Spensers Boston: „Painted Ladies“ von Robert B. Parker

Der Autor Robert B. Parker gilt als literarischer Nachfolger von Raymond Chandler. Immerhin haben Chandlers Erben ihn beauftragt, ein Chandler-Fragment zu Ende zu schreiben. Seinen Ruhm begründete er mit den Krimis rund um den Privatdetektiv Spenser. Heute geht es um „Painted Ladies“ aus dem Jahr 2010. Deutsch von Frank Böhmert, „Das trügerische Bild“, 2011, 214 Seiten.

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Spenser hat sein Büro in Boston in der Berkeley Street, von dort schaut er aus dem Fenster auf die Columbus Street. Er wohnt in der Arlington Street. Er hat eine Wochenendbeziehung mit Susan, Therapeutin, die mit ihrem „deutschen Kurzhaar“ – ich schätze mal ein Dackel – namens Pearl in New York lebt. Sie gehen viel im nahe gelegenen Public Park spazieren. Susan geht außerdem – wenn sie in Boston ist – nach Wellesley zum „Power Yoga“.

  •  Die Krimihandlung

Es beginnt mit einer Autofahrt durch Boston. Die Hauptverkehrsader nach Westen ist der Storrow Drive, der parallel zum Charles River führt. Sie fahren mehrere Meilen westwärts. Sie, das sind Spenser und sein Klient Ashton Prince. Prince ist Professor für Kunstgeschichte und bat um Personenschutz bei einer Lösegeldübergabe (Geld gegen ein gestohlenes Gemälde – „Dame mit einem Finken“). Spenser ist beim dem Auftrag auffallend erfolglos. Unter einer Autobahnbrücke im Osten, wo die 128 über die 2 führt, findet eine geheimnisvolle Übergabe statt. Das ausgelöste Gemälde und Prince werden durch eine Bombe in Stücke gerissen. Nun ist Spensers Ehre gefordert. Er muss aus Eigeninteresse den Mord an Prince aufklären. Der Weg zum Mörder führt über die Geheimnisse des Gemäldes. Er macht sich in ganz Boston auf die Suche nach Spuren.

Er besucht die Versicherung (Berkeley Ecke Columbus, also direkt um die Ecke vom Büro aus), das Museum (in Chestnut Hill) und die Universität (an der Commonwealth Avenue). Nebenbei tritt noch Rosalind Washington auf, die Witwe von Prince. Sie ist Dichterin, und weil jeder Mensch seine eigene Art der Trauer pflegt, und Dichterinnen ihre ganz spezielle, muss Spenser ihr alle Details des Todes erzählen. Sie wird dann ein Heldengedicht daraus machen.

Bei der Versicherung ist Winifred Minor für den Fall zuständig. Im Museum taucht zum ersten Mal Morton Lloyd, ein Anwalt auf. Und in der Universität Melissa Minor, Tochter von Winifred. Vater unbekannt.

Dann nimmt die Handlung Fahrt auf. Pearl ist für ein Wochenende bei Spenser. Direkt vor Spensers Büro schlägt er an. Spenser geht ins Gebäude gegenüber und sieht zwei bewaffnete Männer in seinem Büro sitzen. Er kehrt zurück. Das anschließende Feuergefecht überleben die beiden nicht.

Spenser erfährt, dass Prince in jedem Semester das gleiche Seminar gab (Realismus in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts) und stets gute Noten als Gegenleistung für Sex verteilte. Und Spenser erfährt, dass Morton Lloyd teuer ist, also Prince mit seinem Dozentengehalt nicht in der Lage war, seinen Anwalt zu bezahlen.

Spenser trifft nochmal Rosalind Washington, die mittlerweile ihr Heldengedicht fertig hat und bei einem Lyrik-Schreibkurs in Cambridge in der Brattle Street vorträgt. Spenser interviewet sie, und sie wird mit jedem Pernod betrunkener. Dann rückt sie damit raus, dass Ashton Prince in Wirklichkeit Asher Prinz hieß, sein Vater Amos war in einem KZ in Deutschland.

Aber selbst Spenser vermisst irgendeine sinnvolle Beziehung zu einem Motiv. Das ist nun der Moment, wo Pearl (der Dackel) die Sache weiter bringt. Beim Spaziergang im Public Park verliebt sich Pearl in Otto, einen gelben Labrador. Dessen Herrchen Carl Trachtmann ist Spezialist für holländische Malerei und den Kunstmarkt im Allgemeinen. Die Begegnung mit Trachtmann auf Seite 104 bringt die stecken gebliebene Geschichte weiter. Er kennt die Geschichte des zerstörten Bildes. Von den Nachkommen des holländischen Malers ging es in Besitz der reichen jüdischen Familie Herzberg. Die Herzbergs wurden in Auschwitz ermordet, 1949 übergab die Army das Bild dem Hammond Museum.

Ashton Prince galt übrigens – weiß Trachtmann auch – als einer der größten Experten für Kunstfälschungen.

Dann überlebt Spenser wieder einen Mordversuch, diesmal in seiner Wohnung in der Arlington Street. Er bricht in die Wohnung der Witwe Rosalind Washington ein und entdeckt an der Wohnzimmerwand die Dame mit einem Finken. Sonst kein Bild, gar keines. In der Zwischenzeit hat Susan (Spensers Freundin) die Dissertation von Prince gelesen. Prince’s Vater Amos kümmerte sich nach der Befreiung um den einzigen Überlebenden der Herzberg-Familie. Er fand da Versteck einiger Bilder der Herzbergs, die er – um für beide das Überleben zu sichern – verkaufte.

Dann ist Rosalind tot in ihrer Wohnung in der Commonwealth Ave. Und Morton Lloyd, der Anwalt wird verhaftet. Ariel Herzberg stellt sich als der Vater von Missy Minor heraus. Er hat zunächst Beutekunst entdeckt und den ursprünglichen Eigentümern zurück gegeben. Prince hat ihn dann als Fälscher angefangen übers Ohr zu hauen, weshalb Herzberg (oder Morton) ihn ermorden ließ.

  • Bemerkungen

Es ist Winter, ohne einen einzigen Schneesturm zwar, aber der Charles River ist mal zugefroren und mal nicht. Wenn er eisfrei ist, trainieren Ruderer darauf. Ansonsten ist man mit dem Auto unterwegs, ohne dass das Fahren eine andere Bedeutung hat als zu den Schauplätzen zu kommen.

Absolut lesenswert ist die sensible und doch lakonische Sprache des Autors.

 

 

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USA 1916 – Entwurzelt zwischen Frauen und Seilen – „Champion“ von Ring Lardner

Champion1949film

(Quelle Filmplakat: wikipedia) Eine Kurzgeschichte aus der vor einigen Wochen bereits besprochenen Box-Anthologie hat es mir besonders angetan, auch weil sie eindrucksvoll verfilmt wurde. Im Original heißt der Film „Champion“ und hat einen anderen Schluss als die literarische Vorlage. Außerdem wurde die Handlung in andere Städte der USA verlegt. Der deutsche Titel lautet „Zwischen Frauen und Seilen“. Es war 1949 die erste große Rolle von Kirk Douglas.

Literarische Vorlage ist die Kurzgeschichte „Champion“ aus dem Jahr 1916. Verfasst wurde sie von Ring Lardner. Lardner (1885 – 1933) war amerikanischer Sportreporter, dessen Reportagen und sportbezogene Geschichten in den USA erfolgreich waren.

  • Die Geschichte

Midge kommt aus üblen Verhältnissen in Milwaukee. Er beschafft sich ein wenig Geld, indem er seinen verkrüppelten Bruder ausraubt.  Bald darauf wird er Profiboxer. Für seinen ersten Kampf bekommt er 12 Dollar. Dafür darf er Fallobst vermöbeln. Für weitere 75 Dollar darf er im Laufe seiner beginnenden Karriere absichtlich verlieren. Bald heiratet er die Schwester seines Managers, verprügelt sie in der Hochzeitsnacht und verschwindet schließlich nach New Orleans.

Dort hat er einen neuen Manager an Land gezogen, und auch eine teure Geliebte. Außerdem trainiert er sechs Monate lang für einen Meisterschaftskampf, den er gewinnt. Um sich nun weiter Geld zu verdienen, zieht er nach Chicago, wo er in Varietees auftritt und weiter nach Detroit. Seine Geliebte überredet ihn dazu, seinen Manager zu feuern und einen neuen zu engagieren. Sie erhofft sich von ihm mehr Geld. Also feuert Midge seinen Manager und engagiert einen neuen, der mehr Geld einbringt.

Champion von Ring Lardner
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StepMap Champion von Ring Lardner



Bald darauf nimmt die Geschichte eine neue Wendung: Midge verlässt seine Geliebte und brennt mit der Frau des neuen Managers durch. Er heiratet sie ebenfalls. Das Geld für die Scheidung von seiner ersten Frau – die immer noch in Milwaukee sitzt – spart er sich, weil von der Ehe niemand etwas weiß.

Logischerweise benötigt Midge jetzt wieder einen neuen Manager. Und der macht seinen Job richtig gut. Er bringt Midge nach New York. Vor einem großen Kampf kommt ein Journalist ins Camp. Der Manager tischt dem Journalisten die Geschichte eines fürsorglichen Familienvaters auf. Der habe seine Familie irgendwo in Kanada und möchte möglichst schnell immer wieder zu ihr zurück. Ein Zeitungsartikel erscheint. Migdes Frau in Milwaukee und auch Midges Mutter können sich keine Zeitung leisten, Midges andere Frau erfährt davon nichts.

Midge ist Champion. Keine Redaktion würde sich jetzt für die Wahrheit interessieren.

  • Bemerkungen

Es ist die Geschichte, die von den übelsten Abgründen handelt. Und davon, wie eine gescheiterte Existenz sich mit viel Egoismus und der Hilfe geschäftstüchtiger Leute zu einem erfolgreichen Mann aufbauen lässt. Midge ist heimatlos, weder menschlich noch regional  verwurzelt, und man ahnt, dass er wieder scheitern wird.

  • Oscars

„Champion“ bekam 1950 einen Oscar für den besten Schnitt. Kirk Douglas erhielt seine erste Oscar-Nominierung. Zwei weitere folgten, einen Oscar bekam er nie. Noch übler traf es Arthur Kennedy. Es war seine erste von vier erfolglosen Nominierungen als supporting actor. Dimitri Tiomkin hatte bereits fünf erfolglose Nominierungen, bevor er mit „Champion“ zu seiner sechsten – ebenfalls erfolglosen – kam. Zwei Jahre später räumte er mit „High Noon“ ab. Ring Lardners Sohn steuerte später die Drehbücher von Cincinnati Kid und MASH bei.