Die Middle Passage 1830. „Die Überfahrt“ von Charles Johnson

Charles Johnson (geb. 1948) ist ein amerikanischer Karikaturist und Schriftsteller. 1990 schrieb er den Roman „Middle Passage“. Im gleichen Jahr erhielt er den National Book Award.

Die Übersetzung von Martin Hielscher heißt „Die Überfahrt“. Suhrkamp TB, 255 Seiten. Es ist übrigens eine wundervolle Übersetzung, denn das Buch steckt voller Spott, Ironie und Humor, die der Übersetzer ins Deutsche transportiert hat.

  • In einem Satz

Mann flieht vor Frau und Gläubigern auf ein Segelschiff.

  • Die Middle Passage

Die Middle Passage ist eine Schiffsroute zwischen der Karibik und Afrika. Über 200 Jahre lang wurde sie von Schiffen befahren, die Sklaven aus Afrika in die Karibik verfrachteten. Die Segler nutzten die Süd-Ost-Passatwinde, um vor allem in den Sommermonaten zügig den Atlantik zu überqueren.

Das Buch spielt im Sommer des Jahres 1830. Der Handel mit Sklaven ist in der Neuen Welt verboten. Jedoch nicht die Sklaverei selbst. Und so fahren immer noch Schiffe auf der Middle Passage hin und her und transportieren Sklaven, die sie nun in die Neue Welt einschmuggeln.

  • wie geht’s los

Die Hauptfigur des Buches ist der schwarze Gelegenheitsarbeiter Rutherford Calhoun. Er lebt in Makanda im Süden von Illinois. Dort rückt ihm eine schwarze Lehrerin namens Isadora derart auf die Pelle, dass es ihm zuviel wird. Rutherford flieht nach New Orleans. In New Orleans schlägt er sich als Tagedieb durch und häuft in kurzer Zeit eine Menge Schulden an. Sein Hauptgläubiger ist ein Mann namens „Papa Zeringue“. „Papa“ ist die schwarze Unterweltgröße der Stadt und hat seine Finger in so ziemlich allen legalen und illegalen Geschäften.

Inzwischen hat Isadora ihren Geliebten bis nach New Orleans gestalkt, „Papa“ aufgesucht und vorgeschlagen, Rutherfords Schulden zu begleichen, sofern er sie heiratet. Eines Tages lässt „Papa“ also Rutherford zu sich holen und macht ihm genau dieses Angebot.

Rutherford ist starr vor Schreck. Erstmal läuft er in die nächste Hafenkneipe, um sich zu betrinken. Neben ihm betrinkt sich gerade ein Schiffskoch namens Squibb. Der hat seinen letzten Tag an Land, bevor er auf die „Republic“ zurück kehrt. In der Nacht schleicht sich auch Rutherford auf das Schiff und versteckt sich unter den Segeln.

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  • Das Schiff

Die „Republic“ ist ein Sklaventransporter auf dem Weg nach Senegambia. Sie transportiert Heu, Whiskey und ein paar andere Sachen. In Senegambia wird der Kapitän (er heißt Ebenezer Falcon) die Fracht gegen 40 Sklaven, gute Felle, Elfenbein, Ochsen, Schafe, Ziegen, Bienenwachs und Gold tauschen. Ebenezer Falcon ist übrigens Kapitän aufgrund seiner Fähigkeit, Geldgeber auf zu treiben, nicht aufgrund seiner Fähigkeiten als Seemann.

  • Hinfahrt

Die Überfahrt ist ein großes Besäufnis. Zunächst von den anderen unbemerkt, gelingt es Rutherford, das Vertrauen des Kapitäns zu gewinnen. In seiner Kajüte entdeckt Rutherford Kisten, die alle möglichen Schätze aus fernen Ländern bergen. Er vermutet, dass der Kapitän eine Art „Dauerauftrag“ hat, seinen Geldgebern wertvolle Objekte mitzubringen, von denen sonst niemand wissen darf.

In Senegambia angekommen, wird das Schiff beladen. Anschließend geht es zurück. Die Stimmung an Bord ist schlecht.

  • Rückfahrt

Das Schiff gerät in einen gewaltigen Sturm. Zunächst wird das Schiff herumgewirbelt, dann taucht es in eine Rinne, die sich zwischen zwei Wellenbergen bildet, die Wellen türmen sich weiter auf, halten stand „als hätte Moses das Rote Meer geteilt“….Die Sonne blieb stehen…Mein Herz setzte aus“ (S. 105). Als die beiden Wellenberge über das Schiff hereinbrechen, spülen sie Menschen und Ladung ins Meer. In der folgenden Nacht beginnt die Mannschaft damit, eine Meuterei zu planen. Es kommt aber nicht dazu: Am Vorabend der geplanten Meuterei meutern statt dessen die Sklaven. Sie lynchen einen Teil der Besatzung. Nur der Kapitän wird eingesperrt, sowie 4 Mann der Besatzung, die sollen das Schiff über das Meer steuern.

  • Die Ökonomie

Falcon ist inzwischen dem Wahnsinn verfallen. Er eröffnet Rutherford, dass das Schiff von drei Geldgebern aus New Orleans finanziert wurde. Ein Baumwollpflanzer aus Georgia sowie 2 Spekulanten aus New Orleans, einer davon Papa Zeringue. Dann erschießt sich der Kapitän. Das Schiff wird eher ziellos in Richtung Karibik gesteuert. Unsachgemäßes Rumfummeln an einer der Bordkanonen führt zu einer gewaltigen Explosion. Das Schiff sinkt. Rutherford schnappt sich das Logbuch, findet sich ansonsten mit seinem Tod ab und wird doch noch – fast bewusstlos – an Bord eines anderen Schiffes gehoben. Der Kapitän des Schiffes stellt dem Geretteten den Eigner vor, der ebenfalls an Bord ist: „Papa Zeringue“.  Rutherford konnte das Logbuch der „Republic“ retten und trägt es immer noch bei sich. Damit erpresst er nun Papa.

  • Happy End

Mit dem Wissen aus dem Logbuch kauft er nun seinerseits Isadora frei, die Zeringue zur Ehe versprochen ist. Papa Zeringue windet sich. Er wußte angeblich nichts von den Sklaven. Er wollte eigentlich nur seine Geschäfte „diversifizieren“, Felle, Reis, Butter importieren, und hatte angeblich keine Ahnung davon, dass der Kapitän auch Sklaven an Bord nahm. Das Logbuch sagt was anderes. Rutherford beschließt, nach Süd-Illinois zurück zu kehren, dort eine Familie samt Farm zu gründen. Da kommt ihm Isadora gerade recht.

Papa lässt ihn und Isadora gehen, Rutherford adoptiert drei Kindersklaven, die das Schiffsunglück ebenfalls überlebt haben, und nimmt auch diese mit sich in sein neues Leben an Land.

  • Bemerkungen

Einerseits laviert der Roman zwischen Abenteuergeschichte und der umrahmenden Love Story hin und her. Andererseits handelt er davon, wie ein naiver Mann durch die Ereignisse auf See erwachsen wird und Verantwortung übernimmt. Etliche wundervolle Beschreibungen, oft voll humorvoller Ironie und manchmal bissig geschrieben machen das Buch zum Lesevergnügen.

Johnson schrieb noch eine Reihe weiterer Romane und Erzählungen. Meines Wissens ist „Die Überfahrt“ sein einziges Werk, das ins Deutsche übersetzt ist. Schade eigentlich.

 

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Eine ungewöhnlicher Road Trip 2015: „Deutschland, Deine Götter“ von Gideon Böss

  • Das Buch

Das Buch „Deutschland, Deine Götter“ des Schriftstellers und Journalisten Gideon Böss hat mich zuerst wegen des Covers fasziniert: Eine Deutschlandkarte in sympathischen Farben mit einigen Bildchen darauf. Der Untertitel „Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern“ deutet auf zwei spannende Themen hin: Reisen und „Glaubensgebäude“. Tropen Sachbuch, 2015, Hardcover.

Auf 398 eng bedruckten Seiten reist der Autor in 26 Kapiteln zu den Kirchen, Tempeln und Hexenhäusern der Republik. Jedes Kapitel steht für eine andere Kirche, Religion oder Glaubensrichtung. Alle Kapitel sind ungefähr gleich lang, und so stehen alle Glaubensrichtungen gleichwertig nebeneinander. Böss beschreibt jede Begegnung in zwei Schwerpunkten: In einem essayistischen Teil erzählt Böss von den Reisen zu denMenschen (oft Führungskräften) und den Gebäuden. Außerdem erklärt Böss die Besonderheiten und Geschichte jeder der Religionen. Das Thema klingt nach einem schwerfälligen Buch, doch wer nun einen schweren Text erwartet, wird angenehm überrascht.

  • Eine Reise…

Böss, Deutschlandreise

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Gideon Böss beschreibt seine Reisen ausführlich. Er reist in erster Linie mit dem Zug. Er beschäftigt sich mit Kopfbahnhöfen (Stuttgart und Frankfurt am Main), die den Charme haben, dass sie hektisches Gedrängel garantieren, auch dann, wenn kaum etwas los ist (S. 334). Er erlebt das Konzept Klimaanlage, das Bahnfahrer bei 31 Grad zum Frieren bringt (S. 155). Er lernt das schöne Wort „Bedarfsbahnhof“, fährt durch Orte in Brandenburg, die nach Isolation und Verlorenheit klingen. Oder nach Bad Camberg, eine Kleinstadt, die inmitten von Kleinstdörfern wie eine Metropole wirkt (S. 61). Er fährt auf dem Weg nach Bad Pyrmont durch Niedersachsen, das so aussieht, „als ob Gott nichts mehr eingefallen wäre“ (S. 126).

Schließlich geht es in die westfälische Provinz nach Hamm, wo ICE geteilt werden und die Busse nach 5 Minuten die beschauliche Innenstadt verlassen. 40 Minuten später gibt es die Haltestelle „Hindutempel“. In Butzbach kommt der Autor nicht umhin, sich mit der Bahnhofspolitik der Bahn zu befassen. Das Bahnhofsgebäude jedenfalls ist verlassen (vielleicht verflucht oder es leben wilde Tiere darin). Produkt (Bahnfahrt) und Marketing (Info-Point) befinden sich an unterschiedlichen Orten innerhalb der Stadt. In Lorsbach schließlich verpasst Böss den letzten Bus des Tages (um 15 Uhr), und die beworbene Nummer des Ruftaxis bietet nur „keinen Anschluss“.

Auf dem Weg in das Städtchen Weißenburg in Brandenburg laden Alleen zum Fahren auf dem Mittelstreifen ein, weil kein Verkehr herrscht. Dafür gibt es wieder Wölfe. Natürliche Feinde haben sie nicht, die wenigen Menschen sind alt und sitzen an Bushaltestellen. Ähnliches – bis auf die Wölfe – gilt für Wurzbach.

Doch das Buch ist kein „Road-Movie“. So etwa in der Mitte des Buches landet Böss in Wittenberg, einem verschlafenen Nest mit ICE-Anschluss (S. 240). Zwar kommt die Reise  dorthin bei dem Thema des Buches nicht unerwartet, doch die Überraschung folgt augenzwinkernd auf dem Fuß: Böss trifft sich dort mit dem katholischen Pfarrer. Und so kommen wir zum eigentlichen Thema des Buches:

  • … zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern

Die Katholische Kirche ist sozusagen der Platzhirsch. Sie hat die meisten Mitglieder und ist verantwortlich für einige der imposantesten Sehenswürdigkeiten des Landes. Und sie bekommt auch nicht mehr Text eingeräumt als die anderen. Natürlich kommt das Thema auf die Managementfehler des Unternehmens Kirche im 16. Jahrhundert. Geographisch führt dieser Weg nach Worms. Heute ziemlich bedeutungslos, war es zur Zeit Luthers einmal geschichtsträchtig. Ein paar Separatisten gründeten was eigenes und kamen damit durch. Die Unterschiede zwischen den beiden Kirchen erklärt Böss in wenigen pointierten Sätzen, die Unterschiede im Verständnis des Abendmahls zum Beispiel anhand einer Handvoll Konfetti.

Überhaupt: Die großen Kirchen haben im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Kontinuität im Abspalten entwickelt.

Auf katholischer Seite gibt es noch die Piusbrüder, eine Abspaltung aufgrund des 2. Vatikanischen Konziles und die „Johannische Kirche“. Die Baptisten und die Quäker sind Abspaltungen der Anglikanischen Kirche (oder zumindest Produkte eines gewissen Machtvauums im 17. Jahrhundert). Baptisten sind heute nach der Katholischen Kirche die größte Kirche in den USA, Quäker brachten es 1947 immerhin zum Friedensnobelpreis.

Dann gibt es ein paar Gruppen, die einen christlichen Kontext nicht verleugnen, zum Beispiel die „Mandäer“ mit ihrer „Hauptstadt“ Nürnberg (taufen im Jordan, erklären aber jeden andern Fluss zum Jordan, was das Reisen billiger und einfacher macht). Oder die Mormonen (Jesu Versuch, es mit einem zweiten Anlauf in Amerika zu versuchen und besser zu machen), die Heilsarmee und die Zeugen Jehovas (viele terminlich zu konkrete Prophezeiungen, aber eine beeindruckende Druckerei im Taunus).

Die Unterschiede zwischen Schiiten und Sunniten werden erklärt, wobei erstere sich von den Sunniten abgespalten haben. Und auch in dieser Provenienz gibt es weitere Gruppen: Lahore-Ahmadiyya, eine Abspaltung der Ahmadiyya. Die von Abdul Baha gegründeten Bahai besucht Böss in ihrem Europazentrum in Hessen und die Aleviten in Frankfurt.

Dann gibt es verschiedene spirituelle Konstrukte ohne persönlichen Gott. Die „Kirche des Fliegenden Spahettimonster“ (hat 150 Mitglieder – oder 100.000, wenn man die Facebook-Likes mitzählt), die „Raelisten“ (verstehen die Weltgeschichte als Interaktion zwischen Aliens und dem Leben auf der Erde) und den Hexenkult „Wicca“, der je nach Blickwinkel seit 1950 oder seit 40.000 Jahren existiert.

In Butzbach treffen wir einen Angehörigen des „Heidentums“, worunter die germanisch-keltischen Naturreligionen zu verstehen sind. Es geht also um Barden, Ovaten und Druiden. Und schließlich die „Osho“, die Überbleibsel der „Baghwan-Religion“ sind.

In Hamm besucht der Autor schließlich den größten Hindu-Tempel Deutschlands, und tatsächlich gelingt es, ein wenig Ordnung in die vielfältige Götterwelt zu bringen.

  • Bemerkungen

Das Buch lohnt sich alleine schon als geschriebenes Road-Movie. Es gibt jedenfalls eine Menge einsamer Gegenden in Deutschland. Doch noch wichtiger scheint mir etwas anderes:

Böss macht schwierige Themen greifbar, und er erzählt unterhaltsam. Er beobachtet jede Gruppe, hört zu, stellt Fragen, läßt die Antworten der Gläubigen stehen. Jede Gruppe steht so gleichberechtigt neben jeder anderen, was auch für die Seitenzahl gilt, die Böss jeder Gruppe widmet.

Er hat bei aller Distanz Sympathie mit den Menschen. Die Lektüre hat mich oft zum Lachen gebracht. Böss schreibt humorvoll, aber ohne billige Gags, die sich bei dem Thema manchmal anbieten würden. Böss akzeptiert Ansichten. Und er vermeidet es, Stellung zu beziehen, um die eine oder andere Gruppe glaubwürdiger darzustellen als die anderen. Er will den Leser nicht in eine bestimmte Richtung lenken.

Das alles ist bei diesem Thema nicht einfach. Gideon Böss gelingt es. So stelle ich mir gute journalistische Arbeit vor. Lesenswert.

Karte 67: Mit Pionieren im Abitibi-Land: „Harricana“ von Bernard Clavel

Bernard Clavel (1923 – 2010) war ein französischer Autor von Abenteuerromanen. Ein Buch aus seiner Reihe „Les Royaumes du Nord“ heißt „Harricana“. Der Harricana ist ein Fluss, der durch Quebec und Ontario nach Norden fließt und in die Hudson Bay mündet. Mit dem Originaltitel ist auch schnell der geographische Bezug gesetzt.

Die deutsche Übersetzung von Barbara und Silke Evers aus dem Jahr 1988 trägt den Titel „Wo der Ahorn Früchte trägt“. Etwas unglücklich, denn um Ahorn geht es nicht.

Ziemlich genau auf halber Strecke zwischen den großen Seen an der Grenze zwischen USA und Kanada und der Hudson Bay liegt der Tamiskamingsee. An seinen Ufern wurde 1879 Weizen entdeckt und seither auf den fruchtbaren Hangterrassen des Sees angebaut. Die Helden des Buches hätten die Gelegenheit gehabt, dort zu siedeln. Sie tun es nicht, sondern ziehen weiter.

Die Helden des Buches sind die Robillards, eine Großfamilie, zwei Ehepaare und ihre Kinder. Dreimal schon zogen sie um, um innerhalb Kanadas ihr Glück zu machen. Sie haben gehört, dass eine Eisenbahn von Westen nach Osten gebaut wird. Auf ihrer Strecke muss sie auch den Harricana überqueren. Die Robillards verknüpfen mit diesen Informationen die Hoffnung, dass an der Brücke eine neue Stadt entsteht, wo sie „ihren Traum von einer sicheren Existenz verwirklichen“ wollen (S. 151). Sie planen in der noch entstehenden Stadt einen „Gemischtwarenladen“. Autor und Leser begleiten die Robillards genau ein Jahr lang. Die Geschichte spielt in einem ungenannten Jahr zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Reise:

Sie beginnen ihre Reise im September in der Nähe des Tamiskamingsees. Von dort geht es zunächst zu Fuß auf einem kleinen Weg entlang des Riviere des Quinze. Der heißt so, weil er fünfzehn Stromschnellen hat. Nach ein paar Meilen warten einige Indianer mit ihren Lastenkanus. Die Robillards verladen ihre Habe und fahren los: Zunächst flussaufwärts in den Lac des Quinzes. Dann in den nördlichen Teil des Lac Expanse, wo der Ottawa-Fluß in den See mündet. Sie fahren den Ottawa weiter flussaufwärts. Am Zusammenfluss des Ottawa mit dem Kinojevis streckt sich der Ottawa nach Westen. Die Robillards wollen nach Norden und fahren den Kinojevis hinauf.

Nach 10 Meilen verlassen sie den Fluß, gehen über einen Hügel zu einem kleinen See, dann weiter zum Lac Vaudray. Dann kommen die ersten Flüsse, die nach Norden in die Abitibi-Ebene fließen. (Abitibi bedeutet in der Sprache der Algonkin-Indianer „Grenzwasser“). Unsere Reisenden erreichen den Kakake-Fluss, ziehen weiter zum Kewagama-See und am Seal’s Home See vorbei. Irgendwann liegt der Harricana vor ihnen, der mit seinen tonhaltigen Fluten in einem großen Bogen durch Ontario hindurch der Hudson Bay zustrebt.

Die Geschichte der Siedlung an der Brücke

Zwei Brückenbauingenieure empfangen die Robillards. Es entsteht schnell eine enge Freundschaft, vor allen Dingen, weil alle der Familie Robillards sehr geschickte Handwerker sind. Catherine Robillard wäscht den Bauarbeitern ihre Hemden, bessert sie aus, und bald entsteht auch ein Handel mit Kleidern. Die Ware kommt meist per Ochsenkarren aus Cochrane.

Der strenge Winter nimmt den Robillards ihren Sohn.  Die Tragödie festigt die Freundschaften im Dorf noch mehr.

Der Nachfrage folgend werden die Robillards dann noch Schuhmacher und Korbflechter. Stück für Stück entsteht ein Ort um die Brücke herum. Häuser werden gebaut, ein Bahnhof, eine Kirche. Und der Gemischtwarenladen der Robillards floriert. Der folgende Sommer hat es in sich. Die Eisenbahnlinie wird fertig. Von Osten wie von Westen (von Quebec und von Cochrane kommend) nähern sich Bautrupps der Brücke. Und schließlich vereinen sie die beiden Streckenteile an der Brücke. Ein gewaltiges Fest wird gefeiert, täglich fahren zwei Züge über die Brücke und durch den Ort. Die Bautrupps wie auch die Feierlichkeiten sind gut für’s Geschäft der Robillards, die langsam zu bescheidenem Reichtum kommen. Die Ware kommt jetzt per Güterwaggon aus Cochrane.

Eines Tages wird der Ort und auch die Brücke durch ein Feuer zerstört. Einige Bewohner werden Opfer der Flammen, darunter auch Alban Robillard, das Familienoberhaupt. Viele der Arbeiter ziehen weiter zu der nächsten Baustelle. Die Robillards beschließen, am Ort zu bleiben.

Noch einmal zur Geographie

Das Buch reist einmal durch die Jahreszeiten. Die Reise beginnt im September mit seinen Stürmen, für die sich glitzernde Nächte mit bleischwarzen abwechselten. „Goldfarben stieg das Licht zum violetten Horizont auf“ (S. 80)

Dann die Zeit, wo „Wasser und Land zu einem gewaltigen Panzer zusammen gewachsen waren, den der Winter geschmiedet hatte“ (166). Nirgends ist der Winter so hart wie hier, es herrschten bis zu  minus 60 Grad Celsius. Zuweilen hörte man das Bersten und Krachen von Bäumen.

Aber kein Winter dauert ewig, Eines Tages im Februar hörte man, wie das Eis auf den Flüssen mit ohrenbetäubendem Lärm zerbarst. Packeis mit „jadegrünen Bruchstellen“ bedeckte den Fluss. Das Frühjahr zieht herauf, in dem Schwärme von Mücken die Arbeiter, Elche und Karibus bei ihren Verrichtungen behindern. Und schließlich der Sommer, in dem ein glühende Hitze tagelang windlos über dem Wald liegt.

Bemerkungen

Negativ:

Die Robillards kommen quasi aus dem Nichts. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn da nicht die saloppe Bemerkung des Autors wäre, dass sie zum vierten Mal umsiedeln. Der Leser erfährt nicht mehr darüber. Schade, denn die Gründe für die vielen Umzüge können auch einiges über den Charakter der Leute aussagen. Außerdem schreibt Clavel manchmal zu sehr im „Schlaumeiermodus“. Beim Anblick der Natur reflektiert der Autor (nicht etwa eine Romanfigur) öfter mal deren Jahrmillionen alte Geschichte.

Positiv:
Clavel gelingen immer wieder atemberaubende Naturbeschreibungen. Egal, ob Sommer oder Winter, ob am Fluß oder im Wald. Er beobachtet sehr genau den Himmel, und man erfährt vieles über die Windverhältnisse in Kanada, über Wolken und Vögel. Dramatisch ist die Szene, in der eine Elchherde an der Lagerstelle vorüberzieht. Das Buch ist immer dann stark, wenn die Handlung aus der kleinen Welt der Robillards und ihren Sehnsüchten heraus weiter geführt wird.

Karte # 58: – „Ein Winter auf Majorca“ von George Sand

Wenn’s denn nötig ist, darüber zu sprechen: Ich habe zweijähriges Blogjubiläum. Meine Güte verging die Zeit schnell. Seither hat sich der Blog anders entwickelt als ich erwartet habe. Und Spass machte es bisher obendrein. Deswegen ein kurzer Dank an alle, die geguckt, geklickt, gelesen und kommentiert haben.

Zum Jubiläum habe ich den allerersten Beitrag, den ich für den Blog schrieb, überarbeitet und runderneuert.

Los ging es damals mit einem Klassiker der Reiseliteratur:

George Sand (deren bürgerlicher Name nicht ganz poesieavers  Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil lautet) war eine französische Schriftstellerin. Sie überwinterte 1838 / 1839 auf Mallorca. Mit dabei waren ihre beiden Kinder Maurice und Solange und ihr Freund. Letzterer war Frederik Chopin, der im Buch nie namentlich erwähnt wird, sondern stets als „unser Kranker“.

  • Das Buch

Einen Reisebericht hatte George Sand zunächst gar nicht geplant. Jahre später besuchte und beschrieb der Maler  J.B. Laurens die Insel Mallorca auf einer Kunstreise. „Un hiver a Majorque“ ist als Kommentar und als eine Art Antwortbuch zu Laurens‘ Reisebeschreibung gedacht. 1845 wurde „Un Hiver a Majorque“ erstmals veröffentlicht. Zuvor versuchten 40 mallorquinische Advokaten, die Veröffentlichung zu verhindern. Dazu später mehr.

Ich habe eine deutsche Übersetzung eines Dr. Elsner aus dem Jahr 1846 in einer Ausgabe  aus Palma, ca. 1974. Vermutlich die „Touristenauflage“, die man kaufte, um nicht nur Nippes nach Hause zu bringen.

Das Buch dreht sich in drei Teilen und 198 Seiten rund um die Insel. In Teil 1 lernt der Leser die geographischen, ökonomischen und kulturellen Besonderheiten kennen. Teil 2 beschreibt einige Stadtrundgänge durch Palma. Im dritten Teil wird das Leben in Valldemosa beschrieben. Auch hier geht es um Kultur und Geschichte, es kehrt jedoch eine wohltuende Leichtigkeit in den Text ein.

  • Ankunft in Palma

Im ersten Teil beschreibt Sand die Ankunft auf der Insel im Herbst 1838 und die ersten Schritte, sich mit Land und Leuten vertraut zu machen. Nach der Ankunft in Palma stellt sie fest, dass es nur wenige – und heruntergewirtschaftete – Unterkünfte gibt. Nach kurzem Intermezzo direkt in Palma mieten die Reisenden eine Villa in Establiments, einem nördlich gelegenen Vorort.

 

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  • Obst und Schweine

Die geographischen Artikel erzählen von der schlechten Infrastruktur und davon, dass die Mallorquiner den fruchtbaren Boden mit einfachen Mitteln bebauen müssen, damit aber ganz gut klarkommen. Das Getreide ist fein und wird nach Barcelona exportiert. Olivenbäume tragen reichlich, die Früchte werden in Spanien jedoch zu schlechten Preisen verkauft, weil das Angebot zu groß ist. Außerdem gibt es Feigen, Orangen (bei dem Dorf Soller), Mandeln und Zitronen „groß wie Kindsköpfe“ (bei La Granja).

Anschließend erzählt Sand von Mallorcas neuem Reichtum. Die Regierung in Madrid erlaubte es der sonst restriktiv beherrschten Insel, Schweine zu züchten und auf das Festland zu exportieren. Also wurde die komplette Infrastruktur auf die Zucht und den Transport von Schweinen eingerichtet. Dies führte zu etlichen amüsanten Situationen, so als auf einem Passagierschiff die Passagiere den Schweinen weichen mussten. Diese ausführliche Schilderung der mallorquinischen Schweinezucht ist das Kapitel, welches das Buch zum Skandal machte und die Advokaten auf den Plan rief.

Es folgen noch zwei poetische Kapitel, in denen Sand die wildromantische Natur und den Reichtum an unterschiedlichsten Geräuschen schildert.

  • Noch einmal Palma

Der zweite Teil des Buches beschreibt die Sehenswürdigkeiten Palmas. „Der Charakter eines Volkes offenbart sich in Costümen und Ameublement“, und deswegen wird nochmals das Innenleben der Villen beschrieben. Die Börse, die Kathedrale werden besichtigt, wie auch der Palacio Real und die große Bibliothek. Sie schlendert durch die Ruinen des Dominikanerklosters. Sand steht dabei unter dem Eindruck der Zerstörungen, die 1836 – zwei Jahre zuvor – im Rahmen einer Säkularisationswelle Mallorca heimsuchten. Das Kapitel ist entsprechend schwermütig. Sand zitiert einen Erlass aus dem Jahr 1836. Mit diesem Erlass wurden alle Klöster mit weniger als 12 Mönchen säkularisiert, etliche auch zerstört. Die Autorin geht intensiv darauf ein.

Die Geister zweier Mönche wandern durch das Inquisitionskloster und unterhalten sich über Kunst und Religion. Schließlich berichtet Sand über die grausamen Verbrechen der majorquinischen Inquisition. Es folgt nochmal ein kleiner Bericht über die Geschichte des Dominikanerklosters. Sie begibt sich dabei auf Spurensuche nach Vorfahren Napoleons großmütterlicherseits, deren Wappen auf der Insel anzutreffen ist.

  • Valldemossa

Der Zustand „unseres Kranken“ veranlasst sie dazu, Establiments zu verlassen und eine neue Unterkunft im Kartäuserkloster von Valldemossa zu finden. Der dritte und letzte Teil des Buches handelt von der Zeit dort. Es gibt unterhaltsame Begegnungen mit den Bauern am Ort, einige arme Bewohner treiben sich regelmäßig im Kloster herum. Einmal feiern alle Einwohner des Ortes – reiche und arme – den Aschermittwoch mit lauter Musik, Geschrei und Vogelmasken. Es folgen ein paar Spaziergänge an die Küste.

Den Rundgang durch das Kloster schmückt die Autorin mit zwei erfundenen Figuren, einem Mönch aus dem Mittelalter und einem zeitgenössischen Mönch. Eine kurzer Abriss der Geschichte christlicher Mission in  Mallorca folgt. Da darf natürlich auch Catalina Tomas nicht fehlen, die einzige Heilige Mallorcas. Sie lebte ebenfalls in Valldemosa, starb dort 1572, wurde 1792 selig und später heilig gesprochen. Anschließend geht es ums Essen, das aus 2000 Schweinefleischgerichten und ca. 200 Sorten Würsten bestand. Das meiste schmeckte so übel, dass die Reisenden sich später hauptsächlich von Trauben ernährten.

Nach der Heimreise wurde Chopin rasch wieder gesund.

Das Buch steckt voller Überraschungen. Sachliche Rundgänge, historische Abhandlungen, poetische Artikel, Witziges und Schwerfälliges wechseln sich ab. Unterhaltsam.

Was sonst geschah

1847 trennten sich Sand und Chopin, zwei Jahre vor dem Tod des Komponisten.

George Sand starb 1876 auf ihrem Familiensitz in Nohant. Nohant ist heute ein Kulturzentrum, das der französischen Denkmalbehörde gehört.

La Granja ist heute ein Freilichtmusuem.

Das Originalmanuskript des Buches befindet sich im Kloster Valldemosa

China und Japan 1896 – 1899: „Franz Urbig – aus dem Leben eines deutschen Bankiers“

Heute geht es um eine Biographie, die gleichzeitig ein Stück Wirtschaftsgeschichte darstellt und nach China und Japan Ende des vorletzten Jahrhunderts führt.

  • Das Buch

Franz Urbig lebte von 1864 bis 1944. Er war ab 1889 bei der Disconto-Gesellschaft beschäftigt, damals einer der größten deutschen Banken. Über die Zeit von Beginn seiner Tätigkeit bis 1902 verfasste Urbig eigene Erinnerungen. Neben der Aufzählung seiner Karrierestationen behandelt er darin seine Tätigkeit in Asien. Anlässlich seines 150. Geburtstages wurden diese Erinnerungen mit einem weiter führenden Essay des Historikers Martin L. Müller versehen, mit vielen Originalfotos angereichert und unter dem Titel „Franz Urbig – aus dem Leben eines deutschen Bankiers“ veröffentlicht. Für Hörbuch-Fans liegt noch eine CD bei, besprochen vom Frankfurter Schauspieler Peter Schröder. Erschienen im Selbstverlag der Historischen Gesellschaft der Deutschen Bank.

  • Worum geht’s

China hatte einen gewaltigen Kreditbedarf vor allen Dingen wegen Reparationszahlungen an Japan und wegen des Eisenbahnbaus. China konnte eine erste Anleihe über 16 Millionen britische Pfund in Frankreich platzieren – mit einer russischen Staatsgarantie. Nun wollten Berlin und London vermeiden, dass China noch weiter in russischen Einfluss gleitet, und suchten nach Möglichkeiten, mit China in Geschäft zu kommen. Urbig wurde nach China geschickt, um die Verhandlungen zu führen – und zwar einerseits mit den chinesischen Regierungsstellen und andererseits mit der Hongkong and Shanghai Bank. Diese vertrat die englischen Geldinteressen in China, und sie bildete gleichzeitig den Zugang Chinas zum europäischen Geldmarkt. (Der amerikanische Geldmarkt war zu dieser Zeit noch ohne Bedeutung).

Die Gespräche waren erfolgreich. 1896 wurde eine Anleihe über weitere 16 Mio Pfund begeben. Während der Verhandlungen versuchte der Bevollmächtigte der englischen Seite, Urbig mit kurzfristig eingefügten Vertragsänderungen zu hintergehen. Dass er das rechtzeitig bemerkt hat, erfüllt Urbig mit mehrseitig geäußertem Stolz. Nach diesem Geschäftserfolg macht Urbig erstmal Urlaub. Er besucht 6 Wochen lang Japan. Die Erinnerungen an diese Reise bezeichnet er als die „reizvollsten meines Lebens“.

Franz Urbig - Aus dem Leben eines deutschen Bankiers
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StepMap Franz Urbig - Aus dem Leben eines deutschen Bankiers


  • Nagasaki – Yumoto – Kioto (1896)

Der Weg begann in Nagasaki, „das einen der schönsten Häfen hat“, dann durch die japanische Inlandsee über Kobe und Yokohama und Tokio nach Nikko. Die Tempelstadt liegt in über 1000 Metern Höhe an einem bewaldeten und fischreichen See. Oberhalb Nikkos liegt Yumoto, ein viel besuchtes Schwefelbad. Der Rückweg führte über Nagoya, damals eine Garnisonstadt in der Provinz mit gerade mal einem Hotel, noch dazu einem minderwertigen. Weiter ging es nach Kyoto. An beiden Ufern eines Flusses gelegen, macht es einen wohlhabenden Eindruck. Die Teehäuser sind voll, und die Dienerinnen bewegen sich mit übervollen Tabletts durch die Menge. Gereicht werden Getränke und unendlich viele Kürbisschnitten. Kioto hinterließ bei Urbig den stärksten Eindruck, auch wegen seines Eindrucks „großstädtischer Wohlhabenheit“. Anschließend kehrt Urbig nach Shanghai zurück und reist über Calcutta zurück nach Europa.

  • chinesische Eisenbahnprojekte

Für die Verhandlungen über eine weitere Anleihe ging Urbig 1898 wieder nach Shanghai. Diesmal geht es um die Finanzierung des Eisenbahnbaus in China. Nun überstürzen sich die Ereignisse: Eine gemeinsame deutsch-englische Gesellschaft plant einen Eisenbahnbau von Shanghai nach Nanking, den Yangtze entlang (Bahn 1). Doch die Engländer schnappen sich das Geschäft alleine. Deutschland sucht nach Alternativen. Der Plan (2), eine Bahn von Tientsin nach Nanking zu bauen, scheitert an den Chinesen, die von der Bahn nicht überzeugt sind. Schließlich wird ein deutsches Projekt von Tsingtau nach Jinan begonnen (3). Urbig ist von der ganzen Situation nicht erbaut.

  • Mijanoshita (1899)

Auch das Wetter ist schwer erträglich, und so freut sich Urbig auf einen erneuten Japanurlaub im Juni 1899. Diesmal fuhr er über Yokohama. Von da aus ging es 600 Meter in die Höhe nach Mijanoshita, ein Onsen in der Nähe des Hakone-Sees. Ein Onsen ist in Japan ein Ort mit Hotels und heißen Quellen. Auch Mijanoshita verdankt seine Entstehung den heißen Quellen. Eigentlich ist es nichtmal ein Ort, sondern eine Art Hotel-Dorf. Dicht beieinander liegende Quellen liefern kaltes und 40 Grad heißes Wasser. Beides wurde durch ein Badehaus geleitet. Das Wasser wirkt zunächst schwächend, mit zunehmendem Aufenthalt aber stärkend auf die Nerven.

An einigen Stellen war die Erdoberfläche kochend heiß. Vom Hoteldorf aus wandert man über eine „von vielen und großen Schmetterlingen belebte“ Höhenlandschaft bis an den Stillen Ozean und dann hinab zu Buchten mit weiß schäumender Brandung und verstreuten Häusern. Kurz darauf kehrt Urbig wieder nach Europa zurück, zunächst nach London. Später geht er für kurze Zeit ein drittes Mal nach China, wo sich die Stimmung ab 1900 gegen die europäischen Mächte wendet, „in der gefährlichen Weise des Boxeraufstandes“. Im Jahr 1902 wird Urbig in den Kreis der persönlich haftenden Gesellschafter der Disconto-Bank gerufen.

  • Bemerkungen

Das Buch ist ein spannendes Stück Wirtschaftsgeschichte über China um die vorletzte Jahrhundertwende, als die Großmächte um ihren Einfluss in China rangen. Alles aus erster Hand und sehr persönlich erzählt. Die Reiseerinnerungen nehmen innerhalb des Buches nur einen kleinen Teil ein, vor allen Dingen fehlen mir Hinweise darüber, wie, mit welchen Mitteln und auf welchen Wegen man unterwegs war. Die Schilderungen Urbigs sind jedoch allemal eindrucksvoll.

  • Was sonst noch geschah

Urbig wohnte seit 1912 in einer Villa, die Mies van der Rohe baute. 1944 starb er dort. Kurze Zeit später zog Churchill dort ein, um an der Konferenz von Potsdam teilzunehmen. Die Disconto-Gesellschaft fusionierte 1929 mit der Deutschen Bank.

Sven Hedin – Wildes Heiliges Tibet

Sven Hedins Berichte über seine Reisen nach Asien sind Klassiker. Meine Neugier war entsprechend groß, als mir die Kisten das Buch „Wildes heiliges Tibet“ zugelost haben. Es ist ein Reclamband mit 76 Seiten. Bisher habe ich auch aus editorischer Sicht recht gute Erfahrungen mit den Reclamheften gemacht. Also erstmal nach dem Vorwort geblättert- da ist nichts. Der Text von Sven Hedin beginnt, der Text hört auf, und mehr ist einfach nicht zwischen den Buchdeckeln. Aus editorischer Sicht enttäuschend. (Dass Reclam das besser machen kann, haben sie bei Tolstoi und Cicero gezeigt)

Dafür aber sind Zeichnungen des Verfassers abgedruckt. Charakterköpfe, dramatische Reiterszenen und beeindruckende Gebäudeskizzen wechseln sich ab.

  • Aufbruch nach Tibet (blaue Strecke)

Der Text selbst beginnt mit einem kurzen historischen Abriss bisheriger  Tibetreisen, besonders von Przewalski (der mit dem gleichnamigen Pferd). Die besprochene Exkursion beginnt dann im August 1896. Hedin muss den Text – oder zumindest den Anfang – ca. 1928 verfasst haben, denn er verweist auf das Rätsel von Lob-Nor, das erst dann gelöst wurde.

Jetzt aber: Esel, Pferde und Kamele gesattelt, und los geht es. Von Kashgar aus – dort war Hedin schon auf früheren Reisen – zieht man erstmal nach Khotan. Die Karawane besteht zunächst aus 54 Tieren, dazu kommen 17 einheimische Helfer, sowie zwei Vertraute, besonders Islam Baj. Der ist Karawanenführer, also sowas wie der Organisationsleiter des Trupps. Hedin selbst reitet am Ende, macht Zeichnungen, sammelt Gestein, und schreibt. Dann geht es von West nach Ost am Nordrand Tibets entlang.

Die Gegend ist unwirtlich. Bereits seit August sind Flüsse und Seen zugefroren, es leben wenige Menschen dort, und man begegnet Antilopen und wilden Yakherden. Zwischen dem Gebirge Arka-Tag im Süden und Wüste im Norden reiten sie durch Gegenden mit stachligem Gebüsch und Tamariskensteppen. Sandstürme bei Temperaturen von – 20 Grad und mehr machen das ganze sehr ungemütlich, abends sitzt man am Feuer und trinkt Tee und gegorene Stutenmilch. Die wenigen Menschen der Gegend sind leicht in zwei Gruppen zu teilen: Nomadenhirten und Räuberbanden. Sich gegen die Banden zu schützen oder wehren, nimmt denn auch einen größeren Raum in der Erzählung ein.

In einem Dorf irgendwo in der Steppe benötigt die Karawane neue Tiere, die Karawane ist auf 7 Tiere geschrumpft. Wie, das erfährt man nicht. Wenn man bedenkt, dass der Verlust von Tieren in solch einer Gegend dramatische Konsequenzen haben kann, denkt sich der Leser, dass da ein Textstück fehlt.

Weiter dann zum Kuku-Nor, dem schwarzen See, dem größten See Chinas, auf 3000 Metern Höhe. Hedin erzählt eine Geschichte, die er von Nomaden gehört hat. In der Mitte des Sees würden einige Mönche in völliger Abgeschiedenheit leben. Sie würden nur Vorräte bekommen, wenn Abgesandte anderer Klöster im Winter übers den gefrorenen See zu ihnen pilgerten.

  • Taschilhunpo (roter Knopf)

Ein neues Kapitel beginnt in Taschi-Lunpo. Es ist der 11. Februar. Der Leser denkt zunächst, es sei die Fortsetzung dessen, was bis dahin geschrieben ist. Taschi-Lunpo ist eine Klosterstadt. Aus allen Gegenden Tibets haben sich Menschen zum Neujahrsfest versammelt. Es wird 15 Tage dauern. Buntes Treiben herrscht, Festtagsstimmung. Zum ersten Mal nimmt ein Europäer an dem Fest teil. Während des Festes bekommt Hedin auch die Möglichkeit, den Taschi-Lama zu besuchen.

Das Gespräch dreht sich um große Politik. Der Lama möchte alles über Rußland, England und andere Mächte wissen. Es war ist die Zeit dessen, was gerne „The Great Game“ heißt. Da ging es um die Frage, wie die beiden Reiche ihre asiatischen Interessen abgrenzen.

Dann besucht Hedin einige prachtvolle Mausoleen der früheren Lamas. Gleich mehrmals vergleicht er dann die Rolle des Lama direkt mit der des Kirchenstaates, speziell in der Kombination von weltlicher und geistlicher Herrschaft bestehen Gemeinsamkeiten. Am Ende folgen noch das Kapitel „Seltsame Klöster“ und ein kurzer Abschnitt, der sich um das Begräbnis eines eingemauerten Mönches dreht.

  • Bemerkungen

Ich fand das Buch halbherzig, was keinesfalls am Autor, sondern an Reclam liegt. Der Leser denkt sich, dass zeitlich etwas nicht zusammen passt. Entweder wurden in dem Reclamband völlig unabhängige Texte zusammen gefasst, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, von Tibet zu handeln. Oder Hedin hat in den späten 20er Jahren seine „Best of Tibets“ geschrieben. Ein  Vorwort hätte dem Buch gut getan. Ich hätte mir auch noch mehr über die wissenschaftliche Arbeit gewünscht.

Trotzdem: Ich habe das Buch verschlungen, es ist spannend, dramatisch und flott geschrieben. Hedins Berichte sind und bleiben Klassiker. Es gibt sicher bibliophile oder kommentierte Ausgaben, die den Leser besser informieren.

Przewalski

.. und das Pferd dazu

„Das Totenschiff“ von B. Traven

Das Totenschiff Cover

Den Beitrag über „Das Totenschiff“ habe ich vor knapp einem Jahr veröffentlicht. Nun gibt es zu diesem sehr lesenswerten Buch auch die Karte.








Das Totenschiff
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StepMap Das Totenschiff



Der Roman „Das Totenschiff“ des geheimnisumwitterten Schriftstellers B. Traven hat 227 Seiten. Das Buch spielt im Jahr 1926 und handelt in drei Teilen von den sehr speziellen Erlebnissen des amerikanischen Matrosen Gales. Er ist der Ich-Erzähler und hat im Buch keinen Vornamen.

  • Teil 1 spielt an Land.

Gales hat auf dem Frachter „Tuscaloosa“ angeheuert. Ein Landgang in Antwerpen, eine Hafenhure, und schwupps: Er versäumt das Auslaufen seines Schiffes. Ohne Papiere, Geld und Gepäck beginnt für ihn eine Odyssee durch Europa. Die fehlenden Papiere sorgen dafür, dass er überall als Staatenloser angesehen wird. Folglich wird er aus jedem Land in das nächste abgeschoben. Die Polizei Antwerpens zeigt ihm, wie er nach Rotterdam kommt, die niederländische Polizei setzt ihn in einen Zug nach Paris, der dortige amerikanische Konsul glaubt ihm seine Geschichte nicht. Gales muss mit dem Zug weiter über Limoges nach Toulouse. Dort wird er wegen „Eisenbahnbetruges“ (so hieß wohl Schwarzfahren früher) verhaftet. Da er mitbekommen hat, dass Amerikaner schlecht angesehen sind, gibt er sich als Deutscher aus. Er sitzt seine Strafe ab und zieht weiter. Eine Bauernfamilie gibt ihm Unterschlupf. Es entstehen amüsante Dialoge. So muss er seinen Gastgebern in Frankreich einmal von Deutschland erzählen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er sagt, er sei aus Südfalen, „da, wo die Hochöfen sind, in denen Königsberger Klopse geschmolzen werden“. Später will er weiter nach Spanien. Kurz vor der Grenze wird er einer französischen Festungsbesatzung inhaftiert und zum Tode verurteilt.

Er wird von einem französischen Offizier verhört. Seiner Schlagfertigkeit verdankt er es, dass er nach Spanien abgeschoben wird. Gales wird aufgegriffen und mit einer Menge Wein und Käse wieder aufgepäppelt. Von Barcelona aus fährt er später kurz nach Marseille, weil er dachte, dass dort amerikanische Schiffe liegen. Dem war aber nicht so. Enttäuscht geht er wieder zurück nach Spanien, wo er faulenzend zwischen Cadiz und Sevilla pendelt.

Während er nun im Hafen von Cadiz beim Angeln sitzt („Angeln ist gelebte Philosophie“), bemerkt er ein altes Schiff, die „Yorikke“. Sie schrammt am Kai entlang. Sie wurde schon häufig umbenannt und umgeflaggt. Die Mannschaft ist schlecht ernährt. Der Kapitän „ein Esel. Die Yorikke war viel intelligenter als ihr Kapitän.“ Die Mannschaft entdeckt Gales und überredet ihn, mitzufahren. Nach Liverpool.

Ende Teil 1

  • Teil 2 spielt auf See an Bord der „Yorikke“

Die Fahrt auf der „Yorikke“ beginnt konfliktreich. Gales gibt sich nun nicht mehr als Deutscher aus, sondern als Ägypter. Gales nennt sich nun Pippip, wird als Kohlenzieher eingeteilt, erfährt, dass das Schiff nicht nach Liverpool fährt, zumindest nicht jetzt, und Heuer bekommt er erstmal auch nicht. Der Kohlenzieher – er wird auch Kohlenschlepp genannt – muss dem Heizer die Kohle bringen. Mit den Kohlen hält der Heizer die neun Feuer im Schiff auf Flamme. Die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich, 12-Stunden-Schichten als Kohlenzieher, direkt anschließend 4 Stunden Wache und wieder eine lange Schicht als Kohlenzieher. Die Körper der Matrosen sind gezeichnet, die Arme voller Brandwunden, Hautfetzen hängen herab. Die Matrosen waschen sich mit Asche und Sand. Mehrere Kapitel lang beschreibt Traven, wie sein Körper immer mehr zerschunden wird. Er beobachtet seine Kollegen bei ihrer Arbeit, an der sie langsam zerbrechen. Einige sind bereits Toten gleich.

Die „Yorikke“ legt in Marokko an, sie wird mit Kisten voll Pflaumenmus beladen. Gales öffnet eine Kiste und stellt fest, dass in den Musgläsern Munition versteckt ist. Nach und nach findet er heraus, dass das Schiff zum Waffenschmuggel dient. Er freundet sich mit seinem Kohlenzieher-Kollegen an. Stanislaw Koslowski ist in Posen geboren, dann jahrzehntelang auf Schiffen gefahren. Nach dem Weltkrieg wurde Posen polnisch, jedoch hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, zu „optieren“, also aus freien Stücken die deutsche Staatsangehörigkeit zu behalten. Stanislaw war zu dieser Zeit auf See. Als er später einen Pass haben möchte, bekommt er von den deutschen Behörden keinen, da er in ihren Augen Pole ist, von den polnischen Behörden keinen, da er in deren Augen  Deutscher ist. Auf einer deutschen Behörde bekommt er schließlich einen Pass als „Staatenloser“. Damit kann er auf keinem guten Schiff anheuern, da er hierfür eine Staatsangehörigkeit benötigt. Also kam er auf die „Yorikke“. Auf ihr fahren viele Seeleute ohne Pass, die für alle Länder als Tote gelten, und deren Tod niemand bemerken oder betrauern würde. Sie können in keinem Hafen abmustern, denn dazu wären Papiere nötig, die ein Heimatland ausweisen. Das weiß auch der Skipper und enthält den Seeleuten die Heuer vor.

Das Schiff fährt weiter nach Tripolis und dann nach Dakar, wo die Mannschaft tatsächlich an Land gehen darf.

Ende Teil 2

  • Der kurze Teil 3 spielt an Bord der „Empress of Madagascar“

Stanislaw und Gales wollen auf der „Empress of Madagascar“ anheuern, weil sie neu aussieht. Sie erkundigen sich auf anderen Schiffen nach ihr und schnell wird klar, dass das Schiff für einen Versicherungsbetrug benutzt werden soll. Damit wird den beiden klar, dass sie doch besser  nicht auf die „Empress“ gehen. Sie werden jedoch „shanghait“ und landen als Heizer auf dem Schiff. Nach kurzer Zeit läuft die „Empress“ auf ein Riff auf. Teile der Mannschaft – besonders die Offiziere – gehen in die Rettungsboote, ein anderer Teil bleibt an Deck. Eine große Welle reißt die „Empress“ vom Riff los. Stanislaw beginnt zu halluzinieren und springt ins Meer, wo er ertrinkt. Gales gehört zu den wenigen, die gerettet werden.

  • Bemerkungen

Teil 1 ist amüsant und satirisch geschrieben, Teil 2 ist dramatischer und tragischer. Er stellt die Grausamkeit des Schiffes anschaulich dar, die schrecklichen Arbeitsbedingungen, Betrug, aber auch Freundschaft. Wie schon erwähnt, spielt die Handlung im Jahre 1926, der vergangene Erste Weltkrieg ist allgegenwärtig. Die Inflation wird ebenso thematisiert wie die Bildung der Nationalstaaten, die das Phänomen der Staatenlosigkeit nach sich zog. In dem kurzen Teil 3 sinkt das Schiff in einer bildhaften und dramatischen Schilderung.

Eine interessante Fußnote des damaligen Zeitgeistes sind die Anmerkungen Gales‘ über Spanien. Er erlebt dort zum ersten Mal in seinem Leben eine riesige Demonstration. Ursache war der Wunsch der Regierung, ein neues Meldegesetz einzuführen. Der Roman ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur, reicht jedoch weit darüber hinaus. Er ist von politischen und sozialkritischen Noten durchsetzt, die stimmig in die Handlung und die Personen eingebaut wurden.