urbig ist von der ganzen Situation nicht erbaut.

  • Mijanoshita (1899)

Auch das Wetter ist schwer erträglich, und so freut sich Urbig auf einen erneuten Japanurlaub im Juni 1899. Diesmal fuhr er über Yokohama. Von da aus ging es 600 Meter in die Höhe nach Mijanoshita, ein Onsen in der Nähe des Hakone-Sees. Ein Onsen ist in Japan ein Ort mit Hotels und heißen Quellen. Auch Mijanoshita verdankt seine Entstehung den heißen Quellen. Eigentlich ist es nichtmal ein Ort, sondern eine Art Hotel-Dorf. Dicht beieinander liegende Quellen liefern kaltes und 40 Grad heißes Wasser. Beides wurde durch ein Badehaus geleitet. Das Wasser wirkt zunächst schwächend, mit zunehmendem Aufenthalt aber stärkend auf die Nerven.

An einigen Stellen war die Erdoberfläche kochend heiß. Vom Hoteldorf aus wandert man über eine „von vielen und großen Schmetterlingen belebte“ Höhenlandschaft bis an den Stillen Ozean und dann hinab zu Buchten mit weiß schäumender Brandung und verstreuten Häusern. Kurz darauf kehrt Urbig wieder nach Europa zurück, zunächst nach London. Später geht er für kurze Zeit ein drittes Mal nach China, wo sich die Stimmung ab 1900 gegen die europäischen Mächte wendet, „in der gefährlichen Weise des Boxeraufstandes“. Im Jahr 1902 wird Urbig in den Kreis der persönlich haftenden Gesellschafter der Disconto-Bank gerufen.

  • Bemerkungen

Das Buch ist ein spannendes Stück Wirtschaftsgeschichte über China um die vorletzte Jahrhundertwende, als die Großmächte um ihren Einfluss in China rangen. Alles aus erster Hand und sehr persönlich erzählt. Die Reiseerinnerungen nehmen innerhalb des Buches nur einen kleinen Teil ein, vor allen Dingen fehlen mir Hinweise darüber, wie, mit welchen Mitteln und auf welchen Wegen man unterwegs war. Die Schilderungen Urbigs sind jedoch allemal eindrucksvoll.

  • Was sonst noch geschah

Urbig wohnte seit 1912 in einer Villa, die Mies van der Rohe baute. 1944 starb er dort. Kurze Zeit später zog Churchill dort ein, um an der Konferenz von Potsdam teilzunehmen. Die Disconto-Gesellschaft fusionierte 1929 mit der Deutschen Bank.