Karte # 20: Paris 1819 – „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac

„Paris ist ein Ozean. … Wie zahlreich und eifrig die Erforscher des Meeres sein mögen, immer findet sich eine jungfräuliche Stelle, ein unbekannter Winkel, Blumen, Perlen, Ungeheuer, irgendetwas Unerhörtes, Vergessenes.“

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Eines von vielen schönen Zitaten aus dem Roman „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac. Der Roman erschien im Jahre 1835. Ich habe die deutsche Ausgabe (Übersetzung Siever Meyer-Berghaus) von Agrippina Wiesbaden ohne Jahr, vermutlich Anfang der 60er, mit 192 Seiten. Vater Goriot ist eine Folge der „Fortsetzungsserie“ Comédie Humaine.

  • Das Setup

Die Geschichte spielt im Paris des Jahres 1819. Zentraler Ort der Handlung ist die Pension Vauquer. Sie befindet sich in der Rue Neuve-Saint-Genevieve. (Das ist die heutige Rue Tournefort). In dieser Pension wohnt Vater Goriot. Er ist ein ehemaliger Nudelfabrikant, der durch Getreidespekulation zu unermesslichem Reichtum kam. (Ich vermute, dass es sich hier um eine Folge der Kontinentalsperre handelte) 1814 setzte sich Goriot zur Ruhe. Er ist Witwer und hat zwei Töchter. Zur Zeit Napoleons war Vater Goriot in den Häusern seiner Schwiegersöhne gerne gesehen. Seit die Bourbonen an der Macht sind, nicht mehr. Und die beiden Töchter nehmen ihren Vater aus, wie sie nur können.

  • Die zwei Töchter

Die ältere Tochter, Anastasia von Restaud, wohnt in der Rue du Helder. Sie hat ihren Mann zum Herrn über ihr Vermögen gesetzt. Goriot besucht sie manchmal durch den Dienstboteneingang, und manchmal besucht sie ihn in der Pension.

Die jüngere Tochter, Delphine von Nuncingen, hat einen „fettwanstigen Bankier“ geheiratet. Dieser verweigert Delphine so ziemlich alles, besonders ihre Apanage. Außerdem darf Goriot seine Tochter nicht in ihrem Haus in der Rue Saint-Lazare besuchen. Goriot wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als sie häufiger zu sehen.

Da kommt ihm sein Zimmernachbar Eugene de Rastignac, ein Jurastudent, gerade recht. Eugene seinerseits will unbedingt in die feine Gesellschaft von Paris gelangen. Zunächst lässt er sich von seiner Pariser Tante, einer Gräfin, zeigen, wie man sich in den besseren Kreisen so benimmt. Auf Bällen bandelt Eugene dann mit dieser und jener Dame an, bis er sich schließlich in Delphine verliebt. Für sie gewinnt und verliert er Geld beim Roulette. Mit ihr besucht er Opernaufführungen. Goriot bittet Eugene, an Delphine dranzubleiben und ihr Geliebter zu werden. Auf diesem Wege könne er – Goriot – seine Tochter wieder treffen.

Um das Thema weiter voranzubringen, verpfändet Goriot seine Leibrente. Von dem Geld bezahlt er eine Junggesellenwohnung in der Rue d’Artois. Als Gegenleistung verlangt er von Delphine einen Überblick über ihr Vermögen, besonders über die 800.000 Francs Aussteuer, die er für sie aus der Ehe auslösen und gewinnbringend anlegen möchte. Nach der Einweihungsfete gehen Eugen und Goriot in die Pension zurück und beschließen, aus der Pension auszuziehen. Frau Vauquer ist enttäuscht, weil damit ihr Einkommen wegbricht.

grüne Knöpfe = Die Wohnsitze der Familie Goriot

blaue Knöpfe = sonstige Orte der Handlung

  • Die Nebenhandlung (der Geldwäscher)

An dieser Stelle wird es Zeit für die Nebenhandlung. In der Pension wohnen noch andere Leute. Einer von ihnen, Monsieur Vautrin ist von Beginn an unsympathisch. Denn er beobachtet Goriot auf Schritt und Tritt und erzählt brühwarm in der Pension, wo Goriot überall so war, zum Beispiel beim Pfandleiher. Oder Silbergeschirr versetzen. Später stellt sich heraus, dass Vautrin eine Art Geldwäscher für Ganoven ist. Er verwaltet deren ergaunertes Geld und arbeitet nebenbei als Hehler. Ein Agent der Polizei entlarvt ihn und kann ihn mit Hilfe zweier anderer Bewohner der Pension, Mr. Poiret und Mme. Michonneau, überwältigen. Vautrin fällt also als Mieter in Zukunft aus, die beiden anderen wurden von der Polizei bezahlt und ziehen ebenfalls aus. Mme. Vauquer steht nun ohne Einkommen da.

  • Das Ende

Eugenes Tante fädelt ein, dass ihr Neffe mit Delphine in die besseren Kreise eingeführt wird, also ohne Delphines „dickwanstigem Banker“. Delphine wiederum stellt fest, dass sie pleite ist. Mit der Aussteuer hat ihr Mann Geschäfte getätigt und das Geld verloren. Zunächst aber braucht Delphine ein neues Kleid für den Ball. Deswegen bettelt sie ihren Vater an. Goriot hat aber nichts mehr, seit er alles für Delphine in die Wohnung gesteckt hat. Nun taucht auch noch die andere Tochter Anastasia in der Pension auf. Deren Mann wiederum hat angeblich viel Geld verspielt und deswegen schon den Schmuck seiner Mutter verkauft. Sie braucht aber auch ein neues Kleid für den Ball und die Schneiderin will frecherweise Vorkasse. Also bettelt auch sie ihren Vater an. Der sagt nochmal, dass er nichts mehr hat.

Direkte Folge: Die beiden Töchter streiten sich vor den Augen ihres Vaters erstmal darum, wer die bessere ist. Nächste Folge: Vater Goriot kippt um und erholt sich davon nicht mehr.

Auf dem Sterbebett klagt er Eugene von dem Undank seiner beiden Töchter. Goriot bittet Eugene, die beiden Töchter an sein Sterbebett zu holen. Beide sind jedoch darauf eingestellt, den Ball zu besuchen und nicht gewillt, ihre Pläne zu ändern. Zu Goriots Beerdigung schließlich schicken beide Töchter je einen leeren Wagen.

Eugene wiederum sind ebenfalls die Augen über die Gesellschaft geöffnet. Zum Ende des Romans geht er zu Delphine, um ihr zu sagen, dass die Pariser Gesellschaft ihm nichts mehr bedeutet.

  • Bemerkungen

Ich muss gestehen, dass ich mich lange um die Lektüre gedrückt habe. Zu Unrecht. Es ist ein modernes Buch, Manipulation des Getreidepreises, Geldwäscher, ein reicher Mann, der arm stirbt, und alles so geschrieben, dass man bei der Lektüre immer mal lachen muss. Manches ist auch nicht ganz einfach zu lesen. Ich tue mir immer schwer damit, wenn neue Informationen mitgeteilt werden, indem die Figuren Briefe schreiben oder lesen. Ansonsten liest sich das Buch an manchen Stellen wie eine Satire auf eine Gesellschaft, deren höchstes Ideal darin besteht, bei anderen hoch angesehen zu sein.

Weil es so schön ist, zum Abschluss nochmal ein Zitat: „Wenn uns ein Unglück bevorsteht, dann gibt es immer Freunde, die bereit sind, …, uns das Herz mit einem Dolch zu durchbohren, dessen Griff wir noch bewundern sollen.“

Und das hier: „je vais vous faire une proposition que personne ne refuserait.“ wurde aus dem Mund von Marlon Brando zu einem der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten.

http://de.wikipedia.org/wiki/American_Film_Institute#100_Movie_Quotes_.E2.80.93_Die_100_besten_Filmzitate_aus_US-Filmen_aller_Zeiten

http://www.writersinparis.com/formwritersinparis.php

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Karte # 18: Tschenstochau und Karte # 19: Wien 1910 – „Schakale Gottes“ von C.C. Bergius

Das nächste Buch führt nach Polen, genauer in den Süden Polens. Der Roman „Schakale Gottes“ von C.C. Bergius erschien im Jahr 1977. Ich habe die Ausgabe als Goldmann-TB aus dem Jahr 1980 mit 319 Seiten. Das Buch hat 11 Kapitel. Die Handlung spielt in Tschenstochau und der weiteren Umgebung, dem Tschenstochauer Jura. Die Einteilung des Romans stammt von mir.

  • Die Geschichte Teil 1 (Die Mordermittlungen)

Die Geschichte beginnt am 5. März 1910 mit einem gefunden Edelsteinschatz. Der Finder Tadeusz Minka ist „Büttel“ eines kleinen Dorfes bei Tschenstochau, in der Nähe von Mstow. Er bringt den Schatz in das Kloster Tschenstochau.

Erster Exkurs zu einem untergegangen Wort: Ein Büttel war ein Fronbote, in späterer Zeit wurden die Aufgaben des Büttels vom Gerichtsdiener übernommen.

In den Tagen danach wird in der Warthe eine Leiche gefunden. Der Kommissar Pawel Bobak aus Nowo-Radomsk wird mit den Ermittlungen beauftragt. Seine Ermittlungen führen ihn auf Kutschfahrten durch den Tschenstochauer Jura und immer wieder zurück ins Kloster Jasna Gora. Schließlich findet er die Spur eines Verdächtigen, des Paters Rochus, der über Myszkow und Olkusz nach Krakau flieht. Dort, in Krakau, läßt Pater Rochus sich widerstandslos festnehmen.

Denn Krakau liegt 1910 im Ausland, in Galizien. Galizien ist von den Österreichern besetzt. Der festnehmende Kommissar in Krakau ist denn auch Österreicher. Ansonsten ist die Gegend um Tschenstochau von der russischen Geheimpolizei kontrolliert. Der Kommissar kann das Kloster mit der Drohung unter Druck setzen, dass es von der russischen Geheimpolizei überfallen werden könnte. Jedenfalls wirkt es kurzzeitig.

Der Mord ist also aufgeklärt. Ganz aufgeklärt? – Nein, denn niemand weiß, wer die Leiche ist. Der Verhaftete Pater Rochus wird zur Staatsanwaltschaft nach Petrikau gebracht. Dort gibt er die Geschichte von Mord und Edelsteindiebstahl zu Protokoll.  Nun beginnt erst Kapitel 5. Da geht also noch was.

  • Die Geographie

Blaue Knöpfe: Ermittlungen: Nowo-Radomsk, Tschenstochau, Mstow, Poraj, Myszkow, Olkusz

gelb: Fluchtweg des Mörders: Koniecpol, Mokrzesz, Zawada, Mstow, Tschenstochau, Poraj, Zarki, Myszkow, Lazi, Olkusz, Zabierzow, Krakau

  • Die Geschichte, Teil 2 (Die Geldgier)

Die Geschichte des Mordes beginnt im Sommer 1908 und dreht sich zunächst um eine kleine Gruppe polnischer Freiheitskämpfer. Die Gruppe wird angeführt von Fedor Zadek, einem Goldschmied (Monatslohn 100 Rubel) , dessen Verlobter Natascha, einer Telefonistin mit 45 Rubel Monatslohn. Beide leben in Warschau. Dann ist da noch Nataschas Bruder Roman Gorski. Er lebt in Krakau. Sie überfallen einen Postzug zwischen den Städten Rudniki und Klomnice, erbeuten 150.000 Rubel, streiten sich um die Beute und arbeiten zukünftig nicht mehr zusammen. Fedor und Natascha besuchen das Kloster Jasna Gora, das der Leser von den Ermittlungen des Kommissars bereits kennt. Eher zufällig lernten sie bei einem Besuch den Pater Rochus kennen. Rochus zeigt ihnen die Schwarze Madonna und die geschmückten Kammern, die voller Edelsteine sind. Fedor und Natascha geben sich als Geschwister aus,

Fedor und Natascha wollen sich als Goldschmiede selbständig machen. Natascha bettelt den Pater deswegen – wenn auch mit einer Lüge – um Geld an. Pater Rochus willigt ein, ihr 6.000 Rubel zu schenken. Da die Mönche auf verschiedenen Wegen immer mal wieder Geld für sich abzweigen, bekommt Rochus die Summe schnell zusammen. Er bittet Natascha, das Geld im Kloster abzuholen. Das tut sie, bringt die 6.000 Rubel nach Hause zurück. Sie muss allerdings als Gegenleistung ihren Gönner auf eine Reise nach Wien begleiten.

Zum Weihnachsfest 1908 wird schließlich auch Pater Rochus nach Warschau eingeladen. Er und Natascha gehen nachts im Lazienki-Park zwei Stunden spazieren. Zuhause angekommen erwartet Natascha ein „Rencontre“.

Zweiter Exkurs zu einem untergegangenen Wort: Das rencontre war eine Zusammenkunft mit einer gewissen feindseligen Note. Der Pater wiederum verlangt im Kloster noch mehr Geld. Der Custos jedoch weigert sich. (wieder ein altes Wort, das ist der Schatzmeister des Klosters). Ein anderer Pater schlägt vor, die Schlüssel zu Schatzkammer und Tresor nachmachen zu lassen. So stehlen die beiden 13.000 Rubel.

  • Die Reise nach Wien

Natascha und Rochus fahren für eine Woche nach Wien. Hier der Reiseplan:

Sie fahren vom Bahnhof am Prater vorbei über den Parkring zum Kärtner Ring ins Hotel, wo sie unter falschen Namen einchecken (blaue Tour). Sie besichtigen die Goethestatue, die Hofburg, den Volksgarten, die Pestsäule am Graben, den Stein-im-Eisen-Platz, den Stephansdom und kaufen Klamotten ein (grüne Tour). Nach einer Woche geht es wieder zurück. Rochus und Natascha einigen sich, dass sie für 500 Rubel im Monat seine Geliebte wird. Im Kloster wurden derweil die Schlösser ausgetauscht und…

  • Die Geschichte, Teil 3 (Die Eskalation)

….Rochus und sein Komplizenpater in Tschenstochau beschließen, statt Geld zukünftig Edelsteine zu stehlen. Sie lassen von den Steinen Imitationen anfertigen und tauschen die echten Steine gegen Imitationen aus. Um die Imitationen kümmert sich Nataschas Verlobter Fedor. Der kann das Geld für seine Selbständigkeit gut gebrauchen und lässt Natascha daher freie Hand. Natascha stellt Pater Rochus zur Rede, was er mit den Imitationen vorhat und woher er das viele Geld hat. Vom Reichtum geblendet, fordert sie ihn auf, noch mehr zu stehlen, aus dem Orden auszutreten und sie zu heiraten. Das erzählt sie auch Fedor.

Fedor und Rochus planen einen ganz großen Raubzug. Er scheint zunächst zu gelingen, doch als das Gespräch auf Natascha kommt, brennen beiden die Sicherungen durch. Pater Rochus erschlägt Fedor. Auf der Flucht hängt er den Beutel mit den Edelsteinen an die Tür des Büttels Tadeusz Minka. Der Kreis der Geschichte hat sich geschlossen.

  • Bemerkungen

Das Buch ist in der Struktur originell: Ein Krimi – nach einer wahren Begebenheit übrigens -, der die Antwort auf die Frage ermittelt: Wer ist die Leiche? Die vielen Haupt- und Nebenfiguren bringen viel Abwechslung in die Geschichte. Einige tauchen auf, spielen dann ohne Grund im weiteren Verlauf keine Rolle mehr, andere kommen dafür hinzu, die zunächst ohne Bedeutung schienen. Die Sache mit dem Freiheitskampf verschwindet ganz aus dem Blickfeld. Immerhin bietet die Handlung ein paar überraschende Wendungen, der historische Rahmen ist spannend.

Natascha und Rochus verstricken sich zunächst unabhängig voneinander, später gemeinsam, immer mehr in Geldgier. Aber die Figuren bleiben ansonsten psychologisch oberflächlich. Das ist bei Bergius, der eher handlungstreibend schreibt, üblich. Auch aus geographischer Sicht habe ich den Eindruck, der Autor habe aus ein paar Büchern und Reiseführern abgeschrieben, es ist ein atmosphärefreies Aufzählen von Stationen.

Im Anhang des Buches gibt es einen ausführlichen Überblick des Autors über die Geschichte Polens. Im Buch erfährt man auch eine Menge über die Schwarze Madonna, den polnischen Freiheitskampf, polnische Königshäuser. Erzählerisch löste Bergius das, indem er diese Dinge Nataschas Tante erzählen läßt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Krakau-Tschenstochauer_Jura

http://bop.jasnagora.pl/

https://de.wikipedia.org/wiki/Königreich_Galizien_und_Lodomerien

Karte # 7: Köln um 1300. Mit und ohne Bier

Ecce Colonia.

 

  • Das Setup

Im vorigen Beitrag hat Niklas das Brauerhandwerk gelernt und zog über mehrere Stationen nach Bitburg. Dort erlangte er Bürgerrechte. Mit all diesen Erfahrungen erfüllt er sich nun seinen Traum, sich in Köln als Brauer nieder zu lassen. Von den Erlebnissen in Köln und danach handelt dieser Beitrag, quasi als Fortsetzung des Beitrags von letzter Woche.

  • Die Geschichte

Niklas findet schnell ein Haus für seine Braustube. In Köln werden meist Kräuterbiere gebraut. Auch besondere Spezialitäten wie Honigbiere. Hopfenbiere sind unbekannt. Also läßt sich Niklas den Hopfen aus der Gegend von Bitburg (siehe Teil 1) kommen. Als nächstes will er Albertus Magnus besuchen, der ist aber schon zwei Jahre zuvor gestorben. Mit Bierspenden erkauft sich Niklas die Erlaubnis, den Kräutergarten von Albertus Magnus pflegen zu dürfen. Dort experimentiert er mit Hopfenpfanzen. Die Ergebnisse kann er dann in Holsthum umsetzen.

Er freundet sich mit dem Buchhändler Rosenzweig an, dessen Söhne in seiner Brauerei aushelfen. Bei einer Feuersbrunst im Judenviertel sterben Herr und Frau Rosenzweig. Niklas nimmt sich der beiden Söhne an.

Auf seiten der Kölner Bürger nimmt Niklas – gemeinsam mit den anderen Brauern der Stadt – an der Schlacht von Worringen teil, am 5. Juni 1288.

Bereits im Jahr zuvor starb ein Papst – Honorius IV. Das folgende Konklave war eines der längsten der Geschichte. Nach fast einem Jahr wurde ein Franziskanermönch gewählt, Nikolaus IV. Der neue Papst weiß ein gutes Bier zu schätzen. Der Kölner Erzbischof (Siegfried von Westerburg) hat von dieser Vorliebe erfahren. Um sich mit dem Papst zukünftig gut zu stellen, möchte Siegfried ihm das beste Bier Kölns schicken. Er entscheidet sich für Niklas‘ Bier. Der Papst ist so begeistert, dass er Niklas einlädt, im Vatikan zu brauen. Niklas lehnt ab, sendet jedoch regelmäßig Bier nach Rom. Im Sommer 1291 bekommt der Papst Durchfall. Niklas wird beschuldigt, schlechtes Bier geliefert zu haben. In einem Prozess vor einem Schöffengericht der Stadt wird er von diesem Vorwurf freigesprochen. Man entscheidet, dass das Bier auf der sechswöchigen Reise im Sommer unterwegs verdorben ist.

Im April 1292 stirbt Papst Nikolaus IV. Bier hat damit nichts zu tun.

Der erste Weihwasserautomat wird erfunden. Nach dessen Vorbild lässt sich Niklas einen Bierautomaten anfertigen. Schnell entsteht der Vorwurf, dass der Automat Trunkenheit fördere und auch den Verkauf von Alkohol an  Kinder zulassen würde. Also wird der Automat wieder abgeschafft.

Niklas hat sich nun unter den Kölner Brauern etabliert und versorgt die Dombaustelle mit Bier. Die Freundschaft mit dem Dombaumeister nutzt er für Werbezwecke. Er vereinbart, dass er auf dem Altargemälde als Apostel Thomas erscheint. Seinen Konkurrenten Bodo läßt er als Teufel malen. Ein Jahr später – es ist 1307 – geht das Altargemälde in Flammen auf. Bei Bodo gibt es tagelang Freibier.

Niklas‘ Tochter Agnes Maria erkrankt an Blattern. Sie überlebt zwar, ist jedoch teils gelähmt und verbringt den Rest ihres Lebens im Kloster Ebstorf. Niklas besucht sie mehrmals, und eines Tages reist er weiter nach Lübeck.

  • Pause

Zur Pause gibt es heute einen malzig schmeckenden irischen Whiskey aus Niklas‘ nun folgender Reise.

  • Weiter

In Lübeck, der Hauptstadt der Hanse, lernt Niklas, wie Malz aus verschiedenen Getreidesorten verschnitten wird. In Lübeck gibt es wiederum nur Kräuterbiere. Die Konkurrenz aus England ist groß, denn dort wurde ein Hopfenbier – das Ale – erfunden und wird exportiert. Niklas erhält die Erlaubnis, seine haltbaren Hopfenbiere im Namen der Hanse zu verkaufen und macht Geschäfte mit Händlern in Brügge und Antwerpen.

Nun betreibt Niklas für einige Jahre gute Geschäfte, die ihn zu einem reichen Mann machen. Im Frühjahr 1310 bricht er nach London auf, um sich mit dem dortigen Bier zu befassen und neue Geschäftsmöglichkeiten zu erkunden. Er lernt dort auch den wichtigsten Konkurrenten des Bieres kennen. Engländer destillieren aus so ziemlich allem Schnäpse. Auch aus Malz. Deswegen ist das uishe beatha, für Niklas besonders interessant.

Im Herbst 1310 fährt er zurück nach Köln. Ihm kommen beunruhigende Nachrichten entgegen, die zur traurigen Gewissheit werden: Während seiner Abwesenheit zogen Kölner Bürger brandschatzend durch das Judenviertel. Auch Niklas‘ Brauerei wurde zerstört. Der Mob ermordete die jüdischen Brauerjungen. Die Stadt Köln geht unangenehm schnell zur Tagesordnung über.

Niklas ist ein gebrochener Mann. Er zieht ins Kloster Urbrach, wo er sein Leben auf Papier – auch so eine neue Erfindung – niederschreibt und 1326 stirbt.

Dem Buch angehängt ist ein langer Epilog. Der Autor beschreibt dort den historischen Rahmen des Romans, und er wird so zu einem Nachschlagewerk.

  • Gedanken

Es ist weniger ein historischer Roman als ein Wissenschaftsroman. Die Handlung dreht sich um technischen Fortschritt. Die Produktionsmethoden von Bier werden immer weiter rationalisiert, das Bier geschmacklich verfeinert und haltbarer. Der Autor versteht es, seinen Helden an allen wichtigen Entwicklungen der Zeit teilhaben zu lassen. Der Leser nimmt an mehreren Revolutionen teil: Der Erfindung de Hopfenbieres, der Haltbarmachung des Hopfens, der Erfindung des Kühlschiffchens. Und auch wichtige gesellschaftliche und politische Ereignisse werden in die Handlung eingebunden, von der Entstehung eines Festes zu Beginn der Fastenzeit bis hin zu Kaiserkrönungen, wenn ein Tross mal kurz auf ein paar Fässer Bier vorbeischaut.

Das alles geschieht unspektakulär und wie zufällig. Daraus zieht der Roman seine Spannung. Der Aufbau des Buches, erst die Technik des Bierbrauens, danach die gesellschaftlichen Entwicklungen der Epoche einzubinden, sind für den Leser plausibel. Das Erscheinen des bösen Inquisitors erscheint jedoch aufgesetzt, und auch die Familiengeschichte ist für die Handlung nicht wichtig. Aber gerade das macht den Roman erfrischend anders.

Hier nochmal die Umgebungskarte.

Die Schlacht von Worringen

Siegfried von Westerburg

und nochwas zur Industriellen revolution des Mittelalters

Karten # 5 & # 6: Weihenstephan und Bitburg im Mittelalter: Hopfenbier und andere Revolutionen

In einigen der letzten Bücher spielte Wein eine Rolle. Zeit für ein wenig Abwechslung. Und natürlich habe ich den Text dazu: Der Bierzauberer von Günther Thömmes aus dem Jahr 2008 mit 374 Seiten.

  • Das Setup

Niklas wurde im Jahre 1248 in Franken geboren, als Sohn eines unfreien Bauern. Er hilft seiner Mutter gerne im Haushalt beim Bierbrauen, einer sehr schweren Arbeit. Eines Tages begegnet er einem Mann, der seinen Jungen im nahe gelegenen Kloster Urbrach abgeben möchte. Niklas schnappt die beiläufige Bemerkung auf, dass dort gutes Bier gebraut wird. Ab diesem Tag nervt er seinen Vater, dass er auch ins Kloster möchte. Mit 14 Jahren kommt er schließlich ebenfalls nach Urbrach. Damit beginnt seine Karriere als der beste Bierbrauer seiner Zeit.

Die Landkarte dazu. Die Reihenfolge der Stationen in der Geschichte ist blau-rot-grün.

  • Die Geschichte in den Klöstern

Niklas lernt zunächst viel über Getreide, er studiert Techniken des Brauens großer Mengen. Immerhin müssen viele Mönche das ganze Jahr über mit Bier versorgt werden. Die Biere sind Kräuterbiere. Je nach Zweck werden unterschiedliche Kräuter beigemischt, so dass ein Bier bekömmlich, durstlöschend oder heilend ist. Jedes Frühjahr gibt es dann das immer gleiche Problem: Die Kühlung des Bieres wird immer schwieriger. Bis dann – O Schreck – das Bier verdirbt. Eines Tages verkauft ein Händler dem Kloster etwas Hopphakraut. Das damit testweise gebraute Bier schmeckt bitterer als die Kräuterbiere, ist jedoch länger haltbar. Es entsteht ein Streit unter den Brüdern, am Ende setzt sich das Hoppha-Bier durch.

Der Klosterbraumeister verunglückt tödlich. Er stürzt kopfüber in den Bottich mit heißer Maische. Niklas, dem der Unfall von einigen Brüdern angelastet wird, verläßt das Kloster und zieht nach Weihenstephan. Dort wird seit Jahrhunderten mit Hopfen gebraut. Neues Problem: Der gelagerte Hopfen verliert schnell an Geschmack. Niklas gelingt es nach vielen Experimenten, Hopfen haltbarer zu machen. Das größte Problem besteht aber darin, die Maische abzukühlen. Das sollte stets so schnell wie möglich geschehen. Niklas erfindet das Kühlschiff. Das ist ein breiter, jedoch nur eine handbreit tiefer Behälter. Da hinein wird der Inhalt des Maischekessels gekippt. So kühlt die Maische schnell ab, und der Gärungsprozess kann zum optimalen Zeitpunkt beginnen.

1270 wird Weihenstephan von einem schweren Erdbeben weitgehend zerstört. Niklas zieht daraufhin nach St. Gallen weiter. Die Klosterbrauerei ist ein Großbetrieb mit drei Produktionsstätten, der täglich über 2000 Krüge verschiedener Qualitäten produziert. Für jeden Arbeitsschritt gibt es eigene Eisenkessel, Niklas lernt den Umgang mit Pech zur Abdichtung der Fässer. Später übernimmt er eine der drei Produktionsstätten, und zwar die des schrulligen Mönches Reginald. Niklas findet heimlich heraus, dass Reginald seine Kammer zur Giftmischerei umgebaut hat. Tatsächlich sterben ab im Kloster – es ist 1273 – immer mal wieder Menschen an Vergiftungen.

Reginald droht Niklas offen, ihn an die Inquisition zu verraten, worauf Niklas den Abt um Entlassung bittet. Auf der Heimreise findet er ganze Landstriche, auch sein Heimatdorf, von der Pest verwüstet. Heimatlos geworden, zieht er nach Regensburg, übernimmt eine Klosterschänke und heiratet Maria, die Tochter eines Handelskaufmannes.

  • Pause

Es gibt „Braces“. Einer der Klosterbrüder, ein Bäcker, sah seine Mitbrüder, wie sie mit verschränkten Armen auf Bier warteten. Diese verschränkten Arme inspirierten ihn zu einem Backwerk, das noch heute gerne zu Bier gereicht wird.

  • Weiter mit der Geschichte als Bürger

Die Klosterschänke in Regensburg floriert. Niklas ist jedoch noch immer im Stande eines Unfreien und möchte das ändern. Eines Tages besucht Albertus Magnus seine Braustube und erzählt vom Kölner Biersteuerstreit, den er – Albertus Magnus – zwischen dem Bischof und den Kölner Bürgern geschlichtet hat. Außerdem meint er, dass Niklas in Köln gute Chancen hätte, ein reicher Mann zu werden. Um sich auf die Tücken eines Leben als Freier Mann vorzubereiten, zieht Niklas jedoch zunächst nach Bitburg in die Eifel. Er läßt sich vom Rat der Stadt die Bürgerrechte vegeben. Er baut sich eine Brauerei und eröffnet mehrere Braustuben. In Holsthum gewinnt Niklas einen Hopfenbauern als Lieferanten. Das Geschäft floriert. Vor allen Dingen muss er schmerzhaft lernen, dass er nun Abgaben und Steuern zu entrichten hat. Es gibt Getreidesteuer für den Einkauf von Getreide, Büttensteuer für jedes verkaufte Fass, Biersteuer für den Ausschank und Malzsteuer für das Mälzen. Der Einfachheit halber sitzt Niklas im Sommer einmal im Schuldturm.

In Bitburg hat er außerdem einen Konkurrenten, Peter de Foro, der ordentlich Stimmung gegen ihn und sein Bier macht. Entnervt verkauft Niklas schließlich seine Brauerei für viel Geld an seinen Konkurrenten. Mit diesem Geld und seiner Familie macht sich Niklas nun auf nach Köln.

Diese Geschichte – und was sonst noch passiert – folgt nächste Woche. Hier noch die Orte der Handlung in Bitburg

Bitburg

Hopfenanbau in der Eifel

Die sehr gute Website der Brauerei Weihenstephan

Und noch was zu den Braces

1651 – Tulpen aus Amsterdam

Lorenzo Marini, „Der Tulpenmaler“ hat 351 Seiten. Die Ausgabe von 2003 ist die einzige auf Deutsch erschienene, das Cover zeigt eine gemalte Tulpe, deren rote und weiße Streifen ineinander fließen. Es ist ein historischer Roman, der im Amsterdam der Jahre 1649 bis 1651 spielt. Holland wurde gerade von Spanien unabhängig. Amsterdam ist eine aufstrebende, optimistische und durch den Gewürzhandel reich gewordene Stadt. In dieser Atmosphäre legen die reichen Bewohner ihr Geld in Gemälden an, und so tummeln sich hier viele Maler, die oft auf einzelne Motive spezialisiert sind. Die Ateliers haben viele Angestellte.

  • Das Setup

Napilut ist einer dieser Genremaler. Er malt Tulpen, ausschließlich Tulpen. Seine Bilder sind besonders beliebt, weil eine spezielle Firnis ihnen seidigen Glanz verleiht, den Napilut-Effekt. Marco de Roos ist Napiluts größter Konkurrent und malt Rosen. Er ist ein kreativer, technisch jedoch durchschnittlicher Maler, aber ein außergewöhnlich guter Verkäufer seiner Bilder. Und ein noch besserer Intrigant.

Van der Lens ist ebenfalls Maler, fühlt sich aber selbst als Forscher. Er sammelt Insekten und erforscht sie mit einer starken Lupe. Als Broterwerb malt er Insekten. Die Blumenmaler geben ihm ihre Bilder, damit er darauf ein Insekt malt.

Professor van Kalm ist Wissenschaftler. Er arbeitet an Versuchen, die Erdumdrehung zu verlangsamen und so die Zeit zu verlängern. Doktor Claudius, ein Astronom, träumt davon, das Innere der Wolken – ihr Herz – zu erforschen.

Man merkt schnell, dass der Autor mit den Namen seiner Figuren Scherze treibt.

  • Die Geschichte

Napiluts Bilder, ohnehin schon perfekt und erfolgreich, treffen den Geschmack der Zeit ganz besonders, als Tulpen immer beliebter werden. Bei den Verkaufsausstellungen sind die Interessenten euphorisiert. Man sagt sich, dass die Bilder nach Tulpen duften.

Napilut begegnet Absentia, einer sehr sensiblen jungen Frau, die bei einem Stadtbrand zur Waisen wurde. Napilut porträtiert sie, behält das Bild jedoch für sich. Es entsteht eine zarte Freundschaft. Napilut möchte, dass Absentia für immer bei ihm bleibt. Sie aber weigert sich. Absentia hat sich einem Seemann versprochen, der mit der „Den“ – einem prachtvollen Handelsschiff – nach Ostindien unterwegs ist. Darauf hin schickt Napilut sie weg.

Derweil schließt Napiluts Konkurrent De Roos mit van der Lens einen exklusiven Vertrag. Er soll seine Insekten nur noch auf Bilder von Roos setzen. Es geht um viel Geld. Der Verleger van der Boock wird tot in der Herengracht gefunden. Doktor Claudius war der letzte, der ihn lebend sah, und Passanten haben die beiden streitend gesehen. Auch Napilut und de Roos streiten. Sie treffen sich in einer Kneipe und streiten – fast philosophisch -über die Bedeutung von Tulpen und Rosen.

Die „Den“ ist in der Nähe des Kap der Guten Hoffnung explodiert. Mit ihm ging auch Absentias Geliebter unter. Sie weiß nun, dass ihr Versprechen nutzlos war.

Claudius erzielt mit seinem Wolkenexperiment Fortschritte. Er und Van Kalm erfinden ein Hebemeter, eine gewaltige Leiter mit Flaschenzugvorrichtung, die von 3 mal 5 Personen gehalten wird. Claudius wagt schließlich den Aufstieg und sieht das Innere einer Wolke. Auf dem Rückweg nach unten stürzt er von der untersten Sprosse des Hebemeter, und wird bewußtlos. Die Umstehenden rätseln, ob er Überwältigendes oder Banales sah. Später wird er erklären, dass die Wolken nichts sind, schon gar nicht das erwartete Herz haben.

Marco de Roos beschließt, seinen schärfsten Konkurrenten Napilut aus dem Weg zu räumen. Seine Motive sind Neid auf Napiluts Können und der Drang, der erfolgreichste Maler zu sein. Er intrigiert er in der gehobenen Gesellschaft Amsterdams gegen Napilut. Schließlich lockt er die nun orientierungslose Absentia in sein Haus, wo er sie vergewaltigt.

Napilut beginnt – altersbedingt – zu erblinden und steigert sich immer mehr in seine Malerei hinein.

Es ist Frühjahr 1651. Die Maler stellen ihre Bilder zum Verkauf. Alle gehen zu de Roos, keiner kauft bei Napilut.

Ein Schiff aus Südamerika bringt ein seltsames Tier mit. Es wird, wegen seiner Langsamkeit, Van Kalm übergeben. Es ist ein Faultier. Er darf  es beobachten. Aus den Beobachtungen erstellt er eine lange Zahlenreihe. Ergebnis: Langsamkeit führt zu einem längeren und glücklicheren Leben als Geschwindigkeit. Das Schiff bringt auch ein neues Getränk mit: Schokolade.

Van der Lens stirbt bei einem Spaziergang auf tragische Weise: Er möchte eine Biene einfangen, um sie später zu malen. Dummerweise erwischt er die Königin und ein ganzer Bienenschwarm fällt nun über ihn her.

Auch Absentia stirbt, von einer Krankheit dahin gerafft. Napilut bereut sein Verhalten ihr gegenüber. Nach dem Begräbnis schließt er sich drei Tage und Nächte lang ein und malt ein weiteres Bild von ihr. Dieses wird nun, 2001, in London versteigert.

  • Ein paar Gedanken

Eine melancholische Geschichte. Absentia wie auch Napilut scheitern ohne Sinn, de Roos handelt nur aus Gewinnsucht, seine Boshaftigkeit bleibt ungesühnt. Trotzdem ist die Geschichte keineswegs zynisch. Das hat vor allen Dingen mit dem Schreibstil zu tun. Er changiert wie die Bilder der Protagonisten. Mal wirkt der Text wie Lyrik, dann wieder reihen sich Dialogfetzen turbulent aneinander, gefolgt von besinnlichen Sequenzen, inneren Monologen und höchst dramatischen Schilderungen. Faszinierend, wie unterschiedlich ein Autor das Malen von Bildern beschreiben kann. Die Figuren entstehen mit den Gemälden, die Gemälde machen ihre Maler lebendig.

Der Erzähler ist mehr als ein üblicher „Allwissender“. Er beobachtet alle Figuren, springt in der Zeit der Handlung hin und her, wendet sich aber manchmal auch an „Euch im 21 Jahrhundert“. Die Dynamik der Epoche ist einprägsam beschrieben, auch mit ihrer Oberflächlichkeit. Die Figuren sind allesamt fiktiv. Die Maler, ebenso wie die Erfinder mit ihren Ideen gab es in der Epoche tatsächlich.

Und so viele Umschreibungen der neu importierten Schokolade, anregender als Bier, süßer als Kaffee, berauschender als Wein, gesünder als Aquavit und vieles mehr.

Paris – Montreal – Manchester – Cambridge – Berlin: Geburtsjahre der Kernphysik

Nachdem Teil 1 des Romans „Atom“ von Karl Schenzinger eine Sittengschichte des antiken Grichenland darstellte, springt das Buch für den Teil 2 in die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, genauer gesagt beginnt die Handlung 4 Jahre nach der Erfindung der Christbaumkugel. Die zentrale Figur der Handlung ist Ernest Rutherford. Schauplätze sind die wichtigsten Universitäten der damaligen Welt. Paris, Cambridge, Montreal, Berlin-Dahlem.  Die 10 Kapitel schildern episodenhaft die vielen Fortschritte, die in diesen Jahren in der Atomphysik gemacht wurden. Das Buch ist quasi eine Nummernrevue der Entdeckungen und Erfindungen. Oder ein Schaulaufen der Assistenten von Rutherford. In diesem Sinne:

Verehrtes Publikum

Hereinspaziert

 

Hier wackelt die Welt

  • Nummer 1

Paris: Am 18. Juni 1896 sitzt der Physiker Henri Becquerel im Dunkeln. Zufällig bemerkt er, dass ein Kristall aus Uransalz leuchtet und nicht mehr damit aufhört, und das, obwohl er (der Kristall) nicht bestrahlt wurde. Eine unbekannte Strahlung ist entdeckt. Sie wird weder geringer noch schwächer. Sie entsteht ohne plausiblen Grund. Als Quelle der Strahlung kommt nur Uranerz und Pechblende aus Sankt Joachimsthal in Frage.

Marie Curie sucht Becquerel auf, weil sie über diese Uranstrahlen promovieren möchte. Becquerel stimmt zu, nachdem er seine erste Skepsis überwunden hat. Maries Mann Pierre Curie liebt Feinmechanik und erfindet öfter mal neue und extrem feine Meßgeräte. Marie entdeckt, dass manche Elemente aktive Strahlung abgeben. Sie laugt Uranerz aus. Die Rückstände enthalten die Strahlen. Sie nennt diese Strahlung Radioaktivität. Außerdem entdeckt sie das Element Radium.

  • Nummer 2

Rutherford, gerade aus Christchurch, Neuseeland, nach Cambridge umgezogen, forscht mit den Strahlen weiter. Er entdeckt dreierlei Arten Strahlung, die er Alpha-, Beta- und Gammastrahlung nennt. Derweil bestellt Marie Curie in Sankt Joachimsthal 1 Tonne Uranerz. Überhaupt wird die Ärmste für den Rest ihres Lebens tagsüber Erz schaufeln.

Rutherford fährt nach Montreal an die McGill-Universität. Sein Assistent Owens entdeckt was Neues: die Thorium-Emanation. Sie ist ein Gas und nach 11 Stunden „verschwunden“.

  • Nummer 3

In Berlin entdeckt Max Planck das „Elementare Wirkungsquantum„. Es ist Herbst 1900. Strahlung ist nun nicht mehr kontinuierlich, sondern setzt sich aus vielen Quanten zusammen, denen jeweils eine Energiemenge innewohnt.

  •  Nummer 4

Rutherford und sein Assistent Soddy finden heraus, dass jede Emanation ein um die Zahl 4 kleineres Atomgewicht hat als das Element, von dem sie sich abgespalten hat. Weitere Experimente ergeben: Die Abspaltung ist Helium

Schließlich entdeckt Rutherford, dass die Strahlung sich in einem bestimmten Zeitraum halbiert, und zwar unabhängig vom Zustand und der Umgebung des Elements, und sich danach im gleichen Zeitraum wieder halbiert und so weiter.

  • Nummer 5

Man vermutet, dass Radiumstrahlung Krebs heilen kann. Folgerichtig entsteht eine Industrie um das Radium herum. Marie Curie steht vor einem Konflikt: Sie könnte sich die Methode zur Gewinnung von Uransalz patentieren lassen und reich werden, oder diese Methode als Wissenschaftlerin publizieren. Sie entscheidet sich für Letzteres.

Derweil erhält Rutherford – nun in Manchester – einen Assistenten namens Hans Geiger. Der erfindet ein Zählrohr für Alphateilchen. Nun kann man also die Menge der Alphateilchen messen. Außerdem erhält Rutherford noch einen Assistenten, Otto Hahn. Er forscht an der Anfangsgeschwindigkeit der Alphateilchen. Das wird später wichtig werden.

1908: Rutherford erhält den Nobelpreis.

  • Nummer 6

Rutherford schießt Alphateilchen (die sind positiv geladen) gegen Goldblättchen. Das Experiment ist berühmt. Das unerwartete Ergebnis: Einige Teilchen wurden von den Goldblättchen zurück geschleudert statt sie zu durchdringen. Die Elektronen im Atom sind negativ geladen. Also dürften sie die Alpha-Teilchen nicht abstoßen. Wenn sie sich aber abstoßen, dann gibt es im Atom auch positiv geladene Teilchen. Wenn es aber positiv geladene Teilchen gibt, dann müssen Abstände zwischen den beiden Teilchen liegen, sonst würden sie auseinanderfallen.

Weitere Experimente ergeben: Das Atom enthält nicht nur positive Protonen und negativ geladene Elektronen, sondern es müßte auch noch Neutronen enthalten, Teilchen, die Masse, aber keine elektrische Ladung enthalten. Die positiv geladenen Teilchen – Protonen – bedingen die Kernladung des Elements, aber nicht sein Gewicht. Elemente mit gleicher Ladung, aber verschiedenen Atomgewichten, heißen von nun an Isotope (isos=gleich, topos=Platz)

Rutherford erhält mal wieder einen neuen Assistenten: Niels Bohr. Er entdeckt, dass ein Atom durch Energiezufuhr in Unruhe gesetzt wird. Dann tragen die Elektronen ein höheres Mass an Energie.

  • Nummer 7

Rutherford, mittlerweile in Cambridge, experimentiert weiter. Ein Alphateilchen mit 2 Ladungen trifft auf Sauerstoff mit 7 Ladungen, schlägt ein Proton heraus, es bleibt ein Element mit 8 Ladungen übrig, das ist Stickstoff. „Der fundamentale den Satz von der Unwandelbarkeit der Elemente ist widerlegt.“

  • Nummer 8

Marie Curie muss immer noch und immer wieder Pechblende auslaugen, um daraus Radium zu gewinnen. Eine amerikanische Zeitungsbesitzerin beginnt eine Spendenaktion und schließlich überreicht US-Präsident Harding ihr das Gramm Radium. Und die Tocher Irene Curie lernt Dr. Joliot kennen. In der Sache forscht Chadwick (ein Assistent Rutherfords) daran, die bislang nur theoretisch bekannten Neutronen in Experimenten zu beweisen. Sie wären wegen ihrer neutralen Ladung ideale Objekte, um Atomkerne zu beschießen.

  • Nummer 9

Geiger und Chadwick weisen das Neutron im Experiment nach. Chadwick sucht weiter, wie er Teilchen mit weniger Ladung, aber mehr Masse und größerer Geschwindigkeit auf Atomkerne schießen kann. In der Abfolge vieler Experimente erfinden Urey und Lawrence das Zyklotron. Das ist ein Teilchenbeschleuniger, für dessen Erfindung es auch den Nobelpreis gab.

Rutherford stirbt und wird neben Newton beigesetzt.

  • Nummer 10

Otto Hahn beschießt einen Urankern mit Neutronen. Es entstehen Barium, Krypton sowie 10 neue Neutronen. Joliot beweist Hahns Entdeckung im Experiment.

Für mich – als bis dato von Kernphysik Ahnungsloser – war es schwer zu lesen. Das hat natürlich damit zu tun, dass mir der Kern der Materie (war’n Witz) völlig fremd war. Aber gerade deswegen wollte ich um jeden Preis durch. Und natürlich mußte ich meinen eigenen Zugang dazu finden.

Die Personen und deren Entwicklung sind in Teil 2 Nebensache. War in Teil 1 noch Demokrit und sein Atommodell erzählerisch in den Trubel des lebendig geschilderten Athen eingebunden, liegt im Teil 2 der Schwerpunkt darauf, die wissenschaftlichen Fakten darzustellen. Dieser Teil erscheint wie ein in essayistischem Stil verfasstes Sachbuch. Schlag auf Schlag wird entdeckt, erfunden, expermientiert, entwickelt, geforscht, publiziert, vorgetragen. Entweder wird etwas Neues entdeckt, oder es werden Apparate erfunden, mit deren Hilfe weitere Entdeckungen möglich sind. In jedem Kapitel wird die Erforschung des Innenleben der Atome um mindestens einen Schritt voran gebracht. Jede Entdeckung ist in eine Geschichte verpackt, in der die Wissenschaftler ihr Handeln im Dialog erläutern. Das immerhin erscheint mir nach dreimaligem Lesen verstehbarer als zuvor.
..if your standards are not too high…

Lauscha in Thüringen: Christbaumkugeln und Glasbläser

Dieser Beitrag ist gewissermaßen das „Weihnachtsspecial“ dieses Blogs. „Die Glasbläserin“ von Petra Durst-Benning hat 496 Seiten. Ich fand die Taschenbuchausgabe von 2002. Das Cover zeigt das Gesicht einer konzentriert dreinschauenden Frau, ist ansonsten aber kontextfrei. Die Handlung konzentriert sich auf zwei Orte in Thüringen: Lauscha und Sonneberg.

Lauscha im Herbst 1890. Der ganze Ort lebt von der Glasbläserei. Der Glasermeister Joost Steinmann, ein Witwer, fertigt mit seinen drei Töchtern Johanna, Marie und Ruth Reagenzgläser. Johanna geht regelmäßig in die nächst größere Stadt, nach Sonneberg, um dort die Glasarbeiten ihres Vaters zu verkaufen. Joost stirbt. Seine Glasbläserei kann von seinen drei Töchtern nicht weiter geführt werden. Der Verleger Friedhelm Strobel aus Sonneberg bietet Johanna Arbeit an. (Anmerkung: Verleger waren Zwischenhändler für alle möglichen Waren. Den Kunden wurden Musterbücher vorgelegt, anhand derer sie die Bestellungen aufgaben). Johanna lehnt ab, da sie dann nicht mehr bei ihren Schwestern wohnen könne. Der Inhaber der größten Glasbläserei Lauschas, Werner Heimer, bietet schließlich allen dreien Arbeit an. Er fertigt Flakons. Der Lohn ist karg, die drei Frauen kommen kaum über die Runden.

In der Werkstatt gehen die drei Töchter verschiedene Wege: Ruth bemalt Flakons und verguckt sich in Heimers Sohn Thomas. Johanna lernt, Flakons zu versilbern. Und sie freundet sich mit ihrem Nachbarn an, dem Glasbläser Peter. Er bläst (also fertigt) Glasaugen. Schließlich noch Marie. Sie bemalt die Flakons mit leichter Hand und zarterem Federstrich als die erfahreneren Frauen. Heimer gefällt Maries Arbeit, doch entstehen Neidereien zwischen den Arbeiterinnen.

Johanna schlägt ihrem Chef immer wieder einmal Verbesserungen im Arbeitsablauf vor. Schließlich wird sie von Heimer gefeuert. Peter schenkt ihr zu Weihnachten einige bunte Tierfiguren aus Glas, mit denen er sich ein zweites Standbein – zusätzlich zu den Glasaugen – aufbauen möchte. Peter bittet Johanna, bei ihm zu wohnen und zu arbeiten. Da ihr die Beziehung zu eng wird, lehnt sie ab. Sie fragt nun bei Strobel nach, ob dessen Angebot noch gilt. Das tut es, und er stellt sie als seine Assistentin ein. Sie macht Inventur, wohnt während der Woche in einem Dienstbotenzimmer und verdient etwa das dreifache wie bei Heimer. Peter ist eifersüchtig.

Zum Maienfest (es ist nun 1891) wollen Ruth und Heimers Sohn Thomas ihre Verlobung bekannt geben. Am Ende der Feier sind alle betrunken und das Fest endet in einer Dorfschlägerei. Ruth ist enttäuscht. Am gleichen Tag kommt der amerikanische Kaufmann Woolworth zu Strobel und gibt eine Bestellung nie gekannten Umfanges auf. Strobel gewinnt außerdem Gefallen an Johannas „Widerborstigkeit“.

Im Sommer heiraten Tomas Heimer und Ruth Steinmann. Strobel fährt für mehrere Wochen „nach B.“ und Johanna führt in dieser Zeit Strobels Laden. Es gibt Verwirrung um die Bestellung von Woolworth. Er bestellte verspiegelte Glaskugeln mit 5 cm Durchmesser. Für die Glasbläser in Lauscha ist das ein unbekanntes Produkt. Ein Glasbläser mit Namen „Karl der Schweizer Flein“ traut sich daran. Derweil wird Marie bei Heimer immer weniger glücklich. Sie schlägt regelmäßig neue Produkte vor, die ihr Chef ebenso regelmäßig ablehnt. Von Johannas Schilderung der bestellten Glaskugeln elektrisiert, reaktiviert sie die väterliche Glasbläserei und versucht, sich autodidaktisch das Glasblasen beizubringen. Es klappt. Sie stellt ebenfalls verzierte Kugeln her. Außerdem ist Ruth von Thomas schwanger und Strobel schenkt Johanna ein Buch des Marquis de Sade.

Zu Beginn des Jahres 1892 gebiert Ruth eine Tochter. Woolworth gibt per Post eine neue umfangreiche Bestellung auf. Und Johanna lernt, dass Strobel seine konkurrenzfähigen Preise durch Druck auf die Hersteller erzielt. Ihre Meinung über ihn wird zwiespältiger.

Damit endet Teil 1. Er ist insgesamt bieder und hat viele Längen.

Teil 2 beginnt turbulent. Thomas Heimer begann kurz nach der Geburt der Tochter, Ruth regelmäßig zu verprügeln. Strobel vergewaltigt Johanna. Peter verprügelt wiederum Strobel. Beide Schwestern ziehen wieder bei Marie ein, die nun als einzige Arbeit hat. Marie bläst weiter Weihnachtskugeln. Johanna sucht in Sonneberg vergeblich nach Käufern für diese. Strobel hat überall erzählt, dass Johanna ihn bestohlen habe.

Ruth erfährt, dass Mr. Woolworth wieder nach Sonneberg kommt. Mit Musterkugeln bewaffnet, gelingt es ihr, sich in sein Hotelzimmer zu stehlen. Er ist von Ruths Courage und der Qualität der Arbeit begeistert. Sie kommt mit einem Riesenauftrag und einem kurzen Liefertermin nach Hause. Mit vereinten Kräften sowie Hilfe von einigen Freunden gelingt es den dreien, alle Kugeln pünktlich fertig zu stellen und an den Bahnhof von Sonneberg zu liefern. Ruth trifft dabei auf Steven Miles, den Einkäufer von Woolworth. Sie verlieben sich. Steven erteilt den Auftrag, Valentinsherzen aus Glas zu produzieren. Marie entwirft immer neue Formen, zusammen mit ihrem Nachbarn Peter gründet sie eine Gemeinschaftsglasbläserei. In vielen Briefen überzeugt Steven schließlich Ruth, dass sie Lauscha verläßt und mit ihm nach New York fährt.

Teil 2 ist actionreich und entschädigt dafür, dass man sich durch den 1. Teil gequält hat. Immerhin lösen die drei Frauen ihre Probleme durchaus fantasievoll und tatkräftig. Es entsteht eine Rollenverteilung, Marie ist die Künstlerin und Glasbläserin, Johanna ist diejenige, die organisiert und Ruth ist schließlich die Verkäuferin. In allen Rezensionen wird Marie herausgestellt, weil sie die erste Frau in dem Männerberuf des Glasbläsers ist. Ich sehe das nicht so, denn alle drei brechen Konventionen. Johanna die ihrer Herkunft, als sie die Anstellung bei Strobel annimmt und weltgewandter wird. Marie, indem sie den Glasbläserin wird  (ihre eigentliche Leistung ist es jedoch, zwei Jahre lang mit vier Stunden Schlaf täglich auszukommen) und Ruth, indem sie sehr nachhaltig verkauft. Am Ende ist mir noch aufgefallen, dass es im Buch niemals Ärger mit einer Zunft gab. Gab es etwa keine Zunft der Glasbläser in Lauscha?
Auf jeden Fall das passende Buch zum Christbaumschmuck.