Die Middle Passage 1830. „Die Überfahrt“ von Charles Johnson

Charles Johnson (geb. 1948) ist ein amerikanischer Karikaturist und Schriftsteller. 1990 schrieb er den Roman „Middle Passage“. Im gleichen Jahr erhielt er den National Book Award.

Die Übersetzung von Martin Hielscher heißt „Die Überfahrt“. Suhrkamp TB, 255 Seiten. Es ist übrigens eine wundervolle Übersetzung, denn das Buch steckt voller Spott, Ironie und Humor, die der Übersetzer ins Deutsche transportiert hat.

  • In einem Satz

Mann flieht vor Frau und Gläubigern auf ein Segelschiff.

  • Die Middle Passage

Die Middle Passage ist eine Schiffsroute zwischen der Karibik und Afrika. Über 200 Jahre lang wurde sie von Schiffen befahren, die Sklaven aus Afrika in die Karibik verfrachteten. Die Segler nutzten die Süd-Ost-Passatwinde, um vor allem in den Sommermonaten zügig den Atlantik zu überqueren.

Das Buch spielt im Sommer des Jahres 1830. Der Handel mit Sklaven ist in der Neuen Welt verboten. Jedoch nicht die Sklaverei selbst. Und so fahren immer noch Schiffe auf der Middle Passage hin und her und transportieren Sklaven, die sie nun in die Neue Welt einschmuggeln.

  • wie geht’s los

Die Hauptfigur des Buches ist der schwarze Gelegenheitsarbeiter Rutherford Calhoun. Er lebt in Makanda im Süden von Illinois. Dort rückt ihm eine schwarze Lehrerin namens Isadora derart auf die Pelle, dass es ihm zuviel wird. Rutherford flieht nach New Orleans. In New Orleans schlägt er sich als Tagedieb durch und häuft in kurzer Zeit eine Menge Schulden an. Sein Hauptgläubiger ist ein Mann namens „Papa Zeringue“. „Papa“ ist die schwarze Unterweltgröße der Stadt und hat seine Finger in so ziemlich allen legalen und illegalen Geschäften.

Inzwischen hat Isadora ihren Geliebten bis nach New Orleans gestalkt, „Papa“ aufgesucht und vorgeschlagen, Rutherfords Schulden zu begleichen, sofern er sie heiratet. Eines Tages lässt „Papa“ also Rutherford zu sich holen und macht ihm genau dieses Angebot.

Rutherford ist starr vor Schreck. Erstmal läuft er in die nächste Hafenkneipe, um sich zu betrinken. Neben ihm betrinkt sich gerade ein Schiffskoch namens Squibb. Der hat seinen letzten Tag an Land, bevor er auf die „Republic“ zurück kehrt. In der Nacht schleicht sich auch Rutherford auf das Schiff und versteckt sich unter den Segeln.

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  • Das Schiff

Die „Republic“ ist ein Sklaventransporter auf dem Weg nach Senegambia. Sie transportiert Heu, Whiskey und ein paar andere Sachen. In Senegambia wird der Kapitän (er heißt Ebenezer Falcon) die Fracht gegen 40 Sklaven, gute Felle, Elfenbein, Ochsen, Schafe, Ziegen, Bienenwachs und Gold tauschen. Ebenezer Falcon ist übrigens Kapitän aufgrund seiner Fähigkeit, Geldgeber auf zu treiben, nicht aufgrund seiner Fähigkeiten als Seemann.

  • Hinfahrt

Die Überfahrt ist ein großes Besäufnis. Zunächst von den anderen unbemerkt, gelingt es Rutherford, das Vertrauen des Kapitäns zu gewinnen. In seiner Kajüte entdeckt Rutherford Kisten, die alle möglichen Schätze aus fernen Ländern bergen. Er vermutet, dass der Kapitän eine Art „Dauerauftrag“ hat, seinen Geldgebern wertvolle Objekte mitzubringen, von denen sonst niemand wissen darf.

In Senegambia angekommen, wird das Schiff beladen. Anschließend geht es zurück. Die Stimmung an Bord ist schlecht.

  • Rückfahrt

Das Schiff gerät in einen gewaltigen Sturm. Zunächst wird das Schiff herumgewirbelt, dann taucht es in eine Rinne, die sich zwischen zwei Wellenbergen bildet, die Wellen türmen sich weiter auf, halten stand „als hätte Moses das Rote Meer geteilt“….Die Sonne blieb stehen…Mein Herz setzte aus“ (S. 105). Als die beiden Wellenberge über das Schiff hereinbrechen, spülen sie Menschen und Ladung ins Meer. In der folgenden Nacht beginnt die Mannschaft damit, eine Meuterei zu planen. Es kommt aber nicht dazu: Am Vorabend der geplanten Meuterei meutern statt dessen die Sklaven. Sie lynchen einen Teil der Besatzung. Nur der Kapitän wird eingesperrt, sowie 4 Mann der Besatzung, die sollen das Schiff über das Meer steuern.

  • Die Ökonomie

Falcon ist inzwischen dem Wahnsinn verfallen. Er eröffnet Rutherford, dass das Schiff von drei Geldgebern aus New Orleans finanziert wurde. Ein Baumwollpflanzer aus Georgia sowie 2 Spekulanten aus New Orleans, einer davon Papa Zeringue. Dann erschießt sich der Kapitän. Das Schiff wird eher ziellos in Richtung Karibik gesteuert. Unsachgemäßes Rumfummeln an einer der Bordkanonen führt zu einer gewaltigen Explosion. Das Schiff sinkt. Rutherford schnappt sich das Logbuch, findet sich ansonsten mit seinem Tod ab und wird doch noch – fast bewusstlos – an Bord eines anderen Schiffes gehoben. Der Kapitän des Schiffes stellt dem Geretteten den Eigner vor, der ebenfalls an Bord ist: „Papa Zeringue“.  Rutherford konnte das Logbuch der „Republic“ retten und trägt es immer noch bei sich. Damit erpresst er nun Papa.

  • Happy End

Mit dem Wissen aus dem Logbuch kauft er nun seinerseits Isadora frei, die Zeringue zur Ehe versprochen ist. Papa Zeringue windet sich. Er wußte angeblich nichts von den Sklaven. Er wollte eigentlich nur seine Geschäfte „diversifizieren“, Felle, Reis, Butter importieren, und hatte angeblich keine Ahnung davon, dass der Kapitän auch Sklaven an Bord nahm. Das Logbuch sagt was anderes. Rutherford beschließt, nach Süd-Illinois zurück zu kehren, dort eine Familie samt Farm zu gründen. Da kommt ihm Isadora gerade recht.

Papa lässt ihn und Isadora gehen, Rutherford adoptiert drei Kindersklaven, die das Schiffsunglück ebenfalls überlebt haben, und nimmt auch diese mit sich in sein neues Leben an Land.

  • Bemerkungen

Einerseits laviert der Roman zwischen Abenteuergeschichte und der umrahmenden Love Story hin und her. Andererseits handelt er davon, wie ein naiver Mann durch die Ereignisse auf See erwachsen wird und Verantwortung übernimmt. Etliche wundervolle Beschreibungen, oft voll humorvoller Ironie und manchmal bissig geschrieben machen das Buch zum Lesevergnügen.

Johnson schrieb noch eine Reihe weiterer Romane und Erzählungen. Meines Wissens ist „Die Überfahrt“ sein einziges Werk, das ins Deutsche übersetzt ist. Schade eigentlich.

 

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Karte # 33: Die Zuckerinseln der Karibik: „Zucker“ von Henri Hobhouse

Vor kurzem habe ich das Buch „Unter falscher Flagge“ aus der Drinkwater- Serie vorgestellt. Ein Thema dabei war der Zuckerschmuggel. Da trifft es sich, dass ich ein Bändchen fand, das sich mit der ökonomischen Geschichte des Zuckers befasst (nicht der Kulturgeschichte wohlgemerkt).

Vor mir liegt das Buch „Fünf Pflanzen verändern die Welt“ von Henri Hobhouse. Es ist eines der typisch englischen Sachbücher, die mit ihrer humorvollen Erzählweise gerne originelle Gedanken in die Welt setzen. Speziell geht es hier um das Kapitel „Zucker“, das sind die Seiten 68 – 126.

  • Das Produkt

Es geht um die Jahre von 1432 (da haben Portugiesen in Funchal auf Madeira erstmals Zuckerrohr zu Pulpe verarbeitet) bis zur Veröffentlichung des Buches 1985. Und es geht im Kern um drei karibische Inseln, die in jeweils einem Jahrhundert die Produktion und den Handel von Zucker prägten.

  • Das Problem

Mitte des 17. Jahrhunderts hat England ein Problem: Die Karibikinseln haben zwar eine strategische Bedeutung als Stützpunkte gegen die Spanier. Aber sie sind unrentabel. Also stellt sich die Frage: Wie bringt man die Entwicklung von Ländern voran, die einen Ozean weit von den Märkten in Europa entfernt lagen. Wie bringt man die Kosten der Besiedelung wieder rein?

Es gibt Plantagen mit verschiedenen Produkten. Maschinen müssen importiert werden. Schwieriger ist es mit den Arbeitern. In Europa ist es üblich, dass ein Eroberer die einheimische Bevölkerung untertan macht und für sich arbeiten läßt. In der Karibik aber ist diese einheimische Bevölkerung  entweder geflohen  oder tot. Also müssen die Arbeiter importiert werden. Man nimmt zunächst Schuldner, Kleinkriminelle und ähnliche Leute mit.

  • Die Lösung

Irgendwann fällt die strategische Entscheidung, die Kolonien durch den Anbau von Zuckerrohr rentabel zu machen. Dafür benötigt man: Gute Wachstumsbedingungen, Brennmaterial, viele Arbeitskräfte und einen wachsenden Absatzmarkt. Den wachsenden Absatzmarkt gibt es in Europa, wo Kaffee, Tee und Kakao die Nachfrage nach Zucker ankurbeln. Hobhouse stellt dar, dass diese Nachfrage künstlich erzeugt wurde und die Bevölkerung systematisch süchtig nach Zucker gemacht wurde, um die Kolonien rentabel zu machen. Fruchtbaren Boden und Brennmaterial hat man auch.

Aber dann die Sache mit den Arbeitskräften. Man stellt schnell fest, dass die mitgereisten Engländer nicht ausreichen. Zweimal im Jahr, einmal zur Pflanzung und einmal zur Ernte, ist körperliche Schwerstarbeit zu verrichten. England beginnt, Sklaven aus Afrika in die Karibik zu verschiffen.

Karte 33 "Zucker" von Henry Hobhouse

StepMap Karte 33 "Zucker" von Henry Hobhouse

 

  • Barbados (17. Jahrhundert)

1660 ist Barbados der größte Zuckerproduzent weltweit. Das Brennmaterial wächst auf der Insel. Als alles abgeholzt ist, importiert man Kohle aus Newcastle.

Es gibt 16.000 Grundbesitzer, dazu 30.000 Zwangsverpflichtete und Sklaven. Zucker wird in Monokultur angebaut, die Betriebsgröße beträgt 200 Morgen. Doch nicht jeder tut sich freiwillig dieses arbeitsintensive Geschäft an. Und so sinkt die Zahl der Grundbesitzer und die Zahl der Sklaven – schwarzer wie weißer – steigt. Der Dreieckshandel wird etabliert. Barbados ist der am dichtesten besiedelte Flecken der Erde. Die harten Bedingungen führen zu einer Brutalisierung der Lage. Dennoch bleibt die Insel bis 1808 von Aufständen verschont.

  • Jamaika (18. Jahrhundert)

Im 18. Jahrhundert wird Barbados von Jamaica (britisch seit 1655) als Hauptproduktionsort abgelöst. Schnell werden Kingston und Port Royal zum Hauptumschlagplatz des gesamten Karibikhandels. Die Betriebsgröße beträgt 700 Morgen, auf jeder Plantage leben vier mal so viele Sklaven wie in Barbados, diese sind jedoch nur halb so produktiv. England kontrolliert 1783 über 60 % des weltweiten Zuckerhandels.

  • Vom Niedergang des Zuckerhandels zur Abschaffung der Sklaverei

Ende des 18 Jahrhunderts geht es mit der karibischen Zuckerindustrie bergab. Die Ursachen:

Bis 1783 führt der Merkantilismus das Regiment: Exporte sind wichtiger als Importe. Mit dem Erlös der Exporte kauft man Gold und Silber. Das Anhäufen von Reichtümern ist wichtiger als der Verbrauch. Der Handel bereichert also den einheimischen Industriellen. Eigenbedarf deckt man folglich durch Eigenproduktion. Der Staat unterstützt den Export, das Anhäufen von Gold und den Transport von Waren mit eigenen Schiffen. Und greift immer wieder mal ein.

Ab 1783 wird die Basis für den freien Welthandel gelegt. Die Verantwortlichkeit des Einzelnen für das Gemeinwohl wird wichtig. Der Reichtum der Nationen entsteht aus der Summe dessen, was die Individuen erwirtschaften. Die Exporterlöse stehen denen zu, die die exportierten Güter herstellen, transportieren und handeln. Importe ermöglichen ein komfortableres Leben. Sinkende Preise kommen den Konsumenten zugute.

Die konkreten Auswirkungen: Der Dreieckshandel ist in das Endstadium eines Massengeschäftes getreten und nicht mehr rentabel. Der Krieg gibt der englischen Regierung 1807 die Möglichkeit, Schiffsladeraum zu beschlagnahmen. Der Zuckeranbau lastet schwer auf den Bankbilanzen. Die Bankiers wenden sich neuen Investitionsmöglichkeiten zu. Die industrielle Revolution steht vor der Tür.

Der Sklavenhandel wird verboten, die verblieben Sklaven steigen im Wert. Zunächst sind damit die Bankdarlehen wieder besser gesichert. 1834 wird die Sklaverei gänzlich verboten. Von den Entschädigungszahlungen können Zuckerproduzenten ihre Kredite zurück führen. Oft reicht das Geld aber nicht aus und viele Betriebe werden insolvent.

Ein weiterer Grund spielt sich mitten in Europa ab. Der deutsche Botaniker Marggraf hatte bereits Mitte des 19 Jahrhunderts Rübenzucker isoliert. Durch Kreuzungen wurden noch stärker zuckerhaltige Rüben geschaffen. Napoleon wird auf diese Forschungen aufmerksam. Mit der Zuckerrübe kann sich nun jedes Land selbst mit Zucker versorgen. 1851 schafft England alle Zölle auf Rübenzucker ab. Die Karibik ist pleite. Die Sklaverei ist erledigt.

  • Kuba (19. Jahrhundert)

Dann ist da noch die Sache mit Kuba. Nach der Abschaffung der Sklaverei in den USA 1865 zieht es die Zuckerproduzenten aus dem Südosten der USA nach Kuba. Dort erzielen sie Fortschritte in der Produktivität. Sie führen eine zentrale Zuckermühle ein (anstelle einer Mühle pro Plantage) und bauen 1845 die erste Eisenbahnlinie Mittelamerikas, von Havanna nach Guines. Immer neue Unruhen führen dazu, dass die USA 1898 Kuba von den Spaniern erobern. Nach 1945 bricht der amerikanische Absatzmarkt ein und erholt sich auch in den 50er Jahren nicht mehr. Fidel Castro, Sohn eines Besitzers von 10.000 Morgen Zuckerplantage, übernimmt die Macht. Kuba versorgt jetzt die UdSSR. So hat das Land zweimal mit viel Tamtam seinen Großabnehmer gegen einen anderen ausgetauscht.

  • Bemerkungen

Das Buch ist mit viel Zahlenwerk (Statistiken und Anmerkungen) unterfüttert. Außerdem schreibt der Autor in mehreren Handlungssträngen, die er am Ende zusammen führt. Nicht einfach zu lesen also. Aber andererseits ist es unterhaltsam in der Diktion. Auch vertritt der Autor einige skurrile Thesen, die augenzwinkernd gedacht sind. Und so vermittelt er einen erfrischend ungewöhnlichen Blick auf Geschichte. Und der macht Spass.

Geschichte kann man eben auch als Organisation von Absatzmärkten und Rohstoffmärkten interpretieren. Zucker – sagt das Buch – ist ein schönes Beispiel dafür, wie freier Welthandel zu mehr Freiheit führt und mit der Ausbreitung von Menschenrechten einher geht. In Verbindung mit Pflanzenforschung führte er zur Abschaffung der Sklaverei.