Karte # 8: Londoner Maulbeerbäume, Beirut und ein Strand in Madrid

Zeit für ein wenig Musik. Ich habe in den Kisten eine LP gefunden, die aus der Sicht des geographisch interessierten Hörers spannend ist: „Update“ von Peter Sarstedt ist eine Art „Best of“. Naja, falls es bei diesem Künstler so etwas Sinn ergibt, denn soweit ich mich erinnere, zählt er zu den „One-Hit-Wonders“. „Update“ erschien nie als CD, obwohl die Lieder in anderen Zusammenstellungen häufig veröffentlicht wurden. Die Vorderseite des Covers zeigt den Sänger in rotes Licht getaucht mit Gitarre vor einem Mikrophon stehend. Die Platte ist mit ca. 46 Minuten Spielzeit ihren Preis Wert. Auf dem Cover befindet sich noch ein alter Aufkleber mit selbigem, und er betrug 14,90 Mark.

  • Paris – Juan-les-Pins – St. Moritz

Die Hinterhöfe von Neapel irgendwann in der Vergangenheit. Der Ich-Erzähler und ein Mädchen namens Marie-Claire spielen auf den Straßen. Sie verlieren sich aus den Augen. Jahre später spricht er sie wieder an. Ob aus der Ferne oder aus der Nähe weiß man nicht. Beide sind also erwachsen, so zwischen „zwanzig und dreißig, ein sehr begehrenswertes Alter“. Aus dem Mädchen Marie-Claire wurde eine gesellschaftlich anerkannte Frau, die den Glamour liebt. Sie wohnt in Paris am Boulevard Saint-Michel. Im Sommer zieht es sie nach Juan-Les-Pins, um sich einen gleichmäßigen Teint anzubräunen. Wenn Schnee fällt, dann geht es nach St. Moritz, mit all den anderen aus dem Jet-Set, um Napoleon Brandy zu schlürfen. Aber sie ist dabei, ihre Seele zu verlieren. Er beobachtet die Frau aus der Ferne, ein wenig sehnsüchtig, ein wenig Neid, aber auch viel Mitleid schwingen mit. Beide werden wohl nichts mehr gemeinsam unternehmen. Der Song ist Peter Sarstedts berühmtester: „Where Do You Go To My Lovely“.

  • Madrid

Das nächste Stück spielt in Madrid. „Frozen Orange Juice“ ist ein fröhliches Lied über die reine Freude, lachend durch einen Sommertag zu tanzen und zu spazieren. Und dabei eben das Getränk aus dem Titel zu geniessen. Doch fällt auf, dass sie an den Strand gehen. In Madrid? Oder gibt es einen Stadtstrand des Ebro in Madrid? Jedenfalls ist das Lied optimistisch und schön anzuhören.

  • Londoner Maulbeerbäume und der Berkeley Square

Kein Scherz: Ein Musikstück über Londoner Maulbeerbäume: „Mulberry Dawn“. Hier werden Parties gefeiert, in der Nähe des Berkeley Square. Es muss wohl lustig gewesen sein, John Lennon war auch da. Sowas erzählt „man“ zwar nicht (das ist die unmaßgebliche Meinung des Blog-Autors), aber wenn man es mitgenommen hat, dann kann man ja ein Lied drüber machen (das war wohl die Meinung des Song-Autors). Jedenfalls kam erst die Liebe und dann der Morgen unter Maulbeerbäumen. Was den geographisch interessierten Hörer zu Webseiten führt, die Londoner Bäume lokalisieren.

http://mulberrytrees.co.uk/locations/

http://www.londontrees.co.uk/mulberry.html

„Mulberry Dawn“ ist einer der Pop-Songs, die meine Meinung bestätigen, dass britische Musik im Prinzip aus Heimatliedern besteht.

  • Der Rest der A-Seite

Der Rest der A Seite ist für diesen Blog Off-Topic. „I Am A Cathedral“ ist ein Stück über mystische Erfahrungen. „Mellowed Out“ ist rhythmischer als die anderen auf der Platte, klingt aber wie schonmal gehört. „English Girls“ ist dann wieder heimatverbunden. Englische Frauen zeigen ihre Gefühle nicht. Und kommen aus einfachen Verhältnissen und „entwickeln“ sich nach oben.

  • Pause. Platte umdrehen. 

Es gibt Creme de Menthe. Das Getränk darf auf der B-Seite für eine Metapher herhalten. Lichter grüner Ampeln glitzern auf der nassen Straße wie ausgeschüttete Creme de Menthe.

  • Nochmal Paris

Ein Song über jemanden, der sein Leben lang die Liebe suchen wird: Mit „Boulevard“ wenden wir uns noch einmal dem Boulevard Saint Michel zu. Ein Straßenmusikant von Cafe zu Cafe und singt traurige Lieder. Das Boulevard kennt mich und meine Sorgen, und irgendwann finde ich mein Leben.

  • Der Rest der B-Seite

„Eternal Days“ wurde für einen Film über Grönland geschrieben. „Take Off Your clothes“ ist ort- und zeitfrei, und es ist – Überraschung! – voller Ironie und richtig „rock’n’Rollig“. Ein Junge will mit dollen Sprüchen imponieren („Main Daddy ist der Papst, und ich will nur..“) und hat Erfolg. Die Mischung aus ironisch und direkt ist einfach das, was den typisch englischen Humor ausmacht. „Tall Tree“ ist ein allegorisches Stück, der große Baum wird wieder blühen, so wie früher und so wie das Leben auch wieder besser wird. Unoriginell. Im Covertext heißt es, dass die Melodie monoton bleibt, um ein Gefühl der Endlosigkeit zu vermitteln. So kann man es auch sagen. Mit „Southern Belle“, einem Liebeslied will man die Platte ausklingen lassen, und dann das:

  • Beirut

Auf jeden Fall ein Höhepunkt der Platte. „Beirut“ aus dem Jahr 1978 führt den Hörer in die vom Bürgerkrieg zerrissene Stadt. Ohne zu Moralisieren erzählt Sarstedt eine Geschichte, die gleichzeitig zu einer Momentaufnahme Beiruts wird. Sicher, die Geschichte, die das Lied erzählt, ist komplex. Die Form ist zu einfach gewählt. So etwas wie ein „Long Song“ wäre einfach geeigneter. Die Frau, die Verletzung, der Bürgerkrieg als Kulisse, all das sind keine üblichen Themen für 3:45 Min.

Der Ich-Erzähler bezeichnet sich als „Anti-Held“. Kein Wunder, denn er zerfließt vor Selbstmitleid. Gerade eben hat er im Casino 50 Riesen verloren. Er baut sich wieder auf, indem er eine wunderschöne Frau betrachtet, die vor dem Casino steht. Plötzlich wird geschossen, der Erzähler wird am Arm getroffen, dann in einen weißen Mercedes gestoßen, die Frau verbindet seine Schusswunde. Sie ist – Überraschung – arm geboren und irgendwie reich geworden. Unnahbar. Aber trotzdem ganz nett.

Zusammenfassung: Grundmotiv sind reich gewordene Frauen aus armen Verhältnissen. Und es ist eine nette Reise durch die Welt. Frage: Gibt es in Madrid tatsächlich einen Strand?

Beirut oder: Leben im Bürgerkrieg

Dieser Beitrag ist sozusagen „Off-Topic“. Ich las entgegen meinen Gepflogenheiten ein Sachbuch, noch dazu ein aktuelles. „Abschied von 1001 Nacht“ von Ulrich Kienzle hat 350 Seiten, Zeittafeln, ein Literaturverzeichnis und Landkarten. Jedem der 16 Kapitel ist eine passende Fotografie vorangestellt. Insofern schonmal äußerlich sehr schön gemacht.

Das Buch ist Kienzles Biographie seiner Zeit als Leiter des Arabienbüros der ARD. Zum einen führte er das Büro, das zunächst in Beirut und später in Kairo angesiedelt war. Von da aus hatte er die Berichterstattung aus 23 arabischen Ländern zu organisieren und zu betreuen. Er war mit seinem Team fast ständig in diesen Ländern unterwegs und traf dort einige der geflissentlich bekannten Diktatoren. Zum anderen erfuhr er in Beirut den Bürgerkrieg am eigenen Leibe. Er muss nicht nur die tägliche Arbeit, sondern auch seinen Alltag in einer völlig unüberschaubaren Umgebung organisieren. Folglich erzählt auch das Buch in zwei Handlungssträngen, die sich immer wieder treffen, um sich neu zu entspinnen.

  • Das Setup

Ulrich Kienzle ist beim SDR angestellt. Er berichtet über regionale Ereignisse. Dabei eckt er immer wieder an (Besetzung des Rektorats der Uni HD 1968, Fischsterben im Neckar 1969). Der Chefredakteur Emil Obermann muss einmal eine Entschuldigungserklärung verlesen, die ihm vom Intendanten des SDR diktiert wurde. In einer späteren Situation kommentiert er das Verhältnis innerhalb des SDR so: „Wenn politischer Druck ausgeübt wurde, stand man als Journalist allein…. Eine schlimme Lektion im Journalismus.“

1973 wird Kienzle nach Kairo geschickt, da die ARD sonst keinen Bericht über den Jom-Kippur-Krieg bekommen hätte. Im März 1974 übernimmt er das Büro in Beirut.

  • Der Handlungsstrang Beirut

Zunächst erlebt Kienzle seinen Vorgänger Konzelmann bei seinen gestellten Reportagen. Dann arbeitet er sich in das sehr spezielle Geflecht der alltäglichen kleinen Bestechungen ein. Schließlich lernt er das politische System des Libanon kennen, soweit dies für einen Nicht-Einheimischen überhaupt möglich ist. Es herrschen drei maronitsche Familienclans, 2 drusische und einige sunnitische Clans, dazu palästinensische Flüchtlinge, deren Lager exterritoriales Gebiet waren. Jede Gruppe hatte ihre eigenen aufgerüsteten Milizen. Außerdem sind immer mal wieder Gruppen mit rein kriminellem Interesse unterwegs. Und normale Polizisten auf polierten Harleys. Die Lage spricht jedem politischen System Hohn und macht das Überleben nicht gerade einfach. Im Laufe der Zeit begegnet er allen Stammesfürsten und etlichen Milizionären, zum Teil  in lebensgefährlichen Situationen. Schließlich gibt es noch die Nachbarstaaten Syrien und Israel, die ihre eigenen Interessen im Libanon verfolgen. Besonders der Erstere. Die französische Kolonialmacht hat den Libanon nach dem Ersten Weltkrieg vom Staat Syrien abgetrennt. Syriens langfristige Strategie ist es, sich den Libanon wieder einzuverleiben.

Irgendwann im Laufe des Jahres 1975 fallen öfter mal Schüsse auf offener Straße. Das Leben wird gefährlicher. Schnell entsteht ein Bürgerkrieg. Jeder im Team muss sich fragen lassen, ob er unter den immer gefährlicheren Umständen bleiben möchte. Kienzle heuert zwei Kameramänner an, die gefährlichen Situationen gewachsen sind. Die Massaker von Katalina und Damur machen aus dem Libanon endgültig ein Kriegsgebiet. Kienzle bringt die Bilder dieses Krieges in die Wohnzimmer.

Im Sommer 1976 maschieren syrische Soldaten im Libanon ein. Syrien ist ab sofort die Ordnungsmacht im Libanon.

Ein reguläres Arbeiten ist bald unmöglich geworden und zudem immer gefährlicher. Ein Fahrer Kienzles verschwindet spurlos. Das Büro zieht nach Kairo um.

Dreimal kehrt der Autor später nach Beirut zurück, um aus dem Land zu berichten. 1982 will er einen Film über den Neuanfang des Landes drehen. Statt dessen bekommt er das Massaker von Sabra und Schatila hautnah mit. 1985 herrscht die Hisbollah. Die Infrastruktur ist zusammen gebrochen. Die Lebensfreude ist der der Stadt völlig abhanden gekommen. Und schließlich trifft er 2010 auf eine modern sanierte, boomende Stadt. Die Weine aus der Bekaa-Ebene sollen übrigens sehr gut sein.

  • Der Handlungsstrang zu anderen Ländern

In alternierenden Kapiteln stellt der Autor seine journalistischen Leistungen als Korrespondent dar. So ist Kienzle gleich mehrfach derjenige, der ein Thema exclusiv für sich gewinnen konnte.

Er ist der erste westliche Journalist, der Gaddafi zu einem persönlichen Interview trifft, nur wenige Monate, nachdem dieser sich in Libyen an die Macht geputscht hat.

Er trifft Saddam Hussein. Während eines Fernsehinterviews entlockt er dem Diktator eine verbindliche Aussage zu seinen Plänen über Kuwait, was anderen Fernsehteams zuvor nicht gelang.

Er deckt – wieder auf einen privaten Hinweis hin – die Zusammenarbeit einer maronitischen Miliz mit Israel auf.

In Kairo filmt Kienzle eine Gesprächsveranstaltung mit Sadat an der Universität in Kairo. Sie sollte eine Propagandaschau werden. Zum Erstaunen aller Teilnehmer ensteht Wortgefecht. Es ist der erste öffentliche Zusammenprall Sadats mit einem fundamentalistischen Muslimbruder. Die Szene war damals nur „unerhört“, erst später wurde sie vollends verstanden. Sadat unterschätzte die Muslimbrüder stets, was ihn auch das Leben kostete.

In Libanon filmt er als einziger den Einmarsch der Syrer. Kienzle bekam einen Tipp aus seinem Netzwerk und hat somit die Bilder des Einmarsches exklusiv.

Es folgt am Schluss ein kurzer Abstecher in die Golfregion. Der Autor schildert die Lage im rückständigen Saudi-Arabien, im modernen Dubai und im politisch eigenständig handelnden Katar. Und er gesteht, dass er vom „Arabischen Frühling“ überrascht wurde. Alte Denkmuster haben ihn gehindert, die ersten Demonstrationen richtig einzuordnen. Seine Prognose ist verhalten optimistisch: Der Nahe Osten wird vielfältiger, die Eigenheiten jeden Landes werden stärker zu Tage treten. Daher der Buchtitel.

  • ein paar Gedanken zum Buch

Die Geschichten rund um den gefährlichen Alltag in Beirut mit bizarren Augenblicken, machen das Buch unterhaltsam und spannend zugleich. Köstlich ist die Geschichte, als er seinen perforierten Wagen verkaufen möchte. Skurril auch die Geschichte der Gattin eines berufsmäßigen Diplomatenkillers. Amüsant die Auseinandersetzungen über die korrekte Verbuchung eines gemieteten Esels. Turbulent die Bilder einer rasanten Autofahrt im Mini Cooper. Dramatisch die Schilderung zweier zufälliger Begegnungen mit RAF-Terroristen. Verwirrend die Aufklärung, wie ihm der Beweis über Echtheit oder Fälschung von Antikenstatuen vor die Füße fiel. Und nochmal: Die Sache mit dem Gebrauchtwagen ist wirklich zum Schreien komisch.

Die Treffen mit den Diktatoren folgen Schemata, die immer wieder beschrieben werden. Was die tägliche Arbeit betrifft, ist das Buch ein Zeugnis, dass ein gutes Netzwerk und Beharrlichkeit zum Ziel führen. In Bezug auf den Alltag im Krieg ist es ein Zeugnis dafür, dass eine gesunde Vorsicht, Glaubwürdigkeit und ein gutes Netzwerk das Überleben sichern.

Lesenswert.