Karte xxx: Frau Knef reist umher und will nicht

Um es vorweg zunehmen: Ich mag an ihr einiges und einiges nicht. Ihre Lieder aus dem 60ern sind kraftvoll und voller großstädtischer Dynamik, optimistisch. Sie sind Berlinlastig. Aber sie reist viel umher. Aber wo sie auch ist, will sie nicht sein und zurück nach Berlin. Dabei geht es weniger um Heimweh als ein Zurück in turbulentes, ereignisreiches und treibendes Leben.

  • Kein Venedig

Sie ist direkt: Sie braucht kein Venedig, keine Gondeln und Palmen. Und auch sonst ist der Raum um das Mittelmeer herum, sei es per Flugzeug (in schwindelnden Höhen)oder Schiff (keine Häfen an südlichen Meeren) erkundet, nicht so das Wahre.

  • Keine deutschen Großstädte

Sie hat Heimweh – also doch, nach dem Kurfürstendamm. Egal, ob in Frankfurt, München, Hamburg oder Wien, da ist nicht das Tamtam, der Trubel, den sie liebt.

  • … und keine europäischen

Und schließlich ist es auch in Paris schön, oder im Mai in Rom, wenn alles grün (wobei die Pinien ja ohne sie grün sind, aber gut) oder beim Wein an einem Abend in Wien (auweia, da ist der Pfälzer in mir sauer). Aber Berlin bleibt doch Berlin.

 

In einem Satz

Adliger auf Brautschau wird mehrerer Morde verdächtigt

Orte:

Epsom

HAfen

 

Muskau trifft in London ein. Gasthaus, erste Leiche (Frau, die auf dem gleichen Schiff überfuhr)

 

Wirtshaus (Clarendon Hotel)

 

In den Straßen der Stadt wird er von einem gut gekleideten Herrn angesprochen, der sich ihm als Diener in England anbietet.

Mit diesem gewinnt die Geschichte nun an Fahrt:

Muskau erfährt, dass er auf die Bälle der Lady Lieven, Gattin des österreichischen Botschafters, geladen werden muss. Muskau wird dort vorstellig, jedoch abgewiesen. Also in die ärmeren Viertel, nach Whitechapel. Dort jedoch müssen sie vor bettelnden Kindern und käuflichen Mädchen fliehen.

Muskau hat alsokeinen Erfolg gehabt, und seine Reisekasse ist leer. Er will bei Baron Rothschild um einen Kredit nachfragen.

Baron empfängt. Er bietet eine Wette.

Rothschild führt Muskau in die Gesellschaft ein. Er will das Theater besuchen. Auf der Lutschfahrt dorthin macht sich eine gewisse Lady Wyse an ihn heran, er verweist sie des Gefährtes und nimmt seinen Platz im Theater ein. Lady Wyse springt aus Verzweiflung in den Serpentine River, wird jedoch gerettet.

Im Theater macht sich zunächst eine „Gay Lady“ an Muskau heran; er weist sie empört ab. Später macht sich ein Freudenmädchen an Muskau heran. Er stößt sie weg, am nächsten Morgen ist das Freudenmädchen tot.

Rothschild zieht Muskau aus dem Verkehr indem er ihn zu Besuch nach Epsom bittet.

Anfahrt: Newington, Lambeth, Landstraße Richtung Brighton. Muskau in schwerem Reisewegen, da er weiter zur Küste wollte.

Muskau flirtet mit einer schönen jungen Frau. Später wird diese ermordet in einem der Pferdeställe gefunden. Muskau wird von königlichen Wachen nach London expediert. Er gibt seine Beobachtungen zur Protokoll, es wird keine Anklage gegen ihn erhoben, er darf jedoch England nicht verlassen.

Er geht wieder mal zu Lady Lieven, diesmal wird er zu einer Gesellschaft ins Ballhaus in der King Street geladen. Dort macht er die Bekanntschaft eines Journalschreibers namens Charles Dickens. Und er wird von einem Konstabler abgeführt und in die London Morgue gefahren. Dort liegt Gay Lady Sarah Myrtle, die er ebenfalls bei dem tragischen Theaterbesuch weg geschickt hat.

 

Nun benötigt Muskau ein Alibi für die Stunden nach dem Theaterbesuch. Lady Wyse bietet es als Gegenleistung für ein Schäferstündchen an. Muskau fährt nach Chatham und trotz dringlicher anonymer Warnung – nun ja- besiegelt er das Geschäft. Lady Wyse hat ihren Teil des Deals und Moskau ist erleichtert. Ein Spaziergang mit Rothschild durch den Hyde Park jedoch offenbart ihm den wahren Charakter von Lady Wyse, die sich im Hafenviertel feil bietet und somit nicht glaubwürdig ist.

Inzwischen hat sich Muskaus Anwesenheit und Absicht in London herumgesprochen. Derweil nimmt Muskau selbst von seinen Absichten mehr und mehr Abstand, schlicht mangels erwartbarem Erfolg.

Henriette Sontag, eine berühmte Sängerin lädt ihn ein, an einem Musikpicknick auf einem Boot teilzunehmen. Flußaufwärts nahe Windsor besteigt man ein Ruderboot. Frau Sontag bestärkt Muskau in seinen Plänen, eine Dame für eine Mitgiftheirat zu finden.

 

Bemerkungen

Ein wenig mehr über Gärten hätte ich schon gerne erfahren, und über die Entwicklung der Gartenbaukunst. Aber es ist ja kein Sachbuch. Als Roman nett und leicht lesbar. Besonders gefiel mir das Spiel mit Figuren, die Muskau traf. Der Autor bedient sich einer kreativen Freiheit, mit der Zeit zu spielen. Dickens war in der fraglichen Zeit zu jung, um Moskau zu treffen. Nebenbei taucht Bettina von Arnim auf Dienstreise (Stoff für Romane suchen) auf, der Diener erinnert sehr an Sherlock Holmes, und heißt auch so.

 

 

Ein Hausbootkrimi – M.M. Kaye „Death in Kashmir“

 

  • Der Anfang

Janet und Sarah, zwei junge Engländerinnen befinden sich auf einer Skifreizeit. Sie sitzen in einer eingeschneiten Hütte und unterhalten sich übers Skifahren, den Schnee und ihre Jobs. Das klingt recht harmlos, wäre da nicht der Anlass für das Gespräch: Sara sah und verjagte eine dunkle Gestalt, die vor Janets Hütte stand. Und der Job: Beide sind beim britischen Geheimdienst beschäftigt. Und die 3 Todesfälle, über die Janet berichtet: Ihre Auftraggeberin Mrs Matthews, eine hochrangige Agentin; ein Bote des Geheimdienstes, der auf dem Weg zur Skihütte aus dem Zug fiel; und der Ersatzbote, der von einem Jagdausflug nicht zurück kehrte.

Einige Tage später ist auch Janet tot, sie kehrte von einem Skiausflug nicht mehr zurück. Die Behörden lassen es wie Unfälle aussehen, doch an einigen Details wird Sarah schnell klar, dass es sich um Morde handelte.

  • Das Buch

So jagt der Leser durch die ersten 100 Seiten des Buches „Death in Kashmir“ von M.M.Kaye. Die deutsche Übersetzung von Ursula Kupsch-Langhein trägt den Titel „Vollmond über Kaschmir“. Damit gibt sie zwar den Titel des Originals nicht gerade sinnvoll wieder, die Übersetzung ist aber an manchen Textstellen nicht ohne Humor. Ort der Handlung bis dahin: ein bei Engländern beliebtes Skigebiet in Kaschmir. Eine Reisegruppe verlebt dort einige Tage, es ist die letzte Skifreizeit des Skiclubs. Am folgenden Sommer werden sich die Engländer als Kolonialmacht zurück ziehen. Wir sind also im Jahr 1946.

Nach diesen 100 Seiten weiß der Leser, dass Sarah – qua Ableben aller anderen wichtig erscheinenden Figuren – die Hautperson des Roman ist. Und um zur Ruhe zu kommen, fährt die ganze Reisegruppe ins Tal nach Rawalpindi. Dort verlebt Sarah erstmal einige schöne Monate in der englischen Gesellschaft, bis es im Mai wieder zurück geht, nach Srinagar.

  • Srinagar

Die politische Situation Kaschmirs ist geprägt von den englischen Kolonialherren. Es gehört nicht zum Vizekönigreich Indien, es wird von einem Maharadscha regiert

Überhaupt: Srinagar. Dieses „merkwürdige Konglomerat aus altem und neuem Indien“,  am und über dem Fluss Jelhum gelegen, beschirmt von einem gekrümmten Ausläufer der Berge und in der Nähe einer herrlichen Seenkette. Der Fluss, der bis dahin durch die engen Gebirgsschluchten tobte, verbreiterte sich hier zu einem sanften Strom, der … von Weiden und Chenarbäumen umsäumt, heiter dahinfloss (S. 140).

Hier sucht Sarah das Hausboot, das die ermordete Janet gemietet hatte. Es heißt „Waterwitch“. Sie findet es in Chota Nagin, einem kleine Nebensee des großen Dal Lake. Hausboote sind hier überhaupt eine übliche Form der Unterkunft. Sarah hat Janets – bereits bezahlten – Pachtvertrag in Händen, so dass es für sie kein Problem ist, das Boot zu übernehmen.

  • Das Hausboot

Damit jedoch beginnen die Verwicklungen. Andere Briten in Srinagar beginnen, Sarah auszufragen, und die gute Sarah weiß irgendwann nicht mehr, wo ihr der Kopf steht, wem gab sie welche Antworten, welche davon brachten sie selbst in Gefahr, und wem darf sie trauen. Immerhin sind da noch 4 unaufgeklärte Morde. Und so kann Sarah die potentielle Bedrohlichkeit der Situation nicht jederzeit ausblenden. Vor allen Dingen dann nicht, wenn das Hausboot knarzt, sie Schritte zu hören glaubt, oder es ganz allgemein Nacht ist. Oder Sturm.

Das ist das eigentlich spannende an dem Buch: Die enge Atmosphäre auf der Waterwitch. Auf einem Hausboot ist es niemals völlig still.

Aber welche Geräusche kommen von den Wellen, welche verursacht ein Sturm, welche Sarahs Hund und welche ein möglicher Einbrecher? Und dann ist manchmal schon jemand auf dem Boot, ein einheimischer Diener, oder Henry. Der wird nämlich zu Sarahs Vertrautem. Und mit ihm gleicht sie die Geschichten ab, die sie erzählte. Mit ihm geht sie auf eine Party.

 

 

 

 

 

Quer durch den Hunsrück: Hildegard von Bingen

  • Das Buch

Es geht um den Roman „Hildegard von Bingen“ von Edgar Noske. Der Autor schrieb eine Reihe von regionalen Romanen, die in Köln oder der Eifel angesiedelt sind. Der hier vorliegende ist von 1999, Lizenzausgabe von 2003, TB 320 Seiten, der Anhang enthält ein Glossar. Im Vorsatz heißt es: „Anspielungen auf Ereignisse des aktuellen Zeitgeschehens sind … unverzichtbar, selbst wenn sie zu Lasten der einen oder anderen historischen Genauigkeit gehen“. Der Leser – der zu diesem Zeitpunkt der Lektüre noch keiner war –  hätte hellhörig werden können.

  • In einem Satz

30 Jahre alte Leiche stiftet Verwirrung

  • Die Geschichte

… beginnt im Kloster Rupertsberg im Rheingau. Über die Weinhänge legt sich ein schwüler Herbst. Es ist September des Jahres 1177, das Brot schimmelt schneller als es gegessen werden kann, und schwüle Tage erschweren alten Menschen das Atmen. Zu diesen alten Menschen gehört Hildegard, die Klostervorsteherin. Sie ist 75, arbeitsam, allgemein sehr beliebt, und weiß, dass sie noch 2 Jahre leben wird. An einem Tag in besagtem Herbst trifft ein Gast ein: Der Klosterschreiber Wibert. Hildegard hat ihn sich als Schreiber für ihre letzten beiden Lebensjahre gewünscht.

2 Monate später, November: Der „Strom“ (so wird im Buch der Rhein genannt) führt Hochwasser. Seit Tagen peitscht böiger Wind kalten Regen über den Rupertsberg. Die Feuchtigkeit setzt sich in den Mauern fest. Plötzlich entsteht unter den Nonnen erschrockene Unruhe. Der Dauerregen hat an Fuße einer Mauer ein Skelett freigespült.

Hildegard ist sofort klar, wer der Tote ist: ein abgestürzter Bauarbeiter aus der Zeit des Klosterbaus. Aber Wibert hinterfragt die Geschichte. Nach langem Hickhack fasst Hildegard das Vertrauen, die Geschichte zu dem Toten zu erzählen. Von jetzt an wird es Wiberts Aufgabe sein – so Hildegard -, eine zweite Biographie zu verfassen, durch welche die Welt erfahren soll, wie Hildegard wirklich war. Jahre zuvor hat ein anderer Schreiber, Vilmar, eine Lebensgeschichte verfasst, in der Hildegard als Unfehlbare dargestellt wird. Jetzt will sie das nicht mehr. Dem Leser ist klar: Sie ist verantwortlich für den Tod des Gefundenen.

Der Leser wundert sich hier über hohe Reflektionsniveau der Protagonistin. Sie ist sich ihrer Wirkung durch die Jahrhunderte bewusst und will diese Wirkung durch eine Biographie brechen. Es ist nur ein Gefühl, dass hier irgendwas nicht zusammen passt. Also erstmal hören, welche Geschichte zu dem Toten gehört. Diese Geschichte beginnt im Jahre 1147.

  • Von Disibodenberg nach Trier

Am Zusammenfluss von Glan und Nahe befindet sich ein Hügel. Darauf steht das Kloster Disibodenberg. Dessen Abt heißt Kuno, ein kleinwüchsiger und schmächtiger Mann. Hildegard lebt mit einigen anderen Nonnen in der Frauenklause von Disibodenberg. Die ist nun zu klein, und Hildegard wünscht, ein eigenes Kloster zu gründen. Kuno verweigert ihr den Wunsch. Immerhin prosperiert das Kloster durch Hildegards zunehmende Berühmtheit (der Leser wird über den Zusammenhang im Unklaren gelassen). Hildegard aber verfolgt ihre Idee eines eigenen Klosters hartnäckig weiter.

Sie möchte Kuno umgehen und sich eine Erlaubnis des Papstes besorgen. Chronistenpflicht: Es handelt sich um Eugen III. Der war kurz nach seinem Amtsantritt aus Rom verjagt worden und residiert nun vom „Reisethron“ aus. Er sucht sich hier und dort Gastgeber, die ihn für einige Zeit beherbergen. Im fraglichen Winter ist das der Bischof von Trier. Und damit es allen nicht zu langweilig wird, wird eben eine Synode einberufen. Abt Kuno verweigert Hildegard die Reise nach Trier. Sie jedoch entwischt in einer verschneiten Februarnacht 1147 und macht sich mit wenigen Vertrauten und einigen Maultieren auf den Weg.

Es ist Februar, der Schnee ist tief. Die Reise soll zunächst zu einem Quartier im dem kleinen Weiler Hahnenbach führen. Doch die kleine Gruppe kommt nicht soweit. Der tiefe Schnee und zaudernde Begleiter bremsen. In einer Höhle, irgendwo im Hunsrück hält die kleine Gruppe Nachtquartier. Am nächsten Tag geht es weiter zur Burg Tronecken. Der dortige Graf nimmt sie gefangen und fordert von Kuno Lösegeld. Auf Burg Tronecken treffen sie auf einen weiteren Gast (einen freiwilligen), Graf Jerome von Carcassonne. Der französische Graf – o la la man ahnt es – bringt nun die Geschichte der Frauen ordentlich durcheinander.

Wieder gelingt es, zu entwischen. Trier: Papst Eugen verweigert Hildegard die Klostergründung. Jerome jedoch klärt den Papst auf, dass Kuno den Grafen von Tronecken für die Gefangennahme bezahlt hat. Eugen ändert nun seine Meinung.

Das neue Kloster soll in Rupertsberg bei Bingen gebaut werden. Erstmal muss das Grundstück erworben werden. Kuno hat das spitz gekriegt und schickt seinen Adlatus hin, um das Grundstück zu kaufen, Preis fast egal. Der Adlatus mißversteht den Auftrag, kauft das Land und verkauft es sofort für den doppelten Preis an die Klostergründer weiter. Kuno ist sauer.

Die Bauarbeiten gehen langsam voran, weil Kuno keine Mittel zur Verfügung stellt. Eines Tages sieht Hildegard, wie Ricardis und Jerome eng beieinander stehen. Im Eifersucht-Wortgefecht strauchelt Jerome und stürzt zu Tode. Das ergibt dann 30 Jahre später die Leiche vom Romananfang.

Der Bau geht weiter. Hildegard hat weiter ihre Visionen. So wird sie gewahr, dass Kuno Leben endlich ist. Diese überwältigende Nachricht übermittelt sie einem Vertrauten, ihrem Biographen Vilmar. Der versteht die Nachricht als Auftrag zum Mord an Kuno. Schwäche und Phantasielosigkeit verleiten Vilmar aber lediglich dazu, Kuno ein Glas Wasser zu verabreichen. Die Vereinnahme des Getränkes begleitet Vilmar mit den Worten, dass es sich um Gift handele. Kuno erschreckt sich zu Tode und lebt ab.

Dies alles vermittelte also Hildegard dem Schreiber Wibert, 2 Jahre vor ihrem Tode.

Finis

  • Bemerkungen

Ich hatte mir mehr versprochen, mehr Spannung, mehr Zeitkolorit, mehr historische Fakten, mehr Dramatik. Zwei Unfälle passieren, und alle fühlen sich schuldig, das ist für einen Mittelalterkrimi wie ich finde zu wenig. Über das Wirken der Hauptfigur erfährt man wenig außer dass sie viel unterwegs ist und Bauarbeiten beaufsichtigt. Außerdem habe ich den Eindruck, dass der Autor sich wenig mit Leben und Kultur der Zeit befasst hat. Aber dafür gibt es ja aktuelle Bezüge: Das Wort „Staatsraison“ aus Hildegards Mund, der Satz „Eher wird ein Pole Papst als dass Hildegard in Trier ankommt“ und einige mehr sind gewiss nicht zeitgenössisch, verwirren und ergeben keinen erzählerischen Sinn.

 

 

Die Middle Passage 1830. „Die Überfahrt“ von Charles Johnson

Charles Johnson (geb. 1948) ist ein amerikanischer Karikaturist und Schriftsteller. 1990 schrieb er den Roman „Middle Passage“. Im gleichen Jahr erhielt er den National Book Award.

Die Übersetzung von Martin Hielscher heißt „Die Überfahrt“. Suhrkamp TB, 255 Seiten. Es ist übrigens eine wundervolle Übersetzung, denn das Buch steckt voller Spott, Ironie und Humor, die der Übersetzer ins Deutsche transportiert hat.

  • In einem Satz

Mann flieht vor Frau und Gläubigern auf ein Segelschiff.

  • Die Middle Passage

Die Middle Passage ist eine Schiffsroute zwischen der Karibik und Afrika. Über 200 Jahre lang wurde sie von Schiffen befahren, die Sklaven aus Afrika in die Karibik verfrachteten. Die Segler nutzten die Süd-Ost-Passatwinde, um vor allem in den Sommermonaten zügig den Atlantik zu überqueren.

Das Buch spielt im Sommer des Jahres 1830. Der Handel mit Sklaven ist in der Neuen Welt verboten. Jedoch nicht die Sklaverei selbst. Und so fahren immer noch Schiffe auf der Middle Passage hin und her und transportieren Sklaven, die sie nun in die Neue Welt einschmuggeln.

  • wie geht’s los

Die Hauptfigur des Buches ist der schwarze Gelegenheitsarbeiter Rutherford Calhoun. Er lebt in Makanda im Süden von Illinois. Dort rückt ihm eine schwarze Lehrerin namens Isadora derart auf die Pelle, dass es ihm zuviel wird. Rutherford flieht nach New Orleans. In New Orleans schlägt er sich als Tagedieb durch und häuft in kurzer Zeit eine Menge Schulden an. Sein Hauptgläubiger ist ein Mann namens „Papa Zeringue“. „Papa“ ist die schwarze Unterweltgröße der Stadt und hat seine Finger in so ziemlich allen legalen und illegalen Geschäften.

Inzwischen hat Isadora ihren Geliebten bis nach New Orleans gestalkt, „Papa“ aufgesucht und vorgeschlagen, Rutherfords Schulden zu begleichen, sofern er sie heiratet. Eines Tages lässt „Papa“ also Rutherford zu sich holen und macht ihm genau dieses Angebot.

Rutherford ist starr vor Schreck. Erstmal läuft er in die nächste Hafenkneipe, um sich zu betrinken. Neben ihm betrinkt sich gerade ein Schiffskoch namens Squibb. Der hat seinen letzten Tag an Land, bevor er auf die „Republic“ zurück kehrt. In der Nacht schleicht sich auch Rutherford auf das Schiff und versteckt sich unter den Segeln.

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  • Das Schiff

Die „Republic“ ist ein Sklaventransporter auf dem Weg nach Senegambia. Sie transportiert Heu, Whiskey und ein paar andere Sachen. In Senegambia wird der Kapitän (er heißt Ebenezer Falcon) die Fracht gegen 40 Sklaven, gute Felle, Elfenbein, Ochsen, Schafe, Ziegen, Bienenwachs und Gold tauschen. Ebenezer Falcon ist übrigens Kapitän aufgrund seiner Fähigkeit, Geldgeber auf zu treiben, nicht aufgrund seiner Fähigkeiten als Seemann.

  • Hinfahrt

Die Überfahrt ist ein großes Besäufnis. Zunächst von den anderen unbemerkt, gelingt es Rutherford, das Vertrauen des Kapitäns zu gewinnen. In seiner Kajüte entdeckt Rutherford Kisten, die alle möglichen Schätze aus fernen Ländern bergen. Er vermutet, dass der Kapitän eine Art „Dauerauftrag“ hat, seinen Geldgebern wertvolle Objekte mitzubringen, von denen sonst niemand wissen darf.

In Senegambia angekommen, wird das Schiff beladen. Anschließend geht es zurück. Die Stimmung an Bord ist schlecht.

  • Rückfahrt

Das Schiff gerät in einen gewaltigen Sturm. Zunächst wird das Schiff herumgewirbelt, dann taucht es in eine Rinne, die sich zwischen zwei Wellenbergen bildet, die Wellen türmen sich weiter auf, halten stand „als hätte Moses das Rote Meer geteilt“….Die Sonne blieb stehen…Mein Herz setzte aus“ (S. 105). Als die beiden Wellenberge über das Schiff hereinbrechen, spülen sie Menschen und Ladung ins Meer. In der folgenden Nacht beginnt die Mannschaft damit, eine Meuterei zu planen. Es kommt aber nicht dazu: Am Vorabend der geplanten Meuterei meutern statt dessen die Sklaven. Sie lynchen einen Teil der Besatzung. Nur der Kapitän wird eingesperrt, sowie 4 Mann der Besatzung, die sollen das Schiff über das Meer steuern.

  • Die Ökonomie

Falcon ist inzwischen dem Wahnsinn verfallen. Er eröffnet Rutherford, dass das Schiff von drei Geldgebern aus New Orleans finanziert wurde. Ein Baumwollpflanzer aus Georgia sowie 2 Spekulanten aus New Orleans, einer davon Papa Zeringue. Dann erschießt sich der Kapitän. Das Schiff wird eher ziellos in Richtung Karibik gesteuert. Unsachgemäßes Rumfummeln an einer der Bordkanonen führt zu einer gewaltigen Explosion. Das Schiff sinkt. Rutherford schnappt sich das Logbuch, findet sich ansonsten mit seinem Tod ab und wird doch noch – fast bewusstlos – an Bord eines anderen Schiffes gehoben. Der Kapitän des Schiffes stellt dem Geretteten den Eigner vor, der ebenfalls an Bord ist: „Papa Zeringue“.  Rutherford konnte das Logbuch der „Republic“ retten und trägt es immer noch bei sich. Damit erpresst er nun Papa.

  • Happy End

Mit dem Wissen aus dem Logbuch kauft er nun seinerseits Isadora frei, die Zeringue zur Ehe versprochen ist. Papa Zeringue windet sich. Er wußte angeblich nichts von den Sklaven. Er wollte eigentlich nur seine Geschäfte „diversifizieren“, Felle, Reis, Butter importieren, und hatte angeblich keine Ahnung davon, dass der Kapitän auch Sklaven an Bord nahm. Das Logbuch sagt was anderes. Rutherford beschließt, nach Süd-Illinois zurück zu kehren, dort eine Familie samt Farm zu gründen. Da kommt ihm Isadora gerade recht.

Papa lässt ihn und Isadora gehen, Rutherford adoptiert drei Kindersklaven, die das Schiffsunglück ebenfalls überlebt haben, und nimmt auch diese mit sich in sein neues Leben an Land.

  • Bemerkungen

Einerseits laviert der Roman zwischen Abenteuergeschichte und der umrahmenden Love Story hin und her. Andererseits handelt er davon, wie ein naiver Mann durch die Ereignisse auf See erwachsen wird und Verantwortung übernimmt. Etliche wundervolle Beschreibungen, oft voll humorvoller Ironie und manchmal bissig geschrieben machen das Buch zum Lesevergnügen.

Johnson schrieb noch eine Reihe weiterer Romane und Erzählungen. Meines Wissens ist „Die Überfahrt“ sein einziges Werk, das ins Deutsche übersetzt ist. Schade eigentlich.