Stockholm: Stadtrundfahrten im Regen

Als nächstes geht es nach Schweden. „Böses Blut“ ist ein Herbstbuch. Noch dazu ein Krimi, ein Schwedenkrimi von Arne Dahl aus dem Jahr 1998. Herbst heißt, dass es ständig regnet. Das muss es auch, denn so bieten sich dem Autor viele Ansätze, mit metaphysischen Metaphern um sich zu werfen. Es agiert ein Team um den Ermittler Paul Hjelm, das von dessen Chef Hultin bei Besprechungen immer neu verteilte Aufgaben zugewiesen bekommt. Die Aufgabenteilung wird konsequent durchgehalten und gibt dem Buch Struktur. Anlass, dem Leser diese Organisiertheit zu präsentieren, ist ein komplizierter Mordfall. Dessen etliche Verdächtige stehen zwar der Übersichtlichkeit entgegen, machen das ganze aber gegen Ende richtig spannend.

Außer daß es regnet und ein Team gebildet wird, gibt es also auch Handlung, und zwar nicht zu knapp. Hassel, ein Literaturwissenschaftler, wird auf dem Flughafen Newark in New York ermordet. Der Mörder ist mit dem Flugzeug auf dem Weg nach Schweden. Er passiert unerkannt die Flughafenkontrollen. Der erste Verdacht gegen Hassels Sohn zerstreut sich schnell. In der Zwischenzeit wird eine weitere Leiche gefunden, diesmal im Stockholmer Freihafen. Gleichzeitig wird ein Einbruch in ein Lager der Firma Link Coop gemeldet und ebenfalls gleichzeitig beobachtet eine Gruppe betrunkener Juristen einen maskierten Mann, der ein Paket in ein Auto lädt.

Das Ermittlerteam verhört das Sicherheitspersonal von Link Coop zunächst ohne Ergebnis. Da trifft es sich gut, dass im Freihafen der spurenfreie Wagen des Kleinkriminellen Gallano gefunden wird. Wenig später wird auch Gallano selbst gefunden, ermordet in seiner Hütte in Riala . Und ein Rentner findet die Leiche von Lindberger, eines Angestellten des Außenministeriums.

Die Morde an Hassel und Lindberger tragen die Handschrift eines amerikanischen Serienmörders, der 15 Jahre zuvor sein Unwesen trieb, bevor er bei einem Autounfall verbrannte. Also fliegen Paul Hjelm und eine Kollegin in die USA, wo Captain Larner sie über den Serienmörder informiert.

Sie finden heraus, dass der Serienmörder damals seinen Unfall vor vorgetäuscht hat und nach Schweden auswanderte. Außerdem hat sein Sohn, ihn imitierend, einige Morde in USA begangen und ist nun auch in Schweden, um seinen Vater umzubringen. Sohn Serienmörder hat Vater Serienmörder in Riala beobachtet und wurde erschossen. Vater Serienmörder wird identifiziert als Sicherheitschef von Link Coop und verhaftet. Er gesteht neben anderen Morden auch den an Lindberger als ein Mißverständnis. Eigentlich hätte Frau Lindberger ermordet werden sollen. Sie schmuggelt Waffen an islamistische Fundamentalisten in den Irak. Später wird sie von einem Geheimdienstkommando doch noch umgebracht. Vater Serienmörder entkommt. Der Kommissar Hjelm watet durch den Regen.

Zur Geographie: Es macht Spass, sich zur Lektüre einen Stadtplan von Stockholm zurecht zu legen. Das Buch besteht teilweise aus wunderbaren Stadtrundfahrten, meistens auf der Insel Kungsholmen. Einmal geht einer der Ermittler zu Fuß von Kungsholmsgata, Schneelegata, Pipersgata, Kungsklippan. Dann zurück die Hantverkargata, Kungsholms Torg, von dort mit dem Bus nach Marieberg. Hjelm parkt beim Opernhaus, fährt dann Richtung Strömmen, Blasieholmen, Nybrokajen, die Sibyllegatan hinauf, beim Armeemuseum in die Riddargata. Dann wird in einem Mister-Minit-Laden in der Rindögata ermittelt. Das geht so: Kungsgatan, Stureplan, Sturegatan, Valhallavägan, Erik Dahlsbergsgatan, Rindögatan. Eine andere Fahrt geht St.Eriksgata hinauf, dann Fleminggata, Polhemsgata. Das Bankschließfach ist in Slussen, Peter Myndes Backe hinauf, in die Götgata hinein, die Leiche Lindbergers wird in Lidingö gefunden.

Ansonsten hat man die E 4 unter sich, sei es weil das Team im Hubschrauber unterwegs ist oder sei es, weil sie aus Stockholm raus oder nach Stockholm rein fahren. Einmal geht es nach Riala, das liegt ungefähr eine Autostunde nördlich von Stockholm.

Zum Weltbild: Gesellschaftskritik ist in Schwedenkrimis vorhersehbar. Der Regen wird gleich mehrmals als Anspielung auf die Sintflut beschrieben. Die wird kommen, weil mit Schweden etwas geschehen ist. Was? Hjelm wandert durch eine verregente Nacht und sinniert Gesellschaftskritisches. Vieles ist nur vor dem Hintergrund der speziellen schwedischen Situation in den 90er Jahren zu verstehen. Und doch ist es aus der Klamottenkiste der Weltschmerzromantik bekannt: Das „kleine Bauernland am Polarkreis“ versus „das Kapital“. Die „schwedische Volksseele“ wurde „mit finanziellen Überlegungen angefüllt“, und die Bevölkerung wurde „gezwungen, an Finanzprobleme zu denken“. Der Leser fragt sich, was von Menschen zu halten ist, die sich zum Denken zwingen lassen. Die Antwort kommt auf Umwegen daher: „Man hat nicht die freie Wahl, wenn man sich auf Importe vom Herrscher des Weltalls einläßt.“ Zwar weiß Hjelm, dass es auch „privates Alltagsheldentum, unendlichen Erfindungsreichtum und einen kontinuierlichen Kampf allen Widrigkeiten zu Trotz“ gibt. Aber die Gesellschaftskritik und die tatsächliche Erfahrung klaffen bei Hjelm sehr weit auseinander.

Und der Regen – gibt es wirklich nur zwei Substantive für nasses Wetter: Regen und Sintflut?

Spannend. Die Organisiertheit sowohl des Teams als auch des Buches hat mir gefallen. Hultin teilt sein Team immer neu ein, und der Autor führt die Figuren so durch die komplexe Handlung. Sollte auf jeden Fall lesen, wer Stockholm kennen lernen möchte.