Mit dem Roller durch Tel Aviv – „Tote Kameraden“ von Katharina Höftmann

Der Kriminalroman „Tote Kameraden“ von Katharina Höftmann erschien 2015, Aufbau-Verlag, Taschenbuch 281 Seiten.

  • Die Hauptfigur

Die Hauptfigur des Romans ist der ermittelnde Kriminalkommissar Assaf Rosenthal. Als ehemaliger Soldat hat er die Angewohnheit, sich über Verantwortlichkeiten hinweg zu setzen.

Bei den Ermittlungen unterstützen ihn sein Assistent Yossi  und seine Sekretärin Zipi. Assaf wohnt in einem Apartment am Dizengoff-Platz. Der Kommissar ist – wenn er keinen Dienstwagen benutzt – in der Stadt mit seinem weißen Motorroller unterwegs (bei dem vielen Verkehr ein sinnvolles Verkehrsmittel)

Mit diesem Roller fährt er auch zum ersten Tatort: ins Hotel Florida in der Allenby-Street. In einem Zimmer liegt die Leiche einer unbekannten Frau in der Badewanne.

  • 1. Tatort

Das Hotel stellt sich als billige Absteige heraus. Merkwürdig: das Zimmer war seit Monaten nicht vermietet. Während Spusi und Gerichtsmediziner ihrer Arbeit nachgehen, fährt Assaf zu dem Besitzer des Hotels, einem Georgier in Herzliya. Der ist zwar unsympathisch, großprotzig und arrogant, aber wenig verdächtig, und die unbekannte Tote kennt auch er nicht. Auf dem Rückweg zum Auto wird Yossi von einer Ducati beinahe umgefahren. In Ermangelung weiterer Spuren findet Assaf heraus, dass es in Israel 4 Ducatis gibt, eine ist auf den Bruder des Hotelbesitzers zugelassen, eine weitere auf einen Beduinen in Beer-Sheva mit Namen Khaldi.

In der Zwischenzeit fand die Gerichtsmedizinerin heraus, dass die immer noch unbekannte Frau Selbstmord begangen hat (zuviel Betäubungsmittel genommen vor dem Bad). Trotzdem gibt es einige Merkwürdigkeiten: Vor allem dass es so überhaupt keine Hinweise auf Identität der Selbstmörderin gibt.

Jetzt ist Zeit, sich den Schauplatz näher anzusehen:

  • Tel Aviv

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Die Stadt liegt direkt am Meer, das sich „in tosenden Bewegungen aufbäumte“ (S. 23) Und wie in vielen Städten, die direkt am Meer liegen, weht stets ein leichter Wind, die Luft schmeckt nach Salz. Aber Tel Aviv ist auch auf atemberaubende Weise anders: Die Stadt ist laut und lebendig. Es herrscht zu jeder Zeit ein Verkehr, den man von anderen Städten nur zu Feierabendzeiten kennt (S. 33). Das ewige Lärmen von Bussen, Autos, Menschen und Hunden ebbt nur zum Samstag hin ab. Aus den Läden dröhnt Trance-Musik. Mondäne Clubs und chice Restaurants prägen das Nachtleben.

Man durchquert die Stadt in Nord-Süd-Richtung, entweder an der Strandpromenade. Parallel zum Meer verläuft die Herbert-Samuel-Straße, eine beliebte Schnellstraße durch die Stadt. Oder weiter östlich über den Ayalon-Highway.

Etwas außerhalb der Stadt fährt man durch eine hügelige, „Toskana-artige“ Landschaft mit Weinbergen.

  • Weiter

Weiter geht es im Cafe Europa am Rotschild Boulevard. Eigentlich ging Assaf dort hin, um eine Frau aufzureißen, dann aber trifft er Tama, mit der er vor Monaten eine kurze Affäre hatte. Sie reden über Berufliches. Tama hat zusammen mit einem Kollegen auf eine Informantin aus der Armee – Michelle Ami – gewartet, die aber nicht zum vereinbarten Treffen erschien. Die Informantin wollte Militärgeheimnisse an die beiden Journalisten weiter geben. Später dämmert es Assaf, dass die Informantin auch die unbekannte Tote sein könnte. Was sich dann auch als wahr herausstellt.

Weil es sich aber um Selbstmord handelt, wird der Fall abgeschlossen. Assaf wird einer Einheit zugeordnet, die sich um organisierte Kriminalität kümmert. Ihm wird die Kollegin Anat als Partnerin zugeordnet. Organisierte Kriminalität sind im konkreten Fall mehrere Mafia-Familien, die sich gegenseitig bekriegen. Die neue Aufgabe von Assaf ist es, herauszufinden, woher die Mafia-Gangs ihre Waffen beziehen. Besonders der Sprengstoff ist der gleiche, der auch bei der Armee verwendet wird. Bei den Ermittlungen stößt Assaf auch auf eine Beduinen-Gang aus Beer-Sheva mit Namen Khaldi.

Dann wird ein wenig ziellos hin und her ermittelt. Assaf und Kollege besuchen dafür zunächst einen Stripclub auf der Allenby-Road. Später beobachten sie ein Restaurant in der Dizengoff-Straße. Ergebnis der Observation: Ein kleiner Mafioso spricht mit ein paar anderen Männern in einem kleinen Auto. Das Nummernschild ist gestohlen. Klingt unspektakulär.

  • 2. Tatort

Ein weiterer Mord geschieht, diesmal im Azraeli-Center, von wo aus das Opfer auf die Ayalon gestoßen wurde. Das Opfer diente in der gleichen Militäreinheit, der auch Michelle Ami angehörte. Und er hatte Spielschulden bei einer Online-Poker-Seite. Diese wird von den Nanikashvilys betrieben.

So langsam entdeckt der Kommissar also Verbindungen zwischen den Fällen. Aber da er immer noch in Mafia-Angelegenheiten ermitteln muss, geht es erstmal nach Ashdod zum Hafen. Dort soll ein Container für die Khaldi-Familie ankommen. Mehr Infos gibt es nicht, also hängen sie sich an den Wagen der Khadils dran. Im Hafen von Ashdod läuft die Sache aus dem Ruder. Eine Unaufmerksamkeit, und Assaf und Anat werden bemerkt, Anat wird angeschossen.

Der Container mit den Waren enthält zur Enttäuschung aller Kosmetikprodukte. Auf den Überwachungskameras jedoch ist einer der Beteiligten der Schießerei deutlich zu erkennen: es ist ein Mitglied der Nanikashvily-Familie.

In weiteren Ermittlungen stellt sich heraus, dass die Familie Khadil aus der Wüste in die Stadt „expandieren“ will und in Tel Aviv Ansprüche stellt. Außerdem tritt die Gerichtsmedizinerin nochmals auf den Plan. Sie hat bei einem Review ihrer Unterlagen einige Rechenfehler bemerkt. Demnach hat Michelle Ami gar keinen Suizid begangen, sondern wurde ermordet.

Die inzwischen aufgetauchten geheimen Unterlagen von Michelle Ami zeigen Geo-Koordinaten. Diese Koordinaten sind die Stellen, an denen die Grenze zu Ägypten kontrolliert wird. Michelle Ami fand heraus, dass es in der Grenzüberwachung ein paar tote Winkel gibt. An diesen Stellen gehen die Khaldis ihrer Schmugglertätigkeit nach.

Assaf ermittelt weiter im persönlichen Umfeld von Michelle. In der Armeeeinheit, in der beide Opfer gedient haben, wurden Waffen gestohlen.  Der getötete Armeeoffizier hatte Michelles Unterlagen entdeckt. Er selbst versorgte die Khaldis mit Waffen und Sprengstoff aus Armeebeständen und tötete Michelle Ami, weil er seine Geschäftsgrundlage in Gefahr sah.

In einem turbulenten Finale begegnet Assaf Michelles Ex-Freund. Er ist der Schlüssel zur Lösung des zweiten Mordes.

  • Bemerkungen

Ein spannender gradlinig erzählter Krimi mit ein paar Überraschungen, ein wenig Action an den richtigen Stellen und vor einer modernen Kulisse. Lesenswert.

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Spensers Boston: „Painted Ladies“ von Robert B. Parker

Der Autor Robert B. Parker gilt als literarischer Nachfolger von Raymond Chandler. Immerhin haben Chandlers Erben ihn beauftragt, ein Chandler-Fragment zu Ende zu schreiben. Seinen Ruhm begründete er mit den Krimis rund um den Privatdetektiv Spenser. Heute geht es um „Painted Ladies“ aus dem Jahr 2010. Deutsch von Frank Böhmert, „Das trügerische Bild“, 2011, 214 Seiten.

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Spenser hat sein Büro in Boston in der Berkeley Street, von dort schaut er aus dem Fenster auf die Columbus Street. Er wohnt in der Arlington Street. Er hat eine Wochenendbeziehung mit Susan, Therapeutin, die mit ihrem „deutschen Kurzhaar“ – ich schätze mal ein Dackel – namens Pearl in New York lebt. Sie gehen viel im nahe gelegenen Public Park spazieren. Susan geht außerdem – wenn sie in Boston ist – nach Wellesley zum „Power Yoga“.

  •  Die Krimihandlung

Es beginnt mit einer Autofahrt durch Boston. Die Hauptverkehrsader nach Westen ist der Storrow Drive, der parallel zum Charles River führt. Sie fahren mehrere Meilen westwärts. Sie, das sind Spenser und sein Klient Ashton Prince. Prince ist Professor für Kunstgeschichte und bat um Personenschutz bei einer Lösegeldübergabe (Geld gegen ein gestohlenes Gemälde – „Dame mit einem Finken“). Spenser ist beim dem Auftrag auffallend erfolglos. Unter einer Autobahnbrücke im Osten, wo die 128 über die 2 führt, findet eine geheimnisvolle Übergabe statt. Das ausgelöste Gemälde und Prince werden durch eine Bombe in Stücke gerissen. Nun ist Spensers Ehre gefordert. Er muss aus Eigeninteresse den Mord an Prince aufklären. Der Weg zum Mörder führt über die Geheimnisse des Gemäldes. Er macht sich in ganz Boston auf die Suche nach Spuren.

Er besucht die Versicherung (Berkeley Ecke Columbus, also direkt um die Ecke vom Büro aus), das Museum (in Chestnut Hill) und die Universität (an der Commonwealth Avenue). Nebenbei tritt noch Rosalind Washington auf, die Witwe von Prince. Sie ist Dichterin, und weil jeder Mensch seine eigene Art der Trauer pflegt, und Dichterinnen ihre ganz spezielle, muss Spenser ihr alle Details des Todes erzählen. Sie wird dann ein Heldengedicht daraus machen.

Bei der Versicherung ist Winifred Minor für den Fall zuständig. Im Museum taucht zum ersten Mal Morton Lloyd, ein Anwalt auf. Und in der Universität Melissa Minor, Tochter von Winifred. Vater unbekannt.

Dann nimmt die Handlung Fahrt auf. Pearl ist für ein Wochenende bei Spenser. Direkt vor Spensers Büro schlägt er an. Spenser geht ins Gebäude gegenüber und sieht zwei bewaffnete Männer in seinem Büro sitzen. Er kehrt zurück. Das anschließende Feuergefecht überleben die beiden nicht.

Spenser erfährt, dass Prince in jedem Semester das gleiche Seminar gab (Realismus in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts) und stets gute Noten als Gegenleistung für Sex verteilte. Und Spenser erfährt, dass Morton Lloyd teuer ist, also Prince mit seinem Dozentengehalt nicht in der Lage war, seinen Anwalt zu bezahlen.

Spenser trifft nochmal Rosalind Washington, die mittlerweile ihr Heldengedicht fertig hat und bei einem Lyrik-Schreibkurs in Cambridge in der Brattle Street vorträgt. Spenser interviewet sie, und sie wird mit jedem Pernod betrunkener. Dann rückt sie damit raus, dass Ashton Prince in Wirklichkeit Asher Prinz hieß, sein Vater Amos war in einem KZ in Deutschland.

Aber selbst Spenser vermisst irgendeine sinnvolle Beziehung zu einem Motiv. Das ist nun der Moment, wo Pearl (der Dackel) die Sache weiter bringt. Beim Spaziergang im Public Park verliebt sich Pearl in Otto, einen gelben Labrador. Dessen Herrchen Carl Trachtmann ist Spezialist für holländische Malerei und den Kunstmarkt im Allgemeinen. Die Begegnung mit Trachtmann auf Seite 104 bringt die stecken gebliebene Geschichte weiter. Er kennt die Geschichte des zerstörten Bildes. Von den Nachkommen des holländischen Malers ging es in Besitz der reichen jüdischen Familie Herzberg. Die Herzbergs wurden in Auschwitz ermordet, 1949 übergab die Army das Bild dem Hammond Museum.

Ashton Prince galt übrigens – weiß Trachtmann auch – als einer der größten Experten für Kunstfälschungen.

Dann überlebt Spenser wieder einen Mordversuch, diesmal in seiner Wohnung in der Arlington Street. Er bricht in die Wohnung der Witwe Rosalind Washington ein und entdeckt an der Wohnzimmerwand die Dame mit einem Finken. Sonst kein Bild, gar keines. In der Zwischenzeit hat Susan (Spensers Freundin) die Dissertation von Prince gelesen. Prince’s Vater Amos kümmerte sich nach der Befreiung um den einzigen Überlebenden der Herzberg-Familie. Er fand da Versteck einiger Bilder der Herzbergs, die er – um für beide das Überleben zu sichern – verkaufte.

Dann ist Rosalind tot in ihrer Wohnung in der Commonwealth Ave. Und Morton Lloyd, der Anwalt wird verhaftet. Ariel Herzberg stellt sich als der Vater von Missy Minor heraus. Er hat zunächst Beutekunst entdeckt und den ursprünglichen Eigentümern zurück gegeben. Prince hat ihn dann als Fälscher angefangen übers Ohr zu hauen, weshalb Herzberg (oder Morton) ihn ermorden ließ.

  • Bemerkungen

Es ist Winter, ohne einen einzigen Schneesturm zwar, aber der Charles River ist mal zugefroren und mal nicht. Wenn er eisfrei ist, trainieren Ruderer darauf. Ansonsten ist man mit dem Auto unterwegs, ohne dass das Fahren eine andere Bedeutung hat als zu den Schauplätzen zu kommen.

Absolut lesenswert ist die sensible und doch lakonische Sprache des Autors.

 

 

USA 1942: „Wer war das Opfer?“ von Pat McGerr („Pick your Victim“)

Heute geht es um eine unbekannte amerikanische Krimiautorin, Patricia McGerr (1914-1985) aus Nebraska. Ihr Thema war das Spiel mit dem erzähl-technischen Rahmen des klassischen „Whodunnit“. Ihr bekanntester Roman heißt „Pick Your Victim“ aus dem Jahr 1946. Erst 31 Jahre später erschien er als Heyne-TB (128 Seiten) übersetzt von Edgar Müller-Frantz. Titel: „Wer war das Opfer?“

  • Das Setup

Das Jahr 1942. Ein paar Piloten langweilen sich auf einem Luftwaffenstützpunkt in Alaska. Ab und zu bekommen sie Pakete von Verwandten. Auf der Suche nach Informationen über das wirkliche Leben saugen sie jeden lesbaren Buchstaben in sich auf. Also werden auch die Zeitungen gelesen, die als Einwickelpapier für Geschenke dienten. Eine Kurzmeldung wird entdeckt: Ein gewisser Paul Stetson, Generaldirektor, hat einen Vorstandskollegen ermordet. Aber wer genau das Opfer ist, steht da nicht, weil das Papier zerrissen wurde.

Zum Glück kennt einer der Piloten – Pete Robbins – den Täter, also diesen Paul Stetson. Der Täter Stetson war Vorstandsmitglied einer Firma namens „ZAK“. Und Robbins war vor dem Krieg Werbetexter dieser Firma. Also kennt er die Interna der Firma und alle anderen Vorstandskollegen.

Nun schließen die Piloten einen Deal: Robbins erzählt die ganze Geschichte der Firma und anschließend wettet jeder auf einen Namen des Opfers. Es beginnt nun eine Erzählung in der Erzählung.

  • Die Anfänge

Es begann 1937 mit Bertha Harding und ihrem Verein, der „Hausfrauen-Information“. Vereinsmitglieder erhielten für 1 Dollar Jahresbeitrag eine Monatszeitschrift mit vielen Tipps, wie man einen Haushalt „mit einem Maximum an Arbeitsleistung und einem Minimum an Ökonomie führen“ könne. Das große Geld kommt über die Zweitvermarktung der Artikel an Hochglanzzeitschriften rein.

1938 lernt Bertha Harding den Überredungskünstler Paul Stetson kennen. Der hat Visionen, zu expandieren, Also erfindet er den neuen Namen ZAK. ZAK bedeutet „Zugehfrauen, Aushlifen, Köchinnen“ (hier bedaure ich, dass ich nur die deutsche Übersetzung habe). Es entsteht eine Art Personalleasingfirma für Hauspersonal. Natürlich wächst die Organisation mit. Bald gibt es unter Stetson einen Präsidenten, 7 Vice presidents sowie zwei Bevollmächtigte. Der verheiratete Stetson setzt seine Geliebte Anne Coleman und seinen Schulfreund Ray Saunders als Vice presidents ein.

Gründerin Harding ist entsetzt. Besonders gegenüber Anne Coleman entwickelt sie Neid, der später in Hass umschlägt. Stetson behandelt beide Damen paritätisch. Er achtet darauf, dass sie gleichwertige Projekte bekommen. Doch er scheitert, und die Damen werden sich bis zum Ende bekriegen.

  • Die Expansion

Die Mitgliederzahl wächst stetig, besonders New York und Pennsylvania mit dem Zentrum Harrisburgh werden mit regelmäßigen Vortragsreisen der Vice presidents umworben.

Stetson hingegen reist nach Kalifornien. Dort gewinnt er Loretta Knox für die Firma. Sie ist eine Vorkämpferin für die Rechte der arbeitenden Frau, arbeitet ehrenamtlich, ist aufdringlich und unsympathisch. Und sie herrscht über einige Frauenorganisationen in Kalifornien. Damit vergrößert sich der Mitgliederstand schlagartig. Zur Belohnung wird sie Vice President. Bei einem Kongress in Chicago erreicht Loretta Knox mit ihrem Mitgliedern eine Kampfabstimmung, um sich zum president hochzuputschen. Aufgrund diverser Winkelzüge Stetsons verliert sie.

Teils als Strafe, teils um einfach nur Ruhe vor ihr zu haben, wird sie für die gesamten Staaten westlich von Missouri zuständig. Dort ist sie weit genug weg, um keinen Schaden in der Zentrale anzurichten. Geographie als Führungsinstrument.

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StepMap Pick Your Victim

Es gibt noch eine Neuerung: Ein Kontakt in das Repräsentantenhaus fehlt. Die Lösung naht in Gestalt von Harold Sullivan. Er wird Lobbyist. Darf aber nicht so genannt werden. Er informiert die Abgeordneten über Themen, die die Kunden der ZAK betreffen (Sicherheitsvorschriften für Elektrogeräte, Sozialversicherungsbeiträge). Mit ihm will Stetson seine Vision einer Akademie „West Point für Hausfrauen“ verwirklichen.

Ein Gesetzesvorschlag wird eingebracht, ein öffentliches Hearing folgt. ZAK erhält viel Aufmerksamkeit. Die Abstimmung wird aber ein Desaster. Noch auf den Treppen des Kapitols streiten sich Sullivan, Harding, Stetson und der Marketing-Chef Whipple. In dem ganzen Trubel wirft Stetson Whipple die Stufen des Kapitals runter. Pete Robbins darf nun 10 Wochen lang seinen Chef vertreten.

  • Der Niedergang

Auf einem anderen Terrain wird Stetson zu einem Risiko: Er ist hinter jeder Stenotypistin her. Sobald Anne Coleman jeweils davon Wind bekommt – und sie bekommt jedes Mal davon Wind -, wird die jeweilige Stenotypistin entlassen. ZAK ist aber dermaßen bekannt geworden, dass eine einzige Indiskretion die Firma in ihren Grundfesten erschüttern würde.

Die Falle wird gestellt in Form der „kurvenreichen Blondine“ Nancy. Nancy ist Sekretärin des Finanzchefs Biggers. Stetson lädt Nancy für eine Nacht in ein Hotel ein. Diese Nacht wird turbulent. Schnell geht das Gerücht um, Bingers sei auf dem Weg ins Hotel, um Stetson zur Rede zu stellen. Robbins wiederum will seinen Chef vor Biggers‘ Zorn schützen und eilt auch in das Hotel.

Im Hotel aber ist keine Nancy, dafür Frau Stetson mit Anwalt. Saunders hatte die beiden informiert, um Frau Stetson mit Material für ihre Scheidung zu füttern. Der Leser erfährt jetzt, dass Biggers zuvor schon im Hotel aufgetaucht war und seinen Chef über die Intrige informiert hat. Da traf er auch Nancy an, die sich schnell anzog und von Biggers nach Chicago gefahren wurde. Am Ufer des Michigansees wurde sie mit einem dicken Scheck ausgesetzt. Und das Image von ZAK war gerettet.

Stetson lädt daraufhin die Belegschaft zur einem Bootsausflug auf den Potomac. Zwischen Stetson, Saunders und Harding entsteht Streit, und bald schwimmen Saunders und Harding im Fluss. Niemand hat gesehen, warum. Kurz danach wird Robbins zur Air Force einberufen.

  • Die Wette

Die Piloten geben ihre Wetten ab. Die Erzählung von Robbins liefert viele Mordmotive. Nur zwei tippen auf das richtige Opfer.

Stetson und Harding stritten sich um die weitere Strategie von ZAK, Harding versuchte Stetson mit ihrem Wissen erpressen, und die Situation geriet außer Kontrolle. Den Rest erledigte ein zufällig herumliegender Schal am Hals der Harding.

  • Bemerkungen

Als Krimi ist das Buch sehr lahm. Der Mörder ist verhaftet, das Opfer tot, und das Motiv eigentlich egal. Wichtig ist das alles nur für eine 200-Dollar-Wette gelangweilter Piloten. Da kommt keine Spannung auf.

Trotzdem ist die Erzählung interessant konstruiert: Es gibt viele mögliche Opfer, deswegen werden alle Figuren gleichwertig behandelt. Jede Figur bekommt ihr Kapitel, und so legt die Autorin einige falsche Fährten. Interessant ist auch der Teil, in dem die Intrige zum Niedergang Stetsons Stück für Stück eingefädelt wird.

Alles in allem schwankt der Roman zu sehr zwischen Krimi und Slapstick. Der prügelnde Stetson, die polternde Loretta und der Personalauflauf im Hotelzimmer geben eher Stoff für eine deftige Komödie ab. Doch ein tageslichttauglicher Klamauk ist es allemal.

Paris 1995 – „Debout les Morts“ von Fred Vargas

1995 erschien der Roman „Debout Les Morts“ von Fred Vargas, einer französischen Archäologin und Romanautorin. Die deutsche Übersetzung von Tobias Scheffel trägt den Titel „Die schöne Diva von Saint-Jacques“ und hat 287 Seiten.

  • Wie geht’s los

Grüne Strecke: Marc, Mediävist, Mitte 30 und stets schwarz gekleidet, hat Glück: Er findet einen kleinen Stein, der sich dazu eignet, dass man ihn durch die Rue Saint-Jacques kicken kann. Das ist schwer in Paris. Ansonsten hat Marc kein Glück, keinen Job, keine Frau, kein Geld. Er muss aus seiner kleinen Wohnung raus, hat aber schon eine runtergekommene Baracke in der Rue Chasle in Aussicht.

Der Stein verschwindet in der Regenrinne an der Rue Soufflot. Später, bei Val de Gris, betritt Marc eine Telefonzelle. Er ruft seinen Bekannten Mathias an. Mathias ist Prähistoriker und verdient ein wenig Geld als Graphiker. Deswegen soll er mit in die Baracke einziehen.

Aber das Geld reicht immer noch nicht für die Miete. Also rufen die beiden Lucien an. Lucien ist ebenfalls Historiker, sein Thema ist der 1. Weltkrieg. Jeder der drei haßt das Fachgebiet der beiden anderen. Aber privat kommen sie leidlich miteinander aus. Und so ziehen sie endlich gemeinsam in die Baracke in der Rue Chasle (roter Knopf). Die Rue Chasle ist eine fiktive Straße in der Nähe der Rue Faubourg des Saint-Jacques im 14. Arrondissement. (Ich habe sie erst mit der Rue Chasles in der Nähe des Gare du Lion verwechselt)

  • in der Rue Chasle

Jeder der drei richtet sich ein Stockwerk ganz im Sinne seines Fachgebietes ein. Bei Mathias trifft man sich an der Feuerstelle, bei Lucien, um die Truppen zu sammeln, und im Erdgeschoss haben sie sich ein „Refektorium“ eingerichtet. Sie sind noch beim Renovieren, als Lucien herumschreit: „Generalalarm“, das heißt, die Nachbarin ist im Anmarsch.

Sophia stellt sich als sehr sympathische Frau von über 60 Jahren heraus. Sie war bis vor einigen Jahren eine bekannte Operndiva. Mathias kennt sie von der Bühne. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann Pierre hier. Pierre ist an ihr und dem Rest der Welt desinteressiert. Er hat eine Geliebte in der Nähe des Place d’Italie, die mit Pierres Geld einen weiteren Geliebten aushält.

Außerdem zieht noch Marcs Onkel Vandoosler ein (ein verkappter Moby-Dick-Fan). Der war mal Kommissar, wurde aber wegen eines Dienstvergehens entlassen. Zwei Straßen weiter liegt das Lokal „Le Tonneau“. Die Wirtin Juliette gibt Mathias eine Halbtagsstelle als Kellner.

Die drei bemerken irgendwann, dass Sophia verschwunden ist. Zunächst nehmen sie es nicht ernst, später finden sie für sich selbst eine Erklärung dafür. Sophia ist durchaus reich, griechischer Abstammung, und man dachte, dass sie vielleicht zu ihrem griechischen Exmann zurückgegangen sein könnte. Oder in ihre französische Heimatstadt Dourdan. Soweit. Sogut. Eine stimmungsvolle französische Verliereridylle. Bis eines Tages….

…Alexandra mit Kind zu Besuch kommt. Alexandra ist Sophias Nichte. Ihr Besuch war seit zwei Monaten geplant. Alexandra akzeptiert nicht, dass Sophia ohne Nachricht verschwunden ist. Damit beginnen die Verwicklungen. Und in einer verlassenen Gasse in Maisons-Alfort brennen drei Autos. In einem wird eine Leiche gefunden, die Leiche trägt Sophias Schmuck.

Die drei beschließen, zu ermitteln, und sie versichern sich der Hilfe des Onkels und seines Kontaktes bei der Polizei, Inspektor Leguennec. Vandoosler durchbohrt ein 5-Francs-Stück und nagelt es an einen Holzbalken. Es wird die Belohnung für denjenigen sein, der den Mörder von Sophia „harpuniert“.

Der Onkel Vandoosler „verhört“ erstmal Alexandra, die kein Alibi hat. Er kommentiert ihre Antworten, um sie auf das eigentliche Verhör durch Leguennec vorzubereiten. In der Nachbarwohnung klingelt ein Mann an der Tür. Er wird von Mathias abgefangen und erzählt, das er im Hotel Danube in der Rue de Prevoyance abgestiegen ist.

Lucien verschwindet zu einem WK II-Diner für WK-I-Veteranen. Er kommt morgens betrunken zurück, verspeist zum Frühstück Kaffee und geklaute Langusten. Im Radio dudeln die Morgennachrichten. Im Hotel Danube wurde eine Leiche gefunden. Es ist der Mann, der gestern zu Besuch war.

Alle vier fahren vom Gare d’Austerlitz nach Dourdan, einem Städtchen südöstlich von Paris. Dort lebt Sophias Vater mit seiner zweiten Frau. Sie finden einen Karton mit alten Kritiken aus dem Jahr 1978, zwei Kritiken zerreißen Sophias Vorstellung einer „Elektra“. Diese beiden Kritiker wurden 1979 durch Kopfschüsse getötet. Der Mord blieb unaufgeklärt.

Ein Zeitungsartikel von damals zeigt ein Szenenfoto. Darauf ist auch der Bruder von Juliette – also der Frau, die jetzt in der Nachbarschaft eine Kneipe hat. Ein paar weitere Details drängen den Schluss auf, dass Juliettes Bruder alle vier Opfer ermordet hat. Doch als Leguennec ihn verhaften will, ist er geflohen.

Dann stellt sich heraus, dass der Tote im Hotel Danube im Sterben noch das Wort „Sofia“ in den Staub schreiben konnte (mit „f“ statt mit „ph“). Sophia als Mörderin? Sie lebt also. Aber wer ist die verbrannte Tote mit Sophias Schmuckstück? Eine Pennerin aus dem Gare du Lyon ist seither spurlos verschwunden.

  • zu Fuß durch Paris

Marcs Welt gerät aus den Fugen. Er rennt durch die Straßen, durch die Avenue d’Italie bis zur Metrostation Maisons Blanche. Zurück in die Rue Chasle. Dann in die andere Richtung bis zur Fontaine Saint-Michel. Dort setzt er sich zum ersten Mal an diesem Abend hin. Er läuft weiter bis zum Lion de Belfort. Und wieder zurück. Dann aber sind Mathias und Juliette weg. Auf dem Weg zu Sophia in Dourdan. Marc mit Lucien hinterher. Dort treffen sie auf Juliette. Die hat gerade Mathias in einen Brunnen gestoßen. Marc und Lucien können ihn gerade noch retten.

Juliette war die Zweitbesetzung als „Elektra“ hinter Sophia. Damals, 1978. Sophia wurde in ihrer Garderobe überfallen, und so sang Juliette ihre Rolle. Nach den schlechten Kritiken hat Sophia ihre Zweitbesetzung Juliette gefeuert. Von langer Hand rächt sich Juliette. Damals an den beiden Kritikern. Und nun an Sophia. Deren Leichnam wird unter einer neu gepflanzten Buche im Garten der Baracke gefunden.

Vandoosler nimmt das 5-Francs-Stück von dem Balken und kickt es durch die Straße. Es lässt sich nicht durch zwölf teilen.

  • Bemerkungen

Der Titel verwirrt: „Die schöne Diva von Saint-Jacques“ hat mit der Rue Saint-Jacques nichts zu tun (dass sie in der Nähe wohnt, muss der Leser rekonstruieren; erwähnt wird es nicht). Der Originaltitel „Debout Les Morts“ verweist auf einen Spruch aus dem 1. WK. Die englische Übersetzung ist übrigens „The Three Evangelists“ nach den drei Protagonisten benannt. Später entstand eine ganze Reihe von Krimis um die drei.

Das Buch hat mich prächtig unterhalten. Der Kriminalfall entsteht beiläufig und bleibt lange Zeit eine Nebensache. Das wichtigere Thema ist die Beziehung der drei zueinander. Die drei Historiker nehmen jede Wendung der Handlung zum Anlass, um fachlich gegeneinander zu sticheln. Auch die Handlung bietet ein paar Überraschungen. Lesenswert.

Mit Ray Bradbury durch Venice: „Der Tod ist ein einsames Geschäft“

1985 erschien Bradburys Roman „Death is a lonely Business“. Dessen Übersetzung von Jürgen Bauer hat als Diogenes-TB 319 Seiten.

Die Geschichte spielt in Venice, Kalifornien. Wir sind im Jahr 1949. Venice war damals ein selbständiges Städtchen vor den Toren von Los Angeles. Ein Vorortzug mit großen roten Waggons verbindet Venice mit der großen Nachbarstadt. Venice wurde 1905 gegründet und heißt so, weil es – wie Venedig – von Kanälen durchzogen war. 1949 aber hat es seine gute Zeit hinter sich

  • Venice

Wind streift über verödete Flächen. An der Promenade steht ein Bankgebäude, das „darauf wartet, mit der nächsten Rezession ins Meer gespült zu werden.“ Das wichtigste Symbol für den Niedergang ist aber der Freizeitpark der Stadt, der während des gesamten Romans abgebaut wird.

Diese Abbruchstimmung prägt Stadt und ihre Menschen. Wenn ein Laden abends schließt, weiß niemand, ob er am nächsten Morgen wieder öffnet. Menschen verschwinden, weil sie wegziehen. Andere kehren nach Tagen zurück, ohne dass jemand verstünde weshalb, oder sich dafür interessierte, wo sie waren. Diejenigen, die bleiben, kennen einander. Manche sterben auch. Einfach so. Oder doch nicht?

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StepMap Der Tod ist ein einsames Geschäft

 

An 100 Tagen im Jahr verschwindet der Nebel überhaupt nicht. Er treibt die Menschen zu Mordphantasien. Und jede Nacht raunzt ein Regenguss und verschwindet wieder. Der Nebel reicht übrigens bis zur Lincoln Avenue, soweit wie die Macht der Polizei. Mitten im Ort wird nach Öl gebohrt, und niemand kann das ständige Stöhnen der Bohrtürme fliehen.

  • Im roten Vorortzug

Protagonist ist ein namenloser Ich-Erzähler, 27 Jahre alt. Er schreibt Gespenstergeschichten, die er für 30 Dollar pro Stück an Zeitungen verkauft (das reicht genau für die Monatsmiete). Ein mysteriöser Mann flüstert dem Erzähler während einer Zugfahrt die Worte „Der Tod ist ein einsames Geschäft“ ins Ohr.

Auf den Kanälen schwimmt grüner Schlick. Wo die Kanäle in den Pier übergehen, liegen leere Raubtierkäfige im Wasser. Auch sie stammen von dem abgebauten Freizeitpark. Nur ein Käfig ist nicht leer. Das auf- und abschwappende Wasser gibt eine Leiche frei. Der Erzähler findet bald heraus, wer der Tote ist (und dass er in seiner Todesnacht in Myron’s Ballroom gehen wollte) und sucht dessen Hauswirtin auf. Die zeigt alle Zeichen von Demenz, hat diffuse Angst vor einem Unbekannten, der in der Umgebung herumstreunt, und ist wenig später selbst tot.

  • Joggend

Der Erzähler läuft am Strand entlang. Er schaut in das Haus von A.L.Shrank (Beruf: Hypnotiseur, Graphologe, Chirologe und ein paar andere Sachen), beide besichtigen Shranks Bibliothek mit 5.910 Büchern. Sie reden lange über die Bibliothek (viel Tragisches, keine Komödien), und erst gegen Ende des Romans wird der Erzähler mit Blick auf die Buchauswahl bemerken, dass die Bibliothek in Wirklichkeit „ein Schlachthof, ein Verlies, ein Kerker“ ist.

Der Erzähler läuft den Strand hinunter nach Süden bis zur Villa des Stummfilmstars Constance Rattigan (in 27, Speedway, Ocean Front), ruft nach ihr. Er macht das öfters. Sie ignoriert ihn. Wie immer.
Er besucht seine Freundin Fanni Florianna, die in einer Absteige 10 Meilen weiter östlich in Los Angeles wohnt, genauer Ecke Temple Street / Figueroa Street. Sie sang früher Opern, bevor eine unglückliche Liebe sie auf dreieinhalb Zentner aufgehen ließ. Sie hören „Tosca“. Er schüttet ihr sein Herz aus: Zwei Tote, von denen keiner etwas wissen möchte, obwohl er selbst nicht an Unfälle glaubt. Im gleichen Haus wie Fanni wohnt auch Henry, ein blinder Schwarzer, dessen übrige Sinne derart geschärft sind, dass man ihm sein Blindsein nicht anmerkt.

  • im 1928er Duesenberg (blaue Strecke)


Als der Erzähler Fanni wieder verlässt, steht die Duesenberg-Limousine von Constance samt Chauffeur vor der Tür. Es folgt eine Stadtrundfahrt über Westwood („einfach weil es da so malerisch war“ – S. 154) bis zu Constances Villa. Dort entdeckt der Erzähler, dass Constance selbst in die Rolle ihres Chauffeurs geschlüpft ist. Aus Langeweile. Constance ist übrigens eine begeisterte Schwimmerin, denn „man kann schreien, jammern und schluchzen, soviel man will, und es stört niemanden“ (S. 220).

Fanni ruft eines Tages ganz aufgeregt beim Erzähler an. In ihrem Haus starben zwei Leute. Wenig später ist auch sie tot. Henry lebt noch, er war in Fannies Todesnacht von einem Unbekannten angerempelt worden. Er würde diesen Mann an seinem Geruch wieder erkennen. Und dieser Unbekannte muss etwas mit Fannies Tod zu tun haben.

Der Erzähler erhält einen Anruf von Constance. Ein unheimlicher Mann, der seit Nächten ums Haus streunt, sei wieder da. Als der Erzähler ankommt, ist die Villa hell erleuchtet, doch Constance ist verschwunden. Ihre Fußspuren führen ins Meer, wo sie verschwimmen.

  • Verfall und immer wieder Verfall

Der Verfall von Venice wird während des gesamten Romans inszeniert. Eine Parade schwerer Lastwagen fährt die Windward Avenue hinunter zum Pier. Dort demontieren Abbrucharbeiter den Freizeitpark. Der Protagonist geht abends ins Kino, das am nächsten Tag abgerissen wird. Er geht zur Schießbude des Freizeitparks, die eines Morgens verschwunden ist, ebenso wie die Frau, die den Laden betrieb. Der Filmvorführer des zerstörten Kinos läuft mit den Filmrollen im Arm heimatlos über den Strand (wobei das Kino für ihn schon 1928 mit der Einführung des Tonfilms starb). Nur Constance taucht wieder auf. Sie schwamm zu ihrem Zweithaus, drüben in Playa del Rey.

Henry und der Erzähler kommen über einen Zeitungsverlag am Hollywood Boulevard an eine Telefonnummer, die wahrscheinlich dem Mörder gehört. Der Erzähler erkennt an der Stimme den Mann aus dem Vorortzug zu Beginn wieder. Und auch Henry erkennt ihn am Körpergeruch. Es ist A.L Shrank. Eine Verfolgungsjagd führt den Pier hinauf. Shrank gesteht, alle Opfer derart bedrängt und verfolgt zu haben, dass sie verunglückten. Motiv: Seine Einsamkeit und sein Zwang, andere von ihrer Einsamkeit zu erlösen. Dann kämpfen beide miteinander, fallen in den Kanal, am Ende hat der Erzähler es geschafft, zu überleben.

  • Bemerkungen

Zu Beginn tat ich mir mit dem Buch schwer. Alpträume und Wirklichkeit verschwimmen mir zu sehr. Im Laufe der Lektüre wird es klarer. Die bis ins Detail durchinszenierte Abbruchstimmung macht das Buch alleine schon lesenswert. Bradbury verbindet die Topographie, den Städtebau und die Ökonomie der Stadt eng mit den Figuren, deren Motiven und Handeln. Der Zerfall ist allgegenwärtig und hat sich in die Seelen der Figuren gefressen und bestimmt deren Gefühle. Gleichzeitig ein Roman einer von einer Wirtschaftskrise aufgefressenen Stadt.

So gesehen ist die Einsamkeit der eigentliche Mörder, und Shrank erledigt nur deren Drecksarbeit. Oder geschah nichts, und alles ist nur eine Nebelfantasie des Autor-Erzählers.

Die Figuren haben ihren Anteil an der Verfall-Szenerie, jeder findet seine individuelle Art, seine Einsamkeit zu leben. Dabei werden sie derart überzeichnet, dass ich bei aller Tragik oft lachen musste. Und in vielen Details ist das Buch eine Hommage an den Stummfilm. Oder um im Bild zu bleiben: Ganz großes Kino.

Sogar der Verlag kam beim Leichenzählen durcheinander und baute einen Fehler in den Klappentext. In der Absteige liegen die toten Herrschaften Nr. 3 und 4, nicht „eine zweite“.

Und Myron’s Ballroom gab es wirklich und war bis zu Myrna Myron’s Tod 2001 erfolgreich.

Karte # 18: Tschenstochau und Karte # 19: Wien 1910 – „Schakale Gottes“ von C.C. Bergius

Das nächste Buch führt nach Polen, genauer in den Süden Polens. Der Roman „Schakale Gottes“ von C.C. Bergius erschien im Jahr 1977. Ich habe die Ausgabe als Goldmann-TB aus dem Jahr 1980 mit 319 Seiten. Das Buch hat 11 Kapitel. Die Handlung spielt in Tschenstochau und der weiteren Umgebung, dem Tschenstochauer Jura. Die Einteilung des Romans stammt von mir.

  • Die Geschichte Teil 1 (Die Mordermittlungen)

Die Geschichte beginnt am 5. März 1910 mit einem gefunden Edelsteinschatz. Der Finder Tadeusz Minka ist „Büttel“ eines kleinen Dorfes bei Tschenstochau, in der Nähe von Mstow. Er bringt den Schatz in das Kloster Tschenstochau.

Erster Exkurs zu einem untergegangen Wort: Ein Büttel war ein Fronbote, in späterer Zeit wurden die Aufgaben des Büttels vom Gerichtsdiener übernommen.

In den Tagen danach wird in der Warthe eine Leiche gefunden. Der Kommissar Pawel Bobak aus Nowo-Radomsk wird mit den Ermittlungen beauftragt. Seine Ermittlungen führen ihn auf Kutschfahrten durch den Tschenstochauer Jura und immer wieder zurück ins Kloster Jasna Gora. Schließlich findet er die Spur eines Verdächtigen, des Paters Rochus, der über Myszkow und Olkusz nach Krakau flieht. Dort, in Krakau, läßt Pater Rochus sich widerstandslos festnehmen.

Denn Krakau liegt 1910 im Ausland, in Galizien. Galizien ist von den Österreichern besetzt. Der festnehmende Kommissar in Krakau ist denn auch Österreicher. Ansonsten ist die Gegend um Tschenstochau von der russischen Geheimpolizei kontrolliert. Der Kommissar kann das Kloster mit der Drohung unter Druck setzen, dass es von der russischen Geheimpolizei überfallen werden könnte. Jedenfalls wirkt es kurzzeitig.

Der Mord ist also aufgeklärt. Ganz aufgeklärt? – Nein, denn niemand weiß, wer die Leiche ist. Der Verhaftete Pater Rochus wird zur Staatsanwaltschaft nach Petrikau gebracht. Dort gibt er die Geschichte von Mord und Edelsteindiebstahl zu Protokoll.  Nun beginnt erst Kapitel 5. Da geht also noch was.

  • Die Geographie

Blaue Knöpfe: Ermittlungen: Nowo-Radomsk, Tschenstochau, Mstow, Poraj, Myszkow, Olkusz

gelb: Fluchtweg des Mörders: Koniecpol, Mokrzesz, Zawada, Mstow, Tschenstochau, Poraj, Zarki, Myszkow, Lazi, Olkusz, Zabierzow, Krakau

  • Die Geschichte, Teil 2 (Die Geldgier)

Die Geschichte des Mordes beginnt im Sommer 1908 und dreht sich zunächst um eine kleine Gruppe polnischer Freiheitskämpfer. Die Gruppe wird angeführt von Fedor Zadek, einem Goldschmied (Monatslohn 100 Rubel) , dessen Verlobter Natascha, einer Telefonistin mit 45 Rubel Monatslohn. Beide leben in Warschau. Dann ist da noch Nataschas Bruder Roman Gorski. Er lebt in Krakau. Sie überfallen einen Postzug zwischen den Städten Rudniki und Klomnice, erbeuten 150.000 Rubel, streiten sich um die Beute und arbeiten zukünftig nicht mehr zusammen. Fedor und Natascha besuchen das Kloster Jasna Gora, das der Leser von den Ermittlungen des Kommissars bereits kennt. Eher zufällig lernten sie bei einem Besuch den Pater Rochus kennen. Rochus zeigt ihnen die Schwarze Madonna und die geschmückten Kammern, die voller Edelsteine sind. Fedor und Natascha geben sich als Geschwister aus,

Fedor und Natascha wollen sich als Goldschmiede selbständig machen. Natascha bettelt den Pater deswegen – wenn auch mit einer Lüge – um Geld an. Pater Rochus willigt ein, ihr 6.000 Rubel zu schenken. Da die Mönche auf verschiedenen Wegen immer mal wieder Geld für sich abzweigen, bekommt Rochus die Summe schnell zusammen. Er bittet Natascha, das Geld im Kloster abzuholen. Das tut sie, bringt die 6.000 Rubel nach Hause zurück. Sie muss allerdings als Gegenleistung ihren Gönner auf eine Reise nach Wien begleiten.

Zum Weihnachsfest 1908 wird schließlich auch Pater Rochus nach Warschau eingeladen. Er und Natascha gehen nachts im Lazienki-Park zwei Stunden spazieren. Zuhause angekommen erwartet Natascha ein „Rencontre“.

Zweiter Exkurs zu einem untergegangenen Wort: Das rencontre war eine Zusammenkunft mit einer gewissen feindseligen Note. Der Pater wiederum verlangt im Kloster noch mehr Geld. Der Custos jedoch weigert sich. (wieder ein altes Wort, das ist der Schatzmeister des Klosters). Ein anderer Pater schlägt vor, die Schlüssel zu Schatzkammer und Tresor nachmachen zu lassen. So stehlen die beiden 13.000 Rubel.

  • Die Reise nach Wien

Natascha und Rochus fahren für eine Woche nach Wien. Hier der Reiseplan:

Sie fahren vom Bahnhof am Prater vorbei über den Parkring zum Kärtner Ring ins Hotel, wo sie unter falschen Namen einchecken (blaue Tour). Sie besichtigen die Goethestatue, die Hofburg, den Volksgarten, die Pestsäule am Graben, den Stein-im-Eisen-Platz, den Stephansdom und kaufen Klamotten ein (grüne Tour). Nach einer Woche geht es wieder zurück. Rochus und Natascha einigen sich, dass sie für 500 Rubel im Monat seine Geliebte wird. Im Kloster wurden derweil die Schlösser ausgetauscht und…

  • Die Geschichte, Teil 3 (Die Eskalation)

….Rochus und sein Komplizenpater in Tschenstochau beschließen, statt Geld zukünftig Edelsteine zu stehlen. Sie lassen von den Steinen Imitationen anfertigen und tauschen die echten Steine gegen Imitationen aus. Um die Imitationen kümmert sich Nataschas Verlobter Fedor. Der kann das Geld für seine Selbständigkeit gut gebrauchen und lässt Natascha daher freie Hand. Natascha stellt Pater Rochus zur Rede, was er mit den Imitationen vorhat und woher er das viele Geld hat. Vom Reichtum geblendet, fordert sie ihn auf, noch mehr zu stehlen, aus dem Orden auszutreten und sie zu heiraten. Das erzählt sie auch Fedor.

Fedor und Rochus planen einen ganz großen Raubzug. Er scheint zunächst zu gelingen, doch als das Gespräch auf Natascha kommt, brennen beiden die Sicherungen durch. Pater Rochus erschlägt Fedor. Auf der Flucht hängt er den Beutel mit den Edelsteinen an die Tür des Büttels Tadeusz Minka. Der Kreis der Geschichte hat sich geschlossen.

  • Bemerkungen

Das Buch ist in der Struktur originell: Ein Krimi – nach einer wahren Begebenheit übrigens -, der die Antwort auf die Frage ermittelt: Wer ist die Leiche? Die vielen Haupt- und Nebenfiguren bringen viel Abwechslung in die Geschichte. Einige tauchen auf, spielen dann ohne Grund im weiteren Verlauf keine Rolle mehr, andere kommen dafür hinzu, die zunächst ohne Bedeutung schienen. Die Sache mit dem Freiheitskampf verschwindet ganz aus dem Blickfeld. Immerhin bietet die Handlung ein paar überraschende Wendungen, der historische Rahmen ist spannend.

Natascha und Rochus verstricken sich zunächst unabhängig voneinander, später gemeinsam, immer mehr in Geldgier. Aber die Figuren bleiben ansonsten psychologisch oberflächlich. Das ist bei Bergius, der eher handlungstreibend schreibt, üblich. Auch aus geographischer Sicht habe ich den Eindruck, der Autor habe aus ein paar Büchern und Reiseführern abgeschrieben, es ist ein atmosphärefreies Aufzählen von Stationen.

Im Anhang des Buches gibt es einen ausführlichen Überblick des Autors über die Geschichte Polens. Im Buch erfährt man auch eine Menge über die Schwarze Madonna, den polnischen Freiheitskampf, polnische Königshäuser. Erzählerisch löste Bergius das, indem er diese Dinge Nataschas Tante erzählen läßt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Krakau-Tschenstochauer_Jura

http://bop.jasnagora.pl/

https://de.wikipedia.org/wiki/Königreich_Galizien_und_Lodomerien

Karte # 15: Mit Marnie kreuz und quer durch England

Bücher, die eine Flucht zum Thema haben, sind immer auch Bücher mit starkem geographischem Bezug. Fluchten sind ja zunächst einmal unfreiwillig oder gezwungenermaßen durchgeführte Reisen. Gegenden werden nicht besucht, sondern durchzogen. Die Orte haben keine eigene Ausstrahlung, sondern sind Wegpunkte. Der durchquerte Raum alleine ist wichtig. Veränderungen definieren sich über zurück gelegte Entfernungen. Dieses Buch handelt von Fluchten, die kreuz und quer durch England führen. Es geht um „Marnie“ von Winston Graham aus dem Jahr 1960. Ich habe die Ausgabe von 1961 (Übersetzung: M. Tilgner) mit 284 Seiten. Die Geschichte ist durch den Film von Hitchcock so richtig berühmt geworden. Hitchcock verlegt die Handlung, die er an einigen wichtigen Stellen verändert, in die USA.

  • Das Setup

Marnie

Die Hauptperson ist Margaret Elmer, genannt Marnie. Sie ist die Ich-Erzählerin des Romans. Ihre Flucht findet auf zwei Ebenen statt. Sie flieht davor, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, als ihr viel Gewalt angetan wurde. Unter dem Vorwand, ihre Mutter zu unterstützen (in Wahrheit jedoch, um sich selbst zufrieden zu stellen) stiehlt sie Geld von ihren Arbeitgebern. Anschließend verschwindet sie und taucht unter neuem Namen in einer anderen Stadt auf.

  • Die Geographie

Das Buch beginnt in dem Städtchen Cirencester. Die „Alte Krone“ in Cirencester ist sozusagen Marnies Rückzugsort. Hierher kehrt sie nach ihren „Fischzügen“ immer wieder zurück. In einem Gestüt in der Nähe hält sie sich ein Pferd. Zu Beginn des Buches hat sie bereits unter verschiedenen Namen immer wieder Stellen als Buchhalterin angetreten. Nach kurzer Zeit unterschlug sie Geld und verschwand spurlos, so in Brimingham, Newcastle und Manchester. Nun tritt sie ein Stelle bei der Firma Rutland in Barnet bei London an. In der Folge werden im Roman drei große Strecken zurück gelegt.

Strecke 1: London – Paddington – Wolverhampton – Walsall – Nottingham – Swindon – Cirencester (grüne Knöpfe)

Strecke 2: Cirencester – Fairford – Oxford – Aylesbury – Berkhamsted (rote Knöpfe)

Strecke 3: Torquay – Newton Abbot – Exeter – Andover – Honiton – Ilminster – Ilchester – Wincanton – Newbury -High Wycombe (gelbe Knöpfe)

Blaue Knöpfe stellen sonstige Orte der Handlung dar.

  • Die Geschichte

Rutland ist eine Spezialdruckerei für besonders hochwertige Druckerzeugnisse. Marnie ist dort als Lohnbuchhalterin angestellt. Eines Tages beginnt sie, Geld zu unterschlagen. Sie geht sehr planvoll vor. Der Leser erfährt einiges über englische Lohnabrechnungen, das Sozialsystem und auch Marnies Kontenstruktur. Als Marnie genug Geld unterschlagen hat, verschwindet sie. Nun folgt „Strecke 1“. Sie deponiert das Geld bei verschiedenden Banken und kehrt zurück nach Cirencester. In Cirencester spürt der Inhaber Mark Rutland sie auf. Auf der langen Fahrt zurück nach Berkhamsted stellt er sie zur Rede. Das ist Strecke 2. In einem – auf 20 Seiten geschilderten – rhetorischen Machtkampf überzeugt er Marnie, ins Büro zurück zu kehren. Ein paar Tage danach fordert er sie auf, ihn zu heiraten. Gegen ihren Willen stimmt sie zu.

Die Hochzeitsreise geht nach Mallorca, nach Las Catalas, 4 Meilen außerhalb von Palma. Marnie verweigert sich ihrem Mann, wofür sie immer neue Gründe findet. Schließlich vergewaltigt er sie. Mark Rutland stellt für Marnie einen Kontakt zu dem Psychiater Dr. Roman her. Und Marnie besucht die Pokerabende ihres Arbeitskollegen Terry. Sie ist nicht in der Lage, die möglichen Bluffs zu durchschauen oder – wenn sie durchschaut – entsprechend zu setzen. Bei einem Dinnerempfang wird sie von ihrem früheren Chef aus Birmingham erkannt. Also trifft sich Rutland mit einem pensionierten Chief Constabler. Aus diesem Gespräch zieht Rutland die Konsequenz, dass er sich bei den Betrogenen offenbart und die Beträge zurück zahlt. Marnie beschließt, sich den zu erwartenden Schwierigkeiten nicht zu stellen und bei nächster Gelegenheit Mark zu verlassen.

  • Pause

Als Snack gibt es englisches „Starkbier“ zu einem Stück Schinken aus dem Pub in Torquay. In dem Buch wird viel gegessen, es gibt Dinnerempfänge und gemeinsame Mahlzeiten mit Rutland. Aber es werden nur die Getränke beschrieben. Auch eine Art Flucht. Erst gegen Ende,  im Pub, sticht Marnie eine Gabel in ein Stück Schinken. Es ist das erste Mal, dass Essen konkret beschrieben wird.

  • Weiter

Einige Tage später reiten die Rutlands gemeinsam mit vielen anderen zur Fuchsjagd aus. Marnies Pferd geht durch und stürzt beim Sprung über eine Hecke. Es muss eingeschläfert werden. Auch Mark Rutland verletzt sich schwer. Während er gesund gepflegt wird, beschließt Marnie, abzureisen. Sie dringt nachts in die Firma ein, nimmt Geld aus dem Tresor, bekommt Skrupel und legt es zurück. Danach fährt sie nach Torquay und erfährt, dass ihre Mutter am Tag zuvor starb. Von der Freundin ihrer Mutter (Lucy Nye, die Marnie auch großgezogen hat) erfährt sie schreckliche Details aus ihrer Vergangenheit. Marnies Mutter arbeitete als Hafenprostituierte, aus der Geschichte ging ein Kind hervor, Marnies Bruder, der kurz nach der Geburt ermordet wurde.

Mit diesem Wissen fühlt sich Marnie zum ersten Mal frei, ihr Zwang fällt von ihr ab. Nach der Beerdigung ihrer Mutter kehrt Marnie in einem Pub ein (die Sache mit Starkbier und Schinken). Als sie später nach Hause kommt, sitzt Terry dort. Er überredet sie, mit zurück nach London zu fahren. Sie fahren Strecke 3. Unterwegs halten sie an einem Haus, in dem ihre ehemaligen Chefs aus Birmingham auf sie warten. Sie geht zu ihnen, um die Dinge zu klären. Sie weiß nun, dass ihr Leben alleine in ihren eigenen Händen liegt.

  • Anmerkungen

Es ist ein besonderes Buch. Zunächst fällt auf, dass das Wetter keine Rolle spielt. Der Autor verzichtet darauf, das Klischee des englischen Regens zu bemühen. Marnies Leben kann nur bei völliger Kontrolle funktionieren. Mark Rutland zwingt sie in Situationen, in denen sie keine Kontrolle mehr hat. Sie windet sich, flieht, lügt, will sich zweimal umbringen. Bei der Fuchsjagd erkennt sie ihre Lage so deutlich wie nie zuvor. Sie versucht Rollenwechsel, plant Reisen, die sie niemals ausführen wird, bis sie schließlich aufgibt und frei wird. Dieser innere Kampf wird eindrucksvoll dargestellt und durch die Fluchten auch geographisch abgebildet.

Dazu kommt eine gehörige Portion Selbstironie der Ich-Erzählerin, und so ist es bei aller Dramatik kein humorloses Buch. Es hat sicherlich auch Schwächen. So ist die Rolle von Terry, besonders am Ende, nicht schlüssig. Andererseits ist das Gespräch auf „Strecke 2“ ein Meisterwerk in der Kategorie Dialogführung. Absolut lesenswert.