Eislaufen in Vermont: Die Dame mit den Nelken

Ich hatte ja schon einmal ein flaches Buch von A.J. Cronin vorgestellt. Nun also seine zweite Chance: „Die Dame mit den Nelken“ aus dem Jahr 1939.  Ich habe die Lizenzausgabe aus dem Jahr 1954 mit 234 Seiten. Die Geschichte ist zeitgenössisch, Orte der Handlung sind London, Manchester, New York und Vermont.

  • Das Setup

1532 malte Holbein das Bild „Die Dame mit den Nelken“. Zusätzlich stellte er für die Modell sitzende Mademoiselle eine Miniatur fertig. Die Londoner Kunsthändlerin Katherine Lorimer ersteigert genau diese Miniatur. Sie bezahlt auf Kredit und will das Bild an einen bekannten amerikanischen Sammler weiter verkaufen. Dabei ist sie eigentlich pleite. Die Zeit drängt also, die Gläubiger noch nicht. Damit beginnt ..

  • Die Geschichte

Katherines Nichte Nancy Sherwood ist Schauspielerin und verlobt mit Chris Madden, dessen Reichtum sich auf das Erbe eines Klebstoff-Patents gründet. Katherines Mutter gibt in ihrem Haus in Wimbledon eine Gesellschaft für einige im Kulturleben wichtige Personen. Nancy und Chris sind eingeladen, Nancy sagt ab, weil sie kränkelt und kurz vor einer Theaterpremiere steht. So lernt Katherine also Chris Madden kennen. Abends hören sie in Mrs. Lorimers Haus ein Hörspiel mit Nancy, die – zu aller Überraschung – für eine noch kränkere Kollegin einsprang. Am nächsten Morgen fahren Nancy und Chris nach Manchester, wo die Theaterpremiere statt findet. Chris fährt jedoch vorzeitig aus geschäftlichen Gründen nach London zurück. Er trifft Katherine zum Essen, anschließend gehen sie durch London, besuchen die Operette Gilbert und Sullivan und erhalten abends ein Telegramm von Nancy. Die Premiere war ein Flop. Katherine schlägt dem befreundeten Bühnenautor Sam Braden vor, für Nancy ein Stück zu finden, damit sie wieder erfolgreich wird. Sam Braden willigt ein.

Nun geht es mit dem Schiff nach New York. Katherine mit der Miniatur, die sie verkaufen will. Nancy, weil ihr ein wenig Abwechslung gut tut. Und Chris wegen Nancy. Außerdem muss er sowieso mal wieder heim in seinen Heimatort Graysville in Vermont. Nancy und Katherine sollen seine Mutter kennen lernen, da demnächst auch Nancys Heirat mit Chris ins Haus steht. In New York wird Katherine von einigen Fotografen empfangen. Aus unklaren Gründen ist sie dort berühmt, und der Ruf des Holbein eilte ihr voraus. Sie trifft Herrn Breuget, der ihre Interessen in New York vertritt. Der hat bereits Kontakt mit einem potentiellen Käufer des Bildes geknüpft. Bis zu seinem Eintreffen geht es nach Vermont, zu Chris Maddens Landhaus.

Dort, in Vermont fühlt sich Nancy zunehmend unwohl, während Katherine in Chris‘ Gegenwart aufblüht. Sie gehen Eislaufen, und Katherine und Chris kommen sich immer näher. Schließlich gestehen sie sich ihre Liebe. Inzwischen ist der potentielle Käufer der Holbein-Miniautur tödlich verunglückt. Katherine steht nun einer drohenden Pleite gegenüber. Zum Glück kann Breuget kurzfristig einen anderen Käufer auftreiben, so dass die finanziellen Schwierigkeiten abgewendet sind.

Katherine trifft nun Chris wieder. Sie diskutieren lange darüber, ob sie ihre Liebe öffentlich machen sollen, oder doch besser ihre Freundschaft beenden sollen. Sie wissen nicht, ob und wie Nancy die Information verkraften wird. Nancy jedoch hört zufällig ein paar Gesprächsfetzen mit. Am nächsten Tag ist in New York Premiere ihres neuen Stückes. (Das ging aber schnell, denke ich mir. Aber ich habe nicht ganz verstanden, wie lange der Amerika-Aufenthalt dauert). Das Stück ist ein überwältigender Erfolg. Mit diesem Erfolg im Rücken bittet sie Chris, die Verlobung zu lösen. Sie möchte sich lieber ihrer Laufbahn als Schauspielerin widmen. Chris und Katherine fahren mit dem nächsten Schiff nach Europa zurück. Chris gesteht Katherine seinen Reichtum, Er war es auch, der die Holbein-Miniatur gekauft hat, die er ihr nun wieder zurückschenkt.

Nancy, die inzwischen von einem Film-Magnaten langfristig verpflichtet wurde, wünscht beiden viel Glück.

  • ein paar Gedanken

Schön und kitschig. Die Geschichte laviert zwischen spannender Wirtschaftsstory (es war in den angelsächsischen Ländern immerhin die Zeit der Weltwirtschaftskrise) und kitschiger Dreiecks-Love Story. Ich habe nach den ersten Seiten erwartet, dass es um alte Kunst ginge und den Handel damit. Die Kunst ist aber nur der Gimmick für die Love-story, die schnell Oberhand gewinnt. Wenn der Autor den Leser derart in die Irre führt, dann kann sowas gut gehen. Hier tut es das nicht. Allerdings ist das Buch bis zum totalen Happy-End schnell gelesen. Der zeitliche Rahmen ist stramm (Hochzeitsvorbereitungen, Premiere und Bild verkaufen innerhalb einer Woche, die Leute sind unrealisitisch perfekt organisiert). Und der Übersetzer hat manchmal gehunzt. Als es heißt dass „Chris‘ Auge auf Katherine fiel“, dann sieht man in Gedanken einen Tischtennisball. Zwei Seiten später spielen sie wirklich Tischtennis, das ist unfreiwillig komisch.

Ansonsten wird die Kälte in Vermont schön beschrieben. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.

Von Wien mit dem Zug nach Gmünd und im Auto bis Ratten (Steiermark)

Cover Flucht aus der AngstIn dem Roman „Flucht aus der Angst“ von A.J. Cronin wird auf 219 Seiten in Österreich umanand gefahren.

Die Geschichte spielt im Dezember 1950. Austria est omnis divisa in partes quattuor, eben die vier Besatzungszonen. Bryant Harker ist in Wien der Geschäftsleiter eines amerikanischen Ingenieurunternehmens. Er hat gerade die Ausschreibung für den Bau einer Brücke vergeigt und benötigt für einen anderen Auftrag eine Menge Bauholz. In Wien gibt’s keins, also muss er in die sowjetische Besatzungszone nach Gmünd. Zuvor trifft er noch einen alten Bekannten, Arnold Thulemahler. Thulemahler erzählt von seiner Jugendliebe Magdalena Durych, die ebenfalls in Gmünd gestrandet sein soll. Er gibt Harker ein Foto von ihr mit. Auf der Zugfahrt nach Gmünd wird Harker von zwei sowjetischen Agenten befragt, wobei ihm in einem Augenblick der Unachtsamkeit das Foto von Magdalena aus der Tasche fällt. In Gmünd erfährt er von dem Nachtklub „Atlantis“, in dem Durych auftreten soll. Sie nennt sich Madeleine, singt und assistiert dem Hellseher Gustav. Nach einem Auftritt bittet Harker sie an seinen Tisch. Kurz danach steht sie ängstlich auf, nachdem sie den blinden Geheimdienstchef Kyrov und zwei seiner Agenten – die Harker aus dem Zugabteil kennt – gesehen hat.

Madeleine versäumt einen Auftritt. Voller Sorge geht Harker zusammen mit Gustav zu ihrer Wohnung. Sie liegt dort gefesselt, sie und Gustav gestehen Harker, amerikanische Spione zu sein. Harker beschließt, ihnen zur Flucht zu verhelfen, besorgt einen alten Opel – es gibt in der sowjetischen Besatzungszone keine Autovermietungen – und plant die Route: Von Gmünd durch den „Gmeiner Wald“, bei Melk über die Donau, weiter nach Aspang und von dort über die Grenze in den britischen Sektor. Kurz vor Beginn der Flucht entdecken sie Gustav ermordet in seiner Garderobe. Sie brausen los. In Aspang übernachten sie und werden am nächsten Morgen von den beiden schon bekannten Agenten überrascht. Nach einem Handgemenge gelingt Harker und Madeleine die Flucht mit dem Dienstwagen der Agenten. Der Grenzübertritt scheitert, und sie fliehen auf Bergstrecken weiter. Sie schütteln ihre Verfolger ab, verlassen das Auto und fliehen zu Fuß über die Fischbacher Alpen nach Mahlstorf, wo sie übernachten. Während dieser Flucht ist Madeleine schwer gestürzt. Sie suchen einen Arzt in Mahlstorf auf. Harker zwingt ihn mit vorgehaltener Pistole (die hat er aus dem Agentendienstwagen) ins Krankenhaus nach Ratten im britischen Sektor zu fahren. Doch auch der Grenzübertritt mit dem Krankenwagen mißlingt. Schließlich landen sie in Hofheim, wo ein Fest zu Ehren der Heiligen Borna statt findet. Eine Prozession aus einem Dorf aus dem britischen Sektor erklärt sich bereit, Madeleine als Prozessionspuppe zu verkleiden. Auf diese Weise gelingt die Flucht.

Aus geographischer Sicht ist das Buch unschön: Hofheim und Mahlstorf existieren in Wirklichkeit ebenso wenig  (habe zumindest in keinem Atlas was gefunden) wie die Heilige Bora. Hatte das Dörfchen Ratten tatsächlich ein großes Krankenhaus? Die Fischbacher Alpen liegen im damals britischen Sektor. Außerdem spielt die Handlung im Winter. Das sollte erzählerisch zu weit größeren Komplikationen führen. Die Kälte spielt nur einmal bei der Flucht zu Fuß über die Berge eine Rolle, als sich Harker und Madeleine mal kurz die Erfrierungen aus den Zehen rubbeln. Und die Straßen sind 1950 absolut winterfest. Außerdem sind die Motive des Ingenieurs unklar. Er ist zwar in einer beruflichen Krise und bekennt zu Beginn auch seine Naivität gegenüber der Besatzung, aber sich in einem fremden Land so unverhofft in ein Abenteuer zu stürzen, wirkt unmotiviert. Und dann das Happy-End: Harker macht Madeleine einen Heiratsantrag, aber was ist mit der Holzlieferung? Kommt sie an? Wird er gefeuert, versetzt oder befördert?

Leider sind die Figuren und das Buch zu eindimensional erzählt, und ich habe nicht den Eindruck, dass der Autor sich mit Österreich beschäftigt hat.