Karte # 7: Köln um 1300. Mit und ohne Bier

Ecce Colonia.

 

  • Das Setup

Im vorigen Beitrag hat Niklas das Brauerhandwerk gelernt und zog über mehrere Stationen nach Bitburg. Dort erlangte er Bürgerrechte. Mit all diesen Erfahrungen erfüllt er sich nun seinen Traum, sich in Köln als Brauer nieder zu lassen. Von den Erlebnissen in Köln und danach handelt dieser Beitrag, quasi als Fortsetzung des Beitrags von letzter Woche.

  • Die Geschichte

Niklas findet schnell ein Haus für seine Braustube. In Köln werden meist Kräuterbiere gebraut. Auch besondere Spezialitäten wie Honigbiere. Hopfenbiere sind unbekannt. Also läßt sich Niklas den Hopfen aus der Gegend von Bitburg (siehe Teil 1) kommen. Als nächstes will er Albertus Magnus besuchen, der ist aber schon zwei Jahre zuvor gestorben. Mit Bierspenden erkauft sich Niklas die Erlaubnis, den Kräutergarten von Albertus Magnus pflegen zu dürfen. Dort experimentiert er mit Hopfenpfanzen. Die Ergebnisse kann er dann in Holsthum umsetzen.

Er freundet sich mit dem Buchhändler Rosenzweig an, dessen Söhne in seiner Brauerei aushelfen. Bei einer Feuersbrunst im Judenviertel sterben Herr und Frau Rosenzweig. Niklas nimmt sich der beiden Söhne an.

Auf seiten der Kölner Bürger nimmt Niklas – gemeinsam mit den anderen Brauern der Stadt – an der Schlacht von Worringen teil, am 5. Juni 1288.

Bereits im Jahr zuvor starb ein Papst – Honorius IV. Das folgende Konklave war eines der längsten der Geschichte. Nach fast einem Jahr wurde ein Franziskanermönch gewählt, Nikolaus IV. Der neue Papst weiß ein gutes Bier zu schätzen. Der Kölner Erzbischof (Siegfried von Westerburg) hat von dieser Vorliebe erfahren. Um sich mit dem Papst zukünftig gut zu stellen, möchte Siegfried ihm das beste Bier Kölns schicken. Er entscheidet sich für Niklas‘ Bier. Der Papst ist so begeistert, dass er Niklas einlädt, im Vatikan zu brauen. Niklas lehnt ab, sendet jedoch regelmäßig Bier nach Rom. Im Sommer 1291 bekommt der Papst Durchfall. Niklas wird beschuldigt, schlechtes Bier geliefert zu haben. In einem Prozess vor einem Schöffengericht der Stadt wird er von diesem Vorwurf freigesprochen. Man entscheidet, dass das Bier auf der sechswöchigen Reise im Sommer unterwegs verdorben ist.

Im April 1292 stirbt Papst Nikolaus IV. Bier hat damit nichts zu tun.

Der erste Weihwasserautomat wird erfunden. Nach dessen Vorbild lässt sich Niklas einen Bierautomaten anfertigen. Schnell entsteht der Vorwurf, dass der Automat Trunkenheit fördere und auch den Verkauf von Alkohol an  Kinder zulassen würde. Also wird der Automat wieder abgeschafft.

Niklas hat sich nun unter den Kölner Brauern etabliert und versorgt die Dombaustelle mit Bier. Die Freundschaft mit dem Dombaumeister nutzt er für Werbezwecke. Er vereinbart, dass er auf dem Altargemälde als Apostel Thomas erscheint. Seinen Konkurrenten Bodo läßt er als Teufel malen. Ein Jahr später – es ist 1307 – geht das Altargemälde in Flammen auf. Bei Bodo gibt es tagelang Freibier.

Niklas‘ Tochter Agnes Maria erkrankt an Blattern. Sie überlebt zwar, ist jedoch teils gelähmt und verbringt den Rest ihres Lebens im Kloster Ebstorf. Niklas besucht sie mehrmals, und eines Tages reist er weiter nach Lübeck.

  • Pause

Zur Pause gibt es heute einen malzig schmeckenden irischen Whiskey aus Niklas‘ nun folgender Reise.

  • Weiter

In Lübeck, der Hauptstadt der Hanse, lernt Niklas, wie Malz aus verschiedenen Getreidesorten verschnitten wird. In Lübeck gibt es wiederum nur Kräuterbiere. Die Konkurrenz aus England ist groß, denn dort wurde ein Hopfenbier – das Ale – erfunden und wird exportiert. Niklas erhält die Erlaubnis, seine haltbaren Hopfenbiere im Namen der Hanse zu verkaufen und macht Geschäfte mit Händlern in Brügge und Antwerpen.

Nun betreibt Niklas für einige Jahre gute Geschäfte, die ihn zu einem reichen Mann machen. Im Frühjahr 1310 bricht er nach London auf, um sich mit dem dortigen Bier zu befassen und neue Geschäftsmöglichkeiten zu erkunden. Er lernt dort auch den wichtigsten Konkurrenten des Bieres kennen. Engländer destillieren aus so ziemlich allem Schnäpse. Auch aus Malz. Deswegen ist das uishe beatha, für Niklas besonders interessant.

Im Herbst 1310 fährt er zurück nach Köln. Ihm kommen beunruhigende Nachrichten entgegen, die zur traurigen Gewissheit werden: Während seiner Abwesenheit zogen Kölner Bürger brandschatzend durch das Judenviertel. Auch Niklas‘ Brauerei wurde zerstört. Der Mob ermordete die jüdischen Brauerjungen. Die Stadt Köln geht unangenehm schnell zur Tagesordnung über.

Niklas ist ein gebrochener Mann. Er zieht ins Kloster Urbrach, wo er sein Leben auf Papier – auch so eine neue Erfindung – niederschreibt und 1326 stirbt.

Dem Buch angehängt ist ein langer Epilog. Der Autor beschreibt dort den historischen Rahmen des Romans, und er wird so zu einem Nachschlagewerk.

  • Gedanken

Es ist weniger ein historischer Roman als ein Wissenschaftsroman. Die Handlung dreht sich um technischen Fortschritt. Die Produktionsmethoden von Bier werden immer weiter rationalisiert, das Bier geschmacklich verfeinert und haltbarer. Der Autor versteht es, seinen Helden an allen wichtigen Entwicklungen der Zeit teilhaben zu lassen. Der Leser nimmt an mehreren Revolutionen teil: Der Erfindung de Hopfenbieres, der Haltbarmachung des Hopfens, der Erfindung des Kühlschiffchens. Und auch wichtige gesellschaftliche und politische Ereignisse werden in die Handlung eingebunden, von der Entstehung eines Festes zu Beginn der Fastenzeit bis hin zu Kaiserkrönungen, wenn ein Tross mal kurz auf ein paar Fässer Bier vorbeischaut.

Das alles geschieht unspektakulär und wie zufällig. Daraus zieht der Roman seine Spannung. Der Aufbau des Buches, erst die Technik des Bierbrauens, danach die gesellschaftlichen Entwicklungen der Epoche einzubinden, sind für den Leser plausibel. Das Erscheinen des bösen Inquisitors erscheint jedoch aufgesetzt, und auch die Familiengeschichte ist für die Handlung nicht wichtig. Aber gerade das macht den Roman erfrischend anders.

Hier nochmal die Umgebungskarte.

Die Schlacht von Worringen

Siegfried von Westerburg

und nochwas zur Industriellen revolution des Mittelalters

Karten # 5 & # 6: Weihenstephan und Bitburg im Mittelalter: Hopfenbier und andere Revolutionen

In einigen der letzten Bücher spielte Wein eine Rolle. Zeit für ein wenig Abwechslung. Und natürlich habe ich den Text dazu: Der Bierzauberer von Günther Thömmes aus dem Jahr 2008 mit 374 Seiten.

  • Das Setup

Niklas wurde im Jahre 1248 in Franken geboren, als Sohn eines unfreien Bauern. Er hilft seiner Mutter gerne im Haushalt beim Bierbrauen, einer sehr schweren Arbeit. Eines Tages begegnet er einem Mann, der seinen Jungen im nahe gelegenen Kloster Urbrach abgeben möchte. Niklas schnappt die beiläufige Bemerkung auf, dass dort gutes Bier gebraut wird. Ab diesem Tag nervt er seinen Vater, dass er auch ins Kloster möchte. Mit 14 Jahren kommt er schließlich ebenfalls nach Urbrach. Damit beginnt seine Karriere als der beste Bierbrauer seiner Zeit.

Die Landkarte dazu. Die Reihenfolge der Stationen in der Geschichte ist blau-rot-grün.

  • Die Geschichte in den Klöstern

Niklas lernt zunächst viel über Getreide, er studiert Techniken des Brauens großer Mengen. Immerhin müssen viele Mönche das ganze Jahr über mit Bier versorgt werden. Die Biere sind Kräuterbiere. Je nach Zweck werden unterschiedliche Kräuter beigemischt, so dass ein Bier bekömmlich, durstlöschend oder heilend ist. Jedes Frühjahr gibt es dann das immer gleiche Problem: Die Kühlung des Bieres wird immer schwieriger. Bis dann – O Schreck – das Bier verdirbt. Eines Tages verkauft ein Händler dem Kloster etwas Hopphakraut. Das damit testweise gebraute Bier schmeckt bitterer als die Kräuterbiere, ist jedoch länger haltbar. Es entsteht ein Streit unter den Brüdern, am Ende setzt sich das Hoppha-Bier durch.

Der Klosterbraumeister verunglückt tödlich. Er stürzt kopfüber in den Bottich mit heißer Maische. Niklas, dem der Unfall von einigen Brüdern angelastet wird, verläßt das Kloster und zieht nach Weihenstephan. Dort wird seit Jahrhunderten mit Hopfen gebraut. Neues Problem: Der gelagerte Hopfen verliert schnell an Geschmack. Niklas gelingt es nach vielen Experimenten, Hopfen haltbarer zu machen. Das größte Problem besteht aber darin, die Maische abzukühlen. Das sollte stets so schnell wie möglich geschehen. Niklas erfindet das Kühlschiff. Das ist ein breiter, jedoch nur eine handbreit tiefer Behälter. Da hinein wird der Inhalt des Maischekessels gekippt. So kühlt die Maische schnell ab, und der Gärungsprozess kann zum optimalen Zeitpunkt beginnen.

1270 wird Weihenstephan von einem schweren Erdbeben weitgehend zerstört. Niklas zieht daraufhin nach St. Gallen weiter. Die Klosterbrauerei ist ein Großbetrieb mit drei Produktionsstätten, der täglich über 2000 Krüge verschiedener Qualitäten produziert. Für jeden Arbeitsschritt gibt es eigene Eisenkessel, Niklas lernt den Umgang mit Pech zur Abdichtung der Fässer. Später übernimmt er eine der drei Produktionsstätten, und zwar die des schrulligen Mönches Reginald. Niklas findet heimlich heraus, dass Reginald seine Kammer zur Giftmischerei umgebaut hat. Tatsächlich sterben ab im Kloster – es ist 1273 – immer mal wieder Menschen an Vergiftungen.

Reginald droht Niklas offen, ihn an die Inquisition zu verraten, worauf Niklas den Abt um Entlassung bittet. Auf der Heimreise findet er ganze Landstriche, auch sein Heimatdorf, von der Pest verwüstet. Heimatlos geworden, zieht er nach Regensburg, übernimmt eine Klosterschänke und heiratet Maria, die Tochter eines Handelskaufmannes.

  • Pause

Es gibt „Braces“. Einer der Klosterbrüder, ein Bäcker, sah seine Mitbrüder, wie sie mit verschränkten Armen auf Bier warteten. Diese verschränkten Arme inspirierten ihn zu einem Backwerk, das noch heute gerne zu Bier gereicht wird.

  • Weiter mit der Geschichte als Bürger

Die Klosterschänke in Regensburg floriert. Niklas ist jedoch noch immer im Stande eines Unfreien und möchte das ändern. Eines Tages besucht Albertus Magnus seine Braustube und erzählt vom Kölner Biersteuerstreit, den er – Albertus Magnus – zwischen dem Bischof und den Kölner Bürgern geschlichtet hat. Außerdem meint er, dass Niklas in Köln gute Chancen hätte, ein reicher Mann zu werden. Um sich auf die Tücken eines Leben als Freier Mann vorzubereiten, zieht Niklas jedoch zunächst nach Bitburg in die Eifel. Er läßt sich vom Rat der Stadt die Bürgerrechte vegeben. Er baut sich eine Brauerei und eröffnet mehrere Braustuben. In Holsthum gewinnt Niklas einen Hopfenbauern als Lieferanten. Das Geschäft floriert. Vor allen Dingen muss er schmerzhaft lernen, dass er nun Abgaben und Steuern zu entrichten hat. Es gibt Getreidesteuer für den Einkauf von Getreide, Büttensteuer für jedes verkaufte Fass, Biersteuer für den Ausschank und Malzsteuer für das Mälzen. Der Einfachheit halber sitzt Niklas im Sommer einmal im Schuldturm.

In Bitburg hat er außerdem einen Konkurrenten, Peter de Foro, der ordentlich Stimmung gegen ihn und sein Bier macht. Entnervt verkauft Niklas schließlich seine Brauerei für viel Geld an seinen Konkurrenten. Mit diesem Geld und seiner Familie macht sich Niklas nun auf nach Köln.

Diese Geschichte – und was sonst noch passiert – folgt nächste Woche. Hier noch die Orte der Handlung in Bitburg

Bitburg

Hopfenanbau in der Eifel

Die sehr gute Website der Brauerei Weihenstephan

Und noch was zu den Braces

Hanford, Oak Ridge, Los Alamos – Schenzingers Atom Teil 3

Ich tue mir schwer, Bücher zu lesen, die sich auf tatsächliche Ereignisse beziehen, wenn diese Ereignisse die Handlung maßgeblich begrenzen. Deswegen habe ich nie einen Pompeji-Roman gelesen. Man weiß schon vorher, dass der Vulkanausbruch alles zerstört und damit die Handlung beendet ist.

Um den dritten Teil von Schenzingers Atom habe ich mich aus ähnlichen Gründen gewunden. Der zentrale Punkt, auf den alles hinausläuft, steht fest. Andererseits: Die beiden ersten Teile waren gut, wenn auch für einen Laien wie mich nicht in jedem Detail sofort zu verstehen. Und so gebietet es die Höflichkeit, das Buch zu Ende zu lesen.

  • Das Setup

In Teil 1 wird beschrieben, wie Demokrit im antiken Athen ein Atommodell entwickelt, Professor Rutherford hat – zusammen mit vielen anderen Physikern – im Experiment ein Atommodell besätigt und weiter entwickelt. Davon handelt Teil 2. Teil 3 spielt hauptsächlich in den USA, von wo aus auch nach Berlin und nach Norwegen geschielt wird, denn die USA und Deutschland lieferten sich ein Wettrennen bei unvollkommener Information.

  • Die Geschichte

Niels Bohr und Fermi forschen in den USA, dort erreicht sie eine Nachricht von Dr. Joliot in Paris. Ihm ist es gelungen, die von Otto Hahn vermuteten Neutronen im Experiment nachzuweisen. Damit rückt die Möglichkeit einer Kettenreaktion näher. Bohr berichtet auf einem Vortrag in Princeton davon.
Allerdings ergibt sich ein neues Problem: Wenn Uran 235 beschossen wird, gibt es Neutronen ab. Diese werden von Uran 238 aufgefangen und von diesem quasi „vereinnahmt“. Um eine Kettenreaktion zu erreichen, müssen mehr Neutronen von Uran 235 abgegeben werden als von Uran 238 aufgenommen werden können. Es wird also viel Uran 235 benötigt. In natürlichem Uran ist Uran 235 aber nur spärlich enthalten.  Also muss es separiert werden. Bei den Versuchen hierzu entdeckt Bohr das neue Element Plutonium, erzählerisch schön zusammen gefaßt anläßlich eines weiteren Vortrages von Bohr an der Columbia University.

1940 richtet die Regierung in Washington auf Drängen Einsteins eine kommission ein, die sich um Mittelvergabe für die weitere Forschung kümmern soll, zunächst jedoch skeptisch ist, ob jemals konkrete Ergebnisse zustande kommen.
In weiteren Experimenten wird festgestellt, dass Plutonium die gleichen Spaltungseigenschaften besitzt wie U 235. Allerdings ist es leichter herzustellen. Dabei wird immer mal wieder über den Atlantik geschielt. Es ist bekannt, dass deutsche Wissenschaftler in Berlin-Dahlem und vor allen Dingen in Norwegen Atomforschung betreiben, aber niemand weiß, wie weit die Ergebnisse fortgeschritten sind.
Der japanische Überfall auf Pearl Harbor sorgt dafür, dass die Forschung an der Bombe mit unermeßlichen finanziellen Mitteln ausgestattet wird. Schnell gelingt es, in größerem Maße Plutonium herzustellen.
Anfang des Jahres 1943 wird in der Wüste südlich von Santa Fe ein Militärposten gebaut. In Tennesse, am Clinch-River wird ein Uranwerk gebaut, um das herum die Stadt Oak Ridge entsteht. Eine Plutoniumfabrik entsteht in Hanford im Staate Washington am Columbia River. Und in Wendover in Utah werden Piloten für einen Geheimauftrag ausgebildet. Der Posten in der Wüste heißt Los Alamos, keine Straßen führen zu ihm hin, die Post wird nach Santa Fe geschickt.
Der Krieg verdrängt die Frage, wofür die Energie verwendet werden kann, außer um Bomben zu bauen. Schnell ist klar, dass bei den Prozessen unendlich viel Energie frei wird. In Hanford geschieht das in Form von Wärme, der Columbia River wird mächtig aufgeheizt. Die Frage nach einer sinnvollen Verwendung der Energie wird jedoch wegen des Krieges nicht gestellt.

In weiteren Experimenten werden Spontanzündungen erreicht. Jedoch ist es nicht möglich, kontrollierte Zündungen zu erzeugen. Die entscheidende Idee ist es, die Kernmasse mit einem „Tamper“ zu umhüllen, einem Mantel, der die ausgworfenen Neutronen wieder in die Masse zurück schleudert, solange bis die Masse explodiert. Außerdem wird die Masse in zwei Teile zerlegt, die erst kurz vor der Zündung zusammen gesetzt werden.

Der fortschreitende Krieg zwingt Physikalische Heeresanstalt dazu, die Forschungsstätten von Berlin nach Haigerloch zu verlegen. Am 22.4.1945 beschlagnahmen amerikanische Soldaten alles.

Die Insel Tinian im Pazifik: Von dort aus werden regelmäßig Luftangriffe auf japanische Stellungen geflogen. Eine Einheit übt abgesondert und unter dem Spott aller für einen vermeintlichen Spezialauftrag. Schließlich treffen Flugzeuge und Piloten aus Wendover auf Tinian ein. Auf dem entscheidenden Flug unterhalten sich zwei Soldaten der Flugzeugbesatzung über einige philosophische Fragen.

  • ein paar Gedanken

Auch im Teil 3 ist mir die stakkatohafte Sprache Schenzingers aufgefallen, die für den 2. Teil typisch war und zu dem Wettlauf stilistisch passt. Im Vergleich zum 2.Teil hat sich nun das gesellschaftliche Klima verändert, das den Boden für die Forschungen bildet. Während zunächst der reine Erkenntnisgewinn im Vordergrund stand, ist nun der Krieg die Sache, die das ergebnis vorantreibt. Schenzingers Schreibstil passt zu dem immer schneller werdenden Wettlauf, der sich nun auf zwei Ebenen abspielt. Da ist einmal die wissenschaftliche Fragen, Uran 235 zu gewinnen oder Plutonium herzustellen wie auch mit der Frage der kontrollierten Zündung. Gleichzeitig findet der durch den Krieg getriebene Wettlauf statt.  Gegen Ende des Buches, wenn es um die erste Bombenzündung in Los Alamos geht, und das Leben der Fliegerstaffel beschrieben wird, läßt das Tempo nach. Zugleich verliert das Buch an Spannung, Die Stärke des Buches ist auf jeden Fall die Beschreibung des wissenschaftlichen Fortschritts.

Cannstatt, Rangun, Mount Everest: Die Starfield-Company als Fortsetzungsroman

Heute mal was ganz anderes. Ein echtes Zuckerstückchen habe ich bei den alten Zeitungen gefunden.

Es geht um 3 Ausgaben der „Württemberger Illustrierten  Zeitung“ aus dem Jahr 1929. Es handelt sich jeweils um eine 8-seitige Beilage der „Württemberger Zeitung“. Übrigens waren die Bezieher der Illustrierten kostenlos unfallversichert.

Hauptsächlich sind Bilder drin, wie sie bis heute so ähnlich in jeder Wochenendbeilage einer Zeitung zu finden sind. Da sind Bilder aus aller Welt: Originelle Faschingskostüme einer Berliner Kunstschule, Festlichkeiten zur Kaiserkrönung in Japan, die neue 100-Meter-Sprungschanze in Johanngeorgenstadt, Eisstockschießen in St. Moritz, ein Flugzeug fliegt 150 Stunden lang ohne Unterbrechung. Eine Riesensalami von 2 Metern Länge und 63 cm Umfang an der dicksten Stelle. Ein englischer Rennwagen fuhr mit 370 km/h Weltrekord. Und da sind regionale Bilder aus dem Schwäbischen: Bilder aus Cannstatt, Kirchberg (Jagst), aus Vaihingen, Schwenningen und eine Fotoreprtage über den Cannstatter Travertin.

Aber ist da noch der Fortsetzungsroman, und der hat es in sich. „Die Starfield Company“ von Wilhelm Ley. Wie man lesen kann, galt der Roman als verschollen, und ist vor wenigen Jahren limitiert und teuer wieder aufgelegt worden. Drei Fortsetzungen – keine Ahnung wie viele es insgesamt gab – habe ich vor mir.

Die Geschichte spielt etwa im Jahr 1995. Einer der Protagonisten, Frank Daybor wurde 1941 geboren. Ort der Handlung ist Indien, die Drehscheibe des Luftverkehrs zwischen Europa und dem Fernen Osten. Es ist englische Kolonie, und ein hoch entwickeltes Land.

1. Folge: 

Ein Flugzeug überfliegt den Himalaya auf dem Weg von Krasnojarsk nach Rangoon. Drei Männer sind an Bord, es sind Direktoren von Flugzeuggesellschaften. Sie beschließen, ihre Gesellschaften zu fusionieren, um dem Flugzeug als Verkehrsmittel zum Durchbruch zu verhelfen. Ihre größten Konkurrenten, die Zeppelingesellschaften, haben sich bereits zur Starfield-Company zusammen geschlossen.

Nahe des Mount Everest stürzt das Flugzeug ab. Direkt vor dem Absturz begegnete einem mysteriösen Flugobjekt. Dieses Objekt hat keinen Propeller, nur eine Metallscheibe am Heck.

Der Flugplatz der Starfield-Company in Rangoon bekommt Besuch. Frank Daybor, der Präsident des Flugzeug-Konzerns trifft zu Verhandlungen ein. Er erfährt vom Verschwinden des Flugzeuges. Die Präsidentin von Starfield, die Inderin Cora Samdarava, schickt eine Suchexpedition los, Daybor kommt mit.

8. Folge: 

Inzwischen sind weitere Flugzeuge verschwunden. Cora besuchte den Dalai-Lama auf der Suche nach Informationen, vergeblich. Sie und Daybor lieben sich. Sie fliegen nach Mandale. Die Untererdbahn-Stromlinieneisenbahn bis Asgan wird eröffnet. Die Eröffnung ist sehr feierlich und wird ausführlich geschildert, mitsamt des Presserummels. Dumm nur: Die Untererdbahn entgleist auf ihrer Jungfernfahrt mit viel Getöse. Das ist ein Beweis dafür, dass Schienenverkehr längst als überholt gilt.

Ein Professor Hall fliegt nun in Coras Flugzeug mit. Er berichtet davon, dass er einen zweiten Erdtrabant entdeckt habe. Er war bislang nicht sichtbar, weil er immer an derselben Stelle und immer am Tageshimmel stehe. Der Mond wird nach seinem Entdecker Hallmond genannt.

10. Folge:

Eine ganze Flotte von Luftschiffen macht Jagd auf die mysteriösen Luftpiraten. Deren Schiffe haben die Fähigkeit, alles schmelzen zu lassen, was sich zwischen einem ihrer Schiffe und einer Bodenstation bewegt. Die Flotte kann die beiden Flaggschiffe der Piraten außer Gefecht setzen. Etliche Begleitschiffe aber konnten entkommen. Wieder mysteriös: Sie entkamen senkrecht nach oben in den Weltraum.

Cora findet heraus, dass die Luftpiraten in Wirklichkeit aus einem anderen Sonnensystem kommen, wo sie vor dessen Zerstörung fliehen konnten. Sie haben die Elektrizität unterjocht und können Nullpunktenergie in Wärme verwandeln. Das ist ihr Antrieb und gleichzeitig ihre Waffe. Ihre Basisstation ist der neu entdeckte Erdtrabant. Da die Luftpiraten jedes Flugzeug vom Himmel holen, steht ein großer Krieg bevor.

Leider, leider habe ich nur drei Ausgaben der Zeitung. Ich würde mich über weitere Textstellen sehr freuen.

Paris – Montreal – Manchester – Cambridge – Berlin: Geburtsjahre der Kernphysik

Nachdem Teil 1 des Romans „Atom“ von Karl Schenzinger eine Sittengschichte des antiken Grichenland darstellte, springt das Buch für den Teil 2 in die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, genauer gesagt beginnt die Handlung 4 Jahre nach der Erfindung der Christbaumkugel. Die zentrale Figur der Handlung ist Ernest Rutherford. Schauplätze sind die wichtigsten Universitäten der damaligen Welt. Paris, Cambridge, Montreal, Berlin-Dahlem.  Die 10 Kapitel schildern episodenhaft die vielen Fortschritte, die in diesen Jahren in der Atomphysik gemacht wurden. Das Buch ist quasi eine Nummernrevue der Entdeckungen und Erfindungen. Oder ein Schaulaufen der Assistenten von Rutherford. In diesem Sinne:

Verehrtes Publikum

Hereinspaziert

 

Hier wackelt die Welt

  • Nummer 1

Paris: Am 18. Juni 1896 sitzt der Physiker Henri Becquerel im Dunkeln. Zufällig bemerkt er, dass ein Kristall aus Uransalz leuchtet und nicht mehr damit aufhört, und das, obwohl er (der Kristall) nicht bestrahlt wurde. Eine unbekannte Strahlung ist entdeckt. Sie wird weder geringer noch schwächer. Sie entsteht ohne plausiblen Grund. Als Quelle der Strahlung kommt nur Uranerz und Pechblende aus Sankt Joachimsthal in Frage.

Marie Curie sucht Becquerel auf, weil sie über diese Uranstrahlen promovieren möchte. Becquerel stimmt zu, nachdem er seine erste Skepsis überwunden hat. Maries Mann Pierre Curie liebt Feinmechanik und erfindet öfter mal neue und extrem feine Meßgeräte. Marie entdeckt, dass manche Elemente aktive Strahlung abgeben. Sie laugt Uranerz aus. Die Rückstände enthalten die Strahlen. Sie nennt diese Strahlung Radioaktivität. Außerdem entdeckt sie das Element Radium.

  • Nummer 2

Rutherford, gerade aus Christchurch, Neuseeland, nach Cambridge umgezogen, forscht mit den Strahlen weiter. Er entdeckt dreierlei Arten Strahlung, die er Alpha-, Beta- und Gammastrahlung nennt. Derweil bestellt Marie Curie in Sankt Joachimsthal 1 Tonne Uranerz. Überhaupt wird die Ärmste für den Rest ihres Lebens tagsüber Erz schaufeln.

Rutherford fährt nach Montreal an die McGill-Universität. Sein Assistent Owens entdeckt was Neues: die Thorium-Emanation. Sie ist ein Gas und nach 11 Stunden „verschwunden“.

  • Nummer 3

In Berlin entdeckt Max Planck das „Elementare Wirkungsquantum„. Es ist Herbst 1900. Strahlung ist nun nicht mehr kontinuierlich, sondern setzt sich aus vielen Quanten zusammen, denen jeweils eine Energiemenge innewohnt.

  •  Nummer 4

Rutherford und sein Assistent Soddy finden heraus, dass jede Emanation ein um die Zahl 4 kleineres Atomgewicht hat als das Element, von dem sie sich abgespalten hat. Weitere Experimente ergeben: Die Abspaltung ist Helium

Schließlich entdeckt Rutherford, dass die Strahlung sich in einem bestimmten Zeitraum halbiert, und zwar unabhängig vom Zustand und der Umgebung des Elements, und sich danach im gleichen Zeitraum wieder halbiert und so weiter.

  • Nummer 5

Man vermutet, dass Radiumstrahlung Krebs heilen kann. Folgerichtig entsteht eine Industrie um das Radium herum. Marie Curie steht vor einem Konflikt: Sie könnte sich die Methode zur Gewinnung von Uransalz patentieren lassen und reich werden, oder diese Methode als Wissenschaftlerin publizieren. Sie entscheidet sich für Letzteres.

Derweil erhält Rutherford – nun in Manchester – einen Assistenten namens Hans Geiger. Der erfindet ein Zählrohr für Alphateilchen. Nun kann man also die Menge der Alphateilchen messen. Außerdem erhält Rutherford noch einen Assistenten, Otto Hahn. Er forscht an der Anfangsgeschwindigkeit der Alphateilchen. Das wird später wichtig werden.

1908: Rutherford erhält den Nobelpreis.

  • Nummer 6

Rutherford schießt Alphateilchen (die sind positiv geladen) gegen Goldblättchen. Das Experiment ist berühmt. Das unerwartete Ergebnis: Einige Teilchen wurden von den Goldblättchen zurück geschleudert statt sie zu durchdringen. Die Elektronen im Atom sind negativ geladen. Also dürften sie die Alpha-Teilchen nicht abstoßen. Wenn sie sich aber abstoßen, dann gibt es im Atom auch positiv geladene Teilchen. Wenn es aber positiv geladene Teilchen gibt, dann müssen Abstände zwischen den beiden Teilchen liegen, sonst würden sie auseinanderfallen.

Weitere Experimente ergeben: Das Atom enthält nicht nur positive Protonen und negativ geladene Elektronen, sondern es müßte auch noch Neutronen enthalten, Teilchen, die Masse, aber keine elektrische Ladung enthalten. Die positiv geladenen Teilchen – Protonen – bedingen die Kernladung des Elements, aber nicht sein Gewicht. Elemente mit gleicher Ladung, aber verschiedenen Atomgewichten, heißen von nun an Isotope (isos=gleich, topos=Platz)

Rutherford erhält mal wieder einen neuen Assistenten: Niels Bohr. Er entdeckt, dass ein Atom durch Energiezufuhr in Unruhe gesetzt wird. Dann tragen die Elektronen ein höheres Mass an Energie.

  • Nummer 7

Rutherford, mittlerweile in Cambridge, experimentiert weiter. Ein Alphateilchen mit 2 Ladungen trifft auf Sauerstoff mit 7 Ladungen, schlägt ein Proton heraus, es bleibt ein Element mit 8 Ladungen übrig, das ist Stickstoff. „Der fundamentale den Satz von der Unwandelbarkeit der Elemente ist widerlegt.“

  • Nummer 8

Marie Curie muss immer noch und immer wieder Pechblende auslaugen, um daraus Radium zu gewinnen. Eine amerikanische Zeitungsbesitzerin beginnt eine Spendenaktion und schließlich überreicht US-Präsident Harding ihr das Gramm Radium. Und die Tocher Irene Curie lernt Dr. Joliot kennen. In der Sache forscht Chadwick (ein Assistent Rutherfords) daran, die bislang nur theoretisch bekannten Neutronen in Experimenten zu beweisen. Sie wären wegen ihrer neutralen Ladung ideale Objekte, um Atomkerne zu beschießen.

  • Nummer 9

Geiger und Chadwick weisen das Neutron im Experiment nach. Chadwick sucht weiter, wie er Teilchen mit weniger Ladung, aber mehr Masse und größerer Geschwindigkeit auf Atomkerne schießen kann. In der Abfolge vieler Experimente erfinden Urey und Lawrence das Zyklotron. Das ist ein Teilchenbeschleuniger, für dessen Erfindung es auch den Nobelpreis gab.

Rutherford stirbt und wird neben Newton beigesetzt.

  • Nummer 10

Otto Hahn beschießt einen Urankern mit Neutronen. Es entstehen Barium, Krypton sowie 10 neue Neutronen. Joliot beweist Hahns Entdeckung im Experiment.

Für mich – als bis dato von Kernphysik Ahnungsloser – war es schwer zu lesen. Das hat natürlich damit zu tun, dass mir der Kern der Materie (war’n Witz) völlig fremd war. Aber gerade deswegen wollte ich um jeden Preis durch. Und natürlich mußte ich meinen eigenen Zugang dazu finden.

Die Personen und deren Entwicklung sind in Teil 2 Nebensache. War in Teil 1 noch Demokrit und sein Atommodell erzählerisch in den Trubel des lebendig geschilderten Athen eingebunden, liegt im Teil 2 der Schwerpunkt darauf, die wissenschaftlichen Fakten darzustellen. Dieser Teil erscheint wie ein in essayistischem Stil verfasstes Sachbuch. Schlag auf Schlag wird entdeckt, erfunden, expermientiert, entwickelt, geforscht, publiziert, vorgetragen. Entweder wird etwas Neues entdeckt, oder es werden Apparate erfunden, mit deren Hilfe weitere Entdeckungen möglich sind. In jedem Kapitel wird die Erforschung des Innenleben der Atome um mindestens einen Schritt voran gebracht. Jede Entdeckung ist in eine Geschichte verpackt, in der die Wissenschaftler ihr Handeln im Dialog erläutern. Das immerhin erscheint mir nach dreimaligem Lesen verstehbarer als zuvor.
..if your standards are not too high…