Antwerpen – Toulouse – Cadiz und dann raus aufs Meer bis Dakar: Das Totenschiff

Das Totenschiff CoverDer Roman „Das Totenschiff“ von dem geheimnisumwitterten Schriftsteller B. Traven hat 227 Seiten. Das Buch spielt im Jahr 1926 und handelt in drei Teilen von den sehr speziellen Erlebnissen des amerikanischen Matrosen Gales. Er ist der Ich-Erzähler und hat im Buch keinen Vornamen.Teil 1 spielt an Land.

Gales hat auf dem Frachter „Tuscaloosa“ angeheuert. Ein Landgang in Antwerpen, eine Hafenhure, und schwupps: Er versäumt das Auslaufen seines Schiffes. Ohne Papiere, Geld und Gepäck beginnt für ihn eine Odyssee durch Europa. Die fehlenden Papiere sorgen dafür, dass er überall als Staatenloser angesehen wird. Folglich wird er aus jedem Land in das nächste abgeschoben. Die Polizei Antwerpens zeigt ihm, wie er nach Rotterdam kommt, die niederländische Polizei setzt ihn in einen Zug nach Paris, der dortige amerikanische Konsul glaubt ihm seine Geschichte nicht. Gales muss mit dem Zug weiter über Limoges nach Toulouse. Dort wird er wegen „Eisenbahnbetruges“ (so hieß wohl Schwarzfahren früher) verhaftet. Da er mitbekommen hat, dass Amerikaner schlecht angesehen sind, gibt er sich als Deutscher aus. Er sitzt seine Strafe ab und zieht weiter. Eine Bauernfamilie gibt ihm Unterschlupf. Es entstehen amüsante Dialoge. So muss er seinen Gastgebern in Frankreich einmal von Deutschland erzählen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er sagt, er sei aus Südfalen, „da, wo die Hochöfen sind, in denen Königsberger Klopse geschmolzen werden“. Später will er weiter nach Spanien. Kurz vor der Grenze wird er einer französischen Festungsbesatzung inhaftiert und zum Tode verurteilt.

Er wird von einem französischen Offizier verhört. Seiner Schlagfertigkeit verdankt er es, dass er nach Spanien abgeschoben wird. Gales wird aufgegriffen und mit einer Menge Wein und Käse wieder aufgepäppelt. Von Barcelona aus fährt er später kurz nach Marseille, weil er dachte, dass dort amerikanische Schiffe liegen. Dem war aber nicht so. Enttäuscht geht er wieder zurück nach Spanien, wo er faulenzend zwischen Cadiz und Sevilla pendelt.

Beim Angeln („Angeln ist gelebte Philosophie“) bemerkt er ein altes Schiff, die „Yorikke“. Sie schrammt am Kai entlang. Sie wurde schon häufig umbenannt und umgeflaggt. Die Mannschaft ist schlecht ernährt. Der Kapitän „ein Esel. Die Yorikke war viel intelligenter als ihr Kapitän.“ Die Mannschaft entdeckt Gales und überredet ihn, mitzufahren. Nach Liverpool.

Ende Teil 1

Teil 2 spielt auf See an Bord der „Yorikke“.

Die Fahrt auf der „Yorikke“ beginnt konfliktreich. Gales gibt sich nun nicht mehr als Deutscher aus, sondern als Ägypter. Gales nennt sich nun Pippip, wird als Kohlenzieher eingeteilt, erfährt, dass das Schiff nicht nach Liverpool fährt, zumindest nicht jetzt, und Heuer bekommt er erstmal auch nicht. Der Kohlenzieher – er wird auch Kohlenschlepp genannt – muss dem Heizer die Kohle bringen. Mit den Kohlen hält der Heizer die neun Feuer im Schiff auf Flamme. Die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich, 12-Stunden-Schichten als Kohlenzieher, direkt anschließend 4 Stunden Wache und wieder eine lange Schicht als Kohlenzieher. Die Körper der Matrosen sind gezeichnet, die Arme voller Brandwunden, Hautfetzen hängen herab. Die Matrosen waschen sich mit Asche und Sand. Mehrere Kapitel lang beschreibt Traven, wie sein Körper immer mehr zerschunden wird. Er beobachtet seine Kollegen bei ihrer Arbeit, an der sie langsam zerbrechen. Einige sind bereits Toten gleich.

Die „Yorikke“ legt in Marokko an, sie wird mit Kisten voll Pflaumenmus beladen. Gales öffnet eine Kiste und stellt fest, dass in den Musgläsern Munition versteckt ist. Nach und nach findet er heraus, dass das Schiff zum Waffenschmuggel dient. Er freundet sich mit seinem Kohlenzieher-Kollegen an. Stanislaw Koslowski ist in Posen geboren, dann jahrzehntelang auf Schiffen gefahren. Nach dem Weltkrieg wurde Posen polnisch, jedoch hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, zu „optieren“, also aus freien Stücken die deutsche Staatsangehörigkeit zu behalten. Stanislaw war zu dieser Zeit auf See. Als er später einen Pass haben möchte, bekommt er von den deutschen Behörden keinen, da er in ihren Augen Pole ist, von den polnischen Behörden keinen, da er in deren Augen  Deutscher ist. Auf einer deutschen Behörde bekommt er schließlich einen Pass als „Staatenloser“. Damit kann er auf keinem guten Schiff anheuern, da er hierfür eine Staatsangehörigkeit benötigt. Also kam er auf die „Yorikke“. Auf ihr fahren viele Seeleute ohne Pass, die für alle Länder als Tote gelten, und deren Tod niemand bemerken oder betrauern würde. Sie können in keinem Hafen abmustern, denn dazu wären Papiere nötig, die ein Heimatland ausweisen. Das weiß auch der Skipper und enthält den Seeleuten die Heuer vor.

Das Schiff fährt weiter nach Tripolis und dann nach Dakar, wo die Mannschaft tatsächlich an Land gehen darf.

Ende Teil 2

Der kurze Teil 3 spielt an Bord der „Empress of Madagascar“

Stanislaw und Gales wollen auf der „Empress of Madagascar“ anheuern, weil sie neu aussieht. Sie erkundigen sich auf anderen Schiffen nach ihr und schnell wird klar, dass das Schiff für einen Versicherungsbetrug benutzt werden soll. Damit wird den beiden klar, dass sie doch besser  nicht auf die „Empress“ gehen. Sie werden jedoch „shanghait“ und landen als Heizer auf dem Schiff. Nach kurzer Zeit läuft die „Empress“ auf ein Riff auf. Teile der Mannschaft – besonders die Offiziere – gehen in die Rettungsboote, ein anderer Teil bleibt an Deck. Eine große Welle reißt die „Empress“ vom Riff los. Stanislaw beginnt zu halluzinieren und springt ins Meer, wo er ertrinkt. Gales gehört zu den wenigen, die gerettet werden.

Ende Teil 3

Teil 1 ist amüsant und satirisch geschrieben, Teil 2 ist dramatischer und tragischer. Er stellt die Grausamkeit des Schiffes anschaulich dar, die schrecklichen Arbeitsbedingungen, Betrug, aber auch Freundschaft. Wie schon erwähnt, spielt die Handlung im Jahre 1926, der vergangene Erste Weltkrieg ist allgegenwärtig. Die Inflation wird ebenso thematisiert wie die Bildung der Nationalstaaten, die das Phänomen der Staatenlosigkeit nach sich zog. In dem kurzen Teil 3 sinkt das Schiff in einer bildhaften und dramatischen Schilderung.

Eine interessante Fußnote des damaligen Zeitgeistes sind die Anmerkungen Gales‘ über Spanien. Er erlebt dort zum ersten Mal in seinem Leben eine riesige Demonstration. Ursache war der Wunsch der Regierung, ein neues Meldegesetz einzuführen. Der Roman ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur, reicht jedoch weit darüber hinaus. Er ist von politischen und sozialkritischen Noten durchsetzt, die stimmig in die Handlung und die Personen eingebaut wurden.

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Gestrandet. Überleben in North Kimberley

Bertram Cover„Flug in die Hölle“ von Hans Bertram hat 219 Seiten. Ich habe die Ausgabe mit dem „farbigen Schutzumschlag“. Vor einem feuerroten Himmel stürzt ein einmotoriges Flugzeug, nach links geneigt, in einer Abwärtsbewegung einer schwarzen Silhouette am Boden zu. Die Pinselstriche an den Tragflächen zeugen von der Geschwindigkeit, mit der sich die Maschine senkt. So dramatisch wie das Cover ist das ganze Buch. Es handelt von einer wahren Geschichte.

Der Autor wollte ursprünglich mit seinem Wasserflugzeug in mehreren Etappen um die Erde fliegen. Er startete mit seinem Begleiter Klausmann von Bira aus – das liegt auf Sulawesi -mit dem Ziel Port Darwin in Nordaustralien. Als er während des Nachtfluges die Orientierung verliert und das Benzin knapp wird, wassert er in einer Bucht. Er vermutet, in Melville Island angekommen zu sein, und so gehen die beiden nach Westen, wo sie die Hafenstadt Port Cockburn vermuten. Die Mücken sind von Anfang eine eine höllische Qual, später kommen die Hitze und der Durst dazu. Sie basteln sich aus Benzin, Watte und einem Magneten ein Feuerzeug. Als sie eine kleine Bucht durchschwimmen, fliehen sie in Panik vor Krokodilen. Dabei verlieren sie ihr Gepäck. Die Tabakdose darin wird später zu ihrem Auffinden führen. Ohne Gepäck gehen sie zurück zum Flugzeug und bauen einen Schwimmer des Wasserflugzeugs zu einem Segelboot um. Damit fahren die beiden die Küste entlang. Später gehen sie an Land weiter.

Nachdem sie mehrere Tage marschiert sind, steigt Bertram auf einen Hügel, um sich zu orientieren. Er bemerkt, dass er nicht auf einer Insel ist, sondern in der Provinz Kimberley, deren einzige Siedlung Wyndham 200 Meilen östlich liegt. Also wieder in die andere Richtung laufen, wieder mit dem Boot zurück, das Boot ist zu schwach für den Wellengang. Sie stranden an einer Höhle am Cape Bernier, in der sie Trinkwasser zur Verfügung haben. Dort werden sie von einem Eingeborenen entdeckt. Ein System von Rauchzeichen signalisiert seinen Stammesgenossen, dass er die beiden Flieger gefunden hat. Ein Eingeborener hatte der Drysdale River Missionsstation die gefundene Tabakdose übergeben. Daraus schlossen die Missionare, dass Bertram und Klausmann noch leben, denn die Dose wurde in einem Gebiet gefunden, indem keine Suchaktionen statt fanden. Die Flieger waren für tot erklärt worden, weil niemand damit rechnete, dass sie so weit nach Südwesten fliegen würden.

Eine großartige spannende Erzählung über das Überleben und darüber, niemals aufzugeben. Manches Leiden, wie das unter Durst und Hitze, lassen sich nur erahnen. Die Kreativität, mit der Bertram und Klausmann immer wieder nach neuen Ideen suchen, voran zu kommen, macht das Buch ebenso lesenswert, wie der ständige Kampf gegen Enttäuschungen, wenn sie übersehen werden oder zurück müssen, weil der Weg nicht weiter führt. Eindrucksvoll sind die Stellen, wo das Überleben in der Wildnis einen besonderen Erfindungsreichtum erzwingt, wie die ständige Suche nach Wasser, oder wenn die beiden mit einer Eisensäge den Schwimmer des Wasserflugzeuges zu einem Boot umbauen. Besondere Beachtung schenkt Bertram seinen Zahnschmeren, die er sich von Klausmann mit Hilfe einer Sicherheitsnadel weg operieren läßt. Die „einfache und sichere Behandlung“ empfiehlt er weiter. Schön ist auch auch das erste Fest mit den Eingeborenen,  wo diese ein erlegtes Känguruh zerlegen und zubereiten.

Bis zum Ende von Teil 1, der den Titel „Ein Kampf in dreiundfünfzig Tagen“ trägt, verschlingt der Leser das Buch mit seinen vielen Wendungen zwischen Hoffen und Verzwiflung, zwischen Angst und Durchhalten, und blättert immer weiter, bis die Rettung da ist. Zum Ende wird die zarte Freundschaft zwischen Bertram und den Eingeborenen erzählt, und so kommt der Leser von der Spannung wieder runter. Im zweiten Teil „Richtung Heimat“ holt Bertram im September 1932 sein gestrandetes Flugzeug ab und fliegt nach Hause, wo er im Sommer 1933 ankommt. Nachdem er in Wynsdale einen sensationslüsternen Reporter kennen gelernt hat, beschließt Bertram zunächst, über die Abenteuer zu schweigen. Später jedoch schreibt er seine Ereignisse dennoch nieder, weil er Werbung für die Anerkennung der Eingeborenen machen möchte.

Zurecht ein Klassiker.