Sommerurlaub in Schweden: Benjamin Lebert „Kannst Du“

Benjamin Lebert, geb. 1982, wurde 1999 mit dem Roman „Crazy“ erfolgreich. „Kannst Du“ ist sein dritter Roman aus dem Jahr 2006. Das KiWi-TB hat 269 Seiten.

Das Buch ist zeitgenössisch. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive von Tim Gräter. Tim ist ein junger, erfolgreicher Schriftsteller und lebt in Berlin. Er blättert in seinem Fotoalbum und entdeckt ein Foto von Tanja, einer früheren Freundin. Es folgt die Geschichte des eigenartigen Sommerurlaubs der beiden.

getmapimg.php-2

Sie nehmen die Fähre von Warnemünde an die schwedische Südspitze, nach Trelleborg. Die beiden übernachten in der Jugendherberge. Tanja flüstert beim Einschlafen: „Es ist so schwierig, das alles auszuhalten.“ (S. 19). Auf der Reise wird Tim herausfinden, was sie mit „das alles“ meinte.

  • Malmö und Helsingborg

Am nächsten Morgen fahren sie mit dem Bus nach Malmö. Es sind sieben Stationen, zur Linken sind Dünen zu sehen, hinter denen das Meer aufblitzt. Zur Rechten grüne Felder und Wald, aus denen ab und zu ein Vogel empor fliegt.

Die Innenstadt von Malmö: saubere, altmodische Häuser, die Straßen mit kleinen Pflastersteinen besetzt. Tanja hängt sich bei Tim ein. „Das passte mir nicht. Sie klebte an mir.“ Noch am gleichen Tag fahren sie mit dem Zug nach Helsingborg. Tim erinnert sich an seinen Bruder, der eine schwere Behinderung hatte und vor einigen Monaten starb. Tanja singt „500 Miles“.

Um halb acht Uhr abends kommen sie in Helsingborg an, nehmen ein Taxi zur Jugendherberge, die in einem dunkelgrünen Wald liegt. Dort ist es überfüllt, also gehen sie weiter in den Wald hinein und bauen ihr Zelt auf. Sie spielen „Welche Stadt fasziniert dich am meisten.“ Sie schweigen. Tanja weint. Tim tröstet Tanja. Sie flüstert „Amsterdam“.

Am nächsten Morgen, die Rasenfläche ist von Sonnenlicht überflutet, fahren sie mit dem Bus zurück nach Helsingborg. Es geht mit dem Zug weiter nach Göteborg. Sie hat Geburtstag, er singt für sie „Birthday“ aus dem Weißen Album.

  • Göteborg und Trollhättan

In Göteborg hat Tim endlich wieder das „Gefühl, in einer richtigen Stadt zu sein.“ (S. 64) Es gibt ein wenig vom üblichen Touristenprogramm. Bummeln, essen gehen. Tim möchte den den Schriftsteller Lars Carstensson treffen und macht einen Termin für den nächsten Tag aus.

Aber erstmal folgt eine Nacht im Hotel. Tanja bittet Tim, ihr sein Kissen fest ins Gesicht zu drücken. (Das ist der Satz im Buch, der mit „Kannst Du“ anfängt) Tim nimmt sie in den Arm. Draußen kreischen die Möwen.

Am nächsten Tag trifft Tim den Autor Carstensson. Die beiden verbringen den ganzen Tag miteinander, gehen essen, ins Schifffahrtsmuseum und zu ihm nach Hause – ohne Tanja. Die wartet in der Innenstadt vor einer Buchhandlung. Abends treffen sie sich dort wieder. Tanja hat sich in der Zwischenzeit am Oberkörper ein paar Schnitte zugefügt. Sobald sie Tim sieht, schreit sie Passanten an, zieht sich aus und wirft sich nackt auf den Boden.

Tim will mit ihr zum Arzt gehen. Statt dessen gehen sie ins Hotel zurück.

Der nächste Tag: Mit dem Zug nach Trollhättan. Von dort mit dem Taxi auf einen Campingplatz direkt an einem großen See. Tanja zieht gegenüber Tim einen ziemlichen Befehlston auf. Das stört ihn. Am nächsten Morgen entschuldigt sie sich dafür, und es geht mit dem Zug nach Oslo.

  • Oslo

„Der Zug rappelte. Das Land Schweden zog vorbei und wurde zu Norwegen.“ (S. 109) Sie übernachten im Gästehaus von Tims norwegischem Verlag. Dort übernachtet auch der schweizerische Autor Grenviller samt Frau und seiner Sammlung wertvoller Samuraischwerter.

Oslo: Tim trifft sich mit Frau Grenviller. Er kommt zurück, Tanja erzählt, sie habe sich mit Herrn Grenviller getroffen. Sie trägt sogar das Negligee von Grenvillers Frau. Tanja beleidigt Tim in seiner Männlichkeit und hält Grenviller für den besseren Schriftsteller von den beiden. Tim geht zum Zimmer von Grenviller und verprügelt ihn. Zurück in Tanjas und seinem Zimmer klopft es, Grenvillers steht mit in der Tür und hält ein Samuraischwert in der Hand. Er verletzt Tim, der ihn aber verjagen kann.

Am nächsten Morgen sitzen Tim und Tanja im Taxi, das auf der Fahrt zum Hafen noch eine Stadtrundfahrt macht. In der Fähre nach Oslo hält Tanja liebevoll Tims verletzte Hände. Von Kiel aus fegen sie mit dem Zug über Hamburg und Münster (warum eigentlich?) nach Amsterdam. Sie übernachten im Hilton, das sie zwei Tage lang nicht verlassen (wie John and Yoko). Dann fliegen sie zurück nach Berlin.

Tim bringt Tanja zu ihren Eltern. Sie reden ein wenig, er klärt Tanjas Eltern über – naja – gewisse Merkwürdigkeiten – auf. Dann – mit den Gefühl, Tanja verraten zu haben – verschwindet er.

Tim schlägt das Fotoalbum zu. Eines Tages wird es keine Fotoalben mehr geben, weil alle nur noch mit dem Handy fotografieren. Schade eigentlich.

  • Bemerkungen

Positiv: Natürlich die Reiseroute. Ein wunderbarer Trip durch das hochsommerliche Schweden. Dann die Spannung. Zwei Leute, die auf engem Raum auskommen müssen und nur durch die Umstände unzertrennlich sind, das ist eine viel versprechende Konstellation. Auch, dass die Stimmung zwischen beiden immer bedrückender, bedrohlicher und schließlich gefährlich wird, ist spannend zu lesen. Und die Referenzen an die Musik. Nicht nur Beatles, es wird überhaupt viel gesungen im Buch, vom „Alabama Song“ der Doors bis zu „Bicycle“ von Queen und vieles mehr.

Negativ: Der Autor hält die Spannung nicht durch. Immer wieder blendet er kleine Geschichten ein, die aus seinem Leben vor und nach Tanja stattfanden. Frauengeschichten hauptsächlich. Es hätte ein Thriller werden können, wurde dann aber nur eine Sex-and-Blood-Story. Und ein Autor, der das Leben eines Autors zum Thema macht, erweckt den Eindruck, ihm fiele nichts mehr ein.

 

Karte # 21: Amsterdam 1659: „The Coffee Trader“ von Daniel Liss

Das heutige Buch ist wieder ein historischer Roman. „The Coffee Trader“ von Daniel Liss erschien im Jahr 2003. Meine Ausgabe (Übersetzt von A. Carstens) ist das btb-TB von 2007 mit dem Titel „Der Kaffeehändler“ und 478 Seiten. Die Geschichte spielt in Amsterdam und beginnt am 13. Mai 1659.

  • Das Setup

Auf der Flucht vor der Inquisition wanderten etliche portugiesische Juden nach Amsterdam aus, wo sie in einem eigenen Stadtviertel, Vlooyenburg, wohnten. Aus den Erfahrungen mit der Inquisition haben sie einen eigenen Gemeinderat gegründet. Dessen mächtigstes Mitglied ist der Händler und Strippenzieher Parido. Auch die Hauptfigur Miguel Lienzo kam aus Lissabon nach Amsterdam, ebenso sein Bruder Daniel mit seiner Frau Hannah.

Das Buch ist aus einer doppelten Perspektive erzählt. Die Geschichte von Miguel Lienzo wird unterbrochen von Auszügen aus den Memoiren des Alonzo Alferonda. Miguel ist Händler und Börsenmakler. Er war mal mit Paridos Schwester verlobt, ließ sich aber mit ihrem Hausmädchen erwischen, was ihm die Feindschaft Paridos einbrachte. Auch Alonzo Alferonda war Händler, bis Parido dafür sorgte, dass er aus der Gemeinde ausgeschlossen wird. Seither schlägt er sich als Wucherer durch, verleiht Geld und wartet auf eine Gelegenheit, sich an Parido zu rächen. In diesem Dreieck Parido – Miguel – Alonzo spielt die Geschichte.

  • Die Börse

Miguel handelt mit Warenterminkontrakten, die zum 20. jeden Monats zu einem aktuellen Preis abgerechnet werden. Früher war Miguel auf den Zuckerhandel spezialisiert. Der Zuckerpreis fiel eines Tages ins Bodenlose, Miguel verarmte und muss nun bei seinem Bruder Daniel wohnen, bei dem er auch sonst in der Kreide steht. So wie es aussieht, wird Miguel mit Terminkontrakten auf Weinbrand wieder viel Geld verlieren. Parido weiß um Miguels Verlustposition und vermittelt Kontakt zu einem Franzosen, der bereit ist, die Kontrakte abzukaufen. Die Börse wird als sehr modern geschildert. Es gibt Intradayhandel, Terminhandel und Settlementfragen (also dass das Geschäft auch bezahlt und beliefert wird).

  • Die Geographie

Der Ort, um den sich alles dreht, ist die Börse. Sie war ein von Tribünen umgrenzter, nicht überdachter Platz am Dam. Die Glocken der Nieuwe Kerk sind zu hören. Von hier aus geht es über die Warmoesstraat nach Börsenschluss in die Kneipen. Die eingewanderten Juden wohnen in Vlooyenburg, ihr privater Aufenthaltsbereich reichte bis an den Nieuwe Markt, an dessen Südgrenze eine Waage stand. Der Voorburgwal, den Hanna einmal durchquert, ist also „verbotenes“ Terrain. Über die Heerengracht, Keizersgracht und Prinsengracht hinweg kommt man zu dem Viertel Jordaan. Es wird neu gebaut, überall ist der Lärm von Handwerkern zu hören. Das Gefängnis ist am Heiligeweg. Insgesamt wird Amsterdam als aufstrebende Stadt beschrieben. Reger Handel, auch aus heutiger Sicht modern wirkende Usancen und wirtschaftliche Dynamik bestimmen das Bild.

  • Der  Kaffeedeal

Eine holländische Freundin, Gertruid Damhuis, bietet Miguel einige Tassen Kaffee an. Zu dieser Zeit ein exotisches Getränk, das in kleinen Mengen gehandelt wird. Gertruid entwirft ihm den Plan, den Kaffeehandel in Amsterdam auszubauen und zu kontrollieren.

Um an das nötige Kleingeld zu kommen (Erinnerung: Miguel ist pleite wegen der Zuckergeschäfte) handelt Miguel auf einen Tipp Alonzos hin Walfischtrankontrakte.  Er kauft zur Eröffnung und verkauft am gleichen Tag mit großem Gewinn wieder. Der Erfolg macht Miguel mutiger, das Kaffeegeschäft zu planen. Er nimmt Kontakt zu Isaiah Nunez auf, der wiederum gute Verbindungen zur Ostindien-Compagnie hat. Die beiden wollen unter größtmöglicher Geheimhaltung 90 Tonnen Kaffee nach Amsterdam bringen. Nach Ankunft des Schiffes würde der Preis fallen und Miguel einen Gewinn bescheren. Gleichzeitig würden Gertruids Mittelsmänner den Kaffee zu den nun gefallenen Preisen aufkaufen. Der Preis würde soweit steigen, dass der weitere Kauf von Kaffee unrentabel wird. Damit hätten Miguel und Gertruid ein Monopol – genauer: einen Corner – errichtet.

Nunez will natürlich für die Schiffsladung Kaffee Geld sehen. Kein Problem, denn Miguel hat ja gerade bei Walfischtran gewonnen. Doch ein Problem: Das Geld aus dem Gewinn ist noch nicht da. Stück für Stück stellt sich heraus, dass der einflussreiche Parido überall seine Finger drin hat. Alonzo schließlich klärt den Leser auf, dass es Daniel ist, der seinem Bruder das Geld aus dem Walfischtrangeschäft schuldet.

  • Die Suche nach Verbündeten

Auf der Suche nach weiteren Verbündeten kauft Miguel den stadtbekannten Bettler Johann Wagenaar aus dem Zuchthaus, dem Rasphuis, frei.

Trotz aller Widerstände geht das Kaffeegeschäft voran, weil Gertruid sich stark engagiert. Aber sie wird immer mysteriöser. Sie schießt Geld in den Handel, dessen Herkunft unklar ist. Sie treibt sich in zwielichtigen Kneipen herum, wo sie Gerüchte über ankommende oder untergegangene Schiffe verbreitet.

Miguel hat nicht genug Geld, deswegen fälscht er eine Bürgschaft seines Bruders. Dann entsteht das Gerücht, dass das Kaffeeschiff umgeleitet wurde. Die Lieferung würde sich um ein Jahr verspäten. Miguels Verkaufsoptionen würden wertlos. Der Bettler Johann Wagenaar taucht plötzlich gut gekleidet bei Miguel auf und fragt ihn über seine Geschäfte aus. Er wurde von Parido gekauft. Dann jedoch beginnt er, für eigene Rechnung zu arbeiten und verbündet sich wieder mit Miguel. Er erzählt, dass der Kaffee zwar auf jeden Fall pünktlich kommt. Allerdings auf einem Schiff, das Parido gehört. Daniel feuert seine Haushaltshilfe Annetje, die – wie sich herausstellt – Daniel und Miguel für Alonzo ausspioniert hat. Alonzo bezahlt Annetje, damit sie Miguel erzählt, sie stehe in Diensten Gertruids.

  • Die Schlacht

Schließlich ist wieder Abrechnungstag. Der Kaffeepreis ist hoch. Miguel ist Long, hält Puts und will billig wieder Long gehen. Parido, sein mächtiger Gegenspieler hält Calls und hat die Ware unter Kontrolle. Die Glocke läutet. Die Schlacht beginnt. Der Preis schließt nach heftigen Kursbewegungen auf Tagestief. In den Tagen danach kehrt jeder seine Scherben zusammen. Miguel hat viel Geld gewonnen, Gertruid ausgebootet und seinem Bruder die Frau ausgespannt. Parido hat viel Geld verloren. Zwei lange Gespräche, eines mit Gertruid und eines mit Alonzo bringen Miguel die ganze Wahrheit aller Intrigen ans Licht. Es war ganz anders, als er vermutete. Der Gewinn hat Miguel gesellschaftlich rehabilitiert, aber einsam gemacht.

  • Bemerkungen über das Buch

Das Buch lässt sich nicht so recht in ein Genre stecken. Krimi? Dazu fehlen die typischen Spannung schaffenden Elemente. Bis auf ein paar Kneipenschlägerein gibt es auch keine Gewalt, erst recht keine Leiche. Historischer Roman? Die Atmosphäre der Zeit wird nicht dicht genug geschildert. Am ehesten geht das Buch als psychologischer Roman durch.

Die Beziehungen zwischen den Personen verändern sich ständig. Wer steht in wessen Diensten? Wer schlägt Finten? Es gilt, immer wieder zu sortieren und überlegen. Wer ist vertrauenswürdig und wer nicht. Koalitionen ändern sich, Verdachtsmomente ändern sich. Geschäftliche Interessen gehen vor persönlichen Interessen, und manchmal ist es umgekehrt. Wieweit darf man einem Gerücht glauben, wer profitiert von ihm und wer hat schon profitiert? Diese ständige Veränderung im Beziehungsgeflecht ist es, was das Buch spannend macht.

Und der Autor bringt die Angst und die Gier auf den Punkt, die sich angesichts von Kursentwicklungen einstellen. Wie weit darf man einem steigenden Kurs zuschauen, bis man aussteigt? Wie schnell muss man bei einem fallenden Kurs abstoßen, welche Kursentwicklungen sind kurzfristig, welche sind von Dauer? Das Fieber, das in wenigen Stunden über Reichtum und Armut entscheidet, kommt rüber, und zwar besser als im Film „Wall Street“.

Letztendlich bietet das Buch dem ökonomisch interessierten Leser einige Themen, die es in die schlüssig erzählte Geschichte einbindet.

Lesenswert.

Die Amsterdamer Börse

Der Dam in Amsterdam

Den Markt über einen Corner kontrollieren

Kaffeegeschichte

1651 – Tulpen aus Amsterdam

Lorenzo Marini, „Der Tulpenmaler“ hat 351 Seiten. Die Ausgabe von 2003 ist die einzige auf Deutsch erschienene, das Cover zeigt eine gemalte Tulpe, deren rote und weiße Streifen ineinander fließen. Es ist ein historischer Roman, der im Amsterdam der Jahre 1649 bis 1651 spielt. Holland wurde gerade von Spanien unabhängig. Amsterdam ist eine aufstrebende, optimistische und durch den Gewürzhandel reich gewordene Stadt. In dieser Atmosphäre legen die reichen Bewohner ihr Geld in Gemälden an, und so tummeln sich hier viele Maler, die oft auf einzelne Motive spezialisiert sind. Die Ateliers haben viele Angestellte.

  • Das Setup

Napilut ist einer dieser Genremaler. Er malt Tulpen, ausschließlich Tulpen. Seine Bilder sind besonders beliebt, weil eine spezielle Firnis ihnen seidigen Glanz verleiht, den Napilut-Effekt. Marco de Roos ist Napiluts größter Konkurrent und malt Rosen. Er ist ein kreativer, technisch jedoch durchschnittlicher Maler, aber ein außergewöhnlich guter Verkäufer seiner Bilder. Und ein noch besserer Intrigant.

Van der Lens ist ebenfalls Maler, fühlt sich aber selbst als Forscher. Er sammelt Insekten und erforscht sie mit einer starken Lupe. Als Broterwerb malt er Insekten. Die Blumenmaler geben ihm ihre Bilder, damit er darauf ein Insekt malt.

Professor van Kalm ist Wissenschaftler. Er arbeitet an Versuchen, die Erdumdrehung zu verlangsamen und so die Zeit zu verlängern. Doktor Claudius, ein Astronom, träumt davon, das Innere der Wolken – ihr Herz – zu erforschen.

Man merkt schnell, dass der Autor mit den Namen seiner Figuren Scherze treibt.

  • Die Geschichte

Napiluts Bilder, ohnehin schon perfekt und erfolgreich, treffen den Geschmack der Zeit ganz besonders, als Tulpen immer beliebter werden. Bei den Verkaufsausstellungen sind die Interessenten euphorisiert. Man sagt sich, dass die Bilder nach Tulpen duften.

Napilut begegnet Absentia, einer sehr sensiblen jungen Frau, die bei einem Stadtbrand zur Waisen wurde. Napilut porträtiert sie, behält das Bild jedoch für sich. Es entsteht eine zarte Freundschaft. Napilut möchte, dass Absentia für immer bei ihm bleibt. Sie aber weigert sich. Absentia hat sich einem Seemann versprochen, der mit der „Den“ – einem prachtvollen Handelsschiff – nach Ostindien unterwegs ist. Darauf hin schickt Napilut sie weg.

Derweil schließt Napiluts Konkurrent De Roos mit van der Lens einen exklusiven Vertrag. Er soll seine Insekten nur noch auf Bilder von Roos setzen. Es geht um viel Geld. Der Verleger van der Boock wird tot in der Herengracht gefunden. Doktor Claudius war der letzte, der ihn lebend sah, und Passanten haben die beiden streitend gesehen. Auch Napilut und de Roos streiten. Sie treffen sich in einer Kneipe und streiten – fast philosophisch -über die Bedeutung von Tulpen und Rosen.

Die „Den“ ist in der Nähe des Kap der Guten Hoffnung explodiert. Mit ihm ging auch Absentias Geliebter unter. Sie weiß nun, dass ihr Versprechen nutzlos war.

Claudius erzielt mit seinem Wolkenexperiment Fortschritte. Er und Van Kalm erfinden ein Hebemeter, eine gewaltige Leiter mit Flaschenzugvorrichtung, die von 3 mal 5 Personen gehalten wird. Claudius wagt schließlich den Aufstieg und sieht das Innere einer Wolke. Auf dem Rückweg nach unten stürzt er von der untersten Sprosse des Hebemeter, und wird bewußtlos. Die Umstehenden rätseln, ob er Überwältigendes oder Banales sah. Später wird er erklären, dass die Wolken nichts sind, schon gar nicht das erwartete Herz haben.

Marco de Roos beschließt, seinen schärfsten Konkurrenten Napilut aus dem Weg zu räumen. Seine Motive sind Neid auf Napiluts Können und der Drang, der erfolgreichste Maler zu sein. Er intrigiert er in der gehobenen Gesellschaft Amsterdams gegen Napilut. Schließlich lockt er die nun orientierungslose Absentia in sein Haus, wo er sie vergewaltigt.

Napilut beginnt – altersbedingt – zu erblinden und steigert sich immer mehr in seine Malerei hinein.

Es ist Frühjahr 1651. Die Maler stellen ihre Bilder zum Verkauf. Alle gehen zu de Roos, keiner kauft bei Napilut.

Ein Schiff aus Südamerika bringt ein seltsames Tier mit. Es wird, wegen seiner Langsamkeit, Van Kalm übergeben. Es ist ein Faultier. Er darf  es beobachten. Aus den Beobachtungen erstellt er eine lange Zahlenreihe. Ergebnis: Langsamkeit führt zu einem längeren und glücklicheren Leben als Geschwindigkeit. Das Schiff bringt auch ein neues Getränk mit: Schokolade.

Van der Lens stirbt bei einem Spaziergang auf tragische Weise: Er möchte eine Biene einfangen, um sie später zu malen. Dummerweise erwischt er die Königin und ein ganzer Bienenschwarm fällt nun über ihn her.

Auch Absentia stirbt, von einer Krankheit dahin gerafft. Napilut bereut sein Verhalten ihr gegenüber. Nach dem Begräbnis schließt er sich drei Tage und Nächte lang ein und malt ein weiteres Bild von ihr. Dieses wird nun, 2001, in London versteigert.

  • Ein paar Gedanken

Eine melancholische Geschichte. Absentia wie auch Napilut scheitern ohne Sinn, de Roos handelt nur aus Gewinnsucht, seine Boshaftigkeit bleibt ungesühnt. Trotzdem ist die Geschichte keineswegs zynisch. Das hat vor allen Dingen mit dem Schreibstil zu tun. Er changiert wie die Bilder der Protagonisten. Mal wirkt der Text wie Lyrik, dann wieder reihen sich Dialogfetzen turbulent aneinander, gefolgt von besinnlichen Sequenzen, inneren Monologen und höchst dramatischen Schilderungen. Faszinierend, wie unterschiedlich ein Autor das Malen von Bildern beschreiben kann. Die Figuren entstehen mit den Gemälden, die Gemälde machen ihre Maler lebendig.

Der Erzähler ist mehr als ein üblicher „Allwissender“. Er beobachtet alle Figuren, springt in der Zeit der Handlung hin und her, wendet sich aber manchmal auch an „Euch im 21 Jahrhundert“. Die Dynamik der Epoche ist einprägsam beschrieben, auch mit ihrer Oberflächlichkeit. Die Figuren sind allesamt fiktiv. Die Maler, ebenso wie die Erfinder mit ihren Ideen gab es in der Epoche tatsächlich.

Und so viele Umschreibungen der neu importierten Schokolade, anregender als Bier, süßer als Kaffee, berauschender als Wein, gesünder als Aquavit und vieles mehr.