Karte # 58: – „Ein Winter auf Majorca“ von George Sand

Wenn’s denn nötig ist, darüber zu sprechen: Ich habe zweijähriges Blogjubiläum. Meine Güte verging die Zeit schnell. Seither hat sich der Blog anders entwickelt als ich erwartet habe. Und Spass machte es bisher obendrein. Deswegen ein kurzer Dank an alle, die geguckt, geklickt, gelesen und kommentiert haben.

Zum Jubiläum habe ich den allerersten Beitrag, den ich für den Blog schrieb, überarbeitet und runderneuert.

Los ging es damals mit einem Klassiker der Reiseliteratur:

George Sand (deren bürgerlicher Name nicht ganz poesieavers  Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil lautet) war eine französische Schriftstellerin. Sie überwinterte 1838 / 1839 auf Mallorca. Mit dabei waren ihre beiden Kinder Maurice und Solange und ihr Freund. Letzterer war Frederik Chopin, der im Buch nie namentlich erwähnt wird, sondern stets als „unser Kranker“.

  • Das Buch

Einen Reisebericht hatte George Sand zunächst gar nicht geplant. Jahre später besuchte und beschrieb der Maler  J.B. Laurens die Insel Mallorca auf einer Kunstreise. „Un hiver a Majorque“ ist als Kommentar und als eine Art Antwortbuch zu Laurens‘ Reisebeschreibung gedacht. 1845 wurde „Un Hiver a Majorque“ erstmals veröffentlicht. Zuvor versuchten 40 mallorquinische Advokaten, die Veröffentlichung zu verhindern. Dazu später mehr.

Ich habe eine deutsche Übersetzung eines Dr. Elsner aus dem Jahr 1846 in einer Ausgabe  aus Palma, ca. 1974. Vermutlich die „Touristenauflage“, die man kaufte, um nicht nur Nippes nach Hause zu bringen.

Das Buch dreht sich in drei Teilen und 198 Seiten rund um die Insel. In Teil 1 lernt der Leser die geographischen, ökonomischen und kulturellen Besonderheiten kennen. Teil 2 beschreibt einige Stadtrundgänge durch Palma. Im dritten Teil wird das Leben in Valldemosa beschrieben. Auch hier geht es um Kultur und Geschichte, es kehrt jedoch eine wohltuende Leichtigkeit in den Text ein.

  • Ankunft in Palma

Im ersten Teil beschreibt Sand die Ankunft auf der Insel im Herbst 1838 und die ersten Schritte, sich mit Land und Leuten vertraut zu machen. Nach der Ankunft in Palma stellt sie fest, dass es nur wenige – und heruntergewirtschaftete – Unterkünfte gibt. Nach kurzem Intermezzo direkt in Palma mieten die Reisenden eine Villa in Establiments, einem nördlich gelegenen Vorort.

 

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  • Obst und Schweine

Die geographischen Artikel erzählen von der schlechten Infrastruktur und davon, dass die Mallorquiner den fruchtbaren Boden mit einfachen Mitteln bebauen müssen, damit aber ganz gut klarkommen. Das Getreide ist fein und wird nach Barcelona exportiert. Olivenbäume tragen reichlich, die Früchte werden in Spanien jedoch zu schlechten Preisen verkauft, weil das Angebot zu groß ist. Außerdem gibt es Feigen, Orangen (bei dem Dorf Soller), Mandeln und Zitronen „groß wie Kindsköpfe“ (bei La Granja).

Anschließend erzählt Sand von Mallorcas neuem Reichtum. Die Regierung in Madrid erlaubte es der sonst restriktiv beherrschten Insel, Schweine zu züchten und auf das Festland zu exportieren. Also wurde die komplette Infrastruktur auf die Zucht und den Transport von Schweinen eingerichtet. Dies führte zu etlichen amüsanten Situationen, so als auf einem Passagierschiff die Passagiere den Schweinen weichen mussten. Diese ausführliche Schilderung der mallorquinischen Schweinezucht ist das Kapitel, welches das Buch zum Skandal machte und die Advokaten auf den Plan rief.

Es folgen noch zwei poetische Kapitel, in denen Sand die wildromantische Natur und den Reichtum an unterschiedlichsten Geräuschen schildert.

  • Noch einmal Palma

Der zweite Teil des Buches beschreibt die Sehenswürdigkeiten Palmas. „Der Charakter eines Volkes offenbart sich in Costümen und Ameublement“, und deswegen wird nochmals das Innenleben der Villen beschrieben. Die Börse, die Kathedrale werden besichtigt, wie auch der Palacio Real und die große Bibliothek. Sie schlendert durch die Ruinen des Dominikanerklosters. Sand steht dabei unter dem Eindruck der Zerstörungen, die 1836 – zwei Jahre zuvor – im Rahmen einer Säkularisationswelle Mallorca heimsuchten. Das Kapitel ist entsprechend schwermütig. Sand zitiert einen Erlass aus dem Jahr 1836. Mit diesem Erlass wurden alle Klöster mit weniger als 12 Mönchen säkularisiert, etliche auch zerstört. Die Autorin geht intensiv darauf ein.

Die Geister zweier Mönche wandern durch das Inquisitionskloster und unterhalten sich über Kunst und Religion. Schließlich berichtet Sand über die grausamen Verbrechen der majorquinischen Inquisition. Es folgt nochmal ein kleiner Bericht über die Geschichte des Dominikanerklosters. Sie begibt sich dabei auf Spurensuche nach Vorfahren Napoleons großmütterlicherseits, deren Wappen auf der Insel anzutreffen ist.

  • Valldemossa

Der Zustand „unseres Kranken“ veranlasst sie dazu, Establiments zu verlassen und eine neue Unterkunft im Kartäuserkloster von Valldemossa zu finden. Der dritte und letzte Teil des Buches handelt von der Zeit dort. Es gibt unterhaltsame Begegnungen mit den Bauern am Ort, einige arme Bewohner treiben sich regelmäßig im Kloster herum. Einmal feiern alle Einwohner des Ortes – reiche und arme – den Aschermittwoch mit lauter Musik, Geschrei und Vogelmasken. Es folgen ein paar Spaziergänge an die Küste.

Den Rundgang durch das Kloster schmückt die Autorin mit zwei erfundenen Figuren, einem Mönch aus dem Mittelalter und einem zeitgenössischen Mönch. Eine kurzer Abriss der Geschichte christlicher Mission in  Mallorca folgt. Da darf natürlich auch Catalina Tomas nicht fehlen, die einzige Heilige Mallorcas. Sie lebte ebenfalls in Valldemosa, starb dort 1572, wurde 1792 selig und später heilig gesprochen. Anschließend geht es ums Essen, das aus 2000 Schweinefleischgerichten und ca. 200 Sorten Würsten bestand. Das meiste schmeckte so übel, dass die Reisenden sich später hauptsächlich von Trauben ernährten.

Nach der Heimreise wurde Chopin rasch wieder gesund.

Das Buch steckt voller Überraschungen. Sachliche Rundgänge, historische Abhandlungen, poetische Artikel, Witziges und Schwerfälliges wechseln sich ab. Unterhaltsam.

Was sonst geschah

1847 trennten sich Sand und Chopin, zwei Jahre vor dem Tod des Komponisten.

George Sand starb 1876 auf ihrem Familiensitz in Nohant. Nohant ist heute ein Kulturzentrum, das der französischen Denkmalbehörde gehört.

La Granja ist heute ein Freilichtmusuem.

Das Originalmanuskript des Buches befindet sich im Kloster Valldemosa

Karte # 25 Nordsee und # 26 Helgoland bis Hamburg: „Under False Colours“ von Richard Woodman

Heute geht es um einen unterhaltsamen und schnell zu lesenden Historischen Roman. „Under False Colours“ von Richard Woodman ist der 10. Band einer Reihe von Romanen rund um Captain Drinkwater. Er erschien 1991. Ich habe die Übersetzung von U. Minge aus 1998 mit 238 Seiten., Titel „Unter falscher Flagge“.

  • Das Setup

1806 errichtet Frankreich die Kontinentalsperre. Auf diese Weise soll zunächst Handel mit England unterbunden werden. Spätere Verschärfungen verbieten jeden Handel mit Waren, die irgend einen Bezug zu England haben. 1807 verbünden sich Frankreich und Russland im Frieden von Tilsit. Russland tritt der Kontinentalsperre bei. Helgoland wird von England besetzt. Es dient als Umschlagplatz für Waren, die trotzdem aufs Festland geschmuggelt werden sollen und als Stützpunkt für jede Menge Geheimoperationen.

Der Roman spielt im Winter 1809 / 1810 und beginnt in London. Die Hauptfigur ist Captain Drinkwater. Er wird von Lord Dungarth protegiert, von dem er auch vertrauliche Aufträge erhält. In diesem Roman kommen dazu:

  • auf englischer Seite: Captain Littlewood auf der „Gallywasp“, Lt. Quilbury auf dem Kanonenboot „Tracker“, Captain Grisham auf der „Ocean“.
  • auf französischer Seite: Mr. Thiebaut und der „Eiserne Marshall“ Davout.
  • auf ökonomischer Seite: Mr. Solomon in London und Herr Liepmann in Hamburg. Sie handeln mit den Waren, die auf den Schiffen transportiert werden.
  • auf mysteriöser Seite: Madame Hortense Santhonax. Sie wurde von Lord Dungarth bei Carteret gerettet und nach Criel gebracht. Danach hat sie sich in den französischen Offizier Santhonax verliebt und die Seiten gewechselt. Drinkwater hat diesen Franzosen im Gefecht erschossen, wovon sie aber nichts weiß.
  • Die Geschichte

Drinkwater bekommt den Auftrag, eine Ladung Stiefel und Mäntel auf den Frachter „Gallywasp“ zu verladen. Das Schiff soll dann nach Riga fahren und die Ladung dort löschen. Gleichzeitig wird auf verschiedenen Kanälen die Information gestreut, dass Russland mit England Handel treibt und so die Kontinentalsperre unterläuft. Sinn des Ganzen: Frankreichs Vertrauen in Russland als Bündnispartner soll untergraben werden.

Die „Gallywasp“ fährt von London ab, muss vor Gravesend einem Ostindienfahrer ausweichen und beobachtet bei Tilbury einen Milan. Dann geht es nach Norden bis Orfordness. Dort vereinigen sie sich mit der „Tracker“. Ab Whitby sollen sie nach Nordosten Richtung Skagen, der nördlichsten Stadt Dänemarks, fahren. Ungünstige Winde und ein heftiger Sturm treiben die „Gallywasp“ nach Helgoland ab, die „Tracker“ geht verloren.

Auf Helgoland wird die Mannschaft zwangsweise einquartiert. Nach einigen Monaten bekommt Drinkwater einen geänderten Auftrag. Die Ostsee ist nun zugefroren. Deswegen soll die „Galliwasp“ bis Hamburg fahren und die Ladung dort verkaufen, das ganze in Begleitung des Frachters „Ocean“ unter Captain Gilham. Wegen der Kontinentalsperre werden die Schiffe mit der amerikanischen Flagge beflaggt.

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  • Das Abenteuer Hamburg

Die Schiffe fahren über Neuwerk, an Cuxhaven, Altenbruch und Otterndorf vorbei bis Brunsbüttel. Ein französischer Offizier, Thiebaut, übernimmt die Kontrolle und befiehlt die Fahrt nach Hamburg. Dort werden Drinkwater und Gilham von Thiebault als Geisel genommen. Thiebaut weiß um den Handel mit England und will weitere Schiffe abwarten, denen er Waffen und Zucker abkaufen kann.

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Im Januar 1810 ändern sich die Verhältnisse in Hamburg. Davout, der „Eiserne Marshall“ übernimmt das Regiment. Er läßt Drinkwater zum Verhör kommen, was zunächst harmlos verläuft. Dann wird Hortense vorgeführt. Sie ist nun die Geliebte Talleyrands, Drinkwater hat Angst, dass sie ihn verraten wird. Die beiden wechseln kein Wort miteinander. Als nächstes müssen Drinkwater und Gilham der Erschießung eines Zuckerschmugglers beiwohnen. Dann geht es weiter in ein Lazarett nach Altona, in dem ein spanischer Arzt arbeitet. Dort treffen sie auf Überlebende der „Tracker“ und beschließen die gemeinsame Flucht.

Der Spanier informiert Liepmann, der die Flucht unterstützt und zwei Fluchtboote stellt. In der fraglichen Nacht fliehen die Jungs der „Tracker“ aus dem Hospital. Drinkwater geht zu Liepmann und in seinem Haus trifft er – Hortense. Drinkwater ist entsetzt, denn er befürchtet immer noch, dass Hortense ihn verraten könnte. Sie aber hat andere Pläne und übereicht Drinkwater Papiere für Lord Dungarth. Drinkwater flieht am nächsten Tag unter Liepmanns Schutz. Am Ufer trifft er auf den spanischen Arzt und Lt. Quilhampton. Der Arzt musste Quilhampton kurz zuvor wundbrandbedingt einen Armstumpf weiter verkürzen. Sie nehmen sich eines von Liepmanns Booten und rudern die Elbe abwärts.

Eisschollen erschweren das ganze ebenso wie der Beschuss durch französische Soldaten. Beste Szene: Die Einschusslöcher des Fluchtbootes kann Drinkwater mit einer Hartwurst verschließen. Sie schaffen es bis Scharhörn. Dort werden sie von einen englischen Schiff entdeckt.

  • Was weiter geschah

Hortense stirbt bei dem – historisch verbürgten – Brand der habsburgischen Botschaft in Paris am 1. Juli 1810. Russland scheidet Ende 1810 aus der Kontinentalsperre aus. Frankreich antwortet mit Krieg. Manipulationen des Getreidepreises machen „Vater Goriot“ reich. Die Romanserie um Captain Drinkwater geht weiter und umfasst am Ende 14 Bände.

  • Bemerkungen

Es handelt sich um einen gradlinig geschriebenen Abenteuerroman. Dennoch ist er schwer zu lesen. Das liegt daran, dass sehr viel seemännisches Fachvokabular verwendet wird. Da streicht eine Landratte wie ich schnell mal die Segel.

Bitte schreibt mir eure Meinung zu dem neuen Kartenformat. Stepmap bietet große Vorteile bei überregionalen Karten, weil man die Karten individuell beschriften kann. In 9 von 10 Fällen ist das gut, aber es gibt Ausnahmen, wo ich auf Google-Maps zurückgreifen mag. Außerdem ist die stepmap-Karte fixiert. Bei Google kann man auf „view larger map“ klicken und so mit der Karte spielen. Bei Stadtplankarten von Stepmap kann man leider den einmal gewählten Bildausschnitt nicht mehr ändern. Deswegen entscheide ich von Fall zu fall, wo ich die Karte erstelle.

Wien am 7. Februar oder: Bücher haben keine Musik

Wien. Es ist der 7. Februar.

  • Das Setup

Ein Militärpolizist (Der Ich-Erzähler) und ein abgehalfteter Schriftsteller treffen sich bei einer Beerdigung. Sie kommen ins Gespräch, das gemeinsame Thema ist der Beerdigte, ein Doktor der Medizin. Er wurde vor seinem Haus von einem Auto überfahren.

  • Die Geschichte

Nach zwei Tagen treffen sie sich wieder, und der Schriftsteller erzählt, was er seit dem Begräbnis erlebte. Er traf einen Bekannten des Beerdigten, um etwas über den Tod seines Freundes zu erfahren. Dieser Bekannte war Zeuge des Unfalls und half, den Verunglückten weg zu tragen. Er erzählt von einem weiteren Zeugen, einem Amerikaner namens Cooler. Langsam dämmert dem Schriftsteller, dass mit diesem Unfall möglicherweise etwas „nicht stimmt“. Danach trifft der Schriftsteller die Freundin des Verstorbenen, eine Schauspielerin. Er erfährt weitere Einzelheiten über den Tod seines Freundes, der immer mysteriöser erscheint (der Freund ebenso wie sein Unfall).

Der Schriftsteller besucht als nächstes den Arzt des Verstorbenen. Der ist sehr einsilbig und widmet sich während des Gesprächs lieber seiner Sammlung von Kruzifixen, die er permanent gerade hängt. Schließlich geht der Schriftsteller nochmal zu dem Haus, in dem sein Freund wohnte und vor dem er überfahren wurde. Ein Bewohner, Herr Kuhn, erzählt, dass er drei Männer sah, die den Leichnam weg trugen. Bisher war nur von zweien die Rede. Wer aber war – „Der Dritte Mann“.

  • Pause

Den Film kennt jeder, den Roman von Graham Greene nicht. Ich fand eine Ausgabe aus dem Jahr 1952.

Der Militärpolizist ist der britische Polizeioffizier Calloway. Der Schriftsteller Rollo Martin wohnt im „Hotel Sacher“. Die Schauspielerin heißt Anna Schmidt und hat ein Engagement im Theater an der Josephstadt. Sie ist Ungarin und hat gefälschte Papiere und Angst vor den Sowjets. Der Beerdigte ist natürlich Harry Lime.

  • Weiter in der Handlung

Rollo Martins macht den Amerikaner Cooler ausfindig und erzählt vom „Dritten Mann.“ Anschließend besucht er Anna Schmidt in ihrer kleinen und eiskalten Wohnung. Um das Geheimnis von Harrys Verschwinden zu klären, wollen sie noch einmal in Harrys Wohnung gehen. Vor dem Haus ist eine Menschentraube, weil Herr Kuhn, der Zeuge, ermordet wurde. Ein britischer Militärpolizist gabelt Rollo bei einer Autorenlesung auf und bringt ihn zu Calloway.

Calloway eröffnet Martins, dass Harry Lime der Kopf einer Bande sei, die Penicillin stiehlt, anschließend verdünnt bis es fast wirkungslos ist und dann an Ärzte weiter verkauft. Martins betrinkt sich und geht zu Anna. Er erzählt ihr die Neuigkeiten und sagt ihr, dass er sie liebt. Sie wirft ihn raus. Auf dem Heimweg sieht er im Lichtschein einer Straßenlaterne eine Gestalt, die Harry Lime ähnelt. Sie verschwindet unter einer Litfaßsäule in der Kanalisation Wiens. Verwirrt kehrt Rollo zu Anna zurück, es ist 4 Uhr morgens. Anna wurde jedoch in der Zwischenzeit von einem russischen Besatzungsoffizier entführt. Calloway erfuhr davon. Es gelingt, den russischen Wagen anzuhalten, der sich noch in der englischen Zone befindet und Anna zu befreien.

Über Kurtz läßt Rollo Harry Lime ausrichten, dass er am Riesenrad auf ihn wartet. Lime kommt zu dem Treffen, sie fahren eine Runde Riesenrad. Martins will Lime vom Unrecht seines Tuns überzeugen, Lime rechtfertigt sich. Beide denken dabei permanent darüber nach, dass die Gondel ein perfekter Ort wäre, den anderen umzubringen.

Noch einmal treffen sich Calloway und Rollo. Rollo soll Anna nun überreden, Lime aus der russischen Zone heraus zu locken. Sie lehnt ab. Rollo bietet nun Calloway an, den Lockvogel zu spielen. Er fädelt den Kontakt ein und wartet in einem Kaffeehaus. Lime kommt tatsächlich, ein Fehler Rollos sorgt dafür, dass Lime die Situation durchschaut und flieht. Nun beginnt die Verfolgungsjagd durch die Kanalisation.

Vier Schüsse fallen: Harry schließt einem Polizisten die Taschenlampe aus der Hand. Ein zweiter Schuss tötet den Polizisten, den dritten Schuss feuert Martins, der von Calloway eine Pistole bekam, auf Harry ab. Als sie sich gegenüber stehen und Harry schwer verwundet im Sterben liegt, schießt Rollo ein letztes Mal.

Es ist eine Woche nach dem 7. Februar. Harry Lime wird beerdigt. Anschließend entschwinden Anna und Rollo untergehakt Calloways Blicken.

  • Persönliches

Wow. Ausatmen. Ein brillanter Krimi, erzählt in mehreren Ebenen von Rückblenden, trotzdem temporeich und mit einem spannenden Schluß, mit Einfühlungsvermögen in die Figuren und einer dichten Atmosphäre. Der subtile britische Humor des Ich-Erzählers Calloway kommt sehr gut zur Geltung. Trotzdem: ich habe den Film so oft gesehen, dass ich mich nicht von seinen Bildern lösen konnte, erst recht nicht von der Musik, die den Bildern etwas Mystisches gibt. Graham Greene selbst schrieb im Vorwort über die Unterschiede zwischen Buch und Film. Hier im Text sind deren vier versteckt.

Der Ort der Handlung ist Wien. Die Kärtnerstraße, der Zentralfriedhof. Die Ringstraße mit ihren mächtigen Statuen. die Cafes und natürlich der Prater mit dem Riesenrad. Auch die Aufteilung Wiens zwischen den vier Siegermächten wird immer wieder thematisiert. Und natürlich die Kanalisation, denn „wir leben über einer Höhlenlandschaft von Wasserfällen und rauschenden Flüssen.“

Sewastopol im Dezember 1854. Tolstoi.

Der Text ist eine Miniatur, die Reklamausgabe von 1992 packt ihn gerade mal in 20 Seiten. Tolstoi schrieb „Sewastopol im Dezember“ als Teil der Sewastopoler Erzählungen. Grundlage waren seine Erlebnisse im Dezember 1854, als Sewastopol während des Krimkrieges von französischen und englischen Truppen belagert wurde. Die Ereignisgeschichte ist allenthalben nachzulesen. Die Erzählung ist ein sehr spezieller eintägiger Stadtrundgang. Beginnend um 8 Uhr morgens zieht der Autor von Ort zu Ort innerhalb der belagerten Stadt und nimmt den Leser auf eine sehr beeindruckende Weise mit.

Die Stadt bietet in diesen Kriegsmonaten eine „seltsame Vermischung städtischen Treibens mit dem Lagerleben“. Am Hafen geht es laut zu. Es mengen sich Matrosen mit Hafenarbeitern und Menschen, die Leichen abtransportieren. Tolstoi legt zu einer kurzen Bootsfahrt ab, die ihn an vertäuten Schiffen vorbei zur Grafskaja führt. Dort geht er an dem Gewimmel von Menschen vorüber zur alten „Adelsversammlung“. Sie ist zu einem Lazarett umfunktioniert. Er besucht die Krankenstation, wo er mit Verwundeten spricht, die auf ihre Heilung hoffen. Gleich nebenan ist der Operationssaal, in dem Ärzte dem „wohltätigen Werk des Amputierens“ nachgehen. Etliche Soldaten reden mit Stolz von der „vierten Bastion“.

Also entscheidet sich Tolstoi dafür, diese Bastion zu besuchen. Auf dem Weg dorthin – bei leichtem Nieselregen – geht er zunächst an der Kirche und der Barrikade vorbei in den belebtesten Teil der Stadt. Händler, elegante Offiziere und Frauen mit Hüten erwecken den Eindruck von Normalität. Er kehrt in ein Wirtshaus ein, hört den Soldaten zu. Er setzt seinen Rundgang fort, passiert verlassene Häuser, danach zerstörte Häuser, danach Trümmerhaufen aus Stein und Brettern und schließlich wassergefüllte Trichter. Schließlich steht er in der „Janowschen Redoute“, einer Art Vorposten, von dort geht es weiter durch Laufgräben, bis er in der Bastion ankommt. Er beobachtet Soldaten bei allen ihren Arbeiten, die meist Warten oder Bereithalten sind. Aus der Bastion kann er nicht in die Ferne schauen, „ob der der vielen umherschwirrenden Kanonenkugeln“. Dann beschreibt Kugeln von Kanonen und Mörsern, die um ihn herum fliegen und in der Bastion einschlagen.

Am Nachmittag geht er in die Stadt zurück. Er gesteht, von der Technik der Verteidigung nichts verstanden zu haben, doch aus den Augen der Matrosen gewann er die Überzeugung, dass Sewastopol nicht fallen wird. Der Abend senkt sich. Auf dem Boulevard spielt eine Militärkapelle einen Walzer.

Tolstoi nimmt den Leser mit auf einen eindringlich geschilderten Stadtrundgang durch eine vom Krieg geschundene Stadt. Es ist aber auch ein Dokument über Menschen, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Das Wort „Seelenstärke“ taucht ein paar Mal auf, eine Eigenschaft, vor der sich Tolstoi sich nur verneigen kann. Die realisitische Schilderung des Lazaretts ist eine besondere Leistung. Der Höhepunkt des Textes ist für mich die von allen Sinnen geschärfte Beschreibung umherfliegender Kugeln.

Die Erzählung gilt als Beginn der Kriegsberichterstattung. Die handlungstreibenden Dialoge, die scharfsinnigen und detailversessenen Beobachtungen machen den Text jedoch auch zu einer besonderen erzählerischen Leistung.

Von Wien mit dem Zug nach Gmünd und im Auto bis Ratten (Steiermark)

Cover Flucht aus der AngstIn dem Roman „Flucht aus der Angst“ von A.J. Cronin wird auf 219 Seiten in Österreich umanand gefahren.

Die Geschichte spielt im Dezember 1950. Austria est omnis divisa in partes quattuor, eben die vier Besatzungszonen. Bryant Harker ist in Wien der Geschäftsleiter eines amerikanischen Ingenieurunternehmens. Er hat gerade die Ausschreibung für den Bau einer Brücke vergeigt und benötigt für einen anderen Auftrag eine Menge Bauholz. In Wien gibt’s keins, also muss er in die sowjetische Besatzungszone nach Gmünd. Zuvor trifft er noch einen alten Bekannten, Arnold Thulemahler. Thulemahler erzählt von seiner Jugendliebe Magdalena Durych, die ebenfalls in Gmünd gestrandet sein soll. Er gibt Harker ein Foto von ihr mit. Auf der Zugfahrt nach Gmünd wird Harker von zwei sowjetischen Agenten befragt, wobei ihm in einem Augenblick der Unachtsamkeit das Foto von Magdalena aus der Tasche fällt. In Gmünd erfährt er von dem Nachtklub „Atlantis“, in dem Durych auftreten soll. Sie nennt sich Madeleine, singt und assistiert dem Hellseher Gustav. Nach einem Auftritt bittet Harker sie an seinen Tisch. Kurz danach steht sie ängstlich auf, nachdem sie den blinden Geheimdienstchef Kyrov und zwei seiner Agenten – die Harker aus dem Zugabteil kennt – gesehen hat.

Madeleine versäumt einen Auftritt. Voller Sorge geht Harker zusammen mit Gustav zu ihrer Wohnung. Sie liegt dort gefesselt, sie und Gustav gestehen Harker, amerikanische Spione zu sein. Harker beschließt, ihnen zur Flucht zu verhelfen, besorgt einen alten Opel – es gibt in der sowjetischen Besatzungszone keine Autovermietungen – und plant die Route: Von Gmünd durch den „Gmeiner Wald“, bei Melk über die Donau, weiter nach Aspang und von dort über die Grenze in den britischen Sektor. Kurz vor Beginn der Flucht entdecken sie Gustav ermordet in seiner Garderobe. Sie brausen los. In Aspang übernachten sie und werden am nächsten Morgen von den beiden schon bekannten Agenten überrascht. Nach einem Handgemenge gelingt Harker und Madeleine die Flucht mit dem Dienstwagen der Agenten. Der Grenzübertritt scheitert, und sie fliehen auf Bergstrecken weiter. Sie schütteln ihre Verfolger ab, verlassen das Auto und fliehen zu Fuß über die Fischbacher Alpen nach Mahlstorf, wo sie übernachten. Während dieser Flucht ist Madeleine schwer gestürzt. Sie suchen einen Arzt in Mahlstorf auf. Harker zwingt ihn mit vorgehaltener Pistole (die hat er aus dem Agentendienstwagen) ins Krankenhaus nach Ratten im britischen Sektor zu fahren. Doch auch der Grenzübertritt mit dem Krankenwagen mißlingt. Schließlich landen sie in Hofheim, wo ein Fest zu Ehren der Heiligen Borna statt findet. Eine Prozession aus einem Dorf aus dem britischen Sektor erklärt sich bereit, Madeleine als Prozessionspuppe zu verkleiden. Auf diese Weise gelingt die Flucht.

Aus geographischer Sicht ist das Buch unschön: Hofheim und Mahlstorf existieren in Wirklichkeit ebenso wenig  (habe zumindest in keinem Atlas was gefunden) wie die Heilige Bora. Hatte das Dörfchen Ratten tatsächlich ein großes Krankenhaus? Die Fischbacher Alpen liegen im damals britischen Sektor. Außerdem spielt die Handlung im Winter. Das sollte erzählerisch zu weit größeren Komplikationen führen. Die Kälte spielt nur einmal bei der Flucht zu Fuß über die Berge eine Rolle, als sich Harker und Madeleine mal kurz die Erfrierungen aus den Zehen rubbeln. Und die Straßen sind 1950 absolut winterfest. Außerdem sind die Motive des Ingenieurs unklar. Er ist zwar in einer beruflichen Krise und bekennt zu Beginn auch seine Naivität gegenüber der Besatzung, aber sich in einem fremden Land so unverhofft in ein Abenteuer zu stürzen, wirkt unmotiviert. Und dann das Happy-End: Harker macht Madeleine einen Heiratsantrag, aber was ist mit der Holzlieferung? Kommt sie an? Wird er gefeuert, versetzt oder befördert?

Leider sind die Figuren und das Buch zu eindimensional erzählt, und ich habe nicht den Eindruck, dass der Autor sich mit Österreich beschäftigt hat.

Palma de Mallorca und Valldemossa im Winter

Español: Facsímil de la obra Un hiver à Majorq...

Español: Facsímil de la obra Un hiver à Majorque (Un invierno den Mallorca) de la escritora francesa George Sand. Tomado de Un invierno en Mallorca (Inagrama Editorial, Mallorca, España (1997). ISBN 84-85932-18-8, que reproduce el original conservado en Celda Museo nº 2, Valldemosa. (Photo credit: Wikipedia)

Ein Winter auf Majorca Cover

Nun, da sich für viele der majorquinische Sommer dem Ende zuneigt, besinnt sich Leopolds Bücherkiste, ein Büchlein über Mallorca herauszurücken. George Sand verfasste „Ein Winter auf Majorca“ als  Reisebeschreibung über die Zeit, während der sie mit ihrem Freund Chopin und ihren beiden Kindern 1838 / 1839 auf der Insel überwinterte. Das Buch wurde 1855 erstmals veröffentlicht. Chopin selbst taucht nur wenige Male auf, jeweils am Rande erwähnt. Das Buch dreht sich in drei Teilen und auf 198 Seiten um die Insel. In Teil 1 lernt der Leser die geographischen, ökonomischen und kulturellen Besonderheiten kennen. Teil 2 beschreibt neben den Sehenswürdigkeiten die unrühmliche Geschichte der Kirche und steht unter dem Eindruck der gerade statt gefundenen Zerstörungen. Im dritten Teil wird das Leben in Valldemosa beschrieben. Auch hier geht es um Geschichte, es kehrt jedoch eine wohltuende Leichtigkeit in den Text ein.

Warum reist die Autorin überhaupt? Die Antwort folgt im 4. Kapitel. Dort reflektiert Sand die verschiedenen Gründe, aus denen sich Menschen entschließen, zu reisen. Ihr eigener wichtigster ist die Sehnsucht nach Ruhe. Warum dann gerade Majorca? Es steht nicht im Buch, oder ich habe es überlesen. Kapitel 1 nennt die Motive dafür, das Buch zu schreiben. Es entstand drei Jahre nach der Reise als eine Art Antwortbuch. Der Maler  J.B. Laurens hat auf einer Kunstreise Mallorca besucht und beschrieben. „Un hiver a Majorque“ ist als Kommentar zu seiner Reisebeschreibung gedacht.

Im ersten Teil beschreibt Sand die Ankunft auf der Insel im Herbst 1838 und die ersten Schritte, sich mit der Insel vertraut zu machen. Der geographische Artikel, das ist Kapitel 2, handelt von der schlechten Infrastruktur und davon, dass die Mallorquiner den fruchtbaren Boden mit einfachen Mitteln bebauen. Trotzdem ist das Getreide fein und wird nach Barcelona exportiert. Die Olivenbäume tragen reichlich, werden aufgrund des großen Angebots in Spanien jedoch zu schlechten Preisen verkauft. Außerdem gibt es Feigen, Orangen und Mandeln. Anschließend wird davon erzählt, dass eine Erlaubnis, Schweine zu züchten, Mallorca zu Reichtum führt. Tatsächlich durfte Mallorca auf das spanische Festland seit einigen Jahren Schweine exportieren. Also wurde die komplette Infrastruktur auf die Zucht und den Transport von Schweinen eingerichtet. Dies führte zu etlichen amüsanten Situationen, so als auf einem Schiff die Passagiere den Schweinen weichen mussten. Eine Erfahrung, die Sand auf der Rückreise im Frühjahr 1839 besonders eindrucksvoll erlebte. Übrigens machte gerade die Beschreibung der Schweinezucht das Buch zum Skandal, als sich 40 mallorquinische Advokaten zu einer Schmähschrift gegen das Buch veranlasst sahen.

In Kapitel 5 wird die Ankunft in Palma beschrieben. Es gibt nur wenige Herbergen, und diese sind teuer und schlecht betreut. Sie besichtigt in Kapitel sechs einige idyllische Villen, die von faulen Domestiken bewohnt werden. In den nächsten Kapitel hört sie genau hin, denn sie findet zauberhafte Worte für die Geräusche der Insel. Die Krankheit ihres Begleiters veranlasst sie dazu, Palma zu verlassen und eine neue Unterkunft im Kartäuserkloster von Valldemosa zu finden.

Der zweite Teil des Buches beschreibt die Sehenswürdigkeiten Mallorcas. „Der Charakter eines Volkes offenbart sich in Costümen und Ameublement“, und deswegen wird nochmals das Innenleben der Villen beschrieben. Die Börse, die Kathedrale werden erwähnt, wie auch der Palacio Real und die große Bibliothek. Im 3. Kapitel schlendert sie durch die Ruinen des Dominikanerklosters. Hier wird ein Erlass aus dem Jahr 1836, also 2 Jahre vor Sands Reise, erwähnt. Mit diesem Erlass wurden alle Klöster mit weniger als 12 Mönchen säkularisiert. Das führte sogar zur Zerstörung einiger Klöster. Im 4. Kapitel geht sie intensiv darauf ein. Die Geister zweier Mönche wandern durch das Inquisitionskloster. Sie unterhalten sich über Kunst und Religion. Schließlich berichtet sie im 5. Kapitel über die grausamen Verbrechen der majorquinischen Inquisition. Anschließend nochmal ein kleiner Bericht über die Geschichte des Dominikanerklosters. Sie begibt sich dabei auf Spurensuche nach Vorfahren Napoleons großmütterlicherseits, deren Wappen auf der Insel anzutreffen ist.

Der dritte und letzte Teil handelt von der Zeit in dem Karthäuserkloster in Valldemosa. Es wird von seltsamen Gestalten bevölkert. Diebe und Trunkenbolde treiben hier ihr Unwesen und auch Musikanten anlässlich des Aschermittwochsfestes, dessen Beschreibung an ein heutiges Halloween erinnert. Kapitel 2 beschreibt einen Rundgang durch das Kloster und eine kleine Geschichte der christlichen Mission in  Mallorca. Das 3. Kapitel erzählt von Catalina Tomas, der einzigen Heiligen Mallorcas, die ebenfalls in Valldemosa lebte, dort 1572 starb und 1792 selig und später heiliggesprochen wurde. Anschließend wird das Essen beschrieben, das aus 2000 Schweinefleischgerichten und ca. 200 Sorten Würsten bestand. Das meiste schmeckte so übel, dass die Reisenden sich später hauptsächlich von Trauben ernährten. Nach der Heimreise wurde Chopin rasch wieder gesund.

Eine Reisebeschreibung voller Ironie, die der Autorin half, die vielen unbequemen Überraschungen zu bestehen.

Netter Auftakt für die Herbstlektüren.