New York – Südschwarzwald und zurück. New Yorker Legende

Louis Bromfield, „New Yorker Legende“. Der Roman wurde 1939 in dem Band „It Takes All Kinds“ zusammen mit anderen Texten veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe ohne Jahresangabe, vermutlich ca. 1980, hat 126 recht groß bedruckte Seiten. Ein Umschlagfoto zeigt eine junge Frau mit langen Haaren, sie scheint in Bewegung zu sein, vielleicht zu tanzen. Die äußere Aufmachung erweckt den Eindruck eines oberflächlichen Unterhaltungsromans. Mir war gerade danach, also ran. Doch es kam anders. Der Reihe nach.

  • Das Setup

New York. Die 1890er Jahre. Das ist die Zeit als von dort aus Woolworth Christbaumkugeln bestellt hat. Und es ist die Zeit, in der in Europa die Kernphysik begann. Der Ich-Erzähler William berichtet von seinem Großvater, einem Anwalt, der vor Jahrzehnten von dem Finanzjongleur Michael Denning ruiniert wurde. Williams Tante Sarah heiratete Denning später und bekam einen Sohn, Ogden. Ogden ist also der Vetter des Erzählers, beide wuchsen eng miteinander auf.

Das Haus in New York, in dem Ogden lebte, steht nicht mehr. Eine der vielen Sanierungen fegte über es hinweg. Damit beginnt die rückblickende Erzählung dessen, was darin geschah.

  • Die Geschichte

Nach Michael Dennings Tod fahren seine Witwe Sarah und sein Sohn Ogden nach Europa. Etwa zur gleichen Zeit, doch unabhängig davon auch der Erzähler. Er geht für 10 Tage nach Freiburg, von wo aus er in den Schwarzwald wandert. Er erreicht Bad Münster. Dort begegnet er mehrmals kurz einer Frau, die mit ihrem Freund urlaubt, wie sich herausstellt incognito. Ihre Ausstrahlung fasziniert William derart, dass er sie nie wieder vergessen wird. Bei seiner Rückkehr nach Amerika erfährt William, dass Tante Sarah tödlich verunglückte. Ogden treibt sich noch drei Jahre lang in Nizza und Umgebung herum, bevor er in sein Elternhaus nach New York zurück kehrt. Er lädt William ein, um ihm seine Frau Elena vorzustellen.

Elena ist die Frau von damals im Schwarzwald. Ogden hat sie in Nizza aufgegabelt, als sie gerade von ihrem Geliebten verlassen wurde. Der nämlich war der Erbe des fiktiven Fürstentums Hohenstein und durfte nur eine adlige Frau heiraten.

Ogden bietet Elena gesellschaftliche Anerkennung und baut das Haus im Stile des österreichischen Barock um. Das tut er jedoch nicht seiner Frau zuliebe, sondern um die Erinnerung an seinen verhaßten Vater zu zerstören. William ist nur selten mit Elena allein. Bei diesen Begegnungen baut sich Stück für Stück eine Verliebtheit auf, schließlich beginnen sie eine Affäre. Elena zerstreut Williams Skrupel. Ihre zwielichtige und lebensfreudige Freundin Kate dient dabei als Alibi.

Bald darauf entzieht sich Elena William wieder und wird unnahbar. Sie verschwindet mitunter für einige Tage, und nicht einmal Kate weiß, wo sie sich aufhält. Bei dem großen Brand des Hotels Windsor im Jahr 1899 wird William hinzu gerufen, um seinen Onkel zu identifizieren. Auch Elena ist unter den Todesopfern. Mit ihr wird der Leichnam eines unbekannten Mannes entdeckt. Nur William weiß, dass er ihr Freund ist, dem er im Schwarzwald begegnet ist. In Hohenheim wird er als verschollen gelten.

  • Meine Gedanken dazu

Das Buch steckt voller Überraschungen. Die Geschichte ist erzählt aus der Perspektive des Siegers, der mit liebevoller Gelassenheit den Verlierer beschreibt. Aber auch aus der Perspektive des Lebenserfahreneren. Ogden wird dargestellt als jemand, der lediglich gelernt hat, seinen Reichtum zu genießen und auszugeben, dabei jedoch kaum Rückgrat besitzt.

William weiß aber auch, dass ihm sein Sieg nichts gebracht hat. Er vergleicht Elenas Leben mit einer griechischen Tragödie, in der die Frau die Menschen um sie herum in den Abgrund reißt. Das alles ist nachvollziehbar und wird konsequent durchgehalten. Elenas Aussehen wird nie direkt beschrieben, sondern ihre Kleidung, ihr Schmuck und vor allen Dingen immer wieder ihre Körpersprache. Das Zusammentreffen der Personen (Wiedersehen mit Elena, der Aufenthalt im Windsor) besteht aus unglaubwürdigen Zufällen. Sie ermöglichen dem Autor aber, Elenas Abwenden von William erzählerisch souverän zu handhaben. Spannend ist auch der Gegensatz zwischen dem wild-natürlichen Schwarzwald und dem wild-turbulenten New York, der anhand der Menschen beschrieben wird. Empfehlenswert.

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Älvåkra im Norden Schwedens – der etwas andere Schwedenkrimi

Sucht man in Google nach Älvakra, so erhält man 65 Suchergebnisse. Sofern man es mit a schreibt, denn die deutsche Tastatur kennt das å nicht. Das ist nur unbedeutend mehr als dieser Blog hat. Hat man jedoch herausgefunden, wie man ein å schreibt, nämlich „“Alt“ & 134″ und googelt nach Älvåkra, so erhält man ca. 6500 Suchergebnisse.  Die Suchergebnisse zu Älvåkra betreffen nicht einmal eine Ortschaft, sondern ein Eishockeystadion in der Stadt Älvsbyn. Und doch spielt eine Novelle einer Nobelpreisträgerin in einer Stadt namens Älvåkra. (Vielleicht ist Älvåkra auch ein fiktiver Ort, ich bin da offen für andere Ansichten und freue mich auf Kommentare).

Es geht um „das Mädchen vom Moorhof“, so heißt das Buch auf deutsch, von Selma Lagerlöf, aus dem Jahr 1908.

  • Das Setup

„Das Mädchen vom Moorhof“ ist Helga. Die Geschichte beginnt damit, dass sie einen Mann (Per Martensen) auf Unterhalt verklagt hat. Sie stehen vor dem Richter. Helga zieht unerwartet ihre Klage zurück. Auf diese Weise verleugnet sie gleichzeitig die Affäre mit dem Mann und kann somit darauf hoffen, dass ihr guter Leumund erhalten bleibt. Aus besagter Affäre resultiert auch noch ein Kind.

Gundmund Erlandsson, der auf dem kleinen Landgut Närlunda wohnt, bemerkt, dass in Helga ein guter Kern steckt. Er rät seiner Mutter, Helga als Dienstmädchen einzustellen. Außerdem biedert sich Hildur dem Gudmund an. Sie ist die Tochter eines reichen Gutsbesitzers in Älvåkra.

  • Die Geschichte

Frühsommer. Eines Tages fordert Hildur als Bedingung für die Heirat, dass Helga den Haushalt von Gudmund verläßt. Er beauftragt seine Mutter widerwillig und nur um des Friedens willen damit, Helga zu entlassen. Seine Mutter versorgt Helga mit jeder Menge Handarbeiten für zuhause, so dass sie weiterhin ein Auskommen hat.

Junggesellenabschied. Gudmund ist betrunken, seine Kumpanen auch. Auf dem Marktplatz von Älvåkra findet eine Schlägerei statt. Am Ende liegt da ein Toter mit einer Messerklinge im Kopf (durch die Hirnschale in die Hirnmasse eingedrungen). Gudmund, wieder nüchtern, entdeckt  in seiner Jacke ein Messer ohne Klinge. Er hält sich für den Täter und wirft das Messer in den Morast. Gudmunds Vater findet es und bringt es an sich.

Nun also auf zur Hochzeit. Auf der Fahrt zum Brauthaus überzeugt Gudmunds Vater seinen Sohn, dem Brautvater die Tat zu gestehen. Der sagt die Hochzeit ab. Gudmund ist zwiegespalten. Er findet es zwar nicht so sehr schön, fühlt sich aber gut, denn er weiß, dass er Hildur nicht liebt.

Auf dem Heimweg geht er ein Stück zu Fuß. Er steht auf einem Hügel und übersieht das Land, das er mit der Heirat bekommen hätte. Der Text referenziert auf Matth. 4, 8+9. Gudmund weiß, dass er mit der Absage der Hochzeit frei ist. Er geht weiter und begegnet Helga. Sie verlieben sich spontan, sie stößt ihn weg und stellt Fragen. Nach einiger Zeit hält sie inne, als von einer Klinge die Rede ist. Sie erinnert sich, dass sie sich Gudmunds Messer ausgeliehen hat, ihr selbst die Klinge brach, und sie es ihm ohne Klinge zurück gab. Aber er ließ sie nicht zu Wort kommen. Nur Helga ist klar, dass Gudmund nicht der Mörder sein kann.

Als Gudmund weg ist, fährt Helga zu Hildur und überredet sie in einem langen Gespräch eindringlich, zu Gudmund zu fahren. Hildur zögert, fährt dann doch hin. Nun gesteht Gudmund Hildur die Liebe zu Helga. Hildur fährt zurück und setzt Gudmund am Moorhof bei Helga ab. Die beiden dürfen sich nun endlich verlieben.

Über den Mord selbst erfährt der Leser, dass der wahre Täter geschnappt wurde. Sonst nichts.

Damit kommen wir zur

  • Kurzfassung

Ein Mann hat einen Vollrausch mit Filmriß, er glaubt, er habe einen Mord begangen, und in der Zeit bis zur Aufklärung verhandeln zwei Frauen über seine Zukunft.

  • Meine Gedanken

Ein Mord, der unaufgeklärt bleibt, als Rahmen für eine Liebesgeschichte. Und ein falscher Mordverdacht als Auslöser, um eine unglückliche Liebe loszuwerden. In unserer modernen Welt mit ihren krimigefluteten Bestsellerlisten undenkbar. Geschrieben 1908, es wird viel Kutsche gefahren. Ein Auto gibt es in dieser Ecke Schwedens nicht. Auf Kutschfahrten kann man lange plaudern, was dem Text Struktur gibt.

Bis zur Leiche wedelt der Text immer vor und zurück. Es wird ein Ereignis geschildert und anschließend beschrieben, wie es dazu kam. Durch diese Erzählweise ist der Text unterhaltsam gestaltet. Danach wird er spannend vorangetrieben. Ein wenig Enttäuschung, dass es sich „nur“ um eine Liebegeschichte handelt, blieb dennoch.

Und vielleicht bekommt ja auch Älvåkra ein paar Klicks mehr.

Lauscha in Thüringen: Christbaumkugeln und Glasbläser

Dieser Beitrag ist gewissermaßen das „Weihnachtsspecial“ dieses Blogs. „Die Glasbläserin“ von Petra Durst-Benning hat 496 Seiten. Ich fand die Taschenbuchausgabe von 2002. Das Cover zeigt das Gesicht einer konzentriert dreinschauenden Frau, ist ansonsten aber kontextfrei. Die Handlung konzentriert sich auf zwei Orte in Thüringen: Lauscha und Sonneberg.

Lauscha im Herbst 1890. Der ganze Ort lebt von der Glasbläserei. Der Glasermeister Joost Steinmann, ein Witwer, fertigt mit seinen drei Töchtern Johanna, Marie und Ruth Reagenzgläser. Johanna geht regelmäßig in die nächst größere Stadt, nach Sonneberg, um dort die Glasarbeiten ihres Vaters zu verkaufen. Joost stirbt. Seine Glasbläserei kann von seinen drei Töchtern nicht weiter geführt werden. Der Verleger Friedhelm Strobel aus Sonneberg bietet Johanna Arbeit an. (Anmerkung: Verleger waren Zwischenhändler für alle möglichen Waren. Den Kunden wurden Musterbücher vorgelegt, anhand derer sie die Bestellungen aufgaben). Johanna lehnt ab, da sie dann nicht mehr bei ihren Schwestern wohnen könne. Der Inhaber der größten Glasbläserei Lauschas, Werner Heimer, bietet schließlich allen dreien Arbeit an. Er fertigt Flakons. Der Lohn ist karg, die drei Frauen kommen kaum über die Runden.

In der Werkstatt gehen die drei Töchter verschiedene Wege: Ruth bemalt Flakons und verguckt sich in Heimers Sohn Thomas. Johanna lernt, Flakons zu versilbern. Und sie freundet sich mit ihrem Nachbarn an, dem Glasbläser Peter. Er bläst (also fertigt) Glasaugen. Schließlich noch Marie. Sie bemalt die Flakons mit leichter Hand und zarterem Federstrich als die erfahreneren Frauen. Heimer gefällt Maries Arbeit, doch entstehen Neidereien zwischen den Arbeiterinnen.

Johanna schlägt ihrem Chef immer wieder einmal Verbesserungen im Arbeitsablauf vor. Schließlich wird sie von Heimer gefeuert. Peter schenkt ihr zu Weihnachten einige bunte Tierfiguren aus Glas, mit denen er sich ein zweites Standbein – zusätzlich zu den Glasaugen – aufbauen möchte. Peter bittet Johanna, bei ihm zu wohnen und zu arbeiten. Da ihr die Beziehung zu eng wird, lehnt sie ab. Sie fragt nun bei Strobel nach, ob dessen Angebot noch gilt. Das tut es, und er stellt sie als seine Assistentin ein. Sie macht Inventur, wohnt während der Woche in einem Dienstbotenzimmer und verdient etwa das dreifache wie bei Heimer. Peter ist eifersüchtig.

Zum Maienfest (es ist nun 1891) wollen Ruth und Heimers Sohn Thomas ihre Verlobung bekannt geben. Am Ende der Feier sind alle betrunken und das Fest endet in einer Dorfschlägerei. Ruth ist enttäuscht. Am gleichen Tag kommt der amerikanische Kaufmann Woolworth zu Strobel und gibt eine Bestellung nie gekannten Umfanges auf. Strobel gewinnt außerdem Gefallen an Johannas „Widerborstigkeit“.

Im Sommer heiraten Tomas Heimer und Ruth Steinmann. Strobel fährt für mehrere Wochen „nach B.“ und Johanna führt in dieser Zeit Strobels Laden. Es gibt Verwirrung um die Bestellung von Woolworth. Er bestellte verspiegelte Glaskugeln mit 5 cm Durchmesser. Für die Glasbläser in Lauscha ist das ein unbekanntes Produkt. Ein Glasbläser mit Namen „Karl der Schweizer Flein“ traut sich daran. Derweil wird Marie bei Heimer immer weniger glücklich. Sie schlägt regelmäßig neue Produkte vor, die ihr Chef ebenso regelmäßig ablehnt. Von Johannas Schilderung der bestellten Glaskugeln elektrisiert, reaktiviert sie die väterliche Glasbläserei und versucht, sich autodidaktisch das Glasblasen beizubringen. Es klappt. Sie stellt ebenfalls verzierte Kugeln her. Außerdem ist Ruth von Thomas schwanger und Strobel schenkt Johanna ein Buch des Marquis de Sade.

Zu Beginn des Jahres 1892 gebiert Ruth eine Tochter. Woolworth gibt per Post eine neue umfangreiche Bestellung auf. Und Johanna lernt, dass Strobel seine konkurrenzfähigen Preise durch Druck auf die Hersteller erzielt. Ihre Meinung über ihn wird zwiespältiger.

Damit endet Teil 1. Er ist insgesamt bieder und hat viele Längen.

Teil 2 beginnt turbulent. Thomas Heimer begann kurz nach der Geburt der Tochter, Ruth regelmäßig zu verprügeln. Strobel vergewaltigt Johanna. Peter verprügelt wiederum Strobel. Beide Schwestern ziehen wieder bei Marie ein, die nun als einzige Arbeit hat. Marie bläst weiter Weihnachtskugeln. Johanna sucht in Sonneberg vergeblich nach Käufern für diese. Strobel hat überall erzählt, dass Johanna ihn bestohlen habe.

Ruth erfährt, dass Mr. Woolworth wieder nach Sonneberg kommt. Mit Musterkugeln bewaffnet, gelingt es ihr, sich in sein Hotelzimmer zu stehlen. Er ist von Ruths Courage und der Qualität der Arbeit begeistert. Sie kommt mit einem Riesenauftrag und einem kurzen Liefertermin nach Hause. Mit vereinten Kräften sowie Hilfe von einigen Freunden gelingt es den dreien, alle Kugeln pünktlich fertig zu stellen und an den Bahnhof von Sonneberg zu liefern. Ruth trifft dabei auf Steven Miles, den Einkäufer von Woolworth. Sie verlieben sich. Steven erteilt den Auftrag, Valentinsherzen aus Glas zu produzieren. Marie entwirft immer neue Formen, zusammen mit ihrem Nachbarn Peter gründet sie eine Gemeinschaftsglasbläserei. In vielen Briefen überzeugt Steven schließlich Ruth, dass sie Lauscha verläßt und mit ihm nach New York fährt.

Teil 2 ist actionreich und entschädigt dafür, dass man sich durch den 1. Teil gequält hat. Immerhin lösen die drei Frauen ihre Probleme durchaus fantasievoll und tatkräftig. Es entsteht eine Rollenverteilung, Marie ist die Künstlerin und Glasbläserin, Johanna ist diejenige, die organisiert und Ruth ist schließlich die Verkäuferin. In allen Rezensionen wird Marie herausgestellt, weil sie die erste Frau in dem Männerberuf des Glasbläsers ist. Ich sehe das nicht so, denn alle drei brechen Konventionen. Johanna die ihrer Herkunft, als sie die Anstellung bei Strobel annimmt und weltgewandter wird. Marie, indem sie den Glasbläserin wird  (ihre eigentliche Leistung ist es jedoch, zwei Jahre lang mit vier Stunden Schlaf täglich auszukommen) und Ruth, indem sie sehr nachhaltig verkauft. Am Ende ist mir noch aufgefallen, dass es im Buch niemals Ärger mit einer Zunft gab. Gab es etwa keine Zunft der Glasbläser in Lauscha?
Auf jeden Fall das passende Buch zum Christbaumschmuck.

Irgendwo in Russland um 1820. Puschkin. Dubrowski.

Dubrowski Cover-AusschnittDubrowski Skizze aus dem BuchinnernNun habe ich mich also zum ersten Mal an einen „großen Russen“ gewagt. „Dubrowski“ ist eine Novelle von Alexander Puschkin und mit 124 Seiten eher kurz. Ich habe die Ausgabe von 1949 mit einigen schönen Skizzen. Die Handlung spielt auf den Landgütern des feudalen Russland um 1820.  Der moderne Leser muss sich zunächst daran gewöhnen, dass die Landgüter der damaligen Zeit die Infrastruktur von Dörfern haben.

  • Das Setup

Der reiche Trojekurow lebt auf einem seiner „Dörfer-Landgüter“ in Pokrowskoje, wo er regelmäßig Gesellschaften gibt, die sich ebenso regelmäßig der Trunkenheit hingeben (heute würde man sagen: ausschweifende Parties). Er ist mit seinem Nachbarn Dubrowski befreundet, obgleich dieser ärmer ist (will heißen: sein „Dorf-Landgut“ Kistenjowka ist nicht ganz so groß). Während der gemeinsamen Jagd kommt es zu einem Wortgefecht zwischen den beiden. Die Situation eskaliert über Monate hinweg.

  • Die Geschichte

Mit juristischen Winkelzügen gelingt es Trojekurow, Dubrowski enteignen zu lassen. Die Leibeigenen von Dubrowski schreiben einen alarmierenden Brief an Dubrowskis Sohn Wladimir, 23 Jahre alt, der als Kadett in Petersburg Dienst tut. Er reist an. Nach der Beerdigung des alten Dubrowski nehmen Beamte des Trojekurow das „Dörfchen-Landgut“ Kistenjowka in Besitz. Aus Verzweiflung brennt Wladimir Dubrowski das Beamtengebäude von Kistenjowka nieder, ein Teil des Dorfes fängt ebenfalls Feuer. Der junge Dubrowski und einige Menschen aus seinem Gesinde verschwinden spurlos.

In der Zeit nach der Katastrophe entstehen Gerüchte über eine Räuberbande, die Besitztümer ausraubt, jedoch Großmut gegenüber den Armen zeigt. Dubrowksi wird als das Oberhaupt vermutet.

Trojekurow engagiert für seine Kinder Maria (auch genannt Mascha) und Sascha einen französischen Hauslehrer Monsieur Deforges. Deforges muss die im Hause übliche Mutprobe für Neulinge über sich ergehen lassen. Er wird mit einem Bären in ein Zimmer gesteckt. Doch statt sich – wie von Trojekurow erwartet – ängstlich in eine Ecke zu verkriechen, erschießt er den Bären mit seiner Pistole. Er rechtfertigt sich damit, die Pistole immer bei sich zu tragen, um sich Beleidigungen zu erwehren, für die er in seiner Stellung nicht zum Duell heraus fordern kann. Seither ist Deforges bei Herrn und Tochter Trojekurow hoch angesehen.

Es ist mal wieder Gesellschaft bei Trojekurow. Auch ein gewisser Anton Pafnutjitsch Spitzyn kommt. Es stellt sich heraus, dass er bei dem Prozess um die Enteignung Dubrowskis zugunsten seines jetzigen Gastgebers ausgesagt hat. Er ist betrübt, weil er pleite ist, verschweigt dies aber ebenso wie seine Angst vor Dubrowski. Er schläft in einem Zimmer mit Deforges und hat einen Alptraum.

  • Pause. Rückblende

In einer Rückblende wird nun von der Anreise Deforges erzählt. Deforges wartete in einer Poststation auf eine Kutsche, die ihn zu seinem neuen Arbeitgeber Trojekurow bringt. Es kam – als Offizier verkleidet – Dubrowksi und bot dem echten Deforges 10.000 Rubel an, falls er im Gegenzug seine Papiere aushändigen würde. Das entsprach mehr als dem dreifachen des ohnehin großzügigen Jahressalärs als Lehrer. Also willigt der echte Deforges ein und reist zurück. Dubrowski konnte nun in die Rolle des Hauslehreres schlüpfen.

  • Weiter in der Geschichte

Eines Tages offenbart sich der Hauslehrer gegenüber Maria, dass er in Wirklichkeit Dubrowski sei und das Gut verlassen müsse. Er leistet einen Schwur, Maria stets aus Schwierigkeiten zu helfen. Kurz darauf taucht der Polizeihauptmann auf und möchte ihn festnehmen. Dubrowski aber ist bereits über alle Berge. Im folgenden Sommer handelt Trojekurow mit einem anderen Nachbarn, dem alten Fürsten Werejiski, aus, dass dieser Maria (auch genannt Mascha) heiratet. Maria ist todunglücklich über diese Zwangsehe und wendet sich an Dubrowski. Dieser bittet Maria, den „Mut zu einer grausamen Auseinandersetzung“ zu haben. Sie zögert diese Auseinandersetzung jedoch zu lange hinaus. Als es soweit ist, beschließt der Fürst, die Hochzeit auf den kommenden Tag vorzuziehen. Sie möchte Dubrowski durch ein vereinbartes Zeichen um Hilfe bitten, das Überbringen dieses Zeichens geht jedoch schief. Als Dubrowski dann von der Hochzeit erfährt, überfällt er mit seinen Leuten den Tross mit der Hochzeitskutsche. Nochmal zu spät: Die Trauung hat bereits statt gefunden. Traurig fügt sich Dubrowski in das Schicksal.

Zum Ende der Novelle wird seine Räuberbande von einer Militäreinheit entdeckt und überfallen, die strategische Kühnheit Dubrowskis führt die Räuberbande zum Sieg. Reich geworden sollen die Räuber nun ein neues Leben anfangen. Dubrowksi selbst soll sich – Gerüchten zufolge – ins Ausland abgesetzt haben.

  • Gedanken dazu

Die Novelle entstand in den 1820er Jahren. Sie erschien erstmals 1841 – laut Vorwort „in einer von der Zensur verkürzten Fassung“. Das Motiv des edlen Räubers ist aus der Romantik gut bekannt, und auch Puschkins Dubrowksi überschlägt sich vor lauter Edelmut. Er verschont das Haus seines Feindes aus Liebe zu dessen Tochter. Der Text ist nicht immer leicht lesbar. Figuren werden oft namenlos eingeführt und zunächst ausführlich beschrieben. Später werden sie wie selbstverständlich mit ihrem Namen genannt. Deswegen musste ich ein paar Mal zurückblättern. Wenn man das mal verstanden hat, macht die Lektüre Spass. Empfehlenswert.

Ein schwerer Traum Nach der Katastrophe Der Heimkehrer begrüßt seinen todkranken Vater Das Geschacher um das Gut

Grenoble. Ummauerte Welt

„Ummauerte Welt“ ist ein Roman von Pierre Magnan. Es gibt immer wieder Bücher, bei denen man sich fragt, weshalb sie nicht bekannter sind. Dieses gehört unzweifelhaft dazu.

Die Geschichte spielt in dem Dorf Chalvine unweit von Grenoble und beginnt ca. 1948. Die Handlung dehnt sich über zwei Jahre. Sie wird nur an wenigen Stellen und nur kurz verlagert, einmal nach Paris, einmal an den Col de Thule und schließlich nach Cannes und nach Annecy.

Zwei Männer begegnen sich in einer Kleinbahn auf dem Weg von Grenoble in das Dorf  Chalvine in den französischen Alpen. Robert Chatelier wird den Direktorenposten der nahe gelegenen Aluminiumhütte übernehmen. Marcel Verseau, ein in den Weltschmerz verliebter 25-jähriger Physikstudent, fährt in das Hotel seines Vaters, um dort Ferien zu machen. Sie reden fast nichts, und sie begegnen sich im Verlaufe der Geschichte immer wieder.

Chatelier fährt einige Tage später nach Paris. Er trifft Devallons, den Vorstand des Konzerns, zu dem die Hütte gehört. Chatelier stellt ihm eine neue Geschäftsidee vor. Wenig später ist eine Konferenz mit Devallons, Chatelier und vier Finanzchefs von anderen Konzernen. Sie sollen zur Ausbeutung der Geschäftsidee und zur Stärkung Frankreichs ein Gemeinschaftsunternehmen gründen. Lavillat, einer der Teilnehmer des Treffens, erpresst Chatelier, das Geschäft mit ihm alleine zu machen. In die Enge getrieben ermordet Chatelier Lavillat, indem er einen Bootsunfall vortäuscht. Eine kurze leidenschaftliche Affäre mit Devallons vergnügungssüchtiger Tochter Claude hilft ihm über die Gewissensbisse hinweg.  Claude durchschaut jedoch schnell, dass Chateliers Version des Bootsunfalls falsch ist.

In der Zwischenzeit weist Marcel Verseau gegen den Wunsch seiner Eltern die Avancen seiner Jugendliebe Josette von sich und zieht sich zu Studien in eine Almhütte zurück.

Chatelier versucht, für sein Vorhaben einige Studienfreunde wieder zu finden, die er für besonders zuverlässig hält. Er findet zwei von ihnen, Gambois und Corbieres. Kriegswirren hatten Corbieres nach Wladikawkas verschlagen. Nun schlägt er sich mit zwei Begleitern über Italien nach Frankreich durch. An der Berggrenze zwischen Italien und Frankreich, beim Col de Thule, verunglücken seine Begleiter tödlich. Nun wird auch Corbieres von Gewissensbissen geplagt.

Er und Gambois treffen sich bei Chatelier. Der Konzernchef Devallons weiht alle drei in das Projekt ein: Im Tal bei Chalvine wurde Yttrium gefunden. Chatelier hat ein Verfahren entwickelt, um mittels Yttrium Energie zu gewinnen.

Chatelier, Gambois und Corbieres vertiefen sich in das Projekt, indem sie sich in die Fabrik in Chalvine zurück ziehen. Bald darauf dringt der Journalist Massot in die Fabrik ein und belauscht die drei bei einer Unterhaltung mit Devallons. Sie stellen Massot zur Rede und fordern von ihm Diskretion über das Gehörte. Massot weigert sich, und ist auch nicht gegen gute Bezahlung bereit, das Projekt geheim zu halten. Ohne Wissen der anderen manipuliert nun Gambois Massots Auto, worauf dieser tödlich verunglückt.

Gambois geht zur Beichte in die Kirche, wo er unerwarteter weise Corbieres trifft. Dieser offenbart Gambois, dass er für den Geheimdienst der U.S.S.R. arbeitet und die neue Technologie ausspähen soll. Trotzdem wäre er bereit, aus Freundschaft zu Frankreich und Chatelier, für diesen zu sterben.

Die drei fahren mit ihrer Entwicklung, einer Apparatur zur Erzeugung von Energie auf der Basis von Yttrium, für einen Test ins nahe gelegene Gebirge. Das Ergebnis ist dem Anschein nach enttäuschend, denn es schmilzt ein wenig Schnee, sonst nichts.

Chatelier und Marcel begegnen sich erneut. Nun weiht Chatelier auch Marcel in sein geheimes Projekt ein. Dieser ist bereit, mitzuarbeiten. Die beiden arbeiten immer enger zusammen, was den Argwohn der beiden anderen Freunde erregt. Am Silvesterabend besucht Josette Marcel in seiner Hütte. Sie wird schwanger. Marcel versucht erfolglos, sie zu einer Abtreibung zu überreden.

Derweilen urlaubt Claude in Cannes und läßt das Leben der dortigen Schickeria an sich vorüberziehen. Nach dreimonatiger Ehe mit einem Schönling entschließt sie sich dazu, zu Chatelier zurück zu kehren. Sie trifft in Chalvine ein, herbergt im Hotel der Verseaus, und versucht Chatelier näher zu kommen. Der ist jedoch nach wie vor in sein Projekt vertieft, und so wird sie immer eifersüchtiger auf sein Projekt. Eines Abends fährt sie zur Fabrik. Sie sieht, wie ein Wagen – mit Marcel am Steuer – die Fabrik verläßt. Ihm folgt ein weiterer Wagen – mit Chatelier, Corbieres und Gambois. Sie fährt den beiden Wagen hinterher. Marcel hat sich inzwischen völlig mit dem Projekt identifiziert. Er hat eine neue Apparatur bei sich und möchte sie in einer Felsspalte zur Explosion bringen.

Man erfährt, dass bereits das erste Experiment erfolgreich war, denn es wurde ein Hase dematerialisiert, und im felsigen Untergrund entstand ein schmaler Riss. Auch das neue Experiment gelingt, Marcel jedoch stirbt dabei. Noch am Ort des Experiments stellt Claude Chatelier zur Rede, während des Wortgefechts zieht sie einen Revolver und erschießt Chatelier. Corbieres möchte den Tod seines Freundes ehrenvoller darstellen und beschwört Claude, der Polizei zu berichten, dass er – Corbieres – Chatelier erschossen habe und sich anschließend selbst richtete. Darauf erschießt er sich. Claude sagt der Polizei die Wahrheit und bekommt drei Jahre Gefängnis. Das Kind von Marcel und Josette kommt zur Welt.

Eine dramatische Geschichte um Schuld und Sühne. Drei Männer ziehen ein Projekt durch.  Jeder der drei hat den Tod eines  anderen Menschen zu verantworten, um das Projekt voran zu bringen. Auch der zunächst unbeteiligte Marcel geht unter Preisgabe seiner Liebe in der Arbeit auf. Der Titel resultiert daraus, dass die Handelnden bei ihren Experimenten an die Mauern stossen, die die materielle Welt umgrenzen.

Sie empfinden ihre Schuld ganz unterschiedlich. Für Chatelier spielt sie während der Geschichte keine Rolle mehr, im Todeskampf flüstert er den Namen des Opfers. Über Corbieres schwebt permanent der Tod. Er weiß, dass ihn im Falle seiner Enttarnung die Todesstrafe erwartet. Er richtet sich selbst zur Ehrenrettung Chateliers. Gambois überlebt als einziger unbeschadet.

Alles ist mit ironischem Tonfall und einer gut lesbaren Leichtigkeit erzählt. Charmante Charakterisierungen der Personen und Verständnis für deren sehr unterschiedliches Handeln, machen die Lektüre zu einem spannenden Vergnügen.