Cartagena im 18 Jahrhundert – „Von der Liebe und anderen Dämonen“ von Gabriel Garcia Marquez

Gabriel Garcia Marquez erhielt im Jahr 1982 den Nobelpreis. Im Jahr 1994 veröffentlichte er den Roman „Del Amor y otros demonios“. Die deutsche Übersetzung von Dagmar Ploetz ist betitelt „Von der Liebe und anderen Dämonen“, Hardcover, Kiepenheuer und Witsch, 224 Seiten.

  • Ort und Zeit

Der Leser reist mit diesem Buch in die Stadt Cartagena im heutigen Kolumbien. Cartagena war eine der wichtigsten Städte im Vizekönigreich Neu-Granada. Die Handlung ist in der Zeit der spanischen Vizekönige angesiedelt und beginnt an einem Tag im Dezember. Das Jahr ist unklar, irgendwann im 18. Jahrhundert. Die wichtigste Rolle im Leben der Stadt spielte der Hafen.

  • Im Hafen

Sechs Monate lang ist er voller spanischer Schiffe. Dann füllt sich die Stadt mit Leben, sechs weitere Monate ist die Stadt verschlafen und erwartet die Rückkehr der Schiffe (S. 26). Doch der Hafen hat seine besten Tage hinter sich. Vor allen Dingen Havanna und die englischen Antillen sind eine Konkurrenz. Eingeführt werden Sklaven und Mehl, für beides gibt es Importkontingente, ausgeführt wird Zucker.

Sobald die Galeonenflotte im April „mit berstenden Segeln“ (S.77) in den Hafen einfährt, verwandelt sich die Stadt. Marionettenspieler, Feuerschlucker und Händler, Feuerwerke machen die Stadt zu einer farbenfrohen Kulisse.

In der Nähe des Hafens befindet sich das Sklavenviertel Getsemani. Hier beginnt der Roman mit einer dramatischen turbulenten Marktszene. Auf dem Markt werden Sklaven verkauft. Ein tollwütiger Hund rennt durch die Menge und beißt vier Personen, darunter Sierva Maria. Eigentlich ist es kein Biss, sondern eine kleine Kratzwunde am Knöchel. Aus dem Biss in Verbindung mit komplizierten Verhältnissen von Macht und Schwäche entsteht nun ein schwermütiges Drama.

getmapimg-php-16

  • Weiteres Personal

Sierva Maria ist 12 Jahre alt und die einzige Tochter des Marques von Casalduero, eines Großgrundbesitzers mit Stadtwohnung in Cartagena. Der Marques fühlt sich in seiner zweiten Ehe am Ende seines Lebens und ergibt sich freudlos in sein Schicksal. Seine erste Frau starb durch einen Blitzschlag, der sie traf, während sie in einem Orangenhain musizierte. Mit ihr verlor der Marques auch seinen Glauben.

Nun ist er zweiter Ehe mit Bernarda verheiratet. Sierva Maria ist beider einziges Kind. Es wächst abseits der Stadt auf, in der Zuckermühle von Mahates. Der Ort liegt im Landesinnern unweit des Rio Grande de la Magdalena. Über diesen Fluss wird der gesamte Handel mit dem Landesinnern abgewickelt (S. 69).

Bernarda vergnügt sich allerorts außerehelich, berauscht sich mit gegorenem Honig, zypriotischem Cannabis und philippinischem Opium. Sierva Maria gerät bei ihr in Vergessenheit.  Das Kind jedoch weigert sich, zu verwahrlosen. Es spielt mit den Sklaven, lernt auf diese Weise deren Sprache Yoruba sowie einige deren Geister kennen. Mit den Sitten und Gebräuchen der Sklaven geht sie ebenfalls unbefangen um.

  • Handlung

Nach dem Hundebiss wird jede kleine Krankheit oder Schwäche des Kindes als Symptom von Tollwut interpretiert.  Ärzte, Quacksalber und Scharlatane geben Ratschläge zur Genesung oder verabreichen Rezepturen, die nichts bewirken.

In Cartagena gibt es natürlich auch einen Bischof, kein Mann von himmlischen Visionen, sondern einer, dessen Reich von dieser Welt war (S. 116). Er, der erst kurze Zeit im Amt ist, erfährt von der Unruhe um die Tochter des Marquis. Er empfiehlt, Sierva in das Kloster der Clarissinen einzuliefern.

Dessen Äbtissin sucht in jedem alltäglichen Phänomen das Geheimnisvolle. Aus Gründen, die in der Klostergeschichte liegen, ist sie feindselig gegenüber dem Bischof eingestellt und nicht gewillt, ihm einen Gefallen zu tun. Und so sieht sie alles Geheimnisvolle (also alles Alltägliche) als Beleg dafür an, dass Sierva besessen ist.

Einziger Vertrauter des Bischofs ist sein Bibliothekar und Vorleser, Cayetano Delaura. Er erzählt dem Bischof seinen Traum von einem eingesperrten Mädchen, dessen Erscheinung der Siervas entsprach. Der Bischof ist verblüfft und überträgt Delaura das weitere Schicksal des Mädchens. Zur Mitte des Buches tritt also Delaura in das Leben des Mädchens, indem er sie im Kloster aufsucht.

  • Sonnenfinsternis

Die klerikalen Herren sitzen auf der Veranda und blicken aufs Meer. Gleich wird der „Zauber einer falschen Nacht“ beginnen. Sie halten sich rußgeschwärzte Gläser vor ihre Augen. „Pelikane hingen mit ausgebreiteten Flügeln reglos in der Luft, wie im Flug gestorben“ (S.137). Es wird dunkel, alle Sterne leuchten gleichzeitig auf, Hühner kehren auf ihre Stangen zurück. Die Nonnen betrachten die Sonnenfinsternis kniend. Zwölf Minuten später ist „der Zauber der falschen Nacht“ vergangen. Delaura besucht Sierva Maria im Kloster, das aber erst mal von der Sonnenfinsternis genesen muss.

Neben Delaura gewinnt Sierva Maria zwei weitere Freunde: Ein Armenpater aus Getsemani an. Dieser wird leblos aufgefunden, Ursache unklar. Und Martina Labore. Sie sitzt seit Jahren im Klostergefängnis ohne Aussicht auf Begnadigung, weil sie zwei Nonnen ermordet hat.

Am Ende plant Sierva Maria mit Delaura ihre Flucht. Zwölf Meilen südlich der Zuckermühle Mahates liegt das Dorf San Basilio del Palenque, ein von entlaufenen Sklaven gegründeter Ort. Delaura wird jedoch verhaftet, des Missbrauchs von Sierva Maria angeklagt und verurteilt. Wenige Tage später ist Martina aus dem Gefängnis geflohen. Sierva Maria wird beschuldigt, ihr zur Flucht verholfen zu haben. Zur Strafe wird sie nun einem Ritual des Exorzismus unterworfen. Danach weigert sie sich tagelang zu essen und stirbt.

  • Bemerkungen

Ich tat mir mit dem Buch schwer.

Im Prolog beschreibt Marquez, wie bei Ausgrabungen im Jahr 1945 der Leichnam eines Mädchens mit wallendem Haar gefunden wird. Dieser Fund inspirierte den Autor zu dem Roman. So ist schon zu Beginn für den Leser klar, dass die Geschichte ein unglückliches Ende nimmt. Dies ist eine Konstellation, die mich nicht immer zum Lesen motiviert.

Diese Geschichte ist voller Dramatik, zuerst wird jemand für krank erklärt, dann für besessen, und schließlich wie eine Kriminelle behandelt, eine klassische Intrigengeschichte um Macht und Wahrheit also. Warum gerade ein 12jähriges Mädchen derart zwischen Macht und Lügen zerrieben wird, überzeugt mich erzählerisch nicht. Andererseits ist das Buch wegen der dichten und oft klaustrophobischen Atmosphäre, die es beschreibt, durchaus lesenswert. Der Leser braucht allerdings die passende Stimmung dazu.

 

 

Werbeanzeigen

Segeln in der Bucht von Marmaris: „Captain Hornblower and the Atropos“ von C. S. Forester

Der Band „Der junge Hornblower“ (Bertelsmann 1960) enthält 3 Romane, die die Zeit von Hornblowers Karrierebeginn beschreiben. C.S. Forester schrieb diese Bände, als er mit den Hornblower-Romanen bereits Erfolg hatte. Ich habe hieraus schon „Mr. Midshipman Hornblower“ vorgestellt. Heute geht es um das Buch „Hornblower wird Kommandant“, das im Original „Hornblower and the Atropos“ heißt.

Hornblower übernimmt zum ersten Mal ein Schiff als Kommandant. Es ist die „Atropos“, das kleinste dreimastige Schiff mit einem Kommandanten im Kapitänsrang.

  • Das Jahr 1806

Der erste Auftrag: Die Atropos ist das Flaggschiff der Trauerfeier für Admiral Nelson. Wir sind also im Januar 1806. Nelson hat vor Trafalgar für England die Herrschaft über die Meere errungen. Auf dem Kontinent sieht es anders aus. Seit der Schlacht von Austerlitz ist dort Napoleon ohne Gegner. Aber nur an Land, denn „die Macht des kleinen Korsen war dort zu Ende, wo das Wasser seinem Pferd bis an den Sattelgurt reichte“.

  • Ins Mittelmeer

In London gehen zwei seltsame Herren an Bord: Ein deutscher Adliger, Herr Fürst (eigentlich Fürst zu Seitz-Burnau), der was Gescheites lernen soll. Und dessen Leibarzt und Hofmarschall, Doktor Eisenbeiß (ja, er heißt wirklich so). Dann endlich geht es auf hohe See.

Hornblowers Auftrag: Nach Gibraltar fahren. In Gibraltar nimmt er den nächsten Befehl in Empfang. Die Atropos soll zur Mittelmeerflotte stoßen. Zuvor gehen noch ein paar gewöhnungsbedürftige Leute an Bord: McCullom, Schotte und Bergungsexperte sowie drei singhalesische Perlentaucher, die auf dem Schiff deplatziert wirken, sehr enthaltsam leben und deren Anwesenheit für Hornblower zunächst ein Rätsel ist.

Das mit der Mittelmeerflotte klappt, südlich von Sardinien. Es wird Post ausgetauscht (die Seeleute waren monatelang von zuhause weg und freuten sich über jede Nachricht). Und der neue Auftrag entgegen genommen.


Auf dem Grund der Bucht von Marmaris liegt ein englisches Schiff. Das sank mitsamt der Kriegskasse von 250.000 Pfund in Gold und Silber. Hornblower soll den Schatz bergen. Damit ist auch die Anwesenheit von McCullom und den Singhalesen erklärt.

  • Malta

Zwischenstopp auf Malta. Hornblower ist beim Gouverneur zu Besuch. Währenddessen duellieren sich McCullum und Doktor Eisenbeiß. In McCullums Körper steckt eine Kugel, die heraus operiert werden muss. Er müsste eigentlich ins Krankenhaus nach Malta. Aber er ist als Bergungsmeister unverzichtbar. Er muss auf dem Schiff bleiben. Eisenbeiß ist der einzige Arzt auf dem Schiff. Logische Maßnahme: Eisenbeiß muss seinen Duellanten betreuen und sobald möglich operieren. Hornblower macht Eisenbeiß’s Leben von der Genesung McCullums abhängig.

getmapimg.php-8

 

  • Einfahrt in die Bucht von Marmaris

Die Atropos fährt in die Bucht von Marmaris ein. Die Bucht ist durch die Halbinsel Ada geschützt. Daneben liegt, ebenfalls in der Einfahrt, Passage Island, eine kleine Insel, in der Westeinfahrt in die Bucht liegt außerdem ein Felsen, und die Passage ist sehr verschlungen, also nimmt Hornblower die leichtere Ostpassage in die Bucht. Dort geht die Atropos vor Anker. McCullom befiehlt von seinem Krankenbett aus die Bergungsarbeiten. Das gesunkene Schiff liegt in 100 Fuss Tiefe. Die Singhalesen machen einen guten Job, sie tauchen abwechselnd. Um an den Schatz zu kommen, müssen sie ein Loch in das Schiff sprengen. Die komplizierte Aktion gelingt. Die Taucher bringen immer mehr Münzen an die Oberfläche.

Zwei Drittel des Schatzes sind geborgen. Da taucht ein mächtiges türkisches Schiff auf, die Medjeh. Sie ankert 200 Fuß östlich der Atropos. Kurz darauf erscheint ein türkischer Befehlshaber an Bord.

Er will den gesamten bisher geborgenen Schatz haben. Als Gegenleistung würde er das englische Schiff in Frieden lassen. Hornblower ist klar, dass es eine Katastrophe wäre, wenn die Atropos aufgebracht würde. Es gelingt ihm, Zeit zu schinden, und zwar genau eine Nacht.

  • Ausfahrt aus der Bucht von Marmaris

In der folgenden mondklaren Nacht schleicht sich die Atropos aus der Bucht. Die einfache Ostpassage ist durch die Geschütze von Fort Ada und Passage Island quasi blockiert. In der Westpassge aber gibt es einige „tote Winkel“, wo das Schiff die für die Flucht erforderlichen Wendemanöver machen kann.

Die Berge an Land steigen auf über 500 Meter Höhe an. Thermische Winde fallen in die Bucht. Hornblower steuert das Schiff immer wieder direkt an die Brandung, um von dort für einige Sekunden die Fallwinde aufzunehmen und weiter zu fahren. Schließlich ist das erste Geschützfeuer aus dem Fort zu hören. Das Feuer setzt jedoch so spät ein, dass die Atropos das offene Meer erreichen kann. Sie segelt weiter nach Süden Richtung Rhodos.

Es ist so dramatisch geschildert, dass der Leser jetzt erstmal durchatmen muss.

Glücklich fahren sie zurück nach Gibraltar, geben den Schatz ab und bekommen den nächsten Auftrag: Vor Cartagena zu kreuzen.

  • Cartagena und Palermo
getmapimg.php-7

Cartagena ist seit der spanischen Niederlage vor Trafalgar der wichtigste Seehafen der Spanier. Hornblower sichtet die spanische Fregatte Castilla und verfolgt sie. Ein weiteres englisches Schiff taucht aus dem Nichts auf und greift leichtsinnigerweise die Castilla an. Die Atropos muss nun zu Hilfe kommen, die Castilla wird geentert. Alle drei Schiffe fahren nach Palermo, um dort repariert zu werden.

Dort erfährt Hornblower, dass er die Atropos an den König von Sizilien übergeben muss, dem die Flotte geklaut wurde. Es ist nicht sein Schaden. Hornblower fährt in Weihnachtsurlaub zu seiner Frau und seinen beiden Kindern, und wird danach ein neues Schiff übernehmen.

  • Bemerkungen

Die besonderen nautischen und klimatischen Verhältnisse der Bucht von Marmaris sind sehr detailliert wiedergegeben und in die Handlung eingebaut. Sie werden sogar zu einem dramatischen, handlungsbestimmenden Element. Die Bucht von Marmaris ist heute ein Seglerparadies. Wer dort schonmal war, kennt auch das Problem mit den thermischen Winden, die in dem Roman eine dramatische Rolle spielen.

Auch sonst ist das Buch richtig spannend zu lesen. Die Probleme, die Hornblower zu bewältigen hat (nicht nur die auftragsbezogenen), bringen eine Menge Abwechslung und Dramatik. Immerhin segelt er ein paarmal haarscharf an der Degradierung vorbei (Bei der türkischen Erpressung wie auch der Duell-Geschichte). Er muss sich mit politischen Fragen und auch denen seiner eigenen Führungsqualitäten stellen. So bildet sich Hornblowers Charakter deutlicher heraus.
Lesenswert.