Karte # 22: Großraum Paris 1890 – „Die vertane Schönheit“ von Guy de Maupassant

Das Buch „Die vertane Schönheit“ enthält 11 „Novellen“ von Guy de Maupassant. Die Geschichten wurden ursprünglich für Zeitungen geschrieben. Der Autor hat den Band 1890 selbst zusammen gestellt. Ich habe die TB-Ausgabe des dtv aus dem Jahr 2000, Nachwort und Neuübersetzung von Hermann Lindner. Auf dem Umschlag ist ein Teil des Gemäldes „Portrait of Lise“ von Renoir abgebildet. Etliche Geschichten spielen im Großraum westlich von Paris. Man bewegt sich mit allem, was es gibt: Kutsche, Eisenbahn und Boot.

  • Geschichten in der Umgebung von Paris
  • In der Kutsche: Die vertane Schönheit (L’Inutile Beauté, April 1890)

Grüne Knöpfe: Eine Kutschfahrt durch Paris. Über die Champs-Elysee, am Arc de Triumphe vorbei bis zum Bois de Boulogne. Von dort zurück zur Kirche Saint-Philippe-Du-Roule. In der Kutsche sind Comte und Comtesse  Mascaret. Sie haben 7 Kinder. In der Kirche gesteht sie ihm, dass eines nicht von ihm sei. Jahre später gesteht sie ihm dann, dass sie ihn angelogen hat. Sie wollte nicht mehr von ihrem Mann unterdrückt werden, sondern ausgehen und ob ihrer Schönheit bewundert werden. (Gute Unterhaltung mit viel Sympathie für die Comtesse)

  • Im Ruderboot: Fliege (Mouche, Souvenir d’un Canotier, Februar 1890)

Blaue Knöpfe: Die fünf Ruderer haben ihr Vereinsheim in Argenteuil. Von dort aus fahren sie die Seine hoch bis Asnières und runter bis Maisons-Lafitte. Die „Fliege“ ist die Steuerfrau des Ruderbootes und die Geliebte aller fünf Ruderer. Sie wird schwanger. Bei Le Pecq erleidet die „Fliege“ einen dramatischen Bootsunfall. Auf die Lebensfreude aller hat das keine Auswirkungen. Klamaukig und bestenfalls karnevalstauglich.

  • Im Zug: Probe aufs Exempel (L’Epreuve, Juli 1889)

Gelbe Knöpfe: Herr und Frau Bondel leben in Saint-Germain. Sie streiten oft. Meist darüber, was schlimmer sei: Betrügt er sie oder betrügt sie ihn. Aber sie sind sich sicher, dass es in ihrer Ehe nie vorkam. Sie hatte zwar mal einen brüderlichen Freund, Tancred aus Paris, den sie eines Tages rauswarf. Herr Bondel fährt zu Tancred, um mit ihm zu sprechen. Bondel nimmt den Zug von Saint-Germain über Le Pecq nach Saint-Lazare. Tancreds Reaktion zeigt: Da war nichts. Beim Wiedersehen mit Frau Bondel merkt Herr Bondel dann aber: Da war doch was. Unterhaltsam und stilsicher.

  • Im Zug: Der Invalide (L’Infirme, Oktober 1888)

Heny Bonclaire und Leutnant Rivalière sitzen im Zug nach Saint-Germain. Der Leutnant hat zwei Holzbeine. Er erzählt seine Geschichte: Er verzichtete nach seiner Verwundung auf die Ehe mit seiner Verlobten. Nun bringt er ihr und ihren Kindern Spielzeug mit. Journalistisch-dokumentierend mit Sympathie für den Leutnant.

  • Im Elysee Montmartre: Maske (Le Masque, Mai 1889) 

Roter Knopf: Im Elysee Montmartre ist Faschingsball. Ein junger, maskierter Tänzer bricht zusammen. Helfer entfernen die Maske. Darunter steckt ein Greis. Ein Arzt bringt ihn nach Hause. Die Ehefrau des alten Mannes schüttet dem Arzt ihr Herz aus. Der Alte war Starfriseur im Salon an der Oper und geht in Verkleidung auf Bälle, weil er sich mit dem Älter werden nicht abfinden kann. Witzig.

  • Zur Geographie

Die Texte bieten Hinweise auf den Alltag im Paris der Jahre 1888 – 1890. Zwei Dinge sind besonders bemerkenswert. Die Seine war eine Kloake. Besonders die Ruderer hatten darunter zu leiden, die sich „auf faulig moderndem Wasser“ befanden, „in dem der ganze Abfall von Paris zum Meer hin trieb.“

Zum anderen:  Gleich zweimal erwähnt Maupassant die Steigung auf der Eisenbahnstrecke zwischen Saint-Lazare und Le Pecq auf dem Weg nach Saint-Germain. Die Strecke ist die erste ausschließlich dampfbetriebene Eisenbahnstrecke Frankreichs. Sie wurde 1837 eröffnet und endete zunächst nach ca. 20 Kilometern in Le Pecq. Hinter Le Pecq muss die Bahn auf einer Entfernung von 2,5 Kilometern eine Steigung von 3,5 % überwinden. Die ersten Bahnen – auch die sogenannten „atmosphärischen Eisenbahnen“ – waren dafür zu schwach. Zur Zeit von Maupassant waren diese Schwierigkeiten überwunden. Dafür, dass die Lektüre dieses eisenbahnhistorische Detail in Erinnerung ruft, sei dem Autor gedankt.

  • Dann gibt es die Geschichten, die irgendwo in Paris spielen.
  • Das Portrait (Un portrait, Oktober 1888)

Der Ich-Erzähler lernt Milial kennen, von dem alle begeistert sind. Am nächsten Tag wird er in Milials Wohnung eingeladen, wo er ein Portrait von Milials Mutter studiert. Sie ist der Ursprung von Milials Ausstrahlung. Für die Rubrik „Vermischtes“.

  • Ein Scheidungsfall (Un Cas de Divorce, August 1886) 

Madame Chassel will die Scheidung beantragen. Ihr Anwalt liest aus dem Tagebuch ihres Mannes vor. Darin betrauert er, dass er bei der Eheschließung nur seiner Fleischeslust folgte. Jetzt züchtet er Blumen, die ihm mehr Schönheit und Herzlichkeit geben als seine Frau. Weil das gar nicht geht, soll sie sich scheiden lassen dürfen. Journalistisch-dokumentierend,

  • und es gibt die Geschichten, die an anderen Orten spielen
  • Die 25 Francs der Schwester Oberin (Les Vingt-cinq Francs de la Supérieure, März 1888)

Auf dem Land. Ein lustiger Erntehelfer fällt vom Erntewagen und bricht sich ein Bein. Weil er so lustig ist, schenkt ihm die Oberin des Hospitals 25 Francs. Wieder genesen, haut er die auf den Putz. Er besucht ein Freudenhaus, aus dem er rausgeworfen wird. Dabei bricht er sich das andere Bein und landet wieder bei der gleichen Schwester Oberin. Witzig und unterhaltsam.

  • Zwischen Marseille und Toulon: Der Olivenhain (Le Champ d’Oliviers, Februar 1890)

Im Olivenhain wohnt Abbé Vilbois. Er war früher Baron in Paris. Bitterst enttäuschte Liebe führte ihn in den Priesterberuf und nach Südfrankreich. Eines Tages steht ein Landstreicher vor ihm. Es ist sein Sohn aus der Zeit der Pariser Liebe. Wiedersehensfreude bei Vater und Sohn Fehlanzeige. Aber der Sohn darf seine Lebensgeschichte erzählen, die mit mehreren Morden gepflastert ist. Irgendwann kommt es zu einem Handgemenge, das den Abbé mit durchtrennter Kehle zurücklässt. Im Schlusssatz meint Maupassant, dass es Selbstmord gewesen sein, was aber keiner je erfuhr. Sehr gut erzählt: der Sohn wird immer betrunkener und dabei immer skurriler.

  • Fécamp: Der Ertrunkene (Le Noyé, August 1888) 

Patin ist Fischer an der Kanalküste in Fécamp. Er verflucht und verprügelt seine Frau 10 Jahre lang. Nach einem schweren Sturm kehrt er nicht mehr zurück. Die Frau kauft Jahre später einen Papagei. Der verflucht sie, wie es früher ihr Mann tat. Sie erdrosselt den Papagei und entsorgt ihn im Meer. Unterhaltsam.

  • Paris und Rouen: Wer weiß (Qui sait, April 1890)

Der Ich-Erzähler beobachtete eines Nachts, wie seine Möbel aus dem Haus spazierten wie in einer Parade. In Rouen findet er die Möbel in einem Antik-Laden wieder. Am nächsten Tag sind sie alle in sein Haus zurück gekehrt. Seitdem sitzt er freiwillig in einem Sanatorium. Schaurig-unterhaltsam.

  • Anmerkungen

Ich habe jeder Geschichte einen kurzen Kommentar angefügt. Erzählerisch interessant ist, dass die Fahrten nicht alleine der Fortbewegung dienen. In Kutsche, Boot und Zug wird viel gesprochen und so der weitere Verlauf der Handlung gelenkt. Der kleine Raum bietet den Personen keine Chance, sich Gesprächen zu entziehen.

Man merkt etlichen Texten den journalistischen Charakter an. Einige Erzählungen sind die eines Berichterstatters, der Gehörtes dokumentiert. Andere Geschichten sind einfach für die „Vermischtes“-Seite tauglich. Humorvolles, Oberflächliches und  Gesellschaftskritisches wechseln sich ab. Die witzigen Geschichten leiden ein wenig darunter, dass moralisierende Schlussbemerkungen ihnen die Schärfe rauben.

Die Titelgeschichte wurde von Maupassant selbst als die beste Novelle der Sammlung bezeichnet. D’Accord. Zwei Opernbesucher, die sich angesichts der Schönheit der Comtesse zu seitenlangen philosophischen Assoziationen aufschwingen, geben der Geschichte einen doppelten Boden. Alles in allem bietet das gesamte Buch gute Unterhaltung.

http://www.maupassantiana.fr/Biographie/biographie.html

http://en.wikipedia.org/wiki/%C3%89lys%C3%A9e_Montmartre

http://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4rische_Eisenbahn

Advertisements

New York – Südschwarzwald und zurück. New Yorker Legende

Louis Bromfield, „New Yorker Legende“. Der Roman wurde 1939 in dem Band „It Takes All Kinds“ zusammen mit anderen Texten veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe ohne Jahresangabe, vermutlich ca. 1980, hat 126 recht groß bedruckte Seiten. Ein Umschlagfoto zeigt eine junge Frau mit langen Haaren, sie scheint in Bewegung zu sein, vielleicht zu tanzen. Die äußere Aufmachung erweckt den Eindruck eines oberflächlichen Unterhaltungsromans. Mir war gerade danach, also ran. Doch es kam anders. Der Reihe nach.

  • Das Setup

New York. Die 1890er Jahre. Das ist die Zeit als von dort aus Woolworth Christbaumkugeln bestellt hat. Und es ist die Zeit, in der in Europa die Kernphysik begann. Der Ich-Erzähler William berichtet von seinem Großvater, einem Anwalt, der vor Jahrzehnten von dem Finanzjongleur Michael Denning ruiniert wurde. Williams Tante Sarah heiratete Denning später und bekam einen Sohn, Ogden. Ogden ist also der Vetter des Erzählers, beide wuchsen eng miteinander auf.

Das Haus in New York, in dem Ogden lebte, steht nicht mehr. Eine der vielen Sanierungen fegte über es hinweg. Damit beginnt die rückblickende Erzählung dessen, was darin geschah.

  • Die Geschichte

Nach Michael Dennings Tod fahren seine Witwe Sarah und sein Sohn Ogden nach Europa. Etwa zur gleichen Zeit, doch unabhängig davon auch der Erzähler. Er geht für 10 Tage nach Freiburg, von wo aus er in den Schwarzwald wandert. Er erreicht Bad Münster. Dort begegnet er mehrmals kurz einer Frau, die mit ihrem Freund urlaubt, wie sich herausstellt incognito. Ihre Ausstrahlung fasziniert William derart, dass er sie nie wieder vergessen wird. Bei seiner Rückkehr nach Amerika erfährt William, dass Tante Sarah tödlich verunglückte. Ogden treibt sich noch drei Jahre lang in Nizza und Umgebung herum, bevor er in sein Elternhaus nach New York zurück kehrt. Er lädt William ein, um ihm seine Frau Elena vorzustellen.

Elena ist die Frau von damals im Schwarzwald. Ogden hat sie in Nizza aufgegabelt, als sie gerade von ihrem Geliebten verlassen wurde. Der nämlich war der Erbe des fiktiven Fürstentums Hohenstein und durfte nur eine adlige Frau heiraten.

Ogden bietet Elena gesellschaftliche Anerkennung und baut das Haus im Stile des österreichischen Barock um. Das tut er jedoch nicht seiner Frau zuliebe, sondern um die Erinnerung an seinen verhaßten Vater zu zerstören. William ist nur selten mit Elena allein. Bei diesen Begegnungen baut sich Stück für Stück eine Verliebtheit auf, schließlich beginnen sie eine Affäre. Elena zerstreut Williams Skrupel. Ihre zwielichtige und lebensfreudige Freundin Kate dient dabei als Alibi.

Bald darauf entzieht sich Elena William wieder und wird unnahbar. Sie verschwindet mitunter für einige Tage, und nicht einmal Kate weiß, wo sie sich aufhält. Bei dem großen Brand des Hotels Windsor im Jahr 1899 wird William hinzu gerufen, um seinen Onkel zu identifizieren. Auch Elena ist unter den Todesopfern. Mit ihr wird der Leichnam eines unbekannten Mannes entdeckt. Nur William weiß, dass er ihr Freund ist, dem er im Schwarzwald begegnet ist. In Hohenheim wird er als verschollen gelten.

  • Meine Gedanken dazu

Das Buch steckt voller Überraschungen. Die Geschichte ist erzählt aus der Perspektive des Siegers, der mit liebevoller Gelassenheit den Verlierer beschreibt. Aber auch aus der Perspektive des Lebenserfahreneren. Ogden wird dargestellt als jemand, der lediglich gelernt hat, seinen Reichtum zu genießen und auszugeben, dabei jedoch kaum Rückgrat besitzt.

William weiß aber auch, dass ihm sein Sieg nichts gebracht hat. Er vergleicht Elenas Leben mit einer griechischen Tragödie, in der die Frau die Menschen um sie herum in den Abgrund reißt. Das alles ist nachvollziehbar und wird konsequent durchgehalten. Elenas Aussehen wird nie direkt beschrieben, sondern ihre Kleidung, ihr Schmuck und vor allen Dingen immer wieder ihre Körpersprache. Das Zusammentreffen der Personen (Wiedersehen mit Elena, der Aufenthalt im Windsor) besteht aus unglaubwürdigen Zufällen. Sie ermöglichen dem Autor aber, Elenas Abwenden von William erzählerisch souverän zu handhaben. Spannend ist auch der Gegensatz zwischen dem wild-natürlichen Schwarzwald und dem wild-turbulenten New York, der anhand der Menschen beschrieben wird. Empfehlenswert.

Lauscha in Thüringen: Christbaumkugeln und Glasbläser

Dieser Beitrag ist gewissermaßen das „Weihnachtsspecial“ dieses Blogs. „Die Glasbläserin“ von Petra Durst-Benning hat 496 Seiten. Ich fand die Taschenbuchausgabe von 2002. Das Cover zeigt das Gesicht einer konzentriert dreinschauenden Frau, ist ansonsten aber kontextfrei. Die Handlung konzentriert sich auf zwei Orte in Thüringen: Lauscha und Sonneberg.

Lauscha im Herbst 1890. Der ganze Ort lebt von der Glasbläserei. Der Glasermeister Joost Steinmann, ein Witwer, fertigt mit seinen drei Töchtern Johanna, Marie und Ruth Reagenzgläser. Johanna geht regelmäßig in die nächst größere Stadt, nach Sonneberg, um dort die Glasarbeiten ihres Vaters zu verkaufen. Joost stirbt. Seine Glasbläserei kann von seinen drei Töchtern nicht weiter geführt werden. Der Verleger Friedhelm Strobel aus Sonneberg bietet Johanna Arbeit an. (Anmerkung: Verleger waren Zwischenhändler für alle möglichen Waren. Den Kunden wurden Musterbücher vorgelegt, anhand derer sie die Bestellungen aufgaben). Johanna lehnt ab, da sie dann nicht mehr bei ihren Schwestern wohnen könne. Der Inhaber der größten Glasbläserei Lauschas, Werner Heimer, bietet schließlich allen dreien Arbeit an. Er fertigt Flakons. Der Lohn ist karg, die drei Frauen kommen kaum über die Runden.

In der Werkstatt gehen die drei Töchter verschiedene Wege: Ruth bemalt Flakons und verguckt sich in Heimers Sohn Thomas. Johanna lernt, Flakons zu versilbern. Und sie freundet sich mit ihrem Nachbarn an, dem Glasbläser Peter. Er bläst (also fertigt) Glasaugen. Schließlich noch Marie. Sie bemalt die Flakons mit leichter Hand und zarterem Federstrich als die erfahreneren Frauen. Heimer gefällt Maries Arbeit, doch entstehen Neidereien zwischen den Arbeiterinnen.

Johanna schlägt ihrem Chef immer wieder einmal Verbesserungen im Arbeitsablauf vor. Schließlich wird sie von Heimer gefeuert. Peter schenkt ihr zu Weihnachten einige bunte Tierfiguren aus Glas, mit denen er sich ein zweites Standbein – zusätzlich zu den Glasaugen – aufbauen möchte. Peter bittet Johanna, bei ihm zu wohnen und zu arbeiten. Da ihr die Beziehung zu eng wird, lehnt sie ab. Sie fragt nun bei Strobel nach, ob dessen Angebot noch gilt. Das tut es, und er stellt sie als seine Assistentin ein. Sie macht Inventur, wohnt während der Woche in einem Dienstbotenzimmer und verdient etwa das dreifache wie bei Heimer. Peter ist eifersüchtig.

Zum Maienfest (es ist nun 1891) wollen Ruth und Heimers Sohn Thomas ihre Verlobung bekannt geben. Am Ende der Feier sind alle betrunken und das Fest endet in einer Dorfschlägerei. Ruth ist enttäuscht. Am gleichen Tag kommt der amerikanische Kaufmann Woolworth zu Strobel und gibt eine Bestellung nie gekannten Umfanges auf. Strobel gewinnt außerdem Gefallen an Johannas „Widerborstigkeit“.

Im Sommer heiraten Tomas Heimer und Ruth Steinmann. Strobel fährt für mehrere Wochen „nach B.“ und Johanna führt in dieser Zeit Strobels Laden. Es gibt Verwirrung um die Bestellung von Woolworth. Er bestellte verspiegelte Glaskugeln mit 5 cm Durchmesser. Für die Glasbläser in Lauscha ist das ein unbekanntes Produkt. Ein Glasbläser mit Namen „Karl der Schweizer Flein“ traut sich daran. Derweil wird Marie bei Heimer immer weniger glücklich. Sie schlägt regelmäßig neue Produkte vor, die ihr Chef ebenso regelmäßig ablehnt. Von Johannas Schilderung der bestellten Glaskugeln elektrisiert, reaktiviert sie die väterliche Glasbläserei und versucht, sich autodidaktisch das Glasblasen beizubringen. Es klappt. Sie stellt ebenfalls verzierte Kugeln her. Außerdem ist Ruth von Thomas schwanger und Strobel schenkt Johanna ein Buch des Marquis de Sade.

Zu Beginn des Jahres 1892 gebiert Ruth eine Tochter. Woolworth gibt per Post eine neue umfangreiche Bestellung auf. Und Johanna lernt, dass Strobel seine konkurrenzfähigen Preise durch Druck auf die Hersteller erzielt. Ihre Meinung über ihn wird zwiespältiger.

Damit endet Teil 1. Er ist insgesamt bieder und hat viele Längen.

Teil 2 beginnt turbulent. Thomas Heimer begann kurz nach der Geburt der Tochter, Ruth regelmäßig zu verprügeln. Strobel vergewaltigt Johanna. Peter verprügelt wiederum Strobel. Beide Schwestern ziehen wieder bei Marie ein, die nun als einzige Arbeit hat. Marie bläst weiter Weihnachtskugeln. Johanna sucht in Sonneberg vergeblich nach Käufern für diese. Strobel hat überall erzählt, dass Johanna ihn bestohlen habe.

Ruth erfährt, dass Mr. Woolworth wieder nach Sonneberg kommt. Mit Musterkugeln bewaffnet, gelingt es ihr, sich in sein Hotelzimmer zu stehlen. Er ist von Ruths Courage und der Qualität der Arbeit begeistert. Sie kommt mit einem Riesenauftrag und einem kurzen Liefertermin nach Hause. Mit vereinten Kräften sowie Hilfe von einigen Freunden gelingt es den dreien, alle Kugeln pünktlich fertig zu stellen und an den Bahnhof von Sonneberg zu liefern. Ruth trifft dabei auf Steven Miles, den Einkäufer von Woolworth. Sie verlieben sich. Steven erteilt den Auftrag, Valentinsherzen aus Glas zu produzieren. Marie entwirft immer neue Formen, zusammen mit ihrem Nachbarn Peter gründet sie eine Gemeinschaftsglasbläserei. In vielen Briefen überzeugt Steven schließlich Ruth, dass sie Lauscha verläßt und mit ihm nach New York fährt.

Teil 2 ist actionreich und entschädigt dafür, dass man sich durch den 1. Teil gequält hat. Immerhin lösen die drei Frauen ihre Probleme durchaus fantasievoll und tatkräftig. Es entsteht eine Rollenverteilung, Marie ist die Künstlerin und Glasbläserin, Johanna ist diejenige, die organisiert und Ruth ist schließlich die Verkäuferin. In allen Rezensionen wird Marie herausgestellt, weil sie die erste Frau in dem Männerberuf des Glasbläsers ist. Ich sehe das nicht so, denn alle drei brechen Konventionen. Johanna die ihrer Herkunft, als sie die Anstellung bei Strobel annimmt und weltgewandter wird. Marie, indem sie den Glasbläserin wird  (ihre eigentliche Leistung ist es jedoch, zwei Jahre lang mit vier Stunden Schlaf täglich auszukommen) und Ruth, indem sie sehr nachhaltig verkauft. Am Ende ist mir noch aufgefallen, dass es im Buch niemals Ärger mit einer Zunft gab. Gab es etwa keine Zunft der Glasbläser in Lauscha?
Auf jeden Fall das passende Buch zum Christbaumschmuck.