Eine Sizilianische Schmalspurbahn 1942: „Der Bahnwärter“ von Andrea Camilleri

  • Das Buch

Seit dem 19. Jahrhundert wurde die Insel Sizilien von einem Netz aus Schmalspurbahnen durchzogen, deren Reste heute noch teilweise zu sehen sind. Im Kontext einer solchen Schmalspurbahn ist der Roman „Il Casellante“ von Andrea Camilleri angesiedelt. Camilleri ist bekannt für seine Romane um den Commissario Montalbano. „Il Casallante“ ist von 2008, die deutsche Übersetzung von Moshe Kahn trägt den Titel „Der Bahnwärter“. Kindler, Hardcover, 159 Seiten.

  • Das Setup

Der Bahnwärter, das ist Nino Zarcuto. Die Aufgabe des Bahnwärters bestand darin, die Strecke zu überwachen. Nino ist regelmäßig mit der Lore auf der Stecke unterwegs. Außerdem wird die Küste in der Gegend von Capo Rossello wegen des Krieges ständig beobachtet, eine Tatsache, in welche die Bahnwärter regelmäßig hineingezogen wurden.

Das Bahnwärterhäuschen steht an der Bahnlinie von Castellovetrano nach Vigata-Cannelle. Letzteren Ort konnte ich nicht identifizieren, und es ist denkbar, dass er fiktiv ist. Die Bahnlinie gab es jedoch wirklich, recherchieren konnte ich sie bis Porto Empedocle. Die meiste Zeit führte die Strecke am Meer entlang. Ganz in der Nähe befinden sich die berühmten Scala die Turchi. Dort stieg die Bahn einen Berg empor, und zwar derart langsam, dass die Reisenden „…die Zeit nutzen, sich auszuziehen, … ein schnelles Bad im Meer zu nehmen und wieder zum schnaubend auf halber Höhe hinaufzuckelnden Zug zurückzukehren, um sich dann auf dem Perron von der Sonne trocknen zu lassen (S. 8).“ Diese Karte zeigt das Liniennetz im Jahre 1910 (Quelle: Wikipedia). Für den Roman ist die rote Linie wichtig.

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Die Bahn fuhr zweimal am Tag. An beiden Endbahnhöfen fuhr um 6 Uhr morgens je ein Zug los. Er passierte insgesamt 22 Stationen. In Siculiana begegnen sich die Züge. Ganz in der Nähe – im Bereich zwischen Siculiana und Realmonte – steht das Bahnwärterhäuschen, in dem der Bahnwärter Nino seinen Dienst tut. Das Bahnwärterhäuschen ist ein kleiner Mikrokosmos mit Ziege, Hühnern, Garten und einem eigenen Brunnen. Und gleich wird es in diesem Mikrokosmos ganz schön rund gehen.

Nino ist verheiratet mit Minico, die ein Kind von Nino erwartet. Nino geht regelmäßig in einen Friseursalon in Vigata. Dort singt er mit seinem Freund Toto sonntags ab und zu Canziones, wofür er 5 Lire erhält.

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  • Der Faschismus

Wir sind im Frühjahr 1942, Italien wird von den Faschisten regiert. Es herrscht ein Klima der Denunziation. Der Krieg zieht in Form englischer Bomber ein. Eines Tages stehen vier Soldaten an der Tür, um den Bau zweier Bunker vorzubereiten, je einen zur Rechten und zur Linken des Bahnwärterhäuschens.

Die Baumaßnahmen dauern zwei Wochen. Durch die Baumaßnahmen sinkt der Wasserpegel im Brunnen, der zum Bahnwärterhäuschen gehört. Die Bunker sind kaum fertig, da werden sie schon wieder bombardiert. Die Arbeiter richten sich also dauerhaft in der Nähe ein.

Immer wenn Nino weg ist, klopfen zwei unheimliche Männer an der Tür und versetzen Minico in Angst und Schrecken. Der Bahnwärter des Nachbarhäuschens wird eines Tages verhaftet, weil er angeblich mit einem Feuer am Strand Signale an englische U-Boote gesendet hat. Es stellt sich heraus, dass er nur Sardinen gegrillt hat, und wird wieder freigelassen. Allerdings muss er sein Bahnwärterhäuschen räumen, und der regimetreue Bahnwärter Barrafuto zieht ein.

Nino und Toto singen mal wieder für 5 Lira im Friseursalon. Diesmal aber werden sie verhaftet, weil sie in ihren Liedern den Faschismus verunglimpft haben. Ein Rechtsanwalt holt sie aus dem Gefängnis, weil man bei den „musikalischen Tempiänderungen auf nichts gestoßen (ist), was als Akt der willentlichen Verunglimpfung des Faschismus angesehen werden könne (S. 89)“.

  • Das Verbrechen

Während der Zeit wurde jedoch Minico überfallen, vergewaltigt und verlor das Kind. Nino findet heraus, dass der Täter der Nachbarbahnwärter Barrafuto war. Mit Hilfe einiger Freunde tötet und verstümmelt er ihn.

Nino nimmt Minico wieder mit nach Hause. Sie hat Schmerzen, gewöhnt sich langsam wieder an die Abläufe im Haushalt und Garten. Eines Tages geht sie in den Garten und denkt, sie sei ein Baum. Sie gräbt ihre Füße in den Boden ein, hält einen Eimer Wasser in der Hand und besteht darauf, dass Nino ihr regelmäßig die Erde auf ihren Füßen gießt. („Nino ging zu seiner Frau, um die Erde zu bewässern“ S. 141). Nino baut ihr dann noch ein Gestell, damit sie ihre Arme auflegen kann.

  • Der Krieg

Sommer 1942, der Krieg wurde heftiger. Die Südküste Siziliens wird von amerikanischen Bombern unter Beschuss genommen. Das Bahnwärterhäuschen bleibt unversehrt. Nino wird gebeten, einen amerikanischen Soldaten zu verstecken.

Es wird Herbst, und Minica will umgesetzt werden. Nino entdeckt, dass ihre Füße zu Wurzeln wurden. Außerdem will sie veredelt werden. Nino sorgt für sie, indem er ihr täglich frische Milch bringt und sie mit Umhängen vor dem Wetter schützt.

Im Dezember 1942 wird der Süden Siziliens täglich bombardiert. Eine Bombe schlägt 10 Meter hinter dem Bahnwärterhäuschen ein und zerstört einen Zug. In den Trümmern findet Nino einen Säugling. Er zeigt ihn Minico, die sich sofort wieder bewegen und „normal“ sprechen kann.

  • Bemerkungen

Ich konnte mit dem Buch nichts so richtig anfangen. Der Umgang mit dem Klima des faschistischen Regimes ist spannend und scharfsinnig geschrieben. Das folgende brutale Verbrechen ist sehr drastisch geschildert, und die blutrünstige Rache Ninos an Barrafuto ist in ihrer seitenlangen Detailliertheit nichts für schwache Nerven. Dann folgt ein absurder und metaphorischer Abschluss. Das sind mir zu viele begonnene Ansätze und zu viele Wandlungen für so ein kurzes Büchlein. Aber spannend ist es allemal.

 

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50 Jahre in Pennsylvania: Pearl S. Buck „Portrait Of A Marriage“

 

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Ein Hügel in Pennsylvanien, zur Linken der Delaware, ein Fluss, der sich wie ein silbernes Band hinzieht. Zur Rechten geht es hinunter zur Stadt Philadelphia. Auf dem Hügel sitzt William Barton und malt. Mit dieser Szene beginnt der Roman „Portrait of a Marriage“ von Pearl S. Buck.

  • Autorin und Buch

Die Autorin (1892 – 1973) erhielt 1938 den Literaturnobelpreis – hauptsächlich für den Roman „The Good Earth“. „Portrait of a Marriage“ erschien 1945. Die Übersetzung von Ursula von Wiese aus dem Jahr 1946 trägt den Titel „Eine Liebesehe“. Ich habe die Ausgabe vom Bertelsmann Lesering 1958. Hardcover, 232 Seiten.

  • Die Familie entsteht

Der Leser darf sich anschnallen: Das Buch hetzt durch die Jahrzehnte. Zunächst sind die Jahre der Handlung nicht benannt. Aber zu Beginn machen sich die Bartons (Williams Eltern) Gedanken darüber, „einen dieser pferdelosen Wagen“ zu kaufen. William malt derweil Bilder. Die Ausbildung in Paris bekam er von seinem Vater finanziert, der von den Dividenden seiner Eisenbahnaktien lebt. William hat zwei Geschwister. Louise heiratet einen Engländer und kommt zweimal im Jahr zu Besuch. Tom eröffnet eine der ersten „Garagen“ des Landes.

Bei einer Einkehr während eines Malausfluges begegnet William Ruth, einer Farmerstochter. William bittet sie, ihm Modell zu stehen. Das Ganze geschieht in der Küche des Hauses. Ruths Eltern sind von William wenig begeistert, den er hält sich nicht an Termine, kommt manchmal öfter, andererseits wochenlang gar nicht (wenn er gerade eine Malblockade hat).

William hat noch eine Stadtwohnung in New York angemietet. Diese dient als sein Atelier, und von hier aus verkauft er seine Bilder. Er könnte das Bild von Ruth mehrmals verkaufen, lehnt dies aber immer ab. Schließlich hängt er es in seinem Zimmer auf und betrachtet es oft stundenlang.

Ein Jahr später sind er und Ruth verheiratet. das sind die ersten 53 Seiten.

Die Jungvermählten leben zunächst in New York. William mag an der Stadt, dass er überall mit den normalen Leuten reden kann. Und er verkauft seine Bilder von Zeit zu Zeit. Geld kommt unregelmäßig rein, aber es reicht. Dennoch ist Ruth von der Unregelmäßigkeit genervt, vor allem, als sie sieht, dass  Toms Garage ganz gut läuft. Eines Tages entdeckt William, dass sein Vater die meisten Bilder gekauft hat. Und das, obwohl die Eisenbahnaktien nicht mehr soviel Dividende abwerfen wie früher. Schuld daran ist das immer stärker verbreitete Automobil.

Aber er bekommt keine Anregungen zu malen. Er malt ohnehin nur noch Ruth. William rechtfertigt sich damit, dass Millet auch häufig die gleiche Person gemalt habe. (Gemeint ist hier Jean-Francois Millet). Aber Ruth mag New York nicht, und so ziehen sie zurück in Ruths elterliches Bauernhaus. Dort gebiert Ruth 3 Kinder (Hal, Jill und Mary). William stellt seine Bilder nur noch im Ort aus.

  • Die Familie zerstreut sich

Eines Tages, am 13. Juli 1913, verschwindet Hal. Drei endlose Jahre später taucht er wieder auf, nur um seinen Eltern zu sagen, dass er sich zur Armee gemeldet hat. Er verschwindet in den ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg heiratet er eine Französin und zieht in die Umgebung von Paris, arbeitet als Taxichauffeur. Sie bekommen zwei Kinder.

Ansonsten will William mal was anders malen und Ruth für eine Zeit verlassen. Ruth ist entsetzt. Am nächsten Morgen muss sie eine läufige Kuh zum Nachbarn bringen. Dessen Stier soll die Kuh besteigen. Dabei wird Ruth schwer verletzt. William war während dessen irgendwo, um ein Landschaftsbild zu malen. Sowohl der Nachbar als auch Ruth finden Williams Verhalten unmöglich. Er sollte seiner Frau mehr zur Hand gehen.

Tochter Mary und Joel, der Sohn des Nachbarn, verlieben sich und heiraten bald darauf. Außerdem zieht Jill zu einer alten Freundin nach New York. Die entdeckt, dass Jill großartig singen kann und läßt sie ausbilden. Sie wird eine der besten Altstimmen Amerikas.

Jill, Hal und Mary sind also aus dem Haus. William malt weiter. Der Zweite Weltkrieg bricht aus. Hal und seine Frau werden von einem deutschen Bomber beim Picknick beschossen und sterben. Die Töchter der beiden werden ins nächste Schiff nach New York gesetzt und sind bald Teil von Williams und Ruths Haushalt.

Dann eines Tages erleidet William einen Herzinfarkt. Er stirbt bald darauf. Rickie, der Sohn von Tochter Mary will Opas Malkasten geschenkt bekommen. In ihm wird die Familie weiter leben.

  • Ein Blick auf 50 Jahre Mobilität

Der Leser kann die Entwicklung der Infrastruktur verfolgen. Zu Beginn ist das Pferdefuhrwerk-Geschäft von Ruths Eltern vom Automobil bedroht. Am Ende ist die Welt „durch Schnellzüge, Automobile und Flugzeuge ein engbegrenztes Gebiet geworden“. (S.217)

William und Ruth besassen nie ein Automobil. Er fuhr meist Straßenbahn oder mit dem Zug, wenn er nicht zu Fuß unterwegs war. Und die beiden ziehen vom fernen New York wieder zurück ins ländliche Idyll des heimischen Hofes. Aber um die beiden herum läßt sich die Entwicklung der Mobilität beobachten. Dabei fällt auf, dass alle wichtigen Personen ihren Lebensunterhalt aus dem Wirtschaftsfaktor Mobilität bestreiten.

Williams Vater lebt von Eisenbahnaktien. Williams Bruder Tom besitzt eine Autowerkstatt. Die Eltern von Ruth betreiben ein Fahrgeschäft mit Pferdekutschen. Sohn Hal arbeitet als Taxichauffeur und später als privater Chauffeur. Jill schließlich lebt davon, dass sie auf der ganzen Welt herumreist und Konzerte gibt.

Andererseits bekommt der Leser nichts von den anderen Reichtümern Pennsylvanias mit. Der Reichtum an Bodenschätzen spielt nur einmal eine Rolle, als William auf der Suche nach neuen Motiven ist. Wenige Kilometer östlich der Farm geht das Schieferbett, das den Bauernhof umgibt in Boden über, der Kohle und Eisen enthält. (S. 100). Doch niemand aus dem Bergbau oder der Hüttenindustrie verirrt sich in den Roman,

  •  Anmerkungen

Die Übersetzung ist manchmal altbacken „Vater kann jemanden dingen (S. 85) „, „sie lag wach, indes er schlief (S. 118)“. Oder schlicht falsch. „Garage“ ist nunmal keine „Garage“, sondern eine Autowerkstatt. Ansonsten vergehen die Jahre schnell, und manchmal schüttelt sich der Leser ob des Tempos. Die Handlung ist fast ausschließlich auf William und Ruth fokussiert, was dem Roman Struktur gibt und ihn gut lesbar macht.

Der Roman wird im Klappentext angepriesen als Lob der „Schönheit des einfachen Landlebens“. Ich hab das nicht rausgelesen. William verzichtet auf eine Karriere als Maler – sowohl ökonomisch als auch stilistisch. Williams selbst ist nicht immer glücklich damit.  Er verfolgt auch das Schicksal seiner Kinder nur noch am Rande, nachdem sie aus dem Haus sind. Und die beiden „französischen“ Enkelinnen verschwinden nach ihrer Ankunft aus der Geschichte. Da wäre mehr drin gewesen.

 

Spensers Boston: „Painted Ladies“ von Robert B. Parker

Der Autor Robert B. Parker gilt als literarischer Nachfolger von Raymond Chandler. Immerhin haben Chandlers Erben ihn beauftragt, ein Chandler-Fragment zu Ende zu schreiben. Seinen Ruhm begründete er mit den Krimis rund um den Privatdetektiv Spenser. Heute geht es um „Painted Ladies“ aus dem Jahr 2010. Deutsch von Frank Böhmert, „Das trügerische Bild“, 2011, 214 Seiten.

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Spenser hat sein Büro in Boston in der Berkeley Street, von dort schaut er aus dem Fenster auf die Columbus Street. Er wohnt in der Arlington Street. Er hat eine Wochenendbeziehung mit Susan, Therapeutin, die mit ihrem „deutschen Kurzhaar“ – ich schätze mal ein Dackel – namens Pearl in New York lebt. Sie gehen viel im nahe gelegenen Public Park spazieren. Susan geht außerdem – wenn sie in Boston ist – nach Wellesley zum „Power Yoga“.

  •  Die Krimihandlung

Es beginnt mit einer Autofahrt durch Boston. Die Hauptverkehrsader nach Westen ist der Storrow Drive, der parallel zum Charles River führt. Sie fahren mehrere Meilen westwärts. Sie, das sind Spenser und sein Klient Ashton Prince. Prince ist Professor für Kunstgeschichte und bat um Personenschutz bei einer Lösegeldübergabe (Geld gegen ein gestohlenes Gemälde – „Dame mit einem Finken“). Spenser ist beim dem Auftrag auffallend erfolglos. Unter einer Autobahnbrücke im Osten, wo die 128 über die 2 führt, findet eine geheimnisvolle Übergabe statt. Das ausgelöste Gemälde und Prince werden durch eine Bombe in Stücke gerissen. Nun ist Spensers Ehre gefordert. Er muss aus Eigeninteresse den Mord an Prince aufklären. Der Weg zum Mörder führt über die Geheimnisse des Gemäldes. Er macht sich in ganz Boston auf die Suche nach Spuren.

Er besucht die Versicherung (Berkeley Ecke Columbus, also direkt um die Ecke vom Büro aus), das Museum (in Chestnut Hill) und die Universität (an der Commonwealth Avenue). Nebenbei tritt noch Rosalind Washington auf, die Witwe von Prince. Sie ist Dichterin, und weil jeder Mensch seine eigene Art der Trauer pflegt, und Dichterinnen ihre ganz spezielle, muss Spenser ihr alle Details des Todes erzählen. Sie wird dann ein Heldengedicht daraus machen.

Bei der Versicherung ist Winifred Minor für den Fall zuständig. Im Museum taucht zum ersten Mal Morton Lloyd, ein Anwalt auf. Und in der Universität Melissa Minor, Tochter von Winifred. Vater unbekannt.

Dann nimmt die Handlung Fahrt auf. Pearl ist für ein Wochenende bei Spenser. Direkt vor Spensers Büro schlägt er an. Spenser geht ins Gebäude gegenüber und sieht zwei bewaffnete Männer in seinem Büro sitzen. Er kehrt zurück. Das anschließende Feuergefecht überleben die beiden nicht.

Spenser erfährt, dass Prince in jedem Semester das gleiche Seminar gab (Realismus in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts) und stets gute Noten als Gegenleistung für Sex verteilte. Und Spenser erfährt, dass Morton Lloyd teuer ist, also Prince mit seinem Dozentengehalt nicht in der Lage war, seinen Anwalt zu bezahlen.

Spenser trifft nochmal Rosalind Washington, die mittlerweile ihr Heldengedicht fertig hat und bei einem Lyrik-Schreibkurs in Cambridge in der Brattle Street vorträgt. Spenser interviewet sie, und sie wird mit jedem Pernod betrunkener. Dann rückt sie damit raus, dass Ashton Prince in Wirklichkeit Asher Prinz hieß, sein Vater Amos war in einem KZ in Deutschland.

Aber selbst Spenser vermisst irgendeine sinnvolle Beziehung zu einem Motiv. Das ist nun der Moment, wo Pearl (der Dackel) die Sache weiter bringt. Beim Spaziergang im Public Park verliebt sich Pearl in Otto, einen gelben Labrador. Dessen Herrchen Carl Trachtmann ist Spezialist für holländische Malerei und den Kunstmarkt im Allgemeinen. Die Begegnung mit Trachtmann auf Seite 104 bringt die stecken gebliebene Geschichte weiter. Er kennt die Geschichte des zerstörten Bildes. Von den Nachkommen des holländischen Malers ging es in Besitz der reichen jüdischen Familie Herzberg. Die Herzbergs wurden in Auschwitz ermordet, 1949 übergab die Army das Bild dem Hammond Museum.

Ashton Prince galt übrigens – weiß Trachtmann auch – als einer der größten Experten für Kunstfälschungen.

Dann überlebt Spenser wieder einen Mordversuch, diesmal in seiner Wohnung in der Arlington Street. Er bricht in die Wohnung der Witwe Rosalind Washington ein und entdeckt an der Wohnzimmerwand die Dame mit einem Finken. Sonst kein Bild, gar keines. In der Zwischenzeit hat Susan (Spensers Freundin) die Dissertation von Prince gelesen. Prince’s Vater Amos kümmerte sich nach der Befreiung um den einzigen Überlebenden der Herzberg-Familie. Er fand da Versteck einiger Bilder der Herzbergs, die er – um für beide das Überleben zu sichern – verkaufte.

Dann ist Rosalind tot in ihrer Wohnung in der Commonwealth Ave. Und Morton Lloyd, der Anwalt wird verhaftet. Ariel Herzberg stellt sich als der Vater von Missy Minor heraus. Er hat zunächst Beutekunst entdeckt und den ursprünglichen Eigentümern zurück gegeben. Prince hat ihn dann als Fälscher angefangen übers Ohr zu hauen, weshalb Herzberg (oder Morton) ihn ermorden ließ.

  • Bemerkungen

Es ist Winter, ohne einen einzigen Schneesturm zwar, aber der Charles River ist mal zugefroren und mal nicht. Wenn er eisfrei ist, trainieren Ruderer darauf. Ansonsten ist man mit dem Auto unterwegs, ohne dass das Fahren eine andere Bedeutung hat als zu den Schauplätzen zu kommen.

Absolut lesenswert ist die sensible und doch lakonische Sprache des Autors.

 

 

Afrikanische Flüchtlinge in Deutschland – 2 Krimis aus 2 Jahrhunderten

Die Flucht von Menschen aus dem afrikanischen Kontinent nach Europa ist kein neues Thema. Ich stelle im folgenden zwei lesenswerte Kriminalromane vor, die das Thema zu unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten,

„Tod im Saukopftunnel“ von Manfred H. Krämer

Das Buch ist aus dem Jahr 2003. Als Heyne-TB 213 Seiten. Die Handlung spielt im Jahr 1990, wobei eine Sache aus dem Jahr 1974 ans Tageslicht kommt.

Der Saukopf ist ein Berg an der Bergstraße, durch den 1990 ein 2700 Meter langer Straßentunnel gebohrt wurde. Die Haupthandlung spielt während der Bauarbeiten. Erstmal prasselt es Leichen von der Tunneldecke (ein Bagger stieß einen Hohlraum auf, aus dem 15 Leichen rausfielen). Die alarmierten Archäologen stellen schnell fest, dass es eher ein Fall für die Kripo ist. Kurz danach wird im nahe gelegenen Ort Weinheim ein Speditionsunternehmer in seinem Haus erschossen. Seine Tochter Bertha Solomon, genannt Solo, und ihr Freund, der Hobby-Marathonläufer Lothar Zahn, machen sich auf die Suche nach möglichen Motiven für die Tat.

Aus dem Haus des Spediteurs fehlt ein Foto. Darauf sind der Ermordete und vier Freunde zu sehen, von denen drei noch leben. Aber nicht mehr lange, denn kurz darauf sind die drei auch tot: einer gefesselt mit Kopf im Backofen, einer wird den Lüftungsschacht der Tunnelbaustelle hinuntergestoßen, und der dritte verwest seit Tagen in einem Metallcontainer.

An einem der Tatorte findet Zahn den Abdruck eines Spezialschuhs für Marathonläufer. Die 15 Tunnelopfer werden als Afrikaner aus Marokko identifiziert. Und Zahn stößt auf ein Foto eines Marathonläufers aus Marokko namens Said, der genau den Schuh trägt.

Es folgen einige Ermittlungen gegen Said. Schließlich soll er festgenommen werden, kann sich der Festnahme entziehen, indem er sich zu Solo ins Auto setzt und sie mit einem Messer bedroht. Sie gibt Gas und provoziert einen Unfall. Said ist gelähmt. Dann stellt sich eine junge Frau namens Merija der Polizei. Mit der Lähmung ihres Freundes wurde ihr Leben sinnlos. Sie erzählt der Polizei die ganze Geschichte.

Sie und der Langstreckler waren befreundete Kinder in Oujda in Marokko. Die ganze Familie des Mädchens erkaufte sich die Flucht nach Deutschland. Das war 1974. Die damals seit Jahren agierende Schleuserbande nutzte die eingeschmuggelten Familien als billige Arbeitskräfte. Sie wurden in Marokko in einen Speditionscontainer mit doppelten Wänden gesperrt. In La Jonquera wird der Hänger an eine andere Zugmaschine umgekoppelt, und der Wagen fährt wieder nach Marokko. Die offizielle Ladung waren in Marokko produzierte Textilien für Nobelmarken.

Was die Geschichte von Merija betrifft, so wurde der LKW bei Tarragona gestohlen, die Familie verdurstete im Container. Merija war die einzige Überlebende. Die Leichen werden im Saukopf versteckt, wo sie durch den Tunnelbau zum Vorschein kamen.  Merija rächte den Tod ihrer Familie, indem sie die gesamte Schleuserbande umbrachte.

Bemerkungen

Actionreich, leichenreich, schwungvoll und nicht ohne Humor geschrieben. Etliche kontextferne wie-Vergleiche, die durchaus amüsieren. Die Morde werden nur deswegen völlig aufgeklärt, weil sich die Mörderin selbst stellt. Die Handlung selbst spielt ausschließlich im Odenwald. Dabei gibt es auch ein paar regionalkrimitypische touristische Rundfahrten durch die Gegend. Alles andere sind Rückblenden und Erzählungen der Akteure.

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Schnitt.

Andere Zeit. Veränderte Bedingungen der Flucht aus Afrika – im Hinblick auf Ökonomie und Infrastruktur. Alles ist internationaler geworden, die Schleuserbanden, die Ermittlungen und auch die Fluchtwege. Das bedeutet auch, dass viel mehr Leute an den Flüchtlingen verdienen.

„Afrikanischer Mond“ von Rita Maria Geitner

Das Buch erschien 2014 bei Tredition und beschreibt eine Fluchtgeschichte aus dem Jahr 2011.

Die Handlung beginnt zeitgleich in Rosenheim in Bayern und einem Dorf in Eritrea. In Rosenheim liegt eine männliche Leiche im Gebüsch, entdeckt von Hauptfigur Iphigenie Bernstein – genannt Iffi, Journalistin – und ihrem Hund Lea. Die Polizei kommt, das Personal der Handlung tritt auf: Brigitte, befreundete Kriminalkommissarin, Michael, Iffis Freund, Martin, Iffis Chef

Tage später steht der Bruder des Toten vor der Tür. Er heißt Mischa und sucht seinen Bruder Mirko. Schnell stellt sich heraus, dass der ermordete Mirko in der Nähe als Hausmeister gearbeitet hat. Kurz darauf ist auch der Bruder verschwunden, wie sich herausstellt in seine Heimat Slowenien.

Iffis Jagdinstikt als Journalistin ist geweckt, und sie fährt an die letzte bekannte Adresse von Mischa in Maribor. Der taucht immer wieder auf, ab und auf. Bald kommt heraus, dass er in der Bande mitmacht, um die Mörder seines Bruders zu finden. Iffi und Mischas Freundin Marja werden Freundinnen.

Während dessen in Eritrea: Mbutha ist Witwe, ihr Mann wurde wegen politischer Aktivitäten hingerichtet. Sie beschließt, mit ihrer Tochter Muna und ihrer Schwester Mala Eritrea zu verlassen. Mbutha hat die Gabe, durch einen Händedruck den Charakter des Menschen zu identifizieren. Diese Gabe hilft ihr bei dem was nun bevorsteht. Sie ziehen in Etappen über Port Sudan, durch Ägypten bis nach Marsah Susa, der nördlichsten Stadt Libyens. Von dort aus kaufen sie sich die Überfahrt nach Kreta. Sie müssen jede Etappe neu planen, bezahlen und sich entscheiden, wem sie vertrauen und wem besser nicht. 

Das Schiff wird von der griechischen Armee aufgebracht, sie kommen in ein Auffanglager bei Athen. Sie dürfen es nicht verlassen, erkaufen sich jedoch mit anderen zusammen die Flucht an die albanische Grenze und die anschließende Überfahrt mit dem Boot weiter bis nach Slowenien.

In Slowenien wird die Gruppe um Mbutha und Mala einheimischen Schleusern übergeben, darunter Mischa. Der gibt ihr aus gutem Willen heraus Iffis Telefonnummer. Damit bringt er Iffi in größte Gefahr. Gleichzeitig gelingt es ihm, in das Zentrum der Schleuserbande einzudringen. Es kommt zum Showdown.

(Da das Buch gerade vor kurzem erschienen ist, verschweige ich hier mal das Ende)

Bemerkungen

Spannend, das Buch lebt von der Frage, wie nahe die Schleusermafia auch schon in Iffis Bekanntenkreis vorgedrungen ist. Und die Konstruktion, Krimihandlung und die Fluchtgeschichte zeitgleich beginnen zu lassen und parallel zu erzählen, bis sich die Personen begegnen, überzeugt. Die Autorin hatte jedoch kein glückliches Händchen, als sie ihren Figuren Namen gab. Die Hälfte des Personals trägt Namen, die mit M beginnen, was nicht immer die Lesbarkeit fördert.

 

Venezianische Geheimnisse im 19. Jahrhundert: „The Aspern Papers“ von Henry James

Autor und Buch

Henry James war ein amerikanischer Erzähler (1843 – 1916), Eines der Themen seines Werkes war der Konflikt zwischen der alten und der neuen Welt. Es zog ihn immer wieder nach Europa. Er lebte zeitweise in Venedig, zunächst im Palazzo Recanati, später im Palazzo Barbaro und schließlich im Palazzo Capello. 1915 nahm er die britische Staatsbürgerschaft an. Die ausführlichste Bibliographie von und über James findet sich übrigens auf der italienischen wikipedia-Seite.

„The Aspern Papers“ erschien 1888 zunächst im Atlantic monthly, kurz darauf als Buch. Eine Neuübersetzung von Bettina Blumenberg erschien 2003 im Triptychon Literaturverlag, hat 184 Seiten und ein Nachwort der Übersetzerin.

Venedig

Wir sind im Frühsommer des Jahres 1888. Eine Dame und ein Herr fahren in einer Gondel durch die Kanäle Venedigs. Ihr Ziel: das Haus der Damen Banderau. Eine Gondelfahrt bietet genügend Zeit, die Vorgeschichte der Reise zu erzählen.

Der Ich-Erzähler (er wird im ganzen Buch namenlos bleiben) ist Herausgeber des literarischen Nachlasses von Jeffrey Aspern. Der war ein fiktiver amerikanischer Dichter und viel in Europa unterwegs. So ungefähr 1825 ist er gestorben. Der Erzähler fand vor kurzem heraus, dass eine Muse von Aspern,  Juliana Banderau, heute noch lebt. Und zwar in Venedig. Er kontaktiert eine langjährige Freundin, Mrs Prest, die auch in Venedig lebt. Nun landen die beiden mit der Gondel am Palazzo von Frau Banderau. Sie lebt zurück gezogen mit ihrer Nichte Tina und der Magd Olimpia. Zurückgezogen heißt: sie meidet Tageslicht, ihre Augen werden stets von einem grünen Schirm bedeckt (Im Originaltext wird sie als „spinster“ bezeichnet)

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Der Palazzo

Palazzo ist übrigens 1888 in Venedig weniger spektakulär als es sich anhört. Die meisten sind verfallen, und man kann sich schon für 5 Schilling im Monat einen solchen Palazzo mieten. Der Plan des Erzählers ist es, ein Zimmer anzumieten und sich peu a peu nach dem Nachlass von Aspern zu erkundigen und ihn schließlich zu erwerben.

Zur Überraschung von Mrs Prest gelingt es dem Erzähler, sich in ein ganzes Stockwerk des Palazzos einzumieten. Die alte Dame Banderau, Juliana, verlangt eine monatliche Miete von 1000 Franken in Gold. Eigentlich zu teuer für den Erzähler. Aber er will unbedingt an den Nachlass kommen, also willigt er ein. Er beschließt für sich, dass er bei der hohen Miete dann eben für den Nachlass nichts bezahlen wird.

Und so nimmt das Drama seinen Lauf. Wobei – erstmal passiert zwei Monate lang gar nichts. Die beiden Gastgeberinnen lassen sich kaum sehen. Der Erzähler fährt Gondel durch die Stadt, schlendert über den Marktplatz, setzt sich ins Café Florian und isst Eis. Dabei plaudert er mit Touristen. Eines Abends im Juli kommt er spät nach Hause zurück. Er trifft Tina im kleinen Garten des Palazzo an, sie plaudern vertraut miteinander. Das Gespräch kommt auf Aspern. Am Ende fragt Tina, ob ihr Gast ihr wegen Aspern nach schnüffelt. Anschließend verschwindet sie wieder wochenlang und läßt sich nicht mehr sehen.

Das Cafe Florian

Dann jedoch bittet Juliana ihren Gast zu einem netten Gespräch. Mit Tina wurde zuvor vereinbart, Aspern nicht zu erwähnen. Am Ende empfiehlt Juliana ihrem Gast, doch mit ihrer Nichte ein wenig durch die Kanäle zu fahren. Die Gondelfahrt verändert Tina. Die Sonne scheint, Tina ist in gelöster Stimmung, bei der Fahrt, beim Schaufensterbummel und schließlich beim Eis im Café Florian. Tina erzählt, dass ihre Tante alle Schriften von Aspern bei sich im Haus hat. Sie will herausfinden, wo genau sie versteckt sind und ihrem Gast zur Ansicht geben.

Einige Tage später zeigt Juliana dem Erzähler ein Portrait des Dichters. Sie möchte dafür 1000 Pfund haben. Das Geld hat der Erzähler natürlich nicht. Also lässt Juliana das Bild wieder in ihrer Tasche verschwinden. Am nächsten Tag ist Juliana krank, Tina bittet ihren Gast, den Arzt zu holen. Parallel dazu beginnt des Erzählers und Tinas gemeinsame Suche nach den Schriften. Am nächsten Tag ist Juliana geheilt. Wenige Tage später – die beiden Damen schlafen – schleicht sich der Erzähler in das Kabinett von Juliana. Er betrachtet den Sekretär lange, und schließlich versucht er sich daran, ihn zu öffnen. Die alte Dame ertappt in dabei und fällt anschließend in Ohnmacht.

Der Lido

Am nächsten Morgen ist der Erzähler froh, dass Juliana noch lebt. Er verlässt Venedig aus Scham über seine Tat, kehrt aber 12 Tage später zurück. Inzwischen ist Juliana leider doch verstorben. Tina hat inzwischen die Papiere gefunden, es sind mehr als der Erzähler zu träumen wagte. Sie macht einige Andeutungen, die der Erzähler als Avance versteht. Also flieht er mit seiner Gondel über die Lagune zum Lido. Am Abend kehrt er zurück. Er möchte am nächsten Morgen Tina seinen Plan erläutern, abzureisen. Sie eröffnet ihm, dass sie die Schriften in der Nacht verbrannt habe, schenkt ihm jedoch das Portrait.

So kehrt der Erzähler nach London zurück. Gescheitert, aber mit Bild überm Schreibtisch.

Bemerkungen

Mir hat einiges an dem Buch gefallen: Da ist die Stimmung von äußerem Verfall. Begleitet wird sie von der ständigen Frage, wie sehr dieser Verfall des Äußeren auch im Innern fortgeschritten ist. Das gilt sowohl für die Palazzi als auch für die Bewohner. Dann fasziniert das rhetorische Spiel zwischen dem Erzähler und den Damen Banderau, das permanente Annähern und Zurückweisen beider. Schließlich die Gesichtlosigkeit der Figuren. Sie wirkt wie eine Inszenierung des Bildes von Aspern, dessen Gesicht als einziges beschrieben wird. Lesenswert.

 

Ein Langstreckenflug nach Ostafrika 1959: „Death in Zanzibar“ von M.M.Kaye

M.M. Kaye (1908 – 2004) war eine britische Autorin.

1959 veröffentlichte sie den Roman „The House of Shade“, dessen Titel 1983 „Death in Zanzibar“ verändert wurde. Deutsch von Rosemarie Hundertmarck 1988, als TB 304 Seiten.

Die Handlung war 1959 zeitgenössisch, was sich aus der Erwähnung von Nasser in einer politischen Diskussion herleiten läßt. Außerdem brüstet sich eine Figur auf S. 284 damit, seine Arbeit „funktionierte wie ein Sputnik.“ Die Formulierung ergibt erst nach Oktober 1957 einen Sinn.

  • Setup und Personal

Dany Ashton, gerade volljährig geworden, darf zum ersten Mal in ihrem Leben reisen. Es geht nach Zanzibar. Ihre Mutter Lorraine lebt dort mit ihrem derzeitigen Gatten Tyson Frost, einem erfolgreichen Schriftsteller.

Auf dem Weg zum Flughafen in London soll sie noch schnell bei Mr. Honeywood, dem Rechtsanwalt ihres Stiefvaters, ein Schreiben für Mr. Frost abholen. Dann wartet sie in einem Hotel auf den Flug am nächsten Morgen.

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Im Hotel warten noch andere, die nach Zanzibar wollen. Lashton Holden Junior, kurz Lash ist Frosts amerikanischer Verleger und macht seine Hochzeitsreise. Amalfi Gordon („sie wirkt wie eine Tiara mitten in billigem Glasschmuck“ – S. 126) hätte eigentlich seine Frau werden sollen, aber hat sich kurzfristig für einen Marchese entschieden, den „grinsenden, pomadisierten Sohn einer Schlange (s. 68)“. Der macht irgendwas mit Wettrennen. Beide fliegen ebenfalls nach Zanzibar. Außerdem Larry, ein Journalist, der eine Homestory über Frost schreiben soll. Und Jemba. Der ist zanzibarianischer Rebellenführer, der eine „demokratische Republik“ mit sich als Diktator und sowjetischer Hilfe einführen will. Und Tysons Schwester sowie deren Gesellschafterin, Millicent – genannt Mimi – Bates.

  • Dann kann’s losgehen

In der Frühe liegt eine Tageszeitung vor Danys Tür. Schlagzeile: Honeywood wurde ermordet. Tatzeit war exakt die halbe Stunde, nachdem Dany bei ihm war. Dumm für Dany: Sie hat bei Honeywood ein Taschentuch mit ihren Initialen verloren.

Sie macht Bekanntschaft mit Lash. Lashs Sekretärin Ada Kushter hätte mitreisen sollen, bekam aber kurzfristig Mumps. Nun tröstet er sich mit Whiskeyfahne und einem weißen Kater namens Asbestos.

Dany erzählt Lash ihre Geschichte. Spannend wird es, als sie in der Schublade ihres Hotelzimmers die Mordwaffe findet, sich daran erinnert, Jemba vor Honeywoods Haus gesehen zu haben, und außerdem ihr Pass fehlt.

Lash stylt Dany schnell auf das Aussehen seiner Sekretärin um. Nun reist Dany als Ada weiter, mit deren Pass.

Dann startet die Maschine in London und fliegt mit Zwischenstopps in Neapel und Khartum nach Nairobi. Dort heißt es umsteigen in eine kleine Maschine. Aber vorher ist eine Nacht im Hotel angesagt. Lash hat die Hochzeitssuite gebucht und ist dort mit Dany alleine. In der Nacht bemerkt Dany einen Einbrecher und verjagt ihn. Lash glaubt ihr nicht, bis er eine fremde Taschenlampe im Zimmer findet. Offensichtlich sollte Dany ermordet werden.

Dany zeigt Lash den verschlossenen Umschlag, den sie von Honeywood bekam. Klar ist nun: ein Mörder sass im Flugzeug.

Am nächsten Morgen geht es in einer kleinen Maschine weiter nach Mombasa. Dort gehen alle aus dem Flugzeug raus in die Wartehalle. Der Weiterflug verzögert sich. Grund: Jemba ist an Zyankali gestorben.

Weiterflug nach Pemba, einer Insel voller Gewürznelken und dunklen Sagen über Dämonen. Dann – in der Mitte des Buches schließlich die Ankunft in Zanzibar. Alle werden von Nigel Pointing, Tyson Frosts Sekretär, abgeholt.

  • Zanzibar

Blumen „ergossen sich in traumhaftem Farbenrausch“ am Straßenrand. Weißgekalkte Häuser bilden enge Gassen. Es duftet nach Gewürzen und heißem Staub. Auf der anderen Seite gibt es „garstige Slums“: Eine Hüttenstadt aus Wellblech und faulem Stroh, ein stickiger Bach, dann wieder Mangohaine und Gewürznelkenbaumplantagen. (S. 131) Von letzteren lebt die Insel übrigens hauptsächlich.
Man schlendert über einen Markt, auf dem bunte exotische Fische angeboten werden (S. 220). Es ist laut. Nachts wird auf den Dächern gefeiert, unter Trommelklang und den melodischen Rufen der Kokosnussverkäufer (S. 234).

Alle kommen im „Haus der Schatten“ an. Das ist das Domizil von Tyson Frost. 75 Jahre zuvor lieh der Sultan das Haus für 150 Jahre an Tysons Großvater, einen skrupellosen Geschäftemacher. Der wiederum schrieb ein Buch, Titel „Haus der Schatten“. Dessen Originalmanuskript soll Millionen wert sein.

Dann beginnt ein gesittetes gegenseitige Verdächtigen aller Anwesenden. Nicht nur Lash könnte der Mörder sein, er hatte stets Zugang zu Danys Garderobe. Andere kommen ebenfalls in Frage. Und so sitzt man abends im Salon und erzählt sich gegenseitig, dass man wenig von den anderen weiß.

Dany geht zu Bett. Draußen schreit ein Ziegenmelker (das ist ein Vogel). Immer wieder. Dazwischen hört Dany ein unregelmäßiges Kratzen und Wischen, dann wieder den Ziegenmelker (es gibt wohl keine anderen Vögel auf Zanzibar). Nur einer der vielen Schreie, die Dany hört, stammt von einem Menschen. Mimi liegt tot auf der Treppe. Außerdem ist der versiegelte Umschlag leer.

Dann geht alles recht schnell. Nigel, Tysons Sekretär, stellt sich Dany in den Weg und will sie aus dem Fenster stoßen. Er wird jedoch mit Hilfe einer Flasche Gin außer Gefecht gesetzt. Zuvor jedoch gestand er den Mord an Honeywood. Motiv: Nigel war mit Jembas Rebellenarmee verbandelt. Im Umschlag war ein Plan, der zu einem Versteck führen sollte. Dort hat der Sultan – sagt man – einen Schatz versteckt. Mit dem Geld hätten sie die Rebellenarmee ausgebaut.

Nur der Mord an Jemba bleibt unaufgeklärt.

Bemerkungen

Positiv

Das Setup: ein Mord, und alle Verdächtigen sitzen im gleichen Langstreckenflug. Das ergibt eine schaurige Mischung aus Verdächtigungen und Zweifeln. Das Buch lebt auch von wunderbar witzigen Formulierungen (Was ist eigentlich ein „Zehn-Dollar-Schnurrbart“? – S.22). Es ist spannend: Erst Danys Angst, in ihrer Rolle als Sekretärin entdeckt zu werden. Dann ihre nächtliche Angst vor Mordanschlägen, die dem Buch eine Thriller-Note verleiht.

Negativ

Die Lösung des Falles fand ich einfallslos. Der Diener war’s. Und es war doch kein Mörder im Flugzeug. Und einer der Morde bleibt ausdrücklich unaufgeklärt. Und in einer angstvollen Atmosphäre sich gesittet gegenseitig des Mordes zu verdächtigen, ist schon sehr gekünstelt. Und das Schlimmste: der Kater Asbestos ist irgendwann nicht mehr mit von der Partie – ohne Erklärung.

Karte 67: Mit Pionieren im Abitibi-Land: „Harricana“ von Bernard Clavel

Bernard Clavel (1923 – 2010) war ein französischer Autor von Abenteuerromanen. Ein Buch aus seiner Reihe „Les Royaumes du Nord“ heißt „Harricana“. Der Harricana ist ein Fluss, der durch Quebec und Ontario nach Norden fließt und in die Hudson Bay mündet. Mit dem Originaltitel ist auch schnell der geographische Bezug gesetzt.

Die deutsche Übersetzung von Barbara und Silke Evers aus dem Jahr 1988 trägt den Titel „Wo der Ahorn Früchte trägt“. Etwas unglücklich, denn um Ahorn geht es nicht.

Ziemlich genau auf halber Strecke zwischen den großen Seen an der Grenze zwischen USA und Kanada und der Hudson Bay liegt der Tamiskamingsee. An seinen Ufern wurde 1879 Weizen entdeckt und seither auf den fruchtbaren Hangterrassen des Sees angebaut. Die Helden des Buches hätten die Gelegenheit gehabt, dort zu siedeln. Sie tun es nicht, sondern ziehen weiter.

Die Helden des Buches sind die Robillards, eine Großfamilie, zwei Ehepaare und ihre Kinder. Dreimal schon zogen sie um, um innerhalb Kanadas ihr Glück zu machen. Sie haben gehört, dass eine Eisenbahn von Westen nach Osten gebaut wird. Auf ihrer Strecke muss sie auch den Harricana überqueren. Die Robillards verknüpfen mit diesen Informationen die Hoffnung, dass an der Brücke eine neue Stadt entsteht, wo sie „ihren Traum von einer sicheren Existenz verwirklichen“ wollen (S. 151). Sie planen in der noch entstehenden Stadt einen „Gemischtwarenladen“. Autor und Leser begleiten die Robillards genau ein Jahr lang. Die Geschichte spielt in einem ungenannten Jahr zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Reise:

Sie beginnen ihre Reise im September in der Nähe des Tamiskamingsees. Von dort geht es zunächst zu Fuß auf einem kleinen Weg entlang des Riviere des Quinze. Der heißt so, weil er fünfzehn Stromschnellen hat. Nach ein paar Meilen warten einige Indianer mit ihren Lastenkanus. Die Robillards verladen ihre Habe und fahren los: Zunächst flussaufwärts in den Lac des Quinzes. Dann in den nördlichen Teil des Lac Expanse, wo der Ottawa-Fluß in den See mündet. Sie fahren den Ottawa weiter flussaufwärts. Am Zusammenfluss des Ottawa mit dem Kinojevis streckt sich der Ottawa nach Westen. Die Robillards wollen nach Norden und fahren den Kinojevis hinauf.

Nach 10 Meilen verlassen sie den Fluß, gehen über einen Hügel zu einem kleinen See, dann weiter zum Lac Vaudray. Dann kommen die ersten Flüsse, die nach Norden in die Abitibi-Ebene fließen. (Abitibi bedeutet in der Sprache der Algonkin-Indianer „Grenzwasser“). Unsere Reisenden erreichen den Kakake-Fluss, ziehen weiter zum Kewagama-See und am Seal’s Home See vorbei. Irgendwann liegt der Harricana vor ihnen, der mit seinen tonhaltigen Fluten in einem großen Bogen durch Ontario hindurch der Hudson Bay zustrebt.

Die Geschichte der Siedlung an der Brücke

Zwei Brückenbauingenieure empfangen die Robillards. Es entsteht schnell eine enge Freundschaft, vor allen Dingen, weil alle der Familie Robillards sehr geschickte Handwerker sind. Catherine Robillard wäscht den Bauarbeitern ihre Hemden, bessert sie aus, und bald entsteht auch ein Handel mit Kleidern. Die Ware kommt meist per Ochsenkarren aus Cochrane.

Der strenge Winter nimmt den Robillards ihren Sohn.  Die Tragödie festigt die Freundschaften im Dorf noch mehr.

Der Nachfrage folgend werden die Robillards dann noch Schuhmacher und Korbflechter. Stück für Stück entsteht ein Ort um die Brücke herum. Häuser werden gebaut, ein Bahnhof, eine Kirche. Und der Gemischtwarenladen der Robillards floriert. Der folgende Sommer hat es in sich. Die Eisenbahnlinie wird fertig. Von Osten wie von Westen (von Quebec und von Cochrane kommend) nähern sich Bautrupps der Brücke. Und schließlich vereinen sie die beiden Streckenteile an der Brücke. Ein gewaltiges Fest wird gefeiert, täglich fahren zwei Züge über die Brücke und durch den Ort. Die Bautrupps wie auch die Feierlichkeiten sind gut für’s Geschäft der Robillards, die langsam zu bescheidenem Reichtum kommen. Die Ware kommt jetzt per Güterwaggon aus Cochrane.

Eines Tages wird der Ort und auch die Brücke durch ein Feuer zerstört. Einige Bewohner werden Opfer der Flammen, darunter auch Alban Robillard, das Familienoberhaupt. Viele der Arbeiter ziehen weiter zu der nächsten Baustelle. Die Robillards beschließen, am Ort zu bleiben.

Noch einmal zur Geographie

Das Buch reist einmal durch die Jahreszeiten. Die Reise beginnt im September mit seinen Stürmen, für die sich glitzernde Nächte mit bleischwarzen abwechselten. „Goldfarben stieg das Licht zum violetten Horizont auf“ (S. 80)

Dann die Zeit, wo „Wasser und Land zu einem gewaltigen Panzer zusammen gewachsen waren, den der Winter geschmiedet hatte“ (166). Nirgends ist der Winter so hart wie hier, es herrschten bis zu  minus 60 Grad Celsius. Zuweilen hörte man das Bersten und Krachen von Bäumen.

Aber kein Winter dauert ewig, Eines Tages im Februar hörte man, wie das Eis auf den Flüssen mit ohrenbetäubendem Lärm zerbarst. Packeis mit „jadegrünen Bruchstellen“ bedeckte den Fluss. Das Frühjahr zieht herauf, in dem Schwärme von Mücken die Arbeiter, Elche und Karibus bei ihren Verrichtungen behindern. Und schließlich der Sommer, in dem ein glühende Hitze tagelang windlos über dem Wald liegt.

Bemerkungen

Negativ:

Die Robillards kommen quasi aus dem Nichts. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn da nicht die saloppe Bemerkung des Autors wäre, dass sie zum vierten Mal umsiedeln. Der Leser erfährt nicht mehr darüber. Schade, denn die Gründe für die vielen Umzüge können auch einiges über den Charakter der Leute aussagen. Außerdem schreibt Clavel manchmal zu sehr im „Schlaumeiermodus“. Beim Anblick der Natur reflektiert der Autor (nicht etwa eine Romanfigur) öfter mal deren Jahrmillionen alte Geschichte.

Positiv:
Clavel gelingen immer wieder atemberaubende Naturbeschreibungen. Egal, ob Sommer oder Winter, ob am Fluß oder im Wald. Er beobachtet sehr genau den Himmel, und man erfährt vieles über die Windverhältnisse in Kanada, über Wolken und Vögel. Dramatisch ist die Szene, in der eine Elchherde an der Lagerstelle vorüberzieht. Das Buch ist immer dann stark, wenn die Handlung aus der kleinen Welt der Robillards und ihren Sehnsüchten heraus weiter geführt wird.