Die Middle Passage 1830. „Die Überfahrt“ von Charles Johnson

Charles Johnson (geb. 1948) ist ein amerikanischer Karikaturist und Schriftsteller. 1990 schrieb er den Roman „Middle Passage“. Im gleichen Jahr erhielt er den National Book Award.

Die Übersetzung von Martin Hielscher heißt „Die Überfahrt“. Suhrkamp TB, 255 Seiten. Es ist übrigens eine wundervolle Übersetzung, denn das Buch steckt voller Spott, Ironie und Humor, die der Übersetzer ins Deutsche transportiert hat.

  • In einem Satz

Mann flieht vor Frau und Gläubigern auf ein Segelschiff.

  • Die Middle Passage

Die Middle Passage ist eine Schiffsroute zwischen der Karibik und Afrika. Über 200 Jahre lang wurde sie von Schiffen befahren, die Sklaven aus Afrika in die Karibik verfrachteten. Die Segler nutzten die Süd-Ost-Passatwinde, um vor allem in den Sommermonaten zügig den Atlantik zu überqueren.

Das Buch spielt im Sommer des Jahres 1830. Der Handel mit Sklaven ist in der Neuen Welt verboten. Jedoch nicht die Sklaverei selbst. Und so fahren immer noch Schiffe auf der Middle Passage hin und her und transportieren Sklaven, die sie nun in die Neue Welt einschmuggeln.

  • wie geht’s los

Die Hauptfigur des Buches ist der schwarze Gelegenheitsarbeiter Rutherford Calhoun. Er lebt in Makanda im Süden von Illinois. Dort rückt ihm eine schwarze Lehrerin namens Isadora derart auf die Pelle, dass es ihm zuviel wird. Rutherford flieht nach New Orleans. In New Orleans schlägt er sich als Tagedieb durch und häuft in kurzer Zeit eine Menge Schulden an. Sein Hauptgläubiger ist ein Mann namens „Papa Zeringue“. „Papa“ ist die schwarze Unterweltgröße der Stadt und hat seine Finger in so ziemlich allen legalen und illegalen Geschäften.

Inzwischen hat Isadora ihren Geliebten bis nach New Orleans gestalkt, „Papa“ aufgesucht und vorgeschlagen, Rutherfords Schulden zu begleichen, sofern er sie heiratet. Eines Tages lässt „Papa“ also Rutherford zu sich holen und macht ihm genau dieses Angebot.

Rutherford ist starr vor Schreck. Erstmal läuft er in die nächste Hafenkneipe, um sich zu betrinken. Neben ihm betrinkt sich gerade ein Schiffskoch namens Squibb. Der hat seinen letzten Tag an Land, bevor er auf die „Republic“ zurück kehrt. In der Nacht schleicht sich auch Rutherford auf das Schiff und versteckt sich unter den Segeln.

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  • Das Schiff

Die „Republic“ ist ein Sklaventransporter auf dem Weg nach Senegambia. Sie transportiert Heu, Whiskey und ein paar andere Sachen. In Senegambia wird der Kapitän (er heißt Ebenezer Falcon) die Fracht gegen 40 Sklaven, gute Felle, Elfenbein, Ochsen, Schafe, Ziegen, Bienenwachs und Gold tauschen. Ebenezer Falcon ist übrigens Kapitän aufgrund seiner Fähigkeit, Geldgeber auf zu treiben, nicht aufgrund seiner Fähigkeiten als Seemann.

  • Hinfahrt

Die Überfahrt ist ein großes Besäufnis. Zunächst von den anderen unbemerkt, gelingt es Rutherford, das Vertrauen des Kapitäns zu gewinnen. In seiner Kajüte entdeckt Rutherford Kisten, die alle möglichen Schätze aus fernen Ländern bergen. Er vermutet, dass der Kapitän eine Art „Dauerauftrag“ hat, seinen Geldgebern wertvolle Objekte mitzubringen, von denen sonst niemand wissen darf.

In Senegambia angekommen, wird das Schiff beladen. Anschließend geht es zurück. Die Stimmung an Bord ist schlecht.

  • Rückfahrt

Das Schiff gerät in einen gewaltigen Sturm. Zunächst wird das Schiff herumgewirbelt, dann taucht es in eine Rinne, die sich zwischen zwei Wellenbergen bildet, die Wellen türmen sich weiter auf, halten stand „als hätte Moses das Rote Meer geteilt“….Die Sonne blieb stehen…Mein Herz setzte aus“ (S. 105). Als die beiden Wellenberge über das Schiff hereinbrechen, spülen sie Menschen und Ladung ins Meer. In der folgenden Nacht beginnt die Mannschaft damit, eine Meuterei zu planen. Es kommt aber nicht dazu: Am Vorabend der geplanten Meuterei meutern statt dessen die Sklaven. Sie lynchen einen Teil der Besatzung. Nur der Kapitän wird eingesperrt, sowie 4 Mann der Besatzung, die sollen das Schiff über das Meer steuern.

  • Die Ökonomie

Falcon ist inzwischen dem Wahnsinn verfallen. Er eröffnet Rutherford, dass das Schiff von drei Geldgebern aus New Orleans finanziert wurde. Ein Baumwollpflanzer aus Georgia sowie 2 Spekulanten aus New Orleans, einer davon Papa Zeringue. Dann erschießt sich der Kapitän. Das Schiff wird eher ziellos in Richtung Karibik gesteuert. Unsachgemäßes Rumfummeln an einer der Bordkanonen führt zu einer gewaltigen Explosion. Das Schiff sinkt. Rutherford schnappt sich das Logbuch, findet sich ansonsten mit seinem Tod ab und wird doch noch – fast bewusstlos – an Bord eines anderen Schiffes gehoben. Der Kapitän des Schiffes stellt dem Geretteten den Eigner vor, der ebenfalls an Bord ist: „Papa Zeringue“.  Rutherford konnte das Logbuch der „Republic“ retten und trägt es immer noch bei sich. Damit erpresst er nun Papa.

  • Happy End

Mit dem Wissen aus dem Logbuch kauft er nun seinerseits Isadora frei, die Zeringue zur Ehe versprochen ist. Papa Zeringue windet sich. Er wußte angeblich nichts von den Sklaven. Er wollte eigentlich nur seine Geschäfte „diversifizieren“, Felle, Reis, Butter importieren, und hatte angeblich keine Ahnung davon, dass der Kapitän auch Sklaven an Bord nahm. Das Logbuch sagt was anderes. Rutherford beschließt, nach Süd-Illinois zurück zu kehren, dort eine Familie samt Farm zu gründen. Da kommt ihm Isadora gerade recht.

Papa lässt ihn und Isadora gehen, Rutherford adoptiert drei Kindersklaven, die das Schiffsunglück ebenfalls überlebt haben, und nimmt auch diese mit sich in sein neues Leben an Land.

  • Bemerkungen

Einerseits laviert der Roman zwischen Abenteuergeschichte und der umrahmenden Love Story hin und her. Andererseits handelt er davon, wie ein naiver Mann durch die Ereignisse auf See erwachsen wird und Verantwortung übernimmt. Etliche wundervolle Beschreibungen, oft voll humorvoller Ironie und manchmal bissig geschrieben machen das Buch zum Lesevergnügen.

Johnson schrieb noch eine Reihe weiterer Romane und Erzählungen. Meines Wissens ist „Die Überfahrt“ sein einziges Werk, das ins Deutsche übersetzt ist. Schade eigentlich.

 

Karte 67: Mit Pionieren im Abitibi-Land: „Harricana“ von Bernard Clavel

Bernard Clavel (1923 – 2010) war ein französischer Autor von Abenteuerromanen. Ein Buch aus seiner Reihe „Les Royaumes du Nord“ heißt „Harricana“. Der Harricana ist ein Fluss, der durch Quebec und Ontario nach Norden fließt und in die Hudson Bay mündet. Mit dem Originaltitel ist auch schnell der geographische Bezug gesetzt.

Die deutsche Übersetzung von Barbara und Silke Evers aus dem Jahr 1988 trägt den Titel „Wo der Ahorn Früchte trägt“. Etwas unglücklich, denn um Ahorn geht es nicht.

Ziemlich genau auf halber Strecke zwischen den großen Seen an der Grenze zwischen USA und Kanada und der Hudson Bay liegt der Tamiskamingsee. An seinen Ufern wurde 1879 Weizen entdeckt und seither auf den fruchtbaren Hangterrassen des Sees angebaut. Die Helden des Buches hätten die Gelegenheit gehabt, dort zu siedeln. Sie tun es nicht, sondern ziehen weiter.

Die Helden des Buches sind die Robillards, eine Großfamilie, zwei Ehepaare und ihre Kinder. Dreimal schon zogen sie um, um innerhalb Kanadas ihr Glück zu machen. Sie haben gehört, dass eine Eisenbahn von Westen nach Osten gebaut wird. Auf ihrer Strecke muss sie auch den Harricana überqueren. Die Robillards verknüpfen mit diesen Informationen die Hoffnung, dass an der Brücke eine neue Stadt entsteht, wo sie „ihren Traum von einer sicheren Existenz verwirklichen“ wollen (S. 151). Sie planen in der noch entstehenden Stadt einen „Gemischtwarenladen“. Autor und Leser begleiten die Robillards genau ein Jahr lang. Die Geschichte spielt in einem ungenannten Jahr zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Reise:

Sie beginnen ihre Reise im September in der Nähe des Tamiskamingsees. Von dort geht es zunächst zu Fuß auf einem kleinen Weg entlang des Riviere des Quinze. Der heißt so, weil er fünfzehn Stromschnellen hat. Nach ein paar Meilen warten einige Indianer mit ihren Lastenkanus. Die Robillards verladen ihre Habe und fahren los: Zunächst flussaufwärts in den Lac des Quinzes. Dann in den nördlichen Teil des Lac Expanse, wo der Ottawa-Fluß in den See mündet. Sie fahren den Ottawa weiter flussaufwärts. Am Zusammenfluss des Ottawa mit dem Kinojevis streckt sich der Ottawa nach Westen. Die Robillards wollen nach Norden und fahren den Kinojevis hinauf.

Nach 10 Meilen verlassen sie den Fluß, gehen über einen Hügel zu einem kleinen See, dann weiter zum Lac Vaudray. Dann kommen die ersten Flüsse, die nach Norden in die Abitibi-Ebene fließen. (Abitibi bedeutet in der Sprache der Algonkin-Indianer „Grenzwasser“). Unsere Reisenden erreichen den Kakake-Fluss, ziehen weiter zum Kewagama-See und am Seal’s Home See vorbei. Irgendwann liegt der Harricana vor ihnen, der mit seinen tonhaltigen Fluten in einem großen Bogen durch Ontario hindurch der Hudson Bay zustrebt.

Die Geschichte der Siedlung an der Brücke

Zwei Brückenbauingenieure empfangen die Robillards. Es entsteht schnell eine enge Freundschaft, vor allen Dingen, weil alle der Familie Robillards sehr geschickte Handwerker sind. Catherine Robillard wäscht den Bauarbeitern ihre Hemden, bessert sie aus, und bald entsteht auch ein Handel mit Kleidern. Die Ware kommt meist per Ochsenkarren aus Cochrane.

Der strenge Winter nimmt den Robillards ihren Sohn.  Die Tragödie festigt die Freundschaften im Dorf noch mehr.

Der Nachfrage folgend werden die Robillards dann noch Schuhmacher und Korbflechter. Stück für Stück entsteht ein Ort um die Brücke herum. Häuser werden gebaut, ein Bahnhof, eine Kirche. Und der Gemischtwarenladen der Robillards floriert. Der folgende Sommer hat es in sich. Die Eisenbahnlinie wird fertig. Von Osten wie von Westen (von Quebec und von Cochrane kommend) nähern sich Bautrupps der Brücke. Und schließlich vereinen sie die beiden Streckenteile an der Brücke. Ein gewaltiges Fest wird gefeiert, täglich fahren zwei Züge über die Brücke und durch den Ort. Die Bautrupps wie auch die Feierlichkeiten sind gut für’s Geschäft der Robillards, die langsam zu bescheidenem Reichtum kommen. Die Ware kommt jetzt per Güterwaggon aus Cochrane.

Eines Tages wird der Ort und auch die Brücke durch ein Feuer zerstört. Einige Bewohner werden Opfer der Flammen, darunter auch Alban Robillard, das Familienoberhaupt. Viele der Arbeiter ziehen weiter zu der nächsten Baustelle. Die Robillards beschließen, am Ort zu bleiben.

Noch einmal zur Geographie

Das Buch reist einmal durch die Jahreszeiten. Die Reise beginnt im September mit seinen Stürmen, für die sich glitzernde Nächte mit bleischwarzen abwechselten. „Goldfarben stieg das Licht zum violetten Horizont auf“ (S. 80)

Dann die Zeit, wo „Wasser und Land zu einem gewaltigen Panzer zusammen gewachsen waren, den der Winter geschmiedet hatte“ (166). Nirgends ist der Winter so hart wie hier, es herrschten bis zu  minus 60 Grad Celsius. Zuweilen hörte man das Bersten und Krachen von Bäumen.

Aber kein Winter dauert ewig, Eines Tages im Februar hörte man, wie das Eis auf den Flüssen mit ohrenbetäubendem Lärm zerbarst. Packeis mit „jadegrünen Bruchstellen“ bedeckte den Fluss. Das Frühjahr zieht herauf, in dem Schwärme von Mücken die Arbeiter, Elche und Karibus bei ihren Verrichtungen behindern. Und schließlich der Sommer, in dem ein glühende Hitze tagelang windlos über dem Wald liegt.

Bemerkungen

Negativ:

Die Robillards kommen quasi aus dem Nichts. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn da nicht die saloppe Bemerkung des Autors wäre, dass sie zum vierten Mal umsiedeln. Der Leser erfährt nicht mehr darüber. Schade, denn die Gründe für die vielen Umzüge können auch einiges über den Charakter der Leute aussagen. Außerdem schreibt Clavel manchmal zu sehr im „Schlaumeiermodus“. Beim Anblick der Natur reflektiert der Autor (nicht etwa eine Romanfigur) öfter mal deren Jahrmillionen alte Geschichte.

Positiv:
Clavel gelingen immer wieder atemberaubende Naturbeschreibungen. Egal, ob Sommer oder Winter, ob am Fluß oder im Wald. Er beobachtet sehr genau den Himmel, und man erfährt vieles über die Windverhältnisse in Kanada, über Wolken und Vögel. Dramatisch ist die Szene, in der eine Elchherde an der Lagerstelle vorüberzieht. Das Buch ist immer dann stark, wenn die Handlung aus der kleinen Welt der Robillards und ihren Sehnsüchten heraus weiter geführt wird.

Sven Hedin – Wildes Heiliges Tibet

Sven Hedins Berichte über seine Reisen nach Asien sind Klassiker. Meine Neugier war entsprechend groß, als mir die Kisten das Buch „Wildes heiliges Tibet“ zugelost haben. Es ist ein Reclamband mit 76 Seiten. Bisher habe ich auch aus editorischer Sicht recht gute Erfahrungen mit den Reclamheften gemacht. Also erstmal nach dem Vorwort geblättert- da ist nichts. Der Text von Sven Hedin beginnt, der Text hört auf, und mehr ist einfach nicht zwischen den Buchdeckeln. Aus editorischer Sicht enttäuschend. (Dass Reclam das besser machen kann, haben sie bei Tolstoi und Cicero gezeigt)

Dafür aber sind Zeichnungen des Verfassers abgedruckt. Charakterköpfe, dramatische Reiterszenen und beeindruckende Gebäudeskizzen wechseln sich ab.

  • Aufbruch nach Tibet (blaue Strecke)

Der Text selbst beginnt mit einem kurzen historischen Abriss bisheriger  Tibetreisen, besonders von Przewalski (der mit dem gleichnamigen Pferd). Die besprochene Exkursion beginnt dann im August 1896. Hedin muss den Text – oder zumindest den Anfang – ca. 1928 verfasst haben, denn er verweist auf das Rätsel von Lob-Nor, das erst dann gelöst wurde.

Jetzt aber: Esel, Pferde und Kamele gesattelt, und los geht es. Von Kashgar aus – dort war Hedin schon auf früheren Reisen – zieht man erstmal nach Khotan. Die Karawane besteht zunächst aus 54 Tieren, dazu kommen 17 einheimische Helfer, sowie zwei Vertraute, besonders Islam Baj. Der ist Karawanenführer, also sowas wie der Organisationsleiter des Trupps. Hedin selbst reitet am Ende, macht Zeichnungen, sammelt Gestein, und schreibt. Dann geht es von West nach Ost am Nordrand Tibets entlang.

Die Gegend ist unwirtlich. Bereits seit August sind Flüsse und Seen zugefroren, es leben wenige Menschen dort, und man begegnet Antilopen und wilden Yakherden. Zwischen dem Gebirge Arka-Tag im Süden und Wüste im Norden reiten sie durch Gegenden mit stachligem Gebüsch und Tamariskensteppen. Sandstürme bei Temperaturen von – 20 Grad und mehr machen das ganze sehr ungemütlich, abends sitzt man am Feuer und trinkt Tee und gegorene Stutenmilch. Die wenigen Menschen der Gegend sind leicht in zwei Gruppen zu teilen: Nomadenhirten und Räuberbanden. Sich gegen die Banden zu schützen oder wehren, nimmt denn auch einen größeren Raum in der Erzählung ein.

In einem Dorf irgendwo in der Steppe benötigt die Karawane neue Tiere, die Karawane ist auf 7 Tiere geschrumpft. Wie, das erfährt man nicht. Wenn man bedenkt, dass der Verlust von Tieren in solch einer Gegend dramatische Konsequenzen haben kann, denkt sich der Leser, dass da ein Textstück fehlt.

Weiter dann zum Kuku-Nor, dem schwarzen See, dem größten See Chinas, auf 3000 Metern Höhe. Hedin erzählt eine Geschichte, die er von Nomaden gehört hat. In der Mitte des Sees würden einige Mönche in völliger Abgeschiedenheit leben. Sie würden nur Vorräte bekommen, wenn Abgesandte anderer Klöster im Winter übers den gefrorenen See zu ihnen pilgerten.

  • Taschilhunpo (roter Knopf)

Ein neues Kapitel beginnt in Taschi-Lunpo. Es ist der 11. Februar. Der Leser denkt zunächst, es sei die Fortsetzung dessen, was bis dahin geschrieben ist. Taschi-Lunpo ist eine Klosterstadt. Aus allen Gegenden Tibets haben sich Menschen zum Neujahrsfest versammelt. Es wird 15 Tage dauern. Buntes Treiben herrscht, Festtagsstimmung. Zum ersten Mal nimmt ein Europäer an dem Fest teil. Während des Festes bekommt Hedin auch die Möglichkeit, den Taschi-Lama zu besuchen.

Das Gespräch dreht sich um große Politik. Der Lama möchte alles über Rußland, England und andere Mächte wissen. Es war ist die Zeit dessen, was gerne „The Great Game“ heißt. Da ging es um die Frage, wie die beiden Reiche ihre asiatischen Interessen abgrenzen.

Dann besucht Hedin einige prachtvolle Mausoleen der früheren Lamas. Gleich mehrmals vergleicht er dann die Rolle des Lama direkt mit der des Kirchenstaates, speziell in der Kombination von weltlicher und geistlicher Herrschaft bestehen Gemeinsamkeiten. Am Ende folgen noch das Kapitel „Seltsame Klöster“ und ein kurzer Abschnitt, der sich um das Begräbnis eines eingemauerten Mönches dreht.

  • Bemerkungen

Ich fand das Buch halbherzig, was keinesfalls am Autor, sondern an Reclam liegt. Der Leser denkt sich, dass zeitlich etwas nicht zusammen passt. Entweder wurden in dem Reclamband völlig unabhängige Texte zusammen gefasst, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, von Tibet zu handeln. Oder Hedin hat in den späten 20er Jahren seine „Best of Tibets“ geschrieben. Ein  Vorwort hätte dem Buch gut getan. Ich hätte mir auch noch mehr über die wissenschaftliche Arbeit gewünscht.

Trotzdem: Ich habe das Buch verschlungen, es ist spannend, dramatisch und flott geschrieben. Hedins Berichte sind und bleiben Klassiker. Es gibt sicher bibliophile oder kommentierte Ausgaben, die den Leser besser informieren.

Przewalski

.. und das Pferd dazu

„Das Totenschiff“ von B. Traven

Das Totenschiff Cover

Den Beitrag über „Das Totenschiff“ habe ich vor knapp einem Jahr veröffentlicht. Nun gibt es zu diesem sehr lesenswerten Buch auch die Karte.








Das Totenschiff
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StepMap Das Totenschiff



Der Roman „Das Totenschiff“ des geheimnisumwitterten Schriftstellers B. Traven hat 227 Seiten. Das Buch spielt im Jahr 1926 und handelt in drei Teilen von den sehr speziellen Erlebnissen des amerikanischen Matrosen Gales. Er ist der Ich-Erzähler und hat im Buch keinen Vornamen.

  • Teil 1 spielt an Land.

Gales hat auf dem Frachter „Tuscaloosa“ angeheuert. Ein Landgang in Antwerpen, eine Hafenhure, und schwupps: Er versäumt das Auslaufen seines Schiffes. Ohne Papiere, Geld und Gepäck beginnt für ihn eine Odyssee durch Europa. Die fehlenden Papiere sorgen dafür, dass er überall als Staatenloser angesehen wird. Folglich wird er aus jedem Land in das nächste abgeschoben. Die Polizei Antwerpens zeigt ihm, wie er nach Rotterdam kommt, die niederländische Polizei setzt ihn in einen Zug nach Paris, der dortige amerikanische Konsul glaubt ihm seine Geschichte nicht. Gales muss mit dem Zug weiter über Limoges nach Toulouse. Dort wird er wegen „Eisenbahnbetruges“ (so hieß wohl Schwarzfahren früher) verhaftet. Da er mitbekommen hat, dass Amerikaner schlecht angesehen sind, gibt er sich als Deutscher aus. Er sitzt seine Strafe ab und zieht weiter. Eine Bauernfamilie gibt ihm Unterschlupf. Es entstehen amüsante Dialoge. So muss er seinen Gastgebern in Frankreich einmal von Deutschland erzählen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er sagt, er sei aus Südfalen, „da, wo die Hochöfen sind, in denen Königsberger Klopse geschmolzen werden“. Später will er weiter nach Spanien. Kurz vor der Grenze wird er einer französischen Festungsbesatzung inhaftiert und zum Tode verurteilt.

Er wird von einem französischen Offizier verhört. Seiner Schlagfertigkeit verdankt er es, dass er nach Spanien abgeschoben wird. Gales wird aufgegriffen und mit einer Menge Wein und Käse wieder aufgepäppelt. Von Barcelona aus fährt er später kurz nach Marseille, weil er dachte, dass dort amerikanische Schiffe liegen. Dem war aber nicht so. Enttäuscht geht er wieder zurück nach Spanien, wo er faulenzend zwischen Cadiz und Sevilla pendelt.

Während er nun im Hafen von Cadiz beim Angeln sitzt („Angeln ist gelebte Philosophie“), bemerkt er ein altes Schiff, die „Yorikke“. Sie schrammt am Kai entlang. Sie wurde schon häufig umbenannt und umgeflaggt. Die Mannschaft ist schlecht ernährt. Der Kapitän „ein Esel. Die Yorikke war viel intelligenter als ihr Kapitän.“ Die Mannschaft entdeckt Gales und überredet ihn, mitzufahren. Nach Liverpool.

Ende Teil 1

  • Teil 2 spielt auf See an Bord der „Yorikke“

Die Fahrt auf der „Yorikke“ beginnt konfliktreich. Gales gibt sich nun nicht mehr als Deutscher aus, sondern als Ägypter. Gales nennt sich nun Pippip, wird als Kohlenzieher eingeteilt, erfährt, dass das Schiff nicht nach Liverpool fährt, zumindest nicht jetzt, und Heuer bekommt er erstmal auch nicht. Der Kohlenzieher – er wird auch Kohlenschlepp genannt – muss dem Heizer die Kohle bringen. Mit den Kohlen hält der Heizer die neun Feuer im Schiff auf Flamme. Die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich, 12-Stunden-Schichten als Kohlenzieher, direkt anschließend 4 Stunden Wache und wieder eine lange Schicht als Kohlenzieher. Die Körper der Matrosen sind gezeichnet, die Arme voller Brandwunden, Hautfetzen hängen herab. Die Matrosen waschen sich mit Asche und Sand. Mehrere Kapitel lang beschreibt Traven, wie sein Körper immer mehr zerschunden wird. Er beobachtet seine Kollegen bei ihrer Arbeit, an der sie langsam zerbrechen. Einige sind bereits Toten gleich.

Die „Yorikke“ legt in Marokko an, sie wird mit Kisten voll Pflaumenmus beladen. Gales öffnet eine Kiste und stellt fest, dass in den Musgläsern Munition versteckt ist. Nach und nach findet er heraus, dass das Schiff zum Waffenschmuggel dient. Er freundet sich mit seinem Kohlenzieher-Kollegen an. Stanislaw Koslowski ist in Posen geboren, dann jahrzehntelang auf Schiffen gefahren. Nach dem Weltkrieg wurde Posen polnisch, jedoch hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, zu „optieren“, also aus freien Stücken die deutsche Staatsangehörigkeit zu behalten. Stanislaw war zu dieser Zeit auf See. Als er später einen Pass haben möchte, bekommt er von den deutschen Behörden keinen, da er in ihren Augen Pole ist, von den polnischen Behörden keinen, da er in deren Augen  Deutscher ist. Auf einer deutschen Behörde bekommt er schließlich einen Pass als „Staatenloser“. Damit kann er auf keinem guten Schiff anheuern, da er hierfür eine Staatsangehörigkeit benötigt. Also kam er auf die „Yorikke“. Auf ihr fahren viele Seeleute ohne Pass, die für alle Länder als Tote gelten, und deren Tod niemand bemerken oder betrauern würde. Sie können in keinem Hafen abmustern, denn dazu wären Papiere nötig, die ein Heimatland ausweisen. Das weiß auch der Skipper und enthält den Seeleuten die Heuer vor.

Das Schiff fährt weiter nach Tripolis und dann nach Dakar, wo die Mannschaft tatsächlich an Land gehen darf.

Ende Teil 2

  • Der kurze Teil 3 spielt an Bord der „Empress of Madagascar“

Stanislaw und Gales wollen auf der „Empress of Madagascar“ anheuern, weil sie neu aussieht. Sie erkundigen sich auf anderen Schiffen nach ihr und schnell wird klar, dass das Schiff für einen Versicherungsbetrug benutzt werden soll. Damit wird den beiden klar, dass sie doch besser  nicht auf die „Empress“ gehen. Sie werden jedoch „shanghait“ und landen als Heizer auf dem Schiff. Nach kurzer Zeit läuft die „Empress“ auf ein Riff auf. Teile der Mannschaft – besonders die Offiziere – gehen in die Rettungsboote, ein anderer Teil bleibt an Deck. Eine große Welle reißt die „Empress“ vom Riff los. Stanislaw beginnt zu halluzinieren und springt ins Meer, wo er ertrinkt. Gales gehört zu den wenigen, die gerettet werden.

  • Bemerkungen

Teil 1 ist amüsant und satirisch geschrieben, Teil 2 ist dramatischer und tragischer. Er stellt die Grausamkeit des Schiffes anschaulich dar, die schrecklichen Arbeitsbedingungen, Betrug, aber auch Freundschaft. Wie schon erwähnt, spielt die Handlung im Jahre 1926, der vergangene Erste Weltkrieg ist allgegenwärtig. Die Inflation wird ebenso thematisiert wie die Bildung der Nationalstaaten, die das Phänomen der Staatenlosigkeit nach sich zog. In dem kurzen Teil 3 sinkt das Schiff in einer bildhaften und dramatischen Schilderung.

Eine interessante Fußnote des damaligen Zeitgeistes sind die Anmerkungen Gales‘ über Spanien. Er erlebt dort zum ersten Mal in seinem Leben eine riesige Demonstration. Ursache war der Wunsch der Regierung, ein neues Meldegesetz einzuführen. Der Roman ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur, reicht jedoch weit darüber hinaus. Er ist von politischen und sozialkritischen Noten durchsetzt, die stimmig in die Handlung und die Personen eingebaut wurden.

Karte # 11: Dschungel. Tropischer Regenwald. Wilde Tiere. Tiger besonders

Der Fluß Irawaddi durchzieht Birma von Norden nach Süden. Weit östlich davon fließt der Mekong, ebenfalls in südlicher Richtung. Er bildet die Grenze zwischen Laos und Thailand. Etwa in der Mitte, zwischen den beiden Strömen, spielt das Buch „Der Tiger von Xieng-Mai“ von Helmut Petri. Ich habe die Ausgabe von 1963 mit 102 Seiten und einigen sehr schönen Skizzen. Die Geschichte selbst bietet noch einige geographische Hinweise.

Titelbild Tiger

Ort der Handlung ist ein Dorf im Dschungel. Reisfelder werden mit Wasserbüffeln gepflügt. Mit Arbeitselefanten wird Teakholz abgebaut, was dem Dorf ein Einkommen sichert. Die nächste größere Stadt, Xieng-Mai, ist einen Tagesmarsch entfernt. Der Junge Phu Pong bekam einmal von einem weißen Arbeiter am Staudamm einen Kompass geschenkt. Damit dürfte der Mae Kuang Check Dam gemeint sein. Falls der Damm 1963 schon im Bau war, was ich nicht weiß. Man sieht das Kreuz des Südens am Nachthimmel, im Süden türmen sich jeden Vormittag Wolken auf, die nach Xiang-Mai ziehen und sich an den Hängen dort abregnen. Jeden Tag um die Mittagszeit rauscht also ein gewaltiger Regenschauer durch das Dorf.

Eindrucksvoll wird die Flora und Fauna des Dschungels vor dem Auge des Lesers entfaltet.

  • Das Setup

Die Hauptfigur ist der Junge Phu Pong. Er wohnt in besagtem Dorf. Es gibt – wie fast überall zwischen Pakistan und Laos – einen Dorftiger. Der Dorftiger geht niemals ins Dorf hinein, sondern er jagt nachts Wildschweine und Hirsche und schützt so die Ernte. Die Bewohner mögen den Dorftiger. Dieser hier jedoch dreht eines Tages durch.

  • Die Geschichte

Phu Pong bemerkt es als erster. Er pflügt mit dem Wasserbüffel das Reisfeld seines Vaters.

Wasserbüffel auf Reisfeld

Der Büffel wittert und dreht sich langsam im Kreis, die Hörner in Richtung Wald gerichtet. Nach einem der kräftigen Regenschauer entdecken die Dorfbewohner im Schlamm die Tatzenspuren des Tigers. Phu Pong besucht seinen Freund Lao Nam. Sie wandern einen Berg hinauf zu Teeplantagen. Plötzlich hören sie den Tiger und Sekunden später stehen sie ihm gegenüber. Er setzt zum Sprung an. Ein Gaur rettet ihnen das Leben, indem er den Tiger wegräumt.

Das Dorf schickt einen Boten nach Xieng-Mai, um dort einen Jäger zu bestellen. Phu Pong warnt den Marathera. Das ist der Dorfheilige, der stets unter einem Feigenbaum am Dorfrand sitzt und meditiert. In der folgenden Nacht schleicht der Tiger wieder durchs Dorf und verwundet Phu Pongs Vater. Phu Pong kann den Tiger mit einer Fackel blenden.

Als der Jäger nicht kommt, ist schnell klar, dass der Bote auch vom Tiger getötet wurde. Auch der Marathera scheint tot. Einige Bewohner wollen seinen Leichnam verbrennen. Zuvor jedoch erhebt er sich zum Erstaunen aller und geht wieder zurück zu seinem Feigenbaum.

Eines Tages verfolgt der Tiger Phu Pong wieder. Der flüchtet sich in die Arme des Maratheras. Der Tiger legt sich beiden vor die Füße. Der Junge bemerkt, dass der Marathera einmal pro Minute atmet. (Deswegen hielt man ihn für tot). Ein gewaltiger Sturm kommt auf. Der Tiger sucht sich ein sichereres Plätzchen. Der Junge muß mit ansehen, wie der Sturm den Feigenbaum samt Marathera hinweg hebt.

  • Pause

Es gibt Klebreis mit starkem Curry, so scharf, dass die Hunde nicht die Reste wegfressen (Die Leibspeise von Phu Pongs Eltern).

  • Weiter

Phu Pongs Vater stirbt an Wundbrand. Der Tiger sitzt jede Nacht im Dorf, vor Phu Pongs Haus, und heult eher als dass er faucht. Die Dorfbewohner zwingen den Jungen dazu, das Dorf zu verlassen. Seit Phu Pong den Tiger geblendet hat, lastet auf ihm (dem Jungen) ein Fluch, der das ganze Dorf zu erfassen droht. In der Nähe liegt ein Kloster mit Bettelmönchen. Phu Pong geht zunächst dorthin. Dann verläßt er das Kloster wieder. Er fühlt sich verpflichtet, etwas gegen den Tiger zu unternehmen. Er klettert auf einen Baum. Bald sitzt der Tiger am Fuße des Baumes und kratzt an der Rinde.

Python und Panther

Am nächsten Morgen sieht Phu Pong ein Pantherpärchen mit zwei Jungen. Panther kommen auch Bäume hoch. Er ist also in höchster Gefahr. Dann aber greift eine Python den Panther an. Ein gewaltiger Kampf entbrennt, den der Panther mit letzter Karft gewinnt. Eine andere Python kriecht auf Phu Pong zu. Runter klettern kann er nicht, weil da der Tiger wartet. Der Junge klettert in die Krone des Baumes und springt in die Krone eines anderen Baumes. Dann hangelt er sich weiter bis zu einem Abhang, wo er den Tiger zur Strecke bringen kann.

Der Junge kehrt in das Dorf zurück. Alle sind erleichtert.

  • Bemerkungen

Es ist ein Jugendbuch, und doch echter Thriller. Der Kampf zwischen Python und Panther wird alleine auf 6 Seiten geschildert. Und es wird viel über Land und Leute gesagt. 1963 ist es auch als Versuch zu sehen, dem Leser fremde Regionen näher zu bringen. So wird die Verletzung und später der Tod des Tigers nicht als heroische Tat gesehen, sondern als Tat, mit der dem Tier Leid zugefügt wurde, obgleich es doch auch leben wollte. Anderes würde man heute so nicht mehr schreiben. Die Häuser sind „sauber und ordentlich wie Häuser des niederländischen Flachlandes“. Im Gegensatz zu den Häusern in Birma, die „unsauber sind wie die Misthaufen auf einem schwäbischen Bauernhof“. Der Büffel hört auf Phu Pong „wie eine Rakete auf die gefunkten Impulse“. Alles in allem ein spannendes Buch. Und ein gutes Buch über Initiative und Eigenverantwortung.

Hier was über das typisch thailändische Haus

Karten # 9 & # 10: 1822 – Pisa ohne schiefen Turm

Das nächste Buch ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein Leckerbissen. Die Handlung wurde durch den Besuch einer Buchhandlung ausgelöst. Es ist autobiographisch. Der Autor Edward John Trelawny steht nicht mal im deutschen Wikipedia. Er schrieb „Recollections of the Last Days of Shelley and Byron“, das 1858 erstmals in England erschien. Meine Taschenbuchausgabe trägt den Titel „Letzte Sommer“ und ist von 1998.

  • Das Setup

Edward John Trelawny ist lebenslustiger Engländer und mit einem Privateinkommen ausgestattet, das ihm Reisen auf den Kontinent ermöglicht. Es ist das Frühjahr 1821. In Lausanne besucht er regelmäßig eine Buchhandlung. Der Buchhändler schwärmt von einem jungen englischen Dichter namens Percy Bysshe Shelley. Wochen später in Genf begegnet Trelawny einem Vetter Shelleys. Durch einen weiteren Bekannten, Williams, kommt schließlich der Kontakt mit Shelley zustande. Eine weite Reise durch Europa führt Trelawny schließlich 1822 nach Pisa. (Anmerkung – es ist die gleiche Zeit, zu der in Russland Puschkins „Dubrowski“ zum Räuber wird)

  • Die Geschichte

Gleich am Tag seiner Ankunft in Pisa begibt sich Trelawny in die Tre Palazzi. Dort wohnen Shelley und Williams, der Freund aus Genfer Tagen, mit ihren Frauen. Als er den knabenhaft wirkenden Shelley zum ersten Mal trifft, kann er nicht glauben, dass dieser Jüngling Schriften verfasste, wegen deren „antichristlichem Inhalt“ er gemieden wird wie die „pestilenzische Krankheit“. Shelley ist ein Energiebündel und kennt nur drei Aktivitäten, er liest, schreibt oder schläft. Alles drei macht er auch gerne am Wasser. Dann ist er unauffindbar, woran sich aber alle schnell gewöhnt haben.

Am nächsten Tag gehen Shelley und Trelawny zu Lord Byron, der mit großer Equipage ebenfalls in Pisa lebt. Zu dritt reiten sie aus, vespern Wein und Kuchen, ballern mit Pistolen auf Münzen und Rohre und reiten wieder zurück. Überhaupt sind sie oft zu Pferde unterwegs. Schwimmen geht nicht, zum Leidwesen Trelawnys. Der war nämlich bei der Marine und ist ein leidenschaftlicher Schwimmer. Byrons Beine neigen zu Krämpfen und Zuckungen. Shelley kann gar nicht schwimmen. Byron hat außerdem Angst davor, dick zu werden und hungert viel. Byron ist misstrauisch gegenüber jedem und in Gesellschaft unausstehlich. Andererseits gilt er als unbedacht, sorglos und durch einen  frischen Geist leicht zu beeinflussen.

Shelley und Trelawny reiten nach Livorno, um Geschäfte zu erledigen. Sie unterhalten sich über Philosophie und Literatur. Trelawny vertritt den Standpunkt, dass die Vernunft und mit ihr die Wissenschaft die Erkenntnis zu neuen Höhen führen wird. Shelley hingegen hält die Vernunft für „von den Priestern verschüttet.“ Nur die kultivierte List und die Leidenschaften gewinnen die Oberhand.

Aus reiner Neugier gehen die beiden in Livorno zuerst an Bord eines griechischen Schiffes und anschließend an Bord eine amerikanischen Schiffes. Sie vergleichen die Schiffe und mit ihnen die Charaktere der beiden Völker in einem höchst unterhaltsamen Dialog.

Auf dem Rückritt (sagt man so?) beschließen die beiden, eine kleine Kolonie in der Bucht von La Spezia zu gründen. Es gelingt, die Herren Williams und Byron dafür zu begeistern. Williams kommt gleich mit, Byron bleibt jedoch in Pisa und will später nachkommen. Diese Zögerlichkeit wird ihm das Leben retten.

  • Pause

Zum Blick auf die Karte gibt es Cafe au Lait. Trelawny schätzt ihn bei seinen regelmäßigen Frühstücksgesprächen am Genfer See.

  • Weiter

In La Spezia beziehen sie einen kleinen verlassenen Palast, die Villa Magna. Sie geben den Bau zweier Boote in Auftrag. Die „Don Juan“ ist früher fertig und gehört Williams, die „Bolivar“ gehört Byron. Beide Schiffe werden mit Personal bestückt, die Herren Engländer schippern also nicht selbst.

Eines Tages wird Besuch aus Genua erwartet. Shelley möchte mit dem Schiff auslaufen, um Fische für das Gastmahl zu fangen. Er kehrt zurück, nackt und durchnässt und durchquert die Räume, wo der Besuch mit empörter Miene hinguckt. Die Episode veranschaulicht, wie unkonventionell sich Shelley stets verhielt.

Am 8. Juli 1822 fahren alle Mann mit beiden Schiffen nach Livorno. Schlechtes Wetter zieht auf. Die „Bolivar“ mit Trelawny an Bord wird von der Hafenpolizei angehalten und wegen fehlender Papiere am Auslaufen gehindert. Als das Gewitter verzogen ist, fehlt die „Don Juan“. Drei Tage später werden die Leichen von Shelley und Williams am Strand gefunden. Sie werden notdürftig im Sand vergraben, damit sie nicht weiter verwesen. Im August wurde werden sie dann im Beisein von diversen italienischen Beamten verbrannt. Der erforderliche Papierkram wie auch der Vorgang des Ausgrabens und Verbrennens wird sehr genau beobachtet und mit vielen physischen – und auf den Leser morbide wirkenden – Details geschildert.

Die späteren Untersuchungen des Schiffswracks ergeben, dass das Schiff von einer Feluke gerammt worden sein muss. Ein noch späterer Briefwechsel kommt zu dem Schluss, dass dies absichtlich geschah.

  • Anmerkungen

Dramatisch in der Handlung, tiefsinnig in der Dialogführung. Das Buch ist alles andere als ein Reisebericht, obgleich es Trelawnys Hobby war, durch Europa zu reisen. Sein Interesse galt einzig den beiden Dichtern. Deswegen tauchen die allgemeinen Sehenswürdigkeiten Pisas nicht auf. Das Buch ist ein eher Psychogramm und gibt einen kurzen Überblick über den Zeitgeist, der von der romantischen Dichtung geprägt war. Auch in England. Die Fortsetzung des Buches führt Byron und Trelawny nach Griechenland, wo sie am Freiheitskampf teilnehmen. Shelleys Witwe übrigens machte später noch auf sich aufmerksam. Sie ist die Autorin des Romans „Frankenstein“.

http://en.wikipedia.org/wiki/Edward_John_Trelawney

http://www.rc.umd.edu/reference/misc/shelleysites/italy/gulfofspezia/gulfofspezia.html

http://www.rc.umd.edu/reference/misc/shelleysites/italy/pisa/pisa.html

Sewastopol im Dezember 1854. Tolstoi.

Der Text ist eine Miniatur, die Reklamausgabe von 1992 packt ihn gerade mal in 20 Seiten. Tolstoi schrieb „Sewastopol im Dezember“ als Teil der Sewastopoler Erzählungen. Grundlage waren seine Erlebnisse im Dezember 1854, als Sewastopol während des Krimkrieges von französischen und englischen Truppen belagert wurde. Die Ereignisgeschichte ist allenthalben nachzulesen. Die Erzählung ist ein sehr spezieller eintägiger Stadtrundgang. Beginnend um 8 Uhr morgens zieht der Autor von Ort zu Ort innerhalb der belagerten Stadt und nimmt den Leser auf eine sehr beeindruckende Weise mit.

Die Stadt bietet in diesen Kriegsmonaten eine „seltsame Vermischung städtischen Treibens mit dem Lagerleben“. Am Hafen geht es laut zu. Es mengen sich Matrosen mit Hafenarbeitern und Menschen, die Leichen abtransportieren. Tolstoi legt zu einer kurzen Bootsfahrt ab, die ihn an vertäuten Schiffen vorbei zur Grafskaja führt. Dort geht er an dem Gewimmel von Menschen vorüber zur alten „Adelsversammlung“. Sie ist zu einem Lazarett umfunktioniert. Er besucht die Krankenstation, wo er mit Verwundeten spricht, die auf ihre Heilung hoffen. Gleich nebenan ist der Operationssaal, in dem Ärzte dem „wohltätigen Werk des Amputierens“ nachgehen. Etliche Soldaten reden mit Stolz von der „vierten Bastion“.

Also entscheidet sich Tolstoi dafür, diese Bastion zu besuchen. Auf dem Weg dorthin – bei leichtem Nieselregen – geht er zunächst an der Kirche und der Barrikade vorbei in den belebtesten Teil der Stadt. Händler, elegante Offiziere und Frauen mit Hüten erwecken den Eindruck von Normalität. Er kehrt in ein Wirtshaus ein, hört den Soldaten zu. Er setzt seinen Rundgang fort, passiert verlassene Häuser, danach zerstörte Häuser, danach Trümmerhaufen aus Stein und Brettern und schließlich wassergefüllte Trichter. Schließlich steht er in der „Janowschen Redoute“, einer Art Vorposten, von dort geht es weiter durch Laufgräben, bis er in der Bastion ankommt. Er beobachtet Soldaten bei allen ihren Arbeiten, die meist Warten oder Bereithalten sind. Aus der Bastion kann er nicht in die Ferne schauen, „ob der der vielen umherschwirrenden Kanonenkugeln“. Dann beschreibt Kugeln von Kanonen und Mörsern, die um ihn herum fliegen und in der Bastion einschlagen.

Am Nachmittag geht er in die Stadt zurück. Er gesteht, von der Technik der Verteidigung nichts verstanden zu haben, doch aus den Augen der Matrosen gewann er die Überzeugung, dass Sewastopol nicht fallen wird. Der Abend senkt sich. Auf dem Boulevard spielt eine Militärkapelle einen Walzer.

Tolstoi nimmt den Leser mit auf einen eindringlich geschilderten Stadtrundgang durch eine vom Krieg geschundene Stadt. Es ist aber auch ein Dokument über Menschen, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Das Wort „Seelenstärke“ taucht ein paar Mal auf, eine Eigenschaft, vor der sich Tolstoi sich nur verneigen kann. Die realisitische Schilderung des Lazaretts ist eine besondere Leistung. Der Höhepunkt des Textes ist für mich die von allen Sinnen geschärfte Beschreibung umherfliegender Kugeln.

Die Erzählung gilt als Beginn der Kriegsberichterstattung. Die handlungstreibenden Dialoge, die scharfsinnigen und detailversessenen Beobachtungen machen den Text jedoch auch zu einer besonderen erzählerischen Leistung.