Karte # 27: Eine Orientfahrt 1930 – „Unter der Sonne des Südens“ von Fritz Löwe

Heute geht es mal wieder um einen klassischen Reisebericht. Das Buch ist mir zuerst aufgefallen, weil es mir aus der Kiste giftgrün entgegenstrahlte und aufgrund seines Alters a priori interessant erschien. Der Copyright-Vermerk zeigt das Jahr 1930, das Buch hat 127 Seiten, HC im Format DIN A5. Es heißt „Unter der Sonne des Südens – Eine Mittelmeer- und Orientfahrt“. Der Autor heißt Fritz Löwe. Leider steht keine weitere Information über ihn im Buch. Zur gleichen Zeit forschte ein Meteorologe und Glaziologe gleichen Namens. Ich weiß leider nicht, ob die beiden identisch sind.

  • Das Setup

Gesellschaftsreisen auf See finden immer mehr Aufnahme in die Sortimente der Reisebüros und Kontore. So beschreibt der Autor abwechselnd das Leben an Bord und die ereignisreichen Landausflüge, die wohl organisiert sind. Es wird weder gesagt, wann die Reise genau statt fand, nicht einmal die Jahreszeit wird genannt und auch nicht der Name des Schiffes. Es handelt sich also um „irgendeine“ Reise, wie sie in dieser Zeit möglich war.

  • Übers Mittelmeer (Karte rauszoomen)

Die Fahrt beginnt in Neapel, der „ewig jungen Zauberin“, und führt nach Athen. Der erste Landausflug: Man fährt zur Akropolis, am nächsten Tag zum Archäologischen Nationalmuseum, Hadriansbogen, Olympieion, Dionysos-Theater. Dem schließt sich eine Stadtrundfahrt an. Beim Abendessen verplaudert man sich, und so muss ein Auto die Gesellschaft zum Hafen zurück fahren, „dass die Lappen flogen“. Das Schiff fährt weiter nach Konstantinopel mit kurzem Landausflug. Weiter nach Alexandria. Eine kurze Stadtrundfahrt und weiter nach Haifa. Dem Autor fällt die europäische moderne Bauweise der Stadt auf. Die Zuwanderung aus Deutschland hat auch die umliegende Landwirtschaft zur Blüte gebracht. Es beginnt der längste und eindrucksvollste Landausflug, der in mehreren Tagen durchs Heilige Land führt und anschließend weiter bis Ägypten.

  • Das Heilige Land (blaue Knöpfe)

Die Reisegruppe sitzt im Zug und fährt zunächst an der Küste entlang durch fruchtbares Land mit Orangengärten, Viehherden und Palmenhainen. Am Knotenpunkt Ludd zweigt die Bahn nach Jerusalem ab. Mit dem Auto geht es durchs Jaffator bis ins Hotel im arabischen Viertel.

Am nächsten Morgen fährt die Autokolonne am Rahelgrab vorbei nach Bethlehem, das mit 12000 Einwohnern auf zwei durch einen Sattel verbundenen Hügeln liegt. Die Autos halten auf dem großen Platz vor der Geburtskirche, die besichtigt wird. Zurück in Jerusalem stehen weitere Sehenswürdigkeiten an: Die Via Dolorosa, die Grabeskirche, die Klagemauer und die Omar-Moschee, deren Besichtigung ausführlich geschildert wird, einschließlich des Brandopferaltares im Innern.

Am nächsten Tag fährt die Gruppe mit dem Auto durch reiche Öl- und Feigenpflanzungen, später durch Steinwüste, bis nach Jericho und von dort zum Toten Meer. Die Umgebung ist ausgestorben, kein Baum, kein Strauch, kein Vogelgesang, kein Fisch. Es wird geschildert, dass Kaiser Titus Sklaven ins Meer warf, die in Ketten gefesselt waren. Ging nicht (also reinwerfen ging, aber untergehen ging nicht). Die Rückfahrt nach Jerusalem führt bergauf, an Kamelherden und Bergziegen vorbei, von freundlichen Beduinen gegrüßt. Am nächsten Tag setzt man sich in den Zug der ägyptisch-palästinensichen Bahn nach Kairo.

  • Ägypten (gelbe Knöpfe)

Hinter dem Knotenpunkt Ludd führt die Strecke zwischen Wüste und Meer nach El-Aris. Sandfelder und Sandwolken wechseln sich ab (wenn man das denn Abwechslung nennen kann). Die Fenster müssen geschlossen bleiben, damit kein Sand in die Waggons eindringt. Ventilatoren an den Decken der Waggons und ein unerschöpflicher Vorrat an Erfrischungsgetränken machen die Hitze erträglich. Es wird Abend. In grünen Oasen sieht man Lagerfeuer, an denen Beduinen sitzen, während ihre Schafherden an der Tränke sind. Wieder Kamelherden, ab und zu weiden Pferde. Am Suezkanal ist erstmal Endstation. Es wird Nacht. Man setzt nach El-Kantara über, wo es in einem anderen Zug weiter geht. Über Ismailia geht es nach Kairo.

Im Auto geht’s dann ins Heliopolis Palace Hotel. Es ist der erste große Maskenball Kairos mit einigen tausend Gästen. Das Fest – farbenprächtig, temperamentvoll und mehrseitig geschildert – lässt Kairo als eine außergewöhnlich mondäne und luxuriöse Stadt erscheinen.

Die nächsten Tage gehören den Monumenten: Alabastermoschee, Sergius-Kirche, die Königsmumien im ägyptischen Museum. Nächster Tag: Per Nildampfer zum Fellachendorf Bedachen. Auf dem Rücken von Eseln weiter zu den Pyramiden von Sakkara, der Granitstatue Ramses II, zu den Totenfeldern von Memphis, zur Mastaba des Ti, zur Gruft des Apisstiere und wieder per Schiff zurück.

Von der Hotelterrasse beobachtet der Autor das Alltagstreiben in Kairo: Vornehme Menschen führen Affen an der Leine spazieren. Schuhputzer lassen einen einmal ergriffenen Schuh nicht mehr los. Polizisten vertreiben die Schuhputzbengels. Nachts erwachen die Straßen „Charme-Wag“ und „El-Berka“ zum Leben. Hunderte von Bars mit lauter Musik, Kabarett an Kabarett. Musiker aus allen Ländern lärmen, und alle sind von reinem Vergnügungstaumel befallen. Barbiere haben die ganze Nacht geöffnet, In der „Pharmacie“ wird Parfum verkauft, die Bonbon-Buden quillen über, die Konditoreien ebenso. Alles farbenprächtig beschrieben im Kapitel „Die Geishastadt“.

Mit dem Zug fährt man dann über Tanta durch das immer breiter werdende Nildelta, bis man im Hafen von Alexandria wieder das Schiff besteigt. Ein letzter Ball an Bord, Fahrt durch die Straße von Messina, Neapel, Anker rasseln.

  • Bemerkungen

Bei den Landausflügen werden fast ausschließlich die Monumente geschildert und immer wieder betont, dass sie so daliegen, wie seit Jahrhunderten. Es erscheint dem modernen Leser nicht originell. Das ist aber auch vor dem Hintergrund der Zeit zu verstehen. In den 20er-Jahren wurde Reisen erstmals für eine breitere Schicht erschwinglich. So ist das Buch ausdrücklich als Werbung zu verstehen, sich auf eine solche Reise zu begeben. Es wird zwischen den Zeilen gesagt: „Das, was ihr aus Büchern kennt, steht tatsächlich seit Jahrhunderten so da. Fahrt hin und schaut es euch an.“  Dann hätte bestimmt jemand gefragt: „Ist das nicht gefährlich?“

Die Antwort des Buches ist: Auf Reisen fehlt es euch an nichts. Deswegen sind die Exkurse interessant, in denen das Leben an Bord geschildert wird, die organisatorischen Anstrengungen, einen Landausflug perfekt zu organisieren, das Kapitel über den Maschinenraum, die Beschreibungen der Schiffsküche, der Aufgaben des Schiffsarztes, der von modernster Technik profitiert.

„In der Bordfunkstelle“ herrschen Funkpeilung und Radio-Telephonie über die Launen der Naturgewalten. Es werden sogar Nachrichten – von Sport bis zu Börsenkursen – an Bord übermittelt. Und das Unwesen der Hochstapler und Schwindler wird durch schnelle Nachrichtenübermittlung empfindlich gestört.

Insgesamt gesehen ist das Buch eine Rarität und alleine schon deswegen was Besonderes.

http://www.eoas.info/biogs/P002202b.htm

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Karte # 23: Marrakesch 1954 – „Die Stimmen von Marrakesch“ von Elias Canetti

Elias Canetti begleitet im Jahre 1954 ein englisches Filmteam nach Marokko. In dieser Zeit entstand der literarische Reisebericht „Die Stimmen von Marrakesch“, der aber erst 1968 veröffentlicht wurde. Es sind 14 skizzenhafte Berichte über Orte und Menschen, denen Canetti in den Wochen seines Aufenthaltes begegnete. Ich habe die Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2004 mit 110 Seiten und ohne Vor- oder Nachwort.

Über die Dauer des Aufenthaltes oder den Film oder Canettis Rolle im Team erfährt man wenig. Es sind 15 Personen, darunter der englische „Hersteller“ des Films und ein Amerikaner, der eine Rolle spielt. Der Zeitpunkt der Reise lässt sich ein wenig eingrenzen. Während des Aufenthalts Canettis findet in einer Moschee in Marrakesch ein Attentat auf den Sultan statt. Dies war am 5.3.1954. Marokko war französisches Protektorat. Der Sultan war durch die französische Besatzungsmacht eingesetzt. Die politischen Verhältnisse sind jedoch nicht Gegenstand des Buches, sondern Orte und Menschen. Ich habe die Geschichten nach den Schauplätzen sortiert.

  • Djema El-Fna (5 Geschichten)

Der Djema El-Fna ist der zentrale und größte Platz von Marrakesch. Der Autor wohnt in einem Hotel in der Nähe. Tagsüber führen Akrobaten, Tänzer, Schlangenbeschwörer, Feueresser ihre Kunststücke auf. Erzähler unterhalten stundenlang ihre Zuhörer mit Geschichten. Schreiber sitzen an einem stilleren Teil des Platzes und verfassen Texte für Menschen, die sie alleine deswegen aufsuchen („Erzähler und Schreiber“). „Der Unsichtbare“, die letzte Geschichte der Sammlung, ist vielleicht die mystischste.

Man ist arabische Musik gewöhnt. Drei weitere Geschichten spielen nach Einbruch der Dunkelheit, wenn der Platz stiller wird. Die Bettler in Lumpen legen sich am Straßenrand zum Schlaf nieder. Acethylenlampen brennen, es riecht danach. Eines Abends erregt ein Mann mit einem ausgehungerten tanzenden Esel Aufsehen („Die Lust des Esels“). Ansonsten findet das Leben in den umliegenden Bars statt. Diese sind teuer, es wird europäische Musik gespielt („Scheherazade“). Schließlich gibt es eine Stelle an einem Ende des Platzes, an der abends Frauen Brote verkaufen. Ein Mann kauft einen Laib und verschwindet. Canetti beobachtet sie alle sehr genau und neugierig („Die Brotwahl“).

  • Mellah (2 Geschichten)

Die Mellah ist das jüdische Viertel. Am dritten Tag seines Aufenthaltes geht Canetti alleine dorthin. Er geht an kleinen Läden vorbei, in denen Stoffe verkauft werden. Dahinter befinden sich Läden mit allen möglichen anderen Dingen, von Gemüse bis Kohle. Dann – weiter im Innern des Viertels – gibt es einen Platz, auf dem es ärmer zugeht. Garküchen, ein einzelner Bettler, ein Händler, der lebende Hühner verkauft. Später findet Canetti eine Schule mit ca. 200 Kindern. Ein junger Mann bietet sich als Führer über den israelitischen Friedhof an. Am Ende des Rundgangs ein Bethaus, am Ausgang werden die beiden dann von unzähligen Bettlern bedrängt. Schließlich gibt Canetti dem Führer etwas Geld und der Rundgang ist zu Ende.

Die zweite Geschichte („Die Familie Dahan“) beginnt am nächsten Morgen. Canetti geht nochmals in die Mellah und möchte ein Haus von Innen besichtigen. Der Zufall führt ihn in das Haus der Familie Dahan, in dem am Tag zuvor eine Hochzeit gefeiert wurde. Die Menschen sind arm, dennoch laden sie Canetti ein. Ein junger Mann aus der Familie, Elie Dahan, besucht Canetti Tage später im Hotel. Er bittet darum, Briefe an den amerikanischen Kommandanten zu schreiben und um Arbeit für sich und seinen Bruder zu bitten. Schließlich stellt Elie seinen Vater vor, einen Uhrmacher mit einem kleinen Laden am Bab Agnaou. Canetti ist von dem alten Mann derart begeistert, dass er Elie Dahan keinen Wunsch mehr abschlägt.

  • Kutubiya (1 Geschichte)

Es ist ein Restaurant. Das ganze Filmteam isst dort regelmäßig. Das hat sich herum gesprochen. Also kommen immer wieder Bettelkinder. Der Wirt ist von ihnen genervt. Also erzählt er eines Tages, dass einige von ihnen für 50 Francs dafür einstehen, dass man „alles von ihnen haben konnte“. Es bleibt offen, ob die Geschichte stimmte, doch sie vor allen und im Beisein der Kinder zu erzählen, ließ den Wirt tiefer sinken, als es die Kinder jemals werden. („Die Verleumdung“)

  • Bab El-Khemis (1 Geschichte)

Hier beginnt das Buch. An diesem Tor in der Stadtmauer ist Kamelmarkt. Dreimal besucht Canetti den Kamelmarkt – immer zufällig beim Vorbeifahren. Einmal steht nur ein Kamel da, anstatt der erwarteten vielen. Einmal sind es 107 Kamele. Der Autor wird aus den Gedanken der Wüstenromantik gerissen und erfährt, dass sie auf dem Weg zum Schlachthof sind. Beim dritten Mal ist wieder ein einzelnes krankes Kamel da.

  • Ohne konkreten Ort (5 Geschichten)

In „Stille im Haus und Leere der Dächer“ steht der Autor auf einem Dach und lässt seinen den Blick in die Ferne schweifen. Dann aber muss er feststellen, dass auf dem Dach ganz spezielle Verhaltensregeln gelten, die unfreier machen als man auf der Straße ist. „Die Rufe der Blinden“ handelt von einer Gruppe Blinder. Jeder einzelne betet mit seiner eigenen Stimme, alle zusammen in einer eigenartigen Art von Gesang. „Der Speichel des Marabu“ führt die Geschichte weiter. Auch der Marabu ist ein Blinder, aber ein heiliger Mann. Er erhält eine Münze, kaut sie und spuckt sie wieder aus. Erst später erfährt Canetti, dass er das macht, um den Wert der Münze festzustellen.

„Die Frau am Gitter“ beschreibt eine Frau, die unverschleiert an einem vergitterten Fenster steht und spricht. Der Überraschung des Autors folgt die Ernüchterung, als er erfährt, dass sie „malade“ ist. , „Die Souks“ sind eine kleine Führung durch das Angebot und die Düfte der Märkte. Dem Leser wird auch die Technik des Feilschens näher gebracht.

  • Bemerkungen

Das Buch hat Spaß gemacht. Der Autor beobachtet genau. Er begnügt sich nicht damit, Gebäude oder die üblichen Attraktionen zu sehen. Er ist interessiert, zu verstehen, was hinter dem Gesehenen steckt. Er fragt und forscht immer weiter, auch auf eigene Faust, was ihn öfter in Konflikt mit den Sitten und Gebräuchen bringt. Auch wenn das Buch „Stimmen … “ heißt und viele Geschichten diese Stimmen zum Thema haben: Das andere Thema Canettis sind die Blicke der Menschen.

Die Blicke der verschleierten Brotverkäuferinnen, die Blicke der Händler in der Mellah, die Blicke der Bettler finden besondere Beachtung des Reisenden. Die Gründe sind vielfältig. Manchmal ist es Unsicherheit, manchmal ist es Verlegenheit, manchmal ist es die Faszination des Unbekannten. Es ist auch ein Ersatz für das Sprechen, wenn man einander ohnehin nicht verstehen würde.

  • Wie es weiter ging

Der Sultan dankt 1955 ab. Sein Nachfolger erklärt 1956 die Unabhängigkeit von Frankreich. Im gleichen Jahr dreht Alfred Hitchcock auf dem Djema el-Fna die Außenaufnahmen zu „The Man who Knew too Much“.  Elias Canetti erhält 1981 den Nobelpreis für Literatur.

http://www.marrakech.travel/de/html/homepage

http://en.wikipedia.org/wiki/Jemaa_el-Fnaa

http://en.wikipedia.org/wiki/Bab_Agnaou

http://en.wikipedia.org/wiki/Mellah

Karte # 16: Die Griechenland-Anleihe von 1825. Spurensuche in „Letzte Sommer“ von Trelawny

Letzte Sommer Bildausschnitt

In diesem Beitrag setzte ich meinen Artikel über das Buch „Letzte Sommer“ von Trelawny fort, diesmal mit wirtschaftsgeschichtlichem Schwerpunkt. Im ersten Teil fuhr der Autor nach Pisa, um Shelley und Lord Byron kennen zu lernen. Hier nun fährt er mit Lord Byron sowie einem englischen Unterhändler namens Hamilton Browne von Livorno aus nach Griechenland.

  • Über die Reise

Die Passage endet am 2. August 1823, als sie in Argostoli, dem Hafen von Kephalonia, vor Anker gehen. Es folgt ein kurzer Abstecher touristischer Art auf die Insel Ithaka. Trelawny und Browne betreten schließlich den Peloponnes in der Nähe des Dorfes Pyrgos. Gleich am nächsten Morgen ziehen sie weiter. Es geht zunächst nach Tripoliza, der Hauptstadt des Peloponnes. Das Land ist unfruchtbar. Von Zeit zu Zeit begegnen sie einigen Hirten, die auf dem kargen Land ihre Ziegen und Schafe weiden und mit der Hilfe von wilden Hunden bewachen. Nach einigen Tagen reisen sie weiter nach Argos. Die Gegend ist vom Krieg gezeichnet. Sie reiten durch die Schlucht von Dervenakia. Dort liegen die Skelette von Soldaten und Tieren eines ottomanischen Heeres, das im Herbst zuvor (also 1822) hier geschlagen wurde. Nach einem kurzen Aufenthalt in Korinth stzen sie nach Salamis über. Dort treffen sie die Anführer der wichtigsten Militärparteien, die sich gerade gegenseitig Verschwendung öffentlicher Gelder vorwerfen.

blaue Strecke: gemeinsame Reise Trelawnys mit Hamilton Browne

grüne Strecke: Trelawny mit Odysseus

rote Knöpfe: Lord Byrons Aufenthalt

Warum nahmen die Herren diese Strapazen auf sich? Eine allgemeine Zeitströmung des Philhellenismus animierte viele Europäer dazu, mit dem griechischen Freiheitskampf zu sympathisieren oder sich direkt zu engagieren. In England hatte sich auch ein Komitee zur Unterstützung der Griechen gegründet. Die Reise fand vor diesem Hintergrund zu verschiedenen Zwecken statt. Unter anderem hatten die Reisenden den Auftrag, einige griechische Verhandlungspartner zu Gesprächen über eine Anleihe nach London zu schicken. Byron war dafür vorgesehen, die Kontrolle über die Verteilung der Gelder zu erhalten. Byron stattete Trelawny mit Empfehlungsbriefen an die griechische Regierung aus, in denen er seine Dienste empfielht. Immerhin hat er bereits in Italien Kontakt zu Unterhändlern der griechischen Regierung geknüpft. Die griechische Kriegspartei stellte sich als unerwartet zerstritten heraus. Es gab die Nationalversammlung, einige Militärführer und Stammesführer, die aufeinander eifersüchtig waren.

Schließlich trennt sich Browne von Trelawny und fährt mit Unterhändlern der Regierung nach England zurück, um dort über eine Anleihe zu verhandeln.

Im Januar 1824 lebt Byron in Mesolongion, die Verhandlungen über die Anleihe stehen kurz vor dem Abschluss und einige Engländer sitzen mit den griechischen Unterhändlern in Athen zusammen. Während eines Botenritts erfährt Trelawny vom Tode Byrons. Zunächst recherchiert Trelawny die Umstände, die zu Byrons Tod führten. Die mehrseitige Schilderung findet zu dem Schluss, dass die Ursache eine Kombination aus Sumpffieber und inkompetenten Behandlungen war.

  • Über die Anleihe

Als die ersten Informationen über eine mögliche Anleihe durchsickern, können es einige Militärs nicht glauben. Immerhin birgt die Anleihe – sie hat einen Zinssatz von 5 % – hohe Risiken. Gläubiger ist kein Staat, keine Regierung, sondern eine Region, die einen Freiheitskampf gegen ihre Besatzer führt. Es gibt also keine Sicherheiten. Die allgemeine graecophile Stimmung führt zu Euphorie an der englischen Börse. Die erste Tranche von 1824 über 800.000 Pfund wird überzeichnet. Trelawny beschreibt, wie ein englisches Schiff  mit der ersten Rate von 40.000 Pfund an Bord in Griechenland ankommt. Es kommt zu Straßenschlachten mit Räuberbanden, die sich das Geld unter den Nagel reißen wollten. Der Tag endet in Tumulten. Die Regierung greift hart durch. Sie will die Anführer des Aufruhrs, sowie einige andere Stammesführer verhaften oder ermorden lassen, darunter auch ein gewisser Odysseus, der gleich noch eine Rolle spielt. Die zweite Konsequenz aus den Ereignissen ist , dass Griechenland „nur“ 240.000 Pfund direkt erhält. Der Rest wird in Kriegsmaterial geliefert.

Aufgrund der Überzeichnung kann 1825 eine zweite Tranche über 2,1 Millionen Pfund aufgelegt werden. Später beschreibt Trelawny, dass von der Anleihe fast nichts mehr übrig war. Erstmal nicht schlimm, denn mit aufgenommenem Geld sollte ja ein konkretes Vorhaben finanziert werden. Trelawnys Ärger rührt aber auch daher, dass einige Abgeordnete Geld aus der Anleihe unterschlagen haben.

Was aus der Anleihe wurde? Einmal noch habe ich eine Spur gefunden, in einem Börsenbericht aus dem Jahr 1830. Sie notierte schnell im Bereich von 20 Prozent. 1830 wurde bekannt, dass Prinz Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha zum König des neuen Griechenland werden sollte. Der Anleihekurs schoss auf über 41 Prozent. Später wurde die Anleihe fast wertlos. Zinsen wurden nie gezahlt. 1878 wollte Griechenland wieder auf dem Kapitalmarkt aktiv werden. Wie in solchen Fällen nicht unüblich wurde zunächst verlangt, dass die früheren Anleihen reguliert werden. Die Gläubiger zu wurden mit 31,6 % abgefunden.

Ein neuer Chart zu der Anleihe

Eine wissenschaftliche Arbeit über besagte Anleihen

Die Griechenland-Anleihe in einem Börsenbericht von 1830

  • Über Trelawny

Und Trelawny? Er schließt sich zunächst dem Freiheitskämpfer Odysseus an. Ein eingeschleuster Schotte versucht, Trelawny zu ermorden. Trelawny überlebt zwei Musketenkugeln in seinem Körper. Odysseus wird verhaftet und später am Fuße der Akropolis tot aufgefunden. Trelawny kehrt 1832 nach England zurück, schreibt hie und da Bücher, heiratet ein paar Mal, fährt nach Amerika, wo er den Niagara durchschwimmt und kehrt nach England zurück, wo er im Jahre 1881 89-jährig stirbt. Das Buch „Letzte Sommer“ ist als engagierter und unkonventioneller Reisebericht und als Zeitdokument empfehlenswert.

Karte # 14: Utah. Colorado. Wüste. Klapperschlangen. Kojoten. Barry Lopez

In den Beiträgen dieses Blogs habe ich schon die unterschiedlichsten Gegenden besprochen. Ein Buch, das in einer Wüste spielt, war noch nicht dabei. Diese Lücke möchte ich heute schließen. Das Buch heißt „In der Wüste. Am Fluß“ von Barry Lopez. Der Originaltitel lautet „Desert Notes. River Notes“ und passt besser zum Buch, weil er auch auf die eigenartige Form hinweist. Es sind kurze Geschichten, Miniaturen, Erzählungen, Ortsbeschreibungen, auch Fabeln sind darunter. Das Buch besteht aus zwei Blöcken, wie der Titel schon sagt. Alle Texte drehen sich um je eine Landschaft. Hier geht es nur um den Teil „Die Wüste.“

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  • Los geht’s

Ein Mann besteigt einen 58-er Chevy Pickup. Er fährt 278 Meilen in das Great Bassin. Es klingt nach Road Movie. Dann badet der Mann in einer heißen Quelle. Dann ißt er eine Schale Körnerflocken und fährt zurück. Aha, denke ich, das kann ja noch ’ne ziemlich kontemplative Kiste geben. Ich lese weiter.

  • Die Geographie

Ein anderer spezieller Teil der Wüste ist begrenzt durch die blauen Berge im Westen. Das ist nahe Monticello in Utah. Der Abajo Peak gehört dazu. Die roten Berge bilden die Grenze im Osten.  Sie liegen zwischen Ouray County und San Juan County im Südwesten von Colorado. Im Norden, wo es einige kleine Flussläufe gibt, Arroyos, werden die Berge weiß, während sie im Süden gelb flimmern.

Es gibt Dünen, weiß wie Gips. Das Licht ist so hell, dass es die Augen erblinden lassen kann. Nachts liegt der Wind in einer Rille und schläft. Beifußgestrüpp. Ab und zu Cottonwoods, die harzige Fäden in die Luft abgeben, mit denen Bienen ihre Waben festigen. Hat man gerade diese kraftvolle Beschreibung der Cottonwoods gelesen, dann holt einen die deutsche Bezeichnung „lindenblättriger Eibisch“ wieder aus der Illusion zurück. Eigenartig, welche Kraft – oder Mangel an Kraft – alleine ein Name vermitteln kann. In der Stille lassen sich die Schwingen des Adlers gegen die ansteigende Warmluft schlagen hören. Gewitter ziehen über die Berge hinauf in die Wüste, wo sie sich verflüchtigen.

  • Pause
  • Die Geschichten

Früher, vor Urzeiten, lebten hier Menschen. „Das Volk der blauen Hügel“ richtete sich in Felsenhöhlen ein. Vor Jahren fand man 173 Tote. Es ist ein Rätsel, wovon sie lebten und was sie hier, mitten in der Wüste, machten.

Der Erzähler beschreibt den Zerfall einer verlassenen Schule. Die Ameise, die ein Körnchen durch die Gegend trägt und von einem Windstoß weiter getragen wird. Er beobachtet eine Spinne, die ein Netz webt. Das Sonnenlicht prallt von dem Spinnennetz ab wie von einem Trampolin.

Die Wüste hat ihre eigenen Fabeln: Es gab früher Raben und Krähen. Die Raben haben die Krähen überlistet, sich an einem salzigen Wasserloch zu Tode zu trinken. Der Kojote und die Klapperschlange unterhalten sich über zwei Gottheiten, Akashita und Schisa. Sie erscheinen ihnen so mächtig, dass sie ihr Jagdverhalten nach ihnen richten. Eines Tages versteht der Kojote, dass die Gottheiten nur in seiner Einbildung Macht haben. Endlich befreit er sich von dem Zwang, Shisa folgen zu müssen.

Eine wunderschöne Geschichte erzählt von einem Teppich, den eine Navahofrau vor Jahrzehnten gegen Lebensmittel getauscht hat. Das war in Winslow, Arizona (grübel…das ist da, wo auch schonmal die Eagles an einer Straßenecke standen…grübel Ende). Nun sitzt der Erzähler auf dem Teppich, und er lauscht aus den Fäden des Teppichs die Geschichten der Wüste heraus.

  • Bemerkungen

Zuerst war ich enttäuscht, denn ich habe eine Erzählung erwartet. Aber einige der Texte entfalten eine eigenartige meditative Kraft. Die lakonische Sprache, die Fähigkeit, etwas zu sehen, wo scheinbar nichts ist, hinterlassen Eindruck. Die Wüste ist gar kein lebensfeindlicher Ort, sondern ein mythologischer Ort voller Faszination.

Es ist merkwürdig: Die Kartierung tut nichts zur Sache. Es ist ein Reisen von Irgendwo nach Irgendwo. Die Wüste fordert ein, völlig auf sich zurück geworfen zu werden. Zu warten. So heißt es: „Zweifelhaft ist auch die Wegbeschreibung… Wo es links heißt, mußt du manchmal rechts gehen. Lies manchmal Süd, wo Nord steht. Es hängt ein wenig davon ab, wo du herkommst, aber nicht unbedingt. Aber wenn Du Dein Bestes tust, wirst Du keine Probleme haben. Halte durch.“ Hab ich getan. Hat sich gelohnt.

Der zweite Block der Texte trägt den Titel „Am Fluss“. Aber nach der Wüste brauch ich erstmal Pause.

http://de.wikipedia.org/wiki/Lindenblättriger_Eibisch

http://de.wikipedia.org/wiki/Red_Mountain_Pass

http://en.wikipedia.org/wiki/Winslow,_Arizona

http://blog.cardomain.com/2009/08/10/cardomain-obscure-muscle-car-parking-lot-the-1955-to-58-chevrolet-cameo-pickup/

Karte # 12: 12 Mal „Am Mittelmeer“. Rafael Chirbes

Rafael Chirbes, ein spanischer Autor, in Valencia lebend, veröffentlichte „Mediterraneos“ im Jahr 1997 als Buch. Es sind Miniaturen, kurze Beschreibungen mediterraner Städte, die ursprünglich (1990 – 1996) für eine Zeitschrift verfasst wurden. Chirbes reist dem Buch „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Zeit Philipps II“ von Fernando Braudel nach. Die Texte wurden ins Deutsche übersetzt und erschienen in dem Band „Am Mittelmeer“. Die Städte werden auf 124 Seiten in der Kürze dargestellt, die ein Reisender  zwischen Ankommen und Weiterziehen erfassen kann. Jede Stadt oder Gegend lebt einen ganz speziellen Gegensatz aus. Die Überschriften der einzelnen Beiträge habe ich in die Landkarte eingefügt.

  • Los geht’s

Das Buch beginnt auf Kreta, dem „bis zur Decke lichtgefliesten Badezimmer Europas“. Es ist der Gegensatz zwischen der Antike, die ihren Reiz an die Besucher der vergangenen Jahrhunderte verschwendet hat, und dem modernen Suchenden, der keinen Eindruck festhalten kann. T-Shirts bedruckt mit 1000-jährigen Motiven sind ebenso zu sehen wie Ruinen, die sich schon zu sehr vergeudet haben.  Chirbes fährt von Chania aus zum Palast von Knossos, dann blumengesäumten Strassen weiter an den Strand. Der Autor gibt auch das Thema der Reportagen vor: Übersättigt vom vielen Umherreisen gilt es, den Augenblick zu wählen, den der Reisende von einem Ort in Erinnerung behalten wird. Das ist nicht einfach an einem Ort, dessen Ruinen nichts mehr hergeben, weil sie den Besuchern in über tausend Jahren schon alles gegeben haben.

Es geht weiter zu dem turbulenten Treiben auf dem Mercado Central in Valencia. Chirbes zitiert viel aus dem Werk von Blasco Ibanez „Arroz y Tartana“. Es herrscht „deftige Üppigkeit“, die man sich im Schatten von Reliquienschreinen nicht vorzustellen vermag.

Istanbul wird mit vielen historischen Einschüben beschrieben. Die Stadt war über Jahrtausende mal Weltmetropole und mal bedeutungslos. Heute sieht man die Paläste, Moscheen und Märkte aus allen Zeiten. Europa ist allgegenwärtig, den Asiatischen Teil sieht man mit einer Vertrautheit, die „man aus der Distanz der Bücher und Enzyklopädien geknüpft hat“.

Lyon liegt bekanntlich nicht am Mittelmeer. Aber es ist die erste Stadt des europäischen Nordens, wenn man von Süden her anreist, und die erste Stadt Südeuropas, wenn man von Norden kommt. Ein „expressionistisches Portrait des gemarterten Herzens“. Mit lautstarker Melancholie und starren Ritualen verkleidet sich die Stadt nach dem Geschmack desjenigen, der mit ihr zusammen trifft.

Es folgt ein Spaziergang durch die Museen Genuas. Deren äußere Prachtentfaltung korrespondiert mit deren Schätzen im Innern.

Venedig erlebt der Autor an einem Regentag. Die Stadt, in der alles zerfließt, wurde auf magische Weise eins mit dem Wasser. Ein fragiles Gleichgewicht zwischen Wasser und festem Weg entsteht, von dem übrigens schon Byron und Shelley fasziniert waren.

  • Pause

Zum Blick auf die Karte gibt es „nicht zu harten , nicht zu weichen Reis der Paella“ aus Denia, dazu „Wodka, mit einem Schuss Zitrone verfeinert“ aus einem russischen Lokal in Istanbul.

  • Weiter

Alexandria ist die Stadt mit zwei Häfen, dem des Mittelmeeres und dem ins Landesinnere führenden Nilhafen im Mareotis-See. (Wirklich? der See scheint nicht gerade schiffbar zu sein? – Anmerkung des Bloggers). Man sieht Reiterstandbilder, Basare, Märkte und Geschäfte. Die Stadt ist schon mehrmals gestorben.

Es folgt ein Beitrag, nicht über eine Stadt, sondern über einen ganzen Landstrich. Chirbes fährt die Ostküste Tunesiens runter von Monastir bis zur Insel Djerba. Er fährt durch trostlose Weite, in der Erde und Meer ineinander übergehen.

Denia, ein kleines Städtchen an der spanischen Mittelmeerküste, zwischen Valencia und Benidorm, ist die Heimat des Autors und so ist der Bericht voller persönlicher Reminiszenzen. Die Gegend ist „janusköpfig“ zwischen karger Ödnis und kirschbaumbewachsenen Bergterrassen. Außerdem durfte Denia ab und zu als Filmkulisse herhalten.

Der Artikel über Kairo heißt „Das Erbe der Welt“. Mir blieb unklar, weshalb. Die ganze Stadt ist ein Markt, eine riesige Auslage. Über eine Seite lang wird die Bestückung der Märkte beschrieben, mitsamt der Herkunftsregionen der Produkte. Der Reisende jedenfalls ist benommen von Keuchen der Lasttiere, die beladen sind mit allem, was die Ufer des Nils hergeben. Ansonsten ist alles in dieser Stadt grenzenlos, sie ist ein vielschichtiges Palimpsest. Der Artikel wurde 1994 geschrieben.

Schließlich geht es um Benidorm. Der Beitrag heißt „Vom Wohlfahrtsstaat“. Der Leser merkt auf. Die Überschrift lässt zur Abwechslung einen gesellschaftlichen Schwerpunkt vermuten. Tatsächlich ist Benidorm was Besonderes. Die einzige Stadt der Region, die zum Winter hin zum Leben erwacht, wenn Heerscharen von Rentnern und Rekonvaleszenten zum Überwintern vor Anker gehen. Die Kultur des Ortes ist von ihnen geprägt.

Zu guter Letzt führt der Weg nach Rom. Von der Antike über die Renaissance her kommend, lebt die Stadt bis heute von ihrer ruhenden und maßlosen Präsenz. Sie lebt also gerade nicht von dem, was sich verändert. Oder doch? Dem Autor fallen die großen Regisseure ein, und plötzlich beschreibt er eine moderne Stadt aus Fleisch und Blut, nicht aus Stein, in der die Erdtöne fröhlicheren Farben weichen.

  • Anmerkungen

Die einzelnen Berichte folgen einem Muster. Schnell entsteht der Eindruck, dass der Autor in jedem Text eine vertraute Struktur wiederholt. Das ganze Mittelmeer besteht aus Bauwerken, ganz vielen Märkten und etlichen Gegensätzen. Gegensätze zwischen alt und neu, turbulent und ruhend, riechend und lauschend. Chirbes schreibt über Alexandria: „Doch lehrt es, dass an den Ufern des Mittelmeeres die Trümmer Teil allen Überdauerns sind“. Diese Erkenntnis vermittelt das Buch für die gesamte Region. Der Autor beobachtet gut und beschreibt detailliert.

Leider verfasst Chirbes gerne endlos lange Sätze, die schwer zu lesen sind. Es ist kein Buch, um es auf die Schnelle durchzulesen. Dennoch ein gutes Begleitwerk zu aktuellen Reiseführern. Müsste ich eine Reise planen, und müsste ich mich alleine aufgrund dieses Buches entscheiden, dann wären Valencia und Lyon erste Wahl.

Karte # 11: Dschungel. Tropischer Regenwald. Wilde Tiere. Tiger besonders

Der Fluß Irawaddi durchzieht Birma von Norden nach Süden. Weit östlich davon fließt der Mekong, ebenfalls in südlicher Richtung. Er bildet die Grenze zwischen Laos und Thailand. Etwa in der Mitte, zwischen den beiden Strömen, spielt das Buch „Der Tiger von Xieng-Mai“ von Helmut Petri. Ich habe die Ausgabe von 1963 mit 102 Seiten und einigen sehr schönen Skizzen. Die Geschichte selbst bietet noch einige geographische Hinweise.

Titelbild Tiger

Ort der Handlung ist ein Dorf im Dschungel. Reisfelder werden mit Wasserbüffeln gepflügt. Mit Arbeitselefanten wird Teakholz abgebaut, was dem Dorf ein Einkommen sichert. Die nächste größere Stadt, Xieng-Mai, ist einen Tagesmarsch entfernt. Der Junge Phu Pong bekam einmal von einem weißen Arbeiter am Staudamm einen Kompass geschenkt. Damit dürfte der Mae Kuang Check Dam gemeint sein. Falls der Damm 1963 schon im Bau war, was ich nicht weiß. Man sieht das Kreuz des Südens am Nachthimmel, im Süden türmen sich jeden Vormittag Wolken auf, die nach Xiang-Mai ziehen und sich an den Hängen dort abregnen. Jeden Tag um die Mittagszeit rauscht also ein gewaltiger Regenschauer durch das Dorf.

Eindrucksvoll wird die Flora und Fauna des Dschungels vor dem Auge des Lesers entfaltet.

  • Das Setup

Die Hauptfigur ist der Junge Phu Pong. Er wohnt in besagtem Dorf. Es gibt – wie fast überall zwischen Pakistan und Laos – einen Dorftiger. Der Dorftiger geht niemals ins Dorf hinein, sondern er jagt nachts Wildschweine und Hirsche und schützt so die Ernte. Die Bewohner mögen den Dorftiger. Dieser hier jedoch dreht eines Tages durch.

  • Die Geschichte

Phu Pong bemerkt es als erster. Er pflügt mit dem Wasserbüffel das Reisfeld seines Vaters.

Wasserbüffel auf Reisfeld

Der Büffel wittert und dreht sich langsam im Kreis, die Hörner in Richtung Wald gerichtet. Nach einem der kräftigen Regenschauer entdecken die Dorfbewohner im Schlamm die Tatzenspuren des Tigers. Phu Pong besucht seinen Freund Lao Nam. Sie wandern einen Berg hinauf zu Teeplantagen. Plötzlich hören sie den Tiger und Sekunden später stehen sie ihm gegenüber. Er setzt zum Sprung an. Ein Gaur rettet ihnen das Leben, indem er den Tiger wegräumt.

Das Dorf schickt einen Boten nach Xieng-Mai, um dort einen Jäger zu bestellen. Phu Pong warnt den Marathera. Das ist der Dorfheilige, der stets unter einem Feigenbaum am Dorfrand sitzt und meditiert. In der folgenden Nacht schleicht der Tiger wieder durchs Dorf und verwundet Phu Pongs Vater. Phu Pong kann den Tiger mit einer Fackel blenden.

Als der Jäger nicht kommt, ist schnell klar, dass der Bote auch vom Tiger getötet wurde. Auch der Marathera scheint tot. Einige Bewohner wollen seinen Leichnam verbrennen. Zuvor jedoch erhebt er sich zum Erstaunen aller und geht wieder zurück zu seinem Feigenbaum.

Eines Tages verfolgt der Tiger Phu Pong wieder. Der flüchtet sich in die Arme des Maratheras. Der Tiger legt sich beiden vor die Füße. Der Junge bemerkt, dass der Marathera einmal pro Minute atmet. (Deswegen hielt man ihn für tot). Ein gewaltiger Sturm kommt auf. Der Tiger sucht sich ein sichereres Plätzchen. Der Junge muß mit ansehen, wie der Sturm den Feigenbaum samt Marathera hinweg hebt.

  • Pause

Es gibt Klebreis mit starkem Curry, so scharf, dass die Hunde nicht die Reste wegfressen (Die Leibspeise von Phu Pongs Eltern).

  • Weiter

Phu Pongs Vater stirbt an Wundbrand. Der Tiger sitzt jede Nacht im Dorf, vor Phu Pongs Haus, und heult eher als dass er faucht. Die Dorfbewohner zwingen den Jungen dazu, das Dorf zu verlassen. Seit Phu Pong den Tiger geblendet hat, lastet auf ihm (dem Jungen) ein Fluch, der das ganze Dorf zu erfassen droht. In der Nähe liegt ein Kloster mit Bettelmönchen. Phu Pong geht zunächst dorthin. Dann verläßt er das Kloster wieder. Er fühlt sich verpflichtet, etwas gegen den Tiger zu unternehmen. Er klettert auf einen Baum. Bald sitzt der Tiger am Fuße des Baumes und kratzt an der Rinde.

Python und Panther

Am nächsten Morgen sieht Phu Pong ein Pantherpärchen mit zwei Jungen. Panther kommen auch Bäume hoch. Er ist also in höchster Gefahr. Dann aber greift eine Python den Panther an. Ein gewaltiger Kampf entbrennt, den der Panther mit letzter Karft gewinnt. Eine andere Python kriecht auf Phu Pong zu. Runter klettern kann er nicht, weil da der Tiger wartet. Der Junge klettert in die Krone des Baumes und springt in die Krone eines anderen Baumes. Dann hangelt er sich weiter bis zu einem Abhang, wo er den Tiger zur Strecke bringen kann.

Der Junge kehrt in das Dorf zurück. Alle sind erleichtert.

  • Bemerkungen

Es ist ein Jugendbuch, und doch echter Thriller. Der Kampf zwischen Python und Panther wird alleine auf 6 Seiten geschildert. Und es wird viel über Land und Leute gesagt. 1963 ist es auch als Versuch zu sehen, dem Leser fremde Regionen näher zu bringen. So wird die Verletzung und später der Tod des Tigers nicht als heroische Tat gesehen, sondern als Tat, mit der dem Tier Leid zugefügt wurde, obgleich es doch auch leben wollte. Anderes würde man heute so nicht mehr schreiben. Die Häuser sind „sauber und ordentlich wie Häuser des niederländischen Flachlandes“. Im Gegensatz zu den Häusern in Birma, die „unsauber sind wie die Misthaufen auf einem schwäbischen Bauernhof“. Der Büffel hört auf Phu Pong „wie eine Rakete auf die gefunkten Impulse“. Alles in allem ein spannendes Buch. Und ein gutes Buch über Initiative und Eigenverantwortung.

Hier was über das typisch thailändische Haus

Karten # 9 & # 10: 1822 – Pisa ohne schiefen Turm

Das nächste Buch ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein Leckerbissen. Die Handlung wurde durch den Besuch einer Buchhandlung ausgelöst. Es ist autobiographisch. Der Autor Edward John Trelawny steht nicht mal im deutschen Wikipedia. Er schrieb „Recollections of the Last Days of Shelley and Byron“, das 1858 erstmals in England erschien. Meine Taschenbuchausgabe trägt den Titel „Letzte Sommer“ und ist von 1998.

  • Das Setup

Edward John Trelawny ist lebenslustiger Engländer und mit einem Privateinkommen ausgestattet, das ihm Reisen auf den Kontinent ermöglicht. Es ist das Frühjahr 1821. In Lausanne besucht er regelmäßig eine Buchhandlung. Der Buchhändler schwärmt von einem jungen englischen Dichter namens Percy Bysshe Shelley. Wochen später in Genf begegnet Trelawny einem Vetter Shelleys. Durch einen weiteren Bekannten, Williams, kommt schließlich der Kontakt mit Shelley zustande. Eine weite Reise durch Europa führt Trelawny schließlich 1822 nach Pisa. (Anmerkung – es ist die gleiche Zeit, zu der in Russland Puschkins „Dubrowski“ zum Räuber wird)

  • Die Geschichte

Gleich am Tag seiner Ankunft in Pisa begibt sich Trelawny in die Tre Palazzi. Dort wohnen Shelley und Williams, der Freund aus Genfer Tagen, mit ihren Frauen. Als er den knabenhaft wirkenden Shelley zum ersten Mal trifft, kann er nicht glauben, dass dieser Jüngling Schriften verfasste, wegen deren „antichristlichem Inhalt“ er gemieden wird wie die „pestilenzische Krankheit“. Shelley ist ein Energiebündel und kennt nur drei Aktivitäten, er liest, schreibt oder schläft. Alles drei macht er auch gerne am Wasser. Dann ist er unauffindbar, woran sich aber alle schnell gewöhnt haben.

Am nächsten Tag gehen Shelley und Trelawny zu Lord Byron, der mit großer Equipage ebenfalls in Pisa lebt. Zu dritt reiten sie aus, vespern Wein und Kuchen, ballern mit Pistolen auf Münzen und Rohre und reiten wieder zurück. Überhaupt sind sie oft zu Pferde unterwegs. Schwimmen geht nicht, zum Leidwesen Trelawnys. Der war nämlich bei der Marine und ist ein leidenschaftlicher Schwimmer. Byrons Beine neigen zu Krämpfen und Zuckungen. Shelley kann gar nicht schwimmen. Byron hat außerdem Angst davor, dick zu werden und hungert viel. Byron ist misstrauisch gegenüber jedem und in Gesellschaft unausstehlich. Andererseits gilt er als unbedacht, sorglos und durch einen  frischen Geist leicht zu beeinflussen.

Shelley und Trelawny reiten nach Livorno, um Geschäfte zu erledigen. Sie unterhalten sich über Philosophie und Literatur. Trelawny vertritt den Standpunkt, dass die Vernunft und mit ihr die Wissenschaft die Erkenntnis zu neuen Höhen führen wird. Shelley hingegen hält die Vernunft für „von den Priestern verschüttet.“ Nur die kultivierte List und die Leidenschaften gewinnen die Oberhand.

Aus reiner Neugier gehen die beiden in Livorno zuerst an Bord eines griechischen Schiffes und anschließend an Bord eine amerikanischen Schiffes. Sie vergleichen die Schiffe und mit ihnen die Charaktere der beiden Völker in einem höchst unterhaltsamen Dialog.

Auf dem Rückritt (sagt man so?) beschließen die beiden, eine kleine Kolonie in der Bucht von La Spezia zu gründen. Es gelingt, die Herren Williams und Byron dafür zu begeistern. Williams kommt gleich mit, Byron bleibt jedoch in Pisa und will später nachkommen. Diese Zögerlichkeit wird ihm das Leben retten.

  • Pause

Zum Blick auf die Karte gibt es Cafe au Lait. Trelawny schätzt ihn bei seinen regelmäßigen Frühstücksgesprächen am Genfer See.

  • Weiter

In La Spezia beziehen sie einen kleinen verlassenen Palast, die Villa Magna. Sie geben den Bau zweier Boote in Auftrag. Die „Don Juan“ ist früher fertig und gehört Williams, die „Bolivar“ gehört Byron. Beide Schiffe werden mit Personal bestückt, die Herren Engländer schippern also nicht selbst.

Eines Tages wird Besuch aus Genua erwartet. Shelley möchte mit dem Schiff auslaufen, um Fische für das Gastmahl zu fangen. Er kehrt zurück, nackt und durchnässt und durchquert die Räume, wo der Besuch mit empörter Miene hinguckt. Die Episode veranschaulicht, wie unkonventionell sich Shelley stets verhielt.

Am 8. Juli 1822 fahren alle Mann mit beiden Schiffen nach Livorno. Schlechtes Wetter zieht auf. Die „Bolivar“ mit Trelawny an Bord wird von der Hafenpolizei angehalten und wegen fehlender Papiere am Auslaufen gehindert. Als das Gewitter verzogen ist, fehlt die „Don Juan“. Drei Tage später werden die Leichen von Shelley und Williams am Strand gefunden. Sie werden notdürftig im Sand vergraben, damit sie nicht weiter verwesen. Im August wurde werden sie dann im Beisein von diversen italienischen Beamten verbrannt. Der erforderliche Papierkram wie auch der Vorgang des Ausgrabens und Verbrennens wird sehr genau beobachtet und mit vielen physischen – und auf den Leser morbide wirkenden – Details geschildert.

Die späteren Untersuchungen des Schiffswracks ergeben, dass das Schiff von einer Feluke gerammt worden sein muss. Ein noch späterer Briefwechsel kommt zu dem Schluss, dass dies absichtlich geschah.

  • Anmerkungen

Dramatisch in der Handlung, tiefsinnig in der Dialogführung. Das Buch ist alles andere als ein Reisebericht, obgleich es Trelawnys Hobby war, durch Europa zu reisen. Sein Interesse galt einzig den beiden Dichtern. Deswegen tauchen die allgemeinen Sehenswürdigkeiten Pisas nicht auf. Das Buch ist ein eher Psychogramm und gibt einen kurzen Überblick über den Zeitgeist, der von der romantischen Dichtung geprägt war. Auch in England. Die Fortsetzung des Buches führt Byron und Trelawny nach Griechenland, wo sie am Freiheitskampf teilnehmen. Shelleys Witwe übrigens machte später noch auf sich aufmerksam. Sie ist die Autorin des Romans „Frankenstein“.

http://en.wikipedia.org/wiki/Edward_John_Trelawney

http://www.rc.umd.edu/reference/misc/shelleysites/italy/gulfofspezia/gulfofspezia.html

http://www.rc.umd.edu/reference/misc/shelleysites/italy/pisa/pisa.html