Bill Wyman’s „Blues Odyssee“ und eine Karte zu Robert Johnson

  • Der Autor

Bill Wyman ist bekannt als Senior Sachbearbeiter für Bassgitarren, und er hat ein Buch geschrieben. Nun, er hat das Buch nicht selbst verfasst, sondern gab seinen Namen dafür her. Als Autor wird ein gewisser Richard Havers genannt. Von Wyman selbst stammen nur einige eingerahmte Kommentare. Und vielleicht seine Plattensammlung.

  • Das Buch

Blues Cover

„Bill Wymans’s Blues Odyssee“ aus dem Jahr 2001 heißt auf deutsch einfach nur „Blues“. Die bibliophile deutsche Erstausgabe von Zweitausendeins hat 401 großformatige Seiten. Hochglanzpapier, mit vielen historischen Fotos und Songtexten. Die einzelnen Kapitel werden mit originellen Landkarten illustriert. So wird auch klar, wie sehr die Geographie diese Musik geprägt hat.

Das Buch hat 13 Kapitel. Insgesamt folgt die Gliederung der Chronologie. Es beginnt mit alten Fotos und Texten, die bis ins 17. Jahrhundert zurück reichen (Das ist auch wichtig für die Bedeutung des Wortes „Blue“ als Bezeichnung für etwas Trauriges). Erst im dritten Kapitel ist dann von der Geburt der Musik „Blues“ die Rede, wobei Wyman / Havers die verschiedene Ansichten über den Zeitpunkt dieser Geburt erörtern. Der Ort jedoch ist klar: Das Gebiet, das sich von Georgia bis nach Texas zieht.

Wyman / Havers behalten übrigens stets ökonomische Zusammenhänge im Auge, und das gleich in zweierlei Blickrichtung: Die ökonomische Lage in Amerika hatte zu jedem Zeitpunkt Einfluss auf die Musik, und schließlich haben die Musiker – und nicht nur die – mit der Musik auch Geld verdient. Der Absatzmarkt war nicht minder dynamisch als die Musik selbst.

Die Verbreitung der Musik begann natürlich mit der Schallplatte. Wyman schildert die Einspielung von „Crazy Blues“ durch Mamie Smith in einem Schallplattenstudio in New York am 10. August 1920. Schnell war klar, dass ein neuer Markt entstand. Bereits ab 1923 schickten die Plattenlabels mobile Aufnahmestudios von Farm zu Farm (beschrieben im Kapitel „Goin‘ to the Country“). Diese „Field Recordings Trips“ sollten bisher unentdeckte Musiker aufstöbern. Die Aufnahmen wurden in Schallplatten gepresst. Die Regeln waren klar: Wer sich nicht verkaufte, dessen Platten verschwanden schnell wieder aus den Regalen, und die Musiker wurden vergessen.

Bald aber entdeckten auch die Musiker selbst die Eisenbahn. Sie reisten, sie machten die Erfahrung, dass das Leben in anderen Gegenden der USA für Schwarze weniger gefährlich war, und so wurde die Eisenbahn zum Thema vieler Songs. Gleichzeitig begannen viele Musiker damit, Ortsnamen in ihre Texte einfließen zu lassen. Das Buch verweist darauf, dass der Blues die einzige Musik mit einer derartigen Tradition sei. (S. 98).

Das Zentrum der Musik zieht bald um, vom Delta in die nächste Großstadt (Kapitel „Memphis, Jugbands & das Delta“). Das Delta revanchiert sich, indem es die Geschichte des Blues mit Mythen und Legenden anreichert („An den Crossroads“).

Während des Krieges machte der Blues Pause und musste Marktanteile an die Bigbands abgeben. Allerdings lebte er in den Independance Lables weiter. Nach dem Krieg entstanden optimistische Bluessongs („That’s all right“, „Let the good Times Roll“), der Blues wanderte in den Fünfzigern nach Chicago, von dort aus nach England, wo er für viele Bands zur Inspiration wurde, bis er im Kapitel „By the Times We Got to Woodstock“ nach Amerika zurück kehrte.

Diese Globalisierung des Blues veränderte den Musikmarkt völlig. Weiße Bands spielten Blues-Singles ein, die schwarzen Musiker stehen am Scheideweg, einige wurden erstmals weltweit nachgefragt. In den Sechzigern hörte man außerdem keine Sängerstars mehr, sondern Bands. Jimmy Page, Eric Clapton oder Jeff Beck befriedigten „die Nachfrage nach Gitarrenhelden“ (S. 351). Und sie entdeckten ein Gitarrengenie aus dem Delta der Dreißiger wieder: Robert Johnson.

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  • Robert Johnson

Robert Johnson ist einer der vielen Bluesmusiker aus dem Mississippi Delta (Anmerkung: Das ist ein Überschwemmungsbiet im Binnenland, so etwa zwischen Vicksburg und Memphis, nicht mit dem Mündungsdelta in der Nähe von New Orleans zu verwechseln.)

Geboren am 8. Mai 1911 in Hazlehurst, zog die Familie zunächst nach Memphis. Johnson war ungefähr 9 Jahre alt, als die Familie wieder nach Hazlehurst zog. Johnson war eher an Musik als an Feldarbeit interessiert und lernt die Grundlagen des Gitarrenspiels. Er ging zeitweise in Robinsonville zur Schule. 1930 traf Johnson in Robinsonville auf Son House, der sein Musiklehrer wurde. Bereits 1931 war Johnson ein richtig guter Gitarrist und spielte in Clubs und auf Picknicks im Delta.

1932 muss dann diese Sache mit der Kreuzung passiert sein: In Clarksdale kreuzen sich der Highway 61 und der Highway 49. An dieser Kreuzung – sagt man – habe Johnson in einer Neumondnacht seine Seele verkauft. Tatsächlich wunderten sich viele darüber, dass er in dieser Zeit sein Gitarrenspiel extrem verbessert hat. Johnson geht nach Texas, wo er 1936 in San Antonio seine erste Platten aufnimmt, 1937 in Dallas weitere. Er verdiente teilweise 100 Dollar pro Termin und tingelte dann nach Mississippi zurück. Man weiß von einigen Auftritten in Memphis und Helena, Arkansas.

Er starb 1937 in einem Schuppen in Three Forks bei Greenwood unter ungeklärten Umständen, wahrscheinlich als Folge einer Kombination von Syphilis und schwarzgebranntem Whiskey.

Es gibt mindestens drei Grabstätten: Sony spendete einen Stein in Morgan City, die Band ZZTop einen in Greenwood.

  • Bemerkungen

Das Buch ist eine Art erzählter Enzyklopädie, auf keinen Fall ein Lexikon, auch wenn zu jeder Epoche die wichtigsten Musikerbiographien und Songs in separaten Beiträgen vorgestellt werden.

Wer ein so weites Feld wie den Blues beackern will, läuft immer in der Gefahr, an der Fülle des Materials zu scheitern. Also muss sich ein Autor entscheiden, entweder ein breit gefasstes, eher oberflächliches Buch zu schreiben, oder fachkundiger zu sein, vielleicht aber nicht alles abzudecken. Vor dieser großen Aufgabenstellung halte ich das Buch für gelungen. Das Buch setzt seine Schwerpunkte in der Wirkung von Ökonomie und Geographie auf die Musik. Außerdem arbeitet Wyman / Havers zu vielen Songs die jahrzehntelange Wirkungsgeschichte heraus.

Dazu machen die vielen seltenen Bilder, auch von Original-Schallplatten, das Buch zu einem netten Werk, in dem man einfach nur blättern mag.

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China und Japan 1896 – 1899: „Franz Urbig – aus dem Leben eines deutschen Bankiers“

Heute geht es um eine Biographie, die gleichzeitig ein Stück Wirtschaftsgeschichte darstellt und nach China und Japan Ende des vorletzten Jahrhunderts führt.

  • Das Buch

Franz Urbig lebte von 1864 bis 1944. Er war ab 1889 bei der Disconto-Gesellschaft beschäftigt, damals einer der größten deutschen Banken. Über die Zeit von Beginn seiner Tätigkeit bis 1902 verfasste Urbig eigene Erinnerungen. Neben der Aufzählung seiner Karrierestationen behandelt er darin seine Tätigkeit in Asien. Anlässlich seines 150. Geburtstages wurden diese Erinnerungen mit einem weiter führenden Essay des Historikers Martin L. Müller versehen, mit vielen Originalfotos angereichert und unter dem Titel „Franz Urbig – aus dem Leben eines deutschen Bankiers“ veröffentlicht. Für Hörbuch-Fans liegt noch eine CD bei, besprochen vom Frankfurter Schauspieler Peter Schröder. Erschienen im Selbstverlag der Historischen Gesellschaft der Deutschen Bank.

  • Worum geht’s

China hatte einen gewaltigen Kreditbedarf vor allen Dingen wegen Reparationszahlungen an Japan und wegen des Eisenbahnbaus. China konnte eine erste Anleihe über 16 Millionen britische Pfund in Frankreich platzieren – mit einer russischen Staatsgarantie. Nun wollten Berlin und London vermeiden, dass China noch weiter in russischen Einfluss gleitet, und suchten nach Möglichkeiten, mit China in Geschäft zu kommen. Urbig wurde nach China geschickt, um die Verhandlungen zu führen – und zwar einerseits mit den chinesischen Regierungsstellen und andererseits mit der Hongkong and Shanghai Bank. Diese vertrat die englischen Geldinteressen in China, und sie bildete gleichzeitig den Zugang Chinas zum europäischen Geldmarkt. (Der amerikanische Geldmarkt war zu dieser Zeit noch ohne Bedeutung).

Die Gespräche waren erfolgreich. 1896 wurde eine Anleihe über weitere 16 Mio Pfund begeben. Während der Verhandlungen versuchte der Bevollmächtigte der englischen Seite, Urbig mit kurzfristig eingefügten Vertragsänderungen zu hintergehen. Dass er das rechtzeitig bemerkt hat, erfüllt Urbig mit mehrseitig geäußertem Stolz. Nach diesem Geschäftserfolg macht Urbig erstmal Urlaub. Er besucht 6 Wochen lang Japan. Die Erinnerungen an diese Reise bezeichnet er als die „reizvollsten meines Lebens“.

Franz Urbig - Aus dem Leben eines deutschen Bankiers
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StepMap Franz Urbig - Aus dem Leben eines deutschen Bankiers


  • Nagasaki – Yumoto – Kioto (1896)

Der Weg begann in Nagasaki, „das einen der schönsten Häfen hat“, dann durch die japanische Inlandsee über Kobe und Yokohama und Tokio nach Nikko. Die Tempelstadt liegt in über 1000 Metern Höhe an einem bewaldeten und fischreichen See. Oberhalb Nikkos liegt Yumoto, ein viel besuchtes Schwefelbad. Der Rückweg führte über Nagoya, damals eine Garnisonstadt in der Provinz mit gerade mal einem Hotel, noch dazu einem minderwertigen. Weiter ging es nach Kyoto. An beiden Ufern eines Flusses gelegen, macht es einen wohlhabenden Eindruck. Die Teehäuser sind voll, und die Dienerinnen bewegen sich mit übervollen Tabletts durch die Menge. Gereicht werden Getränke und unendlich viele Kürbisschnitten. Kioto hinterließ bei Urbig den stärksten Eindruck, auch wegen seines Eindrucks „großstädtischer Wohlhabenheit“. Anschließend kehrt Urbig nach Shanghai zurück und reist über Calcutta zurück nach Europa.

  • chinesische Eisenbahnprojekte

Für die Verhandlungen über eine weitere Anleihe ging Urbig 1898 wieder nach Shanghai. Diesmal geht es um die Finanzierung des Eisenbahnbaus in China. Nun überstürzen sich die Ereignisse: Eine gemeinsame deutsch-englische Gesellschaft plant einen Eisenbahnbau von Shanghai nach Nanking, den Yangtze entlang (Bahn 1). Doch die Engländer schnappen sich das Geschäft alleine. Deutschland sucht nach Alternativen. Der Plan (2), eine Bahn von Tientsin nach Nanking zu bauen, scheitert an den Chinesen, die von der Bahn nicht überzeugt sind. Schließlich wird ein deutsches Projekt von Tsingtau nach Jinan begonnen (3). Urbig ist von der ganzen Situation nicht erbaut.

  • Mijanoshita (1899)

Auch das Wetter ist schwer erträglich, und so freut sich Urbig auf einen erneuten Japanurlaub im Juni 1899. Diesmal fuhr er über Yokohama. Von da aus ging es 600 Meter in die Höhe nach Mijanoshita, ein Onsen in der Nähe des Hakone-Sees. Ein Onsen ist in Japan ein Ort mit Hotels und heißen Quellen. Auch Mijanoshita verdankt seine Entstehung den heißen Quellen. Eigentlich ist es nichtmal ein Ort, sondern eine Art Hotel-Dorf. Dicht beieinander liegende Quellen liefern kaltes und 40 Grad heißes Wasser. Beides wurde durch ein Badehaus geleitet. Das Wasser wirkt zunächst schwächend, mit zunehmendem Aufenthalt aber stärkend auf die Nerven.

An einigen Stellen war die Erdoberfläche kochend heiß. Vom Hoteldorf aus wandert man über eine „von vielen und großen Schmetterlingen belebte“ Höhenlandschaft bis an den Stillen Ozean und dann hinab zu Buchten mit weiß schäumender Brandung und verstreuten Häusern. Kurz darauf kehrt Urbig wieder nach Europa zurück, zunächst nach London. Später geht er für kurze Zeit ein drittes Mal nach China, wo sich die Stimmung ab 1900 gegen die europäischen Mächte wendet, „in der gefährlichen Weise des Boxeraufstandes“. Im Jahr 1902 wird Urbig in den Kreis der persönlich haftenden Gesellschafter der Disconto-Bank gerufen.

  • Bemerkungen

Das Buch ist ein spannendes Stück Wirtschaftsgeschichte über China um die vorletzte Jahrhundertwende, als die Großmächte um ihren Einfluss in China rangen. Alles aus erster Hand und sehr persönlich erzählt. Die Reiseerinnerungen nehmen innerhalb des Buches nur einen kleinen Teil ein, vor allen Dingen fehlen mir Hinweise darüber, wie, mit welchen Mitteln und auf welchen Wegen man unterwegs war. Die Schilderungen Urbigs sind jedoch allemal eindrucksvoll.

  • Was sonst noch geschah

Urbig wohnte seit 1912 in einer Villa, die Mies van der Rohe baute. 1944 starb er dort. Kurze Zeit später zog Churchill dort ein, um an der Konferenz von Potsdam teilzunehmen. Die Disconto-Gesellschaft fusionierte 1929 mit der Deutschen Bank.

Absatzmärkte und Straßen 310 v. Chr. – „Aussaat im Erdkreis“ von Otto Zierer

Otto Zierer verfasste ein umfangreiches Werk über die Geschichte der Menschheit. Dafür schrieb er über jedes Jahrhundert ein Buch (und ab dem Mittelalter mehr als eins). Leider habe ich nur einzelne Bände davon. Hier geht es um das Buch „Aussaat im Erdkreis“, das von den Jahren 400 – 300 V. Chr. handelt.

Was bisher geschah

Athen besiegte das überlegene persische Weltreich in der Schlacht bei Salamis, es folgten wirtschaftliche und kulturelle Blüte (Stichwort Perikles) sowie ein schneller Niedergang durch Korruption und Bürgerkrieg. Das sind die Jahre 500 – 400 im Schnellgang gemäß dem Band „Der klassische Tag“.

und wie geht’s jetzt weiter

Nun geht der Blick zu Philipp von Mazedonien: Militärisches Geschick und diplomatische Klugheit qualifizieren ihn zum Führer des neu gegründeten Hellenischen Bundes. Nun hat Philipp den Oberbefehl über alle hellenischen Streitkräfte. Er macht sich auf den Weg, Persien zu erobern, das immer noch eine Großmacht ist. Bald wird Philipp ermordet, sein Sohn Alexander folgt ihm im Amte nach.

  • der Osten – von Athen aus gesehen

Alexander erobert den Osten. Eckpunkte der Geschichte, die schon häufig beschrieben wurde, sind Gordium, danach der Übergang über das Taurusgebirge bis nach Issus. Dort wird das persische Heer besiegt. Es folgt ein Feldzug ins Nildelta, wo der Feldherr eine Stadt gründet, die heute noch seinen Namen trägt, weiter über Gaugamela bis nach Babylon. Alexanders Einmarsch in Babylon ist bis ins Mystische überhöht überliefert. Man staunt über den Überfluss, genießt ihn, raubt ihn, und unbemerkt entstehen Anzeichen von Hybris.

Alexander führt Eroberungskriege bis nach Indien, ist über ein Jahr lang verschollen, und in den eroberten Gebieten Asiens scheitert die Verwaltung an Korruption und Geldentwertung.

Alexander will Korruption und Inflation eindämmen. Dazu trifft er sich mit verschiedenen Herren, mit denen er die ökonomische Lage der Welt erörtert. Zierer „zitiert“ nun ein fiktives Sitzungsprotokoll.

  • Handelsusancen

Früher haben die Tempel Geld an die Schiffseigner ausgeliehen. Nun treten immer mehr private Geldverleiher auf. Sie verleihen kein Bargeld, sondern geben Zahlungsanweisungen an ihre Geschäftsfreunde in den Hafenstädten. So ist der Verleiher sicher, dass das Schiff den Hafen anläuft. Diese Seedarlehen führen zu einer Ausweitung des Handels.

Auch die Händler spezialisieren sich, einer auf Getreide, einer auf Öl, andere auf Waffen oder Keramik. Und schließlich liefern die Bauern ihre Ernte im Getreidespeicher des Dorfes ab  (dem Thesauros – da wird also „thesauriert“)  und erhalten dafür schriftliche Anweisungen, mit denen sie ihre Steuern zahlen und einkaufen können. Schließlich behält das Getreide immer seinen Wert. Je nach Interessenlage reguliert man eben mal den Hunger in bestimmten Regionen, um die Preise in die Höhe zu treiben.

Außerdem expandiert der Welthandel, denn Alexander hat den Osten der Welt für den Handel mit griechischen Waren geöffnet.

 

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Mit am Tisch sitzt der Industrielle Zenon. Er bemerkt im Westen – sozusagen auf der anderen Seite des damals bekannten Erdkreises – eine Veränderung. Ein Epochenwandel dämmert herauf. Wird es ein beunruhigender sein, oder eher nicht?

  •           Die westhellenischen Absatzmärkte

Zenons Sohn – später als Zenon von Kition bekannt – schreibt an einen Geschäftspartner in Neapel. Er möchte mehr Informationen über dieses unbekannte Rom, das sich von Norden her auszubreiten beginnt. Simonides (besagter Geschäftspartner) antwortet ausführlich. Zunächst erläutert er die Geschichte Roms seit seiner Gründung, dann die politische Verfassung. Und er kommt auf die Bevölkerung zu sprechen. Rom hat drei Stadtbezirke (einen für Plebejer, einen für die Patrizier und einen für die Proletarii – die „Nachkommenerzeuger“). Weil es drei sind, heißen sie Tribus, ihr jeweiliger Abgesandter ist der Tribun, ihr Steueranteil der Tribut.

Zenon jr. will aber in erster Linie Geschäfte machen. Also fragt er an, ob er sein Vasenhandelsimperium in die westhellenischen Absatzgebiete – also nach Süditalien – ausdehnen kann. Die Antwort ist eindeutig: Vasen gibt es in Italien genug, es gibt Kunstwerkstätten in Poseidonia und Tarent. Und die stark nachgefragte Massenware stellen die Römer selbst her. Der Partner rät Zenon jr., in den Handel mit Waffen zu investieren. Panzer, Schwerter, Rüstungen sind Produkte, die in Rom bald stärker nachgefragt werden.

Dann begleitet der Leser Simonides auf seiner Reise von Rom zurück nach Capua. Er besucht Claudius Appius, einen reichen Römer, der gerade eine Straße von Capua nach Rom bauen läßt. Sie wird später nach ihm benannt sein – die Via Appia. Sie sprechen über Handel. Und über das, was die Römer am stärksten von den Griechen unterscheidet:

  • die Straßen

Griechen, so heißt es, verachten die Römer, weil die keine Kultur haben, keine Literatur und keine Gymnasien. Die Römer andererseits haben – Straßen. Mit einer neuartigen Technik aus mehreren Schichten gebaut, sind sie „wie die hetzende Zeit, der eilende Marsch der Legionen“. Berge steigen sie hinauf ungeachtet der Steigung, ist ein Fels im Wege, wird er durchbrochen.  Eben ganz anders als die griechischen Straßen, die oft unbefestigt sind, schmaler, und die sich an den Berg schmiegen. Straßen, die den Umweg zu Tempeln und Hainen kennen.

Zum Ende des Gesprächs und des Buches sieht man ein paar römische Soldaten nach Süden marschieren.

  • Bemerkungen

Der Autor nimmt originale Dokumente und Zitate und bindet sie in eine Handlung ein. Die Grenze zwischen dem erfundenen und dem nicht erfundenen Stoff verwischt. Fiktive Peronen erzählen über das kulturelle und ökonomische Klima der Welt. Reale Personen führen fiktive Dialoge auf der Basis überlieferter Dokumente. Aber Zierer legt Wert auf den historischen Kern der Bücher, und es ist gut lesbar erzählt.

Karte # 33: Die Zuckerinseln der Karibik: „Zucker“ von Henri Hobhouse

Vor kurzem habe ich das Buch „Unter falscher Flagge“ aus der Drinkwater- Serie vorgestellt. Ein Thema dabei war der Zuckerschmuggel. Da trifft es sich, dass ich ein Bändchen fand, das sich mit der ökonomischen Geschichte des Zuckers befasst (nicht der Kulturgeschichte wohlgemerkt).

Vor mir liegt das Buch „Fünf Pflanzen verändern die Welt“ von Henri Hobhouse. Es ist eines der typisch englischen Sachbücher, die mit ihrer humorvollen Erzählweise gerne originelle Gedanken in die Welt setzen. Speziell geht es hier um das Kapitel „Zucker“, das sind die Seiten 68 – 126.

  • Das Produkt

Es geht um die Jahre von 1432 (da haben Portugiesen in Funchal auf Madeira erstmals Zuckerrohr zu Pulpe verarbeitet) bis zur Veröffentlichung des Buches 1985. Und es geht im Kern um drei karibische Inseln, die in jeweils einem Jahrhundert die Produktion und den Handel von Zucker prägten.

  • Das Problem

Mitte des 17. Jahrhunderts hat England ein Problem: Die Karibikinseln haben zwar eine strategische Bedeutung als Stützpunkte gegen die Spanier. Aber sie sind unrentabel. Also stellt sich die Frage: Wie bringt man die Entwicklung von Ländern voran, die einen Ozean weit von den Märkten in Europa entfernt lagen. Wie bringt man die Kosten der Besiedelung wieder rein?

Es gibt Plantagen mit verschiedenen Produkten. Maschinen müssen importiert werden. Schwieriger ist es mit den Arbeitern. In Europa ist es üblich, dass ein Eroberer die einheimische Bevölkerung untertan macht und für sich arbeiten läßt. In der Karibik aber ist diese einheimische Bevölkerung  entweder geflohen  oder tot. Also müssen die Arbeiter importiert werden. Man nimmt zunächst Schuldner, Kleinkriminelle und ähnliche Leute mit.

  • Die Lösung

Irgendwann fällt die strategische Entscheidung, die Kolonien durch den Anbau von Zuckerrohr rentabel zu machen. Dafür benötigt man: Gute Wachstumsbedingungen, Brennmaterial, viele Arbeitskräfte und einen wachsenden Absatzmarkt. Den wachsenden Absatzmarkt gibt es in Europa, wo Kaffee, Tee und Kakao die Nachfrage nach Zucker ankurbeln. Hobhouse stellt dar, dass diese Nachfrage künstlich erzeugt wurde und die Bevölkerung systematisch süchtig nach Zucker gemacht wurde, um die Kolonien rentabel zu machen. Fruchtbaren Boden und Brennmaterial hat man auch.

Aber dann die Sache mit den Arbeitskräften. Man stellt schnell fest, dass die mitgereisten Engländer nicht ausreichen. Zweimal im Jahr, einmal zur Pflanzung und einmal zur Ernte, ist körperliche Schwerstarbeit zu verrichten. England beginnt, Sklaven aus Afrika in die Karibik zu verschiffen.

Karte 33 "Zucker" von Henry Hobhouse

StepMap Karte 33 "Zucker" von Henry Hobhouse

 

  • Barbados (17. Jahrhundert)

1660 ist Barbados der größte Zuckerproduzent weltweit. Das Brennmaterial wächst auf der Insel. Als alles abgeholzt ist, importiert man Kohle aus Newcastle.

Es gibt 16.000 Grundbesitzer, dazu 30.000 Zwangsverpflichtete und Sklaven. Zucker wird in Monokultur angebaut, die Betriebsgröße beträgt 200 Morgen. Doch nicht jeder tut sich freiwillig dieses arbeitsintensive Geschäft an. Und so sinkt die Zahl der Grundbesitzer und die Zahl der Sklaven – schwarzer wie weißer – steigt. Der Dreieckshandel wird etabliert. Barbados ist der am dichtesten besiedelte Flecken der Erde. Die harten Bedingungen führen zu einer Brutalisierung der Lage. Dennoch bleibt die Insel bis 1808 von Aufständen verschont.

  • Jamaika (18. Jahrhundert)

Im 18. Jahrhundert wird Barbados von Jamaica (britisch seit 1655) als Hauptproduktionsort abgelöst. Schnell werden Kingston und Port Royal zum Hauptumschlagplatz des gesamten Karibikhandels. Die Betriebsgröße beträgt 700 Morgen, auf jeder Plantage leben vier mal so viele Sklaven wie in Barbados, diese sind jedoch nur halb so produktiv. England kontrolliert 1783 über 60 % des weltweiten Zuckerhandels.

  • Vom Niedergang des Zuckerhandels zur Abschaffung der Sklaverei

Ende des 18 Jahrhunderts geht es mit der karibischen Zuckerindustrie bergab. Die Ursachen:

Bis 1783 führt der Merkantilismus das Regiment: Exporte sind wichtiger als Importe. Mit dem Erlös der Exporte kauft man Gold und Silber. Das Anhäufen von Reichtümern ist wichtiger als der Verbrauch. Der Handel bereichert also den einheimischen Industriellen. Eigenbedarf deckt man folglich durch Eigenproduktion. Der Staat unterstützt den Export, das Anhäufen von Gold und den Transport von Waren mit eigenen Schiffen. Und greift immer wieder mal ein.

Ab 1783 wird die Basis für den freien Welthandel gelegt. Die Verantwortlichkeit des Einzelnen für das Gemeinwohl wird wichtig. Der Reichtum der Nationen entsteht aus der Summe dessen, was die Individuen erwirtschaften. Die Exporterlöse stehen denen zu, die die exportierten Güter herstellen, transportieren und handeln. Importe ermöglichen ein komfortableres Leben. Sinkende Preise kommen den Konsumenten zugute.

Die konkreten Auswirkungen: Der Dreieckshandel ist in das Endstadium eines Massengeschäftes getreten und nicht mehr rentabel. Der Krieg gibt der englischen Regierung 1807 die Möglichkeit, Schiffsladeraum zu beschlagnahmen. Der Zuckeranbau lastet schwer auf den Bankbilanzen. Die Bankiers wenden sich neuen Investitionsmöglichkeiten zu. Die industrielle Revolution steht vor der Tür.

Der Sklavenhandel wird verboten, die verblieben Sklaven steigen im Wert. Zunächst sind damit die Bankdarlehen wieder besser gesichert. 1834 wird die Sklaverei gänzlich verboten. Von den Entschädigungszahlungen können Zuckerproduzenten ihre Kredite zurück führen. Oft reicht das Geld aber nicht aus und viele Betriebe werden insolvent.

Ein weiterer Grund spielt sich mitten in Europa ab. Der deutsche Botaniker Marggraf hatte bereits Mitte des 19 Jahrhunderts Rübenzucker isoliert. Durch Kreuzungen wurden noch stärker zuckerhaltige Rüben geschaffen. Napoleon wird auf diese Forschungen aufmerksam. Mit der Zuckerrübe kann sich nun jedes Land selbst mit Zucker versorgen. 1851 schafft England alle Zölle auf Rübenzucker ab. Die Karibik ist pleite. Die Sklaverei ist erledigt.

  • Kuba (19. Jahrhundert)

Dann ist da noch die Sache mit Kuba. Nach der Abschaffung der Sklaverei in den USA 1865 zieht es die Zuckerproduzenten aus dem Südosten der USA nach Kuba. Dort erzielen sie Fortschritte in der Produktivität. Sie führen eine zentrale Zuckermühle ein (anstelle einer Mühle pro Plantage) und bauen 1845 die erste Eisenbahnlinie Mittelamerikas, von Havanna nach Guines. Immer neue Unruhen führen dazu, dass die USA 1898 Kuba von den Spaniern erobern. Nach 1945 bricht der amerikanische Absatzmarkt ein und erholt sich auch in den 50er Jahren nicht mehr. Fidel Castro, Sohn eines Besitzers von 10.000 Morgen Zuckerplantage, übernimmt die Macht. Kuba versorgt jetzt die UdSSR. So hat das Land zweimal mit viel Tamtam seinen Großabnehmer gegen einen anderen ausgetauscht.

  • Bemerkungen

Das Buch ist mit viel Zahlenwerk (Statistiken und Anmerkungen) unterfüttert. Außerdem schreibt der Autor in mehreren Handlungssträngen, die er am Ende zusammen führt. Nicht einfach zu lesen also. Aber andererseits ist es unterhaltsam in der Diktion. Auch vertritt der Autor einige skurrile Thesen, die augenzwinkernd gedacht sind. Und so vermittelt er einen erfrischend ungewöhnlichen Blick auf Geschichte. Und der macht Spass.

Geschichte kann man eben auch als Organisation von Absatzmärkten und Rohstoffmärkten interpretieren. Zucker – sagt das Buch – ist ein schönes Beispiel dafür, wie freier Welthandel zu mehr Freiheit führt und mit der Ausbreitung von Menschenrechten einher geht. In Verbindung mit Pflanzenforschung führte er zur Abschaffung der Sklaverei.

Karte 31: Römischer Bürgerkrieg 46 v.Chr. – „Drei Reden vor Cäsar“ von Cicero

Die heutige Reise ist eine Zeitreise etwa 21 Jahrhunderte in die Vergangenheit. Vor mir liegt das Reclam-Bändchen „Drei Reden vor Cäsar“ von Marcus Tullius Cicero. Das Heft hat 64 Seiten und ein Nachwort der Übersetzerin Marion Giebel. Der Autor ist ein Politiker und Anwalt, dessen Reden im damaligen Rom berühmt waren. Er galt im öffentlichen Leben als Autorität. Die Reden des Buches wurden in den Jahren 46 und 45 v.Chr. gehalten und sind ein Nachhall des Bürgerkrieges.

  • Das Setup

Die Geschichte der Reden beginnt einige Jahre zuvor. Es ist das Jahr 49. Rom ist eine Republik. Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Ja, vor allen Dingen auch Gallia Cisalpina (also Norditalien). Die Römer, das sind vor allen Dingen Cäsar und seine Armeen. Wobei Cäsar nicht eigenmächtig handelte, sondern vom Senat (also sozusagen dem Parlament) dazu beauftragt war.

Nun strebt Cäsar nach Macht in Rom selbst. Er will vom Senat zum Konsul gewählt werden – das ist eine Art Reichspräsident mit weitreichenden Vollmachten, auch am Parlament vorbei zu regieren. (Anmerkung: Als Balance of Power gab es deswegen nur eine einjährige Wahlperiode und außerdem zwei Konsuln pro Jahr, die sich mit Vetos blockieren konnten).

Cäsar entscheidet sich dafür, mit seinen Armeen nach Rom zu gehen und die Kandidatur zu erzwingen. Also ist Bürgerkrieg. Sprichwortalarm: Cäsar beginnt den Krieg, indem er den Grenzfluss Rubikon überschreitet. Die Parteien: Cäsar gegen den römischen Senat (mit Pompejus als Feldherrn). Der Senat verläßt Rom sicherheitshalber schonmal, und im Jahr 46 kommt es zur Entscheidungsschlacht bei Pharsalas. Cäsar gewinnt. Damit herrscht er alleine und nicht vom Senat autorisiert – er ist also Diktator. Pompejus und viele seiner Anhänger müssen ins Exil gehen.

Auch Cicero, der für die Republik – also für Pompejus – Partei ergriffen hat, muss ins Exil, wird aber später von Cäsar begnadigt und darf seinen Platz als Senator wieder einnehmen.

  • Rede für Marcellus

Marcellus gehört ebenfalls zu denen, die ins Exil gehen müssen. Er hält sich im Jahr 46 auf Lesbos auf. Cäsar begnadigt Marcellus.

Im Senat erhebt sich Cicero und adressiert eine Dankesrede an Cäsar. Er schmiert Cäsar Honig um den Mund. Gütig sei er, und gerecht. Sein Großmut sei grenzenlos. Und durch seine Großzügigkeit sichere er sich sein Ansehen und damit seine Macht. Und damit er seine Größe noch mehr beweise, solle er nun auch den Staat in Ordnung bringen. Das heißt aus Ciceros Mund, dass er die Republik einführen solle.

Die Rede ist popeliges politisches Tagesgeschäft: A macht was, B sagt: toll, aber noch besser wäre es, wenn Du was anderes machen würdest. (A = Cäsar, B = Cicero, was anders = Republik wieder einführen.) Marcellus wird auf der Rückfahrt von Lesbos nach Rom in Piräus ermordet.

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  • Rede für Ligarius

Ganz anders sind die Voraussetzungen bei der Rede für Ligarius. Es handelt sich um eine Verteidigungsrede bei einer Gerichtsverhandlung. Ligarius ist im Exil – aus den gleichen Gründen wie Marcellus (Parteinahme für Pompejus) . Der Staatsanwalt Tubero klagt Ligarius des Hochverrats an.

Warum? Ligarius war Legat (so ne Art Botschafter) in der Provinz Africa. Der Vater des Staatsanwaltes hatte vom Senat den Auftrag, in Africa Soldaten zu gewinnen. Ligarius weigerte sich, ihn ins Land zu lassen. Deswegen Hochverrat. Doch auch der Ankläger war im Bürgerkrieg auf der Seite des Pompejus, nicht auf der Seite Cäsars.

Cicero haut dem Tubero also erstmal die eigene Parteinahme im Krieg um die Ohren. Er hätte doch wohl im Krieg gegen Cäsar gekämpft. Hochverrat? – „Er hat es nicht getan, nicht geplant, falsch sind die Zeugen, erdichtet die Anklage“. Würde also Ligarius schuldig gesprochen, dann würde dies geschehen, obwohl er doch Cäsar einen Vorteil verschaffte. Ein Schuldspruch würde das Werk von Cäsars Gegnern tun. In Verbindung mit dem Apell an Cäsars Großmut kann Ligarius nur freigesprochen werden.

Die Rede für Ligarius ist ein rhetorisches Meisterwerk. Appelle, Argumente, Thesen, das Entkräften der Vorwürfe, verbunden mit Vorwürfen an den Ankläger, immer wieder abwechselnd an Cäsar und Tubero gerichtet. Da wird sogar dem heutigen Leser noch schwindelig. Die Rede führte tatsächlich zu einem Freispruch und beendete gleichzeitig Tuberos Karriere als Staatsanwalt.

  • Rede für König Deiotarus

Deiotarus war König in Galatien, einem Reich in der heutigen Türkei. Er war dem Senat gegenüber loyal. Über den Bürgerkrieg gelangten nur wenige Nachrichten zu ihm. Als loyaler König mit wenigen Informationen schloss er sich Pompejus an. Nach dem Bürgerkrieg wandte er sich von Pompejus ab.

Vor kurzem war Cäsar bei Deiotarus zu Gast. Während dieses Besuchs soll Deiotarus versucht haben, Cäsar zu ermorden. Dessen wird Deiotarus angeklagt. Der Prozess findet – in Abwesenheit des Angeklagten – in Cäsars Haus statt. Cicero verteidigt den Angeklagten.

Zunächst beklagt sich Cicero über die fehlende Öffentlichkeit. Anschließend fasst der den Ablauf des Bürgerkrieges kurz und gut lesbar zusammen. Dann sagt er, dass die Anklage absurd sei: Der Richter – Cäsar – ist gleichzeitig das potentielle Opfer, Ankläger ist der Enkel des Täters – absurd! Die Anklage fußt auf Aussagen eines freigelassenen und bestochenen Sklaven – absurd! Es wird der Ablauf von Cäsars Besuch geschildert (interessant, wie sowas ablief). Die Anklage behauptet, dass der Mörder stets exakt in dem Raum lauerte, den Cäsar gerade in diesem Augenblick mied – absurd! Später habe Deiotarus zwar alle Anwesenden „Mitwisser“ verhaften lassen, einen Sklaven jedoch ließ er entlaufen, damit er von der geplanten Tat erzählte. Auch das ist absurd, der „Prozess“ endet ohne Urteil.

Für alle Reden gilt: Cäsar will mit den Begnadigungen seiner Gegner den Eindruck vermeiden, er habe geputscht. Der darin gezeigte „Großmut“ wird immer wieder angesprochen, und Cicero versteht es, in jeder Rede an diesen Großmut zu appellieren. Diese Appelle nimmt er als Vorlage für weitere Argumente.

  • Wie es weiter ging

Cäsar wird 44 ermordet. Ligarius ist unter den Attentätern. Cäsars drei Nachfolger bilden eine Arbeitsgruppe dreier Diktatoren, das Triumvirat. Die Begnadigungen unter Cäsar werden durch „Proskriptionen“ ersetzt. Das sind Listen von Leuten, die straffrei ermordet werden dürfen, darunter auch Cicero. Die Ermordeten finanzieren mit ihrem Vermögen den nächsten Bürgerkrieg. Auf den Bürgerkrieg folgt ein Kaiserreich und mit dem Kaiserreich zieht ein Personenkult mit brutalsten Auswirkungen auf die Bevölkerung ein. Die Republik wird nie wieder in Kraft gesetzt.

Karte # 28a: Nordengland und 28b: Das Empire 1760: „Longitude“ von Dava Sobel

Heute geht es um ein Buch, das 1995 ein Überraschungs-Bestseller wurde und heute schon ein Klassiker der geographiebezogenen Literatur ist.  Das Buch „Longitude“ von Dava Sobel habe ich als btb-TB mit 230 Seiten (deutscher Titel: „Längengrad“).

  • Das Setup

1707: 5 englische Kriegsschiffe fahren nach Hause. Ein Navigationsfehler lässt sie an den Scilly-Inseln zerschellen. Das lenkt das Augenmerk der Briten auf ein Problem, das es seit Beginn der Seefahrt gibt. Man konnte nicht feststellen, auf welchem Längengrad man sich befand. Händler, Reeder und Kapitäne fordern die Ausschreibung einer Prämie für denjenigen, der eine praktikable, einfache und möglichst genaue Methode findet, den Längengrad auf See zu berechnen. Ein Gesetz wird dafür beschlossen, der „Longitude Act“. Ein Kommission wird gebildet. Der Sieger soll 20000 Pfund erhalten. Es ist das Jahr 1714.

  • Die zwei Methoden

Bis dahin versuchten sich alle führenden Astronomen an der Methode der „Monddistanzen„. Der Mond durchwandert am Himmel die Sternbilder. Mit Hilfe der Abstände zu den Fixsternen konnte näherungsweise – und mit Hilfe eines sehr aufwendigen Verfahrens – die Länge festgestellt werden. Außer tagsüber oder wenn’s bewölkt war. Also nicht immer. Zur Entwicklung der Methode wurde ab 1675 am höchsten Punkt des Greenwich Park die Sternwarte gebaut. Problem: Die Berechnung ist kompliziert, und man braucht für alle wichtigen Orte Sterntabellen, die über Jahre im Voraus berechnet werden müssen.

Dann gab es noch Handwerker und Uhrmacher, die davon träumten, dass man durch den schlichten Vergleich der Uhrzeit auf dem Schiff mit der Uhrzeit des Heimathafens zum Ziel käme. Problem: Uhren gingen nicht genau (15 Minuten Abweichung pro Tag waren normal). An Land. Bei Salzluft auf schwankenden Schiffen noch viel mehr.

Keine der beiden Methoden erzielte einen entscheidenden Durchbruch.

  • Die Geschichte

1693 in Nostell Priory, West Yorkshire:  John Harrison wird geboren. Die Familie zieht bald nach Barrow am Fluss Humber. Auf der anderen Seite des Flusses liegt das Städtchen Hull. Harrison lernt Schreiner, wie sein Vater. Nebenbei baut er hin und wieder ein paar Uhren. Diese sind getischlert, also ganz ohne Metall. Den erste Höhepunkt erlebt Harrison auf dem Gut Brocklesby Park. Er baut eine Turmuhr. Harrison schreinerte die Uhr aus einem bestimmten Tropenholz, das kontinuierlich Fett abgibt. Auf diese Weise spart man es sich, die Teile regelmäßig zu ölen.

Irgendwann hat Harrison von dem Longitude Act erfahren. 1730 reist er nach London, um seine Konstruktionszeichnungen vorzustellen. Er sucht zunächst Halley auf (der mit dem Kometen). Der bringt ihn zu Graham, einem berühmten Uhrmacher. Harrison fährt mit einem zinsfreien Kredit heim.

5 Jahre später kehrt er zu Halley zurück. Im Gepäck eine Uhr, die er „H-1“ genannt hat. Halley stellt fest, dass die Uhr sehr genau geht, und dann geht’s zur Royal Society. Die Gesellschaft schickt Harrison und seine Uhr auf Seefahrt. Es geht nach Lissabon und zurück. Der Test verläuft außerordentlich erfolgreich.

Nun endlich ist es Zeit, die Uhr der Kommission vorzustellen, die über die 20000 Pfund entscheidet. Harrison macht einen entscheidenden Fehler: Er ist ein schlechter Verkäufer seiner Uhr. Ganz der Erfinder, der immer neuen Verbesserungen nachjagt, spricht er mehr über die Schwächen seiner Uhr als über die Stärken.

Harrison erhält also nicht den Preis, aber immerhin 250 Pfund Entwicklungszuschuss, damit er weiter arbeiten kann. Er zieht nach London um, baut die H-2 (Entwicklungszeit 5 Jahre) und später die H-3 (Entwicklungszeit weitere 19 Jahre). Von Zeit zu Zeit holt er sich von der Kommission 500 Pfund ab.

Das größte Problem ist, dass das Metall in den Uhren auf Temperaturen empfindlich reagiert (1 Grad Unterschied macht 15 Minuten Ungenauigkeit aus). Harrison erfindet eine Methode, wie sich die Reaktionen kompensieren. Das von ihm erfundene Objekt ist ein Streifen aus Messingblech und Stahl. Der ist unter dem Namen Bimetallstreifen bis heute im Einsatz. Außerdem entwickelte er einen neuartigen Mechanismus zur Reibungsverminderung. Auch der ist bis heute im Einsatz und heißt Kugellager.

In London lernt Harrison den Uhrmacher John Jeffreys kennen. Er baut auf Harrisons Anweisungen eine Taschenuhr. Diese wird die Grundlage für die kleinere H-4, die im Jahre 1759 fertig gestellt wird. Sie ist Harrisons Meisterwerk.

Jetzt aber betritt der Schurke der Geschichte die Bühne: Reverend Maskelyne ist Astronom und Anhänger der Methode der Monddistanzen, die er auch entwickelt. Er wird von den Astronomen in der Kommission unterstützt, die diese Methode als die überlegene sehen wollen.

Maskelyne fährt 1761 nach St. Helena, um den Venusdurchgang zu beobachten und viele Messungen durchzuführen. Derweil soll die H-4 auf ihre Seetauglichkeit getestet werden. Die Uhr fährt von Portsmouth über Madeira nach Jamaika und zurück. Der Test gelingt. Die Uhr geht über zwei Monate hinweg nur 10 Sekunden falsch. Die Längengrade werden korrekt berechnet. Die Kapitäne sind begeistert. Die H-4 hat alle Anforderungen des Longitude Act erfüllt.

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Das Preisgeld bekommt er trotzdem nicht. Maskelyne bringt auf anderen Gebieten gute Meßergebnisse aus Sankt Helena mit. Die Kommission entscheidet, das die H-4 nochmal auf Testreise gehen soll, diesmal nach Barbados. Dort wartet Maskelyne mit dem Auftrag, die Uhr zu prüfen. Doch er wird nervös und macht Rechenfehler. Die aber lastet er der Uhr an. Und schließlich verfügte Maskelyne selbst – mittlerweile Mitglied der Kommission – die Herausgabe aller Uhren an die Kommission. Immerhin bekommt Harrison jetzt das halbe Preisgeld zugewiesen.

Harrison soll als nächstes – ohne die Uhren und ohne Zeichnungen – zwei weitere Uhren bauen. Er baut die H-5. Der befreundete Uhrmacher Kendell baut im Taschenuhrformat eine weitere Uhr, er nennt sie K-1, ein exakter Zwilling der H-4.  James Cook nimmt die K-1 auf seine zweite und später auf seine dritte Reise mit. Cook ist voll des Lobes. Harrison, dem der volle Preis wieder mal vorenthalten wurde, wendet sich direkt an den König George III. Nach einigen Vorführungen der Uhr interveniert der König und Harrison bekommt den Rest des Preisgeldes zugesprochen.

1776 stirbt Harrison 83-jährig in London.

  • Wie es weiterging

In England entsteht ein neuer Industriezweig, der Bau von Schiffschronometern.  1815 gab es in England etwa 5000 dieser Uhren. Maskelyne entscheidet, dass der Bezugsmeridian zur Längengradberechnung durch Greenwich läuft. 1884 bestimmt eine Meridiankonferenz in Washington den Meridian von Greenwich zum Internationalen Nullmeridian. Harrisons Uhren – die im Brocklesby Park und die H-1 – laufen heute noch.

  • Bemerkungen

Es ist eine Geschichte so ganz nach meinem Geschmack. Ein Tischler aus der Provinz löst durch ständiges Forschen das größte Problem des Empires und gewinnt gegen alle Widerstände der honoren Gesellschaft. Die Autorin schafft es, den komplizierten Sachverhalt rund um Mathematik, Ingenieurskunst und Geographie spannend zu erzählen und dabei das Innenleben der Personen nicht außer acht zu lassen. Dieses essayistische Annähern an Sachthemen ist seltene Form der Erzählkunst. Das Buch fällt in die Rubrik: Viel gelernt und Spass gehabt.

http://en.wikipedia.org/wiki/Scilly_naval_disaster_of_1707

http://de.wikipedia.org/wiki/John_Harrison_(Uhrmacher)

Karten # 9 & # 10: 1822 – Pisa ohne schiefen Turm

Das nächste Buch ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein Leckerbissen. Die Handlung wurde durch den Besuch einer Buchhandlung ausgelöst. Es ist autobiographisch. Der Autor Edward John Trelawny steht nicht mal im deutschen Wikipedia. Er schrieb „Recollections of the Last Days of Shelley and Byron“, das 1858 erstmals in England erschien. Meine Taschenbuchausgabe trägt den Titel „Letzte Sommer“ und ist von 1998.

  • Das Setup

Edward John Trelawny ist lebenslustiger Engländer und mit einem Privateinkommen ausgestattet, das ihm Reisen auf den Kontinent ermöglicht. Es ist das Frühjahr 1821. In Lausanne besucht er regelmäßig eine Buchhandlung. Der Buchhändler schwärmt von einem jungen englischen Dichter namens Percy Bysshe Shelley. Wochen später in Genf begegnet Trelawny einem Vetter Shelleys. Durch einen weiteren Bekannten, Williams, kommt schließlich der Kontakt mit Shelley zustande. Eine weite Reise durch Europa führt Trelawny schließlich 1822 nach Pisa. (Anmerkung – es ist die gleiche Zeit, zu der in Russland Puschkins „Dubrowski“ zum Räuber wird)

  • Die Geschichte

Gleich am Tag seiner Ankunft in Pisa begibt sich Trelawny in die Tre Palazzi. Dort wohnen Shelley und Williams, der Freund aus Genfer Tagen, mit ihren Frauen. Als er den knabenhaft wirkenden Shelley zum ersten Mal trifft, kann er nicht glauben, dass dieser Jüngling Schriften verfasste, wegen deren „antichristlichem Inhalt“ er gemieden wird wie die „pestilenzische Krankheit“. Shelley ist ein Energiebündel und kennt nur drei Aktivitäten, er liest, schreibt oder schläft. Alles drei macht er auch gerne am Wasser. Dann ist er unauffindbar, woran sich aber alle schnell gewöhnt haben.

Am nächsten Tag gehen Shelley und Trelawny zu Lord Byron, der mit großer Equipage ebenfalls in Pisa lebt. Zu dritt reiten sie aus, vespern Wein und Kuchen, ballern mit Pistolen auf Münzen und Rohre und reiten wieder zurück. Überhaupt sind sie oft zu Pferde unterwegs. Schwimmen geht nicht, zum Leidwesen Trelawnys. Der war nämlich bei der Marine und ist ein leidenschaftlicher Schwimmer. Byrons Beine neigen zu Krämpfen und Zuckungen. Shelley kann gar nicht schwimmen. Byron hat außerdem Angst davor, dick zu werden und hungert viel. Byron ist misstrauisch gegenüber jedem und in Gesellschaft unausstehlich. Andererseits gilt er als unbedacht, sorglos und durch einen  frischen Geist leicht zu beeinflussen.

Shelley und Trelawny reiten nach Livorno, um Geschäfte zu erledigen. Sie unterhalten sich über Philosophie und Literatur. Trelawny vertritt den Standpunkt, dass die Vernunft und mit ihr die Wissenschaft die Erkenntnis zu neuen Höhen führen wird. Shelley hingegen hält die Vernunft für „von den Priestern verschüttet.“ Nur die kultivierte List und die Leidenschaften gewinnen die Oberhand.

Aus reiner Neugier gehen die beiden in Livorno zuerst an Bord eines griechischen Schiffes und anschließend an Bord eine amerikanischen Schiffes. Sie vergleichen die Schiffe und mit ihnen die Charaktere der beiden Völker in einem höchst unterhaltsamen Dialog.

Auf dem Rückritt (sagt man so?) beschließen die beiden, eine kleine Kolonie in der Bucht von La Spezia zu gründen. Es gelingt, die Herren Williams und Byron dafür zu begeistern. Williams kommt gleich mit, Byron bleibt jedoch in Pisa und will später nachkommen. Diese Zögerlichkeit wird ihm das Leben retten.

  • Pause

Zum Blick auf die Karte gibt es Cafe au Lait. Trelawny schätzt ihn bei seinen regelmäßigen Frühstücksgesprächen am Genfer See.

  • Weiter

In La Spezia beziehen sie einen kleinen verlassenen Palast, die Villa Magna. Sie geben den Bau zweier Boote in Auftrag. Die „Don Juan“ ist früher fertig und gehört Williams, die „Bolivar“ gehört Byron. Beide Schiffe werden mit Personal bestückt, die Herren Engländer schippern also nicht selbst.

Eines Tages wird Besuch aus Genua erwartet. Shelley möchte mit dem Schiff auslaufen, um Fische für das Gastmahl zu fangen. Er kehrt zurück, nackt und durchnässt und durchquert die Räume, wo der Besuch mit empörter Miene hinguckt. Die Episode veranschaulicht, wie unkonventionell sich Shelley stets verhielt.

Am 8. Juli 1822 fahren alle Mann mit beiden Schiffen nach Livorno. Schlechtes Wetter zieht auf. Die „Bolivar“ mit Trelawny an Bord wird von der Hafenpolizei angehalten und wegen fehlender Papiere am Auslaufen gehindert. Als das Gewitter verzogen ist, fehlt die „Don Juan“. Drei Tage später werden die Leichen von Shelley und Williams am Strand gefunden. Sie werden notdürftig im Sand vergraben, damit sie nicht weiter verwesen. Im August wurde werden sie dann im Beisein von diversen italienischen Beamten verbrannt. Der erforderliche Papierkram wie auch der Vorgang des Ausgrabens und Verbrennens wird sehr genau beobachtet und mit vielen physischen – und auf den Leser morbide wirkenden – Details geschildert.

Die späteren Untersuchungen des Schiffswracks ergeben, dass das Schiff von einer Feluke gerammt worden sein muss. Ein noch späterer Briefwechsel kommt zu dem Schluss, dass dies absichtlich geschah.

  • Anmerkungen

Dramatisch in der Handlung, tiefsinnig in der Dialogführung. Das Buch ist alles andere als ein Reisebericht, obgleich es Trelawnys Hobby war, durch Europa zu reisen. Sein Interesse galt einzig den beiden Dichtern. Deswegen tauchen die allgemeinen Sehenswürdigkeiten Pisas nicht auf. Das Buch ist ein eher Psychogramm und gibt einen kurzen Überblick über den Zeitgeist, der von der romantischen Dichtung geprägt war. Auch in England. Die Fortsetzung des Buches führt Byron und Trelawny nach Griechenland, wo sie am Freiheitskampf teilnehmen. Shelleys Witwe übrigens machte später noch auf sich aufmerksam. Sie ist die Autorin des Romans „Frankenstein“.

http://en.wikipedia.org/wiki/Edward_John_Trelawney

http://www.rc.umd.edu/reference/misc/shelleysites/italy/gulfofspezia/gulfofspezia.html

http://www.rc.umd.edu/reference/misc/shelleysites/italy/pisa/pisa.html