In den Bayous – „Joshua“ von Shirley Ann Grau

Die – bei uns eher unbekannte – Autorin Shirley Ann Grau erhielt 1965 den Pulitzer-Preis für den Roman „The Keepers of The House“. Bereits zuvor erschien ihr Erzählungsband „Der dunkle Prinz“, aus dem die Kurzgeschichte „Joshua“ entnommen ist. Die Handlung ist im Jahr 1942 angesiedelt.

  • Wo geht’s hin?

Ort der Story ist das Mississippi-Delta südlich von New Orleans. Bayous prägen das Bild. Was sind Bayous? Das Wort stammt aus der Sprache der Coctaw in Louisiana. Bayous sind stehende oder leicht fließende Gewässer, oft Altwasserarme neben großen Flüssen, manchmal laufen sie weit ins Meer hinaus (also Priele). In anderen Gegenden heißen sie „Creek“, in Louisiana gibt es die Bezeichnung „Bayou“. Nach dem „Lousiana Purchase“ breitete sich der Begriff von Louisiana aus über die gesamten Südstaaten aus.

Bayous wurden oft besungen, berühmt sind Lieder von Roy Orbison (Blue Bayou) und Hank Williams (Jambalaya). In beiden Songs spielen Piroggen eine Rolle, das sind kleine, wellentaugliche Fischerboote. Beide Lieder spielen ebenfalls in der Gegend südlich von New Orleans – Jambalaya weiter westlich bei Thibaudoux. Und so schließt sich der Kreis zu der heutigen Kurzgeschichte „Joshua“.

  • Worum geht’s?

Joshua ist ein etwa 10 Jahre alter Junge. Er lebt in einer kleinen Siedlung ganz im Süden, in einem der letzten Häuser vor der Mündung des Mississippi. Sein Vater ernährt die Familie vom Fischen. Es ist Winter, es regnet seit Tagen ohne Unterbrechung. Joshuas Vater trinkt, die Eltern streiten sich. Joshua benötigt dringend einen Mantel, die Familie dringend was zu essen. Die Mutter bedrängt den Vater, endlich wieder zum Fischen rauszufahren. Er aber, und andere im Ort haben Angst. Ursache der Angst ist der Krieg, der nun auch hierhin zu kommen scheint. 10 Tage zuvor waren mehrere Fischerboote von Granaten getroffen worden. Kurz darauf waren Explosionen von der Flussmüdung her zu hören. Man vermutet, dass ein deutsches U-Boot in die Mündung reingefahren ist und dabei zerstört wurde.

Aber die Menschen haben immer noch Angst vor einem weiteren U-Boot. Halb im Streit und halb scherzend sagt Joshuas Vater zu seinem Sohn, dass er doch einfach rausfahren solle. Die Mutter will es verbieten (es regnet und er hat keinen Mantel). Der Junge geht trotzdem, bastelt sich aus einer Plane ein Regencape und streunt in der Gegend umher. Zwei Tage lang sucht er tagsüber im Bootshafen nach Verbündeten. Schließlich schließen sich ihm zwei weitere 10-jährige Jungs an. Zunächst hat Joshua Angst, doch dann fahren sie hinaus.

  • Und jetzt ab in die Bayous

Sie fahren zu dritt im Boot los. Joshua besteht darauf, bis zum Fluss zu fahren. Henry ist dagegen, aber Henry hat am Tag zuvor Joshuas Angst gesehen. Laso muss Joshua hinaus fahren. Und dann liegt er vor ihnen: Der Fluss in seiner vollen Breite, durch einen Streifen Schilfgras gegen seine volle Gewalt abgeschirmt, gelbbraun, Schlammbänke, abgestorbene Bäume, unterwaschene Bäume. „Chenieres“ treibe um sie herum, kleine Rindenstücke von Wassereichen. Die Pirogge hebt und senkt sich, klatscht aus Wasser. Enten steigen auf. Sie versuchen, näher heran zu kommen, um sie zu schießen. Es misslingt.

 

Schließlich sieht Joshua an einer kleinen Erhebung im Sumpf etwas Blaues. Er fährt näher, steigt aus und watet an die Stelle. Es ist ein Leiche. Offensichtlich ist es ein Soldat, der vor kurzem hier gefallen ist. Joshua immt ihm zwei Knöpfe ab und zieht ihm die Jacke aus, eine Lederjacke. Er nimmt sie quasi als Trophäe mit nach Hause.

  • Bemerkungen

Es ist die Geschichte eines Jungen, der sich von seinem Vater emanzipiert. Als alle Angst haben, ignoriert er die Angst und unternimmt das, was sich kein Erwachsener traut. Und eine Jacke als Belohnung hat er auch gleich gewonnen. Das Thema hat Potenzial ohne Frage. Aber 1942 in Louisiana gab es eine Menge Ansätze, wie ein Junge dieses Thema hätte erleben können, und ein Erzähler hätte viele Ansätze gefunden (Weltwirtschaftskrise, Rassismus, Krieg – in Lousiana fanden 1941 und danach die größten Manöver der Army statt) Da muss es nicht gerade eine uniformierte Leiche und einer erfundenen U-Boot-Explosion sein.

Es ist eine jener Naturbeschreibungen, die eine schlechte Geschichte gerade noch retten. Es fällt Graus besonders eindringliche Schilderung der Bayous auf, und die stakende Fahrt der Jungen durch regen, Nacht und Kälte.

Deutschen U-Boote am Mississippi gab es 1942 tatsächlich. Allerdings wurde dort keines versenkt, sondern 70 Meilen weiter draußen im Golf von Mexico.

Gestrandet. Überleben in North Kimberley

Bertram Cover„Flug in die Hölle“ von Hans Bertram hat 219 Seiten. Ich habe die Ausgabe mit dem „farbigen Schutzumschlag“. Vor einem feuerroten Himmel stürzt ein einmotoriges Flugzeug, nach links geneigt, in einer Abwärtsbewegung einer schwarzen Silhouette am Boden zu. Die Pinselstriche an den Tragflächen zeugen von der Geschwindigkeit, mit der sich die Maschine senkt. So dramatisch wie das Cover ist das ganze Buch. Es handelt von einer wahren Geschichte.

Der Autor wollte ursprünglich mit seinem Wasserflugzeug in mehreren Etappen um die Erde fliegen. Er startete mit seinem Begleiter Klausmann von Bira aus – das liegt auf Sulawesi -mit dem Ziel Port Darwin in Nordaustralien. Als er während des Nachtfluges die Orientierung verliert und das Benzin knapp wird, wassert er in einer Bucht. Er vermutet, in Melville Island angekommen zu sein, und so gehen die beiden nach Westen, wo sie die Hafenstadt Port Cockburn vermuten. Die Mücken sind von Anfang eine eine höllische Qual, später kommen die Hitze und der Durst dazu. Sie basteln sich aus Benzin, Watte und einem Magneten ein Feuerzeug. Als sie eine kleine Bucht durchschwimmen, fliehen sie in Panik vor Krokodilen. Dabei verlieren sie ihr Gepäck. Die Tabakdose darin wird später zu ihrem Auffinden führen. Ohne Gepäck gehen sie zurück zum Flugzeug und bauen einen Schwimmer des Wasserflugzeugs zu einem Segelboot um. Damit fahren die beiden die Küste entlang. Später gehen sie an Land weiter.

Nachdem sie mehrere Tage marschiert sind, steigt Bertram auf einen Hügel, um sich zu orientieren. Er bemerkt, dass er nicht auf einer Insel ist, sondern in der Provinz Kimberley, deren einzige Siedlung Wyndham 200 Meilen östlich liegt. Also wieder in die andere Richtung laufen, wieder mit dem Boot zurück, das Boot ist zu schwach für den Wellengang. Sie stranden an einer Höhle am Cape Bernier, in der sie Trinkwasser zur Verfügung haben. Dort werden sie von einem Eingeborenen entdeckt. Ein System von Rauchzeichen signalisiert seinen Stammesgenossen, dass er die beiden Flieger gefunden hat. Ein Eingeborener hatte der Drysdale River Missionsstation die gefundene Tabakdose übergeben. Daraus schlossen die Missionare, dass Bertram und Klausmann noch leben, denn die Dose wurde in einem Gebiet gefunden, indem keine Suchaktionen statt fanden. Die Flieger waren für tot erklärt worden, weil niemand damit rechnete, dass sie so weit nach Südwesten fliegen würden.

Eine großartige spannende Erzählung über das Überleben und darüber, niemals aufzugeben. Manches Leiden, wie das unter Durst und Hitze, lassen sich nur erahnen. Die Kreativität, mit der Bertram und Klausmann immer wieder nach neuen Ideen suchen, voran zu kommen, macht das Buch ebenso lesenswert, wie der ständige Kampf gegen Enttäuschungen, wenn sie übersehen werden oder zurück müssen, weil der Weg nicht weiter führt. Eindrucksvoll sind die Stellen, wo das Überleben in der Wildnis einen besonderen Erfindungsreichtum erzwingt, wie die ständige Suche nach Wasser, oder wenn die beiden mit einer Eisensäge den Schwimmer des Wasserflugzeuges zu einem Boot umbauen. Besondere Beachtung schenkt Bertram seinen Zahnschmeren, die er sich von Klausmann mit Hilfe einer Sicherheitsnadel weg operieren läßt. Die „einfache und sichere Behandlung“ empfiehlt er weiter. Schön ist auch auch das erste Fest mit den Eingeborenen,  wo diese ein erlegtes Känguruh zerlegen und zubereiten.

Bis zum Ende von Teil 1, der den Titel „Ein Kampf in dreiundfünfzig Tagen“ trägt, verschlingt der Leser das Buch mit seinen vielen Wendungen zwischen Hoffen und Verzwiflung, zwischen Angst und Durchhalten, und blättert immer weiter, bis die Rettung da ist. Zum Ende wird die zarte Freundschaft zwischen Bertram und den Eingeborenen erzählt, und so kommt der Leser von der Spannung wieder runter. Im zweiten Teil „Richtung Heimat“ holt Bertram im September 1932 sein gestrandetes Flugzeug ab und fliegt nach Hause, wo er im Sommer 1933 ankommt. Nachdem er in Wynsdale einen sensationslüsternen Reporter kennen gelernt hat, beschließt Bertram zunächst, über die Abenteuer zu schweigen. Später jedoch schreibt er seine Ereignisse dennoch nieder, weil er Werbung für die Anerkennung der Eingeborenen machen möchte.

Zurecht ein Klassiker.