Flussmündungen bei Honore de Balzac: „La Femme de Trente Ans“

Wo Flüsse ineinander fließen, siedelt man, Handlungsstränge verflechten sich, Menschen begegnen sich. Honore de Balzac treibt damit ein literarisches Spiel in seinem Roman „La femme de trente ans“ übersetzt von Siever Johann Meyer-Berghaus: „Die Frau von 30 Jahren“, Agrippina-Bücherei Wiesbaden, ca. 1955, 190 Seiten.

  • An der Mündung der Cise in die Loire

Wir sind im Frankreich Napoleons. Ein Reisewagen fährt von Amboise nach Tours. Die Zügel reißen. Der Wagen muss halten, er tut es an der Stelle, wo die Cise in die Loire mündet. Dort steht eine Brücke, unweit davon – zwischen Schluchten und Fesen – das Städtchen Vouvray. In der Loire liegen kleine grüne Inseln, in der Ferne sieht man die Hügelkette von Cher. Eine Felsenreihe erstreckt sich bis nach Tours. Die Bevölkerung betreibt den Weinbau auf fast senkrecht stehenden Feldern.

Im Reisewagen sitzen Neuvermählte: Julie von Aiglemont und ihr Gatte Viktor aus Paris. Die Zügel werden repariert und danach geht die Fahrt weiter nach Tours. Viktor von Aiglemont bringt seine Frau dorthin zu seiner Tante, weil ihr sonst „Gefahren drohen“.

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Da plötzlich – o Schreck – kommt ein Engländer angeritten, „einer der Burschen, denen man nachsagt, dass sie Frankreich auffressen wollen“ (S. 21). Es ist Lord Grenville. Was aber macht ein Engländer mitten im napoleonischen Frankreich?

  • Exkurs: Der Vertrag von Amiens

Er vertreibt sich seine Zeit als Gefangener. 1802 beendeten England und Frankreich den Zweiten Koalitionskrieg mit dem Vertrag von Amiens. In der Folge war Frankreich ein beliebtes Ziel englischer Touristen. So auch Lord Grenville, der in Montpellier zu Kur war.

Doch weder Frankreich noch England unternahmen viel, um den Frieden aufrecht zu erhalten. England beschlagnahmte im Mai 1803 französische Schiffe, und Napoleon nahm alle Engländer gefangen, die sich gerade in Frankreich aufhielten.

Sie konnten ihren Aufenthaltsort wählen, mussten sich aber vom Kaiser in andere Gegenden versetzen lassen, wenn es die Interessen der Kolonialpolitik erforderten. Und so ritt also Lord Grenville in der Touraine herum. Zum Glück für die Handlung immer genau da, wo gerade Julie von Aiglemont war.

Viktors Tante klärt inzwischen Julie über Viktors schwärmerischen Charakter auf. Und schon wieder reitet dieser Engländer unter Julies Fenster umher.

Schnitt. 1814. Das Kaiserreich ist zusammengebrochen. Viktor kann nicht nach Tours kommen und bittet Julie, über Orleans nach Paris zu reisen. Sie reist los. Und hinter ihr: richtig – Lord Grenville. In Orleans wird Julie von Preussen gefangen gehalten. Die Intervention Grenvilles bewirkt, dass sie weiter nach Paris reisen darf. Dort erfährt sie vom Tod von Viktors Tante und ist traurig.

Außerdem bekommt sie eine Tochter – Helene – und entdeckt, dass ihr Mann seit Jahren eine Affäre hat.

Jahre später, 1820, wird Lord Grenville auch in Paris gesichtet. Und eines Tages – Viktor geht für 8 Tage auf eine Jagd – kündigt er sich bei Julie an. Er gesteht seine Liebe zu ihr, will sie samt Kind mitnehmen. Als es zwischen beiden richtig ab geht, kehrt Viktor unerwartet zurück – die Jagd fiel aus. Grenville rettet Julies Ehre, indem er sich auf dem Fenstersims versteckt. Dort holt er sich eine Erkältung und stirbt.

  • An der Mündung der Loing in die Seine

Wir wechseln in die Gegend des Waldes von Fontainebleau. Das ist zwischen Orleans und Paris. Die Seine fließt hier durch und nimmt die Wasser des Flüsschens Loing auf. Zwischen den Ortschaften Moret, Nemours und Montereau liegt das Schlösschen Saint-Lange. Ringsherum Getreidesteppe, „eine Wüste aus Kreide, Mergel und Sand“ (S. 70).
Dort kommt Julie 1820 an. Sie ist einsam und „heftet ihre Blicke auf die flache Gegend, die ein Symbol ihrer Zukunft war.“ (S. 70) Sie spricht lange Zeit mit dem Dorfpfarrer. Dessen Leben ist noch viel trauriger, denn er verlor seine drei Söhne im Krieg.

Mit neuem Mut zieht sie nach Paris, wo sie 1822 – im Alter von 30 Jahren – die Liebe des deutlich jüngeren Charles von Vandenesse gewinnt. Daher auch der Titel des Buches. Die beiden knüpfen immer enger Bande, und auch Charles und Helene verstehen sich auch gut. Dann aber, als es zwischen beiden richtig ab geht, tritt Gatte Viktor ins Zimmer. Er bietet Charles eine Stelle als Botschafter an.

  • An der Mündung der Bièvre in die Seine

Paris. Die Bièvre mündet in der Nähe des Botanischen Gartens in die Seine. Wir sind also im 13 Arrondissement, dem Arrondissement des Gobelins. Helene hat ein kleines Brüderchen, Charles. Beim Spiel stößt sie es mit Absicht in das schlammige Wasser der Bièvre und rächt so ihren Vater.

Dann, eines Abends, klopft es an der Tür. Ein offensichtlich fliehender Mann erscheint aus dem Nichts und bittet um Einlass. Viktor versteckt ihn auf dem Dachboden. Es klopft erneut: Ein Gendarm weist auf einen Mord hin, der in der Nähe geschah. Julie bringt ihre Tochter mit dem Mörder zusammen. Eine Seelenverwandtschaft entsteht. Der Mörder wird des Hauses verwiesen. Helene geht mit ihm. Viktor ist entsetzt. Julie, die Helenes Gründe kennt, ist einverstanden.

Dem dramatischen Verlust der Tochter folgen Viktors Pleite, noch eine zweite Pleite und dann verlässt er das Land Richtung Karibik.

  • Sechs Jahre später

Ein paar französische Kaufleute haben ein Schiff gemietet, das sie von Havanna nach Bordeaux brachte, An Bord: Viktor von Aiglemont, der in der Karibik neuen Reichtum erwarb. Sein Schiff wird vom Schiff eines kolumbischen Korsaren geentert. Der Korsar ist der Mörder von vor sechs Jahren und Viktors Schwiegervater. Helene ist auch auf dem Schiff. Vater und Tochter sprechen sich aus. 1833 hat dann Viktor seine Angelegenheiten geregelt und stirbt.

Bald darauf stirbt auch Helene, die mittlerweile ihre Familie beim Schiffbruch verloren hat, in den Armen ihrer Mutter. Julie bleibt noch eine Tochter, Moine.

Die wird an einen Herzog verheiratet. Der ist dann 6 Monate unterwegs. Moine beginnt eine Affäre mit dem Grafen von Vandenesse jr. (Sohn des Herrn, der die Affäre der Mutter war). Mutter und Tochter verdächtigen sich dann gegenseitig Affären mit Vater und Sohn und Julie stirbt. 1842 war das.

  • Bemerkungen

Der Roman umfasst einen langen Zeitraum von 40 Jahren und überspringt immer mal ein paar Jahre. Das gibt ihm einen episodenhaften Charakter. Er gilt nicht als eines der stärksten Bücher Balzacs. Aber mir erschien er sehr modern, geradezu wie  für einen zapping-affinen Leser geschrieben. Denn gerade der Wechsel zwischen Familiensaga, Krimi und Piratengeschichte, dazu die originelle Variante des Schuld-und Sühne-Themas machen das Buch abwechslungsreich und kurzweilig.

  • P.S.

Die Bievre fließt heute unterirdisch und entwässert in die Pariser Kanalisation. Außerdem erwähnt Balzac den Gobelinfluss, der 3 Kilometer lang war und in der Nähe der Bievre-Mündung floss. Dieser Fluss ist völlig in Vergessenheit geraten und Balzacs Roman eines der ganz wenigen Dokumente, die an ihn erinnern.

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Karte # 1: Die Garonne bei Toulenne: Wein, Fleisch und Blut. Mauriac

Das nächste Buch ist wieder ein Roman, und er führt nach Frankreich. Nachdem schon die Auvergne und die französischen Alpen in Romanen abgehandelt wurden, geht es nun an die Atlantikküste in die Gegend um Bordeaux. Wer von hier aus 50 km die Garonne flußaufwärts fährt, der gelangt in das Städtchen Toulenne. Hier spielt die folgende Geschichte hauptsächlich. Das Buch heißt „Fleisch und Blut“ von Francois Mauriac. Ich habe die Ausgabe von 1954 mit 208 Seiten. Das Original „La Chair et le Sang“ wurde 1920 vollendet. Die Handlung spielt im 1. Halbjahr 1914. Der Autor erhielt 1952 den Nobelpreis.

  • Das Setup

Claude Faverau hat das Priesterseminar in Bordeaux abgebrochen. Er fährt mit dem Zug nach Hause, das ist eine Chartreuse in Lur nahe Toulenne, ein altes Weingut aus dem 18. Jahrhundert. Dort lebt und arbeitet sein Vater Dominique Favreau als Verwalter. Die Chartreuse hat gerade einen neuen Besitzer, Bertie Dupont-Gunther. Er ist Witwer und Protestant und gilt als arroganter, grobschlächtiger Geschäftsmann. Er hat Dominique Faverau als Verwalter übernommen.

  • Die Geschichte

Auf der Chartreuse tummelt sich eine Menge Personal: Berties Sohn Edward ist ein verzogener Schönling, der meist in weißen Anzügen und mit Zigaretten im Mundwinkel rumläuft. Edward verachtet jedes Gefühl. Berties Tochter May spielt Klavier, liebt die Einsamkeit und ist ansonsten unscheinbar. Beide freunden sich mit Claude an, sehr zum Widerwillen ihres Vaters. Dann gibt es da eine Gesellschafterin, Melanie Gonzales. Sie ist eine stämmige Frau, die alles unter Kontrolle hat und jeden dadurch nervt, dass sie permanent vor sich hin plappert. Sie hat eine Tochter, Edith. Bertie Dupont-Gunther wiederum ist eher selten anwesend. Meist kommt er nur kurz vorbei, stänkert überall rum und fährt mit seinem Auto zurück zu seinen Geschäften und Mätressen nach Bordeaux.

Edward, Claude und May gehen in der Garonne schwimmen. Sie finden eine schöne Stelle zwischen Saint-Macaire und Saint-Pierre-d’Aurillac. Anschließend liegen sie im Gras, diskutieren über Religion und Philosophie und lesen sich aus „Fleurs du Mal“ vor. May führt die Diskussionen über die nächsten Wochen fort. Es entstehen zarte Bande der Sympathie zwischen den beiden. Edward langweilt sich und beginnt zu malen.

Edith trifft ein. Frau Gonzales will sie mit Bertie Dupont-Gunther verkuppeln (also ihre Tochter mit einem Mann in ihrem eigenen Alter), um diesen besser kontrollieren zu können. Und natürlich gibt es auch eine Dame, die ihren Sohn mit May verkuppeln möchte. Diese Dame, Frau Castagnedes, ist sehr fett, ihr Sohn Marcel ebenso. Von nun an gehen alle Intrigen schief:

Edith verliebt sich in Edward. May ist von Marcels Benehmen angeekelt und läuft schreiend durchs Haus. Schließlich kommt es zu einem dramatischen Dialog zwischen Edward und Claude. Edward kündigt an, dass er das Gut verlassen wird, und dass Claude für seine – Edwards – Eskapaden Leid auf sich ziehen wird. An dieser Stelle weiß der Leser, dass die Eckpunkte eines Dramas gesetzt sind. Claude auch, denn er beschließt, dass er Edward nicht wieder sehen möchte.

  • Pause

Eine Gesellschaft, also eine große Familienfeier führt alle Personen zusammen. Außerdem kommen noch einige weitere Gäste. May nimmt als einzige nicht von Beginn an teil. Später erscheint sie, angewidert von der ganzen Gesellschaft, besonders dem fetten Marcel, trinkt einige Gläser Rotwein, spielt Klavier, singt „Isoldes Liebestod“ und verzieht sich wieder.

  • Weiter

Herr Dupont-Gunther erfährt, dass seine Dauergeliebte fremd geht und ist zornig auf sie. Frau Gonzales beobachtet May und Claude bei einem innigen Kuß. Sie stellt May zur Rede, die schließlich unter dem Redeschwall zusammen bricht. May fragt Claude um Rat, und als dieser sie abweist, flieht sie zu dem fetten Marcel. Nicht einfach, denn das setzt für die protestantische May eine Konversion voraus.  Claude wiederum betrauert seine eigene Einsamkeit, die er – von seinem tiefen Katholizismus geleitet – als Strafe für seine Schuld ansieht. Edward fährt nach Paris. In einem langen Briefwechsel mit seinem Freund Firmin betrauert er seine einsame Lage. Edith gesteht ihrer Mutter, dass sie in Edward verliebt ist, und auf keinen Fall dessen Vater heiraten wird. Es kommt zum Streit, und in der Folge wirft Bertie Dupont-Gunther Frau Gonzales aus dem Haus.

May kapituliert vor dem Druck aller und heiratet den fetten Marcel. Derweil ist Edith in Paris Edwards Geliebte geworden. Ihre Mutter drängt Edith, dass sie Edward zur Heirat drängen möge. Claude hilft derweil bei den Arbeiten im Weinberg mit. Als Mittel gegen drohenden Frost zieht man mit qualmenden Pechpfannen durch die Weinberge. May entschwindet aus der Handlung.

Edith schlägt Edward vor, dessen Maler-Atelier zu organisieren. Als sie meint, dass er nur die Wahl zwischen ihr und dem Tod habe, schreit er sie an, dass er den Tod wähle. Sie verläßt ihn. Er wird immer einsamer und sein Gemüt verfinstert sich immer mehr. Edward rafft sich nach Wochen auf, in einem Lokal zu essen. Zufällig begegnet er dabei den Gonzales‘. Angewidert begibt er sich in ein Lokal voller verführerisch tanzender Mädchen. Am nächsten Morgen will er aus Paris fliehen. Er nimmt ein Zugticket nach Chalons-sur-Marne.

In Chalons kauft er sich einen Revolver und setzt sich in ein Hotelzimmer. Er kündigt in zwei Briefen seinen Selbstmord in 5 Tagen an, einen schickt er an Edith, einen an Claude. Claude möchte zu Edward fahren, leiht sich bei einem befreundeten Abbé das Geld für die Fahrkarte, gerät in Streit mit seinem Vater, der ihn schließlich einschließt. Bei einem Sprung aus dem Fenster verletzt er sich. Er kommt in Chalons zu spät an. Edward liegt bereits im Sterben. Am Totenbett erscheint Edith, die den Brief zuerst nicht ernst nahm. Edward kehrt mit Sarg nach Hause zurück.

1914 wird ein guter Weinjahrgang, heißt es.

  • paar Gedanken

Mauriac hat eine außergewöhnlich kraftvolle Sprache. Die Personen werden in der Fantasie des Lesers lebendig. Sie werden auch psychologisch einfühlsam geschildert. Die Natur in der Gegend von Bordeaux kann man fast schmecken. Die Vielzahl der Personen macht das Buch an einige Stellen kompliziert. Einige Figuren habe ich in diesem Beitrag der Übersichtlichkeit halber unterschlagen. Die Konflikte um die Liebe, Schuld und Enttäuschung sind nachvollziehbar geschildert, aber doch aufs Äußerste dramatisch zugespitzt. Die Unselbständigkeit und Manipulierbarkeit der Personen befremdet den modernen Leser dennoch sehr. Am Schluß bleibt ein wenig Ratlosigkeit. Alles geht weiter, nur eben ohne Edward.

Lesenswert.

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