Verschmitztes Italien: Mario Adorf „Der Dieb von Trastevere“

  • Das Buch

Der Schauspieler Mario Adolf trat hin und wieder auch als Autor von Kurzgeschichten in Erscheinung. Eine schöne Sammlung von 11 Kurzgeschichten und einer essayistischen Einleitung veröffentlichte er 1994 unter dem Titel „Der Dieb von Trastevere“. Ich habe das Taschenbuch von btb mit 176 Seiten.

  • Der Kontext

Der Untertitel „Geschichten aus Italien“ gibt das Thema vor. Der Leser reist auf unterhaltsame Weise durch das Land und lernt Menschen kennen, die in originellen oder anstrengenden Situationen ihre wahren Gesichter zeigen. Die Erzählungen sind aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben, der auf Reisen mit Einheimischen spricht und sich die Geschichten erzählen lässt. Die einzige Ausnahme ist die bemerkenswerte Erzählung „Schweigen“. Dazu später.

  • Rom

Die Einleitung mit dem Titel „alle Wege führen nach..“ handelt von Rom. Sie ist biographisch interessant, denn Adorf beschreibt seinen beruflichen Schritt von Deutschland nach Italien und seine erste, vom Scheitern geprägten, Gehversuche im italienischen Filmgeschäft. Origineller Höhepunkt ist die Weigerung der Behörden, ihm die italienische Staatsbürgerschaft zu verleihen.

Der Dieb von Trastevere

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  • Venedig

„Der Photograph von San Marco“ entführt den Leser nach Venedig. Es ist Juli 1902. Die Photographie steckt noch in den Kinderschuhen. Auf dem Markusplatz teilen sich zwei Photographen das Revier und fotographieren Touristen: Baghetto und Zago.

In den Tagen vor dem 14. Juli 1902 streiten die Venezianer heftig um Mängel an der Statik des Campanile. Er sei einsturzgefährdet, hieß es. Baghetto baut jeden Morgen sein Stativ auf und richtet es auf den Campanile aus. Er hofft, den Einsturz des Turmes dokumentieren zu können. Das bleibt Zago zwar nicht verborgen, aber er läßt sich in seinem Gewerbe, Touristen zu fotographieren, durch die Gerüchte nicht stören.

Schließlich, am Morgen des 14. Juli, eskaliert die Situation. Keine Tauben auf dem Platz, der Dogenpalast wird abgesperrt, die Kellner drängen die Touristen, ihre Speisen zu beenden. Schließlich stürzt mit Donnerrollen der Turm in sich zusammen. Baghetto hat tatsächlich im richtigen Augenblick auf den Auslöser gedrückt. Beim Versuch, die Kamera vor der folgenden Staubwolke zu schützen, wird seine Kamera zerstört. Er konnte fast alle Bilder retten, nur das des Einsturzes selbst bleibt verschollen.

Am gleichen Tag erscheint ein Extrablatt der Zeitung über den Einsturz. Darin: ein Foto vom Einsturz selbst, Fotograph: Zago. Baghetto entlarvt das Foto als Fälschung aus Fotomontage und Retusche. Er stellt eine bessere Fälschung her und konfrontiert Zago mit ihr.

Im Streit um den Wiederaufbau des Campanile steht Baghetto auf der Seite derer, die den Platz leer lassen wollen. Doch diejenigen, die den Campanile wieder aufbauen wollen, setzen sich durch. Baghetto dokumentiert den leeren Platz, Zago nur den aufgebauten Campanile. Und so kam es, dass die Geschichte des Einsturzes in den Annalen Venedigs fast nie erwähnt wird.

  • Ponza

Die Erzählung „Der Besuch“ spielt auf der kleinen Insel Ponza im Tyrrhenischen Meer. Der Papst höchstpersönlich – heißt es – werde bei einer Reise nach Capri und Ischia kurz Station auf Ponza machen. Die Bewohner sind in heller Aufregung. Die Inselkirche hat keine Glocke (Lösung: elektrisches Glockenspiel mit Big-Ben-Melodie), es gibt kein Papamobil (Lösung: eine Telefonzelle wird auf einen Lieferwagen montiert und kurzerhand als „kugelsicher“ erklärt) und vieles mehr.

Wegen schlechten Wetters kann der Papst nicht per Schiff reisen. Er nimmt einen Hubschrauber, und selbst der kann wegen des Sturmes nicht landen. Immerhin kreiste er zweimal über der Landestelle, und jeder konnte eine weiß behandschuhte Hand erkennen, die segnend aus dem Helikopter heraus gehalten wurde.  Alle fallen auf die Knie und bekreuzigen sich.

  • Triest

Die Erzählung „Rizinus“ spielt am Theater in Triest. Sie könnte aber an jedem stationären Theater der Welt spielen. Es ist eine „ganz normale“ Intrige in der Theaterwelt. Sie wirft jedoch auch ein Licht auf die manchmal sehr sensible Beziehung zwischen Italienern und Deutschen.

  • Ardore

In Ardore, westlich von Locri spielt die Erzählung „Die zwei Tode des armen Barabas“. Barabas ist eine Art Dorftrottel, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Jeder in Ardore macht sich über ihn lustig. Eines Tages erkrankt Barabas. Ein Hernie (ein Eingeweidebruch) wölbt sich immer stärker aus seinem Bauch heraus. Zwei Assistenzärzte wollten ihm Gutes tun, doch die Operation führt Tage später zu Barabas Tod. Ganz Ardore versammelt sich zur fröhlichsten Beerdigung aller Zeiten.

  • Salice

In Salice in Kalabrien ist der Erzähler mit dem  Besitzer einer Zitrusfruchtplantage befreundet. DerPlantagenbesitzer muss seine Ware stets zu einem Drittel des üblichen Preises an seinen Hausmafioso verkaufen. Gegenleistung: er muss keine Angst um sein Eigentum haben. Nun steht die Hochzeit der Tochter dieses Hausmafioso an. Die Freunde werden zu der Hochzeit eingeladen. In die Enttäuschung über das Hochzeitsgeschenk (eine Kristallbowle mit 12 Gläsern) mischt sich eine Drohung an den Erzähler.

  • Taormina

Diese Erzählung „Schweigen“ beginnt in Taormina auf Sizilien, wo das Mädchen Annamaria lebt. Ihre Eltern schicken es nach Florenz ins Internat. Später studiert sie und lernt Enrico kennen, den Juniorchef eines Schuhgeschäftes. Tochter Enrica wird geboren. Der Schuhladen expandiert, italienweit werden 40 Filialen eröffnet. Annamaria ist immer häufiger alleine in Taormina. Sie gibt Gesellschaften, aus denen später Pokerrunden werden. Annamaria verliert viel. Enrico kauft sich ein Imperium zusammen, inclusive Gerbereien, Landhaus und Zweitfrau in Venezuela. Annamaria muss ihn schließlich um Geld bitten und erfährt alles. Irgendwann erleidet Enrico einen Schlaganfall, wird bettlägerig. Annamaria pflegt ihn und nutzt dies, um ihn zu erpressen. (Jeder Löffel Brei für eine Ziffer eines Bankkontos). Bald kennt sie alle Konten und verspielt alles. Nach Jahren geht es Enrico besser, und schließlich verrät er seiner Tochter die Nummern seiner Konten in Luzern. Mit diesem Wissen geht sie einem Lebemann auf den Leim, der den Rest verspielt.

  • Rom

Natürlich sind da auch noch ein paar Geschichten aus Adorfs Leben in Rom, und seinen Erlebnissen in der Filmindustrie.

  • Bemerkungen

„Schweigen“ halte ich für das bemerkenswerteste Stück des Bandes. Adorf erzählt die Geschichte von Aufstieg und Niedergang einer Familie auf 20 Seiten, wo jeder andere eine Romantrilogie draus gemacht hätte. Auch sonst erzählt er Geschichten um Leben, Verrat und Tod mit Humor, Charme und einer großen Liebe zu den Menschen mit ihren Schwächen. Gehört in die Reisebibliothek.

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Mit dem Roller durch Tel Aviv – „Tote Kameraden“ von Katharina Höftmann

Der Kriminalroman „Tote Kameraden“ von Katharina Höftmann erschien 2015, Aufbau-Verlag, Taschenbuch 281 Seiten.

  • Die Hauptfigur

Die Hauptfigur des Romans ist der ermittelnde Kriminalkommissar Assaf Rosenthal. Als ehemaliger Soldat hat er die Angewohnheit, sich über Verantwortlichkeiten hinweg zu setzen.

Bei den Ermittlungen unterstützen ihn sein Assistent Yossi  und seine Sekretärin Zipi. Assaf wohnt in einem Apartment am Dizengoff-Platz. Der Kommissar ist – wenn er keinen Dienstwagen benutzt – in der Stadt mit seinem weißen Motorroller unterwegs (bei dem vielen Verkehr ein sinnvolles Verkehrsmittel)

Mit diesem Roller fährt er auch zum ersten Tatort: ins Hotel Florida in der Allenby-Street. In einem Zimmer liegt die Leiche einer unbekannten Frau in der Badewanne.

  • 1. Tatort

Das Hotel stellt sich als billige Absteige heraus. Merkwürdig: das Zimmer war seit Monaten nicht vermietet. Während Spusi und Gerichtsmediziner ihrer Arbeit nachgehen, fährt Assaf zu dem Besitzer des Hotels, einem Georgier in Herzliya. Der ist zwar unsympathisch, großprotzig und arrogant, aber wenig verdächtig, und die unbekannte Tote kennt auch er nicht. Auf dem Rückweg zum Auto wird Yossi von einer Ducati beinahe umgefahren. In Ermangelung weiterer Spuren findet Assaf heraus, dass es in Israel 4 Ducatis gibt, eine ist auf den Bruder des Hotelbesitzers zugelassen, eine weitere auf einen Beduinen in Beer-Sheva mit Namen Khaldi.

In der Zwischenzeit fand die Gerichtsmedizinerin heraus, dass die immer noch unbekannte Frau Selbstmord begangen hat (zuviel Betäubungsmittel genommen vor dem Bad). Trotzdem gibt es einige Merkwürdigkeiten: Vor allem dass es so überhaupt keine Hinweise auf Identität der Selbstmörderin gibt.

Jetzt ist Zeit, sich den Schauplatz näher anzusehen:

  • Tel Aviv

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Die Stadt liegt direkt am Meer, das sich „in tosenden Bewegungen aufbäumte“ (S. 23) Und wie in vielen Städten, die direkt am Meer liegen, weht stets ein leichter Wind, die Luft schmeckt nach Salz. Aber Tel Aviv ist auch auf atemberaubende Weise anders: Die Stadt ist laut und lebendig. Es herrscht zu jeder Zeit ein Verkehr, den man von anderen Städten nur zu Feierabendzeiten kennt (S. 33). Das ewige Lärmen von Bussen, Autos, Menschen und Hunden ebbt nur zum Samstag hin ab. Aus den Läden dröhnt Trance-Musik. Mondäne Clubs und chice Restaurants prägen das Nachtleben.

Man durchquert die Stadt in Nord-Süd-Richtung, entweder an der Strandpromenade. Parallel zum Meer verläuft die Herbert-Samuel-Straße, eine beliebte Schnellstraße durch die Stadt. Oder weiter östlich über den Ayalon-Highway.

Etwas außerhalb der Stadt fährt man durch eine hügelige, „Toskana-artige“ Landschaft mit Weinbergen.

  • Weiter

Weiter geht es im Cafe Europa am Rotschild Boulevard. Eigentlich ging Assaf dort hin, um eine Frau aufzureißen, dann aber trifft er Tama, mit der er vor Monaten eine kurze Affäre hatte. Sie reden über Berufliches. Tama hat zusammen mit einem Kollegen auf eine Informantin aus der Armee – Michelle Ami – gewartet, die aber nicht zum vereinbarten Treffen erschien. Die Informantin wollte Militärgeheimnisse an die beiden Journalisten weiter geben. Später dämmert es Assaf, dass die Informantin auch die unbekannte Tote sein könnte. Was sich dann auch als wahr herausstellt.

Weil es sich aber um Selbstmord handelt, wird der Fall abgeschlossen. Assaf wird einer Einheit zugeordnet, die sich um organisierte Kriminalität kümmert. Ihm wird die Kollegin Anat als Partnerin zugeordnet. Organisierte Kriminalität sind im konkreten Fall mehrere Mafia-Familien, die sich gegenseitig bekriegen. Die neue Aufgabe von Assaf ist es, herauszufinden, woher die Mafia-Gangs ihre Waffen beziehen. Besonders der Sprengstoff ist der gleiche, der auch bei der Armee verwendet wird. Bei den Ermittlungen stößt Assaf auch auf eine Beduinen-Gang aus Beer-Sheva mit Namen Khaldi.

Dann wird ein wenig ziellos hin und her ermittelt. Assaf und Kollege besuchen dafür zunächst einen Stripclub auf der Allenby-Road. Später beobachten sie ein Restaurant in der Dizengoff-Straße. Ergebnis der Observation: Ein kleiner Mafioso spricht mit ein paar anderen Männern in einem kleinen Auto. Das Nummernschild ist gestohlen. Klingt unspektakulär.

  • 2. Tatort

Ein weiterer Mord geschieht, diesmal im Azraeli-Center, von wo aus das Opfer auf die Ayalon gestoßen wurde. Das Opfer diente in der gleichen Militäreinheit, der auch Michelle Ami angehörte. Und er hatte Spielschulden bei einer Online-Poker-Seite. Diese wird von den Nanikashvilys betrieben.

So langsam entdeckt der Kommissar also Verbindungen zwischen den Fällen. Aber da er immer noch in Mafia-Angelegenheiten ermitteln muss, geht es erstmal nach Ashdod zum Hafen. Dort soll ein Container für die Khaldi-Familie ankommen. Mehr Infos gibt es nicht, also hängen sie sich an den Wagen der Khadils dran. Im Hafen von Ashdod läuft die Sache aus dem Ruder. Eine Unaufmerksamkeit, und Assaf und Anat werden bemerkt, Anat wird angeschossen.

Der Container mit den Waren enthält zur Enttäuschung aller Kosmetikprodukte. Auf den Überwachungskameras jedoch ist einer der Beteiligten der Schießerei deutlich zu erkennen: es ist ein Mitglied der Nanikashvily-Familie.

In weiteren Ermittlungen stellt sich heraus, dass die Familie Khadil aus der Wüste in die Stadt „expandieren“ will und in Tel Aviv Ansprüche stellt. Außerdem tritt die Gerichtsmedizinerin nochmals auf den Plan. Sie hat bei einem Review ihrer Unterlagen einige Rechenfehler bemerkt. Demnach hat Michelle Ami gar keinen Suizid begangen, sondern wurde ermordet.

Die inzwischen aufgetauchten geheimen Unterlagen von Michelle Ami zeigen Geo-Koordinaten. Diese Koordinaten sind die Stellen, an denen die Grenze zu Ägypten kontrolliert wird. Michelle Ami fand heraus, dass es in der Grenzüberwachung ein paar tote Winkel gibt. An diesen Stellen gehen die Khaldis ihrer Schmugglertätigkeit nach.

Assaf ermittelt weiter im persönlichen Umfeld von Michelle. In der Armeeeinheit, in der beide Opfer gedient haben, wurden Waffen gestohlen.  Der getötete Armeeoffizier hatte Michelles Unterlagen entdeckt. Er selbst versorgte die Khaldis mit Waffen und Sprengstoff aus Armeebeständen und tötete Michelle Ami, weil er seine Geschäftsgrundlage in Gefahr sah.

In einem turbulenten Finale begegnet Assaf Michelles Ex-Freund. Er ist der Schlüssel zur Lösung des zweiten Mordes.

  • Bemerkungen

Ein spannender gradlinig erzählter Krimi mit ein paar Überraschungen, ein wenig Action an den richtigen Stellen und vor einer modernen Kulisse. Lesenswert.

„Schäumende Träume“ aus Fielden’s „Is this the Vine You Ordered, Sir?“

  • Das Buch

Zum Jahreswechsel geht es wieder mal um das Buch „Is This The Vine You Ordered, Sir?“ von Christopher Fielden. Erstveröffentlichung 1989. Deutsch von Daniela Brechbühl „Der Weinbetrug – Etiketten und Inhalt“, Rüschlikon, Hardcover, 254 kurzweilige Seiten. Das Buch beschäftigt sich auf den Seiten 90 – 104 unter der Kapitelüberschrift „Schäumende Träume“ mit der Geschichte des Schaumweines.

  • London

Diese Geschichte beginnt in London. Die dortigen Weinhändler wollten die guten importierten Weine „vor den sonst üblichen Mißbräuchen dieser Stadt … schützen“ (S. 91). Was benötigte man, um Schaumwein herzustellen? Da war zunächst der Wein. Es wurden Weine aus Sillery oder Ay importiert, ihnen wurden Gewürze und Melasse beigegeben, und sie wurden in Flaschen gefüllt. So gelagert, begannen die Weine erneut zu gären und entwickelten Kohlensäure. Als nächstes traten zwei Londoner Erfindungen in die Welt der Weinherstellung ein: 1662 wurden in England gute Glasflaschen patentiert, hinzu kamen Drahtkörbchen zur Sicherung der Korken.

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  • der französische Markt

Das neue Produkt begeisterte auch die Menschen im Herkunftsland der Weine, vor allem weil es am Hofe Ludwigs XIV. – unter der gesellschaftlichen Führung von Mme de Mailly – schnell beliebt wurde. Also versuchten sich französische Winzer daran, schäumende Weine herzustellen. Doch den Wein in Flaschen abzufüllen war eine Sache, eine andere war es, ihn in den Flaschen zum Gären zu bringen. Überliefert sind eine Reihe von Versuchen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Einige Händler verloren über die Hälfte ihrer eingelagerten Flaschen, weil sie unter dem hohen Druck explodierten (die Flaschen, nicht die Händler). Insgesamt war also das Leben in den Weinkellern recht kurzweilig. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es stabile und kontrollierte Produktionsmethoden.

  • Nachahmer und Etikettenschwindel

Im Laufe der Zeit traten zwei Probleme auf, die bei jedem hochpreisigen Produkt irgendwann mal auftreten: Das Problem der Nachahmung und das Problem des Etikettenschwindels.

Da gab es so etwas wie Briefkastenfirmen. Winzer aus anderen Regionen als der Champagne stellten Schaumweine her und verkauften sie von einer Lieferadresse innerhalb der Champagne. Ohne diese Adresse wäre der Champagner auf dem englischen Markt nicht verkaufbar gewesen. Schließlich gingen auch die großen Champagnerhersteller dazu über, billige Weine aus Saumur, dem Midi und Nordafrika zu  „importieren“ und darauf Champagner herzustellen. Konsequenz: die einheimischen Winzer konnten ihren Wein nicht mehr an die Champagnerhäuser verkaufen. Das führte im Jahr 1911 zu den Champagner-Unruhen.

  • die Champagner-Unruhen 1911

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Am 17. Januar 1911 schüttete ein aufgebrachter Mob eine Ladung Wein aus dem Midi in die Marne und plünderte Weinkeller in Damery. Am nächsten Tag verschob sich der Aufstand nach Hautevilles. Die Armee wurde zu Hilfe gerufen, und am 10. Februar 1911 erließ die Regierung ein Gesetz, das besagte, dass Champagner ausschließlich von Trauben und Wein aus der Region hergestellt werden durfte. Die Region umfasste jedoch nun bedauerlicherweise zwar einige Gemeinden in Aisne, aber keine in Aube. Winzer aus Aube attackierten also Kellereien in Damery, Dizy und Ay. Die Armee wurde zu Hilfe gerufen. Am 12. April 1911 schließlich fand die „Schlacht bei Ay“ statt.  Es gab auf keiner Seite (Reiterschwadron und Weinbauern) Tote, jedoch etliche zerstörte Weinkeller. Schließlich einigte man sich auf den Kompromiss, dass Schaumweine aus Aube ebenfalls Champagner heißen durften, jedoch mit dem Zusatz „Deuxieme Zone“.

Als kleiner Nebeneffekt wurde den Weinbauern zugestanden, Roséwein aus einem Verschnitt weißer und roter Trauben zu erzeugen. Eine Regelung, die für kein anderes Weinbaugebiet gilt. Immerhin untergrub diese Vorschrift die Geschäftsgrundlage des Dorfes Fismes. Fismes war berühmt für seine Holunderbüsche. Deren Früchte wurden zur Färbung des Champagners verwendet.

  • Und heute?

Heute wenden die großen Marken mehr als 10% ihres Umsatzes für Marketing auf. Im Umfeld der großen Marken betreiben die regionalen Kooperativen ihr Tagesgeschäft. Das besteht darin, „Vin sur Latte“ zu verkaufen, unetikettierten Flaschenwein zur Nachreife. So kann es durchaus sein, dass zwei konkurrierende Marken das gleiche Getränk in ihren Flaschen haben, ein Umstand, der aus nahe liegenden Gründen selten thematisiert wird, außer in diesem Buch, S. 99.

Schließlich hat Fielden für die Leser noch einen besonderen Tipp parat. In vielen Ländern gibt es die Angewohnheit, jeden Schaumwein Champan, Champagna, Champagne oder so ähnlich zu nennen. Als Faustregel kann man festhalten: Wer Champagne bestellt, der schaut, ob das Produkt aus Frankreich stammt. Wenn ja, dann handelt es sich um echten Champagner, wenn nein, dann kann es sich „um irgendetwas handeln – vom Himbeergeist bis zum großartigen Wein“ (S. 104).

  • Bemerkungen

Einen Kritikpunkt habe ich: Im bereits besprochenen Kapitel über Portwein ist die Rede davon, dass ab 1678 der Export von Wein nach England verboten war (weshalb sich die Briten den portugiesischen Beschaffungsmarkt sicherten). Mit dem  vermuteten Zusammenhang zu dem Produkt Champagner wird der Leser alleine gelassen.

Ansonsten aber: Auf jeden Fall nett zu lesen, essayistisch und unterhaltsam. A votre santé.

Wilmington, North Carolina: „Dear John“ von Nicholas Sparks

  • Autor und Buch

Der amerikanische Bestseller-Autor Nicholas Sparks schrieb 2006 den Roman „Dear John“. Deutsch 2007 von Adelheid Zöfel „Das Leuchten der Stille“, HC 400 Seiten.

  • In einem Satz

Der 11. September trennt Liebende.

  • Das Setup

John Tyle ist bei der Infanterie in Ramstein stationiert. Den Sommer 2000 verbringt er bei seinem Vater in Wilmington auf Heimaturlaub. Tagsüber geht er surfen. Er begegnet der Studentin Savannah aus Chapel Hill und verliebt sich in sie. In den nächsten zwei Wochen lernt er ihre Clique kennen, die beiden schlendern durch Wilmington und schauen sich gegenseitig beim Surfen zu. Oder liegen den ganzen Tag nebeneinander auf dem Handtuch, ohne dass etwas geschieht. Oder schlendern durch Wilmington.

  • Wilmington

Wilmington ist die Stadt mit dem größten Hafen von North Carolina. Es liegt auf einer Landspitze zwischen dem Atlantik und dem  Cape Fear River (ja, ja, der berühmte Film….). Direkt am Fluss liegt das historische Viertel mit seinen Touristenfallen: Souvenirläden, Restaurants der gehobenen Kategorie, Immobilienmakler (S. 99). Am anderen Ende der Stadt liegt die Hafenstadtseite: leer stehende Lagerhallen, Verwaltungsgebäude, menschenleere Straßen.

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Der Interstate 17 teilt Wilmington. Ganz in der Nähe, direkt auf einer Lagune im Meer liegt Wrightsville Beach, ein Badeort (auf dem Strand dort haben die Gebrüder Wright ihre ersten Flüge gemacht) und Surfrevier. Obgleich es in Oak Island bessere Bedingungen zum Surfen gibt.

Man sitzt am Strand und beobachtet Delphine. Oder Pelikane, die auf dem Rücken der Delphine „surfen“.

Zum Essen gibt es eine Menge toller Burgerbuden. Sehenswert sind außerdem das Fort Fisher Aquarium und die Oswald Plantation.

  • Ein wenig Handlung

Dann muss John zurück nach Deutschland. Die Hälfte des Buches ist nun rum. In der nächsten Zeit schreiben sich Savannah und John regelmäßig Briefe. Und das obwohl sie lieber telefoniert. Deswegen ruft er auch manchmal an. Im Sommer 2001 kommt er wieder auf Urlaub nach North Carolina. Diesmal besucht er Savannah in ihrer Heimatstadt Chapel Hill. Und das naturhistorische Museum in Raleigh. Insgesamt ist der Urlaub aber nicht mehr so unbeschwert wie der ein Jahr zuvor. Doch als John wieder zurück nach Deutschland geht, da trennen die beiden sich als Liebende. In wenigen Monaten wird John’s Vertrag mit der Armee auslaufen, und dann werden Savannah und John heiraten. So der Plan.

  • Der 11. September

Die Anschläge des 11. September führen dazu, dass John seinen Vertrag mit der Armee verlängert. Später muss er nach Kuwait, Bagdad und Falludja. Irgendwann in den folgenden Monaten erreicht ihn ein Brief Savannahs. Sie schreibt, dass sie einen anderen Mann heiraten wird. Es ist Tim aus der früheren Wilmington-Clique.

  • Das Finale

John fühlt sich leer. Bald darauf stirbt Johns Vater. Er darf zur Beerdigung. Dann regelt er ein paar Dinge. schließlich setzt er sich in sein Auto und fährt quer durch North Caroline. Am Ende des Tages steht er vor einem Reiter-Hof, in dem Savannah und ihr Mann ein  Projekt für autistische Kinder aufgebaut haben. John hilft spontan im Stall mit, dann setzen sich die beiden mit einem Glas Wein auf die Veranda.

Savannah bittet John, am folgenden Morgen wieder zu kommen. Die beiden fahren ins Krankenhaus. Dort liegt Tim im Sterben. Er hat Krebs. Schließlich trennen sich Savannah und John. John spendet bald darauf mittels eines Anwalts anonym viel Geld für eine bessere Therapie, die bei Tim auch anschlägt.

  • Bemerkungen

200 Seiten Anflirten, 100 Seiten Brieffreundschaft. Das ist für einen Roman zuwenig. Dafür gibt’s dann am Ende viel zu viel Edelmut. Die Handlung hätte sicher für eine gute Kurzgeschichte gereicht. Aber so habe ich den Eindruck, dass der Autor ein großartiges Setup versemmelt hat.

Die Ausgangslage – zwei junge Menschen treffen sich am Strand – bietet eine Menge Möglichkeiten, Erotik, Thriller, Drama, Krimi, Familiensaga. Auch der Krieg könnte erzählerisch was hergeben. Aber hier bleibt alles nur halbherzig. Immerhin: das Naturhistorische Museum in Raleigh soll ganz großartig sein. Und als Wilmingtoner Kontrastprogramm kann man sich ja mal wieder „Cape Fear“ angucken.

Baja California, Mexico: „Ask for Me Tomorrow“ von Magaret Millar (1976)

  • Autorin und Buch

Margaret Millar war eine kanadische Schriftstellerin (1915-1994). Ihre Vorliebe für hard-boiled Krimis teilte sie mit ihrem Mann, der unter dem Namen Ross MacDonald bekannt wurde. Ihre Bücher sind in USA „out of print“ – trotz „Edgar Allan Poe Award“ und „Mystery Writers of America Award“. Drei ihrer Romane drehen sich um den jungen hispanischen Anwalt Tom Aragon. Hier geht es um „Ask for me tomorrow“ aus dem Jahr 1976, deutsch 1978 von Anne Uhde: „Fragt morgen nach mir“. Diogenes TB, 268 Seiten.

  • In einem Satz

Frau sucht und rächt Ex-Mann.

  • Das Setup

Der Roman ist die Geschichte einer Suche. Gillian Lockwood-Decker ist Mitte Fünfzig und zum zweiten Male verheiratet. Ihr zweiter Mann, Mr. Decker, Franzose, erlitt während der Flitterwochen in Saint-Tropez einen Schlaganfall und ist seither schwer gelähmt. Zu seiner Pflege hat Gillian Mr. Reed (muskulös) und Mrs. Morrison (fachkundig) angestellt, außerdem gibt es noch die Haushälterin Violet (streng bibelgläubig).

Gillian möchte aus sentimentalen Gründen Kontakt zu ihrem ersten Mann , Byron James („BJ“) Lockwood aufnehmen.

BJ Lockwood verschwand vor vielen Jahren mit Jacht, Geld und mexikanischer Haushälterin. Vor fünf Jahren erhielt dann Gillian einen Brief, in dem BJ schrieb, dass er eine Hacienda erschließen und bauen möchte, und sie dann an reiche Amerikaner verkaufen will. Dafür sammelt er bereits Geld ein. Partner ist ein gewisser Harry Jenkins. Der Brief kam aus einem Kaff namens Bahia de Ballenas, das auf den meisten Karten nicht drauf ist.

Gillian engagiert nun den jungen Rechtsanwalt Tom Aragon. Seine Aufgabe ist herauszufinden, ob BJ noch lebt, wo er ist und ob er Kontakt mit Gillian möchte.

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  • Baja California

Die Handlung spielt sich größtenteils in Baja California ab, auf deutschen Karten auch Niederkalifornien genannt. Dieser Bundesstaat Mexikos grenzt direkt an Kalifornien, die größten Städte sind die Grenzstädte Tijuana und Mexicali. Außerdem beeindruckt die gleichnamige Halbinsel, die sich über 1200 Kilometer weit in den Pazifischen Ozean erstreckt.

Aragon fliegt nach Rio Seco, das etwa in der Mitte der Halbinsel liegt. Von dort fährt er mit einem gemieteten Auto 200 Kilometer nach Süden nach Vincanao. Hier übernachtet er, bevor er weiter nach Bahia de Ballenas fährt. Das ist ein armseliges Dorf. Er trifft einen alten Mann, den alle Padre nennen. Der erzählt von einem Amerikaner, der kurze Zeit hier lebte, dann aber ins Gefängnis kam. Also besucht Aragon das Gefängnis.

Dort läßt er BJ und Jenkins ausrufen, bekommt aber keine Antwort. Beim rausgehen spricht ihn eine Frau an, die sagt, sie sei Jenkins Freundin, rückt aber nicht mit Details raus.

Aragon fährt zurück nach Rio Seco und telefoniert mit Gilly, seiner Auftraggeberin. Zu jedem Moment des Gesprächs ist klar, dass Reed und Violet mithören. Am nächsten Morgen hört er sich weiter nach Jenkins um. Abends steht Jenkins dann vor Aragons Hotelzimmertür. Er erzählt von den Haciendas, und davon wie das Projekt beiden über den Kopf wuchs. Dann will er 50 Dollar als Anzahlung, damit er sich weiter umhört.

Am nächsten Abend zieht Aragon durch die Kneipen, um Jenkins erneut zu treffen. Jenkins sitzt betrunken in einer Kneipe. Im Laufe der nächsten halben Stunde halluziniert Jenkins immer heftiger, bis er sich schließlich von einer Brücke stürzt.

Alle  wollen das ganze als Unfall darstellen. Nach einem langen Telefonat mit seiner Freundin, einer Ärztin, ist Aragon klar, dass ihm jemand einen LSD-Rausch verpasst hat.

  • Rio Seco

Rio Seco, der Hauptort des Romans, ist ein fiktiver Ort: Die Autorin hat die Stadt schmuckvoll ausgestattet mit Slums, Siedlerviertel, Gegenden für wohlhabendere Leute, Rotlichtviertel, kleinen Handwerkern, Taxifahrern und Mariachis. Der Ort hat den Namen von einem Fluss, der die meiste Zeit des Jahres ausgetrocknet ist, außer in den Wintermonaten. Nebenbei muss sich Aragon mit den großen Entfernungen arrangieren, schlechte Straßen, noch schlechtere Mietwagen und kurze Inlandsflüge machen es ihm nicht immer leicht. Allein in der fremden Gegend ist er auf das Telefon angewiesen, um mit seiner Auftraggeberin zu kommunizieren. Gespräche werden aus dem Hotel angemeldet und über einen Operator vermittelt.

Auch Bahia de Ballenas ist fiktiv. Man erfährt, dass der nächst gelegene Ort La Paz ist. Allerdings dürfte der Ort an der offenen Pazifikküste liegen, wegen der Namen gebenden Wale.

  • Weiter

Aragon besucht noch das amerikanische Konsulat, wo er auf Umwegen erfährt, dass BJ Lockwood vor drei Jahren gegen Schmiergeld aus dem Gefängnis entlassen wurde. Der damalige Untersuchungsrichter lebt etwas außerhalb der Stadt, und Aragon sucht ihn auf. Zu spät: Der Richter wurde einige Stunden zuvor ermordet.

Nun beordert Gillian Aragon zurück nach Los Angeles. Auf einen Tipp hin fährt er erneut nach Rio Seco. Die frühere Geliebte konnte ausfindig gemacht werden. Genauer gesagt, jemand behauptet, er könne sie finden. Tatsächlich lebt sie als Straßennutte in Rio Seco, und bei der Ankunft von Aragon liegt sie aufgeschlitzt in ihrem Zimmer.

  • Die Auflösung

Aragon fliegt wieder zurück zu seiner Auftraggeberin Gillian. Sie ist nicht zuhause, Reed sonnt sich am Pool. Er erklärt ihm die Lösung des Falles. BJ Lockwood kam vor einem Jahr zurück zu Gillian, ausgehungert und abgebrannt. Er schlüpfte in die Rolle von Mr. Decker und Gillian wollte mit ihm ein neues Leben beginnen. Da kam leider ein Schlaganfall dazwischen.

Der Mörder war Reed, in Gillians Auftrag. Aragons Job war es, Jenkins zu finden. Aragon ist an die Schweigepflicht gebunden, Gillian hat sich über die Morde mit der Vergangenheit ihres Mannes ausgesöhnt. BJ stirbt. Alles ist gut.

  • Bemerkungen

Das Buch hat Spass gemacht. Mich hat die Lösung überrascht, deren Erläuterung fällt mit zwei Seiten auch eher kurz aus. Aragon lebt in einer Mixtur aus Angst und Abgebrühtheit, ist aber in seinem Entdeckungsdrang – auch weil gut bezahlt – nicht zu bremsen. Außer durch die Telefonanlage, die öfter mal überlastet ist. Millar baut zwei falsche Fährten ein (Drogenhandel, internationale Verwicklungen), die den Leser bis zum Schluss im Unklaren über die Lösung des Falles lassen.

Spanien und Italien 1620 bis 1660. „I, Juan de Pareja“ von Elizabeth Borton

Elizabeth Borton de Trevino schrieb den historischen Roman „I, Juan de Pareja“ 1965. Das Buch erhielt 1966 die Newbery Medal, einen amerikanischen Literaturpreis für Jugendliteratur. Die deutsche Übersetzung von Klaus Weinmann aus dem Jahr 2001 trägt den Titel „Der Freund des Malers“. Hardcover 224 Seiten, Beltz Verlag.

  • In einem Satz

Juan arbeitet so lange als Atelierassistent bis er sich als Maler selbständig macht.

  • Die Hauptfigur

Der Ich-Erzähler ist der Sklave Juan de Pareja. Er ist historisch verbürgt und lebte 1606 – 1670. Juan arbeitete als Atelierassistent des Malers Diego Rodríguez de Silva y Velázquez. Velazquez lebte von 1599 bis 1660. Wir befinden uns also Mitte des 17. Jahrhunderts.

  • Wie kam Juan zu Velazquez?

Er ist Sklave in einem Haushalt in Sevilla. Nach dem Tod des Hausherrn und später dessen Witwe erbt der Maler Velazquez das Haus. Zum Erbe gehören auch die Sklaven, und so wird Velazquez der neue Herr des Juan. Bald wird Velazquez vom spanischen König Philipp IV. engagiert und der gesamte Haushalt zieht nach Madrid um.

Juan arbeitet im Atelier von Velazquez. Er reinigt die Pinsel, er mischt Farben, er sorgt für die Belichtung im Raum. Er würde auch gerne malen lernen. Eine Verordnung untersagt jedoch Sklaven jede Form der künstlerischen Tätigkeit.

Die Epoche war auch die erste große Blütezeit der Niederlande. Dort galt Peter Paul Rubens als der bedeutendste Maler. 1628 besucht Rubens den spanischen Hof. Er bleibt 8 Monate. Velazquez und Rubens lernen viel voneinander. Sie besuchen das Atelier des Bildhauers Meister Medina. Der ist berühmt für seine Figuren des Gekreuzigten und die beiden lernen das Geheimnis der eindinglichen schmerzverzerrten Gesichter der Skulpturen kennen: Meister Medina hat zur Folter Verurteilte bei ihren Qualen beobachtet.

Italienreisen von Velazquez

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  • Die erste Italienreise

1629 erhält Velazquez vom König den Auftrag, Italien zu bereisen. Juan begleitet ihn.

Anlass: Velazquez soll in Neapel die Infantin Maria porträtieren. Das ist die Schwester des Königs, die demnächst mit Ferdinand III von Ungarn verheiratet werden soll.

Zunächst fährt Velazquez mit Familie und einem Teil des Personals in zwei Kutschen nach Sevilla. Die Familie fährt zurück, Juan und Velazquez besteigen ein kleines Schiff, das sie über den schmutzig dahin fließenden Gualdalquivir ins offene Meer bringt, und weiter über ein paar kleinere Häfen und Malaga nach Barcelona.  Dort steigen Juan und Velazquez um in die prächtige Galeone des Marquis de Spinola. Das ist bequemer. Trotzdem wird Velazquez seekrank. Es geht nach Genua. Sie besuchen die großen Galerien in Genua und Florenz, die ihnen die Sprache verschlagen. Die beiden fertigen Kopien der großen Bilder an. Italien ist „ein Land, das für die Kunst lebte und dem man jeden seiner Fehler verzeihen konnte. “ (S. 110)

Velazquez fordert Juan auf, seine Eindrücke zu schildern: Das Licht ist anders als in Spanien. In Spanien ist das Licht klar, hart und blendend, die Schatten sind tiefer und dramatischer. In Italien ist das Licht wie eine Flüssigkeit und hat einen weichen Schimmer, die Schatten sind sanfter und die Umrisse der Gegenstände weicher. (S. 110)

Es geht weiter nach Rom, dann nach Neapel. Dort befindet sich der eigentliche Grund der Italienreise, nämlich die Infantin. Dann geht es noch nach Venedig, wo sie vom Winter überrascht werden, bis sie sich in Genua für die Rückreise einschiffen.

  • Die zweite Italienreise

Anlass: Velazquez soll Gemälde für den spanischen Hof kaufen.

In Sevilla tobt die Pest, Barcelona ist von den Franzosen besetzt. Juan und Velazquez schiffen in Malaga ein, von wo aus sie nach Genua fahren. Der Künstler kauft mehrere Gemälde und läßt sie auf einer spanischen Galeone an den Hof schicken.

Das Land ist besser zu bereisen als Spanien, denn die „italienischen Städte lagen oft nur einen Tagesmarsch beieinander“. (S 164) Die beiden haben fast kein Geld dabei, denn die Bankleute des Königs haben verfügt, dass in jeder Stadt die Geldwechsler bestimmte Summen bereit hielten.

Ein Schneesturm zwingt die Reisenden, in Cremona zu bleiben. Die Stadt war damals bereits berühmt für seine Geigenbauer-Dynastien. Und natürlich besuchen Velazquez und Juan eine Familie berühmter Geigenbauer (der Beschreibung und der Epoche nach dürften es die Amatis sein) und erfahren etwas über geheimnisvolle Lacke. Auf der Weiterreise friert Velazquez die Hand ein und ist gelähmt. Für ihn ist es eine Katastrophe. Juan pflegt und wickelt die Hand immer wieder, und schließlich ist der Maler geheilt.

Weiter geht es nach Venedig. Das Licht dort ist anders als im übrigen Italien. „In den meisten Regionen des Landes ist das Licht ein sanftes Gold, aber in Venedig hat es einen hellblauen Schimmer. Es ist ein strahlendes, reines Licht, ziemlich kühl, wie ein Widerschein des Meeres.“ (S. 169)

Von Venedig aus fahren sie in der Kutsche nach Rom. Papst Innozenz X empfängt Velazquez, während Juan draussen wartet. Als Velaquez von der Audienz zurück kehrt, hat er den Auftrag in der Tasche, den Papst zu malen.

Zur Überraschung von Juan ist es das Porträt eins zähen und starken Menschen und zeigt kein barmherziges Gesicht. „Kein schönes Gesicht, nicht einmal ein barmherziges…. Ich denke eher, dass er Manns genug ist, sich darüber zu freuen, dass ich ihn als zäh und stark gesehen habe.“ (S. 184)

Das Porträt wird ein durchschlagender Erfolg. Velazquez erhält eine Reihe Folgeaufträge aus dem italienischen Adel.

  • Schluss

Zurück in Madrid ruft Velazquez seinen Sklaven Juan zu sich. Juan erhält die Urkunde über seine Freilassung. Er bleibt aber bei Velazquez. immerhin darf er nun malen, was Sklaven verboten war. Am 6. August 1660 stirbt Velazquez. Juan kehrt nach Sevilla zurück, wo er sich ein eigenes Atelier einrichtet und ein erfolgreicher Maler wird.

  • Bemerkungen

Eine schön und leicht zu lesende Biographie über einen großen Künstler und sein Werk. Velazquez erklärt Juan immer wieder Details seiner Kunst seiner Maltechnik. So wird der Leser gemeinsam mit Juan an das Werk von Velazquez herangeführt. Im Nachwort klärt die Autorin auf, welche Fakten historisch sind und wo sie eigene Dinge erfunden hat, und wo sie erfundene und überlieferte Fakten miteinander verband. Mein Kritikpunkt ist, dass der Leser über das Spanien dieser Zeit wenig erfährt. Als Entschädigung gibt es aber über die Italienreisen umso mehr zu erfahren.

  • Was sonst geschah

Juan wurde in Sevilla ein geachteter Maler. Das Papstportrait gilt bis auf den heutigen Tag als das beste Portrait, das je von einem Papst gemalt wurde. Velazquez wurde in Madrid begraben. 1809 wurde die Kirche von Joseph Bonaparte eingeebnet, Velazquez‘ Grab ist verschollen.

Die Katalanischen Pyrenäen: „Wie ein Stein im Geröll“ von Maria Barbal

Heute geht es in die Berglandschaft der Pyrenäen in Katalanien.

  • Das Buch

Der Roman „Pedra de Tartera“  erschien im Jahr 1985. Es ist das Erstlingswerk der Autorin Maria Barbal und gilt heute als Klassiker der katalanischen Literatur. Schon 1986 übersetzte Heike Nottebaum das Buch aus dem Katalanischen. Deutscher Titel „Wie ein Stein im Geröll“. Verlag Transit, Hardcover. Der Roman ist mit 107 Seiten sehr kurz. Dazu kommt ein Nachwort des Literaturwissenschaftlers Pere Joan Tous aus dem Jahr 2006, der die Bedeutung der Autorin in der katalanischen Literaturszene einordnet. Und ein Glossar. So hat das Buch insgesamt 127 Seiten.

Die Autorin gehört zu den bedeutendsten katalanischen Autoren. Sie wurde in Tremp in den Pyrenäen geboren. Und ganz in der Nähe ihres Geburtsortes hat sie diesen Roman angesiedelt. Zeitlich spannt er sich über beinahe das ganze 20. Jahrhundert.

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  •  Die Hauptfigur

Die Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist  Concepcion, die von allen Conxa genannt wird, weil ihr echter Name zu kompliziert ist. Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Jeder Teil behandelt einen Abschied Conxas.

Im ersten Teil ist Conxa 13 Jahre alt. Sie soll den elterlichen Hof in dem Dorf Ermita verlassen und zu Onkel und Tante ziehen. Die beiden sind kinderlos und brauchen eine helfende Hand. Also verlässt Conxa Ermita und wandert zu Fuß in das etwas größere Dorf Pallares.

  • Das Dorf

Stichwort Dorf: Manche bestehen gerade mal aus 4 Häusern. Das Leben ist karg, man hat ein paar Stück Vieh, meistens Kühe, dazu Hühner und Kaninchen, und ein paar Wiesen. Geld braucht man nicht, außer für den Viehhandel. Es gibt zwei Sorten Pilze, Röhrlinge und Mairitterlinge. Die Frauen sammeln sie und trocknen sie anschließend für den Winter. Nur Wasser gibt es im Überfluss. Die vielen Bäche und Flüsse, die die Gegend durchziehen, liefern Forellen. Man fängt sie mit der bloßen Hand (kleiner Trick: vorher mit einem Bündel Wolfskraut auf das Wasser schlagen, das betäubt sie).

Conxas Leben verläuft über Jahre hinweg eintönig. Sie hilft auf den Wiesen das Gras mähen, und beim Vieh. Ab und zu kommen Vettern aus Barcelona zu Besuch. Dann hat man mehr Ausgaben, weil die Vettern so viel essen, aber sie bringen auch Kaffee und andere Dinge aus der Stadt mit.

  • Die große Liebe

Conxa heiratet Jaume, den Nachbarsjungen. Jaume ist Handwerker. Er reist in den Bergen umher und arbeitet dort, wo gerade ein Haus gebaut wird. Jaume und Conxa bekommen Kinder. Sie sind glücklich, gehen auf die umliegenden Dorffeste zum Tanz. Dann aber bricht eines Tages – zuerst unmerklich – die große Politik über die Familie herein. König Alfons XIII hat abgedankt, die Republik wurde ausgerufen – wir sind also im Jahr 1931. Jaume engagiert sich als Friedensrichter.

Fünf Jahre später putschen sich die Franco-Faschisten an die Macht. Kurz danach besetzen deren Truppen die Gegend. Jaume wird verhaftet, Conxa mit einigen anderen Frauen auf einem Lastwagen in ein Lager gebracht. Maria Barbal lässt Conxa den Titel des Romans erklären. Conxa fühlt sich wie ein Stein im Geröll. Wird sie angestoßen, dann rollt sie mit allen anderen weiter, wenn nicht, dann bleibt sie einfach liegen.

Später wird Conxa in der Provinzhauptstadt Noguerea ihren Mann identifizieren, der ermordet wurde. Er wird anonym beigesetzt. Conxa fährt wieder zurück in ihr Dorf. Fremde tauchen auf und wollen ihrer Tante den Hof, ein Stück Weide oder Vieh abkaufen. Sie widerstehen den Angeboten, die stets von Anfeindungen begleitet werden. Conxas Sohn heiratet eine Frau aus Torrent, die beiden bekommen ein Kind. Mutter und Kind sind schwach, und sie ziehen der besseren Ärzte wegen nach Barcelona. Conxa geht mit ihnen. Weil sie bei ihrem Enkel sein kann, aber auch weil sie zu alt für die Berge ist, und im Hof nichts mehr helfen kann.

  • Die Stadt

Barcelona schließlich ist eine fremde und moderne Welt, mit Hochhäusern und Apparaten, die sprechen und einen anschauen. Manchmal lachen die anderen, wenn Conxa etwas sagt. So weiß sie, dass sie wichtig ist, und fühlt sich doch gleichzeitig nutzlos. Dann hört das Buch auf. Und der hat Leser hat den Eindruck, dass sich das Buch einfach aus Conxas Geschichte „ausblendet“.

  • Bemerkungen

Der Roman behandelt das gesamte Leben von Conxa, wobei der Schwerpunkt in den 20er und 30er Jahren ihres Lebens (und des Jahrhunderts) liegt.

Da ist der Gegensatz zwischen dem beschaulichen Leben und dem, in das die große Politik hineinregiert, der Gegensatz zwischen dem ländlichen und dem städtischen, der Gegensatz zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen der Familie. Geradlinig, beschaulich und beinahe meditativ lässt Maria Barbal Conxa ihre eigene Geschichte erzählen.  Das ist sehr schön. Der zentrale Teil ist die Liebe zu Jaume, sein Verschwinden und die Trauer um ihn, der große Einsamkeit folgt.

Ich persönlich hätte mir noch ein wenig mehr über das Leben in Barcelona, ein wenig mehr Stadt gewünscht. Zumindest suggeriert der Klappentext, das da noch was käme. Aber das hätte auch die erzählerische Kompaktheit dieses kleinen Romans zerstört. Lesenswert.